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Full text of "Jahrbücher des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinlande"

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JAHRBÜCHER 


DES 


VEREINS  VON  ALTERTHUMSFREUNDEN 


IM 


KHEINLANDK 


HEFT  LIU  n.  LIV. 


KT  17  LITHOeiUPfllSTfiN  TAFELN  ÜHD  7  HOLZSCHKITTBK. 


BONN. 

GEDRÜCKT  AÜP^  KOSTEN  DES  VEREINS, 

BONN,  BEI  A.  MARCUS. 
1879. 


Inhaltsverzeichniss. 


L    Geschielite  und  Denkmäler. 

Seite 

1.  Ueber  einige  Bronzebilder  des  Ares.    Hierzu  Taf.  I— XIL     Vom  Prof. 
Dr.  Diltbey  in  Zürich 1 

2.  Die  kunstgeschiobtlichen  Beziehungen  zwischen   dem  Rheinlande  und 
Westfalen.    Vom  Privat-Doc.  Dr.  Nordhoff  in  Münster 48 

3.  Ein  römischer  Fund  in  Bandorf  bei  Oberwinter.  Hierzu  Taf.  XIH  und 
XIY.    Vom  Geh.  Med.-B.  Prof.  Schaaffhansen  in  Bonn    ....     99 

4.  Römische   Inschriften    Yom  Mittelrhein.    Vom   Prof.  Dr.  Becker  in 
Frankfurt .142 

5.  Römische  Alterthüm^r  in  Lothringen.  Vom  Prof.  Dr.  Hüb n er  in  Berlin  169 

6.  Römische  Inschriften  aus  Rohr  bei  Blankenheim  und  Bonn.  Vom  Prof* 
Dr.  Freudenberg  in  Bonn 172 

7.  Alterthümer   am  Oberrhein,    Vom  Oberbibliothekar  Prof.  Brambach 

in  Carlsruhe 188 

8.  Die  an  der  Ost-  und  Nordseite   des  Domes   zu  Köln  entdeckten  Reste 
röm.   und  mittelalt.    Bauten.    I.  Vom  Dombaumeister  Hrn.  Voigt  ei. 

n.  Vom  Prof.  Dr.  Düntzer.  Hierzu  Tafel  XV  und  XVI 199 

9.  Epigraphische  Mittheilungen  aus  Gleve.  I.  Die  Turok'sclie  Chronik.  Vom 
Director  Dr.  Fulda  in  Smgershausen 229 

10.  Zur  Staurologie.  Von  Pastor  Otie  in  Fröhden 253 

11.  Fund  römischer  Eaisermünzen  in  der  Nähe  von  Bonn.  Von  Dr.  Cuny 
Bouvier.    Hierzu  Tafel  XVII,  Fig.  1-4 261 

12.  Zwei  nnedirte Kaiser-Münzen.  Von  F.  van  Vleuten.  Hierzu Tii.  XVH, 
Fig.  5.  6.  . 268 

IL    Litteratnr. 

1.  a)  Histoire  de  la  peinture  au  pays  de  Li^ge  —  parM.  Jules  Hei  big. 
b)  Charles  G6rard,  les  artistes  de  l'Alsace  pendant  le  moyen-4ge. 
T.  I.  Colmar  1872.  c)  Dr.  Rahn,  Geschichte  d.  bild.  Künste  in  der 
Schweiz.  I.  B.  1.  Abth.  Zürich  1873.  Angezeigt  vom  Obertrib.-R.  Dr. 
Schnaase  in  Wiesbaden 271 

2.  Julius  Cäsar  am  Rhein.  Von  Prof.  D  ed  e  r  i  eh.  Angez.  von  Prof.  Fiedler 

in  Wesel 287 

in.    Miscellen. 

1.  Bömisohe  und  germanische  Alterthümer  im  Bergisohen.  Von  F.  W. 
Oli^Bchlager 293 

2.  Zwei  röm.  Inschriften  aus  Alzey.    Von  Reallehrer  Schwabe    .     .     .  295 

3.  Zur  rheinischen  Epigraphik.    Von  Dr.  Kamp 296 

4.  Römischer  Grabstein  in  Jülich.    Von  demselben 296 

5.  Eine  gallische  Goldmünze  aus  Leichlingen.    Von  Dr.  Crecelius  .     .  298 

6.  Rom.  Alterthümer  in  Poppeisdorf.   Von  J«  Freudenberg.     .     ,     .  298 


Seite 

7.  Analyse  eines  röm.  Metallspiegels.    Von  demselben 299 

8.  Röm.  Alterthümer  in  Aachen.    Von  demselben 300 

9.  Röm.  Alterthomsfande   zwischen  Mülheim  a.  d.  R.    und  Witten.    Von 
Hofrath  Essellen 300 

10.  Oefifnnng  des  Grabmals  von  Eginhard  in  Seligenstadt.  Fr.  J.    •     .     .  302 

11.  Aus  2  Vortragen   des  Prof.  Becker  über  den  Taunus  und.  die  Aus- 
grabungen auf  der  Saalburg  bei  Homburg  a.  d.  Höhe      ....  303 

12.  Mittheilungen  des  Hm.  Pfarrer  Grün  in  Betr.  des  Bleisiegels  des  Köln. 
Erzb.  Piligrimus 306 

13.  Antikes  &zffefass  von  Münstermaifeld '.  309 

14.  Röm.  Alterthümer  am  Apollinarisbrunnen 310 

15.  Rathselhafbe  Inschrift   eines    röm.  Salbenfl&schohens  und  Töpfemamen 
aus  Neuss.  Von  J   Freudenberg 310 

16.  Aus  d.  12.  Ber.   d.  ant.-hist.  Ver.   für  Nahe   und   Hunsrüok;   Töpfer- 
inschriften.   Von  J.  Freudenberg ,311 

17.  Röm.  Grabstatten  in  Trier 313 

18.  Die  alte  Burg  in  Honnef.    Vom  Geh.  Med.-R.  Schaaffhau^en     .     .  314 

19.  Manerreste  des  röm.  Gastrums  in  Coblenz.  Von  demselben     .     .     .  314 

20.  Alterthumsfunde  in  Pfalzfeld,  Malberg  and  Hunzel.    Von  demselben  316 

21.  Antiker  Steinblook  in  Coblenz  (Taf.  XVH,  Fig.  6).    Von  demselben  315 

22.  Germanische  Gräber  im  Elsass.    Von  demselben 316 

23.  Germanische  Urnen  aus  Dahlen  (Kr.  Gladbach),  Von  demselben  •  317 

24.  Eine  Abraxas-Plombe.  Taf.  XVII,  Fig.  7.  Von  F.  van  Vleuten   .     .317 

25.  Amulet  mit  griech.  Inschrift.  Taf.  XVII.  Fig.  8.  Von  demselben.     .  318 

26.  Römische  Grabfunde  in  Bonn.  Von  Dr.  Bouvier 319 

27.  Der  röm.  Pfahlgraben  östl.  und  südöstl.  von  Linz.  Von  Dr.  Pohl  .     ,  322 

28.  Fundstätten  röm.  Alterth.  bei  Billig.   Von  demselben 324 

29.  Römische  Baureste  bei  St.  Vith 830 

30.  Mercurius  und  Rosmerta.  Von  0.  Robert 331 

31.  Altdeutsche    Inschrift  in   ünkelbach.    Vom   Geh.   Med.-R.  Schaaff- 
hausen 383 

32.  Röm.  Münze  aus  dem  Bergwerk  von  Call.  Von  demselben  .     .  333 

33.  Der  Genlok  von  ühland 333 

IV. 

Chronik  des  Vereins  fBr  das  Vereinsjahr  1872  (resp.  Pfingsten  1872—73)    .  884 

V. 

VerzeichnisB  der  Mitglieder 342 


L     Oeschiclite  nnd  Denkmäler. 


I.    Ueber  einige  Bronzebilder  des  Ares. 

Hierzu  Taf.  I— XII. 

Es  waren  nicht  mehr  als  drei  Kunstdarstellungen  des  Ares,  auf 
die  Winckelmann  den  Satz  gründete :  die  Züge  des  Mars  offenbaren  in 
den  ruhigen  Mienen  einen  jungen  Helden  von  sanfter  und  menschlicher 
Natur  ^).  Seitdem  ist  öfters  Klage  geführt  worden  über  unsere  Armuth 
an  sicheren  Bildnissen  des  Ares^)  und  die  Versuche,  welche  unternom- 
men worden,  den  plastischen  Typus  des  Oottes  zu  charakterisiren, 
weichen  so  sehr  von  einander  ab,  dass  sie  unsere  Unklarheit  über  dies 
Kapitel  der  sogenannten  Kunstmythologie  nur  zu  bestätigen  scheinen. 
Winckelmann  wollte  keinen  bärtigen  Ares  anerkennen "),  die  italienischen 


')  Kunst  der  Zeichnung,  Winckelmanns  Werke  her.  von  Meyer  und 
Femow  VII  86  =  Monum.  ined.  S.  XLI,  vgl.  Kunstgesch.  B.  V  Gap.  I  §  18. 
Die  drei  Aresbilder,  auf  welclie  sich  Winckelmann  beruft,  sind  die  sitzende 
Statue  der  Villa  Lndovisi,  die  Reliefdarstellungen  am  Kandelaber  Barberini  und 
an  der  Kapitolinischen  Brunnenfassungf.  Er  unterlässt,  den  sog.  Achill  Borghese 
heranzuziehen,  obwohl  er  (Monum.  ined.  S.  33)  für  wahrscheinlich  erklärt,  dass 
diese  Statue  den  Ares  darstelle. 

•)  VgL  Hirt  Bilderb.   für  Mythol.  I  51,  Baoul  Rochetto  monum.  ined.  S.  51. 

^  Den  bärtigen  Marskopf  römischer  Münzen  ist  er  geneigt  ^Evvahog  zu 
nennen,  an  der  angeführten  Stelle  der  Kunstgeschichte«  welcher  die  Erklärer 
der  antich.  d'Ercol.  VI  S.  68  zu  folgen  scheinen;  B.  X  Cap.  2  §  18  behauptet 
er:  Mars  findet  sich  allezeit  ohne  Bart  in  allen  seinen  Bildern  in  Marmor  und 
aaf  Münzen. 

1 


2  üeber  einige  Broncebilder  des  Ares. 

Archaeologen  widersprachen  ^).  0.  MttUer  urtheilt,  dass  die  ausgebildete 
Kunst  ihn  lieber  bartlos  gebildet^),   Raoul  ßochette,   dass  er  meist 
bärtig®),   und  Preller,  dass  er  bisweilen  unbärtig  dargestellt  worden 
sei^).    Hatte  Winckelmann,  unter  dem  Einfluss  seiner  philosophischen 
Kunstlehre,  die  Züge  des  Ares  menschlich,  ruhig,  jugendlich  sanft  gi^ 
nannt,  so  fand  Visconti  in  ihnen  Schönheit  zwar,  aber  eine  Schön- 
heit derberer  nüchterner  Art;   er   behauptet,    dass    in    der   Kunst 
sein  Haar  stets  kurz  und  kraus  sei^).   Aehnlich  urtheilten  liaoul   Ko- 
chette®)  und   0.  Müller.  Nach   der  Ansicht  des  Letzteren  bezeichnen 
Ares  durchgängig  eine   derbe  und  kräftige  Muskulatur,   ein  starker 
fleischiger    Nacken,    kurzgelocktes    und    gesträubtes  Haar;    er  hat 
kleinere  Augen,  eine  etwas  stärker  geöffnete  Nase,  weniger  heitere 
Stirn  als  andere   Zeussöhne;  dem   Alter    nach   erscheint   er  männ- 
licher als  ApoUon   und  Hermes.    Im  'Uebrigen  war  doch  sein  Wesen 
zu  sehr  bioser    Begriff,   um    ein  Hauptgegenstand   der    plastischen 
Kunst  zu  werden';  so  komme  es  dass  über  den  plastischen  Charakter 
des  Gottes  manche  Zweifel  obwalten.    Anders    wiederum   begründet 
K  Braun  den  Umstand,  dass  Ares  durch  die  griechische  Kunst  ver- 
hältnissmässig  selten  behandelt  worden  sei^).    Er  glaubt,  dass  sie  ins- 
gemein ihn  gescheut  habe  als  ungethümes  .Wesen,  in  dessen  Gefolg 
Todesgrauen  und  Schrecken  sind,   und  fast  überall,  wo  sie  ihn  zum 
Gegenstand    selbständiger  Darstellung  gemacht,    erscheine  er  durch 
die  Verbindung  mit  Aphrodite  gebändigt  und  verwandelt;  in  den 
bessten  Zeiten  habe  die  Kunst  ihn  gefasst  als  Heldenjüngling,  kampf- 
lustig und  zugleich  sentimental.    Neuerdings  schien  der  verdienstvolle 
Aufisatz   von  Stark  ^)  über  ein  von  ihm  als  Ares  Soter  bezeich- 
netes Fragment  in  Madrid    dem  Gott  eine  Reihe  von  Statuen  und 
Büsten  mit  gutem  Rechte  zugewiesen  und  unsere  Einsicht  in  seine 


')  Fea  Eur  röm.  Ausgabe  der  Kanstgeschiohte  Bd.  III  S.  466,  Visconti 
Mus.  Pio-  Clem.  Bd.  II  eu  Uv.  49. 

')  Haadb.  der  Arohaeol.  §  372  S.  673. 

')  Monum.  in^  S.  68. 

^)  Dieser  durohaus  schiefe,  wohl  aus  Raoul  Boohetie  entnommene  Satz  ist 
auch  in  der  neuen  Ausgabe  ohne  Berichtigung  wiederholt,  I  S.  270. 

^)  Monum.  scelti  Borghes.  S.  34  fg.  der  Mailänder  Ausgabe. 

*)  A.  a.  0.,  S.  49  ff.  Seine  ganse  weitschweifige  Darlegung  ist  voll  von 
grundlosen  Behauptungen,  Oberflächlichkeiten  und  Irrthümern. 

')  Vorschule  d.  Kunstmythol.  S.  64  fg. 

•)  Berichte  d.  s&chs.  Ges.  d.  Wissensch.  1864  S.  173  ff. 


Üeber  einige  Broncebilder  des  Ares.  8 

kfinsüerische  Erscheinung  nicht  wenig  gefördert  zu  haben.  Oleich  da- 
rauf hat  wiederum  Urlichs  0  den  gesammten  Typus,  welchem  jene 
Werke  angehören,  auf  Achill  bezogen;  uud  einzelne  Bepräsentanten 
desselben  erfahren  immerfort  die  verschiedensten  Benennungen. 

Der  nachfolgenden  Besprechung  wird  es  vielleicht  gelingen,  die 
schwankende  Terminologie  einer  ausgebreiteten  Gattung  van  Ideal- 
büdnissen  zu  befestigen,  und  durch  neues  gesichertes  Material  den 
plastischen  Typus  des  Ares  in  seiner  jüngeren  und  geläufigsten  Er- 
scheinung deutlicher  zu  macheu.  Jedenfalls  wird  man  der  Redaktion 
dieser  Zeitschrift  Dank  wissen  für  die  reiche  Publikation,  die  auf  Taf. 
I — XII  eine  zusammengehörige  Reihe  von  Bronzen  vereinigt,  von 
denen  nur  zwei  schon  frQher  veröffentlicht  worden,  und  einige  bis  jetzt 
ganz  unbekannt  gewesen  sind. 

1.  Sie  nahm  ihren  Ausgang  von  der  auf  Taf.  I  II  in  der  Grösse 
des  Originals  abgebildeten  Büste.  Dieselbe  wurde  im  Jahre  1869 
an  der  Mosel  beim  Orte  Wehr  gefunden,  nicht  weit  von  der  Stelle, 
wo  in  römischer  Zeit  eine  Fürth  die  beiden  grossen  Militärstrassen 
verband,  die  zur  Rechten  und  Linken  des  Flusses  von  Trier  nach 
Hetz  führten').  Am  selben  Ort  stiess  man  im  Wasser  auf  ein  grösse- 
res Relief,  das  im  Nenniger  Mosaikgebäude  aufbewahrt  wird,  auf  ein 
Kapitell  und  Reste  von  Mauern,  welche  sich  vom  erhöhten  Ufer  bis 
hinunter  in  die  Mosel  ziehen.  Die  kleine  Bronzebüste  erwarb  Herr 
von  Musiel  auf  Schloss  Thoren  bei  Nennig.  Er  überliess  sie  bereit- 
willig dem  Verein  zur  Publikation,  und  ich  hatte  Gelegenheit,  das 
Original  ^Iber  zu  prüfen. 

Kopf  und  Büste  sind  intact  erhalten,  es  fehlt  nur  die  Spitze  des 
Helmbügels.  Der  Rücken  ist  von  oben  i^ach  unten  schräg  abgeplattet, 
seine  Höhlung  ausgegossen  mit  Blei  und  in  diesem  steckt  noch  das 
Ende  eines  Metallzapfens.  Hieraus  ergiebt  sich,  dass  die  Büste  als 
Affix  zum  Schmuck  irgend  eines  Geräthes  diente,  an  welchem  sie  der- 
artig aufgesetzt  war,  dass  sie  gleich  den  Hochreliefen  der  imagines 
clupeatae  von  unten  nach  oben  aus  der  Fläche  heraussprang.  Auf 
solche  Verwendung  deutet  auch  die  untere  Begrenzung  der  Büste 
durch  ein  Blattornament,  welches  den  Uebergang  in  die  Fläche  zu  ver- 
mitteln hatte. 

')  Ueber  dio  Gruppe  des  PaBquino,  nebst  einem  Anhang  über  den  Achill 
Borghese  (Winckelmannsprogramm  des  Vereins,  1867)  S.  35  ff. 

>)  Vergl.  Lafontaine  in  der  Zeitschr.  d.  Luxcmb.  Ges.  t.  XXIII  (II)  S.  164 
ff.,    Jahrb.  des  Vereins  XXXI  S.  22.  29. 


4  Uiber  emige  Bronsebilder  des  AreB. 

Büsten  dieser  Art  aus  getriebenem  Silberblech  dienten  unter  dem 
besonderen  Namen '  emblemata  und  dem  allgemeineren  der  sigilla  ^) 
besonders  häufig  zum  Schmuck  silberner  Trinkschalen,  auf  deren 
Boden  sie  festgelöthet  wurden.  Ich  brauche  nur  zu  erinnern  an  die 
Schalen  mit  den  Büsten  des  schlangenwürgenden  kleinen  Herakles,  des 
Attis  und  der  Kybele  aus  dem  Hildesheimer  Silberfund').  In  einer 
jetzt  im  Louvre  aufbewahrten  Silberschale,  die  in  Berthouville  gefun- 
den wurde,  sind,  durch  Blattomament  abgeschlossen,  die  Büsten  des 
Hermes  und  der  Aphrodite  angebracht  <) ;  ein  Brustbild  des  Harpokrates 
schmückt  den  Boden  einer  im  Leidener  Museum  aufbewahrten  Schale^). 
Goldene  Emblemata  zusammen  mit  einer  silbernen  Phiala  werden  der 
Lokalgottheit  Noreia  geweiht  in  einer  Inschrift  aus  dem  alten  Noricuro, 
auf  die  jüngst  Hübner  hingewiesen  hat  ^).  An  soU±es  Tafelgeräth  denkt 
auch  Valerius  Flaccus,  wenn  er  erzählt  vom  Knaben  Achill,  der  zu 
Peleus  und  den  schmausenden  Argonauten  kommt  (I  260) : 

illum  nee  valido  spumantia  pocula  Baccho 

soUicitant  veteri  nee  conspicienda  metallo 

Signa  tenent. 
Diesen  Schalen  mit  ihrem  Innenschmuck  entsprach  die  Gestalt 
der  römischen  Phalerae;  darum   auch  wurde  der  >  runde  Schild  von 
Silberblech,   welcher  die  einfachste  Form  dieses  militärischen  Ehren- 
schmuckes war,  g>takf]  geheissen*). 


>)  Vgl.  Beoker-Marquardt  Handb.  d.  röm.  Alterth.  I  S.  276»  0.  Jahn  xu 
Penias  S.  132,  MicbaeÜB  das  corsinische  Silbergefius  S.  4  S.,  Semper  der  Stil 
n  S.  24  f. 

>)  Wieseler  der  Hildesh.  Süberfand  Ta£  IH,  Holzer  der  Hildesh.  ant 
Silberfand  Taf.  H.  Dass  die  beiden  letzteren  Büsten  mit  Recht  auf  Attis  und 
Kybele  bezogen  werden,  weist  R.  Schöne  nach,  Hermes  III  S.  477,  2.  Das 
Emblema  der  Kybele  ist  nachträglich  innen  mit  Blei  ausgegossen  (replumbatum) ; 
Tgl.  Schöne  a.  a.  0.  and  im  PhUoL  1869  S.  369  f. 

*)  Le  Pr^vost  memoire  sar  la  ooUeot.  de  vases  ant.  tronv^e  en  mars  1880 
k  BerthouTiUe  PL  III  2.  3,  Text  S.  27  (aus  dem  Mem.  de  la  soo.  des  antiqu.  de 
Normandie  t  VI);  vgl.  Ch.  Lenormant  buUett  dell'  Inst.  1830  S.  110,  Cha- 
bouillet  catal.  g6ner.  S.  440  n.  2823.  Le  Prevost  S.  15  n.  4  erwähnt  auch  einer 
Büste  des  Mercur  aus  massivem  Silber,  die  bestimmt  gewesen,  den  Boden  einer 
Patera  einzunehmen,  vgl.  Lenormant  a.  a.  0*  S.  99. 

^)  Leemans  monum.  Egypt.  du  mos.  d'ant.  ä  Leyde  taf.  LXX  n.  490. 

»)  ArohaeoL  Zeit.  1870  S.  89. 

•)  Vgl.  0.  Jahn  die  Ijauersforter  Phalerae  S.  2  f. 


Ueber  einige  Bronzebilder  des  Ares.  5 

Von  solchen  Gefässzierrathen  waren  die  Götterbüsten  der  imagi- 
nes  clapeatae  in  Nichts  verschieden.  Eine  kürzlich  bei  Nemi  aufge- 
fandene  Inschrift  %  welche  das  Inventar  zweier  Tempel  enthält,  zählt 
auf  unter  Anderem  Signa  n.  XYII,  caput  solis  I,  imagines  argenteae  IUI, 
clapeos  I.  Wie  in  der  oben  erVrähnten  Norischen  Inschrift,  werden 
hier  Geiikth  und  Schmuck  unterschieden;  offenbar  waren  die  imagines 
bewegliche  kleine  Götterbüsten,  welche  auf  dem  Schildrund  erst  dann 
befestigt  wurden,  wann  dieser  seiner  Bestimmung  gemäss  als  architek- 
tonischer Zierrath  zur  Verwendung  kam  ^).  So  heisst  es  auch  in  einer 
Weihinschrift,  die  bei  diesem  Anlass  von  Henzen  erwähnt  wird, 
^imago  argentea  cum  aereo  clipeft'')  und  in  einer  anderen  'clupeus 
argenteus  cum  imagine  aurea'^).  Mit  Recht  deutete  Henzen  die 
Mmagines  argenteae  deorum  Septem',  die  anderwärts  erwähnt  werden^), 
auf  die  nämliche  Gattung  von  Büsten:  es  ist  hinzuzusetzen,  dass  offen- 
bar die  sieben  Pianetengötter  gemeint  sind,  nach  denen  die  Wochen- 
tage ihre  -Namen  haben  ^). 

Vielfältigste  Verwendung  hatten  ganz  analog  geformte  Büsten 
aus  Bronze.  Es  finden  sich  solche  an  einer  vor  wenigen  Jahren  in 
Pompei  ausgegrabenen  mit  Bronzeblech  gedeckten  Holzkiste;  auf  der 

'}  BuUet.  deU'  Inst.  1671  8.  66,  HenneB  vi  S.  6  ff.  Von  den  imagines 
(emblemsia)  sind  die  signa  (Statuen)  verschieden,  wie  sonst  'imagines  et  statuae* 
unterschieden  werden  (vgl.  Benndorf  und  Schöne  d.  lateran.  Mus.  S.  210),  und 
unter  dem  caput  Solis  haben  wir  uns  vielleicht  eine  selbständige  Büste  zu 
denken.  Die  Corona  analempsiaca  i  cum  gemmis  topazos  n.  xxi  et  carbuncnlos 
D.  Lxxxim,  welche  hier  unter  den  Inventarstücken  des  Isistempels  vorkommt, 
and  auch  sonst  auf  diese  Göttin  bezogen  erscheint  (Vercellono  dissertazioni  accade- 
miche  S.  339),  hat  Mommsen  aufgefasst  als  einen  Kranz  der  aufgesetzt  und 
abgenommen  werden  konnte.  Indessen  scheint  mir  selbstverständlich,  dass  ein 
gesondert  aufgeführter  Kranz  diese  Eigenschaft  besass,  und  zugleich  dürfte 
Mommsens  Erklärung  sprachlich  schwer  zu  rechtfertigen  sein.  Das  Beiwort  führt 
mich  auf  die  Vermuthung,  dass  dieser  Keif  vermöge  der  eingesetzten  Steine 
Heilkräfte  ausüben  sollte  und  medizinische  Bestimmung  hatte.  Ueber  die  Wort- 
form vgl.  Joh.  Schmidt  zur  Oesoh.  des  indog.  Voc.  S.  118  f. 

')  Aehnlich  entsprechen  sich  in  der  Inschrift  von  Noricum,  die  oben  er- 
wähnt wurde,  phiala  argentea  und  emblemata  aurea,  und  Schale  und  Em- 
blemata  sind  gesondert  gewogen.  (Jeher  die  imagines  clupeatae  s.  Jahn  a.  a. 
O.  S.  8,  32  und  6er.  der  säehs.  GeseUsch.  d.  Wissensch.  1861  S.  299. 

•)  Mnratori  718,  6. 

*)  Marini  atti  e  monum.  de*  frat.  Arv.  S.  408. 

«)  Gniter  175,  9,  vgl.  Henzen  buUett.  dell'  Inst.  1866  S.  100. 

•)  Vgl  unten  8.  7  und  S.  17. 


6  Ueber  einigu  Bronsebilder  des  Ares. 

im  Einzelnen  undeutlichen  Abbildung  bei  Niccolini')  erblickt  man,  so 
scheint  es,  Apoll  und  Artemis,  zwischen  ihnen  einen  Thierkopf, 
darunter,  rechts,  und  links  von  der  Maske  eines  Dionysos,  wohl 
die  geflügelten  Büsten  des  Frühlings  und  des  Herbstes.  Der 
gleiche  plastische  Schmuck  fand  sich  an  Bettstellen^),  zuweilen  auch 
an  Dreifüssen^)  angebracht.  Ein  Brustbild  der  Athene  von  Bronze, 
aus  einer  runden  Platte  vorspringend,  die  an  zwei  zusammenlaufende 
Bronzewangen  befestigt  ist,  zierte  als  Hutela'  den  Bug  eines  römischen 
Kriegsfahrzeuges  ^).  Eine  Reihe  von  Bronzebüsten,  wie  die  unsrige 
geformt,  und  jede  auf  einer  runden  Platte  befestigt,  wurde  in  Resina 
gefunden^  zusammen  mit  bronzenem  Pferdegeschirr  und  den  Resten 
bronzener  Pferde;  hieraus  ergab  sich  mit  Gewissheit  ihre  Bestimmung 
als  Phalerae  für  Pferde.  Es  sind  ausser  einem  nicht  näher  zu  be- 
stimmenden weiblichen  Kopf*),  Athene«),  Nike''),  Ares^),  Athene •) 
dargestellt.  Gleichartiger  Zierrath  ist  auch  an  Bronzerüstungen  an- 
gebracht >^).  Eine  Votivhand  von  Bronze,  in  Avenches  gefunden  und 
aufbewahrt,  ist  mit  mehreren  dieser  Götterbüsten  ausgestattet).    An 


^)  Gase  die  Pompei  fascic.  89,  descriz.  gen.  tav.  88. 

')  Niocolini  a.  a,  0.  fascic.  40  tov.  36;  Mus.  Borb.  II.  tav.  31  =Overbeck 
Pompei  n*  S.  46  =  Semper  der  Stil  I  S.  379  =  Guhl  und  Koner  Leben  der 
Griechen  und  Körner  (3.  Aufl.)  S.  543.~  Häufiger  noch  mochten  diese  Zierrathen 
der  Bettstellen  aus  Elfenbein  gearbeitet  sein;  s.  die  Erklärer  zu  Properz  V  5, 
24  sectaque  ab  Attalicis  putria  signa  toris,  wo  man  hinzufuge  Choric.  ecphras. 
imag.  S.  161  Boissonade  17  Sk  (xXivri)  iXiipavri  xal  XQvat^  xal  NCxrji  x^xoafAfßvu^ 
ylvfAfAaat  div^qififAivuig  m^Qv^iv  axQ(f  r^  x£(paXj  rrjv  xUvijp  avixpvüi.  Doch  wohl 
Nlxrig  xexoafdrpai  yXv/4fÄaatf    Sir^Qtifjiivcug  tu^qv^i  xai  axftif   ry  xiipal^  riiv  xUvfiv 

s)  Vgl.  z.  Q.  mem.  deU'  accad.  di  Torino  xxxin  (1829)  Taf.  zu  S.  138. 

*)  Archaeol.  Zeit.  1872  Taf.  62. 

«*)  Antich.  d'Ercol.  V  S.  18  =  S.  139  =  S.  145. 

«)  Ant.  d'Erc.  S.  7  =  S.  31 ;  S.  1  =  S.  126. 

')  Ant.  d'Erc.  V  S.  7  =  S.  131. 

»)  Ant.  d'Erc.  VI  S.  71  =  8.  166  =  8.  265  =  S.  341. 

•)  Ant.  d'Erc.  VI  S.  76  =  S.  169  =1  S.  259  =  8.  346.  ^  Aehnliche  Pha- 
lerae,  bei  Mors  gefunden,  weisen  Büsten  aus  dem  dionysischen  Kreise:  0.  Jahn 
d.  Lauerforter  Phal.  Taf.  I  6.  6.  7.  8,  vgl.  S.  8  f. 

^^)  Ant.  d'Erc.  VI  S.  39=  S.  171;  Niccolini  a.  a.  0.,  caserma  dei  Gladia- 
tori  tav.  IV  2.  6. 
^  ")  Mittheil.  d.  antiquar.  Ges.  in  Zürich  XI  taf.  3,  XVI  taf.  18;  vgl.  0.  Jahn 

Ber.  d.  sächs.  Ges.  d.  W.   1855  S.  101  und  Taf.  IV  2a.    Ueber  den  Gestus  der 
Votivhande  s.  H.  üsener  rhein.  Mus.  n.  F.  xxvra  (1873)  S.  407  flf. 


Üeber  elhige  Bronzebilder  des  Ares.  .   7 

einer  in  der  Themse  gefundenen  Bronzezange  sind  nicht  weniger  als 
zehn  emblemata  angebracht:  an  den  Schenkeln  die  BUsten  der  sieben 
Wochengötter,  denen  eine  achte  angereiht  ist,  oben  über  dem  Chamier 
die  der  Venus  und  Kybele^-  An  einer  bronzenen  Inschrifttafel  des 
kapitolinischen  Museums  sind  oben  die  Brustbilder  des  Septimius 
Sevems,  des  Geta  und  CaracaJla  befestigt'). 

Für  ejne  SchlusshQlse  möchte  ich  ein  .Bronzegeräth  des  Museum 
Kircherianum  halten,  über  welches  Herr  A.  Trendelenburg  die  folgende 
Mittheilung  mir  zu  machen  die  Güte  hatte :  Eine  genaue  Wiederholung 
des  Kopfes  von  der  Mosel  ist  im  Museum  Kircherianum  nicht  vor- 
handen, dagegen  findet  sich  dort  ein  in  wesentlichen  Punkten  ähnlicher 
Bronzekopf.  Derselbe  schmückt  den  äusseren  Boden  eines  in  seiner 
Bestimmung  mir  nicht  deutlichen  becher^hnlichen  Geräthes  von  etwa 
1  Zoll  Höhe  uud  3  Zoll  Durchmesser  (die  Maasse  beruhen  auf  un- 
sicherer Schätzung,  da  das  Geräth  hoch  in  einem  Glaskasten  hängt), 
das  oben  eine  runde,  unten  eine  viereckige  Oese  hat.  Der  Kopf  ist 
mit  einem  Helme  bedeckt,  dessen  Busch  ausnehmend  gross  ist.  Locken- 
striemen fallen  zu  beiden  Seiten  auf  die  mit  einem  faltenreichen  Ge- 
wände bedeckte  Brust  (keine  Aegis,  kein  Gorgoneion)  herab.  Die 
Brust  findet  unten  ihren  Abschluss  ganz  in  der  Weise  des  vorliegenden 
Kopfes  in  einem  Blätterrande,  der  in  seiner  Bildung  mit  dem  der  Pho- 
tographie übereinstimmt.  Kopf  und  Helm  springen  vollständig  körper- 
lich aus  dem  Behef,  das  die  Brust  bildet,  heraus. 

Ungleich  häufiger  finden  diese  Affixe  sich  getrennt  von  dem 
Grund  welchem  sie  angehörten.  Die  Zahl  der  kleinen  Bronzebösten, 
welche  nach  ihrer  Form  und  manchen  äusseren  Merkmalen  ähnliche 
Verwendung  wie  die  unsrige  gehabt  haben  müssen,  ist  weit  grösser 
als '  man  glauben  sollte ;  denn  die  Kunsterklärer  haben  sich  meist  be- 
gnügt, die  betreffenden  Bronzen  als  Büsten  zu  registriren.  Wenn  an 
den  Originalen  selber  die  Beachtung  der  Rückseite  in  den   meisten 


*)  Arcbaeologia  ormiscellan.  traots  relat.  to  antiqu.  vol.  xxx  (Lond.  1844) 
p1.  24  S.  648. 

*)  Vgl.  Fabretti  columna  Traj.  87,  Maffei  Mos.  Ver.  309,  Donati  175,3, 
Guasoo  Mus.  Gapit.  95,  Eellermann  vig.  Rom.  lat.  12.  Auch  kleine  Marmor- 
bdsten  der  nämUchen  Form  hat  man  in  genau  entsprechender  Weise  verwendet. 
So  findet  sidi  an  einem  Florentiner  Kriegerrelief  das  Porträt  des  Hadrian, 
dessen  Pendant  verloren  gegangen;  vgl.  arch.  Zeit.  1870  Taf.  29,  dazu  Hübner 
S.  82. 


% 


8  lieber  einige  Bronzebilder  ^es  Ares. 

Fällen  die  früheren  Applike  wird  erkennen  lassen,  so  verrathen  in 
vielen  Fällen  doch  auch  die  Abbildungen  durch  bestimmte  Indicien 
diese  dekorative  Bestimmung.  Einmal  pflegen  diese  Büsten  durch  eine 
mehr  oder  minder  starke  Biegung  des  Kopfes  nach  oben,  mit  der 
meist  eine  seitliche  Wendung  verbunden  ist,  anzuzeigen  dass  sie  auf 
eine  gewöhnlich  vertikal  gestellte  Fläche  befestigt  werden  sollten,  aus 
der  sie  als  Hochrelief  hervorsprangen  *)•  Ferner  scheint  die  untere 
Begrenzung  der  Büste  durch  vegetabilisches  Ornament  regelmässig  auf 
den  dekorativen  Zweck  hinzuweisen,  ohne  dass  doch  dieser  nur  da  an- 
zunehmen wäre,  wo  wir  am  Band  des  Bruststückes  diesen  Abschluss 
gewahren^).  Als  schönes  Beispiel  dieser  ungemein  häufigen  Form  der 
Büste,  die  unter  den  Bronzewerken  in  allen  grösseren  Publikationen 
zahlreich  vertreten  ist,  führe  ich  eine  zu  Brunault  in  Belgien  gefundene 
und  von  Boulez  veröffentlichte  Herabüste  an,  die  aus  einem  glocken- 
blumenartigen  Kelch  hervorkommt^). 


')  Hier  muss  freilich  darauf  hingewiesen  werden,  dass  auch  gewisse  kleine 
Bronzebüsten  anderer  Bestimmung  diese, Eigenthümlichkeit  besitzen,  nämlich 
die  als  Hängegewichte  an  den  römischen  Schnellwagen  verwendeten  Büsten, 
welche  überhaupt  durchaus  analoge  Fabrikate  sind.  Dieselben  verrathen  zwar 
durch  das  meist  auf  der  Höhe  des  Kopfes,  bei  behelmten  Büsten  auch  im  Helm- 
bügel  befindliche  Loch,  da*  einen  zum  Aufhängen  dienenden  Haken  aufnahm 
—  zuweilen  ist  dieser  mit  erhalten  —ihre  Bestimmung,  es  ist  aber  in  denPnblikatio* 
neu  und  Beschreibungen  namentlich  aus  älterer  Zeit  nicht  immer  auf  dieses  Merk- 
mal geachtet  worden.  Das  Bruststück  dieser  Gewichtbüsten  pflegt  hinten  hohl  und 
mit  Blei  ausgegossen  zu  sein  zur  Regulirung  des  Gewichtes.  Vgl.  Friedrichs 
kleinere  Kunst  und  Industrie  im  Alterth.  S.  206  ff.,  Mus.  Borb.  1 55,  YUI  16,  Over- 
beck  Poropei  H  S.  72,  Guhl   und  Koner  Leben  der  Griechen  und  Römer  S.  672. 

^)  Nur  eine  aus  Blattomament  sich  erhebende  Büste  ist  mir  bekannt, 
deren  ^ienende  dekorative  Funktion  fraglich  erscheinen  kann  in  Anbetracht 
ihrer  Grösse  und  feinen  und  freien  Ausführung.  Es  ist  die  Marmorbüste  der 
sog.  Glytia  im  brittischen  Museum,  abgeb.  Townley  gall.  U  &  90,  besprochen 
archaeol.  Anz.  1867  S.  55*  ff.  und  Friederichs  Bausteine  n.  818.  Die  Analogien, 
welche  Letzterer  beibringt  sind  nicht  zutreffend.  Denn  dass  kleine  Marmor- 
köpfe dekorativer  Natur,  meist  Fragmente  von  Tischfussen,  Marmorsesseln  und 
dergl,  häufig  diese  Blattbegrenzung  aufweisen,  ist  bekannt  genug;  ich  habe 
deren  mehrere  im  römischen  Kunsthandel  gesehen.  Leider  hat  kühner  seine  in 
der  archäolog.  Gesellschaft  kürzlich  vorgetragenen  Bemerkungen  über  das  Motiv 
des  Blattkelches  an  antiken  Büsten  nicht  veröffentlicht,  vgl.  arch.  Zeit.  1872 
S.  41.  Ueber  Yerknüpfung  menschlicher  Figur  mit  Pflanzenomament  s.  Benn- 
dorf  und  Schöne  das  lateran.  Mns.  S.  40. 

»)  Bullet,  de  l'acad.  de  Brux.  tome  X,  zu  S.  68.  Boulez  :'les  trois  feuilles, 


Ueber  einige  Bronsebilder  des  Aret.  9 

Seltener  finden  sich  im  Bruststück  oder  unter  den  Achselhöhlen 
Nietlöcher  vor  für  die  Stifte,  mit  welchen  das  Affix  angeheftet  wurde ; 
mitunter  auch  ist  ein  mit  Löchern  versehener  Rand  herausgetrieben, 
der  das  Ganze  als  Beschlägeplattchen  erkennen  lässt  ^),  oder  die  Büste 
läuft  nach  unten  gabelförmig  auseinander,  und  erscheint  als  Bekrönung'). 

Hiernach  ist  wahrscheinlich,  da^  weitaus  die  Mehrzahl  der  er- 
haltenen kleinen  Bronzebüsten  als  Appliken  fungirt  hat;  wer  die  Ab- 
biUungen  im  ftlnften  und  sechsten  Band  der  Antichita  d'Ercolano,  in 
den  Sammlungen  von  Mont&ucon  und  Gaylus,  den  kürzlich  von 
Sacken  herausgegebenen  ersten  Band  der  Bronzen  des  kk.  Münz-  und 
Antikenkabinets  in  Wien  durchmustern  mag,  wird  sich  leicht  hiervon 
überzeugen. 

Bisweilen  tritt  sehr  charakteristisch  das  Bestreben  zu  Tag, 
durch  Beifügung  eines  Attributes  oder  auch  eines  Bewegungsmotives 
den  Kopf  zu  kennzeichnen;  und  so  kommt  es,  dass  öfters  ein  Arm 
oder  beide,  meist  in  etwas  verkümmerten  Verhältnissen,  hinzugefügt 
sind.  In  diesem  Falle  vermögen  wir  mitunter  das  Verfahren  deutlich 
zu  erkennen,  mittelst  dessen  bekannte  Darstellungen  zu  solcher  Büsten- 
form abbreviirt  worden  sind.  Besonders  lehrreich  ist  in  dieser  Be- 
ziehung die  von  Ritschi  als  'Ino  Leukothea'  herausgegebene  Büste, 
die  vielmehr  Amphitrite  zu  benennen  sein  dürfte^).    Die  gesammte 


qm  fofit  saiUie  ä  sa  base  et  enr  lesquelles  ii  (le  broDze)  repose,-  semblent  indi- 
qner  qü'il  a  appartenu  k  un  meuble,  anquel  11  servait  d'ornement,  et  la  brisure  . 
qai  Be  voit  par  derriere  ä  la  partie  inferieure,  no  laisse  meme  aucun  doute 
8ur  oette  destiDation.  Mais  quelle  peat  avoir  ete  la  nature  de  ce  meuble;  etait- 
ce  un  siege,  oa  an  tröpied,  etc.?*  Eine  andere  bemerkenswertho  Bronzebüste 
der  Hera,,  gefunden  in  Baden  (Ganton  Aargau)  und  publicirt  im  Anzeiger 
f.  schweizer.  Alterthunisk.  1872  Taf.  XXYUI  (vgl.  S.  310),  diente  gleichfalls  als 
Applike ;  sie  ist  inwendig  hohl,  der  Hinterkopf  fehlt.  Die  erwähnte  Abbildung 
giebt  keine  richtige  Vorstellung  des  Originals,  von  dem  eine  Photographie  mir 
Torliegt;  es  ist  eines  der  Herabildnisse,  welche  dem  Typus  der  Aphrodite  nahe 
stehen.  Eine  werthlose  kleine  Herabüste,  von  Blattomament  begrenzt,  wurde 
zugleich  mit  der  Aresbaste  von  YTehr  aufgefunden.  Overbeck  in  seiner  eben 
erschienenen  'Kunstmythologie*  der  Hera  übergeht  die  Bronzebasten  der  Göttin, 
ich  weiss  nicht  mis  welchem  Grande,  mit  StillscWeigen. 

*)  Z.  B.  Speoim.  of  ano.  sculp.  U  34,    Sacken  Bronzen  d.   kk.  Münz-  und 
Antikenkabinets  in  Wien  I  Taf.  28,  2;  31»  5;  48,  3  und  5. 

*)  S.  Friederichs  kleinere  Kunst  und  Industrie   S.   333   n.  ^562 1^^*   und 
öfter. 

■)  Bitsohl  Ino  Leukothea  (1865)  Ta£  I  1,  U  1.   Gegen  Ritschis  Deutang 


10  Ueber  einige  Bronsebilder  des  Ares. 

von  Ritschi  gänzlich  missverstandene  Haltung  and  Bewegung  ist 
bedingt  durch  den  Umstand,  dass  diese  Büste  kopirt  ist  nach  einer 
jener  Figuren  von  Wassergottheiten,  welche  auf  Seewesen  gelagert 
sind,  während  sie  den  Kopf  auf  die  Hand  stützen  und  den  Blick  über 
die  Meeresfläche  schweifen  lassen.  Hier  ist  das  Seethier,  ein  Delphin, 
zum  Attribut  zusammengeschrumpft,  welches  gleichzeitig  die  Büste 
omamental  abschliesst  *) ;  aber  das  Bewegungsmotiv  ist  einfach  beibe- 
halten worden. 

Diese  Büsten  sind,  ihrer  dekorativen  Bestimmung  gemäss,  meist 
von  geringerem  Eunstwerth,  die  physiognomische  Charakteristik  ist 
mehr  oder  minder  abgeflacht.  Bisweilen  kam  dem  Verständniss  ein 
kennzeichnendes  Attribut  zu  Hülfe;  meist  aber  pflegte  die  Bedeutung 
dieser  Köpfe  durch  die  Zusammenstellung  klar  zu  werden.  Denn 
Alles  lässt  vermuthen,  dass  es  fast  regelmässig  Gottheiten  waren, 
welche  in  diesen  ornamentalen  Büsten  dargestellt  wurden,  und  dass 
diese  in  paarweiser  Entsprechung  oder  in  umfänglicherem  Cyklus  ver- 
bunden wurden. 

Schon  dieser  Gesichtspunkt  leitet  auf  die  Annahme,  dass  viel 
eher  Ares,  als  etwa  Achill  oder  Alexander  in  der  Büste  von  der 
Mosel  zu  erkennen  sei.  Nicht  minder  stark  spricht  eine  zweite  ausser- 
liehe  Erwägung  zu  Gunsten  des  Kriegsgottes.  So  mangelhaft  auch  ge- 
sorgt ist  für  Publicirung  und  Beschreibung  der  In  den  öffentlichen  Samm- 
lungen und  im  Privatbesitz  verstreuten  kleinen  Bronzen,  und  so  schwer 
es  hierdurch  gemacht  wird,  einem  einzelnen  Typus  auf  diesem  Gebiete 
nachzugehen,  so  war  es  mir  doch  ohne  grosse  Mühe  möglich,  fünf 
dieser  kleinen  Bronzebüsten  aufzufinden,  die  mit  der  von  der  Mosel 
mehr  oder  minder  übereinstimmen,  und  augenscheinlich  in  eine  Reihe 
mit  ihr  zu  stellen  sind.  Hiernach  muss  die  Zahl  der  vorhandenen 
Wiederholungen  eine  sehr  grosse  sein.    Eine  so  populäre  Verwendung 


erklärten    rioh  Michaelia  anaglyphi  Vatia  explic.  S.  XIX  ff.   und  Gonze  Gott, 
gel.  Anz.  1866  S.  1182  ff.,  welche  die  Büste  Thalassa  benennen. 

')  Gonse  a.  a.  0.  S.  1135  vergleicht  das  Attribut  des  Blitses  an  einer 
ßronzebüste  des  Zens,  Müller- Wieseler  Denkm.  d.  a.  K.  II  Taf.  II  29.  Auf 
Tafel  CXLIII  der  Probedrucke  für  die  gescheiterte  Fortsetst^g  von  Gerhards 
antiken  Bildwerken  (der  Band  ist  gegenwärtig  im  Besitz  des  archaeologischen 
Instituts  in  Rom)  ist  die  Büste  Plntons  abgeschlossen  dnrch  die  drei  Köpfe  des 
Kerberos.  l5ie  in  ihrem  Armarinm  stehende  imago  im  Lateran  (Benndorf 
und  Schöne  S.  209  n.  848)  wird  unten  begrenzt  durch  das  Todtensymbol  der 
Schlange. 


Ueber  einige  BroDzebilder  des  Ares.  11 

im  dekorativen  Gebrauch  konnte  wohl  das  Bildniss  des  Ares  finden, 
den  die  Römer  identificirten  mit  dem  'Hanpt-  und  Stammgott  der 
italischen  Bevölkerung',  aber  nimmermehr  das  des  Achill  oder  Alezander. 
2.  Es  wird  zunächst  Niemand  leugnen  mögen,  dass  die  auf 
Taf.  III  rv  abgebildete  Bronzebttste  des  Berliner  Antiquariums  mit 
der  von  der  Mosel  zusammenzustellen  ist  ^).  Auch  hier  weist  die  Be- 
schaffenheit des  hinten  ausgehöhlten  und  mit  Blei  ausgegossenen  Brust- 
stückes auf  entsprechende  Verwendung  hin ;  der  Rand  desselben,  da  er 
auf  irgend  einem  Grund  fest  aufsass,  ist  theilweise  ausgebrochen.  Es 
sind  Spuren  ,von  Vergoldung  wahrnehmbar.  Der  Kopf  blickt  nach 
rechts,  während  die  Büste  von  Wehr  nach  ihrer  linken  Seite  gewendet 
ist ;  der  Helm  sitzt  vom  etwas  höher  als  dort.  Sonst  herrscht  zwischen 
den  beiden  Büsten  ein  Grad  der  Uebereinstinimung,  welcher  zwingt^ 
sie  von  demselben  Vorbild  herzuleiten.  Die  Maasse  sind  gleich ;  der 
Helm  hat  hier  und  dort  die  nämliche  Form,  der  Schwertriemen  durch- 
schneidet in  übereinstimmender  Weise  quer  die  Brust.  Wesentlich 
erscheint  die  bis  ins  Einzelne  gehende  Aehnlichkeit  in  Anlage  und  Ver- 
theilung  der  vollen  weichen  Haarmassen.  Der  Eindruck  des  Gesichtes  ist 
einigerinassen  verschieden,  aber  die  Grundformen  sind  dieselben:  in  2 
entwickelter  und  lebensvoller,  in  1  abgeplattet  zu  einer  leeren  und  banalen 
Noblesse.  In  2  sind  gewisse  Züge  treu  bewahrt,  welche  auf  die  Lysippische 
Schule  zurückweisen;  namentlich  entspricht  der  Bau  der  Stirne  und 
ihr  Debergang  in  die  Nase  den  Eigenthümliehkeiten,  welche  vornehm- 
lich am  Schultypus  des  Lysipp  beobachtet  werden.  Der  Ausdruck 
des  fein  modellirten  Gesichtes  ist  sehr  schmerzlich  und  verräth  zu 
gleicher  Zeit  ein  zommüthiges  Temperament').  Die  hinaufgezoge- 
nen Augensterne  geben  beiden  Gesichtern  einen  verschwommenen 
languideh  Blick.  Diese  Eigenthümlichkeit  entspricht  einer  Modelieb- 
haberei der  späteren  zur  Sentimentalität  neigenden  Kunst.  Und  allein 
aus  dieser  Geschmacksrichtung,  nicht  aus  der  Absicht  individueller 


')  Vgl.  Friederichs  kleinere  Kunst  and  Industrie  S.  898  n.  1861.  Schon 
Hirt  Bilderb.  I   51  erwähnt  derselben  und  rühmt  ihre  Schönheit. 

')  ^vfjof  U^iis  anth.  append.  40,  11,  in  einem  Epigramm  auf  die  sieben 
Planetengötter,  welches  Theon  zugeschrieben  wird.  Theodoret  graec.  äff.  cur.  III. 
p.  46  (p.  877  Migne)  !k^ia  dk  i6v  ^vfiov  ovofiaCovai;  Gregor,  or.  in  lul.  I  c.  122 
imxoTnira)  rbv  ^vfiov  jtQr^q,  Panyasis  bei  Clem.  Alex.  Protr.  p.  22  d,  und  hymn. 
Hom.  8,  2  oßqtfAo^vftoQ  Uqh^^  'ipse  furor  Mars'  Dracont.  VII  21  Duhn.  Hera 
schilt  Ares  aff>qmv  U.  E  761. 


12  lieber  einige  Bronzebilder  des  Ares. 

Charakteristik,  möchte  ich  jenen  klagenden  Zug  der  Berliner  Büste 
erklären,  dem  auch  die  seitliche  Neigung  zu  Hülfe  kommt  0-  Dieser 
pathetische  Ausdruck  findet  sich  an  einem  guten  Theil  der  dekorativen 
Bronzeköpfe,  und  er  ist  mit  bedingt  durch  die  emporgerichtete  Hai- 
tung  und  die  Neigung  zur  Seite,  welche  ihnen  eigenthümlich  zu  sein 
pflegt. 

Die  Beziehung  dieser  Büste  auf  Ares  wird  bekräftigt  durch  die 
Aeimlichkeit  der  Aresköpfe  auf  kampanischen  Kupfermünzen;  zwei 
derselben  aus  der  Sammlung  des  Herrn  Imhoof- Blumer  in  Winter- 
thur  sind  hier  abgebildet'). 


3.  In  dieselbe  Reihe  ist  die  auf  Taf.  V  VI  abgebildete  Bronze- 
büste des  Münchener  Antiquariums  zu  stellen.   W.  Christ  *)  beschreibt 


')  Ueber  diese  Erscheinung  s.  die  treffenden  Bemerkungen  von  Conze  in 
der  ermähnten  Besprechung  von  Ritschis  Ino  Leukothea  8. 1188 -ff.  Nur  scheint 
mir,  als  sei  dort  einer  an  sich  sehr  richtigen  Beobachtung  viel  zu  weite  Aus- 
dehnung gegeben.  Von  der  stumpfen,  gedankenleeren,  gegenstandlosen  Sehwer- 
muth  dieser  Köpfe  liegt  fernab  das  dramatische  Pathos  des  Laokoon,  der 
Niobidengruppe,  jener  sterbenden  Mutter,  die  Aristides  gemalt  hatte,  und  ver^ 
wandter  Werke.  Sehr  stark  ausgeprägt  ist  dieser  klagende  Zug  z.  B.  an  der 
Bronzestatnette  des  Herakles  anc.  marbl.  of  the  brit.  Mus.  III  pl.  2 ;  er  findet 
sich  aber  auch,  zu  pathetischer  Sohwermuth  herabgestimmt,  und  mit  Seitenwen- 
dung und  Anfblick  verbunden,  selbst  an  Marmorbüsten  der  Athene,  z.  B.  dem 
in  Glienike  befindlichen  Kopf  (Monum.  delP  Inst.  lY  1,  Müller- Wieseler  Denkm. 
a.  K.  II  19,  IdSa)  und  einem  entsprechenden  des  Vatikanischen  Musetnns, 
von  dem  mir  eine  Photographie  vorliegt.  Es  würde  nicht  schwer  fallen,  in  der 
Literatur  analoge  Erscheinungen  nachzuweisen.  Namentlich  ist  die  Erz&hlung 
in  der  alexandrinischen  Poesie  mit  einer  lyrischen  Stimmung  verwandter  Natur 
durchdrungen  worden. 

^  Dieselben  Münzen  s.  bei  Cohen  monn.  de  la  rep.  pl.  xliv  11,  12;  die 
Abbildungen  sind  aber  dort  ungenügend. 

')  W.  Christ  und  J.  Lanth  Führer  durch  das  königl.  Antiqnarium  in 
MüiMDhen  (1870)  S.  22.    Es  ist  anzunehmen,  dass  auch  diese  Aresbüate  altrApplike 


üeber  einige  Bronsebilder  det  Ares.  18 

sie  als  *gate  Büste  eines  tmb&rtigen,  mit  leiser  Neigung  nach  rechts 
aufwärts  blickenden*  Mannes  mit  hohem  griechischem  Helm ,  der  den 
rechten  Arm  in  absonderlicher  Weise  schräg  vor  die  Brust  hält'. 
Er  schlägt,  mit  einem  Fragezeichen,  die  Deutung  auf  Alexander  den 
Grossen  vor,  im  Anschluss  an  eine  viel  zu  häufig  in  Anspruch  genommene 
Nomenklatur.  Das  Gesicht  hat,  wie  ich  nach  Prüfung  des  Originals 
versichern  darf,  gar  keine  Aebnlichkeit  mit  den  beglaubigten  Bildnissen 
Alexanders,  und  das  zu  beiden  Seiten  in  überaus  dicken  weichen 
Lockenmassen  lang  herabfallende  Haar  widerstrebt  augenscheinlich 
seinem  Porträt,  dessen  vorzüglichstes  Merkmal  das  schwungvoll  em- 
porgesträubte und  rückwärts  fallende  Haar  ist^).  Auch  spricht  der 
Umstand 9  dass  dieser  Kopftypus,  wie  wir  sehen,  von  der  römischen 
Kunstübung  sehr  bevorzugt  worden  ist,  eben  so  sehr  zu  Gunsten 
des  Ares,  als  gegen  die  Deutung  auf  Alexander.  Das  Gesicht  weicht 
durch  mehr  längliche  Form  etwas  ab  von  den  eben  besprochenen 
Bronzen;  es  trifft  aber  hierin  zusammen  mit  den  Marmorköpfen  des 
Gottes,  von  denen  im  Folgenden  die  Bede  sein  wird.  Der  Helm  ist 
zwar,  wie  bei  1  und  2,  der  korinthische  und  stimmt  in  der  Form  ganz 
überein,  aber  an  Stelle  der  dort  am  Visir  angedeuteten  Ausschnitte 
fQr  die  Augen  treten  Widderköpfe;  es  krönt  ihn  ein  stattlicher  breiter 
Bosch.  Der  Büste  ist  der  rechte  Arm  hinzugefügt  und  auf  der  linken 
Schulter  das  vomüberfallende  Stück  der  Chlamys,  welche  unten  in 
schmalem  Streifen  das  Bruststück  begrenzt  Die  Haltung  des  Armes, 
welche  Christ  mit  Recht  absonderlich  nennt,  und  die  noch  auffalligere 
SteDung  der  Finger  wird  uns  durch  eine  analoge  Büste  alsbald  ver- 
stfindtich  werden. 

Dem  Münchener  Ares  entsprechen  durchaus,  bis  auf  eine  sehr 
unbedeutende  Abweichung  in  der  Form  des  Helms 


verwendeV  war,  obwohl  äussere  Sporen  davon  nicht  sichtbar  sind,  wie  anoh 
H.  Bronn  mir  nachtr&glich  bestätigt.  Die  Rückseite  ist  mit  Gips  ansgel&Ut  worden. 
^)  Zo  den  bekannten  SchrifteteUerseognissen  (0.  Müller  Handb.  §.  129,  4) 
föge  man  Itinerar.  Alexandri  e.  6:  qoippe  ipse  visu  argnto  naribnsqae  sub- 
aquilinis  fnit,  fronte  omni  nuda  plerumque,  qnamvis  pinguius  fimbriata  de 
exeroitio  [ob  vehementiam]  equitandi,  ouios  id  arbitrio  dabat,  ex  quo  relioinam 
com  am  iacere  sibi  in  oontrariom  feoerat^  idque  aiebat  decorius  miHti,  quam 
si  defloerrtf  Die  Mailander  Hds.  hat  reclinam,  ich  besserte  relicinam  (vgl. 
Apalei.  flor.  I  n.  7  und  I  n.  8),  in  D.  Volkmanns  Ausgabe  des  Itinerarium 
(Programm  der  königl.  Landesschule  Pforta  1871).  Es  soheinty  dass  die  höfische 
Kunst  hier  einen  schmeiohelBden  fiophemismns  angewendet  hat. 


14  Uebar  einige  Bronsebilder  des  Ares. 

4.  BroDzebüste  aus  Herculanettm,  abgebildet  in  den  Bronzi  d'Ercol. 
I  17; 

5.  Bronze  der  Kopenbagener  Antiksammlung  (d.  123),  stammend 
aus  der  Fevervary-Pulskyschen  Auktion.  Die  Kenntniss  dieser  Bronze, 
nebst  einer  Skizze  derselben,  verdanke  ich  A.  Conze.  Hier  sitzt  an  der 
Bttste  hinterwärts  noch  der  Zapfen,  welcher  zur  Befestigung  diente'). 

Durch  eine  geringfngige  Modifikation  unterscheidet  sich  von  den 
letztgenannten  drei  Exemplaren 

6.  Bronzebüste  des  Wiener  Münz-  und  Antikenkabinets,  abgebil- 
det auf  unserer  Tafel  VII  VIIP).  Die  Haltung  des  Armes  ist  hier  die 
nämliche^  aber  sie  hat  Zweck  und  Zusammenhang:  zwei  Finger  der 
Hand  sind  leicht  auf  den  mit  seiner  Wölbung  die  linke  Schulter  deckenden 
kleinen  Schild  gelegt.  Es  ist  nunmehr  deutlich,  dass  die  Büsten  von 
München,  Neapel  und  Kopenhagen  nur  durch  Nachlässigkeit  oder  Spaai- 
samkeit  der  Arbeit  des  Schildes  eiitbehren,  der  allein  die  Bewegung  des 
Armes  motivirt  und  erklärt ;  denn  es  scheinen  keine  Spuren  vorhanden  zu 
sein,  dass  der  Schild  etwa  angelöthet  gewesen  und  verloren  gegangen 
sei.  Indem  die  Ghlamys,  über  die  linke  Schulter  nieder,  unter  Schild  und 
Arm  weg,  und  auf  der  anderen'  Seite  wiederum  über  den  Rücken  auf- 
wärts gezogen  ist,  säumt  sie  die  Büste  ein  und  fungirt  in  ähnlicher 
Weise^  wie  die  Begrenzung  durch  Blattornament.  Der  Schild  ist  auch 
anderen  Brustbildern  des  Ares  als  bezeichnend  beigefügt,  indem  er 
wie  hier  an  die  linke  Schulter  gelehnt  ist;  und  die  nämliche  Stelle 
nimmt  die  Aegis  ein  an  dem  Madrider  Statuenfragment,  von  welchem 
später  die  Hede  sein  wird.  Der  Schild  ist  nicht  allein  kriegerisches 
Wahrzeichen,  soi^lern,  gleich  Lanze  und  Schwert,  mythologisches 
Attribut  des  Himmelsgottes,  wie  dem  römischen  Mars  die  Ancilia  g(*- 
weiht  werden^).    Wenn  man  sich  überzeugt,  welche  Rolle  der  Schild 

')  £ine  Zeichnung  derselben  ist  mir  durch  die  Freundlichkeit  des  Direktors 
der  Sammlung  Hm.  L.  MüUer  in  Aussicht  gestellt  worden  und  soll  nachträglich 
veröffentlicht  werden. 

*)  Sie  ist  Yor  Kurzem,  doch  weniger  gut,  von  Sacken  publicirt  worden 
in  den  Broneen  des  kk.  Münz-  und  Antikenkabinets  I  Taf.  XXXI  1.  Sacken 
hält  dafür,  dass  sie  *im  Charakter  des  Achillens*  sei,  nennt  sie  eine  ^herrliche 
Büste*,  von  'schmachtendem  Ausdruck*  und  'sanfter  Melancholie. 
Wahrscheinlich  hat  eben  dieser  schwärmerisch  weiche  Ausdruck  die  Deutung 
auf  AohiU  veranlaisti  und  den  Gedanken  an  Ares  znrückgedr&ngt.  Auch  Sacken 
weist  auf  die  Uebereinstimmung  der  Heroulaneer  Bronze  hin.  Er  bemerkt  noch, 
dass  die  Büste  im  Rücken  flach  ist. 

>)  Vgl.  die  Arasbüste  unter  den  sieben  Wochengottern  Pitt  d'Ero.  III  60 


üeber  einige  Bronxebilder  des  Area.  15 

des  Ares  spielt  in  den  Dichterstellen,  welche  die  Natarbedeatang  des 
Grottes  vernehnüich  nachklingen  lassen  (unten  S.  39),  so  kann  ein  Zweifel 
hieriiber  wohl  nicht  bestehen,  dass  der  Schild  auf  das  Himmelsgewölbe 
deutet,  ein  Bild,  das  auch  sonst  durch  die  Poesie  fortgepflanzt  worden  ist. 
Der  Helm  ist  dem  der  MUnchener  Bronze  sehr  ähnlich ;  es  treten  hier  an 
Stelle  der  Widderköpfe  einfache  Voluten,  ein  Ersatz,  der  nicht  zu- 
fällig erscheinen  wird,  wenn  man  die  Formenverwandtschaft  beider 
Dekorationsmotive  ins  Auge  fasst.  Ausdruck  und  Formen  des  Ge- 
sichtes, die  Haltung  des  Kopfes,  machen  hier  einen  weichlicheren 
Eindruck,  der  durch  die  fleischige  Bildung  des  Halses,  der  Schulter, 
des  Armes  verstärkt  wird ;  und  doch  kann  kein  Zweifel  obwalten,  dass 
diese  Büste  von  demselben  Original  abgeleitet  ist,  wie  die  in  Kopen- 
hagen, Neapel,  München  und  den  nämlichen  Gott  darstellt,  wie  die 
Bronaen  in  Berlin  und  von  der  Mosel.  Wir  gewahren,  wie  bei  diesen 
dekorativen  Bronzen  die  Formen  und  der  Ausdruck  des  Gesichts  inner- 
halb ziemlich  weiter  Grenzen  fluctuirten,  und  die  Interpretation  sich  vor 
Allem  an  gewisse  attributive  Merkmale  allgemeiner  Art  zu  halten  hat. 
Die  sechs  Büsten,  welche  wir  zusammengestellt  haben,  zeigen  Ares  Jugend- 
Uch,  bartlos,  idealschön,  mit  vollem  niederfallendem  Lockenhaar,  den 
Kopf  bedeckt  mit  dem  korinthischen  Helm;  zweimal  tritt  der  Schwertrie- 
roen  hinzu ,  zweimal  der  Schild ,  und  viermal  die  über  die  linke  Schulter  ge- 
worfene Chlamys,  welche  auch  vielen  Marmorstatuen  des  Ares  eigen  ist. 
Wäre  die  Behauptung  Visconti's  richtig,  dass  der  sog.  Achilles 
Borghese  wegen  der  Hroppa  venusta  de'  sembianti'  kein  Ares  sein  könne, 
und  dass  dieser  Gott  regelmässig  durch  kürzeres  krauses  Haar 
charakterisirt  sei,  so  würden  hieraus  gerechte  Zweifel  sich  ergeben, 
ob  jene  Büsten  den  Ares  darstellen  können.  Indessen  hat  schon  Raoul 
Rochette  mit  gutem  Grund  dieser  Anschauung  widersprochen  0* 

S.  263,  MuB.  Horb.  YII  8  (Helbigr  n.  1006) ;  und  die  schöne  Petersbarger  Gemme 
bei  Maller- Wieseler  II  28,  248,  welche  Aehnlichkeit  mit  unseren  Bronzen  hat, 
und  mehr  noch  mit  dem  durch  die  Aufschrift  APHG  gesicherten  Brustbild  einer 
Knochentessera  Mon.  dell'  Inst.  JY  (1848)  Tay.  52,  6.  Auch  auf  einer  Berliner 
Paste  (III  Kl.  866),  von  der  ein  Abdruck  mir  TorHegt,  unterscheidet  man  an 
der  linken  Seite  den  Schildrand. 

')  Monum.  in6d.  S.  55,  8.    Winckelmann  hatte  bereits  hingewiesen  auf 
die  Stelle  des  Justinus  martyr  §.  8  p.  4  ui^rig  .  .  .  y/o(  wy  *al  to^lög.    Schon 
Od«  ^.  810  heissi  Ares  xaXog  n  utü  agtinos,  im  Lied  yon  seiner  Buhlschaft  mit 
Aphrodite.    Schön  gepflegtes  Haar  bezeugt  0?id  fast  III  am  Anfang: 
Bellice,  depositis  clipeo  paulisper  et  hasta, 
Mars,  ades  et  nitidas  casside  solve  comas. 


16  üeber  einige  Bronzebilder  des  Ares. 

Ursprünglich  rechtmässiger  Gemahl  der  Aphrodite  ^),  muss  Ares 
im  späteren  mythologischen  System  vor  Hephaest  weichen  und  wird 
zu  ihrem  Buhlen.  Dieser  Liebesverkehr  zwischen  Ares  und  Aphrodite 
wird  in  Poesie  und  Kunst  der  alexandrinischen  Epoche  mit  vieler 
Gunst  behandelt').  In  Rom  genoss  Mars  als  italischer  Hauptgott, 
als  der  befruchtende  und  sengende  Himmelsgott  ^),  seit  alter  Zeit  das 
höchste  Ansehen.  Die  einströmende  jung-griechische  Sage  und  Kunst 
wandelte  ihn  um  zu  dem  heldenhaften  und  zärtlichen  Liebhaber  der 
Venus,  und  seit  Caesar  und  Augustus  fiel  von  dieser  Seite  her  neuer 
Glanz  auf  den  Kriegsgott.  Schon  Caesar  wollte  ihm,  nachdem  er  die 
Stamm-Mutter  Venus  Genitrix  verherrlicht  Wte,  ein  Heiligthum 
erbauen  von  unvergleichlicher  Pracht.  Diesen  Plan  nahm  Augustus 
auf  und  errichtete  Mars  jenen  Tempel ,  in  welchem  man  ihn  mit 
Venus  vereinigt  erblickte,  wie  in  den  Lectisternien  und  der  Circus- 
pompa.  Die  Einwirkungen  dieser  Verbindung  sind  deutlich  erkennbar  *) 
in  den  Kunstdarstellungen  des  Ares,  die  wir  besitzen,  und  von  denen 
sehr  wenige  älter  sind,  als  die  römische  Kaiserzeit.  Je  lieber  diese  sich 
Ares  als  den  zärtlichen  und  beglückten  Genossen  der  Liebesgöttin 


>)  Vgl.  0.  Jahn  arch.  Aufs.  S.  10. 

'J  Hierfür  sind  vielleicht  am  Bezeichnendsten  drei  Stellen  des  Ovid,  die 
aaf  kecke  und  familiäre  Ausfährung  dnrch  die  Hand  eines  alexandrinischen 
Dichters  zurüokschliessen  lassen.    Amor.  I  9,  40 

Mars  quoqne  deprensus  fabrilia  yincula  sensit, 
notior  in  caelo  fabula  nulla  fuit 
In  der  a.  a.  U  561 

fabula  narratur  toto  notissima  caelo, 

Mnloiberis  capti  Marsque  Venasque  dolis. 
und  met.  IV  189 

diuque 
haeo  fuit  in  toto  notissima  fabula  caelo. 
Dracontius  11  63  fif.  lasst  Klymene  den  Nymphen  singen  von  der  ßnhlsohaft  des 
Mars  und  der  Venus.  Des  Beposianus  Epyllion  vom  concubitus  Martis  et  Yenerts 
(Wemsdorf  poet.  lat.  min.  IV  1  S.  819,  in  Mejers  anthol.  lat.  n.  569,  in  Rieses 
Ausgabe  n.  268)  ist  sicherlich  aus  alexandrinischer  Quelle  abgeleitet  und  die 
h&uügen  Erwähnungen  dieses  Stoffes  bei  Nonnos  weisen  auf  gleichen  Ursprung 
zurück.  Auf  aUerlei  Ausschmückungen  und  Episoden  beziehen  sich  Dichter- 
stellen und  Kunstwerke;  vgl.  Apollod.  I  4,  4,  Nonn.  Dion.  29,  831,  anth.  Lat. 
ed.  Riese  n.  4,19  f.;  Heibig  Wandgem.  n.  827,  Annali  dell'  Inst.  1866  tav. 
d'agg.  EF,  Bullett.  dell'  Inst.  1869  S.  151. 

')  Vgl.  Bergk  Zeitschr.  f.  Alterthumsw.  1866  S.  129  fgg. 

«)  Vgl.  0.  Jahn  Her.   d.  s&chs.  Ges.  d.  W.  1661  S.  126  f. ,    1868  S.  200. 


üeber  einige  Bronzebilder  des  Ares.  17 

dachte,  um  so  aügemeiner  fasste  sie  ihn  als  idealen  Heldenjiingling 
in  gefalligen  anmuthigen  Formen.  Es  bewährte  sich  der  Vers  des 
anonymen  Dichters  der  Orestis  tragoedia  (332):  emollit  Cytherea  traeem 
per  proelia  Martern.  So  erscheint'  sein  Kopf  mehrmals  in  Verbindungen, 
die  jeden  Zweifel  ausschliessen,  langlockig  und  jugendlich  schön. 

Dies  scheint  zu  gelten  von  der  Büste  des  Ares  an  dem  sog.  astro- 
logischen Altar  von  Gabii  im  Louvre^.  Sie  ist  gepaart  mit  der  der 
Aphrodite,  zwischen  beiden  befindet  sich  Eros.  Die  Büsten  der  zwölf 
Götter,  die  übrigens  meistens  ergänzt  sind  —  die  des  Ares  ist  alt 
—  treten  genau  so  aus  der  Fläche  als  Hochrelief  heraus,  wie  die  als 
Affixe  angebrachten  Bronzebüsten.  Darf  man  den  Publikationen 
trauen,  so  hat  der  Kopf  des  Ares  einige  Aehnlichkeit  mit  1.     * 

Auf  einem  Terrakottenfriesstück  der  Sammlung  Campana  befinden 
sich  die  Brustbilder  zweier  Götterpaare,  von  Ares  und  ZeuS;  Hera  und 
Athene*).  Ares  trägt  den  korinthischen  Helm,  hier  mit  lang  herab- 
hängendem Schweif  verziert ;  das  Haar  quillt,  ganz  wie  an  den  Bronze- 
bildnissen, reich  und  lockig  an  Schläfen  und  Nacken  hervor  uüd  fällt 
übö"  die  Wangen  tiefer  herab.  Die  Formen  von  Schultiem  und  Hals 
shid  mächtig  entwickelt,  das  Gesicht  hat  vielleicht  Verwandtschaft  mit 
der  Berliner  Büste. 

Einige  Darstellungen  der  sieben  Planetengötter,  meist  in  Büsten- 
form,  mögen  hier  erwähnt  werden,  obwohl  die  Abbildungen  grössten- 
theils  zu  unvollkommen  sind,  um  schwer  ins  Gewicht  zu  fallen.  Ein 
Mosaik  des  Louvre,  das  ein  Planisphär  vorstellt»),  eine  Thonlampe*), 
eine  Münze  der  Antonine  von  Alexandria*)  scheinen  Ares  ähnliches 
Haar  und  ähnliche  Züge  zu  geben  wie  unsere  Bronze.  Noch  mehr 
dürfte  sich  dieser  die  Büste  nähern,  welche  unter  denen  der  sieben 
Planetengötter  an   der  oben    erwähnten  Bronzezange  angebracht  ist. 


>)  Abgebildet  in  Visconti'8  Monnm.  Gabin.  tav.  XV— XVII  und  öfter;  vgl. 
Gkiedeehens  der  raarmome  Hinunelaglobus  des  Antikenkabinete  zu  Arolsen 
S.  36,  wo  alle  Publikationen  yerzeicÜnet  sind.  Die  Ergänzungen  werden  am 
Genauesten  tingegeben  von  Fröhner  Notice  S.  11. 

')  Campana  ant.  opere  in  plastica  tav.  III,  Petersen  das  Zwölfgöttersystem 
der  Griechen  I  Taf.  D. 

»)  Clarac  PL  248  b. 

*)  Passeri  lue.  IS.  21, Martorelli reg.  tbeca  calam.  S.  330,  Kopp  Palaeogr.  III 
8.  376. 

*)  Miliin  gal.  myth.  XXIX  90,    vgl.  Lersch  Jabrb.  des  Vereins  IV  S.  167. 

2 


20  Ueber  einige  Bromebüder  des  Aree. 

lastet  durchaus  auf  dem  rechten  Beiu,  während  der  linke  Fuss  seit* 
wärts  leicht  aufsetzt  Auch  hierin  ist  augenscheinlich  Analogie  zwischen 
der  Wiener  Bronze  und  der  Statue  Lysipps :  nicht  minder  deutlich  und 
nicht  minder  lehrreich  sind  die  Abweichungen.  Der  Apoxyomenos 
ruht  nicht  ausschliesslich  auf  dem  Standbein,  dessen  Schenkel  nicht 
sehr  einwärts  gewendet  ist,  sondern  das  Spielbein  hilft  mittragen. 
Unsere  Aresfigur  zeigt  völlige  Entlastung  des  einen  Beines:  der 
rechte  Schenkel  ist  stark  einwärts  gestellt  und  unterstützt  den  Körper 
in  seinem  Schwerpunkt;  in  demselben  Maass  tritt  die  Hüfte  auf  der 
rechten  Seite  hervor,  ist  der  Oberkörper  auf  die  linke  Seite  hinüber- 
gebogen ^  und  die  linke  Schulter  erhöht  So  entsteht  eine  Verschie- 
bung, welche  den  Bindruck  grosser  Biegsamkeit  hervorbringt,  das 
Geftlge  der  Figur  verliert  an  Festigkeit,  der  Rhythmus  ihrer  Linien 
wird  schwungvoller  und  weichlicher.  Ich  ^ube,  dass  der  Künstler, 
ans  dessen  Händen  das  Vorbild  unserer  Bronze  hervoi^egangen  ist^ 
nicht  minder  dieser  Verwandtschaft  seines  Werkes  mit  der  berühmten 
Statue  Lysipps,  als  der  Abweichungen  von  demselben  sich  bewusst 
gewesen  ist. 

Auch  die  schlanken  Proportionen^)  des  Körpers  und  die  Model- 
lirung  seiner  Oberfläche  verrathen  Aehnlichkeit  Um  so  grösser  ist 
die  Verschiedenheit  der  Köpfe.  Die  Wiener  Statuette  senkt  das  fast 
weiblich  zart  gebildete  Antlitz  und  richtet  dabei  die  etwas  conver- 
girenden  Augen  —  sie  sind  eingesetzt  und  von  Silber  —  über  das 
Schwert  weg  auf  den  Beschauer  mit  einem  Ausdruck  leerer  Sentimen- 
talität Das  Haar  fällt  reich  und  lockig  auf  Wange  und  Nacken. 
Offenbar  soll  der  Vorstellung  jugendlicher  Schönheit  im  Sinne  jenes 
Modqieschmackes  genügt  werden,  von  dem  oben  die  Rede  gewesen  ist 

Auf  diese  Weise   scheint  die  Wiener  Statuette  zu  veranschau- 


')  Hoohbeiiiig  and  Behlank,  dem  Apoxyomenos  sehr  ähnlich  in  SteUong 
xOfd  Verhältnissen,  enoheint  Aree  anch  aof  einer  schönen  Münse  des  Commodos 
(Cohen  m  S.  106  n.  S72) ;  er  stemmt  mit  der  erhobenen  Linken  den  Speer  auf  and 
h&lt  in  der  Rechten,  als  Attribat,  einen  Zweig  (wie  aaoh  aaf  den  pompeianiäohen 
Bildem  Heibig  n.  278,  278  b,  einer  Gemme  MiUin  GaL  myth.  40,  167  und  auf 
römischen  Münsen  öftei^;  von  der  linken  Achsel  hftngt  die  Chlamys  herab,  auf 
dem  Kopf  trftgt  er  den  hohen  korinthischen  Helm.  Einen  Abdruck  der  Münze 
▼erdenke  ich  Conze.  Dass  dieae  Verhältnisse  Ares  arsprüngiiöh  nicht  zukommen 
nnd  ihm  erst  Ton  der  jüngeren  Kunst  verliehen  werden,  kommt  in  der  Fdlge 
zur  Sprache. 


üeber  einige  Bronzebilder  des  Ares.  dl 

lieben ,  wie  Lysipps  Schöpfungen  in  hellenistischer  Zeit  nachgebildet  und 
modifijdrt  worden  sind. 

Es  verdient  noch  hervorgehoben  zu  werden,  dass  der  von  einer 
Sphinx  bekrönte  Helm  in  der  Form  selbst  bis  auf  die  Falten  an  der 
Seite  genau  mit  dem  der  Berliner  Bttste  übereinkommt 

B.  Als  das  bedeutendste  Stück  unserer  Reihe  und  den  Haupt- 
schmuck dieser  Publikation  betrachte  ich  die  graziöse  feingearbeitete 
Bronzestatuette,  welche  auf  Taf.  XI  XE  zum  ersten  Mal  abgebildet  ist. 
Das  Original,  aus  Oberägypten  stammend ^  gehört  Frau  Sabine  von 
Horhy  in  Fiume.  Dort  sah  es  vor  einigen  Jahren  A.  CWnze,  und  ent- 
sann sich  freundlich  meines  Interesses  für  diese  Gattung  von  Bronze- 
bildem.  Auf  seine  Bitte  willigte  die  liebenswürdige  Besitzerin  nicht 
nur  ein,  dass  ihre  kleine  Antike  von  mir  veröffentlicht  werde,  sondern 
sie  stellte  ihm  auch  zwei  gute  Kartenphotographien  zur  Ver- 
fügung, nach  denen  vermittelst  photographischer  Vergrösserung  unsere 
beiden  Tafeln  gearbeitet  sind.  Conze  theilt  mir  mit,  dass  die  einzige 
literarische  Erwähnung  der  Bronze  sich  finden  dürfte  in:  Gatalogue 
of  a  most  interesting  collection  of  Egyptian  antiquities  principally  found 
at  Thebes  and  Abydos,  during  the  years  1818,  19,  20  and  21  etc. 
which  will  be  sold  by  auction  by  Mr.  Sotheby  and  son  at  their  house 
Wellington  Street,  Strand,  on  Monday  the  13th  of  May,  1833  etc. 
Daselbst  ist  S.  25  unter  der  Rubrik  'Greek  and  Roman  antiquities 
found  in  Egypt'  als  n.  298  aufgeführt:  'Statue  of  Mars,  of  the  finest 
Greek  style,  wanting  the  left  arm,  8  inches  high'. 

Der  verloren  gegangene  linke  Arm  hielt  wahrscheinlich  das  kurze 
Schwert  mit  dem  Parazonium.  Der  rechte  Arm  ist  emporgereckt  und 
die  Hand  an  den  Helm  gelegt;  von  den  drei  Fingern,  welche  ihn  be- 
rührten, sind  zwei  abgebrochen.  Dieser  Gestus  ist  aufzufassen  als  ein 
Zurechtrücken  des  Helmes  und  giebt  ein  beliebtes  Bewegungsmotiv 
ab  für  kriegerische  Figuren.  Und  zwar  fasst  die  Hand  bald  an  den 
Helmschirm,  bald  ist  sie  mehr  auf  die  Höhe  des  Helmes  gelegt,  je 
nachdem  dieser  zurückgeschoben  oder  tiefer  in  den  Kopf  gedrückt  und 
fester  gesetzt  werden  soll  ^).  Es  läge  hiemach  nahe,  diesen  Gestus  auf- 


^)  Zweimal  an  jagendlichen  Kriegerfiguren  aaf  ddm  sog.  Sarkofag  des 
SeptimioB  Seyerus  im  Kapitol,  abgebildet  bei  Rigbetti  il  Campid.  illustr.  I  Taf. 
188  und  sonst;  einmal  auf  dem  cntspreobenden  Relief  des  Louvre,  abgebildet  in 
Winckelmanns  Mon.  ined.  Taf.  124  (0.  Jahn  aroh.  Beitr.  S.  354  MN).  Femer 
auf  dem  Fragment  im  Atlas  zu  Winckelmanns  Kunstgeschichte  132;   auf  dem 


22  lieber  einige  Bronzebilder  des  Ares. 

zufassen  als  den  Ausdruck  des  Aufbörens  oder  des  Beginnes  kriege- 
rischer Aktion;  und  dieser  Gedanke  könnte  besonders  da  angezeigt 
scheinen,  wo  es  der  korinthische  Helm  ist  mit  dem  Yisir,  der  vor 
dem  Kampf  in  das  Gesicht  gedrückt  und  nach  demselben  wieder  zu- 
rückgesetzt wird.  Indessen  sprechen  die  Monumente  durchaus  nicht 
für  di&se  Annahme ;  denn  die  Scenen ,  in  welchen  der  Gestus  vorkommt, 
verbieten  meist  an  ein  Ausruhen  nach  dem  Streit  oder  an  kriegerische 
Vorbereitung  zu  denken.  Hiemach  haben  wir  es  blos  mit  einem  sehr 
beliebten,  für  kriegerische  Gestalten  geradezu  attributiv  gewordenen 
Motiv  der  Bewegung  zu  thun,  welches  eben  so  künstlerisch  dankbar, 
als  an  sich  schicklich  und  natürlich  scheint. 

Die  Stellung  ist  wiederum  der  des  Apoxyomenos  ähnlich;  sie 
drückt  elastische  sichere  Jugendkraft  aus.  Es  scheint  dass  die  meisten 
Aresstatuen  ungefähr  denselben  Stand  haben,  indem  der  Körper  auf 
dem  rechten  oder  linken  Bein  ruht,  und  das  andere  mehr  oder  weniger 
seitwärts  gesetzt  ist.  Auch  begegnen  wir  namentlich  auf  den  Sarko- 
fagen  überaus  häufig  Heroen  und  Doryphoren  in  der  nämlichen  Stellung. 

Die  Photographie  lässt  die  Behandlung  des  Körpers  um  ein 
weniges  kräftiger  erscheinen  als  unsere  Abbildung.  Ganz  verschieden 
ist  hier  und  dort  der  Eindruck  des  Gesichtes;  es  hat  leider  unter  der 
Hand  des  Lithographen  seinen  sehr  bestimmten  Charakter  eingebüsst. 
In  der  Photographie  entspricht  dasselbe  durchaus  einem  Typus 
heroischer  Jünglingsköpfe,  welcher  in  der  kampanischen  Wandmalerei 
häufig  wiederkehrt.  Erinnern  wir  uns  zugleich  der  Provenienz  unserer 
Bronzestatuette,  so  wird  dem  Kundigen  ohne  Weiteres  klar- sein,  dass 
an  den  schönen  Kopf  derselben  sich  ein  besonderes  Interesse  knüpft. 
Der  Ausdruck  des  Gesichtes  ist  in  der  AJ[)bildung  heiter,  in  der 
Photographie  ernst,  stolz  und  feurig.  Das  Haar  quillt  in  reichen 
vollen  Locken  unter  dem  Helm  hervor,  der  wiederum  von  der  korin- 
thischen Form  ist  und  bekrönt  mit  einem  mächtigen  Busch. 

G.  Zu  diesen  Figuren  ruhigerer  Art  habe  ich  eine  dritte  von 
energischer  Bewegung  fügen  mögen:  Ares  wie  er  kampfmuthig  in  die 
Schlacht  stürmt.    Das  Original  befindet  sich   im   alten  Museum   in 


Relief  *SuoveUurilia*  bei  BouiUon  T.  III  Basrel.  pl.  SO  and  bei  Clarac  pL  221. 
Hier  greift  überaU  die  Hand  an  den  Helroschirm;  dagegen  legt  die  siUende 
Athene  am  Giebel  des  kapitolinisohen  Jupitertempels  Mon.  ined.  deir  Inst.  Y 
(1851)  tav.  36  (vgl.  arob.  Zeit,  1872  S.  8)  die  Hand  oben  auf  den  Helm. 


Deber  einige  BrontelHlder  dM  An». 


24  üeber  einige  Bronsebilder  de«  Aret. 

Berlin^);  der  eingedruckte  Holzschnitt  ist  nach  einer  schönen  Zeich- 
nung angefertigt,  die  mein  Freund  Herr  Architekt  Reinike  von  einem 
mir  durch  E.  Curtius  vermittelten  Abguss  genommen  hat.  Obwohl 
die  Oberfläche  der  Bronze  (ihre  Höhe  beträgt  6V8'0  an  einzelnen 
Stellen  und  namentlich  im  Gesichte  stark  gelitten  hat,  trägt  sie  doch 
die  Spuren  grosser  Schönheit.  Die  Unterarme  sind  abgebrochen ;  ohne 
Zweifel  hielt  die  linke' Hand  den  Schild,  die  rechte  entweder  Speer 
oder  Schwert.  Ungemein  häufig  haben  griechische  Städte  ihren  lokalen 
Heros  in  ähnlicher  Haltung ,  nackt  bis  auf  den  Helm ,  bewehrt  mit 
Speer,  oder  kurzem  Schwert  und  Schild ,  auf  ihre  Münzen  geprägt '). 
Aber  auch  Ares  erscheint  ebenso  auf  Münzbildern;  von  ihm  ist  das 
Motiv  wohl  erst  auf  Heroen  übertragen,  aber  schwerlich  nach  Belieben. 
Man  hat  ihn  mit  Recht  erkannt  auf  Münzen  der  Bruttier  {B^errtiov) 
in  dem  unbärtigen  nackten  Kämpfer,  der  Schild  und  Speer  vorstreckend, 


^)  Friederichs  kleinere  Kunst  und  Industrie  S.  898  n.  185  1  *  beschreibt  die 
Figur  folgendermassen.  *  Nackter  Jüngling,  die  Brust  vom  Schwertriemen  durch- 
schnitten, mit  einem  Helm  auf  dem  Kopf.  Die  beiden  Arme  fehlen  vom  Eilen- 
bogen an.  Der  Jüngling  schreitet  mit  starken  Schritten  davon,  während  sein 
Kopf  sich  stolz  umdreht.  Beide  Fasse  restaurirt.  Es  ist  gewiss  etwas  Heroisches. 
Das  Motiv  ist  sehr  schön  und  der  ganze  Charakter  der  Figur  griechisch.' 

')  Namentlich  die  Opuntier  Aiax  den  Lokrer  (Mionnet  descr.  If  S.  91, 
Suppl.  III  pl.  15,  4,  5»  vgl.  S.  489  fgg.,  mit  dem  Namen  descr.  des  med.  du 
cab.  Dupre  pl.  II  217,  Annali  dell'  Inst.  1866  S.  381);  die  Thebaner  Kadmos  (Mil- 
lingen  anc.  coins  Taf.  IV  12,  den  Abdruck  eines  vollständigeren  Exemplares 
verdanke  icli  Herrn  Imhoof-Blumer),  die  Tegeaten  wahrscheinlich  den  Kepheus 
(Bröndstedt  Reisen  II  289,  Overbeck  Gal.  her.  Bildw.  Atlas  Taf.  XI  4,  vgl. 
Overbeck  Gal.  Taf.  XXIX  13,  Archaeologia  vol.  XXXII  pl.  XI  S.  162),  die 
Syraknsaner  den  Leukaspis  (Eckhel  doctr.  num.  I  S.  246,  Annali  dell'  Inst. 
1829  S.  810;  einen  Abdruck  mit  der  Unterschrift  Au^xnamg  und  dem  Vorder- 
theil  eines  vor  dem  Heros  auf  dem  Bücken  liegenden  Widders  besitze  ich  durch 
Herrn  Imhoofs  Güte),  die  Aspendier,  Trikaeer,  Kierier  unbekannte  Heroen 
(Gombe  mus.  Hunter  YII  15—18,  Taylor  Combe  numi  mus.  Brit.  Y  11,  Monum. 
deir  Inst.  YIII  1866  tav.  82,  4).  Yielleicht  Hessen  sich  von  einigen  dieser  Heroen 
engere  Beziehungen  zu  Ares  erweisen;  in  Tegea  und  Theben  war  die  Yerohrung 
des  Ares  heimisch,  die  Syraknsaner  setzten  den  Kopf  des  Ares  auf  ihre 
Münzen.  Ich  verdanke  Herrn  Imhoof  den  Abdruck  einer  sehr  schönen  Gold- 
münze von  Syrakus  mit  einem  lorbeerbekranzten  jugendlichen  Kopf,  der  g^enau 
übereinstimmt  mit  den  Köpfen  der  Mamertinermünzen ,  welche  die  Aufschrift 
jiQiog  tragen.  —  Bekanntlich  stellen  Statuen,  Reliefe  und  Münzen  besonders  gern 
Athene  in  dieser  stürmischen  Angriffsbewe^ng  dar. 


Qeber  «ifüg«  ~JSrcitiMbilder  des  Arei.  36 

den  Helm  auf  dem  Kopf,  zum  Angriff  voiftärmt.  Denn  die  bnittiscben 
Mamertii^r  setzten  den  Kopf  des  Gottes  auf  ihre  Münzen ') ,  und  die 
Eule,  welche  auf  einem  von  Magnan  publizirteu  Exemplar  am  Boden 
aitsend  zugefügt  ist^),  dürfte  eher  Ares  als  irgend  einem  Heroen  zu- 
kommen. Zwei  andere  sind  nach  Abdrücken,  die  ich  Imfaoof-Blumer 
Terdanke,   hier  abgebildet,  zugleich  mit  einer  scbönen  Monze  von 


Meeaana,  die  gleichfalls  das  Bild  des  Ares  zn  tragen  scheint.  Das- 
selbe gilt  von  der  verwandten  Figur  auf  Marmeftinertnflnzen").  Imhoof- 
Blumer  erinoert  mich,  dass  aof  Münzen  dieser  Stadt  auch  Pallas  und 
Artemis  in  ähnlich  vordringender  Stelhing  vorkommen,  auf  BretUscheo 
Zeus,  ein  Umstand  der  die  Annahme  bestätige,  dass  die  Krieger^ur 
der  Mamertiner-  und  Bruttiermflnzen  gleichfalls  einen  Gott  vorstelle, 
Ares.  Vermuthlicb  wird  auch  der  Krieger  auf  Mtlnzen  der  thrakischen 
Bisyener,  der  mächtig  ausschreitend  den  Kopf  zurQckwendet  und  ausser 
Speer  und  Schild  eine  Sturmleiter  ti^gt,  richüg  Ares  benannt*).  In 
derselben  Kampfstellung,  aber  in  ruhigerem  Vorschreiten,  gewahrt 
man  den  Gott  auf  römischen  Familienmünzen,  wie  denen  der  gens 
Sulpicia,  mit  der  Umschrift  'Marti  ultori'^). 

Eine  Bronze  den  Wiener  Antikenkabinets*),  der  unsrigen  ähn- 
lich aber  ungleich  gröber  und  von  Sacken  wohl  mit  Becbt  etruskiscb 
genannt,  stellt  einen  jungen  Helden  vor,  welcher  im  Vorstürmen  das 


>}  Vgl.  HüUer-WieiGler  D.  a.  K.  II  23,  244.  Diese  Abbildung  ist  übrigens 
ohne  j«d«  Aehnlichlceit }  es  liegen  mir  Abdrücke  von  vier  sabr  schonen  Exem- 
plsreu  KOS  Imhoof-Blumera  Sammlung  vor,  die  ioh  «pätar  publioiren  werde. 

*)  Hagnu  Brattia  II  TU ,  wiederholt  von  Miliin    gal.  myth.  XXXIX  161. 

')  Vgl.  S.  27. 

*)  MOnte  des  Septimins  Sevemi,  nach  Toltereck  Electa  numaria  III  T  bei 
Hillin  XTXTX  1G2. 

*)  Vgl.  Theaanr.  Horell.  Salpia.  I. 

•)  Sacken  T^.  X  1. 


26  lieber  einige  Bronsebiider  de«  Ares. 

Schwert  mit  der  Rechten,  die  den  Griff  noch  hält  —  das  Schwert 
selber  ist  verloren  --,  aus  der  Scheide  zieht,  während  die  Linke,  wie 
ihre  Höhlung  beweist,  den  Schild  hielt  Ich  zweifele  nicht,  dass  auch 
in  dieser  Bronze  Ares  zu  erblicken  ist.  Nicht  minder  wahrscheinlich 
ist  mir,  dass  jene  häufig  begegnenden  etruskischen  Bronzefiguren 
eines  jungen  unbärtigen  Kriegers,  der  in  völliger  Kflstung  zum  Angriff 
vorschreitet,  den  Kriegsgott  darstellen  >). 

In  der  Formengebung  weicht  die  Berliner  Figur  von  den  beiden 
anderen ,  welche  vorher  besprochen  worden ,  beträchtlich  ab ;  sie  weist 
auf  ein  Original  älterer  Epoche  zurück.  Wie  der  gewählte  Moment 
einen  anderen  Geschmack  verräth,  ist  auch  der  Körper  straffer  und 
nerviger  gebildet.  Unter  dem  korinthischen  Helm  kommen  reiche 
Lockenmassen  hervor,  das  Gesicht,  obwohl  seine  Oberfläche  zerstört  ist, 
hatte  jugendliches  Aussehen,  der  Mund  ist  etwas  geöffnet. 

Ich  habe,  als  charakteristische  Darstellungen  des  Ares,  drei  Bronze- 
statuetten aneinander  |[ereiht,  die  nicht  etwa  dadurch  als  solche  sich 
ausweisen,  dass  Haltung  und  Bewegung  derselben  dem  Kriegsgott 
ausschliesslich  zukämen^).  Auch  spricht  der  Typus  der  Köpfe  nicht 
in  absolut  zwingender  Weise  zfk  Gunsten  des  Ares;  er  fiuctuirt  hier 
nicht  weniger,  als  wir  es  vorhin  bei  den  Bronzebüsten  wahrnahmen, 
die  wir  trotzdem  mit  gutem  Girunde  Ares  vindidrt  haben.  Die  Art 
der  Bewehrung  entspricht  zwar  den  sicheren  Bildnissen  des  Gottes, 
aber  auch  sie  kann  an  sich  keinen  Ausschlag  geben,  weil  sie  mit  dem 
ziemlich  allgemeinen  Brauch  der  Heroendarstellungen  übereinstimmt. 

^)  Vgl.  z.  B.  8pec.  of  ano.  Sculpt.  II  PI.  4,  Fröhner  miuees  de  France  pl.  19. 

')  Andere  Bronzefigoren  des  jugendlichen  Ares,  die  dem  nämlichen  Typus 
zogehören,  sind  früher  pnblicirt  worden.  So  die  woblerhaltene  Statuette  von 
Herculaneum  abgebildet  Bronzi  d'Erool.  II  18  and  Mus.  Borb.  XIII  26;  man 
hat  sich  in  die  Rechte  das  Schwert  mit  dem  Parazonium,  in  die  Linke  den  Speer 
zu  denken.  Das  Gleiche  gilt^von  der  offenbar  falsch  ergänzten  und  gedeuteten 
Figur  in  den  Monum.  deil*  Inst.  1854  S.  116  tav.  36,  und  von  einer  andern  bei 
Caylus  Recueil  III  pL  121,  1,  wo  nur  die  Linke  höher  erhoben  ist.  Eine  völlig 
intacte  Bronzefignr  des  Ares  zeigt  eine  Abbildung  in  der  Lettera  sugli  scavi 
fatti  nel  circondario  dell'antica  Freja  del  dottor  F.  Benign!  al  celeberr.  Sig. 
Gay.  Albino  Luigi  Miliin  (Macerata  1812)  tay.  IX  fig.  6.  Sie  hat  in  der  er- 
hobenen Rechten  den  Speer,  in  der  Linken  einen  kleinen  Schild;  der  linke 
Schenkel  lehnt  an  einen  Stamm,  die  Wangen  sind  von  den  Helmklappen  .bedeckt. 
Yermuthlioh  sind  hier,  sei  es  am  Original,  sei  es  blos  in  der  Zeichnong,  Er- 
gänzungen hinzugekommen. 


Udber  einige  fironeebilder  dei  AreB.  27 

So  könnte  meine  Deutung,  obwohl  sie  durch  die  Yergleichung  der  von 
mir  zusammengestellten  Büsten  und  Münzen  näher  gelegt  ist  als  jede 
andere,  fraglich  erscheinen;  und  in  diesem  Fall  würde  immer  wieder 
die  Entscheidung  schwanken  zwischen  Ares  .und  Achill.  Ich  glaube 
aber  meiner  Ansicht  eine  starke  Stütze  verleihen  zu  können,  wenn  ich 
wahrscheinlich  mache,  dass  wir  schwerlich  eine  plastische  Einzeldar- 
stellung des  Achill  besitzen,  und  dass  alle  oder  fast  alle  jene  Statuen 
und  Köpfe,  deren  Benennung  schwankt  zwischen  Ares  und  Achill,  auf 
den  Ersteren  bezogen  werden  müssen  0.  Es  handelt  sich  hier  haupt- 
sächlich um  jene  Gruppe  von  Figuren  und  Büsten,  deren  bekanntester 
Bepräsentant  der  sogenannte  Achilles  Borghese  ist  Ich  glaube,  dass 
die  folgende  Zusamm^tellung,  indem  sie  von  sicherem  Ausgangspunkt 
zu  den  fraglichen  Darstellungen  vorschreitet,  zugleich  eine  Serie  bildet, 
deren  Zusammengehörigkeit  nicht  geleugnet  werden  kann,  und  dass 
auf  diese  Weise  schon  die  Zusammenordnung  unsere  Frage  entscheidet. 
Gelegentlich  werden  andere  Erwägungen  zu  Hülfe  kommen. 

a.  Eine  sichere  Grundlage  giebt  die  Statue  des  Ares  vom 
Fastigium  des  kapitolinischen  Jupitertempels  ab,  welches  jüngst  nach 
einer   Zeichnung  der  Goburger  Handschrift  in  der  archaeologischen 


')  Freilich  beschreibt  uns  Christödor  eine  Erzstaiue  des  Achill,  weiche 
im  Gymnasien  des  Zeuxippos  in  Konstaniinopel  stand,  folgendem assen,  ecphras. 
291  £ 

ttl^fir^tfl^  6'  aviovXog  Hufin^TO  6iog  *Ax*J^vg, 
yvfivos  itov  aaxiwv.  i^oxivi  fdki^tyj^g  kUaattv 
di^ireQ^f  axtu^  6k  aaxog  /aJlx€^oy  afCgtiv 
ax^fioTi  texyriim'  fAodav  «T  änintfinev  anukifv 
^agai'i  Tolfirjj€yn  ndfiy/iivog.  al  yicg  ontonal 
yy^aipv  ri^os  ttptuvov  a^iov  AfaxiSatov. 
Also  war  die  Figur  der  Rüstung  ledig  (da  aaxea  schwerlich  die  Rüstuug  be- 
deuten kann,  scheint  mir  das  Wort  verdorben),  und  trug  Nichts  in  den  Händen ; 
aber  die  Haltung  der  Arme  war  als  fahre  der  Held  in  der  Rechten  den  Speer, 
in  der  Linken  den  Schild.    Das  Gesicht  drückte  kriegerisches  Feuer  aus.    Ist  es 
für  uns  maassgebend,  wenn  Christödor  diese  Statue  für  Achill  hält  ?    Ich  glaube 
nicht;  wir  dürfen  hieraus  nicht  mehr  folgern,  als  dass  ihr  dieser  Name  beigelegt 
war  in  dem  Katalog,  den  Christödor  benützte,  oder  der  Aufschrift,   welche  die 
Statue  trag.    Denn  dass  der  Ekphrast  sich  an  bestimmte  tituli  hielt,  die  ihm  vor- 
lagen, wird  durch  einige  Stellen  seines  Gedichtes  erwiesen  (863  ff.  407  ff.).    Die 
'statuae  Achilieae'  waren    eben  ein  bequemer  Gattungsbegriff,  der  vermatblich 
auch  auf  Statuen  des  Ares  angewandt  wurde. 


08  D«ber  einige  BroDzebilder  dei  Are*. 

Zeitung  abgebildet  worden  ist').  Der  jugendliche  Gott  steht,  gerade- 
aus schauend ,  auf  einer  kleioen  Basie ,  unbekleidet  bis  auf  den  hoben 
Helm  und  die  Chlamys,  die  leicht  auf  die  linke  Schulter  vomOber 
gelegt  ist  und  von  dem  linken  Vorderarm  herabhängt.  Die  erhobene 
Rechte  fa^t  den  aufgestemmten  Speer,  die  niedergehende  Linke  hält 
das  Schwert,  welches  aufwärts  gerichtet  ist  und  am  Oberarm  anlehnt. 
Es  nnterliegt  wohl  keinem  Zweifel,  dass  diese  Figur  einer  römischen 
Tempelstatue  ziemlich  getreu  nachgebildet  ist.  Auf  Mttnzen  der  geos 
Mescinia')  steht  eine  ähnliche  Aresstatue  anf  hohem  Sockel  mit  der 
Weihinschrift  S-P-O'R'V-P-REO-CAES-  ,  die  mit  geringer  Ver- 
änderung mehrmals  wiederkehrt  Eine  Münze  von  Paeatnm»)  weist  die- 
selbe Figur  auf  ganz  niedriger  Basis,  und  diese  fehlt  ganz  auf  den 
FamilienmüDzen  der  Claudier,  welche  Ares  in  der  nämlichen  Weise 
darstellen*).  Eine  schöne  MamertinermUnze  mit  nah  verwandtem 
Bilde,  in  Imhoof-Blumers  Besitz,  ist  hier  abgebildet.  Ares  hält  in  der 
Rechten  das  Schwert  mit  dem  Parazonium,  in  der  Linken  die  Lanze, 
an  die  der  Schild  lehnt  Eine  zweite  unterscheidet  sich  durch  den 
mangelnden  Helm,  stellt  aber  sicherlich  auch  Ares  dar;  hier  ist  das 
reiche  Haupthaar  bemerkenswerth. 


b.  Mit  dem  kapitolinischen  Ares  stimmt  eine  angeblich  aus  dem 
Peloponnes  stammende  Statue  in  so  augenscheinlicher  Weise  überein, 
dass  auch   ihre  Bedeutung  als   gesichert  angesehen   werden  muss*). 

>)  Arch.  Zeit.  1872  Taf.  67. 

')  Tgl.  Cohen  deaor.  des  monii.  de  le  rep.  Rom.  pl.  27,  1.  2.  6. 

■)  CareUi  tav.  136,  108.  109. 

')  Cohen  pl.  12,  8.  9.  12. 

•}  PacJELudi  Mon.  Peloponn- ,  Titelbild.  Vgl.  Rnoul  RoohetU  Mon.  in^d. 
S.  58  fff.  n.  10.  In  Besiehung  «uf  die  Änordnimg  des  Oewendea,  deBaen  über 
die  linke  Schulter  gelegter  Zipfel  in  der  Abbildung  wie  eine  Lowentatxe  aua- 


üeber  «inige  Bronsebilder  ddB  Ares.  29 

Der  rechte  Arm  ist  abgebrochen;  zur  Stütze  für  die  über  den  linkoi 
Arm  fallende  Chlamys  dient  ein  Panzer,  welcher  ain  Boden  steht.  Die 
Figur  ruht  mehr  auf  dem  linken  Bein,  die  kapitolinische  Statue  auf 
dem  rechten,  und  setzt  das  linke  in  ähnlicher  Weise  zurück,  wie  die 
Bronze  von  Finme. 

c.  Eine  in  Ostia  gefundene  Statue,  die  nach  England  gekommen  % 
weicht  nur  darin  von  der  vorerwähnten  ab,  dass  hier  die  Chlamys  von 
der  linken  Schulter  quer  über  die  Brust  geht  und  auf  der  rechten 
Achsel  durch  eine  Spange  zusammengehalten  ist ;  an  Stelle  des  Pan- 
zers  fungirt   ein   Baumstamm.     Diese   Statue   trägt   die  Aufischrift 

MARTI.  Es  ist  bekannt  genug,  dass  man  in  Tempel  und  Kultstätteu 
auch  die  Kunstdarstellungen  anderer  Gottheiten ,  als  der  eigentlichen 
Inhaber,  geweiht  hat^);  immerhin  aber  war  durch  diese  Inschrift  die 
Annahme  am  Nächsten  gelegt  worden,  für  welche  nunmehr  die  Co- 
burger Zeichnung  endgültig  entscheidet  lieber  den  Charakter  der 
Körperformen,  Bildung  und  Ausdruck  des  Gesichtes  wird  kein  Kun- 
diger aus  den  Abbildungen  bei  Güattani  und  Clarac  Schlüsse  ziehen 
mögen ;  doch  darf  vielleicht  das  volle  lange  Haar  hervorgehoben  werden. 

d.  Mit  dieser  Statue  haben  qchon  die  Herausgeber  der  ^antiken  Bild- 
werke des  Lateranensischen  Museums'  eine  nah  verwandte  des  Lateran 
zuammengestellt^).  Sie  ruht  nicht  auf  dem  linken,  sondern  auf  dem 
rechten  Bein ;  das  Gewand  fällt  im  Bücken  breit  und  tief  herab  und 
bildet  einen  ruhigen  Hintergrund  der  Figur;  der  Panzer  hängt  über 
einem  Stamm  zur  Rechten.  Beide  Arme  sind  ergänzt.  Die  Verglei- 
chung  der  ähnlichen  Statuen  des  Gottes  könnte  auf  die  Vermuthung 
leiten,  dass  die  Linke  das  Schwert  geführt,  wie  auch  der  Restaurator 
annahm,  doch  in  etwas  anderer  Haltung,  und  die  erhobene  Rechte 
den  Speer.    Indessen  scheint  der  letztere  auf  dieser  Seite ,  vor  Baum- 


wibi,  füiimit  genau  überein  die  auch  sonst  ähnliohe  Statoe  des  Galigul»  bei 
Yiseonti  mos.  Pio-Clem.  III  tav.  3. 

1)  Gnattani  Mon.  ined.  1806  Tai  18,  vgl.  S.  87-92;  Clarac  827,  2074, 
▼gL  Fea  Viaggio  ad  Ostia  S.  58,  Raonl  Roohette  Mon.  ined,  S.  68,  Hirt  Bilderb. 
S.  52,  V^elcker  das  akad.  Kunstmas.  (II.  Aufl.)  S.  80  n.  45,  Urlichs  a.  a.  0.  S.  86. 

')  Sohon  Welcker  a.  a.  0.  citirt  hierfür  Annali  VI  198;  vgl.  ausserdem 
Letronne  Revue  aroh^L  1844  S.  888  'sur  Pusage  des  anoiens  de  oonsacrer  la 
Statue  d'un  dieu  a  un  autre  dieu,  K.  Keil  insoript.  Boeot  S.  87. 

>)  A.  a.  0.  a  79  fgg.  n.  172,  publioirt  von  Clarac  685,  1485  und  von 
Garmeoi  mus.  Lat.  tav.  XXYII. 


dO  Ueber  einige  Bronxebilder  des  Ares. 

Stamm  und  Panzer,  keinen  passenden  Platz  zn  haben,  and  die  Ver- 
fasser der  Bescbreibnng  des  Lateranischen  Mnseams  artheilen  wohl 
mit  Rechte  dass  Haltung  und  Anlage  der  Figur  der  Annahme  günstig 
sind,  sie  habe  arsprünglich  den  Speer  in  der  Linken  gehabt.  Dieser 
Fall  ist  der  seltenere;  es  konnte  wohl  bei  Einzeldarstellungen  des 
Gottes  nur  da  passend  erscheinen,  ihm  den  Speer  in  ^ie  Linke  zu 
geben  ^),  wo  die  Rechte  mit  dem  Schwert  als  der  Hauptwaflfe  und  dem 
wesentlichen  Attribut  ausgestattet  war*),  oder  auch  der  Gott  fem 
von  Kriegsgedanken  in  feiernder  Ruhe  und  versenkt  in  Liebessinnen 
vorgeführt  wurde').    Es  ist  berechnete  Absicht,  dass  der  Ares  Ludovisi 


*)  Statitts  schildert  in  der  Tbebais  wie  Ares  dabinfahrend  auf  seinem 
Kriegswagen  von  Aphrodite  aufgehalten  wird  mit  zärtlichen  Vorwürfen  und 
Bitten;  da  heisst  es  von  ihm,  III  202 

hastam  laeva  transanmit  et  alto 
—  l^aud  mora  —  desiluit  ourro,  clipeoque  receptam 
laodit  in  amplexu  dictisque  ita  mnicet  amicis. 

')  Vgl.  folgende  Aresbildnisse :  Sacken  d.  Wiener  Antikenkab.  I  Taf.  6,  8, 
Mus.  Borb.  I  46,  VIII  56,  und  die  oben  abgebildete  Mamertinermünze.  So  oft 
Ares  einzeln  bewehrt  mit  Speer  und  Schild  dasteht,  und  so  erscheint  er,  nn- 
b&rtig  und  bärtig,  ausserordentlich  oft,  hält  die  Rechte  den  Speer.  Man  wird 
nicht  Figuren  entgegenhalten,  wie  das  kleine  Nebenbild  auf  dem  Feld  der 
Münzen  von  Ambrakia  Monum.  dell'  Inst.  I  tav.  14,  1.2  (hinter  einem  Athenekopf), 
welches  den  Ambrakischen  Qründungsheros  Qorgos  (vgl.  Axmali  1829  S.  314  ff.) 
darstellt,  nackt,  den  Helm  auf  dem  Kopf,  wie  er  die  Rechte  auf  den  Schild  legt, 
den  Speer  mit  der  erhobenen  Linken  festhält;  oder  das  Bild  der  Virtus  auf 
römischen  Kaisermünzen  (vgl.  Cohen  IV  pl.  6  und  18),  wo  sie  übrigens  dio 
Lanzenspitze  gegen  den  Boden  kehrt.  Auf  einem  römischen  Relief,  veröffentlicht 
Ber.  d.  sächs.  Ges.  1868  Taf.  IV  C  nimmt  Ares  an  einer  Opferscene  als  Zu- 
schauer  Theil,  ganz  im  Typus  der  statuarischen  Darstellungen  des  Gottes: 
jugendlich  und  nackt  bis  auf  die  über  die  linke  Schulter  geworfene  Ghlamys 
und  den  korinthischen  Helm,  und  stemmt  mit  der  Linken  den  Speer  auf,  indem 
der  die  susammengesohlossene  Rechte  in  auffallender  V^eise  vor  die  Brust  hält. 
Man  hat  sich  wohl  in  diese  Hand  das  Schwert  zu  denken,  mag  es  nun  im 
Original  abgebrochen  oder  nur  so  flüchtig  angedeutet  sein,  dass  der  Zeichner  es 
übersehen  konnte,  oder  mag  endlich  der  Arbeiter  es  aus  Nachlässigkeit  wegge- 
lassen  haben. 

•)  Irrthümlioh  ist  Starks  Angabe  (Philolog.  XXI  S.  485),  dass  der  sitzende 
Area  auf  einem  Reliefmedaillon  im  Triumphbogen  des  Constantin  (Müller-Wie* 
seler  I  70,  888)  die  Lanze  in  der  Linken  halte;  er  hält  sie  mit  der  Rechten. 
Uebrigens  sehe  ich  nicht  ein,  warum  diese  Figur  eine  Kopie  vom  Ares  des 
Skopas  sein  soll,  wie   mit  Stark  Overbeok  (Oesoh.  d.  griech.  Plastik  U  S.  16) 


üeber  einige  Bronzebilder  des  Ares.  81 

das  Schwert  mit  der  Linken  hält.  Aaf  dem  Terracottarelief  Campana 
hSIt  der  rahig  sitzende  Gott  den  Speer  mit  der  Linken,  und  legt  die 
herabhängende  Rechte  auf  den  Schild,  der  am  Boden  steht,  während 
Aphrodite  sich  im  Stehen  an  seine  rechte  Schalter  lehnt  ^).  —  Der 
Greslehtsausdruck  der  Lateranischen  Statue  ist  trflbe  and  schwermüthig. 

e  f.  Zwei  Wiederholungen  der  Lateranischen  Statue,  die  eine  im 
Palazzo  Mattei  in  Rom,  die  andere  in  der  Sammlung  Landsdowne'), 
werden  angefahrt  von  Benndorf  und  Schone. 

g.  Eine  Statue  der  Blundellschen  Sammlung,  welche  als  Theseus 
ergänzt  worden,  ist  unzweifelhaft  hier  einzureihen^).  Die  Chlamys 
fehlt;  die  SteUung  ist  wie  bei  b  c,  wie  dort  ist  auch  hier  an  der 
linken  Seite  eine  Stütze  angebracht,  und  zwar  wie  bei  c  ein  Baum- 
stamm. Der  rechte  Arm  ist  mit  einer  Keule  ergänzt ;  sicherlich  war 
er  mehr  erhoben  und  stemmte  den  Speer  auf.  Die  Linke  ist  unthätig 
über  den  Stamm  gelegt,  an  dem  das  Schwert  hängt.  Ich  muss  den 
rechten  Arm  und  das  obere  Stück  des  Stammes  für  modern  halten, 
obwohl  diese  Theile  unter  den  Ergänzungen  nicht  verzeichnet  sind; 
gewiss  war  das  Schwert  in  die  Linke  gegeben.  Am  Helm  sind  Greife 
angebracht.  Das  Haar  scheint  genau  dem  der  Lateranischen  Statue 
zu  entsprechen ;  der  Kopf  blickt  geradeaus,  gleich  dem  von  b.  Wäre 
es  yerstattet,  aus  der  Abbildung  Schlüsse  zu  ziehen  über  Formen  und 
Ausdruck  des  Gesichtes,  so  läge  die  Vergleichung  mit  dem  Ares  des 
Lateran  am  Nächsten.  Ich  möchte  aber  hierin  ebenso  wenig,  als  in  Be- 
ziehung auf  die  schlanken  Proportionen  des  Körpers,  der  Publikation 
Vertrauen  schenken. 

h.  Den  bisher  besprochenen  Statuen  steht  der  ^Achill  Borghese' 
weniger  nahe,  als  jene  unter  einander  stehen  ^),  Doch  überwiegt  die 
Verwandtschaft  so  sehr,  dass  die  Identität  der  dargestellten  Person 
für  wahrscheinlich  gelten  darf.    Es  kommt  hinzu,  dass,   wie  schon 


annimmt.  Eine  sohöne  Kupfermünse  der  Mamertinef  mit  dem  sitsenden  Ares 
findet  fliob  in  Herrn  Imhoofs  Sammlung. 

^)  Campana  op.  in  plast  II  104;  dine  Wiederholung  dieser  Reliefplatte 
■ah  ich  im  Mueeum  von  Arles, 

*)  Mon.  Matt.  I  10,  Clarac  648  A,  1436  A;  950,  2446  A. 

>)  Spec  of  anc.  scnlpture'  II  Taf.  19. 

*)  Abgebildet  Ferner  segm.  nob.  sign.  1688  tav.  39,  Bouillon  II  14  E,  Vis- 
conti mon.  scelti  Borghes.  tav.  III  1.  Braun  Kunatmyth.  Taf.  85,  Clarao  pl. 
268,  2078,  UrlichB  a.  a.  0.  S.  84.  unter  den  neueren  Besprechungen  der  Statue 
ist  henronraheben  die  von  ^riederiohs  Bausteine  n.  720. 


32  Üeber  einige  Bronzebilder  des  Ares. 

Andere  hervorgehoben  haben,  in  einigen  Gruppen  des  Ares  und  der 
Aphrodite  die  Figur  des  Gottes  mit  dem  'Achill  Boi^hese'  durchaus 
übereinstimmt  0*  Sicher  fasste  die  Linke  den  Speer;  ob  die  herab- 
hängende Rechte  das  Schwert  gehalten,  muss  sehr  fraglich  erscheinen. 
Nur  die  Finger  sind  ergänzt  und  die  innere  Handfläche  zeigt  keine 
Spur,  dass  hier  ein  Gegenstand  aufgelegen  habe. 

Obwohl  die  Figur  in  Ruhe  steht,  ist  das  rechte  Bein  wie  im 
Schritt  vorangestellt ;  es  setzt  fest  auf  und  kann  nicht  als  Spielbein 
gelten.  Hierdurch  erhält  die  Statue  eine  schwere  Festigkeit  des 
Standes.  Der  Oberleib  ruht  wie  unbeweglich  'in  den  Hafteu.  Der 
Kopf  ist  etwas  tiefer  gesenkt  als  am  Ares  des  Lateran,  das  lange 
Haar  legt  sich  glatt  und  schlicht  auf  Wange  und  Hals  ^),  während  es 
dort  voller  und  lockiger  ist  Das  Gewand  fehlt,  der  Körper  ist  völlig 
nackt  Im  Uebrigeu  herrscht  in  den  Proportionen  des  Körpers  und 
im  Allgemeinen  der  Haltung  augenschdnlich  Aehnlichkeit  *) ;  ich  wage 
nicht  vom  Kopf  dasselbe  zu  ^haupten. 

Conze  hat  diese  Statue  in  die  Reihe  der  Köpfe  und  Figuren  ge- 
stellt, welche  man  seit  Friederichs  auf  Polyklet  zurückzuführen  pflegt, 
während  er  selber  vorzieht  sie  für  attisch  zu  halten^).  Mir  scheint 
aber,  dass  der  Achill  Borghese  kaum  irgend  einen  Typus,  wie  er  aus 
der  Hand  eines  grossen  Meisters  hervorgegangen,  rein  wiederspiegelt. 


^)  Besondera  in  der  kapitolinischen  Gruppe,  Mus.  Oap.  III  20,  Glarao  684, 
1428,  Quatremere  de  Quincy  sur  la  statue  ant.  de  Venus  decouverte  dans  File  de 
Milo,  Taf.  D.  2;  vgl  0.  Jahn  Ber.  d.  sächs.  Ges.  1861  S.  126.' 

')  Dieser  ganzen  Gruppe  von  Statuen  und  Köpfen  des  Ares  ist  eigen  die 
überall  gleichm&ssig  vor  dem  Ohr  niedergehende  an  die  Wange  geschmiegte 
und  spitz  zulaufende  Haarpartie.  Sie  findet  sich  gerade  so  am  Ares  der  bar- 
barimschen  Candelaberbasis  (Visconti  mns.  Pio-Glem.  IV  tay.  7,  Braun  Kunstmyth. 
Taf.  88)  and  des  erw&hnten  Terracottareliefs  Gampana. 

')  Dass  der  stutzende  Stamm  hier  gerade  eine  Palme  ist,  wie  unendlich 
oft,  hat  nur  für  den  tektonischen  Geschmack  Bedeutung*  Die  Behauptung, 
der  Palmenstamm  charakterisire  die  Statue,  welcher  er  als  Stütze  dient,  als  die 
eines  Athleten  —  besonders  Gerhard  machte  gern  von  ihr  Gebrauch  —  oder 
bezeichne  doch  eine  Beziehung  auf  das  Gymnasion,  gehört  zu  den  unerwiesenen 
und  unerweisbaren  Sätzen,  welche  in  der  arohaeologisChen  Literatur  immer 
wieder  aufbauchen,  wo  sie  bedurft  werden.  Auch  der  Umstand,  dass  der  n&m- 
liohen  Fig^r,  wie  wir  sahen,  anderwärts  ein  gewöhnlicher  Stamm  zur  Stütze 
dient,  spricht  gegen  eine  besondere  Symbolik  des  Palmstammes. 

*)  Beiträge  zur  Geschichte  d.  griecb.  Plastik  S.  8  fg. 


Ueber  einige  Bronzebilder  des  Ares.  3$ 

sondern  aus  Elementen  älterer  und  jüngerer  Kunst  in  verhältniss- 
mässig  später  Zeit  zusammengesetzt  worden  ist.  Wie  man  diese  Statue 
hat  auserlesen  schön  nennen  und  an  ihr  den  charakteristisch  belebten, 
herrlich  ausgebildeten  Götterleib,  den  meisterhaften  und  zugleich 
eigenthümlich  realistischen  Stil  rühmen  können^  wird  nicht  mir  allein 
schwer  begreiflich  scheinen. 

Vom  Kopf  gilt  in  minderem  Grade,  was  Benndorf  und  Schöne 
von  dem  des  Lateranischen  Ares  bemerken:  'er  gehört  in  eine  Reihe 
von  Typen,  welche  mit  dem  Doryphoros  des  Polyklet  grosse  Aehnlich- 
keit  haben'.  Er  steht  den  Doryphorosköpfen  in  der  HaarbehandluQg 
näher,  während  hierin  die  Statue  des  Lateran,  wie  Benndorf  und 
Schöne  ausführen,  von  ihnen  abweicht.  Die  Körperformen  sind  sehr 
stark  entwickelt,  aber  es  geht  dem  Fleisch  und  den  Muskeln  das 
blühende  Leben  ab,  der  Körper  scheint  wie  ausgepolstert:  die  Ver- 
schiedenheit vom  Doiyphoros  ist  hierin  sehr  gross.  Die  Flächen  setzen 
hart  und  unvermittelt  ab  und  sind  wenig  gegliedert.  In  den  Pro- 
portionen des  Kö]*pers  fällt  die  Länge  des  Oberleibs,  die  verhältniss- 
massige  Kürze  der  gedrungenen  Beine  auf;  dieselbe  Eigenthümlichkeit 
haben  Benndorf  und  Schöne  an  der  Statue  des  Lateran  hervorgehoben. 
Diese  Verhältnisse,  welche  den  Doryphorosfiguren  fremd  sind,  verleihen 
der  Gestalt  eine  mächtige  Wucht,  die  dem  schwungvollen  schnell- 
füssigen  Sohn  der  Thetis  nicht  minder  widerspräche,  wie  der  schwer- 
fällige Ausdruck  des  Antlitzes.  Es  kommen  Achill  naturgemäss  hohe 
und  schlanke  Schenkel  zu.  Isaak  Porphyrogennetos  in  seiner  Beschrei- 
bung der  griechischen  Helden  vor  Troia  und  der  troischen  Fürsten 
sagt  von  Achill:  o  l^x^AA^tc;  etaTtj&og,  jtiiyag  tov  dyxov  tov  Oijjfiavog, 
fiaxQoaiukog  {Wes  ^cmQoaxeli^g),  a7cav6g^  ^avd^og  etc. ^).  Hiermit  ist 
eine  Stelle  des  Athenaeus  zu  vergleichen:  /;>'  ä'  ftviwg  fia-jigozaTog  xai 
XsTTtovaTog  o  Kivrfiioig^  alg  ov  T^ai  olop  d^cTjua  yiyQOipe  ^TQOTTiQf 
Od-iviTt^v  ^AydXLoL  mnov  yuxXüVy  dia  tn  sv  rij  airov  noiTjaei  avvex^g 
t6  Od^nSza  keyuv.  Tcai^wv  ovv  elg  triv  Ideav  aiiov  bq)rj'0r^ic!)T*  -^X'A^ev*). 

*)  In  Rutgers'  variae  lectiones  S.  öll;  auch  bei  Leo  Allatius  tt^qI  rwr'xca«- 
XiMp^ivTtov  iino  tov  'OfAtiQov,  Aus  Isaak  Porphyrogennetos  schöpfte  Tzetzes  Post- 
hörner. V.  474: 

^ttxfm  <r  i/e  axilia  vno  (f'  lannviaio  vnrjvrjv. 
Es  verdient  Erwähnung  und  ist  für  die  Herkunft  dieser  Personalbeschreibungen 
von  Wichtigkeit,  dass  SteUen  des  Malalas,  wie  die  Schilderang  der  Helena  chron. 
Y-  p.  91,  8  der  Bonner  Ausgabe,  mit  ihnen  genau  übereinstimmen. 
«)  Athen.  XH  551  d,  Meineke  frgg.  com.  If  2  S.  7G9. 

3 


84  Üeber  einige  Bronsebilder  des  Area. 

Dagegen  ist  dem  ^vQog  und  nekciQiog^Jgrjg  mächtige  Entwickelang 
der  Lenden  eigen.  Ein  merkwürdiges  Zeugniss  hierfflr  bietet  die 
homerische  Stelle  B  477.  Sie  deutet  auf  Vorstellungen  der  Götter- 
erscheinungen  von  einer  überraschenden  plastischen  Realit&t  nnd  Be- 
stimmtheit : 

ofifictra  wxl  xeq>aXi^v  XxeXog  Jii  T€Q7tiii€Qavv(p, 

^'Aqbi  di  Cdvtjv,  üviqvov  de  Iloaetdatüvi. 
Wie  also  für  Poseidon  die  Breite  der  Brust  %  so  ist  für  A.res  die 
EntWickelung  des  Unterleibe  bezeichnend').  Die  Kunstdarstellungen 
des  Poseidon  rechtfertigen  durchgängig  diese  Charakteristik;  nicht 
minder  muss  man  von  der  Hervorhebung  der  ^civfj  des  Ares  annehmen, 
dass  sie  auf  eine  sehr  alte  und  ganz  allgemeine  Vorstellungsweise 
zurflckgehe,  die  nothwendig  auch  in  die  Kunst  Eingang  finden  musste. 
Und  zwar  ist  zu  vermuthen,  dass  es  besonders  der  ältere  Arestypus 
gewesen  sei,  welcher  diese  Eigenthttmlichkeit  zum  Ausdruck  brachte, 
während  die  jüngere  Kunst  in  ihrer  Neigung  für  schlanke  schwungvolle 
Formen,  begabt  mit  einem  höheren  Maasse  von  Bewegungsfähigkeit, 
dieselbe  verwischte^).    Nicht  minder  auch  musste  die  Grewöhnung,  den 


')  Er  wird  nfQvtnfffvog  genannt  Ton  Ghristodor  eophr.  V.  66. 
*)  Hesychiue   (tivti'   6   vno  r^  yatn^ga  xonoq  ttai  6  tonoQ  $y  (tjvyvftB^, 
Diese  Erkl&rang  geht  auf  die  oben  angefahrte  Stelle;  M.  Schmidt  notirt  fiUschlioh 

5  181,  ^  234.    Vgl.  schol.  B  479  (tavtiv]  i^roi  ro  xarä  C^afia  fiiqog,  Etym.  m.  p.  414, 

6  C<^'  "^o  Tov  atofÄOTo^  f^^QOSj  iv  (p  fiahaxa  xb  rov  (toov  lail  (tonxov,  xal  ro 
negl  avro  wpaafia  Ctorri  ofKovvfitos  Ifyaai,  tos  xal  Sioga^  to  fiigos  tov  anifiarog 
xtdro  TiEQtTi^'iiuievov  ott Jlov,  Etym.  Gud.  Ctovfi*  ro  tov  atofLaros  fiiQog'  tT^riTai  naga 
to  C^,  iv  qt  fioXtata  fori  rh  tov  ^ijv  Sixjtxov  xtA-TO  ^ontxov  xai  to  ntgl  avto 
vqmftfia.  Hiernach  ist  im  Etym.  m.  zu  emendiren  ro  tov  ir^v  Sixraeov  xtA  ro 
(anixov,  wie  aach  der  codex  Sorbon.  hat.  Uebrigens  fasete  die  ganze  Stelle 
schon  Dio  Ghrysostomos  or.  XII  p.  407  R  sehr  richtig,  indem  er  vom  Vergleich 
mit  Zeus  sagt:  hokfiiiafv jiyttfiifAVova  ngoaeixaatu  tov  S'€ov  Toig  xvQiioTaroti 
fAiQsatv.  Wenn  es  dagegen  in  den  Priapea  86,  9  heisst  'nemo  est  feroci 
pectorosior  Marte*  (vgl.  Sen.  HippolyL  816  'Martis  belligeri  pectore  latior ),  so 
wird  damit  nur  eine  Eigenthümlichkeit  hervorgehoben,  die  der  Eriegsgott 
gemein  hat  mit  den  m&chüg  gebildeten  Heroen;  so  wird  Herakles  von  Theokrit 
24,  78  ano  atiqvov  nhtavg  t^^ioq  genannt. 

')  Man  setze  dieser  wohlgegründeten  Erwägung  nicht  entgegen,  dass  Ares 
in  der  Ilias  öfters  ^oog  zubenannt  wird,  in  der  Odyssee  einmal  aqrinog  (^  810, 
wo' übrigens  die  Scholien  akxi^oq  wollen)  und  bald  darauf  gar  ^xvraros  &i€av 


üeber  einige  Broiusebilder  des  Area.  85 

Eriegsgott  als  den  zärtlichen  Geliebten  der  Aphrodit«  zu  denken,  be- 
wirken, daas  man  seine  Erscheinung  modelte  nach  einem  allgemeinen 
heroischen  Schönheitsideale.  In  diesem  gingen  urwüchsige  Besonder- 
heiten der  Gestalt  zum  Theile  auf,  welche  zusammenhingen  mit  der 
mythologischen  Natur  und  Bedeutung  des  Gottes. 

Bekanntlich  tritt  bei  dieser  Statue  ein  schwieriges  Detail  hinzu 
in  dem  Ring,  welcher  das  rechte  Bein  über  dem  Knöchel  umschliesst. 
Es  scheint  mir,  wieKekul^O)  dass  für  denselben  weder  unter  der  Vor- 
aussetzung, dass  Achill,  noch  unter  der  hinderen,  dass  Ares  dargestellt 
sei,  eine  befriedigende  Deutung  gefunden  worden  ist.  Am  Wenigsten 
hätte  man,  um  aus  ihm  ein  Argument  für  die  erstere  Annahme  zu 
gewinnen,  neuerdings  wieder  zurückgreifen  sollen  auf  eine  Methode 
der  Kun3terklärung,  die  mit  allem  Fug  für  überwunden  gelten  durfte. 

Diejenigen,  welche  eine  Fesselung  annahmen  —  und  Friederichs 
scheint  mit  fiecht  in  dem  Ring  eine  Fussfessel  {rcidrj)  zu  erkennen  -— 
durften  sich  berufen  auf  den  nachdenklichen  trüben,  beinahe  klagenden 
Ausdruck  des  stark  gesenkten  Kopfes.  Und  doch  ist  schwer  möglich  die 
Statue  mit  der  Situation  des  bei  Aphrodite  ertappten  Ares  zu  reimen. 
Ich  möchte  weit  eher  an  einen  trionfo  d'Amore  denken.  Der  Ares 
Borghese  und  mit  ihm  vielleicht  der  des  Lateran,  erscheint  als  eine 
modifizirende  Verwendung  des  vorhin  besprochenen  Typus ;  und  dass 
dieser  hier  dem  beliebten  dichterischen  Motiv  von  der  unwiderstehlichen 
Gewalt  des  Eros  angepasst  worden  sei,  ist  eine  nahe  gelegte  Ver- 
muthung ;  ihr  würde  der  Ausdruck  des  Gesichtes,  die  Haltung  der 
Figur  günstig  sein,  und  die  schwere  Wucht  des  Leibes  käme  so  zu 


(^  381),  in  der  Ilias  auch  noöaoxrig.  {4»  265).  Die  Natorsymbolik  bringt  es  mit 
Bioh,  dass  die  Baiwörter  und  Züge,  welche  an  den  Personen  der  Götter  haften, 
theilweise  sich  widersprechen,  denn  die  Naturobjecte  können  nach  sehr  ver- 
schiedenartigen Seiten  und  Zuständen  betrachtet  werden.  Die  plastische  In- 
dmdualisirong  kann  daher  nicht  alle  Züge  aufnehmen,  sie  lasst  von  den  alt- 
überlieferten Beiwörtern  diejenigen  zur  Seite,  welche  sich  dem  poetisch  ausge* 
stalteten  Charakter  nicht  willig  anschmiegen  mögen.  Und  zu  diesen  gehört 
gewiss  jenes  Epitheton  des  Ares,  mochte  man  auch  fortfahren  ihn  als  *  geschwinde' 
zu  rühmen  so  gut  wie  irgend  einen  streitbaren  Heroen.  Uebrigens  ist  bemerkens- 
werth,  dass  in  der  nachhomerischen  Poesie  diese  Qualität  des  Ares  gar  keine 
RoQe  spielt.  In  einem  Epigramm  des  Aristotelischen  Peplos  kommt  wxhgjlgtig 
vor  (n.  6.  Bergk  poet.  lyr.  p.  660),  offenbar  nicht  mehr  als  eine  homerische 
Reminisoenz . 

*)  Kekiile  d.  akadem.  Kunstmus.  zu  Bonn  n.  389  S.  97. 


86  Ueber  einige  Bronzebilder  des  AreB. 

sprechender  Wirkung.  Auch  wird  wohl  nur  durch  diese  Voraussetzung 
die  Schwierigkeit  gelöst,  dass  die  Linke  den  Speer  gehalten  hat,  ohne 
dass  doch  die  antiken  Theile  der  rechten  Hand  der  Annahme  günstig 
wären,  sie  habe  das  Schwert  umschlossen. 

Meine  Vermuthung  könnte  ich  leicht  weiter  ausspinnen  und 
stützen,  es  lassen  sich  ihr  vielleicht  auch  Einwendungen  entgegen- 
stellen. Mir  scheint  das  Problem  gehöre  zu  denen,  deren  Lösung  wir 
von  der  Zeit  und  einem  glücklichen  Fund  erwarten  dürfen. 

i.  Kopf,  Brust  und  Oberarme  von  einer  genau  entsprechenden 
Statue  befinden  sich  im  Dresdener  Augusteum.  Nur  kommt  hier  der 
von  der  linken  Schulter  schräg  über  die  Brust  laufende  kunstreich 
gearbeitete  Schwertriemen  hinzu  0* 

Ich  sehe  ab  von  einigen  vielleicht  entfernter  stehenden  Statuen, 
wie  dem  Ares  der  Villa  Albani'),  und  einem  vermeintlichen  Alexander 
im  Louvre "),  und  reihe  an  den  Ares  Borghese  die  Büsten,  welche  dem 
Kopf  dieser  Statue  genau  entsprechen. 

1.  Eine  augenscheinliche  Wiederholung  desselben '  befindet  sich 
in  der  Münchener  Glyptothek,  abgebildet  in  Brauns  Vorschule  der 
Kunstmythologie  Taf.  84,  und  besprochen  von  Brunn  in  seiner  Be- 
schreibung der  Glyptothek  n.  91.  Der  Kopf  ist  geradaus  gerichtet, 
der  trübsinnige  Ausdruck  geschwunden.  Die  Uebereinstimmung  der 
Züge  ist  evident;  die  Anordnung  des  Haares  die  nämliche  bis  ins 
Einzelne;  sie  ist  dieser  ganzen  Gruppe  von  Köpfen  eigenthümlich. 
Ebenso  scheint  der  vor  und  unter  den  Ohren  keimende  Backenbart  für  die- 
selbe charakteristisch;  er  wiederholt  sich  an  den  jugendlichen  Aresköpfen 


^)  Becker  Attguateom  II  86. 

*)  Wenig  zuverlässig  herausgegeben  bei  Clarao  pl.  838  B,  2074  A.  Vgl. 
Indicazione  antiquar.  per  la  villa  suburb.  dell'  cooellent.  casa  Albani.  Roma 
1785  n.  468,  ediz.  II  Roma  1808  n.  381,  Braun  Ruinen  und  Museen  Roms 
8.  704.  Fiasch  im  BuUett.  deU'  Inst.  1878  S.  10  versichert,  dass  der  Kopf  nicht 
zugehörig  sei,  und  erklart  die  Statue  für  eine  der  besten  Repliken  des  Poly- 
kletisohen  Doryphoros.  Dagegen  schreibt  tnir  Heibig :  *Der  Kopf  ist  aufgesetzt, 
aber  entschieden  zugehörig/  Auch  in  die  Behauptung,  dass  die  Figur  unter 
die  Doryphorosstatuen  gehöre,  setze  ich  starke  Zweifel. 

>)  Abgebüdet  bei  Visconti  Monum.  Gabini  tav.  X  23,  Müller>Wieseler 
I  Taf.  40,  168.  Dürfte  man  den  Publikationen  trauen,  so  hatte  der  Kopf  Aehn- 
lichkeit  mit  dem  der  vorhergenannten  Statue;  beide  haben  auch  den  kühn 
empor  gerichteten  Blick  gemein,  den  Visconti  wohl  mit  Unrecht  charakteristisoh 
für  Alexander  glaubte. 


üeber  einige  Bronzebilder  des  Ares.  S7 

kampanischer  Münzen  und  römischer  Familienmünzen,  von  denen  ich 
durch  Imhoof-BIumers  Güte  eine  stattliche  Beihe  prüfen  konnte.  Auch 
der  Helm  hat  die  gleiche  Form  und  den  gleichen  Schmuck:  zwischen 
übereinstimmenden  Ornamenten  Hunde  und  Greife^).  Das  Gesicht  ist 
fast  ohne  Affekt,  aber  das  Muskelspiel  in  den  Partien  um  den  geöff- 
neten Mund  und  die  Nase  verräth  ein  heftig  erregbares  Gemüth.  Der 
Kopf  ist  glatt  gearbeitet  und  entbehrt  der  Empfindung  und  Lebens- 
frische eines  Originalwerkes,  aber  er  hat  hinreichende  Spuren  eines 
sehr  schönen  Vorbildes. 

2.  Im  Gampo  Santo  von  Pisa,  abgebildet  bei  Lasinio  sculture 
del  campo  santo  tav.  YII  108. 

3.  Im  Louvre,  abgebildet  im  Mus^e  Napoleon  II  59,  Bouillon 
mus.  III^  bust.  pl.  3,  6 ;  vgl.  Fröhner  notice  S.  161  n.  130. 

*)  Statins  Theb.  III  223  nennt  die  Waffensiücke  des  Ares  'terriücis  mon- 
Btrornm  animata  figuris*.  Der  Greif  ist  stehend  am  Helm  der  überaus  schönen 
bärtigren  Aresköpfe  auf  den  Münzen  der  Bruttior,  deren  ich  mehrere  durch 
Imhoof-Blumers  Freundlichkeit  betrachten  konnte;  er  findet  sich  am  Helm  des  Ares 
auf  der  Barberinischen  Kandelaberbasis,  und  dem  Helm  der  BlundeUschen 
Statue;  am  Panzer  des  bärtigen  Ares,  SuppL  au  rec.  d'antiqu.  Suisses  par  le 
baron  de  Bonstetten  pl.  VI  16.  Wenn  auch  der  Greif,  als  Lichtsymboli  allge- 
meine apotropäische  Geltung  hatte  (vgl.  Stephani  compt-e  rendu  1864  S.  63. 
119—144,  1865  S.  72.  ff.  und  Öfter),  so  scheint  es  doch,  dass  man  ihn  besonders 
gern  an  den  Waffen  der  Atheue  und  des  Ares  anbrachte.  Die  Atheneköpfe  unter- 
italischer Münzen  haben  fast  immer  den  Greif  am  Helm  (vgl.  Carelli  Taf.  187, 
138  etc.).  Bedeutsamer  sind  die  Hunde,  weil  sie  unmöglich  durch  Einreihung 
in  die  grosse  Kategorie  apotropäischer  Thiere,  sondern  nur  durch  die  Annahme 
eines  speziellen  mythologischen  Bezuges  erklärt  werden  können.  Der  Hund  ge- 
hört Ares  zu  eigen,  es  wurden  ihm  an  mehreren  Orten  Hundeopfer  gebracht, 
▼gl.  Preller  gr.  Myth.  PS.  268,  4.  Der  Zusammenhang  ergiebt  sich  mit  Leich- 
tigkeit, wenn  man  Useners  Erörterung  im  rhein.  Mus.  n.  F.  XXIII  (1868)  S  384 
ff.  mit  meinen  Bemerkungen  unten  S.  41  fg.  zusammenhalten  mag.  Der  Hund  ist 
attributiTes  Thier  des  Ares  in  demselben  Sinn  und  derselben  Weise  wie  der 
Wolf.  Bekanntlich  sah  man  früher  in  den  Thieren  am  Helm  dieser  Köpfe  über- 
all Wölfe;  Stephani  entdeckte  aber  am  Petersburger  Exemplar  Halsbänder,  die 
auch  Gonze  anerkannte  (Beiträge  S.  9,  4)  und  an  n.  5  sich  wiederfinden,  und 
nnabhäugig  von  ihnen  bemerkt  Bötticher  (königl.  Museen,  Yerz.  der  Abgüsse, 
n.  717  S.  440  der  II.  Auflage),  dass  am  Helm  des  borghesischen  Ares  nicht 
Wölfe  sondern  Hunde  angebracht  sind;  von  der  Münchener  Büste  gilt  das 
Gleiche.  —  Üebrigens  beruht  die  scharfe  Scheidung  zwischen  griechischer  und 
römischer  Kunst,  welche  Friederich^  hier  und  überall  durchfuhren  zu  können 
meint,  unzweifelhaft  auf  einer  Täuschung. 


I 


38  üeber  einige  Bronzebilder  des  Ares. 

4.  Im  Museo  Worsleiano,  Visconti  Taf.  XIII  3;  vgl.  Conze  im 
archaeol.  Anzeiger  1864  S.  216*.  Nach  der  Abbildung  ist  die  Stirne 
stark  gerunzelt,  der  Ausdruck  zornig.  Der  Helm  entbehrt  jedes  ReUef- 
schmuckes. 

5.  Püblicirt  in  Gavaceppi's  Raccolta  II  21  als  *eroe  or  esistente 
in  Annover  presse  il  generale  Walmoden.'  Es  ist  sehr  gewagt^  nach 
dieser  offenbar  höchst  unzuverlässigen  Abbildung  das  Original  zu  bezeich- 
nen als  den  schönsten  aller  Aresköpfe.  Die  Helmzierrathe  lassen  ver- 
muthen,  dass  es  dem  unter  n.  3  aufgeführten  Exemplar  sehr  ähnlich  ist. 

6.  In  der  kk.  Ermitage  in  Petersburg;  vgl.  Stephani  compte 
rendu  1864  S.  123,  3. 

7.  Früher  im  Besitz  des  duca  die  Nemi;  vgl.  Visconti  mon. 
scelti  Borgh.  S.  36,  6  und  Stephani  a.  a.  0. 

8.  Fragment  in  der  Ambraser  Sammlung  in  Wien;  vgl.  Conze 
Beiträge  S.  9,  1. 

Wahrscheinlich  gehört  in  diese  Reihe  auch  ein  Madrider  Kopf, 
den  Hübner  (Bildw.  in  Madrid  n.  124)  erwähnt,  und  mancher  andere, 
welchen  die  Kataloge  ohne  eingehende  Beschreibung  aufführen. 

Der  Typus,  welchen  diese  Köpfe  darstellen,  gehört  offenbar  der 
Erfindung  eines  berühmten  Meisters  an ;  es  wäre  aber,  bei  dem  Mangel 
aller  fesiten  Anhaltspunkte,  eiteles  Wagen  auf  einen  bestimmten  Namen 
rathen  zu  wollen. 

Nicht  wenig  entfernt  sich  von  diesem  vielverbreiteten  Typus  ein 
Statuenbruchstück,  das  von  B.  Stark  gründlich  und  gelehrt  erörtert 
worden  ist^).  Es  scheint  mir  aber,  dass  sowohl  er  als  Hübnei* 
den  künstlerischen  Werth  dieser  seitdem  im  Abguss  verbreiteten 
Skulptur  bedeutend  überschätzt  haben.  Wohl  leuchtet  ein  Original 
guter  Zeit  und  attischen  Ursprunges  hindurch,  aber  die  Arbeit  ist  in 
fast  allen  Theilen  flüchtig  und  flach.  Indem  der  Kopist  dem  Kopfe 
den  Geist  nahm,  ist  an  Stelle  kriegerischer  Entschlossenheit  ein  un- 
wirscher, zugleich  gedrückter  und  blöder  Ausdruck  getreten.  Die 
Formen  des  erhaltenen  Stückes  vom  Körper  sind  nicht  jugendlich  zart, 
son(fem  auffallend  kümmerlich ;  die  hohe  Stellung  der  Ohren  ist  viel- 
leicht dadurch  bedingt  worden,  dass  der  Helm  nicht  gehörig  in  den 
Kopf  gesetzt  ist.  —  Es  verdient  hervorgehoben  zu  werden,  dass  unter 
den  aufgeführten  Skulpturen  diese  allein  Ares  den  hohen  korinthischen 
Helm   giebt,  während  die   gesammte  Serie  der  Statuen  und  Köpfe, 


')  Ber.  d.  sächs.  Ges.  1864  S.  173  fgg. 


üeber  einige  Bronsebilder  des  Are«.  89 

welche  wir  vorhin  besprochen  haben,  übereinstimmt  in  der  Form  des 
niedrigen,  fast  halbkugelförmigen  und  mit  einer  Stephane  versehenen 
Helmes.  Dagegen  ist  bei  den  Aresbronzen  der  korinthische  Helm  die 
Regel. 

Dass  die  Statue  einen  Ares  darstellte,  scheint  mir  keinen  Zweifel 
zu  leiden,  und  darch  die  Aegis  selber  bestätigt,  welche  hier  nicht  wie 
zu  vereinzeltem  Gebrauch  entliehen,  sondern  als  zugehöriges  Attribut 
erscheint^).  Hingegen  sehe  ich  nicht  ein  wie  sie  berechtigen  könne, 
diesen  Ares  als  Ares  Soter  zu  bezeichnen').  Denn  die  Aegis  deutet 
nicht  auf  ein  besonderes  Amt  des  Gottes,  eine  einzelne  Seite  seines 
Wesens  und  Wirkens,  sondern  ist  klares  Symbol  seiner  ursprüng- 
lichen Natur  als  Himmelsgott,  lieber  die  Bedeutung  der  Aegis  selber 
bedarf  es  ja  kaum  eines  Wortes.  Das  mythologische  Wesen  des  Ares 
redet  vernehmlich  aus  der  Hias.  Sie  lässt  den  verwundeten  dröhnend 
aufbrüUen  gleich  neun-  oder  zehntausend  Mannen  iu  der  Schlacht,  und 
dann  mit  dem  Gewölk  zum  Himmel  fahren:,  'also  erscheint  die 
glänzende  Luft  zwischen  den  Wolken,  wenn  die  Hitze  durch  den  scharf- 
wehenden Wind  vertrieben  wird.'  Von  Athene  mit  einem  mächtigen 
Stein  getroffen,  deckt  er  niederstürzend  sieben  Hufen  Landes  und  um 
ihn  rasselt  seine  Rüstung  3).  Das  sind  vereinzelte  Naturlaute  einer 
gewaltigen  Bildsprache,  die  wie  aus  einer  anderen  Welt  des  mytholo- 
gischen Glaubens  und  Ausdruckes  in  die  homerische  Darstellung  hin- 
einklingen. Die  alte  Naturbedeutung,  wiewohl  poetisch  umgesetzt, 
lebt  auch  noch  fort  in  den  Schilderungen,  welche  römische  Dichter 
von  Ares  entwerfen  wie  Statins: 


')  Brustbilder  auf  Münsen,  wie  das  des  Marc  Aurel  Cohen  med.  imper. 
11  pl.  17,  369,  mit  Aegis  über  der  Unken  Schalter,  Schwertriemen  über  den 
Rücken  und  Lanze,  einen  Lorbeerkranz  am  den  Kopf,  scheinen  mir  jedesmal 
den  Kaiser  als  Mars  daranstellen. 

')  Die  Entwiokelung  Starke  nimmt  ihren  Ausgang  von  einer  irrthüm- 
liehen  Auffassung.  Christodor  96  beschreibt  ein  Erzbild  des  lulius  Caesar,  das 
auf  der  Schalter  die  Aegis  trug,  wie  das  Madrider  Fragment,  in  der  Rechten 
den  Blitz  hielt:  ota  Z€vs  viog  alXog,  Dies  heisst  nicht  'als  lupiter  luvenis', 
sondern,  nach  einer  der  jüngeren  epischen  Sprache  sehr  geläufigen  Formel:  als 
ein  anderer,  ein  zweiter  Zeus.  Ueberdies  ergiebt  sich,  wie  mir  scheint,  aus 
Starks  ParaUelisirungen  und  Kombinationen  gar  keine  Berechtigung,  auf  Ares 
einen  Kultusbeinamen  zu  übertragen,  den  wir  nur  in  Verbindung  mit  anderen 
Gottheiten  nachweisen  können. 

•)  JE  859  fgg.,  *  406  fgg. 


40  Ueber  einige  Bronzebilder  des  Ares. 

ille  furentes 
Bistonas  et  Geticas  populatus  caedibos  urbes, 
turbidus  aetherias  currus  urgebat  ad  arces, 
fulmine  cristatum  galeae  iubar  armaque  in  auro 
triBtia,  terrificis  monstrorum  animata  figuris, 
incutiens;  tonat  axe  peius  clipeique  cruenta 
lux  rubet,  et  solem  longe  ferit  aemulus  orbis. 
hunc  ubi  Sarmaticqs  etiamnum  efSare  labores 
luppiter  et  tota  perfasum  pectora  belli 
tempestate  videt  *talis  mihi,  nate,  per  Argos, 
talis  abi,  sie  ense  inadens,  hac  nubilus  ira*  etc/ 

Ein  sehr  später  anonymer  Dichter  singt  in  einem  kurzen  Hym- 
nus auf  den  Kriegsgott: 

tu  crista  galeaque  rubes,  tu  pulcher  in  auro 
incutia  e  vultu  radiantia  lumina  ferro  (terrae?), 
te  thorax  galeaeque  tegunt,  non  quo  tibi  terror 
hostilis  subeat,  sed  quod  decor  exit  ab  armis. 
tu  cum  pulsatum  clipei  concusseris  orbem, 
immugit  raundus,  tellus  tremit,  aequora  cedunt. 

Bei  Virgil  heisst  es: 

sanguineus  Mavors  clipeo  intonat. 

Damit  vergleiche  man  Kallimachos: 

aAfjx  Ol  AQTjg 
Ila^ycLiov  jrQod'fkv^va  TcaQtjaTa  fiillev  aelgag 
ifLißakeeiv  divyuiv  anoxQvxpai  de  ^^ad'Qa, 
vipod-e  6'  iaiuagayr^os  ymi  dam  da  Tvipev  dnwxy 
äovQOTog'  T^  (J'  elili^ev  ivoTtXiov'  i'tQEf.ie  d'  ^Öoaf]g 
ovQta  xai  /vsdiov  Kgawciviov  a%  t€  dvaaelg 
eoycLxiai  IlivdoLO,  q^oßqj  <J'  iogxfjoaro  näoct 
GaaaaXiTi'  zolog  yag  a/t'  dojridog  sßgax^v  fjxog^). 

In  diesen  Stellen  erscheint  Ares  deutlich  als  mächtiger  Himmels- 
gott, als  Gott  des  düsteren  Gewitterhimmels. 

So  ist  es  wohl  auch  nicht  zufällig,  wenn  in  der  Ilias  das  Wüthen 
des  Ares  dem  finsteren  Sturme  verglichen  wird  2);  freilich  konnte  nicht 


')  Die  hier  abgedruckten  Stellen  sind  folgende :  Theb.  lU  220  fgg.,  Meyers 
antbol.  Ist.  585,  5  ff..  Virgil  Aen.  XII  332,  KaUimachos  h.  in  Del.  133  fgg.  Vgl. 
Dracont.  III  43. 

')   Y  51. 


üeber  einige  Bronsebilder  des  Ares.  41 

fehlen,  dass  eine  Vorstellung,  welche  dem  homerischen  Dichter  nur 
noch  ein  poetisches  Bild  war,  auch  auf  Heroen  übertragen  wurde  ^). 
Der  Epiker  Antimachos,  welcher  gern  uralte  Züge  der  Göttersage  be- 
nutzte, nannte  die  Aressöhne  Deimos  und  Phobos  Kinder  der  OveXXa '). 
Erscheint  Ares  hier  überall  auf  das  Deutlichste  als  Gewitter* 
Stürmer,  so  liegt  darin  doch  nur  eine  Seite  des  Himmelsgottes  be- 
schlossen. Neben  Zeus  und  ApoUon  kam  die  lichte  Hälfte  seines 
Wesens  nicht  zur  Entfaltung,  oder  trat  doch  zurück  im  religiösen  Be- 
wusstsein  einer  verhältnissmässig  jüngeren  Zeit.  Aber  die  uralten 
Sagen  von  seiner  Bewältigung  durch  die  Biesen  Otos  und  Ephialtes 
und  der  Gefangenschaft  im  ehernen  Fass,  vom  goldenen  Vliess  im 
Hain  des  Ares  weisen  noch  deutlich  auf  Licht  und  Sonne.  Ares  stellt 
sich  neben  ApoUon,  der  gleich  ihm  aus  Zeus  herausgewachsen  ist^), 


>)  So  auf  Hektor  ^  297,  vgl.  Nonn.  Dion.  30,  126  und  sonst 
*)  Fntgm.  45  StoU,  ans  schol.  IL  /Y~439.    Ares  selbst  führt  den  Namen 
Phobos  in  der  kürstich  gefandenen  Inschrift  von  Seiinas,  vgl.  Benudorf  die  Me- 
topen  Ton  Selinunt  S.  27  £f. 

*)  Wie  dieses  geschehen  konnte,  lehrt  der  Zevi  kqho^  (vgl.  den  Zevs  Ivv- 
ahog).  Für  diese  Genesis,  welche  freilich  nur  in  grösserem  Zusammenhang  feste 
Begründang  erhalten  könnte,  spricht  auch  der  Umstand,  dass  der  Hain  in 
Kolchis,  welcher  insgemein  für  den  des  Ares  galt,  von  Hellanikos  Hain  des 
ZeoB  genannt  warde  «(schol.  Apollon.  2,  406,  Eratosth.  catast.  19.  Hygin  22). 
An  Stelle  der  petra  ApoUinis  bei  Hygin  fab.  141  tritt  petra  Martis  in  der- 
selben Ensahlung  bei  Lactant.  fab.  V  9  und  dem  Mythogr.  Yat  II  fab.  101.  Auf 
dem  Silbergefass  von  Weddingen  abgeb.  in  den  Mitth.  der  ant.  Ges.  in  Zürich 
Bd.  XY  Taf.  13  ist  Ares  der  Schwan  beigegeben.  Bezeichnend  ist  der  Name 
der  Gemahlin  des  Ares  X^va^  und  der  des  Sohnes  Beider  4>Uyvas.  Der  italische 
Mars  wird  im  ArvaUiede  *Marmar*  angerufen,  und  führt  auf  Inschriften  den  Bei- 
namen 'LoQcetius*.  Altitalische  Kultusnamen  des  Ares  giebt  Lykophron  wieder 
V.  937  fg.  (vgl.  V.  1410)  rdv  t€  K^tiortovris  ^fov  |  Kav^dov  3  Mafi((nov 
onUrtiv  Xvxov,  Vgl.  den  Heliossohn  KdvSaXog  bei  Diod.  V  56,  und  lohannes 
Schmidt  a.  a.  0.  S.  97.  Einen  Mars  Neton,  der  mit  Strahlen  ausgestattet  war,  ver- 
ehrten die  Bewohner  von  Acci,  dem  heutigen  Guadix  in  Spanien,  nach  Macro- 
bins  I  19,  5,  vgl.  C.  Inscr.  L.  II  3386  und  Hübner  im  Hermes  I  S.  346  fg.  Be- 
zeichnend ist  auch,  dass  öfters  die  leuchtenden  oder  sprühenden  Augen  des  Ared 
hervorgehoben  werden ,  s.  II.  S  349,  anth.  lat.  585,  6  (Meyer).  !kQiis  nnd  Ugeiog 
aeheint  mir  einfach  *der  Starke\  and  der  Stamm  derselbe  wie  in  »(h-  und 
i(H',  jl^iwy  nnd  ^Egitov,  Doch  mag  in  letzter  Linie  eine  rein  sinnliche  Be- 
deainng  za  Grunde  liegen.  •—  Darob  Vermahlnng  mit  Demeter  Erinnys  tritt 
Area  neben  den  Himmelsgott  Poseidon:  vgl.  Kuhn  in  Zeitschr.  f.  vgl.  Spraohf. 
I  S.  452  %g. 


42  Ueber  einige  pronzebilder  des  Are«. 

wenn  er  den  Wolf  als  heiliges  Symbol  mit  ihm  gemein  hat,  und  ein 
Sohn  von  ihm  Avxovqyot;  und  Avxatav  heisst,  gewiss  nach  alten  Bei* 
namen  des  Ares  selber;  wenn  er  in  Sophokles  König  Oedipus  Pest 
verhängt  Oy  wie  ApoUon  im  Anfang  der  Ilias  die  Pestpfeile  versendet, 
wenn  er  als  Todesgott  bei  den  Lakoniem  QrjQshag  heisst^),  wie 
Persephone  in  einem  böotischen  Kultus  den  Beinamen  Gi^ga  fOhrt'), 
wie  Artemis  die  Todesgöttin  Jägerin  ist  und  Hades  Zkxygevg  genannt 
wird^).  Es  ist  bedeutsam,  dass  Aeschykis,  der  gern  alte  religiöse 
Formeln  anwendet,  den  Chor  der  Ghoephoren  (926)  singen  lässt: 

efiols  d'  ig  dofiov  vov  ^^ya^ifivovog 

dutXovg  liwv^  dmkovg  ''^Qrjg. 
Denn  der  Löwe  ist  bekanntes  Symbol  der  Sonne  und  als  solches^) 
uraltes  Bild  verzehrender  Gewalt  und  Vernichtung.  Nach  der  Ilias  ist 
Artemis  von  Zeus  als  Löwe  über  die  Weiber  gesetzt,  denn  er  habe 
ihr  verliehen  zu  tödten  wen  sie  wolle;  £uphorion  und  Lykophron, 
indem  sie  aus  einer  veralteten  Metapher  der  Kultussprache  ein  schillern- 
des Epitheton  machten,  nannten  den  Lö#ven  x^iQ^^^)-  Selbst  diese 
Züge,  welche  den  Sonnengott  bezeichnen,  kehren  das  düstere  Wirken 
hervor,  ungleich  häufiger  walten  Beziehungen  auf  Gewitter  und  Sturm. 
Ares  scheint  von  Apoll  zurückgedrängt  worden  zu  sein,  dass  sein 
Wesen  in  dieser  sinistren  Richtung  sich  entwickelte,  und  der  Grund 
hiervon  kann  in  örtlichen  und  geschichtlichen  Verhältnissen  gelegen 
haben. 

So  mochte  die  bewölkte  Physiognomie,  das  melancholische  Wesen 
des  Ares  aus  dem  Grund  seiner  mythologischen  Naturbedeutung  her- 


')  Soph.  0.  R.  190  mit  dem  bezeichnenden  Ausdruck  €plfyei;Y.  27  heiast 
die  Peat  nv^oQog  ^<o;.  Auch  in  diesem  Wirken  entspricht  Ares  der  italische 
Mars,  welchen  das  AinraUied  bittet,  das  Fieber  abzuwehren.  Denn  dieselben 
Gottheiten  senden  und  bannen  ein  Uebel.  Ares  wirkt  Geistesverwirrung  Soph. 
Ai.  706. 

')  Pausan.  III  19,  7.  8,  Hesyoh.  Sff^irag  6  *EvvaXiOS  nofm  Aaxmaiv, 

s)  Paus.  IX  89,  4. 

*)  Vgl.  hierzu  B.  Schmidt  Volksleben  der  Neugriechen  I  S.  227. 

^)  *Der  Fenergott  wird  ein  Geist  der  Vernichtung,  ein  verzehrendes  und 
fressendes  Feuer,  wie  es  von  Jehovah  gesagt  ist*,  Roohholz  deutscher  Glaube 
und  Brauch  I  S.  66.  « 

^)  Vgl.  B.  4»  481  ff.,  Meineke  Analecta  Alex.  p.  84  fg.  Es  scheint  mir 
anzweifelhaft,  daas  der  Löwe  auf  griechischen  Sarko&gen  und  GrabmalerB  als 
Todessymbol  aufzufassen  ist. 


üeber  einige  Bronzebilder  des  AreB.  43 

vorgehen  und  erst  durch  jüngere  Vorstellung  und  Kunst  auf  das 
Liebesschmachten  des  Gottes  und  die  Wechselfälle  seines  Verkehrs 
mit  Aphrodite  bezogen  werden.  Zwischen  uraltem  Naturglauben  und 
kflnstlerischer  Charakteristik  liefen  vermittelnd  die  Fäden  von  tausend 
Beiwörtern  und  Formeln,  welche  religiöse  Geltung  und  Fortpflanzung 
genossen  und  dem  Künstler  die  Hand  leiteten;  uns  sind  sie,  bis  auf 
verstreute  Reste,  denen  wir  bei  den  Dichtem  nachzugehen  haben, 
verloren  gegangen.  Und  die  religiöse  Kunst  der  Griechen  bewährt  in 
ihrem  Entwicklungsgang  Überall  den  fruchtbaren  Trieb,  urwüchsige 
Motive  und  Züge  primitiver  Symbolik  durch  neue  Beziehungen  und 
Kombinationen  umzudeuten  in  allgemein  menschlichem  Sinn  und  ihnen 
Inhalt  dichterischer  und  ethischer  Art  zu  verleihen.  Hier  oflfenbart  sich 
ein  Widerspiel  und  Gleichgewicht  von  fromm  beharrender  Zähigkeit 
und  betriebsamer  Erfindung,  in  welchem  das  hohe  Wesen  der  antiken 
Kunst  zum  guten  Jheil  gegründet  ist.  Diese  Sätze  wird  dereinst  die 
'Kunstmjrthologie^  durch  Verfolgung  der  typischen  Göttererscheinungen 
und  Erforschung  der  Attribute  und  Symbole  an  vielen  Beispielen  er- 
weisen können ;  denn  dieser  BegriiF  ist  einer  wesentlichen  Vertiefung 
fähig  und  bedürftig. 

Zürich.  K.  Dilthey. 


2.    Die  kunstgeschichtlichen  Beziehungen  zwischen  dem  Rheinlande 

und  Westfalen*). 

Ich  habe  mir  vorgeuommen,  heute  die  kuDstgeschichtlichen  Be- 
ziehungen zwischen  dem  Rhein-  und  Westfalenlande  zu  besprechen. 
Dies  Thema  beschäftigt  sich  zwar  von  vornherein  mit  einem  Kunst- 
material christlicher  Cultur  und  dennoch  dürfte  es  nicht  im  Widerspruch 
stehen  mit  der  Bedeutung  des  Tages,  an  dem  wir  das  Oeburtsfest 
jenes  Genius  begehen,  welcher  der  dankbaren  Welt  den  Himmel  der 
antiken  Kunst  und  Kunstschönheit  erschloss  und  als  den  Wiederschein 
des  gesammten  Natur-  und  Geisteslebens  treflFend  und  plastisch  ver- 
anschaulichte. Die  Antike,  die  Vorgängerin  und  mit  ihrer  reichen 
Schönheit  wiederholt  eine  Hauptquelle  der  späteren  Kunstphasen,  ging 
auch  in  der  wissenschaftlichen  Werthschätzung  der  Kunst  des  Mittel- 
alters und  der  Neuzeit  voran.  Indem  Winckelmann  in  seiner  Kunst- 
geschichte den  Nachfolgern  für  immer  die  Gliederung  des  vorraittelalter- 
lichen  Kunstvorraths  an  die  Hand  gab,  hat  er  nicht  nur  den  frühem 
ästhetischen  Theoremen  \)  und  antiquarischen  Leistungen^)  Richtung 
und  System  verliehen,  sondern  damit  auch  der  Kunst '),  welche  sich 
diesseits  der  Antike  entwickelte,  ihre  Stellung  angewiesen  und  ihrer 
Erforschung  eine  Grundlage  bereitet.  Denn  wurde  schon  durch  diese  Ar- 
beit der  Geschichtswissenschaft  überhaupt  in  ihrer  Bedeutung  und  Dar- 
stellung der  dankenswertheste,  wichtigste  Dienst  erwiesen,  so  hätte 
ohne  Winckelmann,  ohne  systematische  Klärung  der  Antike  die  mittel- 
alterliche Kunstwissenschaft,  zumal  der  Engländer  ^),  wohl  nicht  so 
leicht  einen  Halt  gewonnen,  Göthe,  Foi*ster,  Schlegel'^)  und  die  Ro- 


*  Vortrag  gehalten  auf  dem  Winckelmannsfeste  za  Bonn  am  9.  Deoember 
1872.    For  den  Druck  verbessert  und  mit  ausführlichen  Belegen  versehen. 


Die  knnatgeschicfatl.  Besiehangen  zwischen  dem  Rheinlande  u.  Westfalen.    46 

mantiker  nicht  so  bald  ein  offenes,  empfängliches  Auge  fflr  den  künst- 
lerischen Nachlass  des  Mittelalters  gehabt;  und  die  reale,  kritische 
Eünstforschung  von  heute  muss  wiederholt  ähnliche  Mittel  und  Wege 
nehmen,  um  ihr  Material  zu  bewältigen,  wie  Winckelmann  behufs 
KlarsteUung  der  Antike. 

Die  „Griechische  Baukunst  bot  doch  in  ihrem  Entwickelungsgange 
Aehnlichkeiten  mit  demjenigen  der  gothischen  dar/'  und  wie  lange 
hat  sich  doch  das  Mittelalter  mit  antiken  und  urwüchsigen  Motiven 
befaetfen,  wie  viele  von  der  Antike  geleitete  Experimente  anstellen 
müssen,  bis  es  einen  selbstständigen  Kunststil,  der  seiner  Herkunft 
und  Zeit  entsprach,  erzeugte.  Der  Westen  und  Süden  konnten  sich 
dabei  einer  antiken  Erbschaft  von  Kunst  und  Künstlern  bedienen,  — 
die  Länder  des  Nordens,  Westfalen  auch,  entbehrten  dieser  Yortheile : 
diese  konnten  erst  an  der  allgemeinen  Cultur-  und  Kunstentwickelung 
Theil  nehmen,  als  ihnen  mit  dem  Christenthum  der  Beruf  zu  einer 
hohem  Givilisation  und  die  Verbindung  mit  dem  culturreichern  Westen 
überkommen  war.  Dass  das  Rheinland  dabei  eine  wichtige  Rolle  gespielt, 
und  schon  früher  westlalische  Stämme  dem  Rheine  freundlich  oder 
feindlich  sich  genäheil  haben,  scheinen  besonders  auch  die  Sagen  nach- 
klingen zu  lassen,  die  Kunde  von  den  Nibelungen  wäre  von  Männern 
aus  Münster  und  Soest  zuerst  an  den  Rhein,  und  der  Leib  des  Hai- 
monskindes  Reinold  von  Köln  nach  Dortmund  gebracht*). 

Doch  waren  es,  soweit  sich  nachweisen  lässt,  nicht  die  benach- 
barten Rheinlande,  welche  in  Westfalen  zuerst  die  Keime  der  Kunst 
einsetzen  sollten,  es  waren  die  westlichem  Gebiete,  wo  die  Wiege  der 
Karolinger  gestanden  und  wo  die  Reibung  von  Deutschen  und  Wälschen 
geistige  und  ästhetische  Interessen  zeitig  gefördert  hatte.  Die  fränkische 
Princessin  Ida  verschönert  in  Westfalen  ihren  neuen  Wohnsitz  Herz- 
feld an  der  Lippe  mit  einer  Steinkirche,  indess  das  Land  rihgsher  für 
die  Qottejshäoser  wie  für  die  Wohnungen  nur  den  Holzbau,  zu  hand- 
haben verstand ;  Herford  errichtet  seine  Stiftsgebäude  ad  exemplum  des 
Frauenklosters  Soissons  und  Korvei,  und  dies  neue  Licht  an  der  Weser 
baut  sich  ähnlich  an,  wie  das  Mutterkloster  Corbie  an  der  Somme. 
Westfalen  aber  geht  fortab  mit  den  ihm  gebrachten  Anregungen  und 
Colturkeimen  so  haushälterisch  um,  dass  es  bald  unter  dem  segens- 
reichen Schirm  der  Ottonen  mit  dem  stammverwandten  Sachsen  einen 
Galtnraufschwung  nimmt,  wie  ihn  das  Rheinland  später  und  dafür 
auch  gewaltiger  seinem  Strome,  seiner  Lage  und  altern  Kunsterbschaft 
abgewinnen  sollte.  Inuner  reger  stampft  es  auf  dem  Boden  der  Kunst, 


46    Die  konatgrascbichtl.  Besiebungen  zwitchan  dem  Bheinlande  n.  Westfalen. 

immer  weiter  greifen  die  Pläne,  und  weil  dagegen  die  heimischen 
Kräfte  noch  zurückstanden,  berief  die  vornehme  Dame  Marcsuidis 
939  für  den  Neubau  des  Klosters  Schildescbe  Zimmerleute,  Maurer 
und  Steinwerker  aus  Franzien^),  und  als  kaum  hundert  Jahre  später 
die  nordischen  Domplätze  wie  mit  Gewalt  eine  Kunstblüthe  zeitigen 
wollten,  liess  Bischof  Meinwerk  von  Paderborn  (1009—1036)  seine 
Bussdorfkirche  ad  similitudinem  der  Grabeskirche  zu  Jerusalem  und 
die  zierliche  Bartholomäuskapelle  durch  italiänische  Griechen,  — 
andere  seiner  vielen  Baupläne  vielleicht  durch  die  von  Cluny  berufenen 
Benedictiner  ausführen.  Jeder  Künstler,  jedes  fremde  Kunstmotiv  war 
ihm  in  der  kunstarmen  Heimat  willkommen,  und  so  mochte  ihm  die 
wechselvolle  Säulenanordnung  in  der  Krypta  zu  Emmerich,  mit  der  ihn 
gewiss  seine  Familienbeziehungen  zum  Niederrhein  bekannt  gemacht 
hatten,  als  nachahmenswerthes  Muster  beim  Bau  der  Abdinghofer 
Krypta^}  seines  Bischofssitzes  erscheinen. 

Kaum  dreissig  Jahre  nach  Meinwerks  Heimgange  1068  bestieg 
den  Bischofsstuhl  zu  Osnabrück  ein  Mann,  der  in  sich  das  verkör- 
perte Bild  des  staunenswerthen  Kunstlebens  seiner  Zeit  darstellt, 
eine  Grösse,  die,  nachdem  sie  früher  auf  verschiedenen  Kaiser* 
pfalzen  und  Domplätzen  gebaut  und  geleuchtet  hatte,  noch  als 
Greis  mehrere  Male  na«h  Speier  reisen  muss,  um  durch  geschickte 
Substructionen  den  neuen  Kaiserdom  vor  den  reissenden  Unterspülungen 
des  Rheines  zu  schützen  und  vielleicht  auch  im  Baue  zu  fördern ').  — 
Diese  That  Benno's  von  Osnabrück  bezeichnet  eine  namhafte,  indess 
vereinzelte  und  persönliche  Kunstbeziehung  Westfalens  zum  Rheine, 
und  ebenso  gering  dürfte  für  damals  der  Kunstaustausch  des  Rheines 
nach  dem  Nachbarlande  hin  anzuschlagen  sein.  Will  man  audi  die 
Ansicht  eines  verdienten  Bauforschers,  als  ob  in  Köln  seit  1059  der 
romanisch-vaterländische  Stil  entwickelt  und  von  dort  zunächst  nach 
Westfalen  und  Sachsen  übertragen  sei^^),  nicht  unbedingt  v^werfen, 
so  kann  dieser  Einfluss  weniger  das  Systematische  als  das  Stilistische, 
als  die  Stilfeinheiten  der  Bauwerke  betroffen  haben,  und  anderseits 
bleibt  zu  beachten,  ob  nicht  Benno's  regsame  und  darum  so  viel  be- 
neidete Wirksamkeit  in  Köln  an  jener  rheinischen  Bauentwickelung 
seinen  Antheil  habe.  Angeregt  von  der  Werkthätigkeit  des  ^esammten 
Sachsenlandes  konnte  Westfalen  damals  an  manchen  Werken  die  Er- 
fordernisse eines  Stil-  und  Schönheitsbaues  selbstständig  herausarbeiten 
und  wenigstens  hier  und  dort  mit  den  gesteigerten  Kunstbestrebungen 
des  Niederrheines  wetteifern:  das  geschah  zu  Soest,    wie  die  ält^n 


Die  koitftgMchiohiL  Beriehungen  zwischen  dem  Rheinlande  q.  Wastl&leo.    47 

basilikalen  TheQe  des  Domes  zeigen  und  das  geschab  an  der  Kloster- 
kirche zu  Iburg  bei  Osnabrück,  wie  die  Baureste  mit  dem  Eckblatt 
und  die  rühmlichen  Berichte  von  Augenzeugen  ergeben:  es  war  ja 
Benno^s  eigenstes,  angelegentlichstes  Werk! 

Auch  im  entwickelten  romanischen  Stile  sucht  man  in  Westfalen 
charakteristische  Merkmale  rheinischer  Kirchen  vergebens:  versteckte 
Portale,  Kuppelbauten,  Doppel*  oder  flankirende  Thürme  sind  als  ver- 
einzelte und,  weil  nie  vereinte,  Erscheinungen  schwerlich  auf  ein 
rheinisches  Muster  zurückzufahren.  Und  wenn  schon  in  frühromanischer 
Zeit  die  Sculpturen  und  Kleinkünste  des  Domes  zu  Münster  einem 
Kölner  Bewunderung  abnöthigen^'),  sollte  dann  die  Architektur,  die 
Grundlage  der  iibrigen  Künste,  nicht  schon  eine  entsprechende  selbst- 
ständige Durchbildung  erfahren  haben!  Es  wurde  in  der  That  der 
bei  der  Christianisirung  eingeführte  Steinbau  im  11.  Jahrhundert  immer 
allgemeiner,  wahrscheinlich  bald  darauf  den  meisten  Dorf-  und  Land- 
kirchen zu  Theil,  es  wurde  nun  die  Wölbung  an  Krypten,  Altaren 
und  Kapellen  so  weit  gehandhabt,  dass  sie  früh  im  12.  Jahrhundert 
schon  die  grösseren  Bäume  der  Abseiten,  etwas  später  die  ganze 
Kirche  bedecken  konnte ;  und  mit  der  Technik  wurde  die  Form  so  leicht 
beherrscht,  dass  man  bald  nach  der  Mitte  des  12.  Jahrhunderts  die 
seither  nur  an  Krypten  und  Kapellen  versuchte  Hallenform  auch  an 
grossen  Gotteshäusern  zu  Ehren  bringt. 

Drei  Schiffe  gleich  hoch,  das  Mittelschiff  breiter  als  die  Seiten- 
schiffe, das  Fehlen  eines  Kreuzbaues,  einfache  Thurmanlage,  hohe  und 
kahlere  Dachbildung  stellen  die  erst  in  der  Gothik  ausgebildete  ge- 
wöhnliche Hallenkirche  dar,  und  wenn  diese  auf  den  malerischen 
Wechsel  verzichtet,  welchen  eine  Basilika  im  Grund-  und  Aufrisse  ent- 
faltet, so  bietet  sie  dafür  nicht  weniger  eine  ernste  Einfalt  wie  licht- 
volle^ Anordnung ;  und  wenn  ihre  schlichte  Gestalt  in  Werksteinen  noch 
Perlen  der  zieiliphsten  Schönheit,  wie  die  Lambertikirche  zu  Münster 
und  die  Wiesenkirche  in  Soest,  aufzuweisen  hat,  so  empfahl  sie  sich  ganz 
vorzüglich  den  grossen  Baurevieren  des  schematischen  und  weniger 
bildsamen  Ziegelsteines.  Ich  habe  hier  nicht  genauer  auf  die  örtlich 
und  fbrmel  verschiedenen  Versuche  Westfalens  einzugehen,  eine  ent- 
wickelungsf&hige  Hallenform  herzustellen;  ich  will  hier  nur  hervor- 
heben, dass  ohne  Zweifel  die  um  1173  begonnene  Ludgerikirche  zu 
Münster  zuerst  jene  fruchtbare  Hallenform  anstrebt,  welche  im 
Anschlüsse  an  die  Gewölbeeintheilung  der  romanischen  Basilika  die 
charakteristische  Gleichzahl   der  Joche  in  allen  Schiffen  und  demge* 


48    Die  kanstgeschichtl.  Beziehungen  zwischen  dem  Rheialande  u.  Westfalen. 

mäss  die  gleiche  Stärke  aller  Stützen  bedeutet  ^').  Nachdem  das  System 
mit  Hälfe  des  Spitzbogens  seine  Vollendung  erlangt  hat,  verdrängt  es* 
im  Norden,  Osten  und  Süden  Deutschlands  weiter  und  breiter  die  Basi- 
lika, es  gefällt  noch  im  Spätmittelalter  dem  Italiener  Enea  Silvio  so 
wohl,  dass  er  als  Papst  (Pius  II)  unter  den  stattlichen  Bauwerken, 
womit  er  seine  Heimaih  Pienza  verschönert,  (1462)  auch  einen  Dom 
in  Hallenform  aufführte  ^'').  Hätte  ihr  das  Rheinland  auf  die  Dauer 
widerstehen  sollen?  Sie  wagt  sich  am  Mittelrhein  freilich  nur  mit 
kleineren  Werken  zwischen  die  stolzen  Basiliken,  dafür  findet  sie  am 
Niederrhein,  in  Westfalens  Nähe,  eine  um  so  freundlichere  Aufnahme 
und  entfaltet  ihr  ganzes  Wesen,  man  möchte  sagen,  grossartig  in  der 
Nicolai-Pfarrkirche  zu  Calcar  **),  obgleich  St.  Victor  zu  Xanten  in  allen 
basilikalen  Schönheiten  aufstieg.  Hier  sollte  das  einfache  System 
später  noch  eine  eigenthümliche  Umbildung  erfahren  und  damit  sogar 
wieder  Einiluss  nehmen  auf  die  westfälische  Heimath. 

Hat  die  romanische  Kunst  bloss  bauliche  Einflüsse  unter  beiden 
Ländern  gekannt?  Wenn  auch  in  andern  Kunstgattungen  ein  Verkehr 
bestand,  so  darf  man  ihn  von  vornherein  dem  Niederrhein  und  dem 
Westtheile  Westfalens  zuschreiben.  Diese  Gegenden  haben  lange  Zeit 
einen  so  wohlthuenden  Wechselverkehr  unterhalten,  ¥rie  ihn  die  enge, 
durch  keine  Naturhindernisse  gestörte  Nachbarschaft,  die  ähnlichen 
Boden-  und  Nahraogsverhältnisse  begründeten  und  der  dem  Mangel  des 
einen  Landes  zu  Gute  kommende  Ueberfluss  des  andern  befestigte. 
Hier  wie  dort  will  der  romanische  Stil  ungern  der  Gothik  weichen. 
Der  Westfale  hatte  hier  den  Rhein  und  Rheinverkehr  am  nächsten, 
der  Niederrhein  und  der  Westfälische  Grenzsaum  benutzten,  beide  arm 
an  gewachsenen  Steinen,  ursprünglich  den  weithergeholten  Tufltetein, 
auf  die  Dauer  jedoch  als  Füllung  den  Ziegelstein  und  als  Werkstein 
für  die  feinern  Theile  den  bildsamen  Bruchstein.  Westfalen  konnte, 
wie  es  vom  Rheine  vereinzelt  den  Tuffstein  bezogen,  dahin,  nur  massen- 
hafter, seinen  Bruchstein  zurückgehen  lassen.  So  lieferten  die  Baum- 
berge (östlich  von  Coesfeld)  ihren  hellgelb-weisslichen  und  verarbeit- 
samen Sandstein  in  stärkern  und  leichtern  Stücken  über  die  Ostgrenze 
des  Landes  und  nicht  weniger  über  die  Westgrenze,  ja  nach  dem 
Niederrhein  hin  so  massenhaft,  dass  er  von  Wesel,  wo  «r  gelagert  zu 
sein  scheint,  nach  den  einzelnen  Bau-  oder  Bedürfnissstätt^n  des  Nieder- 
rheins vertrieben  wurde.  Die  Xantener  bestellten  ihn  sogar  für  die 
feinern  Details  ihres  Domes  in  der  gewünschten  Grösse  und  Form 
an  den  Brüchen*^).    Nördlich  von  den  Baumbergen  und  dem  Nieder- 


Die  kanstgescluchtl.  Benebungen  zwischen  dem  Rbeinlande  u.  Westfalen.    49 

rhcin  nicht  ferner  bargen  die  Gruben  von  Gildehaus  und  die  noch 
altem  von  Bentheim  einen  harten,  körnigen,  dunklern  oder  gelberp 
Sandstein,  und  ihnen  entstammt  wahrscheinlich  ein  romanischer  Tauf- 
stein der  Kirche  zu  Wissel  bei  Calcar.  Seine  Base  ist  viereckig,  der 
Ständer  rund  und  in  regelmässigen  Abständen  von  löwenartigen  Thier- 
gebilden  besetzt,  die  aufrecht  so  nach  aussen  sehen,  dass  über  ihren 
Köpfen  mittelst  eines  Wulstes  das  Becken  ausladet;  das  runde,  tief 
ausgehöhlte  Becken  umzieht  oben  zwischen  zwei  Tauverzierungen  ein 
Rankenge  winde  mit  Blättern  und  viereckig  umrandeten  Trauben,  unten 
legen  sich  aufrechte  palmettenartige  Blätter  herum,  jedesmal  im  Felde 
der  vier  Löwen  des  Fusses  unterbrochen  von  zwei  Menschenköpfen  ~ 
Alles  möglichst  steif  und  schematisch.  Zeigte  auch  der  rohe  Stein 
nicht  auf  die  Bentheimer  Brüche,  so  gleicht  das  Ganze  schon  so  sehr 
einer  Beihe  westfälischer  Taufsteine,  dass  man  ihm  wohl  nur  dieselbe 
Herkunft  beilegen  kann  wie  diesen ;  diese  finden  sich  aber  wie  im 
Halbkreise  um  die  Brücke  verbreitet  in  den  Kirchen  des  Emslandes 
und  Westfalens,  mir  einzelne  haben  sich  weiter  in  den  Norden  oder  in 
die  Mitte  des  Landes  zerstreut.  Sie  zeigen  zwar  namentlich  im  Or- 
nament des  Beckens  und  in  der  Zahl  der  Tauverzierungen  grössere 
oder  geringere  Abweichungen  —  allen  gemeinsam  ist  im  romanischen 
Typus  die  viereckige  Base,  der  runde  mit  aufrechten  Gestalten  um- 
stellte Ständer  und  das  über  den  Köpfen  desselben  ausladende  runde 
Becken. ")  Da  auch  einfachere  Formen  im  Innern  des  Landes  den 
Bentheimer  Stein  verraten,  so  liegt  die  Annahme  nahe,  es  wären  bei 
den  Bentheimer  Brüchen  in  romanischer  Zeit  Taufsteine  handwerks- 
mässig  angefertigt  und  nach  allen  Richtungen  nach  Westfalen,  wie 
nach  dem  Emslande  und  Niederrhein  käuflich  verschickt  worden. 
Jedenfalls  hat  auch  der  zweite  Taufstein  zu  Wissel  dieselbe  Herkunft, 
wie  Fuss  nnd  Becken  dieselbe  Form,  nur  dass  das  letztere  durch  die 
dicke  Tünche  als  Flächenzier  bloss  mehr  eine  gewisse  Quadrirung 
scheinen  lässt. 

Die  Kunstbeziehungen  innerhalb  des  romanischen  Stils  sind 
gewiss  lehrreich,  sie  treten  indess  nur  zufällig,  nur  vereinzelt  nach 
Ort  und  Gattung  auf,  wenn  wir  sie  mit  jenen  der  Folgezeit  ver- 
gleichen, wo  sich  neue  politische,  cultur-  und  kunstgeschichtliche 
Hebel  einsetzten,  um  beiden  Nachbarländern  einen  so  warmen 
Wechselverkehr  zu  bescheeren,  dass  für  Jahrhunderte  ein  Hin-  und  Her- 
wogen der  Motive  ermöglicht  wurde.  Den  Wendepunkt  bildet  auch 
hier  das  13.  Jahrhundert.  Die  Auflösung  des  sächsischen  HerzojEcthuras 

4 


60    Did  kirastgetchichtl.  Beziehungeii  zwiichen  dem  Bheinlaade  %l  Westfalen. 

hatte  Westfalen  vom  Osten  losgerissen  und  die  Hälfte  des  Landes, 
dessen  grösserer  Umfang  kirchlich  schon  längst  dem  Erzbisthum  Köln 
untergeben  war,  diesem  auch  politisch  einverleibt.  Dort  wie  hier 
erbiahten  in  Freiheit  die  Städte,  und  um  die  Segnungen  des  Handels 
und  W^arenvertriebs  möglichst  vollständig  zu  gemessen,  verbanden 
sie  sich  zu  Schutzbündnissen  gegen  Wegelagerer  und  jede  Art  von 
Verkehrsstörung.  In  dem  städtischen  Handelsverband,  der  als  Hanse 
den  ganzen  Norden  bis  nach  England  und  Bussland  umschlang,  bildeten 
schliesslich  Westfalen  und  der  Rhein  unter  der  Metropole  Köln  ein 
Verkehrsglied  i^),  beherrschten  Köln,  Münster,  Soest  und  Dortmund  als 
Hauptinteressenten  des  Londoner  Stalhofes  den  deutschen  Handel  in 
England.  Die  Städte  zeitigten  somit  zuerst  einen  Wechselverkehr  der 
profanen  Lebensinteressen,  welcher  weit  über  die  Grenzen  des  eigenen 
und  des  Nachbarlandes  hinauswogte,  sie  traten  dadurch  immer 
wirkungsvoller  als  die' Angelpunkte  der  Cultur  in  den  Vordergrund 
und  sie  haben  auch  die  Pflege  der  Künste  in  die  Hand  genommra 
und  fortgesetzt,  grade  als  die  KlQster  und  Domplätze  dem  Richtscheit, 
Meissel  und  Pinsel  entsagten,  und  von  Frankreijch  eine  neue  Stilart, 
die  Gothik,  herüberkam,  welche  triumphirend  den  einen  Bauplatz  nach 
dem  andern,  die  eine  Kunstgattung  nach  der  andern  den  herkömm- 
heben  Formen  entriss  und  den  ihrigen  mit  unerbittlicher  Gonsequenz 
unterordnete. 

Auch  der  erweiterte  Lebens-  und  Gesichtskreis  vermag  den 
Westfalen  nicht  zu  bestimmen,  so  schnell  und  entschieden,  wie  das 
Rheinland,  dem  neuen  Stile  zu  huldigen ;  fest  verwachsen  mit  dem  Cre- 
wohnten  muss  er  dessen  Formen  erst  gehörig,  man  möchte  sagen,  noch 
an  der  Hand  der  romanischen  Kunst  sich  einüben  und  einprägen,  be- 
vor er  sie  rein  und  lauter  zur  Geltung  bringt,  und  selbst,  wo  er  sie 
beherrscht,  vermag  er  noch  so  wenig  durchgreifend  mit  dem  Alt^  zu 
brechen,  dass  er  neben  seiner  Hallenform  keine  gothische  Basilika 
aufkommen,  die  stolzesten  Thurmbauten,  wie  früher,  ohne  Streben  auf- 
steigen lässt  und  das  Omamentale  schlicht,  aber  klar  handhabt  Und 
welche  Selbstständigkeit,  Werkthätigkeit  und  Meislerschaft  hat  sich 
in  diesem  westfälischen  Baukreise  entwickelt,  zumal  an  den  Glanz- 
punkten Münster,  Dortmund  und  Soest?  Soest,  die  alte,  volk-  und 
verkehrreiche  Stadt  setzt  seine  Bauthätigkeit  auf  der  breiten  GfUnd- 
lage  der  früheren  Zeit  fort,  den  rheinischen  Einflüssen,  so  nahe  sie 
auch  der  rege  Verkehr  mit  Köln  legte,  nur  geringe  Goncessionen 
machend;  in  Dortmund  werden  in   das  von   1296—1506  reichende 


Die  kimsigesobiohtL  Boriehongen  ewisohen  dem  Rheinlande  u.  West&leii.    61 

Bflrgerbach  neben  den  Gewerbetreibenden  und  Kaufleuten  beinahe  Jahr 
i&r  Jahr  Vertreter  der  monumentalen  und  Kleinkünste  eingetragen, 
80  besonders  Steinmetzen,  Zimmerleute  und  Maler,  jedoch  mit  zwei 
Ausnahmen,  sämmtlich  Westfalen;  und  wenn  man  in  der  Heimat 
und  im  Auslande  von  Münster  erzählte,  seine  Liebfrauenkirche,  be- 
gonnen 1340,  sei  von  Johann,  dem  Sohne  des  weltbekannten  Strass- 
burg^  Dombaumeisters  Erwin  von  Steinbach  aufgeführt,  oder  seine 
Lambertikirche,  begonnen  1375,  wäre  von  Tyrolem  erbaut,  so  wollen 
diese  Sagen,  deren  Einzelbestandtheile  entweder  falsch  oder  unerwiesen 
sind,  gewiss  weniger  die  Erinnerung,  dass  die  Gothik  als  fremdländisches 
Gewächs  auch  hier  eingebürgert  sei,  als  die  Thatsache  bestätigen,  dass 
sie  sich  hier  in  Werken  verkörpert  habe,  welche  den  grössten  Meistern 
des  Auslandes  Ehre  machen  könnten.  In  der  That  sahen  diese  beiden 
Eirchenbauten  im  Kleinen,  wie  der  Kölner  Dom  im  Grossen,  als  sie 
eben  ihre  schönen  Glieder  zeigten,  ihre  verkleinerten  Abbilder  rings- 
h&c  auf  dem  Lande  erstehen.  1405  wird  ein  Meister  Kurd  von  Münster 
mit  seinen  Gesellen  zum  Ausbau  des  Rathhaus^  nach  Bremen  be- 
rufen und  der  Meister  der  Albrechtsburg  zu  Meissen  (1471— 1483),  jenes 
«grossartigen  Prachtwerkes^,  Arnold  Bestürling,  war  ein  Westfale'^). 

West&lens  Anhänglichkeit  an  den  romanischen,  Westfalens 
Sdbständigkeit  im  gothiscfaen  Stil  fällt  um  so  mehr  auf,  als  seit  Mitte 
des  13.  Jahrhunderts  Köln  an  einem  basilikalen  Dombau  arbeitete, 
der  an  Grösse  und  Pracht  in  allen  Landen  seines  Gleichen  nicht  sehen 
soDtOy  und  der  noch  als  Torso,  schon  mit  seinem  Haupte,  so  gewaltig 
imponirte,  dass  man  die  schönsten  Bauten  der  Umgegend  nach  seinem 
Vorbilde  anlegte.  Wir  lassen  es  dahin  gestellt,  ob  gewisse  Profilirungen 
der  Beinoldikirche  zu  Dortmund  nach  rheinischen  Mustern  gezeichnet 
sind,  ob  die  beid^  in's  dortige  Lagerbuch  eingetragenen  Steinmetzen 
aus  Kettwig  in  der  Köliier  Hütte  gearbeitet  haben :  Thatsache  ist, 
dass,  wo  Westfalen  durchgehends  einfachere  Grundrisse  liebte,  die 
reichen  Grundrisse  des  Hauptchors  und  der  Seitenchöre  der  Petrikirche 
zu  Soest  unter  dem  überwältigenden  Eindrucke  des  erstehenden  Kölner 
Domchores  gqilant  sind;  und  wahrscheinlich  ist,  dass  man  dort  später 
den  der  Hallenform  eigentlich  fremden  Poppelthurmbau  der  Wiesen- 
kirche rheinischen  Mustern  nachgebildet  hat  Im  Ganzen  bleiben  diese 
Imitationen  ohne  Nachfolge,  und  nur  vereinzelt,  wie  sie  sind,  dürften  west- 
fälische Werkleute  einem  Johann  von  (Dren)Steinfurt  (1368)  nach 
Köln  gefolgt  sein,  die  dortige  Werkhütte  zu  besuchen,  die  Technik 
und  Formhandhabung  für  sich  auszunutzen  ^^), 


52    Die  kanstgeschichtl.  Beziehungen  zwischen  dem  Rheinlande  n.  Weat&len. 

Eine  architektonische  Einwirkung  auf  Westfalen  ging  nicht 
80  sehr  von  Köln,  als  vom  Gievischen  Niederrhein  aus  und  vollzog  sich 
in  einer  modifidrten  Hallenform,  die  weniger  durch  ihre  Schönheit, 
als  durch  ihre  Mittelstellung  zwischen  Hallen-  und  Basilikensystem, 
und  weniger  durch  ihre  Verbreitung,  als  die  Art  dieser  Verbreitung 
unsere  Aufmerksamkeit  erweckt.  Diese  seltsame  Zwitterform  zu  ent- 
wickeln, winkten  einmal  vom  SUden  der  Dom  zu  Köln  und  die  Victors- 
kirche in  Xanten  zu  schön  und  mächtig,  um  die  BasiUkenform  nicht 
als  die  vornehmste  und  üppigste  zu  bewundern,  anderseits  gefiel  in 
der  westfälischen  Nähe  die  einfache  Schönheit  der  Hallenkirche  so 
sehr,  dass  eine  an  Bruchsteinen  arme  Landschaft  sie  schwerlich  hätte 
umgehen  können.  Während  man  der  grossen  Nicolaikirche  zu  Calcar 
ganz  unverkürzt  die  Hallenform  gab,  verzwitterte  diese  sich  mit  der 
Basilika  in  einer  Gruppe  von  Bauten,  als  deren  Mutter  die  1341  be- 
gründete Stiftskirche  zu  Cleve  dem  Alter  wie  dem  Typus  nach  gelten 
dürfte.  Von  ihren  drei  durch  einen  Doppelthurmbau  im  Westen  abge- 
schlossenen Schiffen  erweitern  sich  die  Seitenschiffe  erheblich  über  die 
halbe  Breite  des  Mittelschiffes  und  steigen  so  hoch  empor,  dass  die 
eine  Oberwand  des  Mittelschiffes  nur  mehr  kleine  Oberlichter,  die 
andere  bloss  Blenden  zeigt.  Ein  Kreuzschiff  ist  nicht  mehr  ausgebildet, 
dafür  treten^  wie  zu  Xanten,  die  Chöre  der  Seitenschiffe  bedeutsam 
heraus ;  oder  man  müsste  die  zwei  kleinen,  aus  den  Langwänden  nach 
aussen  gehenden  Kapellen,  wovon  eine  als  Taufraum  dient,  für  eine 
Beminiscenz  des  Kreuzbaues  halten.  Weiter .  entwickelt  finden  wir 
diese  Form  in  der  spätgothischen  Pfarrkirche  zu  Geldern;  denn  hier 
haben  die  Seitenschiffe  mit  dem  Hauptschiffe  annähernd  die  Breite  und 
völlig  die  Höhe  gemein,  den  östlichen  Absc|ilu3s  bilden  drei  Chöre  — 
zwischen  Chor  und  Langhaus  erhebt  sich  ein  stattlicher  Kreuzbau  mit 
weit  ausladenden  Armen,  deren  Gewölbe  jederseits  auf  einem  Pfeiler 
in  der  Flucht  der  Langmauem  ruhen.  In  den  kleineren  Landkirchen 
haben  sich,  von  der  Chorbildung  abgesehen,  die  basilikalen  und  Hallen- 
bestandtheile  so  verbunden,  dass  nur  ein  Westthurm,  keine  Kreuzarme 
geplant,  die  Mittelschiffe  wenig  höher,  ohne  Lichter,  höchstens  mit 
innem  Blenden  emporgezogen  sind:  so  bei  den  Kirchen  zu  Uedem, 
Keppeln  und  theilweise  zu  Weeze.  In  dieser  Umgestaltung  kehrte  das 
Hallensystem  vom  Niederrhein  wieder  nach  Westfalen  zurück,  so  zwar, 
dass  die  grosse  1415  begonnene  Pfarrkirche  zu  Bochold,  die  dem 
Rheine  nächste  und  frühste  dieser  Art,  ähnlich  den  grösseren  Vorbildern 
des  Rheines,  noch  einen  vortretenden  Kreuzbau  erhielt,  die  kleineren 


Die  kunstgeBchiohil.  Beziehungen  zwiM)hen  dem  Rheinlande  u.  Westfalen.    68 

and  spätem  Kirchen  zu  «Ramsdorf,  Senden  und  Greven,  ähnlich  den 
kleinem,  dem  Rreuzbau  entsagen,  in  allen  drei  Schiffen  wohl  dieselbe 
Känipferhöhei  aber  in  den  Abseiten  niedrigere  Gewölbe,  hohe  mit  dem 
Gesimse  wohl  durchs  Dach  schauende  Oberwände  und  demgemäss  licht- 
arme Gewölbe  des  Mittelschiffes  zeigen.  Nichts  Angenehmeres  kann 
es  für  den  Forscher  geben,  als  eine  Erscheinung,  wie  diese  Bauform, 
hier  stufenweise  aufkommen  und  doi;thin  in  regelmässiger  Folge  von 
Zeit  und  Ort  überspielen  zu  sehen;  denn,  wie  diese  Form  von  Cleve 
aus  am  Niederrhein  die  Runde  macht,  so  nimmt  sie  von  der  west- 
fälischen Grenzstadt  Bochold  eine  fast  nordöstliche  Richtung  auf 
Münster  (Greven),  als  ob  die  Baumeister  sie  vom  Westen  immer  weiter 
ins  Land  hineingetragen  hätten.  Sie  steht  ästhetisch,  weil  ein  Mittel- 
ding,  den  ausgebildeten  Formen  nach,  sie  hat  nur  eine  locale  und 
ephemere  Bedeutung,  sie  erscheint  als  ein  Auswuchs  der  haltlosen  und 
schwankenden  Spätgothik,  welcher  der  ernste  Geist  der  Construction 
abhanden  gekommen  und  desshalb  jede  Neuerung  lieb  war.  Indem  so 
am  Ende  Stil  und  Formen  in  sich  selbst  entarteten,  konnten  am 
Niederrh.ein  wie  im  benachbarten  Münsterlande  (Stadtlohn,  Buldera, 
Darup)  noch  andere  abnorme  Gestaltungen  zu  Tage  treten,  welche  im 
Allgemeinen  ein  niedriges  Seitenschiff  (an  der  Nordseite),  in  der  nörd- 
lichen Oberwand  keine,  in  der  südlichen  Langwand  des  Hauptschiffes 
um  so  grössere  Lichter  erhielten,  und  im  Besondem  so  viele  Ver- 
schiedenheiten darstellten,  dass  diese  schwerlich  unter  einen  allge- 
meinen Begriff  zu  befassen  sind. 

Mit  so  schwachen  Gaben  mochte  auch  der  Rhein  seine  alten 
Verbindlichkeiten  gegen  Westfalen  nicht  abtragen  —  erfreulicher  und 
epochemachender  wirkte  die  Kölnische  Malerschule  ein,  und  Westfalen, 
wo  im  14.  Jahrhundert  die  Malerei  einen  Ruf  hatte,,  dass  ein  Meister 
Philipp  Herman  (f  1392)  von  Münster  die  älteren  Glasgemälde  des 
Domes  zu  Metz  fertigte  ^°),  hätte  gewiss  seine  heimische  Weise  der 
Kölnischen  nicht  so  willig  geopfert  oder  angeschlossen^  wenn  beide 
lÄnder  durch  die  neue  Kunstauffassung  nicht  die  zartesten  Saiten 
ihrer  Seelenstimmung  gemeinsam  berührt  gefunden  und  darin  nicht 
gleiche  Fühlung  gehabt  hätten.  Freilich  war  sie  schon,  als  Meister 
Philipp  Herman  in  Metz  malte,  so  überwältigend,  so  reizend  in 
Köln  bethätigt,  dass  sie  von  dort  die  auswärtigen  Schulen  entweder 
neben  sich  in  den  Schatten  stellte  oder  zur  Nachfolge  einlud ;  denn 
gestützt  auf  eine  uralte  Schild-,  Wand-,  Glas-  und  Büchennalerei,  in 
den  Mitteln  und  Anschauungen  bereichert  von  dem  bunten  Weltverkehr 


/ 


64    Die  kunstgeschichtl.  Beziehungen  Ewiiohen  dem  Rheinlande  u.  Westfalen. 

ZU  Wasser  und  zu  Lande,  beherrschte  die  reiche,  schöne,  heilige  Stadt 
den  ergiebigsten  Boden,  uin,  wie  in  der  Architektur,  nun  auch  in  der 
Malerei  Epochemachendes  zu  leisten  und  grade  in  der  Tafelmalerei 
Form,  Idee  und  Farbe  zu  den  hehrsten,  innigsten  und  mildesten  Dar- 
stellungen zu  vermählen. 

Im  zweiten  Viertel  des  14.  Jahrhunderts  culminirte  diese  in  ver- 
schiedenen Schulen  geübte  Malweise  in  dem  Meister  Wilhelm,  der 
schlechtweg  als  der  „beste  Maler  in  allen  deutschen  Landen'^  als  der 
Meister  aller  Meister  gepriesen  ward,  und  so  wenig  befangen  künst- 
lerten  diese  Schulen  weiter,  dass  sie  bereits  vor  1449  auch  die  Oel- 
malerei^O  angenommen  hatten.  Dem  Zauber  der  Kölnischen  Gemälde 
unterwarfen  sich  Bildhauer,  Steinmetzen,  Schnitzer  und  nicht  minder 
die  Miniaturmaler  welche  sich  sonst  so  gerne,  unbekümmert  um  jeden 
Stilzwang,  in  den  freisten  und  heitersten  Launen  und  Einfällen  ergingen. 
Denn  das  verleiht  überhaupt  dem  mittelalterlichen  Kunstleben  einen 
eigenthümlichen  Beiz,  dass  bei  dem  nahen  Verbände  aller  Zweige  der  eine 
von  dem  andern  lernte,  fast  dessen  Stil  annahm,  wenn  er  ^ch  hervor- 
gethan  hatte ;  hat  man  doch  auch  nach  Siegeln  gemalt  und  geschnitzt 
und  die  Siegelbilder  wieder  nach  freien  Bildwerken  bearbeitet  1 

Die  Westfalen  sind  vielleicht  die  Ersten  gewesen,  welche  die 
heimische  Malweise  der  Kölnischen  näherten,  weil  diese  mit  ihrem 
hehren  Idealismus  der  zartesten  Seite  des  westfälischen  Herzens  ent- 
sprach. Noch  nicht  erklang  der  Name  des  Meisters  Wilhelm  durch 
die  deutschen  Ateliers  —  1320  schon  malt  in  Köln  ein  Johann  von 
Münster,  und  wie  schnell  ihm  andere  Landsleute  folgten,  um  entweder 
dort  oder  heimgekehrt  ihr  Vaterland  mit  den  idealen  Gebilden  des 
Rheines  zu  zieren,  das  zeigen  wieder  Tafelgemälde  zu  Soest.  Diese 
Stadt,  mit  der  rheinischen  Metropole  bis  tief  ins  15.  Jahrhundert  auch 
politisch  aufs  engste  verknüpft,  hatte  ihr  im  Handel  und  Kunstleben 
so  rüstig  nachgestrebt;  dass  sie  sich  der  ältesten  Staffeleigemälde 
Deutschlands  rühmen  kann,  und  sie,  welche  der  Kölnischen  Gothik  so 
bald  ihren  Weihrauch  streute,  schmiegt  sich  auch  zuerst  mit  ihrer 
Malerei  der  rheinischen  Auffassung  an.  Bald  ist  diese  im  ganzen 
Westfalenlande  zu  Hause,  und  immer  zahlreicher  erglänzen  die  Bilder 
mit  den  hellen  Farben,  mit  den  weich  gebogenen  Gestalten,  langen, 
gefältelten  Gewändern,  den  ovaleu  Köpfchen,  sanft  gerundeten  Kinnen, 
fein  gezogenen  Nasenrücken,  längen  Händen,  den  mandelartigen  Augw, 
mit  dem  hochgewölbten  Munde,  kurzum  mit  dem  holdseligen  wie  aus 
einer  andern  Welt  schauenden  Antlitz  —  und  alle  diese  Schönheiten 


Die  konstgeooliiohtL  BenehaiigeD  swiMhen  dem  Rheinlande  u.  WeiÜBden.    (5 

treten  von  dem  goldenen  Hintergrande  nur  um  so  deatUbher  hervor. 
Prägnant  machen  sie  sich  geltend  an  dem  reichen  Bildercyclus  des  um 
1400  bemalten  Missale  der  Bibliothek  zu  Münster,  sie  ziehen  noch 
1442  einen  Maler  Gerhard  von  Soest  nach  Köln^^),  sie  klingen  bis  1479 
nach  in  den  zahlreichen  Mihiatttren  der  westfälischen  Fraterherren,  sie 
leihen  den  1465  geweihten  Altarbildern  des  Liesbomer  Meisters  eine 
merkwürdige  Anziehungskraft,  indem  darin  sonst^  nach  den  paar  con- 
tinentalen  Resten  zu  urtheilen,  die  kräftigere,  festere  Farbe,  der  mar- 
kirte  Gesichtsausdruck,  das  betonte  Costüm  und  die  opulenten  In- 
terieurs die  Einflüsse  der  niederländischen  Schule  deutlicher  aussprechen, 
als  bisher  gegenüber  dem  Kölnischen  Idealismus  hervorgehoben  wurde. 
Da  erst  nach  ihrer  Aufstellung  beim  Kloster  Räume  pro  variarum 
artium  exercitatione  eingerichtet  wurden,  so  hat  sie  wohl  kein  Lies- 
bomer, am  wenigsten  ein  Mönch  mehr  geschaffen,  nur  so  viel  ist 
sicher,  sie  haben  einen  Meister  altkölnischer  Richtung,  der  sich  mit 
der  niederländischen  Aufiiassung  vertraut  gemacht  hatte:  ob  einen 
Niederlä<idery  Kölner  oder  Westfalen,  muss  spätem  Funden  überlassen 
werden*®). 

Wir  müssen  auch,  da  wir  die  genauere  Zeit  und  das  Werk  nicht 
mehr  kennen,  darauf  verzichten,  die  Stilweise  des  Kölner  Malers  Wil- 
helm von  Grevenbroch  zu  charakterisiren,  von  dem  J.  D.  von  Steinen 
nur  Folgendes  mittheilt :  „Wilhelm  von  Grevenbroch,  so  im  fünfzehnten 
Jahrhundert  gelebt  und  ein  Bürger  und  Glasschreiber  zu  Köln  ge- 
wesen, hat  (ohne  Zweifel  durch  Gelegenheit  des  Glasmalens)  ein  schön 
Wappenbuch  zusammengetragen,  darinnen  1500  mehrentheils  Gülichsche, 
CöUnische,  Bergische  und  Märkische  Adelige,  auch  Wappen  von  König- 
reichen, Königen,  Fürsten,  Grafen,  Bisthümem,  Städten  u.  s.  w.  mit 
ihren  Farben  und  Helmzierden  anzutreffen.  Ich  habe  es  von  dem 
Freiherra  von  und  zu  Bodelswing,  Gerichtsherren  zu  Mengede  etc. 
zum  Gebrauche  und  daraus  nicht  geringen  Nutzen  gehabt 

Wahrscheinlich  unter  dem  Eindrucke  der  Kölnischen  Schule 
hatte  sich  in  Westfalen  mit  dem  15.  Jahrhundert  die  Zahl  der  Ateliers 
für  Maler  und  der  ihnen  nachbildenden  Schnitzer  so  vermehrt,  die 
Technik,  die  Formgebung  so  vervollkommnet,  dass  Münster,  Osnabrück, 
Dortmund,  Soest,  (Paderbom,)  vielleicht  auch  die  Kleinstädte  Meister 
besitzen,  denen  von  nah  und  fern  die  ehrenvollsten  Aufträge  werden. 
Nahm  doch  1474  König  Christian  von  Dänemerk  von  einer  Rheinreise 
den  westfälischen  Bildhauer  Daniel  Aretäus  mit  an  seinen  Hof,  kann 
doch  die  westfälische  Kunst  bald  am  Rheine  mit  rheinischen  und 


56    Die  kunstgeBchiohtl.  Beziehungen  zwischen  dem  Rheinlande  u.  WestfjEJen. 

niederländischen  Arbeiten  v^etteifem.  Die  drei  oder  vier  Decennien 
vor  und  nach  1500  bezeichnen  ohne  Frage  den  Höhepunkt  west- 
fälischer Bildnerei  und  Malerei,  wenn  man  auf  Technik,  Kunstfleiss, 
auf  eine  gewisse  Rettung  des  idealen  Gehalts  und  den  Buf  sieht;  dessm 
sich  ihre  Meister  innerhalb  und  ausserhalb  der  Heimath  erfreuten. 
Als  die  Achse  dieser  hehren  Bestrebungen  Westfalens  ragt  die  Stadt 
Münster  glänzend  hervor.  Die  den  Bhein-  und  Niederlanden  nahe 
Lage,  .ein  stolzes  reiches  Bürgerthum,  ein  weitverzweigtes  Handelsnetz 
und  eine  nicht  minder  in  allen  Zweigen  und  Phasen  bethätigte,  noch 
in  manchen  Monumenten  bewunderungswürdige  Kunstübung  hatten  ihr 
längst  den  Namen  der  westfälischen  Metropole  gesichert,  als  ihr  der 
gesteigerte  Wechselverkehr  der  Länder  im  15.  Jährhundert  Gelegenheit 
gab,  das  Licht  ihres  idealen,  geistigen  und  künstlerischen  Vermögens 
in  weitere  Fernen  strahlen  zu  lassen.  Hier  malten,  um  vorläufig  nur 
von  der  Kunst  zu  reden,  die  Fraterherren  nicht  nur,  hier  wurden  alle 
Künste  so  ruhmreich  betrieben,  dass  der  vielgereiste  Humanist  Johannes 
Murmellius  1503  in  dithyrambischem  Lobe  von  Münster  behauptet, 
es  stehe  durch  der  Künste  Vielzahl  Athen  gleich**). 

Rheinland  und  Westfalen  erleben  nun  ein  se  reges  Hin-  und 
Hergehen  von  Künstlern  und  Stilweisen,  und  diese  hangen  wieder  so 
innig  zusammen  mit  ausländischen  Einflüssen,  dass  wir  von  dem  Leiben 
und  Leben  dieser  gegenseitigen  Strömungen  nur  eine  dunkele  Vor- 
stellung bekommen  würden,  wenn  wir  nicht  die  allgemeingeschichtlichen 
Fäden,  wovon  dieselben  durchwebt  sind,  einigermassen  entwirren  und 
klar  legen.  Dabei  haben  wir  von  vornherein  die  Niederlande  mit  ins 
Auge  zu  fassen.  Ihrer  realistischen  Malweise  öffnen,  vom  Süden  abge- 
sehen, die  rheinisch-westfälischen  Ateliers  immer  weiter  die  Thore,  und 
wenn  dieser  tiefgreifenden  Kunstwandlung  auch  allerwärts  der  allmählig 
veränderte,  auf  das  Leben  und  die  Wirklichkeit  gerichtete  Geist  der  Zeit 
entgegenkam,  äusserlich  wurde  sie  dadurch  ermöglicht,  dass  gerade  seit 
der  Mitte  des  15.  Jahrhunderts  die  Niederlande  mit  dem  Rheine  und 
Westfalen  eine  allseitige,  sich  sogar  auf  die  Schrift  erstreckende,  Gul- 
tureinheit  ausmachten,  und  dass  darin  das  eine  Land  die  Vortheile  und  die 
nachahmenswerthen  Leistungen  des  andern  so  leicht  ausbeuten  konnte, 
wie  nie  zuvor.  Dahin  wirkten  ausser  den  alten  Handelsbeziehungen 
eine  Reihe  von  Fehden,  Bündnissen,  und  Friedensverhandlungen,  in 
denen  Gelderland,  Utrecht,  die  Länder  des  Niederrheins  mit  Köln, 
Münster  und  andere  westfälische  Herrschaften  sich  freundlich  oder 
feindlich  berührten,   die  einen   das  Interesse   der  andern  vertraten, 


Die  knuBigeBCliicfatl.  Beziehungen  zwischen  dem  Rheinlande  ii.  Westfalen.    57 

deren  Länder  kennen  lernten,  oder  worin  sie  gar  mit  einander  be- 
stimmte Verkehrsverträge  schlössen.  Schon  der  Vergleich,  wodurch 
der  Münsterische  Bischof  Heinrich  von  Mors  1445  die  Zwistigkeiten 
mit  seinem  Utrechter  Amtsgenossen  Budolf  beendete^  sicherte  vor 
Allem  den  gegenseitigen  Verkehr  and  Handel  für  die  holländischen 
Städte  OMensal,  Campen,  ZwoUo  und  Deventer,  und  von  diesen  Städten 
werden  uns  die  drei  letztem  als  Stütz-  und  Ausgangspunkte  hollän- 
discher Kunst  wieder  begegnen.  Die  schon  1444  angezettelte  Soester 
Fehde  führte  die  Kölner,  die  Clever  und  ihre  Bundesgenossen;  theils 
als  Freunde,  theils  als  Feinde,  ins  Herz  Westfalens  und  die  ihr  auf 
dem  Fusse  gefolgte  Münsterische  wirbelte  wieder  die  Kölner  und  die 
niederrheinischen  Streitkräfte  mit  allen  guten  und  schlechten  Folgen 
durch  das  Münsterland  und  zog  gegenseits  die  Westfalen  wieder  zu 
Verträgen  aufs  rheinische  Gebiet,  so  dass  namentlich  die  Ausländer 
von  der  Westhälfte  Westfalens,  vom  Lande,  von  den  blühenden  Städten 
und  Städtchen,  von  deren  alitäglichen  und  idealern  Betrebungen 
Augenschem  nehmen  konnten.  Und  etwa  dreissig  Jahre  später  (1474) 
ziehen  die  Münsteraner,  ihr  Bischof  Heinrich  an  der  Spitze,  an  den 
Rhein,  um  sich  mit- Karl  dem  Kühnen,  dem  ehrgeizigen  Herzog  von 
Burgund,  zu  messen.  Wer  einem  Kriege  auch  noch  so  wenig  gute 
Folgen  zutrauen  will,  wird  nicht  im  Ernst  bestreiten,  dass  selbst  der 
Feind,  falls  er  nicht  alles  Menschengefühl  abgeworfen,  in  Feindeslande 
das  Gute  und  namentlich  die  bildenden  Künste  mit  Empfänglichkeit 
auf  sich  wirken  lassen  kann. 

Wirksamere  Hebel  des  Culturaustausches  hat  allerdings  der 
Frieden,  und  als  die  eifrigsten  Pfleger  des  ersteren  haben  sich  für  alle 
drei  Landschaften  die  Fraterherren  Verdienste  erworben,  die  bis  jetzt 
nur  zu  beiläufig,  wenigstens  nicht  allseitig  gewürdigt  sind.  Diese  an- 
spruchslosen Geistlichen  hatten  sich  in  der  zweiten  Hälfte  des  14.  Jahr- 
hunderts in  Nordholland  zu  einer  Genossenschaft  zusammengethan^  von 
dort  am  Ilheine  und  in  Westfalen  in  mehreren  Häusern  ausgebreitet,  um 
neben  tief  religiösen  Uebungen  den  Wissenschaften  obzuliegen,  Bücher 
abzuschreiben  und  kunstreich  mit  Miniaturen  grossen  Stiles  zu  be- 
male. In  Deventer  übernahmen  sie  auch  die  Capitelschule  und  be- 
gründeten die  humanistische  Bildung,  jenes  Ferment,  welches  geraume 
Zeit  die  erleuclitetsten*  Köpfe  diesseits  wie  jenseits  der  Alpen  zu  ge- 
meinsamer grossartiger  Geistesthätigkeit  vereinte.  Während  nun  die 
Fraterherren  vom  Rheine  und  Westfalen  mit  ihren  holländischen 
Bruderhäusem   eine  auch  ihren  Kunststil  gewiss  anregende  Fühlung 


68    Die  kttostgeschichtl.  Beziehungen  swisohen  dem  Rheinlande  n.  Westfalen. 

hielten,  Yerbreiteten  sich  in  den  deutschen  Nachbarländern  die  Huma- 
nisten und  Humanistenschulen  vom  Süden  und  besonders  von  Holland 
aus  und  eröffneten  für  die  drei  Länder  ein  Netz  des  geistigen  Verkehrs, 
das  in  Deventer,  Münster  und  Köln  seine  Knotenpunkte  hatte.  Köln 
fällt  als  Sitz  einer  Universität,  vieler  und  theilweise  sehr  regsamer 
Klöstef,  Gelehrten  und  Buchhändler  für  das  Rheinland  aufs  schwerste 
in  die  Wagschale  und  wird  von  den  grössten  Humanisten,  auch  von 
Rudolf  von  Langen  mit  allem  dichterischen  Preise  erhoben.  Münster 
hatte  seine  humanistische  Domschule  mit  den  trefflichsten  Lehrern  und 
an  deren  Gründer,  Rudolf  von  Langen,  einen  Vertreter  der  Bildung, 
den  die  Humanisten  von  nah  und  fern  aufsuchten  und  wegen  seiner 
Verdienste  im  überschwänglichsten  Lobe  feierten.  Von  allen  Seiten 
strömte  hierher  die  wissensdurstige  Jugend  und  radienförmig  ging  sie 
zum  Lehren  und  Schulgründen  wieder  in  die  westfälischen  Städte  und 
weiter  bis  nach  dem  Osten  und  Süden  Deutschlands  zurück.  Und 
Deventer  hatte  fast  alle  die  Grössen  geschult,  welche  dem  Humanis^ 
mus  in  Westfalen  und  Rheinland  Boden  und  Dauer  verschafften^^}. 
Von  hier  nach  dort  und  *  umgekehrt  kamen  die  Gelehrten,  ihre  lite- 
rarischen Producte,  die  meisten  neuen  Presserzeugnisse:  ist  es  denkbar, 
dass  solchen  regen  Geistesströmungen  nicht  auch  Künstler  und  Kunst« 
motive  von  einem  Lande  ins  andere  gefolgt  seien? 

Wie  wenig  man  im  Spätmittelalter  an  die  Scholle  gebunden, 
wie  gern  man  in  einem  fremden  Wirkungskreise,  wie  unglaublich  der 
Zug  zu  andern  Gegenden  und  neuen  Stellungen  war^  davon  gibt  allein 
die  Gulturgeschichte  Westfalens  schlagende  Belege  um  das  Jahr  1500. 
Nicht  nur  dass  Mönche  von  Trier  und  Köln  in  westfälische,  die  West- 
falen in  rheinische  Ordensklöster  traten  oder  als  Weltpriester  in  Köln 
und  Holland  ihren  Wirkungskreis  fanden,  dass  der  buchhändlerische 
Erwerb  diesen  hierhin,  jenen  dorthin  lockte  und  das  capitelsfähige 
Kind  oft  mit  einer  fernen,  auswärtigen  Pfründe  vorlieb  nahm  — der 
Westfale  Rolevinck  kann  als  Karthäuser  in  Köln  1478  von  dem  Aposto- 

lat  seiner  Landsleute  behaupten :  „Gesetzt  der  Dienst  und  die 

Arbeit,  welche  die  Westfalen  in  der  Welt  verrichten,  hörte  auf:  ich 
glaube,  dann  werden  alsbald   gewaltige  Klagen  unter  den  Menschen 

entstehen.    Wie   viele  Klöster würden   eingehen;    wie   viele 

Städte  würden  bei  schweren  Geschäften einen.  Rückgang  ver- 
spüren; wie  mancher  Prälat  würde  ein  minder  gutes  Bett  und  Ross 

besteigen;  wie   viele  Schiffe  blieben  im  Hafen  zurück; wie 

viele  Kirchen,  Collegien,  Hospitäler,   Klöster,  Prälaturen  würden  die 


Die  konstgeschiobtl.  BeEiehongen  swisohen  dem  Rheinlande  u.  Westfalen«    69 

hergebrachten    Hülfeleistungen    bei    mehreren    Nationen    entbehren 

müssen  I Heutzutage,   erzählt   er  im   weitem  Verlaufe,  hat 

(Westfalen)  selbst  keine  Universität,  allein  ob  es  in  der  Christen- 
heit eine  gebe,  wo  sich  kein  West£ale  findet,  möchte  ich  nicht  be^ 
haupten Dieser  durchforscht  die  tiefen  Geheimnisse  der  Theo- 
logie, jener  liegt  dem  kanonischen,  jener  dem  bargerlichen  Rechte  ob, 
ein  anderer  den  medicinischen  Studien,  noch  andere  wenden  ihren 

Eifer  den  Künsten,  der  Poesie,  der  Geschichtskunde zu/'    In 

einem  auswärtigen  Kloster 'findet  er  fünf  Westfalen  mehr  als  die  Hälfte, 
in  einer  auswärtigen  Provinz  fast  ein  volles  Drittel,  in  Venedig  einen 
Geldaristokraten  aus  Westfalen'^). 

Wenn  so  mannigfache  Fäden  des  Verkehrs  unfehlbar  die  geistigen 
wie  die  materiellen  Errungenschaften  der  drei  Nachbarländer  zum 
Gemeingut  machen  mussten,  so  thaten  die  alten  Handelsverbindungen 
und  die  Presse  das  Ihrige,  diesen  Austausch  so  zu  beschleunigen,  wie 
es  einer  Zeit  ohne  Eisenbahnen  und  Telegraphen  nur  möglich  war, 
und  darum  hat  für  uns  das  Fluctuiren  der  Stilweisen  und  der  aus- 
ländischen Kunst  nichts  Bäthselhaftes  mehr. 

Dem  idealen  und  anhänglichen  Wesen  der  Westfalen  hatte  die 
altkölnische  Kunstrichtung  es  zu  verdanken,  wenn  sie  auf  der  rothen 
Erde  so  lange  dem  niederländischen  Realismus  widerstand,  dann  sich 
mit  ihm  glücklich  verband;  dieser,  dass  er  nach  seinem  Siege  nicht 
so  leicht  in  alP  die  Manierirtheiten,  Härten  und  Verzerrungen  verfiel, 
wie  anderswo.  Freilich  forderte  der  schnelle,  der  Wirklichkeit  zutrei- 
bende, Zeitpulsschlag  auch  hier  am  Ende  seine  Rechte  für  die  ihm 
wahlverwandte  Weise  der  Eyckschen  Schule,  für  die  brillante  Technik, 
für  das  Eingehen  auf  die  kleinsten  Details  und  Stimmungen  im  Menschen 
und  NaturlebeUy  —  doch  bei  dem  Liesbomer  Meister  und  den  Fraterherren 
schliesst  diese  mit  der  Kölnischen  ndch  einen  freundlichen  Compromiss. 
Auf  zwei  Wegen  drang  der  Eycksche  Stil  nämlich  immer  nach- 
haltiger in  Westfalen  ein,  einmal  von  den  Niederlanden,  sodann  auf 
dem  Umwege  des  deutschen  Holzschnitts.  Brügger  KünsÜer  hatten 
schon  1461  prächtige,  1723  im  Brande  meistens  untergegangene,  Glas- 
gemälde für  die  Kirche  in  Unna  geliefert,  Bürger  in  Ahlen  bestellten 
damals  ein  Bildwerk  auf  den  Hochaltar  fttr  das  dortige  Schwesternhaus 
direct  in  Antwerpen,  und  wie  lange  mochten  die  Gemälde  Francos  von 
Zütphen  im  Dome  zu  Münster,  um  mit  einem  Augenzeugen  zu  reden, 
angestaunt  sdn,  als  die  Wiedertäufer  sie  durchlöcherten'^).  Trotzdem 
wäre  dem  neuen  Stil  der  Sic^  nicht  so  leicht  geworden,  wenn  er  nicht 


€0    Die  kuiiaigeschioIiU.  Beziehungen  zwischen  dem  Rheinlande  u.  Westfalen. 

allmälig  Hülfe  uud  Verbreitung  gefunden  hätte  in  den  Holzschnitten 
und  sich  darin  das  Auge  des  Publicums  befreundet  und  es  dem  alten 
Stile  entwöhnt  hätte.  Holzschnitt  und  Druck  hingen  doch  ursprüng- 
lich grade  in  Holland  enge  zusammen  und  es  konnte  nicht  fehlen, 
dass  jener,  nachdem  der  Druck  durch  Gutenbergs  Erfindung  der  be- 
weglichen Type  einen  gesonderten  Weg  zu  seiner  Vervollkommnung 
eingeschlagen  hatte,  auch  seinerseits  einen  freiem  schönem  Anflug 
nahm,  und  beide  allmählig  wieder  so  zusammengingen,  dass  der  Holz- 
schnitt erst  in  Verbindung  mit  der  Miniaturmalerei,  dann  allein  das 
vornehmste  Mittel  wurde,  um  einem  vollendeten  Drucke  zugleich  eine 
kunstreiche  Ausstattung  zu  geben.  Buchhändler,  Gelehrte  und  Künstler 
überraschten  das  Publicum  mit  jenen  opulenten  Ausgaben,  welche  mit 
ihren  einfachen  oder  colorirten  Holzschnitten  einen  solchen  Duft  der 
Schönheit  verbreiteten,  dass  sie  zugleich  Musterbücher  fßr  Bildhauer, 
Maler,  Decorationsmaler  und  Kleinkünstler  wurden.  Es  stellten  sich 
die  vor  einigen  Jahren  entblössten  Gewölbc-Decorationen  der  Kirche 
zu  Bennighausen  bei  Lippstadt,  welche  inschriftlich  in  den  zwanziger 
Jahren  des  16.  Jahrhunderts  gemalt  waren,  beim  ersten  Vergleich  als 
freie  vergrösserte  Uebertragungen  der  Holzschnitte  heraus,  womit 
Koelhof  1499  stellenweise  seine  „Gronica  van  der  hilliger  Stadt  van 
Coellen^'  verziert  hat;  und  ebenso  weist  die  Madonnenauffassung  des 
Muttergottesaltars  zu  Galcar  mit  der  Sibylle  und  dem  Kaiser  Augustus 
offenbar  auf  die  1492  zu  Nürnberg  gedruckte  Chronik  des  Hartmann 
Schedel  zurück;  diese  ist  auch  ein  wahres  Musterbuch  der  verschie 
densten  Decorationen  und  figürlichen  Bildwerke  ^^). 

Keinem  Druckort  verdankt  Westfalen  so  viele  Bücher  und  Bücher- 
holzschnitte,  wie  Köln,  wo  die  Koelhof  s,  Terhoernen's,  Quentel's  u.  A. 
in  Nichts  ihren  Concurrenten  zu  Strassburg,  Augsburg,  Basel,  Nürn- 
berg, Wittenberg,  Deventer,  Paris  u.  s.  w.  nachstehen  wollten.  An  dem 
Ruhme  der  Kölner  Presse  oder  vielmehr  des  Kölnischen  Bücherholzschnit- 
tes hat  Westfalen  einen  gewissen  Antheil,  falls  nämlich  die  sonderbaren, 
unglücklich  realisirenden  Holzschnitte  der  seltenen  deutschen  und 
zuerst  mit  diesem  Sehmucke  bereicherten  Bibel,  welche  etwa  1472  bis 
1474  in  Köln  die  Presse  verliess,  von  Johann  von  Paderbom,  oder  wie 
J.  Niesert  annimmt,  von  Israel  von  Meckenen  aus  Bochold  stammen  *'). 
Es  lag  doch  nahe,  dass  die  Gegend,  welcher  Sprache  und  Ueber- 
Setzung  angehörten,  auch  die  Bilder  lieferte.  Wie  dem  auch  sei,  That- 
sache  ist,  dass  die  älteren  Bücherholzschnitte  schnell  den  niederlän- 
dischen Typus  annahmen,    die    Bildnerei   und  Kleinkunst   für  ihre 


Die  knnstgeschicbtl.  Beziehungen  zwischen  dem  Rheinlande  u.  Westfalen.    61 

Formen  gewannen,  und  dass  die  Ateliers  in  Westfalen  der  neuen 
Kunstrichtung  immer  mehr  Rechte  einräumten,  seitdem  sie  unmittelbar 
von  den  Niederlanden  aus  in  grösseren  Gemälden  und  massenhafter 
durch  den  deutschen  Bücherholzschnitt;  zumal  den  Kölnischen,  in  allen 
Richtungen  das  Land  durchzog. 

So  verschiedene  Kunstströmungen  stiessen,  weit  entfernt,  der 
Kunstübung  überhaupt  zu  schaden,  vielmehr  in  Westfalen  auf  einen 
so  empfänglichen  Boden  technischer  Geschicklichkeit  und  soliden  Kunst* 
fleisses,  dass  die  Uebergäuge  zu  den  neuen  Stilweisen,  wohin  sie  auch 
fahrten,  leicht  gefunden  und  die  Meister  ihnen  so  bald  gerecht  wurden, 
dass  sie  davon  am  Niederrhein  Proben  ablegen  konnten.  Wieder  ist 
es  das  Clevische  Land,  und  speciell  die  Stadt  Calcar,  wo  sich  ihnen 
das  Feld  der  ehrenvollsten  Anerkennung  und  Aufträge  eröffnete.  Noch 
mochten  die  Traditionen  der  altromanischen  Beziehungen  nicht  ganz 
verklungen  sein;  jetzt  war  grade  die  Hallenform  in  ihrer  Spielart  auf 
dem  Rückwege  nach  Westfalen,  war  die  wiederholte  politische  Be- 
rührung beider  Länder  noch  in  lebhafter  Erinnerung,  der  Verkehr  der 
Humanisten  bereits  begonnen,  Rudolf  von  Langen  selbst  am  Hofe  des 
Herzogs  Johann  von  Gleve  gewesen.  Kein  Wunder,  dass  neben  den 
besten  Meistern  der  Heimath  und  der  Niederlande  auch  die  tüchtigen 
Kräfte  Westfalens  unmittelbar  in  Betracht  kamen,  andere  Einflüsse, 
wie  die  Burgundischen,  am  Clever  Hofe  zurücktraten,  wenn  es  galt, 
eine  Kirche,  wie  jene  zu  Calcar,  .mit  den  schönsten  Werken  auszu« 
statten.  Stets  war  diese  Stadt  Gegenstand  besonderer  Fürsorge  der 
Glevischen  Landesherren  oder  vielmehr  der  Clevischen  Landesväter  und 
auf  deren  Betreiben  sogar  im  15.  Jahrhundert  eine  Zeit  lang  Sitz 
eines  Bischofs  gewesen,  und  sie  wusßte  nun  die  Ueberschüsse  ihrer 
Gewerbethätigkeit  und  ihres  Handelsverkehres,  der  über  einen  Ganal 
zum  Rheine  und  zu  den  Seeländern  bis  Danzig  hin  führte,  nicht  besser 
zu  verwenden,  als  dass  sie  die  grosse  Pfarrkirche  mit  den  pracht- 
vollsten Kunstwerken  ausstattete.  Was  hier  an  Altären,  Altaraufsätzen, 
Chorstühlen,  Gemälden,  an  decorativen  Architekturen  und  kunstvollen 
Metallarbeit^n  seit  der  zweiten  Hälfte  des  15.  Jahrhunderts  bis  über 
hundert  Jahre  später  geschaffen  ist,  das  bezeugen  noch  heute  die  gross- 
artigsten Ueberbleibsel  und  besonders  die  einzig  stolze  Reihe  von 
Schnitzaltären  und  Gemälden.  Auf  die  rührigsten  Jahre  von  1486  bis 
1500  werfen  die  Rechnungen  der  Liebfrauen-  und  St.  Annenbruder- 
schaft ein  höchst  erfreuliches  Licht;  sie  ergeben,  wie  vorsichtig  man 
Form  und  Grösse  der  Werke  bestimmte,  die  qualificirtesten  Meister 


62     Die  knnstgeflohichtL  Besiehungeii  zwisohen  dam-  Rheialande  u.  WeiifiAlaiL 

auswählte,  welche  Grundfiätze  dabei  leiteten,  wie  wenig  man  Reisen  und 
Kosten  deshalb  scheute.  Diese  weittragenden  Eunstangelegenheiten  be- 
sorgten anscheinend  unter  Zuziehung  der  Pfarrer  die  beiden  Bruder- 
schaften durch  ihre  Provisoren,  die  Stadt  durch  den  BOrgenneister ; 
das  Holz  für  Altäre  und  Schnitzwerke  wird  roh  oder  geschnitten  von 
Galcarschen  oder  Kölnischen  Holzhändlem,  nicht  selten  in  Amsterdam, 
Campen  und  Nymwegen  angekauft,  zumeist  aber  von  der  Huld  des 
Herzogs  geschenkt^  für  die  Arbeiten  den  Meistern  auch  wohl  das  j,voirt 
rede  to  maeken^'  empfohlen.  Nachdem  schon  kleinere  Kunstsachen  be- 
schafft oder  in  Arbeit  gegeben  waren,  besieht  man  1488  zu  Wesel  auf 
der  Matema  eine  (Altar)  Tafel  und  gibt  Arndt  von  Lorenwert,  wahr- 
scheinlich deren  Meister,  eine  ähnliche  in  Auftrag,  sodann  besichtigt 
man  auf  den  Rath  Lorenwerts  andere  Tafeln  zu  Zütphen  und  Deventer 
und,  nachdem  man  Meister  Arndt  den  „Beldensnider"  von  Zwolle  zu 
Rathe  gezogen  hat,  wird  eine  neue  Arbeit  dem  Meister  Gaert  Hartoch, 
der  die  dortigen  Musterwerke  schon  im  Voraus  in  Augenschein  nehmen 
musste,  verdungen.  Jener  Arndt  von  ZwoUe,  welcher  also  einen  ge- 
wissen leitenden  Einfluss  bei  den  Galcarschen  Kunstbestellungen  aus- 
übt, hatte  bereits  vor  1487  grössere  Arbeiten  und  namentlich  ein 
nacktes  Ghristusbild  für  das  Grab  auf  dem  Chore  unter  Händen,  und 
wie  vieles  er  geschaffen,  wovon  wir  nicht  genauer  unterrichtet  werden, 
bekunden  die  Summen,  die  er  bis  in  sein  Todesjahr  1491  ausgezahlt 
bekommt  Weitere  Aufträge  erhalten  1491  Rabe,  der  „beldensnider 
van  Eymerick'S  1492  ein  Meister  Deridc  Boegert,  neue  Bestellungen 
Evert  van  Münster,  Jan  van  Halderen,  1498  ein  Meister  Loedewick, 
anderer  nicht  zu  gedenken,  die  die  Nebenarbeiten  fertigten.  Mein 
Plan  gestattet  mir  nicht,  weiter  erklärend  auf  diese  Thatsachen  einzu- 
gehen, ich  habe  nur  noch  hervorzuheben,  dass  alle  erwähnten  Kunst- 
aufträge anscheinend  nur  Schnitzaltäre  und  keine  Tafelgemälde  be- 
zweckten ^).  * 

Dann  waren  in  dieser  schönen  Künstlerzahl  auch  die  beiden  West* 
Men,  die  hier  engagirt  wurden,  Bildhauer  oäer  Bildschnitzer,  aller- 
dings in  dem  damaligen  weiten  Sinne,  dass  sie  ihre  Werke  auch  wohl 
selbst  illuminirten.  Der  erwähnte  Meister  Evert  von  Münster  stammt 
dem  Namen  nach  aus  der  westfälischen  Hauptstadt;  er  hatte  schon 
Verbindungen  nach  Calcar  gehabt,  als  er  1492  dahin  berufen  wurde. 
Nun  geht  er  mit  den  Provisoren  ips  Wirthshaus,  verständigt  sich  mit 
ihnen  über  das  zu  fertigende  Werk,  und  nachdem  der  Contract  ge- 
schrieben und  ihm  Reise,  Versäumnisse  und  Zeche  mit   3  Gulden 


Die  1caii8igQ0chiohtL  Beäehoiigen  zwischen  dem  Rheinlande  a.  Westfalen.    68 

18  Kreuzer  vergätet  sind,  kehrt  er  heim,  ohne  dass  er  andere  Vor- 
bilder ZQ  besuchen  hat 

Das  wird  auch  dem  Meister  Johann  von  Halderen  nicht  zur 
Pflicht  gemacht  Er  stand  Arndt  von  Zwolle,  als  Verwandter,  Freund 
oder  als  Gehülfe  so  nahe,  dass  er  für  diesen  1491  in  Galcar  eine 
Summe  Geldes  cassirt  und  mochte  sich  hier  durch  Arbeiten  schon 
längst  empfohlen  haben,  als  ihm  1498  zwei  Bildwerke  für  den 
Hochaltar  verdungen  und  gleich  eine  ansehnliche  Summe  Geldes 
gezahlt  wurde.  Seinen  ViTohn-  oder  Stammort  Halderen  werden  wir 
eher  in  der  Münsterischen  Stadt  Haltern,  als  in  dem  gleichnamigen 
Dorfe  des  Niederrheines  suchen;  denn  abgesehen  von  der,  eine 
weitere  Ausbildung  unterbindenden  Hörigkeit  der  Dorfleute,  ziert 
noch  heute  die  Kirche  der  Stadt  Haltern  ein  bemalter  Schnitzaltar,  der 
jedenfalls  dieser  Zeit  und  heimischen  Meistern  angehört,  die  dann 
an  den  Münsterschen  Ateliers  ihren  Rückhalt  gehabt  hätten.  Es  erübrigt 
noch,  dass  die  vergleichende  Kunstwissenschaft,  nachdem  so  specielle 
Nachrichten  über  die  Calcarschen  Künstler  und  Kunstwerke  ge- 
wonnen sind,  jene  auf  die  betreffenden  Altäre  nach  Zeit  und 
Meister  zurückführe,  sie  wird  weiterhin  zu  untersuchen  haben,  ob  nicht 
noch  Reste  von  den  als  mustergültig  erachteten  Altarwerken  an 
der  Yssel,  zu  Wesel  und  Köln  oder  anderweitige  Werke  von  diesen 
Calcarschen  Künstlern  übrig  sind,  und  endlich,  ob  die  spätgothischeKunst- 
blüthe  der  Städte  Dortmund  und  Soest  keinen  Antheil  an  den  Cal- 
carschen Tafelgemälden  habe; "waren  doch  ebensowenig,  wie  in  Galcar, 
in  Westfalen  die  Kunstreviere  abgeschlossen,  dass  zu  einer  Zeit,  wo 
die  Gebrüder  Dünwegge  das  Kunstvermögen  der  Malerschule  zu  Dort- 
mund noch  einmal  in  herrlichen  Altarbildern  aufleuchten  Hessen,  der 
Kölnische  Maler  Hildegard  1523  für  die  dortige  Dominicanerkirche 
die  Tafel  des  Rosenkranzes  im  Auftrage  seines  Mitbürgers  Wilhelm 
von  Arborch  fertigte  —  ein  Werk,  das  doch  an  ästhetischem  Werth 
den  Arbeiten  der  Dünwegge  nachsteht  ^^). 

Ungefähr  zwanzig  Jahre  später  sind  zu  Münster  ein  Johann  von 
Aachen,  von  Stand  Franziskaner  und  Domprediger,  sonst  ein  Tausend- 
künstler, und  der  Kunstschmid  Nieolaus  Windemaker  aus  dem  Jülicher- 
Lande  mit  dem  gelehrten  Bürger  Dietrich  Zvivel  beschäftigt,  das  grosse 
von  den  Wiedertäufern  ganz  zerschlagene  Uhrwerk  des  Domes  mit 
allen  Gängen  und  aller  Mechanik  wieder  in  Stand  zu  setzen  —  ein  Ver- 
dienst,  das  den  Johann  später  nicht  schützen  konnte  vor  der  städtischen 
Verfolgung,  als  er  sich  in  öffentlichen  Verruf  gebracht  hatte  ^}. 


64    Die  IronBtgetchichtl.  Beziehungen  zwischen  dem  Rheinlande  u.  Westfalen. 

Damals  hatte  das  Bheinland  schon  in  einer  andern  Bichtung  auf 
Westfalen  eingewirkt,  die  allgemeiner  war  und  desslialb  eine  weitere 
Beachtung  beansprucht ;  sie  ging  auf  nichts  Anderes,  als  auf  eine  völlige 
Umgestaltung  des  Stiles.  Die  Spätgothik  erlebte  zunächst  freilich  in 
dem  Hin-,  und  Hergehen  der  Kunstwerke  und  Localau£fassungen  eine 
Verdeckung  ihrer  wankenden  und  schwankenden  Formen,  auf  die 
Dauer  aber  konnte  sie  auch  hier  zu  Lande  nicht  mehr  bestehen  vor 
der  neuen  Stilweise  der  Renaissance,  die  sich  längst  zu  ihrem  Sturze 
gerüstet  hatte.  Und  grade  in  Westfalen,  wo  das  Volk  am  Altliebge* 
wonnencn  hing,  Handwerke  und  Zünfte  innigst  mit  der  Gothik  ver- 
wachsen waren,  wäre  das  Aufkommen  des  neuen  Stils  nicht  so  schnell 
möglich  geworden,  wenn  dieser  nicht  heimlich,  unbeachtet  von  den 
Augen  der  Zunftgothiker,  mit  den  anspruchslosem  Kleinkünsten  hätte 
eindringen  können.  In  den  Pfaden  des  ihr  verwandten  niederländischen 
Realismus  kam  sie,  als  die  bildenden  Künste  noch  in  den  bunten 
Formen  des  alten  Stiles  schwelgten,  mit  den  Urkundensiegeln  von 
Italien,  mit  den  Münzen  und  Stempeln  aus  nähern  Ländern,  und  der- 
selbe Bücherholzschnitt,  welcher  früher  die  niederländische  Weise  so 
schnell  aufgenommen  und  verbreitet  hatte,  sollte  nun  eine  gleiche 
Aufgabe  für  den  neuen  Stil  erfüllen.  Und  wieder  hat  von  allen  Druck- 
orten Köln  die  meisten  Renaissancemotive  nach  Westfalen  gebracht. 
Während  das  Figürliche  noch  lange  an  den  traditionellen  Formen 
festhielt;  zeigten  die  Einrahmungen  der  Bildwerke  wie  der  Blätter  be- 
reits die  bunten  heitern  Formen  der  Rötiaissance.  Und  warum  sollte 
der  Schnitzer  nicht  auf  dem  Holzstock  ähnliche,  freie  Ornamente  und 
Gedankenspäne  bringen,  wie  viele  Büchermaler  sie  in  den  Gerimseln 
und  Verschlingungen  ausgeprägt  hatten,  ohne  die  schematisbhen 
Formen  der  Gothik  zu  beachten.  Das  freie  Schnitzen  war  nicht  jmmer 
Renaissance^  jedoch  der  gerade  Weg  zu  ihr  hin ;  auch  Kölns  Presse 
übernahm  früh  den  zierenden  Holzschnitt  und,  obwohl  dieser  noch 
lange  mittelalterliches  Stilgefühl  athmete,  als  Nürnberg  die  Bücher 
bereits  Blatt  für  Blatt  aus  dem  vollen  Borne  der  Renaissance  ver- 
schönert hatte,  brach  doch  in  einzelnen  Drucken  eine  ungezwungene 
nicht  mehr  traditionelle  Omamentation  durch,  so  in  der  niederdeutschen 
Bibel  der  siebziger  Jahre,  —  in  der  Koelhofschen  Chronik  1499  spielt 
der  Zierholzscbnitt  schon  in  Renaissancemuster  über,  und  die  Puerilia 
super  Donatum  um  1500  haben  sich  in  ihren  Randverzierungen  zur 
reinen  Renaissance  bekannt.  Hier  vollzieht  sich  eine  Anbetung  der 
Könige  noch  unter  einem  Wimberg,   allein  die  denselben  stützenden 


Die  kuDstgeschichU.  Beziehungen  zwischen  dem  Rheinlande  u.  Westfalen.    65 

Säulen  mit  ihren  Windungen,  die  kurzen  Gapitäle  mit  ihrem  Blatt- 
werk gehören  entschieden  dem  neuen  Stile  au.  Gegen  1520  hin  er- 
weitert dieser  zusehends  sein  Bereich,  um  das  Meublement,  die  Inte- 
rieurs und  endlich  das  Figürliche  nach  seinen  Gesetzen  umzugestalten. 
In  Westfalen  liess  man  in  Ermangelung  geeigneter  Typen  die  Breviere 
in  Strassburg  und  Paris  drucken.  Die  grösseren  Kirchenbücher  gingen 
entweder,  wie  das  Münsterische  Missale,  1489  aus  Kölnischen  Officinen, 
oder,  wie  jenes  von  1520,  aus  Kölnischem  Verlage  und  etwas  später  die 
hauptsächlichen  Chorbücher  wieder  aus  den  Kölnischen  Druckereien 
hervor;  mit  diesen  Büchern  kehrt  eine  Ueberfülle  der  verschiedensten 
und  flottsten  Renaissancemotive  in  die  westfälischen  Kirchen  zurück 
um  im  Bunde  mit  den  Kleinkünsten  sich  unter  Geistlichen  und  Laien 
neue  Verehrer  zu  erwerben..  Lange  verzichteten  die  Drucker  "West- 
falens auf  reichere  und  besonders  auf  figürliche  Holzschnitte  und  diese 
wieder 'bis  1521  auf  die  Formen  der  Renaissance.  Ein  Gedicht  auf 
die  h.  Jungfrau  vom  Ahlener  Ludimagister  Gerardus  Cotius,  ein  Quart- 
format, gedruckt  zu  Münster  von  Dietrich  Tzvyvel,  zieren  drei  Marien- 
bilder in  Holzschnitt.  Das  Figürliche,  die  Strahlenumgebung,  die  Krone 
sind  im  zweiten  Bilde  noch  rein  gothisch;  in  dem  Antlitz,  dem  Mar- 
kirten  und  dem  Knittergewande  der  beiden  andern  offenbart  sich  jene 
bizarre  Art,  womit  der  mittelalterlich-Eyck'sche  Stil  hier  zu  Lande  ab- 
starb; auf  dem  letzten  Bilde  jedoch  zeigen  sich  im  Hintergrunde  der 
Strahlenglorie  die  Frühlingsvögel  der  Renaissance:  zwei  kleine  nackte 
Jungen  mit  mollig  gerundeten  Gliedmassen.  Wenn  nun  mit  dem 
Jahre  1520  Siegel,  Münzen,  Zierstempel  der  Bücher,  Holzschnitte  und 
Metallarbeiten  immer  mehr  dem  alten  Stil  entsagen,  dem  neuen  sich 
zuwenden,  so  glaubte  ich,  dem  Kölnischen  Bücherholzschnitt  um  so 
mehr  einen  Antheil  daran  einräumen  zu  sollen,  als  Westfalen  vom 
Kölnischen  Büchermarkt  das  Meiste  bezog,  und,  wie  wir  wissen,  die 
Randverzierungen  der  Koelhofschen  Chronik  sogar  als  Vorlagen  kirch- 
licher Wanddecorationen  benutzte  ^^). 

Blicken  wir  einmal  zurück  auf  das  spätmittelalterlichc  Kunst- 
leben, —  müssen  wir  nicht  gestehen,  dass  das  Flnctuiren  der 
Formen  und  Meister  von  hier  dorthin  und  zurück  auch  ästhetisch 
den  regen,  fruchtbaren  Verkehr  wiederspiegelt,  wie  wir  ihn  im  Handel; 
und  besonders  im  Leben  der  damaligen  Gelehrten  vorgezeichnet  fanden? 
Wir  müssen  staunen,  wenn  wir  sehen,  wie  empfanglich,  erfinderisch 
und  weitherzig  jene  Zeit,   wie  bildsam  und  flüssig   die  Formen,   wie 

5 


66    Die   kuDBigesohichtl.  Boziebungen  zwischen  dem  Rhoinlande  u.  Westfalen. 

freundnachbarlich  die  Beziehnngen  zwischen  den  beiden  Ländern  sich 
gestalteten  und  wirkten. 

Das  letztere  bestätigt  uns  auch  der  Glockenguss;  denn  wenn 
in  alter  Zeit  schon  die  Giesser  von  Land  zu  Land  gingen,  ihre  Hütten 
errichteten,  wo  eben  Bedürfhiss  war,   so  haben  vollends,  wie  die  meist 
kunstgerechten  Reste   beweisen,   zwischen  Rheinland  und    Westfalen 
kaum  Grenzen  gegolten  bis  in  jene  Tage,   wo  der  Glockengusss  mehr 
an  die  Wohnstätte  des  Giessers  gebunden  ward.    Weil  die  altem  Meister, 
welche  ihren  Werken  ihren  Namen  noch   vorenthielten,  durch   den 
Laut  der  Inschriften  und  die  constante  Form  der  Typen,  welche  wie 
Handwerksgeschirr    mit    auf    die    Reise   genommen    wurden,,    ihre 
Spuren  und  Werke  bis  in    weite  Femen   zu  verraten   pflegten,    so 
möchten  schon  die  Glocken  zu  Sinzig  aus  dem  Jahre  1299  denselben 
Meister  haben,  wie  die  ihnen  älmlichen  zu  Castrop.    Seitdem  tritt  im 
Austausch  des  Kunstgusses   eine  Unterbrechung  ein,  doch  vTelleicht 
nur  scheinbar,  indem  nämlich  die  einschlägigen  Werke  entweder  gar 
nicht  oder,  wo  Meistemamen  und  sonstige  auffällige  Merkmale  fehlen, 
wohl  zu  ungenau  beschrieben  sind,  als  dass  sich  unbestimmte  Werke 
des  einen  Landes  auf  die  verwandten  des  andern  mit  Sicherheit  zu- 
rückführen und  die  auswärtige  Herkunft  darthun  liesse;  —  jetzt,  im 
Spätmittelalter,  sollte  dafür  der  Guss  um  so  vollendeter,  der  Verkehr 
um  so  offener  zu  Tage  treten.    Nachdem  um  die  Mitte  des  15.  Jahr- 
hunderts der  Kölner  Dom  an  Christian  Cloit  und  Johan  4e  Vechel 
Meister  gefunden  hatte,  welche  den  schwersten  Guss  leicht  bewältigten, 
nimmt  gegen  Ende  der  Kunstguss  zu  Dortmund  unter  den  Meistern 
Johan,  Henric    Renald  (Widenbrock)  und  Claus  einen  weitgreifenden 
der  ganzen  Umgegend  wohlthuenden  Au&chwung,  und  im  Anfange  des 
16.  Jahrhunderts  folgt  Soest  durch  Herman   Vogel  mit  noch  form- 
vollendeteren Arbeiten  nach.    Grösser  als  diese,  vielleicht  der  grösste 
Glockenkünstler  der  Geschichte,  war  ein  Meister,  der  zwar  weder  dem 
Rheine     noch     dem     Westfalenlande    seiner  Geburt    nach    gehört, 
aber   grade  diesen  beiden  Ländern  die  meisten,  und   durchgehends 
prachtvolle,  Werke  hinterlassen  hat;  das  war  der  als  Schöpfer  der 
grossen  Gloriosa  zu  Erfurt  weltbekannte  Gerhard  de  Wou  aus  Campen. 
Etwa  dreissig  Jahre  bis  1502  hat  er  mit  seinen  Prachtwerken  bezeich- 
net, und  davon  besitzt  der  Landstrich  von  Calcar  bis  Münster  die  meisten. 
Noch  "bevor  sich    seine  Spuren  verlieren,    lieferte  der   bedeutendste 
Glockenkünstler  Westfalens,  Wolter  Westerhues  aus  Münster,  welcher 
bis  1526  goss,  zwei  Glocken  schön  in  der  Form,  und  Schrift,  massvoll  im 


Die  knntigesohichtl.  Besiehungen  swisehen  dem  Rheinlande  u.  WeBtlalen.    67 

Ornament  und  musterhaft  im  Klange  f&r  die  Kirchen  zu  Grieth  und 
Niedermörmter  bei  Calcar;  ebenso  viele  hatte  Johann  von  Düren 
1491  für  die  Nicolaikirche  zu  Siegen  gegossen.  Als  mit  Wolter  Wester* 
hues  Tode  der  Kunstguss  Westfalens  so  tief  sank,  dass  ^ohl  viele 
Master,  aber  wenige  mit  bedeutenderen  Leistungen  auftraten,  müssen 
bis  zum  Ausgang  des  18.  Jahrhunderts  gewöhnlich  Rheinländer  und 
Holländer  sich  in  die  Arbeit  theilen,  wenn  in  Westfalen  etwas  Muster- 
gültiges verlangt  wurde.  Johan  von  Neuss  goss  1522  die  zweite 
Glocke  zu  Weitmar  bei  Bochum,  Heinrich  von  Trier  1576  eine  kleine 
Glocke  für  Werth  bei  Anholt  und,  nachdem  der  Westfale  Antonius 
Paris  mit  einem  Claudius  Lamiral  1647  für  die  Abteikirche  Siegburg 
gearbeitet  hatte,  goss  wieder  Godfried  Dinckelmaier  aus  Köln  1732 
eine  schwere  Gk>ckc  für  Dorsten,  1733  eine  kleinere  für  Polsum  bei 
Recklinghausen.  Aus  dem  Clevischen  von  Isselburg  kamen  vor  fast 
hundert  Jahren  die  Voigts,  um  zunäshst  als  fürstlich -privilegirte 
Glockengiesser  im  Münsterischen  von  Bochold  bis  Werne  und  neben- 
bei in  Dortmund  und  Umgegend  von  1766—1790  verhältnissmässig 
ansehnliche  Arbeiten  zu  machen ;  sie  gehörten  zu  den  besten  Vertretern 
des  Gusses,  insofern  der  Kunstguss  damals  meist  mit  der  Stückgiesserä 
verbunden  und  zu  einem  handwerksmässigen  Erwerb  geworden  war. 
So  sind  ihre  Concurrenten,  die  Mabillots  aus  Goblenz  ausdrücklich  „chur- 
fürstlich  Trierscbe  Stuck*  und  Glockengiesser'^ ;  sie  verlieren  sich  auch, 
nachdem  sie  nur  von  1777—1781  filr  Mesum,  Billerbeck,  Nottuln,  Rorup 
bei  Coesfeld  und  Stromberg  meistens  die  Mängel  der  Geläute  ausgefüllt 
hatten,  schnell  wieder  aus  dem  Lande,  wahrscheinlich  um  den  berühm- 
testen Wandergiessem  des  18.  Jahrhunderts  zu  weichen.  Die  Familie 
Petit  nämlicb,  welche  aus  den  Niederlanden  stammte  und  angeblich 
von  den  berühmten  Emonys  und  de  Graaf  die  Kunstgeheimnisse  ererbt 
hatte,  kam  tbeils  vom  Emdande,  theils  und  namentlich  von  ihrem  am  V 
Niederrbein  zu  Dinslaken  aufgeschlagenen  Wohnsitz  seit  1749  (zuerst 
Jean  nach  Bochold)  immer  häufiger  in's  Westfälische,  bis  zu  Anfange 
dieses  Jahrhunderts  Alexius  Petit  zu  Gescher  seinen  bleibenden  Wohn- 
sitz nahm,  um  dem  westfälischen  Glockenguss  entkleidet  von  jeder 
Gdbgiesserei  gründlich  wieder  aufzuhelfen^^). 

Sonst  hat  Westfalen  seine  ruhmreichen  Kunstbahnen  bis  in  den 
dreissigjährigen  Krieg  selbständig  weiter  verfolgt  und,  ohne  die 
Gothik  für  das  Kirchliche  ganz  aufzugeben,  treffliche  Werke  der  Re- 
naissance in  allen  Verzweigungen  der  bildenden  Kunst  hervorgebracht. 
Die  Stadt  Münster  behauptete  ihre  Kunsthöhe  noch  fast  zwanzig  Jahre ' 


68    Die  kanstgeiohiohtl.  Besiehnngen  zwiBchen  dem  Eheinlande  u.  Westfalen. 

• 

aber  den  westfälischen  Frieden  hinweg;  denn  während  alle  deutschen 
Lande  und  Städte  an  den  Wunden  des  grossen  Krieges  bluteten  oder 
nachblateten,  hatte  sie  im  Schutze  der  Abgelegenheit  und  der  Friedens- 
gesandten  den  Faden  ihrer  Gultur  angehalten ;  statt  auswärtiger  Hülfe 
zu  bedürfen,  konnte  sie  auf  den  Wunsch  des  grossen  C!hurfdrsten  1651 
den  Baumeister  Gottmann  zur  Bestauration  des  Schlosses  Sparenbei^ 
nach  Bielefeld  entsenden  und  brauchte  höchstens  für  grössere  Arbeiten, 
so  1622  für  4ie  Flügelgemälde  des  Domaltars,  den  Amsterdamer 
Maler  Adrian  von  dem  Bogardt  und  für  die  Portraits  der  Friedens- 
gesandten den  Jan  Baptist  Floris  und  Terburg  als  auswärtige  Kräfte 
in  Anspruch  zu  nehmen.  Doch  als  sie  1661  durch  die  Erstürmung 
des  Bischofs  Bernhard  von  Galen  ihrer  Rechte  beraubt  und  in  den- 
selben kläglichen  Zustand  versetzt  war,  der  auch  den  Rhein  seit  dem 
grossen  Kriege  der  Gultur  und  Kunst  entblösst  hatte,  mussten  aus- 
ländische Künstler  wiederholt  Aushülfe  leisten.  Schon*  Bernhard  von 
Galen  wandte  sich  1676  an  die  Augsburger  Goldschmiede,  Johan 
Spring  und  Isac  Boxbart,  als  er  von  einem  erbeuteten  Franzosenschiffe 
ein  silbernes  Modell  für  den  Dom  anfertigen  Hess;  zumeist  waren  es 
Holländer,  welche  von  ihrem  im  Frieden  errungenen  Kunstvorrat  dem 
Nachbarlande  mitgeben  mussten.  Im  18.  Jahrhundert  gehen  auf  Grund 
der  Verbindung  des  Kölnischen  mit  einem  oder  anderm  westfälischen 
Bisthum  wieder  gemeinsame  Kunstspuren  auf  von  Glemenswerth  im 
Emslande  über  Münster,  Köln  bis  Bonn;  sie  waren  jedoch  an  die  Per- 
son des  Fürsten  geknüpft  und  so  wenig  volksthümlich,  dass  der  Adel, 
der  für  ästhetische  Zwecke  allein  Geld  hatte,  als  Stadt  und  Land  geistig 
und  materiell  daniederlagen,  für  seine  höfischen  Kunstbedürfnisse, 
für  Stuckaturen  und  Deckengemälde,  Italiener  kommen  liess"^). 

Denken  wir  lieber  noch  einmal  an  die  altem  Zeiten  zurück,  so 

'  ergeben  sich  schon  im  Lichte  meiner  Angaben  die  Züge  des  erfreu- 
lichen Bildes,  wie  sich  Rheinland  und  Westfalen  bereits  in  romanischer, 
besonders  in  gothischer  Stilzeit  und  über  dieselbe  hinaus  von  den 
schönsten  Blüthen  ihrer  edelsten,  idealen  Lebensgüter  gegenseitig  mit- 
theilten, was  das  eine  Land  eben  vor  dem  andern  errungen  hatte. 
Die  Beziehungen  des  Oberrheins  einerseits,  und  der  westfälischen  Ost- 
hälfte anderseits  kommen  kaum  in  Betracht.  In  romanischer  Stilzeit 
treten  Westfalen  und  die  Architektur  in  den  Vordergrund,  in  der 
Gothik  Köln  und  die  Kölnische  Malerschule;  Köln  verhält  sich  zu 
Westfalen  mehr  gebend,    der  (clevische)  Niederrhein  mehr  nehmend. 

'  Der  ästhetische  Verkehr  erstreckt  sich  von  den  Hauptkünsten  auf  die 


Die  kiuiBtgesohichtl.  Besiehangen  zwischen  dem  Rlieinlande  a.  Westfalen.    69 

Nebenzweige  und  bringt  beiden  Ländern  schöne,  stolze  Früchte.  Und 
wie  viele  Werke  und  Nachrichten  mögen  der  Vergessenheit  anheim- 
gefallen sein,  welche  weitere  Zeugnisse  für  diesen  freundlichen  Kunst- 
austausch ablegen  könnten,  wie  viele  Stücke  mögen  hier  noch  als  hei- 
misch betrachtet  werden,  die  dort  enstanden  sind,  ohne  dass  ihr 
eigentliches  Vaterland  ermittelt  werden  kann  oder  ermittelt  istl 

Gott  Dank,  sind  schöne  Zeiten  wiedergekehrt,  für  die  Kunst, 
noch  mehr  aber  für  ihr  Fundament,  die  Gultur.  Da&  deutsche  Vater- 
land ist  eitriger  und  stärker,  als  in  den  Tagen  Meister  Wilhelm's, 
seine  stolzen  Töchter  Rheinland  und  Westfalen  verbinden  sich  wie 
Zwillingsschwestern  durch  tausend  Bande  des  Verkehrs  und  der  Inte- 
ressen weit  inniger,  wie  in  den  Tagen  der  Hanse.  Und  wenn  dennoch 
unsere  Väter  in  der  Kunst  Grösseres  und  Geschmackvolleres  geleistet 
haben,  als  die  Gegenwart»  so  ist  es  um  so  mehr  unsere,  der  Nach- 
kommen, Pflicht,  nicht  nachzulassen  im  Specialforschen  und  Vergleichen, 
im  Durchsuchen  der  Bücher  und  Archive,  um  das  Bild  ihres  Kunst- 
lebens immer  mehr  aufzuhellen;  und  damit  der  Bausteine  mehr  ge- 
wonnen, und  das  Gewonnene  sich  schleuniger  und  vollkommener  wieder 
zu  dem  grossartigen  Bilde  der  Vergangenheit  füge,  müssen  wir  uns 
dabei  vom  Rheine  und  von  Westfalen  stets  hülfreiche  Hand  bieten. 
Mit  diesem  lebhaften  Wunsche  schliesse  ich. 


Anmerkungen. 

*)  ROckblickend  auf  die  psychologische  AesUietik  eines  Burke,  Gerard  und 
Home  sagt  H.  Heitner,  Literaturgeschiohte  des  achtzehnten  Jahrhunderts  (1866) 
l,  420:  „Es  ist  überraschend,  dass  von  diesen  psychologischen  Grandlagen  aus 
die  englische  Wissenschaft  doch  nirgends  zur  Erfassung  der  in  der  innigsten 
Durchdringung  und  Wechselwirkung  des  Geistigen  und  Sinnlichen  wurzelnden 
Konstidealitat  vordringt.  Dazu  haben  die  Engländer  offenbar  nicht  künstlerische 
Unbefangenheit  genug,  und  nicht  philosophische  Scharfe.  Erst  der  Sinnigkeit 
und  Tiefe  eines  Winckelmann,  Lessing  und  Kant  war  es  besohieden,  das  von 
den  Engländern  nur  Geahnte  und  dunkel  Gefühlte  zur  zwingenden  und  ab- 
schUessenden  Begriffsklarheit  zu  erheben/'  Denn  was  die  geschwätzige  Ennstr 
hteratnr  der  Engländer,  Franzosen  und  Italiener  an  Theorien  und  historischem 
Material  lieferten  oder  geliefert  hatten,  das  hat  Winckelmann  zunächst  gierig 
in  sich  aufgenommen  und  beherzigt,  bis  er  im  Lande  der  Kunst  „mit  eigenen 
Augen  sah;  da  erschien  ihm  seine  frühere  Weisheit  aus  Büchern  keinen  Schuss 


70    Die  kunstgescbiohtl.  Beziehaogen  zwiaohen  dem '  Rheinlande  a.  Westfalen. 

Pulver  wertb.    loh  habe  erfahren,  schreibt  er  im  ersten  Briefe  aus  Rom,  dass 
man  halbsehond  von  Altertbümem  spricht  aus  Büchern,  ohne  selbst  gesehen  zu 
haben.    loh  glaubte,  ich  hatte  alles  ausstadirt,  und  siehe  da,  ich  sah,  dass  ich 
nichts  wusste.   0  .  .  .  schreibt   er   im  Sommer   1766' an  Franke,  .  .  .  wie  viel 
wollte    ich  Ihnen  erz&hlen,  wie  viel  sollten  Sie  hören,  was  in  keinen  Büchern 
stehty  und  was  selbst  Richardson  nicht  gewusst  hat.   .....  Nun  nennt  er  de 

Piles  jämmerlich,  Bellori  „einen  der  gelehrten  Betrüger  und  Windmacher" ;  Da- 
bos  rechnet  er  zu  den  Rhapsodisten,  die  alles  in  ein  Buch  schütten,  was  sie 
wissen."  C.  Justi,  Winokelmann.  Sein  Leben,  seine  Werke  und  seine  Zeitgenossen 
1866  I.  801.  Wie  dennoch  Winokelmann,  befangen  von  den  Ideen  der  Zeit,  das 
Wesen  des  Schönen  und  der  Kunst  zu  eng  fiuste,  zeigt  Hettner  a.  a.  0 III.  2, 430  ff. 
')  Abgesehen  von  den  rudimentären  und  meist  praktischen  Alterthums- 
Studien  des  Mittelalters,  hatten  seit  Petrarca  der  Humanismus  und  die  Philolo- 
gie diesseits  wie  jenseits  der  Berge  der  Antike  eine  bis  auf  die  letzten  Antiqui- 
täten durch  Quellenforschung,  Sammeln  und  Kachgraben  ermöchlichte  Unter- 
suchung angedeihen  lassen,  so  dass  zur  Zeit  Winckelmanns  ein  grosses,  grade 
durch  die  Entdeckung  von  Herculanum  und  Pompeji  und  die  Publioationen  der 
Engländer  aus  Griechenland  erquicktes,  Material  von  Antiquitäten  und  Kunst- 
resten der  beiden  classischen  Völker  in  Werken  verschiedener  Sprachen  und 
Stärke  vorlag.  (Vgl.  L.  Waohler,  Geschichte  der  histor.  Forschung  und  Kunst, 
Göttingen  1812—20.   5   voll.  F.  Mortons,   Die  Baukunst  des  Mittelalters   1850. 

S.  3.).    Doch  „es  bedurfte  grösserer  Kraft, um  den  versunkenen  Schatz 

der  alten  Kunst  wieder  in's  Licht  zu  heben.  Job«  Joach.  Winokelmann  war, 
von  einem  unwiderstehlichen  Instinkt  getrieben,  nach  Rom  gewandert  und  ent- 
deckte dort  die  alte  Kunst  gleichsam  von  Neuem.  Vorbereitet  durch  philo- 
logische und  historische  Studien,  eingeweiht  in  die  Auffassung  der  griechischen 
Dichter  und  Denker,  war  er  nicht  allein  befähigt,  die  Erklärung  der  alten 
Kunstwerke,  indem  er  sie  auf  das  Gebiet  der  griechischen  Mythologie  zurück- 
führte, von  Grund  aus  zu  reformiren:  seinem  begeisterten  Blicke  offen- 
barte sich  zuerst  wieder  in  der  bildenden  Kunst  die  Schönheit  als  dasjenige 
Element,  welchem  sie  ihr  Leben  verdankt*  Indem  er  den  Wegen  nachspürte, 
auf  welchen  die  Alten  die  Schönheit  bildlich  darzustellen  bemüht  gewesen  waren, 
schuf  er  die  Geschichte  der  Kunst,  in  welcher  zum  ersten  Male  ge- 
zeigt wurde,  wie  das  geistige  Leben  eines  Volkes  nach  einer  bestimmten  Rich- 
tung hin  sich  unter  dem  bedingenden  Einfluss  der  natürlichen  und  politischeu 
Verhältnisse  im  Zusammenhange  seiner  gesammten  Gultur  stetig  entwickelt. 
Wenn  die  Wiederherstellung  der  Kunst  des  Schönen  von  allen  Gebildeten  als 
eine  Wohlthat  empfunden  wurde  und  lauten  Widerhall  fand,  so  war  die  Auf- 
fassung der  historischen  Entwicklung  kein  geringerer  Gewinn  für  die  Wissen- 
schaft liehe  Forschung".  (Otto  Jahn,  Aus  der  Alterthumswissenschaft. 
186a  S.  1  ff.  S.  27.  2a).  Dabei  „treten  wir  den  Verdiensten  Winckelmanns 
nicht  zu  nahe,  wenn  wir  auch  eingestehen,  dass  diese  (vgL  Note  1)  architekto- 
nischen Studien  der  Engländer  zu  Winckelmanns  Kunstgeschichte  eine  sehr 
wesentliche  Ergänzung  bilden''.  H.  Hettner  a.  a.  0.  I,  437. 


Die  knoBigeechichil.  Bexiehongen  zwischen  dem  Rheinlande  u.  Westfalen.    71 

')  Schon  vom  frohem  Humanismaß  behauptet.  Burckhardt,  die  Gnltur  der 
Benabeance  in  Italien  1860  8.  241 :  „Das  Studium  des  Alterthums  allein  hat 
das  des  Mittelalters  möglich  gemacht;  jenes  hat  den  Geist  zuerst  an  olijectives 
geschichtliches  Interesse  gewöhnt.'*  Geleitet  vom  patriotischen  und  Forschtmgs- 
triebe  des  Humanismus  gingen  auch  dessen  Anhänger  in  Deutschland  bald  bo 
tief  auf  die  Geschichte  ihres  Vaterlandes  ein,  dass  Jakob  Wimpfeling  dem  Dome 
in  Speier  eine  ausführliche  poetische  Beschreibung  widmet  und  1502  in  seiner 
Epitoma  Germanicarum  rerum,  mit  der  frühem  auch  die  gleichzeitige  Kunst- 
blüthe  werthschätzend,  das  Strassburger  Münster,  die  Werke  Martin  Schön's  und 
Albrecht  Dürers,  welche  sogar  von  Italienern  gesucht  würden,  mit  gerechtem 
Stolze  erhebt;  er  feiert  die  deutsche  Architektur  als  die  Blüthe  der  ausgezeich- 
netaten  Künstler  und  mit  nicht  geringerer  Wärme  die  deutsche  Plastik,  die  sich 
im  gewohnten  Hansrath  zeige  und  selbst  einem  Choroilos  Bewunderung  würde 
abgenöthigt  haben.  Vgl.  R.  von  Raumer,  Gesch.  der  Germ.  Philologie  (Gesch. 
der  Wissenschaften  in  Deutschland.  Neuere  Zeit  B.  IX)  1870.  S.  12.  A.  Haro- 
witz  in  V.  Sybels  Histor.  Zeitschrift  XXV,  76,  77,  99;  derselbe  hat  den  kunst- 
literarischen  Theil  in  dem  eben  erschienenen  Heft  4  der  von  Lützow'schen  Zeit- 
schrift für  bildende  Kunst  1878  S.  126  f.  eigens  erweitert  und  namentlich  die 
Nachrichten  des  Beatus  Rhenanus  über  frühere  und  zeitgenössische  Kunst  und 
Künstler  in  Deutschland  hinzugefügt.  Heinrich  Bebel  glaubt  De  veterib.  german. 
Encomion.  c.  XVH  bei  Sohard,  Histor.  opus.  Basileae  1674  I,  275,  die  römischen 
Glassiker,  welche  Germania  als  eine  Art  £inöde  dargestellt,  würden,  quam  si 
hodie  viderent  .  .  ,  dicerent,  commutato  ordine,  Greciam  in  Germaniam  commi- 
grasse  .  .  .  .  si  urbes,  arces  et  edificia,  nihil  Ulis  pulchrius,  magnificentius  at- 
que  munitius  inrarent.  Franz  Irenicus  betheuert  Exegesis  historiae  germaniae 
IV,  29  ed.  loan.  Ad.  Bernhard,  Hanoviae  1728  p.  196:  Sunt  praeterea  artifices 
longo  optimi  in  Germania,  quia  graecis  joQivrai  ij  Qaßionrfyoi  (?)  dicuntur,  quorum 
artificio  nihil  absolutins  alius  orbis  produxit.  Nicht  zufrieden  mit  einer 
so  allgemeinen  Anerkennung  deutscher  Künstler  und  Kunstwerke  versacht  Geltes 
in  der  Descriptio  urbis  Norinbergae  a  5  ibid.  p.  441  sohon  ein  anachacdiches, 
technisch -reales  Büd  zu  entwerfen  de  arce  imperiali  (Norinberg.),  fontibus 
aedificiisque  et  foris  orbiS)  hortis  et  of&cinis  metallarüs.  In  die  Fussstapfen 
dieser  Humanisten  traten  Walter  Rivius  in  seinem  „Vitruv  teutsch*'  1548 
fol.  XXI.  V  für  die  Werke  Dürers,  später  der  Strassburgeii  Buchhändler  Jobin 
and  1589  der  Festangsbanmeister  Daniel  Speoklin  mit  ihren  Vertheidigungs- 
Schriften  zu  Gunsten  der  deutschen  Kunst  ein.  „Auch  in  unserer  Zeit  waren 
jene,  welche  dem  Mittelalter  nnd  dessen  Kunst  ein  sym  pathisches  Interesse  zu 
wandten,  „die  Begründer  der  romantischen  Schule,  aus  eigentlich  philologischer 
Schule  hervorgegangen,  und  weder  ihre  Kritik  noch  ihre  Poesie  hat  diesen 
Ursprung  je  verläugnet.''  Otto  Jahn,  a.  a.  0.  S.  29.  Hettner  zeigt  a.  a.  0.  HI. 
2,496,  wie  die  Geschichte  überhaupt  zuerst  von  Winckelmann  tiefer,  cultorge- 
schiohtlioher,  mit  einem  Worte  als  geistige  Verknüpfung  von  Ursache  und 
Wirkung  erfasst  sei,  und  fi^hrt  fort :  „Hatte  Herder  schon  kurz  nach  dem  Er- 
scheinen von  'Vfinokelmanns  grossem  Werke die  Forderung  nach  einem 


72    Die  kunstgeschichtl.  Beziehungen  zwischen  dem  Rheinlande  a.  Westfalen. 

Bliche  geäussert,  das  „uns  den  Tempel  der  griechischen  Weisheit  und  Dicht- 
kunst so  eroffne,  wie  Winckelmann  den  Künstlern  das  Geheimniss  der  Griechen 
von  ferne  gezeiget",  so  suchte  zuerst  Friderich  von  Schlegel  diese  Forderung  aus- 
zufuhren und  bekennt  dabei  willig  seine  Abhängigkeit  von  Winckelmann;  und 
sicher  ist  es  kein  Zufall,  dass  grade  die  sinnigsten  Schüler  Winckelmanns, 
Welcker  und  Otfried  Müller,  zugleich  auch  die  tiefsten  Geschichtschreiber  der 
griechischen  Literatur  wurden.  Von  hier  aus  kam  sodann  der  AnstosB  zur 
mittelalterlichen  und  neuern  Kunst-  und  Literaturgeschichte.  Kunst-  und  Litera- 
turgeschichte hat  längst  aufgehört,  eine  bloss  äusserliche  Künstler-  und  Dichter- 
geschichte zu  sein;  sie  ist  Naturgeschichte  des  wissenschaftlichen  und  künst- 
lerischen Geistes/' 

*)  Es  hiesse  dem  Raum  einer  Note  zu  viel  zumuten,  wollte  ich  hier 
auch  nur  eine  dürftige  Skizze  geben,  wie  die  mittelalterliche  Kunst  (Gothik)  in 
England;  Frankreich  und  Deutschland  einzelne  Ausläufer  bis  in  die  Neuzeit, 
stellenweise  bis  ins  18.  Jahrhundert  trieb,  und  wie  sie  nächst  der  Antike  in  dem 
Masse,  als  das  Unnatürliche  des  damaligen  Kunstgeschmacks  blossgelegt  zu 
werden  anfing,  anerkannt  (das  Strassburger  Münster  1772  von  Göthe,  der  Kölner 
Dom  1790  von  G.  Forster)  und  erforscht  wurde,  um  sodann,  in  unserm  Jahr- 
hundert nicht  nur  historisch  gewürdigt,  sondern  auch  praktisch  verwertet  zu 
worden.  Hinsichtlich  der  „Rennaissance  der  Gothik"  bringt  das  Organ  für 
christliche  Kunst  (1859)  IX,  55  ff.  nur  literarische  Aphorismen ;  werthvoll,  jedoch 
kaum  mit  Rücksicht  auf  die  cultur-  und  allgemeingeschichtlichen  Motive  ent- 
worfen, sind  die  Skizzen  von  Franz  Mortons  im  ersten  Theile  seiner  Baukunst 
des  Mittelalters,  Berlin  1850  S.  1  ff.  und  die  ,, Historische  üebersicht  der  bis- 
herigen Abhandlungen,  über  die  Baukunst  des  Mittelalters'*  in  (Kugler's)  Museum, 
Blätter  für  bildende  Kunst  1835  Nr.  15,  17,  23,  25,  26. 

*)  Seine  „Ansichten  vom  Niederrhein,  Brabant,  Flandern,  Holland  u.  s.  w. 
1790'*  nehmen  noch  auf  die  diesseitige  Bewegung  der  Romantiker  einen  so  nach- 
haltigen Einfluss,  dass  ihnen  Friedrich  von  Schlegel  für  seine  Grundzüge  der 
gothischen  Baukunst  1804/1805  die  schwungvollsten  Reflexionen,  besonders  auch 
die  Details  des  Kölner  Domes,  den  Vergleich  der  Säulen  mit  Rohrbündeln  ent- 
lehnt (Sämmtliche  Werke.  2  Originalausgabe  VI,  184,  196,  ^00  vgl.  mit  Forster 
I.  Ausg.  I,  453,  481,  90)  und  zu  ihrem  Nachtheile  etwas  umredet,  ohne  seine 
Quelle  zu  nennen. 

^)  Die  Translation  der  Niebelungensage  von  Westfalen  an  den  Rhein 
nach  dem  Hundeshagenschon  Codex  bringt  F.  von  Schmitz,  Denkwürdigkeiten 
aus  Soest's  Vorzeit  1873.  S.  13.  —  Nach  der  Legende  de  s.  Reinoldo  monaoho  et 
martyre  in  AA.  SS.  Jan.  I,  385,  387  war  Reinold  Mönch  von  St.  Pantaleon  zu 
Köln  und  ex  praecopto  abbatis  sui  lapicidarum  raagister  geworden.  Ubi,  cum 
plus  ceteris   laboraret,   lapicidac  magnam   concepcrunt  adversus  ipsum  invidiam 

et  qualiter  cum  morti  tradereut inter  se  conspiraverunt  .....  Habuit 

autem in    consuetudine   monasteria  et  singulas  longo  vel  prope  positas 

frequentare  ecclesias.  Dabei  zerschlagen  sie  ihm  mit  ihren  Hämmern  den 
Schädel.    Nachdem  dann  die  Leiche  durch  ein  Wunder  wiedergefunden  und  von 


Die  kanatgescbichtL  Beziehuagen  swischen  dem  Rheinlande  u.  Westfalen.    73 

den  Dortmundern  aasgebeten  war,  oonveniens  clerus  cum  omni  populo  honorifice 
felicissimnm  martyrem  Reinoldum  capsulao  deoenter  adornatae  imposuefnnt 
atque  ad  Tremonienses  partes  deferendum,  tnrba  eum  ab  urbe  Colonia  cum 
innumeris  laudibus  per  tria  millia  prosequente,  tradiderunt.  —  Köhis  allerdings 
nur  geringer  Antheil  an  der  Bekehrung  der  Sachsen  (cf.  Annal.  reg.  in  Monam. 
6enn.  Histor.  I,  138,  Evelt  in  der  Zeitschrift  für  Geschichte  u.  Alterthumskunde 
West&lens  XXXIII,  28  ff.)  und  erzbischöfliehe  Hoheit  über  die  Sprengel  Münster, 
Osnabrück  und  Minden  (nicht  über  Paderborn  wie  Moyer,  Onomasticon  Chron. 
Hierarch.  German.  1854  p.  80  angibt,  vgl.  Potthast,  Bibliothcca  Histor.  med. 
aeyi. Supplement-  p.  878),  die  Beziehungen  Xantens  zu  Vreden  (Vgl.  Wilmans,  Kaiser- 
Urkunden  I,  416,  Yita  s.  Norberti  in  Mon.  Germ.  Hist.  XII,  671)  und  zu  den 
Pfarren  Dorsten,  Dülmen  und  Schwerte,  der  Cappenbergischen  Grafenfamilie 
(Eyelt  a.  a.  0.  28,  51. 62.  Tibus,  Gründungsgeschichte  der  Stifter,  Pfarrkirchen, 
Klöster  u.  b.  w.  I,  761  ff.)  und  des  Paderbomer  Bischofs  Meinwerk  zum  Nieder- 
rbein  (Elton.  Wilmans  a.  a.  O.  I.  421,  430  ff.)  und  des  Kölners  Anno  zu  Pader- 
born und  Münster  (Evelt  a.  a.  0.  XXIX, ,  2.  S.  98  ff.)  und  andere  dauerndere 
oder  zeitweise  Umstände  bildeten  in  alterer  Zeit  schon  mehr,  als  nachbar- 
sohafUiche  Berühi*ungspunkte ;  wenn  desungeachtet  der*  Verkehr  des  Rheines 
mit  Westfalen  noch  kein  durchgreifender  und  allgemeiner  wurde»  so  lag  das 
sowohl  in  den  eigenthümlichen  Gulturzuständen  hier  wie  dort.  Mit  dem  hier 
Yorzugsweise  in  Betracht  kommenden  Niederrhein  nahm  ganz  Lothringen  bis 
in  die  Zeiten  der  Salier  eine  gegen  Francien  zu  unsichere  Stellung  ein,  um  mit 
dem  Herzen  Deutschlands  so  fest  zu  verwachsen,  wie  die  übrigen  Länder ;  daher 
allen  Schwankungen  und  namentlich  feindlichen  Verwüstungen  ausgesetzt,  hat 
es  weder  eine  heryorra^^ende  wissenschaftliche  (Vgl.  Wattenbaoh,  Deutschlands 
Geschicht^aellen  im  Mittelalter  II  §  16,  III  §  6)  noch  künstlerische  Regsamkeit 
entfaltet.  Denn  dass  Otto  III  zur  Ausstattung  des  Aadicner  Münsters  einen 
Maler  Jobannes  aus  Italien  berief  (Fiorillo,  Geschichte  der  zeichnenden  Künste 
in  Deutschland  und  den  vereinigten  Niederlanden  I,  75  ff.),  gestattet  wohl  den 
Schluaa,  dass  die  Rheinlande  dermalen  denselben  Kunstmangel,  wie  andere  Terri- 
torien, und  zu  dessen  Abhülfe  dieselben  Mittel,  wie  jene,  zu  ergreifen  hatten. 
Hat  doch  selbst  die  Kunstblüthe  Karls  d.  Gr.  hier  die  Arbeiten  der  gleich- 
zeitigen Italiener  immer  noch  als  leitende  Vorbilder  im  Auge  behalten  (Sohnaase, 
Gesch.  der  bild.  Künste  2.  Aufl.  III,  632).  Die  Ottonen  und  die  mit  ihnen  ver- 
schwägerten Geschlechter  Widukinds  und  der  Billunger  (Wilmans  a.  a.  0.  I. 
409,  481)  fachen  die  karolingische  Cnltur  wieder  an  und  breiten  sie  namentlich 
über  das  Sachsonland  aus,  wo  ihnen  die  ererbten  Besitzungen  und  das  Entgegen- 
kommen des  Volkes  freiere  Hand  Hessen.  Das  ganze  Sachsenland  bildet  bis  ins 
11.  Jahrhundert  eine  in  den  Ottonen  gipfelnde,  systematische  Gultureinheit.  Die 
Segnungen  des  Friedens  und  die  Erträge  der  Kriege,  die  vom  Hofe  ausströmende 
Bildung  und  Kunst,  die  vom  Süden  kerangezogenen  Gulturelizire,  der  unter  dem 
schützenden  Arm  der  Stammesherrscher  gediehene  Verkehr  und  Volkswohlstand 
kommen  zunächst  dem  Hofe  und  Volke  der  Sachsen  zu  Gute.  Und  dieses  höhere 
gedeihliche  Leben  des  Hofes  strahlte  wieder  in  den  Brennpunkten   der  hohen 


74    Die  kuoBigeschichtl.  Beziehungen  zwischen  dem  Rheinlande  u.  Westfalen. 

Stifter  von  Magdeburg  bis  Vredeu,  und  dann  in  den  mit  den  besten  Kräften 
besetzten  ßisohofsstühlen  yon  Hamburg  bis  Paderborn.  (Vgl.  Wattenbadi  a.  a. 
O.  II  §  14y  16,  lli  §  1—5)  Das  Volk  sonnte  sich  in  dem  Glänze  seiner  Herrseher 
nnd  war  in  sich  von  den  einheitlichen  Banden  der  Herkunft,  Einrichtungen  nnd 
des  Stammesbewiisstseins  so  innig  umschlungen,  dass  noch  zum  Jahre  10G5  der 
Gorreyer  Mönch  wie  erbittert  über  das  Bhicksal  seiner  Stammeageuossen  jenseits 
des  Meeres  in  die  Klosterannalen  schrieb:  Willehem  basthard,  legitimo  rege 
Anglorum  expulso,  regnum  sibi  arripuit  Mon.  Germ.  Histor.  SS.  III,  6.  Bischof 
Thietmar  von  Merseburg  erzahlt  mit  sichtlichem  Stammesstolze  Ghronieon  YI, 
S.  Mon.  Germ,  Histur.  SS.  III,  807;,  dass  Kaiser  Heinrich  1004  auf  seiner  Rückreise 
von  Italien  durch  das  Elsass  gekommen,  dann  aber  per  Franciam  orientalem 
iter  faoiens  Saxoniam,  ut  sepe  professus  est,  securitatis  ac  tocias 
ubertatis  quasi  florigeram  pardisi  aulam  revisit.  S<^che  Gultur- 
einheit  und  Blüthe  musste  sich  auch  in  der  Kunst  aussprechen,  und  wohl  kein 
Land  bat  aus  den  frühem  kunstarmen  Zeiten  bis  ins  11.  Jahrhundert  einen 
solchen  Kreis  von  Bauresten  aufzuweisen,  wie  Sachsen  in  den  Kirohenbauten  zu 
Gernrode  (Lucanus  im  Anzeiger  des  Germ.  Museums  1857,  12  fi.  42),  Quedlin- 
burg (Ranke  n.  Kugler  -  in  des  letztem  Klein.  Schriften  I,  693),  Gandersheim, 
Corvey  (Schnaase  a.  a.  0.  lY,  2,  61,  61),  Paderborn,  Yreden  (Lfibke  a.  a.  0. 
S.  69  f.,  63  ff.)  und  Essen  (v.  Quast,  in  der  Zeitschr.  für  ehr.  Arohaeologie  und 
Kunst  I,  1  ff.).  Wenn  nun  das  älteste  Stück  diesseitiger  Bauthätigkeit,  der  west- 
liche Yorbau  der  St.  Pantaleonskirche  zu  Köln,  als  ein  Werk  dos  Erzbisohofs 
Bruno,  de«  sächsischen  Königsbruders,  dasteht,  und  zu  Essen  dieselben  jonisiren- 
den  S&ulenkapitale,  wie  zu  Quedlinburg  und  Gandersheim  (v.  Quast  in  d.  Rhein.' 
Jahrb.  X,  196  u.  in  der  Zeitschr.  für  ehr.  Archaeologie  u.  Kunst  I,  4),'  und 
ebenso  in  den  ICrypten  zu  Emmerich  und  Paderborn  wieder  dorisitende  vor- 
kommen (E.  aue'm  Weerth,  Kunstdenkmäler  des  ehr.  Mittelalters  in  d.  Rhein- 
landen Text  I,  XY),  sollte  man  da  nicht  fast  behaupten  können,  der  wahre 
Heerd  dieser  Kunstübung  sei  das  Sachsenland,  und  die  rheinischen  Werke  dieser 
Art  Strandl&ufer,  Früchte  derselben  Sonnenwärme,  gewesen  —  gleichviel,  welches 
Land  eben  den  ältesten  Kunstrest  bewahrt  hat?  Und  ebenso  wie  einst  Otto  lU. 
zu  Aachen,  bemft  später  der  grosse  Adalbert  von  Bremen  einen  Maler  aus  Italien, 
der  viele  Kirchen  mit  seiner  Kunst  verherrlichte  (Stenzel,  dentsche  Gesch.  unter 
den  Frank,  Kaisern  I,  141),  und  so  wenig  mustergültig  erschien  ihm  der  für 
seine  Zeit  epochemachende  Dom  zu  Köln,  dass  er  den  darnach  von  seinem  Yor- 
ganger  für  den  Dom  zu  Bremen  genommenen  Plan  aufgibt  und  den  Dom  zu 
Benevent  als  würdigeres  Muster  wählt  (Adam.  Bremens.  Gresta  Hammaburg. 
ecclesiae  pontificum  11,68,  78,  III,  8.  Schumacher  im  Bremischen  Jahrbudi  I, 
294  f.).  Freilich  änderte  sich  die  Stellung  und  Kunst  Sachsens  und  Widstfolens 
zu  den  andern  Ländern  schon  mit  dem  Aussterben  des  sächsischen  Königshauses 
und  besonders  mit  der  Auflösung  des  Herzogthums. 

')  Gleich  bei  der  Organisation  des  Sachsenlandes  erscheinen  als  die  Haupt- 
pioniere der  Gultur  und  Kunst  die  fränkischen  Beamten,  die  Klöster  und  ihre 
ersten  Leiter,  meistens  Kinder  vornehmen  oder  gar  königlichen  Geblüts,  und  die 


Die  kuQftgeschiühtl.  Beziehungen  swischen  dem  Rheinlande  u.  Westfalea    75 

Qeisilioheo  überiiaupt,  insofern  ihnen  im  Aachener  Capitular  801  der  Bau  der 
Kirchen  ausdrücklich  anbefohlen  ward  (Monnm.  Germ.  Hist.  III,  87).  C^naaere 
Belege  sind  hier  nicht  am  Ort;  beseichnend  erscheint  schon  jene  Stelle  der 
vita  B.  Idae  (Mon.  Germ.  Uistor.  II  569  sq.)  o.  8.  Erat  antem  praefatus  Bert- 
gerus  (presbyter)  ex  illorum  contubernio,    quos    beata.  Ida  primum   de 

Galliis  secum  advexerat quippe  eorum  disciplinis   informatus,  qui 

in  l^e  Dei  sui  sine  qaerela  incesserant,  qui  etiam  ipsam  ecclesiam  et 
Sacra  mausolea  aliquot  annis  strennissime  divinis  humanisquo  obsequiis 
excolttit,  honoravit  et  venustavit.  —  Uebeif  Ida's  Bau  spricht  die  Yita 
c.  8.  Kon  multo  post  in  loco  supradicto,  ubi  quondam  densissima  silvarum 
obductione  astra  ipsa  occulebantur,  lapidea  basilica  constmitur  ac  in  sanctae 
Mariae  genitricis  Dei  honore  sanctique  Germani  episcopi  oonsecrata  est.  lAe 
reichere  Anlage  derselben  ergfibt  sich  aus  den  cc.  5,  6.  7,  10  (vgl.  Note  8)  Die 
erwähnte  Imitation  der  frankischen  Klostereinrichtung  bezeugt  später  König 
Ludwig  in  einer  Urkunde  död^^/»  bei  Wilmans,  Kaiser-Urkunden  (1867)  I,  119. 
.  .  •  Is  (abbas  Warinus)  peciit  celsitudinem  nostram  recordari,  quod  pi^  memorie 
genitor  noster  Hindowious  imperator  ambo  hpc  monasteria  oonstrui 
justit  ad  normam  videlicet  precipuorum  in  Gallia  monasteriorum, 
Novam  utique  Gorbeiam  ad  similitudinem  Antique  Gorbeie,  Heri- 
fordense  vero  cenobium  ad  exemplum  monasterii  sanctimonia- 
lium  in  Suossionis  civitate  consistentium  ....  Die  auf  den  Kloster- 
bau zu  Schildesche  bezügliche  Stelle  ist  von  Strunck  aus  einer  alten  Hand- 
schrift des  Klosters  mitgetheilt  und  abgedruckt  in  Regesta  Historiae  Westfoliae .  . 

herausgeg.  von  fl.  A.  Erhard  I.  S.  125 Ibi   dum  in   loco  arae  summae 

dostinato  crux  erecta  . .  . .  ^  essety  domina  Marcsuidis  primum  lapidem 

suis  ipsa  manibua  in  scrobem  detulit Mox  etiam  accedere  jussi,  quos  e 

Galliis  accessiverati  fabri,  murarii,  et  cementarii,  eorumque  laboribus  in- 
defesBia  operi  coepto  tarn  ardenter  institum,  ut  ecclesiae  totius  fundamenta  eadem 
adhnc  aestate  quaquaveraum  de  terra  consurrexerint.  Dass  in  diesen  Berichten  das 
Land  Gallia  nicht  Lotharingia  (cf.  Index  in  Mon.  Germ.  Histor.  XI  s.  v.  Gallia) 
oder  dal  Rheinland  bedeutet,  dürfte  sich  aus  den  sachlichen  Gründen  der  vorigen 
Note  ergeben. 

^)  Ausreichende  Aufschlüsse  geben  schon  die  vita  Bennonis  ep.  Ospabru- 
genBis  t  1088,  anotore  Norberte  abbate  Iburgensi  a.  1118  conscripta  in  Mon. 
Germ.  Histor.  SS.  XH,  58  sq.  —  und  die  vita  Meinwerci  ep.  Paderbornensis 
1009— 10S9  in  Monum.  Germ.  Histor.  SS.  XI  106  sq.,  die  letztere  insbesondere 
e.  155  (ib.  p.  139):  luxta  principale  quoque  monasterium  oapellam  quandam, 
capeUae  extructae  in  honore  Mariae  perpetuae  virginis  a  Gerolde  Koroli 
magni  imperatoris  consanguineo  et  signifero  contiguam,  per  Grecos 
operarios  oonstruxit  eamque  in  honore  sancti  Bartholomei  apostoli  dedicavit.  — 
c  216  (ib.  p.  158):  Episcopus  ergo  pro  obtinenda  celesti  Jerusalem  ecclesiam 
ad  similitudinem  sanotae  Jerosolimitanae  ecclesiae  facere  disponens  Winonem 
abbatem  de  Hebnwardehusun,  quem  de  monaohis  civitatis  suae  ibi  praeposuerat^ 
ad  se  aocersivit,  eumque  Jerosolimam  mittens,  mensuraa  eiusdem  eodesiae  et 


76    Die  kuDstgesohiohtl.  Boziehungon  zwischen  dem  Rbeinlande  u.  Westfalen. 

sancti  Sepulcri  deferri  sibi  mandavit.  Die  Literatur  bei  W.  Lotz,  Kunsttopo- 
graphie Deutschlands  (1, 1862)  I,  493  f.  s.  v.  Paderborn :  S.  Bartholomäusk.  u. 
Stiftsk.  Bustorf).  Die  Monachi  civitatis  suao  waren  die  Benedictiner  des  Klosters 
Abdinghof  und  von  Meinwerk  (vitae  c.  30)  ans  Cluny,  jedenfalls  zugleich  behufs 
Künstlerdienste,  nach  Paderborn  heimgeföhrt;  denn  wie  leicht  auch  für  den  ganzen 
Norden  die  Kuust  der  Klöster  gegen  jene  der  Domplatze  im  11.  Jahrhundert 
übertrieben  zu  werden  pflegt— die  dies^itigeThatigkeitAbdinghofB  bezeugen  jene 
Sendung  Winos,  der  Bau  der  Klosterkirche  (Lübke,  Mittelalterliche  Kunst  in 
Westfalen  1858,  S.  60  f.),  vielleicht  auch  die  figurenreiche  Kreuzabnahme  und 
die  Kapellen  der  Externsteine  (E.  Giefers,  in  der  Zeitschrift  für  Gesch.  u,  Alter- 
thumskunde  Westfalens  (1867)  XXVI,  13)  und  nicht  weniger  das  früh  rege 
Mmstleben  des  Mutterklosters  Cluny  (Acta  Sanctorum  Cff.  Vitae  Bemonis, 
Guilclmi  I  abbatb  s.  Beuigni  Divionensis«  Odilonis  Jan.  I,  827,  828,  61,  62,  69 
vita.  s.  Hugonis  ib.  April  III,  646,  646),  sowie  die  epochemachenden  Bau- 
leistungen Burgunds  überhaupt  (vgl.  F.  Mertens,  a.  a.  0.  S.  91,  92).  Uebrigens 
leitet  der  Vergleich  der  Stützenverschiedenheit  und  der  dorisirenden  Gapitale 
der  Krypta  zu  Emmerich,  und  der  noch  von  Meinwerk  erbauten  Abdinghofer 
Krypta  zu  Paderborn  (E.  aus'm  Werth,  Kunstdenkmälor  des  ehr.  Mittelalters  in 
den  Rheiulanden.  Text  I,  XV  N.  78)  auf  die  ansprechende  Ansicht:  „die  Be- 
ziehungen Meinwerks  zu  Emmerich  durch  das  Erbe  seiner  Mutter  Adela  machen 
es  wahrscheinlich,  dass  er  die  Bündels&ulen  zu  Abdinghof  nach  dem  Motive 
derjenigen  zu  Emmerich  machen  Hess. 

*)  F.  V.  Quast,  Die  romanischen  Dome  des  Mittelrheines  zu  Mainz,  Speier, 
Worms  1853  S.  26,  bemerkt  über  den  Fortschritt  des  Speierer  Dombaues  unter 
Heinrich  IV.  bis  zur  Weihe  1061 :  „Aber  auch  damals  scheint  'er  noch  nicht 
vollendet  gewesen  zu  sein,  vielmehr  drohten  die  hart  an  der  Ostseite  vorbei- 
strömenden  Wogen  des  Rheines  den  Untergang  des  Bauwerks.  Der  in  der  Bau- 
kunst hochberühmte  Bischof  Benno  von  Osnabrück  1068—1088  ward  zu  Hülfe 
gerufen  und  half  jenem  Üebel  nicht  nur  ab,  sondern  scheint  überhaupt  den  Bau 
gefördert  zu  haben",  von  dem  er  S.  37  noch  bedeutende  Reste  in  dem  heutigen 
Riesenbau  wiederfindet.  Vgl.  Schnaase,  Geschichte  der  bild.  Künste  2.  Aufl.  IV, 
377  ff.  —  Wer  nach  der  Ausbreitung  des  sächsischen  Stammes  und  der  frühem 
Landesgrenze  (W.  Bolevinck  (f  1502),  De  laude  veteris  Sazoniae  nunc  West- 
phaliae  dictae  herausg.  von  L.  Tross  1865.  I.  1.  S.  6  und  darnach  B.  Wittius 
c.  1500  Historia  Westphaliae  ed.  Monasterii  1778  p.  6),  Essen  zu  Westfalen  zahlt, 
mnsB  umgekehrt  einen  frühern  auf  Westfalen  ausgeübten  Einfluss  constatiren, 
insofern  der  polygone  Westchor  des  Münsters  zu  Essen  aus  der  Mitte  des  10. 
Jahrhunderts  nach  dem  Vorbilde  des  Karlsmünsters  zu  Aachen  aufgeführt  ist. 
(v.  Quast  in  der  Zeitschrift  für  christl.  Archaeologie  u.  Kunst  1856.  I,  18.) 
„Preussen**  (oder  dessen  Provinzen  Rheinland  und  Westfalen)  „besitzt  (darnach) 
jetzt  die(se)  beiden  einzigen,  die(se)  beiden  ganz  namhaften  Ueberreste  der 
Baukunst  vom  Ende  des  4.  Jahrhunderts  bis  gegen  die  Zeit  des  Anno  (von 
Köln)  ....  1060,  nicht  nur  in  Deutschland,  nicht  nur  in  Frankreich,  sondern 
in  den  gesammten  Ländern  des  Nordens  j  und  noch  muas  man  sagen,  dass  auch 


Die  kmutgeschichtl.  Besiehangeti  zwisohen  dem  RheinlaDde  n.  Westfalen.    77 

der  AnfaD(|r  der  folgenden  Periode  sich  mit  am  ersten  und  kräftigsten  in  diesen 
preussischen  Landestheilen  zeigt.  Diese  Thatsaohen  sind  einigerroassen  bezeich- 
nend fnr  die  Verhältnisse  der  Cultur^eschichte"  (F.  Mertens,  Die  Baukunst  des 
Mittelalters  1850.  S.  90)  —  ein  Urtheil,  das  heute  in  seinen  Vordersätzen  nach 
den  Thatsachen  der  Note  6  zu  erweitem  ist  und  dann  die  Schiassfolgerung  noch 
deutlicher  bewahrheitet. 

^*)  F.  Mertens  meint  a.   a.  0.  S.  92:    ,,Man  muss  auf  den  statistischen 

Tafeln    sehen,   in   welcher  Weise  hier   in  Köln von   dem  Jahre    1059, 

welches  ich  als  das  Anfangsjahr  des  Baues  von  St.  Georg  angegeben  habe,  die  Bau- 
werke continuirlich  durch  alle  Jahrhunderte  bis  zii  unsern  Tagen  aufeinanderfolgen. 
wie  in  Hinsicht  des  Anfanges  .der  Kunst  oder  der  Früheeitigkeit  oder  der  An- 
leitung in  der  Baukunst  nur  die  Orte  Trier,  Lüttich,  Nivelles  (in  Brabant)  ijs 
gleichberechtigt  neben  Köln  gelten  können,  wie  dann  vom  Niederrhein  aus, 
seit  dem  Anfang  des  12.  Jahrhunderts,  die  Baukunst  sich  erst  am  Mittelrhein, 
in  Westfalen  und  Niedersachsen  und  erst  später  gegen  die  Mitte  des  12.  Jahr- 
hunderts und  selbst  gegen  das  Ende  und  nach  dem  Ende  desselben  in  den  nun 
noch  übrigen  Provinzen  des  südlichen  Deutschlands  sich  zeigt,  um  zu  begreifen, 
was  diese  eine  Stadt,  was  der  Niederrhein  überhaupt,  in  Hinsicht  der  Givilisation 
und  der  Hinfuhrung  zu  solcher  für  Deutschland  und  selbst  für  Europa  gegolten 
habe.'*  —  Schon  in  der  Entfaltung  des  romanischen  Baustils  brachte  Köln 
es  zu  einer  Meisterschaft  und  zu  einer  weit  über  die  Grenzen  der  Rhein* 
lande  gelangten  Berühmtheit,  die  als  ein  Vorspiel  der  grossartigen  Verbreitung 
der  Kölner  Kunst  des  gothischen  Stils  gelten  darf.  Das  ergibt  sich  aus  folgen- 
den Nächrichten.  Als  der  heilige  Norbert  1121  in  der  Einsamkeit  von  Goucy 
das  Mutterkloster  Prämonstrat  erbauen  wollte,  wurde  erst  eine  Kapelle  errichtet 
und  dann  zum  Bau  geschritten.  Es  waren  Caementariorum  autem  quidam  Teu- 
tonici,  quidam  Gallici  ....  woher  die  Teutonici  kamen,  sagt  die  andere  vita 
B.  Norbert! :  Porro  pars  caementariorum  Teutonici  erant  —  conduxerant 
enim  eos  Golonienses  amici  hominis  Dei  —  pars  nostrates,  amici  jam 
Praemonstratensium.  Vita  s.  ^rberti  archiepiscopi  et  institutoris  ordinis 
Praemonstratensis  ed.  Wilmanns  in  Monimi.  Germ.  Histor,  SS.  XH,  666,  AA. 
SS.  Juni.  I.  838.  —  Das  Prämonstratenserkloster  Floridus  hortus  zu  Wittewerum 
in  Ostfriesland  baute  in  den  Jahren  1288—1259  eine  grosse  Klosterkirche;  der 
dritte  Abt  Menco  (Chronicon  in  A.  Mathaei  Veter.  aevi  Analect.  ed.  2.  II, 
132  sq.)  erzählt  umständlich  den  Verlauf  des  Baues,  mit  der  Berufung  des  Meisters 
beginnend:  ,,  .  .  .  anno  Domini  MQCXXXVHI,  anno  ab  inchoatione  lateritii 
operis  tertio,  praedictus  Abbas  veniens  in  ortum  Sanctae  Mariae  de  oonsilio 
Domini  Sibrandi  Abbaus  ibidem  conduxit  magistrum  Everardum  lapioi- 
dariae  artis  peritum  natione  Goloniensem  adnovamecclesiam  inFlorido 
orto  faciendam,  mercede  ipsius*  taxata  tam  hyeme  quam  aestate  videlicet  ut 
reciperet  praeter  victum  aestivo  tempore  ad  diem  VII  daventrienses,  hyemali 
vero  tempore  a  festo  Martini  ad  puriücationem  tres  et  hoc  tempore  sederet  ad 
secandoB  lateres,  sed  satis  dampnose  propter  diei  brevitatem  et  aeris  obscuri- 
tatem  .  .  .'*    Dennoch  lassen  sich   merkliche  Spuren  Kölns  in  der  romanischen 


7$    IM«  koflitgMebMtL  IkMmogmk  tmimhm  dem  Bhehilaiida  il  WaitfOeii. 

AnihiUkUir  Watifalent  niobt  nftchweiteo.  und  C.  Mrnaate,  m.  a.  0.  lY.  2, 
104,  d,  Aufi,  Wf  896  hmutrki  hintlebilieh  einet  des  weeentliobtten  Oliedee  der 
HmtmimUMiun^  t  ,,0b  nnn  die  Bitte  der  dorebgftngigen  Ueberwölbang  ans  den 
li^MiinKi*Kenden  bSerber  gelangt,  oder  ob  eie  bier  lelbstiUidig  gefonden  let^  Iftest 
»iuh  freiliob  niobt  ermitteln.  Indeteen  deutet  keine  nihere  AebnÜcbkeit  der 
Form  auf  jnne  Kinführung»  violmebr  ipriobt  die  eigeothumlicbe,  der  Rheingegend 
unbekannte,  Vorbindung  der  Sftale  mit  dem  Ge^ölbeban  dafari  dass  dieser  hier 
in  Folge  eigener  Voraucbe,  die  freilich  nicht  an  bo  mächtigen  Domen  wie  dort, 
«ondern  an  Gebinden  von  geringen  Dimensionen  vorgenommen  wurden,  ansge- 
bildst  sei,*'  —  F.  v.  Qtiast  will  Überhaupt  im  Mittelalter  keine  Baneinflüsse  vom 
Hhttlnlatulfl  aulassen  und  die  Helbitindigkoit  der  i^cstfalisohen  Architektur  retten, 
lodern  er  versichert:  „in  den  Banton  der  Diöcesen  des  ehemaligen  westfälischen 
Landes keine  wesentlichen  Unterschiede,  sondern  nur  etwa  locale  Ein- 
flüsse bemerkt  su  haben,  die  sich  wohl  auf  einEclne  Ortschaften,  nicht  aber  auf 
ganae  ÜlÖoesen  erstreckten;  jedoch  seien  Unterschiede  innerhalb  der  Diöcesen 
wahraunehmon,  sobald  man  die  eigentlichen  Grenaen  West&lens  fiberschreite, 
und  so  gehörten  die  Östlich  gelegenen  Theile  des  Mindenschen  Sprengeis  lum 
,  niederslohslsohen'  Baukroise,  w&lurend  umgekehrt  die  westfUischen  Theile  des 
Kölner Hprengels  von  den  rheinischen  desselben  Sprengeis  völlig  verschie- 
den sich  den  übrigen  Westfalens  anreihen/^  Correspondenz-Blatt  des 
Uttsammtvereines  der  deutschen  Geeohiobts-  und  Alterthomsvereine  (18&5) 
Jahrgang  111,  85. 

'*)  Der  Vergleich  der  Bannaohriohten  mit  den  Formen  und  Stildmrakteren 
an  den  verschiedenen  Tbeilen  bestimmen  auch  mich,  für  den  einen  grosseren 
HautheU  des  Soester  Domes  ein  höheres  Alter,  als  daa  12.  Jahrhundert  in 
Anapruoh  au  nehmte  und  midi  gegen  die  Ansichten  gewiegter  Bauforecher 
(Oorrespondentblatt  111«  2&»  Lota  a,  a.  0.  I,  559)  tu  Gunsten  der  Annahme 
liübke's  a.  a.  IK  S.  78  ff.  (K^yeer's)  im  Organ  für  ohr.  Kunst  (1864)  XIY,  14, 
Gief^rNi  und  Kaievr'e»  die  Soester  PalrooU-Kirobe  n.  Nicolai-KapeUe  1863  S.  1  iL 
tu  enUobeldeii :  %,Die  Patrooli*Kirobe  au  Soeel^  gewöhnlich  der  Dom  genanst»  ist 
«Um  In  ranem  fonianiaoheii  Slüe  erbaute  Pfoilerbaailika  und  gekört  an  den 
berv^rragendalea  Gebiudea  dieser  Art  in  gana  Weatfalen.  Daa 
gMie  OelAvide  bat  ttimUoh  «im  Lftnge  von  9S4  Fuaa;  daa  Mitlebehiff  iat  S7 
I\mi^  jedes  der  beide«  S^itensbbifits  U\,  Fuas  br«i;  der  Darcksebaili  dar  besdos 
Krs«ialH^  VMii  Nvvrdeii  Mob  SUett  ist  106  Faaa  kag«  Doeb  ist  daa  gewaltige 
GiMwde  niebl  aia»  Rinew  Guas  bwiroigf'gangea,  aoudeni  etenmt  ans  awei  ver- 
StfMe4ei>e<l  HwepetMkik  Maslibk  daa  Omv  das  Kreeoaebifi«  aowie  der  öetKebe 
TWa  dee  llilUlsicbii^  bia  awai  Amlbw  PMatpaare  mü  desi  UAidBuid 
l«a  dir  »IbMSS^bUlfe  sMl  ««  die  Mlttie  des  eiUlift  labitendeKa  (H») 
4mx  dir  iW%i^  wesOiefci  TVeü  der  iaroba  iig^nn  «i&  der 
wdvdMpNn  AidaiP»  der  VvwMtte  m«)  dce  «Mt  deraalbtsi  ivrtasiplbMa 
IVMrea«»  iM^nths  d^r  Hill*  dee  li.  laJbAiwidtrta  asi;  denn  mdb  eiMr  Uikwde 
t««a  Jbdbr»  ll«6  bsMIli^  IMbmbM^  IMmM  wwi  IRIa  die  KMbe  kwa  veikv  cia- 
«i^y^^         1^  AM^ikir^^li«  U^r|{    Ws   <>iisbrhl.  «^  Labl»  a.  a.  a 


Die  kimstgeschichiL  Beziehongen  swiscben  dem  Rkeinlande  u.  Westfalen.    79 

8.  iSO,  deren  Chor  1070  daroh  BiecLof  Benno  von  Osnabrück,  ihrem  Gründer, 
eingeweiht  wurde  and  die  im  Jahre  1084,  von  welchem  die  Stiftnngsnrkande 
datirt,  im  Bao  beendet  erscheint,  zeigt  trotz  eines  nüchternen  spätgothischen 
Umbaaes  ihres  aus  drei  gleichhohen  Schiffen  bestehenden  lAnghauses  bedeut- 
same Reste  der  romanischen  Anlage,  die  ich  dem  arsprüngliohen  Baue 
zuschreibe;  namentlich  sind  die  Mauern  des  Chores  und  Kreuzschiffes  alt, 
letzteres  hat  auch  die  gedruckten  rundbogigen  Gowölbegurte  and  in  den  Ecken 
ab  Träger  derselben,  wie  in  der  Kirche  zu  Marienmfinster  kraftige  Säulen. 
Ihre  Kapitale  gleich  denen  der  Pfeiler  des  Schiffes,  sind  in  der  Rococozeit  mit 
Stuckomamenten  überklebt;  /  ihre  steilen  attischen  Basen  zeigen  das 
Eokblatt  Auf  der  Kreuzung  ein  Glockenthurmchen  als  Dachreiter.  Die 
Kirohe  hat  eine  herrliche  Lage  auf  einem  steilen  Abhänge  des  Teutoburger 
Waldes,  der  weit  in  die  Ebenen  des  Münsterlandes  hinaussieht.*'  Unmöglich 
lassen  sich  jene  älteren  Theile  ins  12.  Jahrhundert  versetzen;  einmal,  weil  der 
Bau,  den  der  architectus  praecipuus,  der  caementarii  operis  sollertissimus  dis- 
positor  seiner  Zeit  persönlich  und  unter  den  grossartigsten  Znrüstungen  leitete, 
vielleicht  schon  auf  ein  Gewölbe  berechnet  und  in  einer  Bauzeit  von  1070  bis 
zu  seinem  Tode  1088  noch  nicht  vollendet  war,  schon  nach  Verlauf  von  kaum 
100  Jahren  wieder  umgebaut  sein  sollte;  sodann  kennt  auch  der  Abt  Norbert 
von  Iburg  selbst,  der  1118  Bennos  Leben  und  Thaten  beschrieb,  keine  andere 
Kirche  als  jene  Bennos  und  statt  sie  fua  bald  restaurationsbedürftig  zu  halten» 
gibt  er  gleichsam  episch  zu  verstehen,  dass  sie  der  Stolz  des  Klosters  und  der 
Umgegend  sei  (Cf.  Vita  Bennonis  c.  23,  36,  29,  19,  40,  24,  41.)  An  einem' 
Bennosbau  hat  auch  das  zierende  Eckblatt  an  steiler  attischer  Base  nichts  Be- 
fremdendes für  das  11.  Jahrhundert.  —  Die  Pracht  der  Kunstwerke  im  Dome 
zu  Münster  besengt  der  Kölner  Handeli^ode  Herman,  der  sich  hier  um  1131 
aufhielt,  um  auf  die  Rückzahlung  eines  dem  zeitigen  Bischof  Egbert,  in  Mainz 
geleisteten  Geldvorschusses  zu  warten,  und  der  zum  Zeitvertreib  die  Domschule 
und  die  Fredigten  im  Dome  besuchte,  so  dass  er  am  Ende  Christ  und  Prämon- 
stratenser  des  neu  gestifteten  Klosters  Cappeuberg  wurde.  In  der  Schrift  de 
soa  oonversione  c.  2.  bei  von  Sternen,  Beschreibung  der  Gotteshäuser  Kappenberg 
and  Scheda  1741  erzählt  er :  Processu  temporis  ex  orebris  eorum  (Christianorum) 
oon£ibulationibns  ad  exploranda  diligentius  ecclesiastioa  sacramenta  factus  alacrior, 
basilicam  (oathedralis  ecclesiae)  non  tam  adhuc  devotus,  quam  ouriosus  iutrabam, 
quam  antea  velut  delubrum  quoddam  exhorrueram.  Ubi  studiosius  omnia  per* 
lustrans,  inter  artifioiosas  caelaturarum  ac  picturarum  v^rietates 
monstrosum  quoddam  idolum  aspioio.  Cemo  siqnidem  unum  eundemque  hominem 
humiliatnm  et  exaltatum  et  ejectum  ignominiosnro  et  gloriosum,  deorsum  in 
cruce  mirabiliter  pendentem,  pictnram  sursum  metienti  yenustissimum  ac  velut 
deificatnm  residentem  ....  dass  ihm  überhaupt  die  Bilder  und  Bilderverehrung 
damaliger  Zeit  viel  zu  schaffen  machten,  bezeugt  o.  8  seine  Unterredung  mit 
Abt  Rupert  von  Deutz. 

^*)  Das  Genauere  geben  meine  Artikel  },die  Ludgerikirohe  zu  Munster^  im 
Organe  für  christl.  Kunst.  (1868)  XYIII,  Nro.  2,  8,  4 


80    Die  kanBtgeschiohtl.  Beziehungen  zwischen  dem  Rheinlande  u.  Westfalen. 

'3)  „Der  Dom  zeigt  drei  Schiffe  yon  gleicher  Höhe;  der  Papst  berichtet» 
wie  diese  Anordnung  anf  seinen  Wunsch  getroffen  worden  sei,  nachdem  er 
solche  Hallenkirchen  in  Deutschland  gesehen/*  A.  yon  Reumonty  Gesch,  der 
Stadt  Rom  HI.  1,  398. 

^*)  Eine  genauere  Beschreibung  der  hier  zur  Sprache  kommenden  Kirchen- 
bauten des  Niederrheins  würde  zu  weit  fahren  und  muss  vorbehalten  bleiben. 

^')  Der  Tuffstein  kömmt  in  Westfalen  nur  mehr  als  Grenzläufer  vbr,  so 
als  Verkleidung  der  grossen  Kirche  zu  Bochold  (Lubke  a.  a.  0,  S.  281),  an  dem 
benachbarten  malerischen  Thurme  der  romanischen  Uebergangszeit  zu  Dingden 
und  angeblich  an  den  romanischen  Bauresten  der  Kapelle  zu  Haas  Dülmen  bei 
der  gleichnamigen  Kreisstadt;  am  Niederrhein  wurde  er  theils  aus  den  Ruinen 
der  Römerbauten  gewonnen  (von  Dechen  in  den  Jahrbüchern  des  Vereins  88, 
1  ff.  gegen  Schneider  das.  98,  84.  Eyck  van  Zuylichem  bl.  14),  theils  zu  Schiffe 
bezogen,  wie  er  dann  wohl  nur  auf  diesem  Wege  bis  nach  Ostfriesland,  sogar 
bis  Bremen  (Sibrandi  Leon.  Chronicon  apud.Matheum,  Analecta  ed.  secunda  VIII, 
856,  Schumacher  im  Bremisch.  Jahrbuch  I,  299)  gef&hrt  sein  kann.  Der  sich 
mehrende  Gebrauch  des  Ziegelsteins  und  anderer  benachbarter  Bruchsteine  ver- 
drängte  ihn  in  gothischer  Zeit  so  gut  wie  völlig,  falls  er  nicht  von  altern  Bauten 
übernommen  werden  konnte.  Vgl.  Aus'm  Weerth  a.  a.  0,  Text  I,  XIV,  XIX,  29t 
So  erweisen  auch  die  Xantener  Baarechnungen  den  Bezug  der  Baumberger 
Steine  in  den  Jahren  1474,  1495,  1600,  1609,  1611,  1684  bei  Schölten  Baurech- 
nungen der  St.  Victorskirche  zu  Xanten  1862.  S.  88,  60,  72  f.,  76,  80,  84  ff.  II,  2. 

'^)  Eine  Abbildung  des  Wisseler  Taufsteins  gibt  Ernst  aa8!m  Weerth, 
a.  a.  0.  I  Taf.  X,  7.  Mit  geringen  Abweichungen  stellen  eine  gleiche  Form  dar 
die  Westfälischen  Taufsteine  zu  Haselünne  bei  Meppen,  Südkircfaen  bei  Werne, 
Metelen  bei  Burgsteinfart,  Wetteringen  bei  Rheine,  Gescher,  Ramsdorf,  Borken. 
Der  erste  ist  der  einfachste,  der  Borkener  der  reichste,  dem-  Wisseier  ähnlichste, 
weil  hier  wie  dort  Menschenköpfe,  die  sonst  fehlen,  im  Ornament  des  untern 
Beckenrandes  abwechseln;  am  Taufsteine  zu  Südkirchen  nimmt  ein  Fries  von 
Säulen,  unterbrochen  von  Blumen  und  Menschenköpfen,  die  Stelle  der  Palmetten- 
zier des  untern  Beckenrandes,  an  jenem  zu  Wetteringen  Menschenfratzen  die 
Stelle  der  vier  aufrechten  Löwen  des  Fusses  ein,  an  jenem  zu  Borken  wechseln 
am  Ständer  zwei  Löwenköpfe  mit  zwei  Menschenfratzen,  an  dem  Taufsteine  zu 
Gescher  hat  die  Verbindung  des  den  Fuss  abdeckenden  Wulstes  mit  der  Becken- 
ausladung  durch  eine  Kehle  statt.  Dem  Becken  nach  gehört  hierher  der  Tauf- 
stein  zu  Recke  bei  Jbbenbüren,  der  Fuss  ist  in  drei  getrennte  Träger  zerlegt 
(Abbild,  von  Alf.  Hartmann  in  der  Zeitschrift  für  christl.  ArchaeoL  n.  Kunst 
II,  268).  Einfachere  Formen  und  Vorstufen  jener  entwickelten  Reihe  bilden  die 
Taufgefösse  zu  Ochtrup  bei  Burgsteinfurt  und  die  sich  fast  ganz  gleichen  zu 
Gimbte  bei  Greven  und  Ostönnen  bei  Soest,  nur  dass  der  letztere,  welcher  sich 
am  weitesten  ins  Land  gewagt  hat,  durchgehends  feiner  empfunden  ist.  Alle 
drei  haben  gemein  den  kahlen  oben  fast  den  Durchmesser  des  Beckens  erreichen- 
den und  nach  unten  stark  verjüngten  Fuss  und  als  Hauptbelebung  der  Becken- 
fläche Arkaden.    Während  diese  an  dem  Ochtruper  Exemplar  unten  ein  Band 


Die  kunatgeaohiolitl.  Beziehungen  Bwischen  dem  Rheinlande  u.  Weetfalen.    Bl 

Yon  einfachen  schräg  nebeneinander,  oben  ein  solches  von  je  zwei  winkelig  zu 
einandergestellten  Blättern  einfasst,  verlaufen  sie  an  den  beiden  andern  zwischen 
einer  doppelten  Tauverzierung,  und  erlangen  ihre  Arkaden  einen  Abschluss 
mit  zur  Hufeisenform  neigenden  Bögen.  An  diesen  zeigen  die  Füsse  die  stärkste 
Veij&ngung  und  vertritt  die  untere  Tauverzierung  von  rundlichem  Profil  zu- 
gleich den,  FusB  und  Becken  verbindenden,  Wulst;  den  Uebergang  des  verengten 
Fusses  zu  der  breiten  Base  vermittelt  eine  Profilirung,  zu  Gimbte  und  Ostönnen 
ein  Wulst  und  darunter  eine  starke,  ausladende  Schräge.  Diese  drei  Stücke 
vertreten  ohne  Zweifel  den  rein  romanischen  Stil,  in  der  zahlreichem  und  ent- 
wickeltem Reihe  dagegen  scheinen  mehrere  in  den  viereckig  stilisirten 
Traubengebilden,  welche  die  wellenförmigen  Windun^n  des  Beckengeränks  ab* 
wechselnd  mit  einem  gefingerten  Blattwerk  (Pal  motten)  ausfallen,  schon  ein 
gewisses  gotiiisches'  Stilgefühl  zu  verraten,  so  handwerksmässig  und  steif  auch 
sonst  die  übrigen  Formen  gehalten  sind.  Erwähnt  sind  die  Taufsteine  zu  Me- 
telen und  Ramsdorf  bei  Lübke  a.  a.  0.  S.  378. 

*')  Hinsichtlich  der  hanseatischen  Verbindung  und*  des  gemeinsamen 
Londoner  Handels  sei  nur  verwiesen  auf  L.  Ennen,  Geschichte  der  Stadt  Köln 
U.  551  UI.  705.  Geisberg  in  der  Zeitschrift  für  Gesch.  und  Alterthumskunde 
Westfalens  (1866)  XYII,  174  ff.,  869,  und  auf  Schnaase  a.  a.  0.  VI,  889,  der  an- 
lisslich  der  Grabplatte  des  1812  in  Boston  gestorbenen  und  beerdigften  Münste- 
rischen Kaufmanns,  Wisselus  von  Smalenbergh,  das  Vorkommen  vollständiger 
(nicht  aus  Theilen  bestehender)  Metallplatten  unmittelbar  deutschen  oder  aus- 
landischen Einflüssen  zuschreibt.  Vgl.  die  genannte  Zeitschrift  XVII,  170  ff. 

^^)  Gothische  Thürme  mit  Strebepfeilern  eignen  in  Westfalen  nicht  ein- 
mal allen  Prachtwerken  dieser  Art  und  fehlen  sogar  dem  Thurm  der  Lieb- 
frauenkirche zu  Münster.    Nordhoff  im  Organ  für  ehr.  Kunst  (1868)  XVIÜ,  124. 

—  Soest  nennt  die  Vita  Idae  in  Mon.  Germ.  Histor.  II,  574  im  10.  Jahrhundert 
eine  civitas  ....  commeantium  populorum  frequentia  nobilis.  —  Die 
Bürg^raufhahmen  der  Stadt  Dortmiud  sind  aus  dem  dortigen  2  Folianten  starken 
Bargerbuche  ausgezogen  und  publicirt  von  Fahne,  die  Herren  und  Freiherren 
von  Hövel  II,  44  ff.  Unter  den  pictores  wird  einer  zum  Jahre  1381  de  Susato, 
unter  den  aurifices,  cnprifabri  einer  aus  Münster^  unter  den  lapicidae,  Stein- 
bickem  und  Steinmetzen  werden  zwei  ,^Ton  Kettwig'S  auch  ein  cntellifex  aus 
Soest  1864  genanüt  —  die  einzigen  Angaben  über  das  Herkommen  der  Künstler. 

—  Die  Chronisten  des  Elsasses  erzählen  nach  F.  von  Schmitz  a.  a.  0.  S.  186, 
187^  dass  der  Sohn  Ervins  von  Steinbach,  des  Schöpfers  des  Strassburger 
Münsters,  Namens  Johannes,  sich  mit  seinem  Vater  überwerfen  und  den  Wander- 
stab nach  fernen  Landen  ergriffen  habe.  Auf  solcher  Wanderung  nach  Münster 
in  Westfalen  gekommen,  habe  er  dort  die  schöne  Liebfrauenkirche  zu  Ueber- 
wasser  erbaut.  Diese  Sage  ist  den  gleichzeitigen  Chronisten  unbekannt  und  ihr 
specieller  Inhalt  schon  desshalb  hinflillig,  weil  die  Liebfrauenkirche  erst  1840  be- 
gonnen wurde,  Johann  von  Steinbach  aber  schon  1389  starb.  (Joh.  Schilter  zu 
J.  V.  Königshovens  Chronik  S.  559.  Tgl.  dagegen  Hegel,  in  den  Chroniken  der 
deutschen  Städte  IX,  1014  Note  6.)  —  Hinsichtlich  der  Lambertikirche  erzählt 

6 


62    Die  kanstgeschiohÜ.  Beziohungen  zwischen  dem  Rheinla&de  a.  Westfalen. 

Kock,  Series  episooporum  Monasteriensiam  eorundemque  vitae  ao  gesta  in 
eoclesia.  Monasterii  1601,  II.  14—17:  Hie  ptaeterire  non  poi^am  traditionem 
adhuc  vigentem  de  ecclesiae  exstractione;  Fenint,  operarios  Tyrolenses  huic 
operi  adliibitos ferunt  quoque,  eosdem  operarios  de  die  exstruendae  eccle- 
siae Lambertinae  et  ad  vesperam  exstruendae  ampliori,  quam  olim  foit  ecclesiae 
Minoritarum  incubuisse.  Die  evangelische,  vormals  Minoritenkirche  zu  Münster 
beschr.  von  Nordhoff  Organ  XYIII,  198  ff.  Uebrigens  sind  nach  der  Erinnerung 
älterer  Leute  Tyroler  Maurer  bis  in  unser  Jahrhundert  des  Sommers  bei  bedeuten- 
den Bauten  in  Westfalen  thätig  gewesen.  Nach  dem  Vorbilde  der  Liebfrauen- 
kirche wurden  im  Münsterlande  theilweise  noch  während  des  Baues  aufgeführt 
die  Kirchen  zu  Wolbeck,  Havixbeck  (Lübke  a.  a.  0.  S.  251),  die  elegante  schon 
1844  vollendete  Kreuzkapelle  auf  dem  Strombwge  (Münster.  Geschichts-Quellen 
in,  306)  und,  von  allen  die  grbsste,  die  Kirche  zu  Altenberge;  die  Lamberti- 
kirche  diente  zum  Muster  den  stattlichen,  weiträumigen  Kirchen  zu  Nottuln 
und  Lüdinghausen.  (Lübke  a.  a.  0.  S.  290,  293).  —  Die  Berufung  Meister 
Kurds  nach  Bremen  ist  mitgetheilt  von  Ehmck  imd  Schumacher  im  Bremischen 
Jahrbuch  £1,  294  ff.  367,  419 ;  —  der  Bau  und  der  Mebter  der  Albreohtsburg 
zu  Meissen  besprochen  von  Klemm  in  den  Mittheilungen  des  sächsisch -thürin- 
gischen Vereins  Heft  XI,  19  ff.  und  Lotz  I,  438. 

^*)  Der  Hanptchor  des  Domes  zu  Köln  schliesst  mit  5  Seiten  des  12ecks, 
jener  der  Petrikirche  mit  ebenso  vielen  des  lOecks  (vgl.  über  diese  seltene  Bil- 
düng  Otte  a.  a.  0.  S.  475),  die  Seitenkapellen  dort  und  die  Seitenchöre  hier 
mit  drei  Seiten  des  Achtecks,  letztere  jedoch  unregelmässig.  (Grundriss  bei  Lübke, 
Tafel  V).  —  Die  Nachricht  über  den  Steinmetzen  Johann  von  (Dron)Steinfart 
und  die  später  nicht  weiter  belegten  Angaben  über  Kölnische  Künstler  finden 
sich  in  dem  fleissigen,  alphabetisch  geordneten  und  deshalb  leicht  zu  hand- 
habenden Sammelwerke  Joh.  Jac.  Merlo's :  Nachrichten  von  dem  Leben  und  den 
Werken  Kölnischer  Künstler.  Mit  174  Monogrammenbildungen.  Köln  1850. 
Die  dort  S.  160  benannten  Kölner  Steinmetzen  „von  Hamm"  kamen  auch 
unseres  Erachtens  aus  dem  rheinischen  Dorfe  Hamm  und  nicht  aus  der  gleich- 
namigen, bis  in  die  neueste  Zeit  unbedeutenden  Stadt  Westfalens. 

'^)  Grabsohrift,  Werke  und  biographische  Notizen  über  Meister  Philipp 
Hermann  bringen  nach  Begin's  Werke  über  die  Kathedrale  von  Metz,  der  An- 
zeiger für  die  Kunde  der  deutschen  Vorzeit  Jahrg.  V  Nro.  3  und  die  Zeitschrift 
des  Vereins  für  Geschichte  und  Alterthumskunde  Westfalens  (1858)  XIX,  366  f.  — 

'^)  Der  Zunftbrief  der  Kölner  Gilde,  Glaswörter  Bildschnitzer,  einer  der 
frühsten  seiner  Art  vom  Jahre  1449  in  den  Annalen  des  historischen  Vereins 
für  den  Niederrhein  Heft  XVI,  184,  185  besagt:  Vort  so  wer  einich  werck 
geloiffde  zo  machen  vanOliefarven,  der  sali  dat  nit  machen  von  wasserfiurven 
und  an    wem  man  dass  gewar  wurde,   der  sali  gelden  zo  boissen  funff  marck 

und   darzo   besserong   des  wercks  doin Eine  andere  Stelle  des  Briefes 

sei  des  seltenen  Inhalts  wegen  hier  in  Erinnerung  gebracht:  Vort  wer  saoh, 
dat  einich  man  zo  Colin  queme,  der  sich  dieser  Ampter  anneme  und  sich 
damit  gedeoht  zn  emeren,  idt  were  mit  Bildensohnitaen,  ofderenicheer- 


Die  kunstgeschichtl.  Beziehungen  zwischen  dem  Rheinlande  u.  Westfalen.    88 

h«Ten  bilder  drackde,  darvan  sioh  dat  stuck  verlief  boven  ein  marck,  der 
sali  nnsem  ampt  gehorsam  sein  in  allen  Sachen  und  punten  vnrg.  sonder 
argelist.  Hinsichtlich  der  Altcrsstellung  des  Briefes  und  der  Bedeutung  des 
Bilderdruoks  vgl.  K.  •  Falkenstein,  Geschichte  der  Buchdruckerkunst  1840,  S. 
18  ff.    Sotzmann  in  Baumerts  Histor.  Taschenbuch  1841  S.  517  ff. 

'^)  Die   vielleicht  noch  im  11.   Jahrhundert  wurzelnde  Malerei  Soest's^  — 
wenigstens    zeigten    die    dem   11.   Jahrhundert    entstammenden    Bautheile   des 
Domes  (vgl.  Note  11)   in    den  Apsiden  die  jetzt  restaurirten  ernsten  Wandge- 
mälde —  wird  nach  den  Werken  und  Meistern  ästhetisch  und  technisch  ge- 
würdigt von  Lübke  a.  a.'O.  S.  321  ff.,  Giefers  und  Kaiser  a.  a.  0.  S.  17  ff.  und 
erscheint   den  Arten  wie  der  Verbreitung  nach  immer   bedeutsamer,  je  mehr 
Beste  von  Tafel-  und  Wandmalerei  in  der  Stadt  und  Umgegend  entdeckt  werden. 
Der  älteste  dieser  Fimde  in  der  Kirche  Maria  zur  Höhe  ist  zugleich  der  merk- 
würdigste,  sowohl  in  Absicht   auf  den  Reichthum  der  Darstellungen,  wie  der 
Technik   und  Dimensionen.    (Vgl.  Leipziger  Illustr.  Zeitung    1870  S.  Sil).    Es 
ist  nämlich  auf  eine  mit  Leinwand  überzogene  und  bemalte  kreisrunde  Holz- 
scheibe ein  hölzernes  Cmcifix  derart  gdegt,   dass  die  Enden  der   drei  oberen 
Balken  sieh  mit  der  Peripherie  der  unterliegenden  Scheibe  decken;   unter  den 
nach  unten  über  die  Kreisscheibe  hinweghangenden  Kreuzesfuss  hat  man  später 
eine  viereckige  Unterlage  gelegt  und  diese  oben  durch  schräge  Giebel  mit  der 
Kreisfläche  des  Bildes  verbunden,  die  Unterlage  durch  farbige  Linien  in  vier- 
eckige Felder   zerlegt  und   diese  schwarz    in  Gold   verziert  mit  Blattmustem, 
Thiermotiven,   grotesken  und  andern  Menschengestalten ;  das  Kreuz  nun  enthält 
in  hohem  Belief  acht  eingesohnitzte  Scenen  aus  der  Leidensgeschichte,   die  von 
der  Kreisscheibe  gefüllten  Winkel   des  Kreuzesbalken  4  runde,  die  Enden  der- 
selben 4   quadratische  Darstellungen   aus    dem  Leben  Jesu,   so   dass   die  des 
untern  Kreuzbalkens  mit  der  Grablegung    abschliesst.    Ueber  jedem  Ende  des 
Querbalkens   schwebt  ein   geschnitzter  Engel,    die  beiden    Rundbilder   in  den 
untern  Winkeln  des  Kreuzbalkens  zeigen  das  eine  Christus  vor  Pilatus,  das  an- 
dere den  Einzug  in  Jerusalem.    Malerei  und  Sculptur  gehen  hier  völlig  Hand 
in  Hand,  falls  der  Farbenauftrag  nicht  der  Restauration  des  Bildwerks  ange- 
hört.    Es  gehört    nämlich  das  Kreuz  mit  der  Kreisscheibo  und  den  Bildern 
der  romanischen^Stilzeit   Vielleicht,    wie  der  Thurm  der  Kirche,  noch  dem  12. 
Jahrhundert  an;  dagegen  kann  der  viereckige  Untersatz  mit  den  quadratischen 
Ziermustem  und  der  oberste  Farbenauftrag  wohl  nur  in  der  Zeit  gemalt  sein,  wo- 
rauf  die  Inschrift  hinter  dem   Bilde  an  der  Wand  hinweist:    Anno    Domini 
MGGCGLXX  primo  die  assumptionis  b.  Marie  virginis  gloriose  hec  tabula  cum 
cradfixo  et  aliis  reformata  fuit.  Dominus  Johannes  Eppynck,  dominus  Johannes 
Warendorp  capellanus,  Thomas  Myle,  Johannes  Schone,  Ratte  provisores.    Ma- 
gister Theodericus  de  Tremonia  pictor  huius  tabule.  —  Dem  Anfange  des  13  Jahr- 
hunderts entstammt  das  vom  Baurath  Bucholtz  zu  Arnsberg  gefundene  und  von  F. 
V.  Quast  in  der  Zeitschrift  für   ehr.  Archäologie  u.  Kunst  (1858)  U  28S  f.  be- 
schriebene Altargemälde    der   Wiesenkirche:   eine   in   allen    Theilen    frei   und 
lebendig  empfundene  Kreuzigung  mit  den  Seitenstücken  des  Verhörs  vor  Kaiphas 


84    Die  kunstgesohichtl.  Beziehungen  swiachen  dem  Rheinlande  n.  West&len. 

und  der  das  Grab  besuohenden  Frauen.  „Für  ein  Staffeleibild  ist  dies  so  früh, 
dasB  hiermit  in  Deutschland  nur  noch  das  zweite  Bild  desselben  Altars  und  ein 
anderes  aus  Soest  stammendes,  welches  sich  jetzt  im  Museum  zu  Münster  be- 
findet —  es  ist  das  Antipendium  aus  dem  Walburgiskloster  .mit  dem  Salvator 

und  Seitenfiguren  (Lübke  S.  884)  -<  verglichen  werden  kann Von  andern 

etwa  gleichalterigen  Staffeleibildem  lassen  sich  unter  den  bekannt  gewordenen 
nur   die  des  Guido  von  Siena  vom  Jahre  1221  nennen'*.  —  In  der  Umgegend 
gehören   die  Wandgemaide  der  alten  Ghortheile  in  der  Marienkirche  zu  Lipp- 
stadt wahrscheinlich  noch  dem  Yollendungsjahi^  ihres  Substrats  1198  an  (Lübke 
S.  166).    Es  sind  Engelfiguren  bewegt  und  belebt,  die  Gontouren  entbehren  der 
greUen  farbigen  Gegensätze,  das  den  Bildern  als  Basis  dienende  Deoorationsband 
besteht  an  der  einen  Wand  aus  einem  Netz   geometrischer  Ornamente,  an  der 
andern   aus   Ereiswindungen    und  Mustern,  denen  man  absieht,  dass  sie  den 
mannigfaltigen  Teppichomamenten  der  Zeit   abgeschaut  (Vgl.  Springer  in  den 
MittheilL  der    E.  K.  Gentral-Gommission   (1860)  Y,  67  ff.)  und  in  Farbe  über- 
tragen sind.  —  Jünger  erscheinen  die   meisten  Figuren  der  vor  8  Jahren  ent- 
deckten Wandgemälde  in  der  alten  Thurmkapelle  der  Klosterkirche  zu  Liesbom 
nordostlich  von  Soest.  Sie  stehen  unter  Arkaden  mit  runden  Bögen,  über  deren 
Säulen  sich  eine  thurmartige  Zierarchitektnr  —  Alles  in  Farbe  —  entwickelt, 
indess  der  über  den  Rundbögen  der  Arkaden  angelegte  Spitzgiebel,  der  an  den 
Seiten  anscheinend  mit  kräftig  bestielten  Knollen  besetzt  ist,  die  Einflüsse  der 
romanischen  Uebergangszeit  deutlich  bekundet.  Andre  Figuren  ohne  Umrahmung 
passen  sich  frei  den  Flächen  der  von  Bögen  durchbrochenen  Wände  an,   oder 
sie  deuten*  mit  den  Emblemen  der  fünfblätterigen  Rose  auf  eine  Beziehung  zum 
Hause  Lippe,  welches  die  Yog^tei  des  Klosters  inne  hatte.    Soweit  man  erkennt, 
verbindet  ein  Typus,  eine  Technik  und  unterzieht  ein  Zierband  mit  romanischen 
Mustern  diese  figürlichen  Darstellungen  —  welche  stilistisch  der  Mitte  des  18. 
Jahrhunderts  angehören  möchten  und  für  damals  um  so  eher  Soest's  Malerschule 
beizumessen  sind,  als  sich  in  dieser  Stadt  bis  1239  der  Liesbomer  Abt  Burchard 
Gbsundheits  halber  aufhielt  und  starb.  (B.  Wittius  1.  a  p.  761.)  Zwei  Figuren  der 
südlichen  Wand  dagegen  sind  unzweifelhaft  jünger  und  jedenfalls  um  1322  ge-. 
malt,  als  Abt  Florin,   während  die  Kirche  im  Baue  begriffen  war,  die  Thurm- 
kapelle für  den  Gottesdienst  wieder  einrichtete  und  mit  Zustimmung  des  Yogtes, 
Simon   von  der  Lippe,    reich  dotirte.  (Staatsarchiv  zu  Münster  Urkk.  No.  120, 
122,  127  A.   B.  Wittius   1.  c.  p.  768).  Da  ich  die  Kunstnachriohten  über  Soest, 
Lippstadt  und  Liesborn  hier  nach  alter  Erinnerung  beigebracht  und  überdiess 
die  erwähnten  Wandgemälde   wegen  der  Dunkelheit  der  Räume   und  des  ver- 
letzten Zustandes  nur  höchst  unklar   sehen  konnte,  so  werden  sie  vielleicht  in 
manchen    Punkten    zu  corrigiren  sein,   wenn  einmal  eine  behutsamere  Unter- 
suchung zu  Lippstadt  und  Liesbom  vorgenommen  werden  sollte.    Wahrschein- 
lich würde  auch  eine  Entfernung  der  Tünchschale  in   den  romanischen,  Soest 
benachbarten  Kirchen  zu  WeslarUi    Borgeln,  Ostönnen  und  Bremen  den  Cyolus 
der  von  Soest  ausgegangenen  Wandmalereien  noch  erweitem. 

'')  Das  Missale  zu  Münster,   seither    nur  mehr   erwähnt  als  beschrieben 


Die  knnstgeschiohil.  Benehnngen  zwischen  dem  RheiDlande  n.  Westfalen.    85 

▼on  Becker  in  Euglers  Museum  18S5>  S.  398  f.  und  Lübke  a.  a.  0.  S.  345,  ver- 
diente «nicht  nur  wegen  des  Stiles,  sondern  auch  wegen  der  Erkenntniss  der 
seitigen  Heiligensymbole  und  -Attribute,  der  Kostüme  und  Liturgik,  wie  sich 
dies  Alles  in  dem  Cydus  von  57  lieblichen  Miniaturbildern  entrollt,  eine  mög- 
lichst genaue,  mit  Facsimilirung  der  lehrreichsten  Stücke  verbundene,  Würdigung. 
—  üeber  die  Liesbomer  Kunstübung  und  Malerei  vgl.  Nordho£f,  Chronisten 
S.  32-40. 

'*)  Von  dem  sogen.  „Oldenburgisohen  Hörn**  der  dänischen  Sammlung 
auf  dem  Schlosse  Rosonburg,  einem  Meisterstüoko  der  spätgothischen  Metall- 
kunst,  sagt  G*  Andersen,  Die  chronologische  Sammlung  der  dänischen  Könige, 
Kjobenhavn  1872.  S.  5:  „Was  die  Entstehung  dieses  Horns  betrifft^  (von  dem 
eine  alte  Mythe  sogar  erzählt,  dass  es  im  Jahre  989  dem  Grafen  Otto  I  von 
Oldenburg  von  einer  Bergnymfe,  welche  aus  dem  Berge  OSenberg  heraustrat, 
als  er  sich  auf  der  Jagd  verirrt  hatte  und  müde  und  durstig  sein  Boss  vor  dem- 
selben anhielt,  gereicht  wurde)  so  hat  die  Yermuthung  am  meisten  Wahrschein- 
lichkeit für  sich,  das9  König  Christian  I.  es  im  Jahre  1474  von  dem  nach 
Danemark  berufenen  westfälischen  Bildhauer  Daniel  Aretäus  fertigen  Hess.**  — 
Welche  Stellung  Münster  einnahm  bezeugen  die  Geschichtschreiber,  wie  Wittius 
1.  c.  p.  329  und  die  Fraterherren.  Ein  von  ihnen  kunstreich  hergestelltes  Chorbuch 
in  der  Kirche  zu  Stadtlohn  bei  Ahaus  schliesst  mit  folgender  Inschrift:  Anno 
Domini  millesimo  quadringentesimo  septuagesimo  octavo  in  urbeMonasterio, 
primaria  Westphalie,  in  coUegio  presbyterorum  et  clericorum  fontis  salien- 
iis  hie  über  diligenter  scriptus  et  completus  et  pro  ecclesia  sancta  parochiali 
in  Stadtloen.  (Bei  Nordhoff,  Chronisten  S.  57.)  Das  lange  Lobgedicht  des 
Murmellius  (bei  J.  Niesert,  Beiträge  zur  Buchdruckergeschichte  Münsters, 
Coesfeld  1828  S.  185)  benennt  sich  in  der  Ueberschrift :  In  urbem  Monasterium, 
Westphaliae  metropolim,  opulentia  doctisque  ac  prudentibus  hominibus  insigueni 

Ode  sapphica  ab' Joanne  Murmellio 1503  und  klingt  in  der  Strophe  10 

und  7: 

Eminent  turres  nimium  levatae,      . 

Sunt  domus  altae:  speciosa  lucent 

Templa  et  obsciirae  decorata  cingunt 
Moenia  fossae. 

Westphalae  gentis  decus,  aura,  splendor, 

Civitas  Paulo  celebris  patrono 

Notier  Delphis,  variis  Athenas 
Artibus  aöquat. 
Folgende  Bemerkung  einer  alten  Chronik  des  Klosters  Marienfeld   im   Staats- 
archiv  zu   Münster  Ms.  YH,    1305  leistet  zur  Kunstgeschichte   Münsters   und 
Westfalens   einen  nicht  unwillkommenen  Beitrag,  indem  sie  berichtet  vom  Abt 

Beinold   1443—1477 Tabula  in   maiori  altari,  quae  per   antecessorem 

fuerat  inchoata,  temporibus  suis  est  erecta,  quam  fecit  deaurari  et  depingi;  et 
cum  pretio  non  parvo  et  cum  adiutorio  fratris  Anthonii  sartoris  fecit  scribi 
libros  cantuales,  qui  libri  scripti  (sunt)  per  fratrem  de  Osnabrugo  nato  (sie),  cuius 


86    Die  kanstgeschiohtl.  Beziehungen  zwischen  dem  Rheinlftnde  a.  Weet&len. 

nomen  erat  Bruno  Tollen.  Et  fecit  enim  parari  Organum,  quod  nunc  antiquom 
dicitur,  quod  Organum  cum  tabula  maioris  altaris  pro  mille  florenis  (rh.)  com- 
paravit,  uti  a  fratre  Anthonio  sntore  intellexi,  qui  adiutor  fuit  in  negotio  talL 
Insuper  et  alii  boni  fratres  de  licentia  domini  abbatis  parari  fecerant  tabulas 
et  omamenta  s.  Mariae  Magdalenae  Osnabrvgi  praeparata  et  depiota  cum  imagine 
Brunonis,  et  aliam  tabulam  Philippi  et  Jacobi  a  magistro  dicto  Korbe ck 
de  Monasterio.  Das  Weitere  verbreitet  sich  über  Anschafibngen  von  Bechern 
und  Kelchen.    Eine  kostbare  Orgel  war  schon  1385  errichtet. 

'^)  Ein  doppelter  Schriftcharakter,  ,,der  gerade  stehende  Missaltypus''  und 
,,eine  Art  länglicher  schiefliegender  Minuskel  von  ungleich  freierer  Bewegung 
bildet  den  weit  verbreiteten  Handschriftenductus  des  burgundischen  Reiches, 
, Jenes  grossen  Staates  mit  Flandern,  Brabant,  Henegau,  Geldern  und  Nieder- 
landen in  dem  weitesten  Umfange  des  Wortes,  also  auch  mit  Inbegrifif  des  be- 
nachbarten Niederrheins  und  Westfalens^'  Falkenstein  a.  a.  0.  S.  87.  —  Auch 
in  der  altem  Type  des  Nordens  erkennt  Ebert  in  Ersch  und  Grubers  Ency- 
clopädie  I.  14,  234  s.  v.  Buchdruckerkunst  eine  solche  Abweichung  von  der  bis 
1476  in  Süd-  und  Westdeutschland  verbreiteten,  und  so  viele  Anklänge  an  die 
holländische,  dass  er  geneigt  ist,  die  ältesten  Drucke  in  Magdeburg,  Hamburg, 
Lüneburg,  selbst  in  Köln  durch  die  Fraterherren  auf  Brüssel  zurückzuführen, 
welche  ja  auch  1476  mit  einer  Brüsseler  Type  die  erste  Presse  Norddeutsch- 
lands in  Rostock  eröffneten.  Druckereien  der  Fraterherren  zu  Rostock  und 
Nürnberg  beschreiben  Lisch  in  den  Jahrbb.  des  Mecklenb.  Geschichtsvereins  IV, 
35  ff.  Falckenstein  a.  a.  0.  S.  163,  177,  154.— üeber  die  rheinisoh-westfalischen 
Kriege  geben  die  einzelnen  Landes-  und  Localgeschichten  Auskunft.  —  Die 
epochemachende  Wirksamkeit  der  Fraterherren  im  Allgemeinen  ist  anerkannt 
von  Ullmann,  Reformatoren  vor  der  Reformation  (1866)  II,  11—167,  von  Delprat, 
Yerhandeling  over  de  Broederschap  van  G.  Grote  en  over  den  invloed  der 
fraterhuizen  II.  Druck,  Amheim  1856;  ihre  Verdienste  um  die  Kunst,  ihr  Zu- 
sammenhang mit  dem  Humanismus,  ihr  Eingreifen  in  die  Buchdruckerkunst, 
ihre  Beziehungen  zum  Mutterlande  und  zu  einander  sind  entweder  sachlich  und 
örtlich  zu  einseitig  oder  gar  noch  nicht  behandelt;  daher  denn  bis  jetzt  von 
einer,  alle  Zweige  ihres  regen  Lebens  umfassenden,  Würdigung  für  den  Norden 
leider  noch  keine  Rede  ist,  obwohl  die  hundertfältigen  Verbindungen  der  hol- 
ländischen Fraterherren  mit  dem  Rheine,  Westfalen  und  selbst  mit  dem  östlichen 
Sachsen  aus  einzelnen  Beispielen  einer  zeitgenössischeiy  GeschichtsqueUe  erhellen, 
nämlich  aus  des  Joh.  Buschii  libri  II  de  reformatione  monasteriorum  oomplurium 
per  Saxoniam  et  vicinas  regiones  in  Leibnit.  Scriptor.  rerum  Brunsvic.  H, 
806  ff.  Was  Erhard  in  der  Zeitschrift  für  Geschichte  und  Alterthumskunde 
Westfalens  (1838)  I,  28  über  die  bereits  1400  blühende,  als  Stamm-  und  Ober- 
haus verschiedener  männlicher  und  weiblicher  Congregationen  Norddeutschlanda 
bedeuti^me,  Niederlassung  der  Fraterherren  in  Münster  anführt,  lässt  nichts 
ahnen  von  ihrer  schwerwiegenden  Gulturbedeutung.  Die  Münsterischen  Ge- 
schichtsquellen I,  160,  331,  338  erwähnen  wiederholt  dieses  Instituts  und  weisen 
auch  III,  314  auf  seine  schon  bei  der  Gründung  bestehende  Beschäftigung  des 


Die  kunfligesohiobtl.  Benehangeo  zwischen  dem  Rheinlande  u.  Westftklen.    87 

Bfichersohreibens  hin.  Ich  fiind  allein  in  den  münsterländisohen  Kirchen  meistens 
der  holländischen  Grenze  entlang  vom  Jahre  1413  ab  eine  ansehnliche  Keihe 
Foho-^osser  Kirchenbücher  theils  mit  Initialen  und  Randverziemngen.  theils 
zugleich  mit  einem  Folio-groBsen  Passionsbilde  bemalt.  Die  reichem  Exem- 
plare sind  inschrifllich  als  Arbeiten  der  münsterischen  Fraterherren  beglaubigt, 
die  einfachem,  welche  mit  jenen  in  der  Form  der  Schrift,  der  Initialen  und 
Randgerimsel  übereinstimmen  und  also  auch  gleichen  Ursprung  theilen,  ent- 
behren dieser  Angabe.  Eins  der  schönsten  Exemplare  dieser  Art,  ein  Anti- 
phonarinm  der  Kirche  zu  Ennigerloh  bei  Beckum  schliesst  mit  den  in  diesen 
Büchern  fast  typischen  Worten:  Anno  Domini  MCCCCLXXIX  scriptns  et 
completns  est  iste  über  in  domo  fratrum  communis  vite  ad  fontem  salientem  in 
Monasterio.  Qni  utitur  conoret  pro  ipsis.  Die  grossen  mannigfaltigen  Initialen 
lassen  nach  allen  Seiten  auf  die  freien  Ränder  ein  Gewebe  der  zartesten 
Yerfadelungen  in  den  hellsten  Farben  ausspriessen ;  eine  l^erle  der  Pergament- 
malerei und  ein  Spiegel  des  zeitigen  Kunststils  erscheint  ein  Passionsbild  in 
Folio.  Den  Rahmen  bilden  vegetabile  Muster,  zum  Theil  nach  dem  Akanthus 
genommen,  zum  Theil  Blüthenkolben  und  Knospen,  in  den  buntesten  Yer- 
schling^ngen  und  Farben  mit  einander  verwunden.  Im  Bilde  stehen  zu  jeder 
Seite  des  Kreuzes  vier  Personen,  links  die  Gruppe  ddr  h.  Frauen,  dem  Kreuze 
zunächst  die  h.  Mutter,  welche  ihren  tiefen  Seelensohmerz  weniger  im  zart- 
empfindenden Antlitz  als  in  der  Haltung  offenbart;  sie  würde  zusammensinken, 
«wenn  nicht  der  h.  Johannes  unter  ihre  Arme  griffe.  Rechts  die  Henker,  Maria 
Magdalena  umklammert  das  Kreuz,  in  allen  Gesichtern  spielt  ein  edler  Schmer- 
zensausdrnck,  auch  die  Henker  dürfen  ihre  böse  Seele  wohl  in  der  Handlung, 
aber  nicht  in  den  Zügen  des  (jresichts  ausprägen.  Namentlich  milde  ist  der  Ge- 
sichtszug des  Gekreuzigten,  seine  Gestalt  noch  lang  gezogen.  Gegenüber 
diesen  idealen  Schönheiten  bricht  der  Realismus  in  allen  Aensserlichkeiten 
durch.  Die  Frauen  haben  ihre  Kopf-  und  Halstücher,  Johannes  ein  schön  ge- 
locktes, goldiges  Haar  und  über  einem  grünen  ünterkleide  einen  rothen  Mantel, 
die  Henker  tragen  halb  weisse,  halb  blaue  Kleidung.  Statt  des  frühem  Gold- 
grundes wölbt  sich  oberhalb  der  Scene  der  dunkelblaue  Himmel,  durchflattert 
von  Spruchbändern,  wovon  der  am  obern  Kreuzbalken  die  letzten  Worte  Jesu 
enthält.  Unterhalb  am  fernen  Horizont  erheben  sich  Burgzinnen  und  Kirch- 
thürme  zwischen  sanft  gewölbten  Hügeln,  die  sich  mit  leichten  Wölkchen  be- 
rühren. Die  Farben  sind  mannigfaltig  und  gut  vertrieben  selbst  in  den  Ueber- 
gängen;  die  hellen  Töne  walten  'vor,  Schwarz  ist  gar  nicht  angewandt.  Ein 
Ohorbuch  mit  guter  Schrift,  schönen  Initialen  und  Randverzierungen,  ohne  freie 
Bildwerke,  Folio  gross  und  über  516  Seiten  stark,  wie  es  in  der  Kirche  zu 
Borken  erhalten  ist,  kostete  für  die  damalige  Zeit  eine  Summe  Geldes  laut  der 
Inschrift:  Hpnc  librum  fccit  scribi,  illuminari  et  ligari  dominus  Johannes  Wil- 
kini,  decanus  veteris  ecclesie  sancti  Pauli  Monasterii,  pro  triginta  octo  florenis 
Rhenensibns,  octo  solidis  et  sex  denariis  ....  Weiteres  über  die  Malerei  der 
Fraterherren  bei  Nordhoff^  Chronisten  S.  37  ff.  —  In  Betreff  des  norddeutschen 
Humanismus  vgl.  ausser  der  zahlreichen  Speoialliteratur  G.  Krafft  und  W.  Cre- 


88    Die  kanstgeschiohU.  BeziehuDgen  zwisoben  dem  Rheinlande  u,  WestfaleD. 

celiuB,  Beitrage  zur  Geschichte  de$  Humanismus  am  Niederrhein  und  in  West- 
falen. Erstes  Heft  1870;  Opera  ü.  Hutteni  ed.  Böcking,  Suppl.  U;  Parmet, 
Rudolf  von  Langen,   Leben    und   gesammelte   Gedichte    1869,    wo   S.  2^3   das 

Carmen  LVIII:  Ad  clarissimam  Coloniam  Agrippinensem ;  Cornelius,  die 

Münsterischen  Humanisten  1851. 

^^)  Wemerus  Rolevinck,  Laerensis,  ord.  Carthus.  (f  1502)  de  Laude  veteris 
Saxoniae,  nunc  Westphaliae  dictae  ....  Im  Originaltext  nach  der  ersten  Aus» 
gäbe  (c.  1478)  mit  deutscher  Uebersetzung  herausgegeben  von  Dr.  L.  Tross. 
1865.  p.  41,  139,  141,  143  fif  161.  —  Belege  des  unmittelbarsten  Verkehrs  der 
Länder  geben  folgende  Inschriften.    Johannis  Nyderi  .  .  .  preceptorii  preclans- 

simum  opus uon  pennis  ut  pristi  (sie)  quidem,  sed  litteris  sculptis  arti- 

ficiali  certe  conatu  ex  ere  remota  nempe  indagine  ingeniique  diversa  inquietacione 
illustre  figuratum  accurate  denique  correctum  ac  per  providum  Jeorium  Husner, 
civem  urbis  famose  Argentinensis,  completum  et  terminatum  est  ydus  Februarii 
anno  1476  wurde  in  dem  Exemplare,  welches  die  Paulinische  Bibliothek  zu 
Münster  H.  158  besitz,  laut  folgender  handschriftlichen  Notiz  von  einem  Kölner 
Ordensgenossen  für  das  Benedictinerkloster  Liesbom  in  Westfalen  angekauft: 
Istud  preceptorium  egregii  doctoris  Johannis  Nider  pro  monasterio  in  Leysbom 
emptum  est  pro  VUI  marcis  monete  Coloniensis.  Item  HI  alb.  expositi  pro 
pelle  et  fune,  quam  pecuniam  humiliter  peto  presencium  latori  restitui,  quia  ex 

intuitu  Dei  libenter  exposuit. 

F.  Heinrious  de  Tremonia  etc. 

f  apud  s.  Martinum. 
Ein  Exemplar  der  Sermones  sancti  Bernardini  de  Senis  ordinis  fratrum  Minorum 
de  evangelio  etemo  gedruckt  gegen  1490  (cf.  Graesse,  Tresor  de  livres  rares  et 
preoieux  I,  343),  in  der  Paulinischen  Bibliothek  aufgestellt  L.  45  trägt  unter 
dem  Titel  folgende  Notiz:  Honorabilis  dominus  Henricus  Pelsrinck  de  Lippia> 
quondam  capellanus  in  Zwollis,  donavit  anno  Domini  1511  adhuc  superstes  fratribus 
maioribus  de  observancia  conventus  Bylveldensis  hoc  quadragesimale  sancti  Bemar- 
dini  eo,  quod  in  nativo  situs  sit  termino,  ut  eins  in  oracionibus  memores  (sie) 
requie  potiatur  eterna  atque  premium  sibi  accidentale  ex  huius  libri  usu  semper 
accrescat.  Amen.  Ein  Eelch  der  Ludgerikirche  zu  Münster  ist  laut  Inschrift 
unter  dem  Fusse  ein  Geschenk  „Bernardi  Mumen,  decani  s.  Ludgeri  Monastenensis, 
canonici  (Jltrajectensis  1502'*.  Mümen  stand  auch  als  Schüler  mit  Deventer  und 
als  Humanist  mit  den  auswärtigen  Gelehrten  in  Verbindung.  (Parmet  1.  o. 
p.  51.  68.) 

^^)  Die  Ünnaer  Glasgemälde,  wahrscheinlich  das  erste  Werk  niederläD- 
discher  Kunst  in  Westfalen^  erwähnt  von  Steinen,  Westfälische  Geschichte  ü, 
1188— 11Q9.  —  Von  dem  Altarbildwerke  im  Schwesterhause  zu  Ahlen  spricht 
das  Memorienbuch  im  Besitz  des  Vereins  für  Geschichte  und  Alterthumskunde 
Westfalens  zu  Münster,  Ms.  fol.  17a  leider  ohne  Jahresangabe:  18.  Oct  „Memoria 
vor  seligen  Elhen  Dregers  onde  Jasper  eren  soen  unde  er  geschlechte,  de  uns 
bestelt  hefift  van  Antwerpen  de  thafel  up  den  bogen  altaer."  —  Die  Bilder  des 
Bruders  Franco  von  Zütphen  hingen  am  Eingange  des  hohen  Chores  und  stellten 


Die  kunstgesohiohtl.  Beziehungen  zwiBohen  dem  Rheinland^  u.  Westfalen.    89 

das  eine  die  Matter  Qottes,  das  andere  den  heiligen  Johannes  vor,  wie  er 
mit  dem  Finger  auf  das  Lamm  Gottes  zeigt.  .»Diese  Bilder  waren  so  schön, 
dass  ein  jeder  geschickter  Maler  sie  nicht  ohne  Erstaunen  ansehen  konnte,  zur 
Zeit  der  Belagerung  aber  haben  sie  die  Wiedertäufer  zerstört.  H.  von  Eerssen- 
broich,  Geschichte  der  Wiedertäufer  zu  Munster  in  Westfalen  nebst  einer  Be- 
schreibung der  Hauptstadt  dieses  Landes  aus  einer  lateinischen  Handschrift. 
Deutsch  in  4^  1771  S.  38.  511.  —  Unter  den  westfälischen  Schulen  neigt  die 
Soester,  wie  ein  Altargemälde  der  Wiesenkirche  zeigt  (Lübke  a.  a.  0.  S.  855) 
entschiedener  zum  Realismus,  dagegen  lässt  sich  an  den  etwa  2'  hohen  Statuen 
der  zwölf  Apostel  und  der  h.  Luoia  zu  Merfeld,  welche  1475  geweiht  wurden, 
(Kindlinger  Münster.  Beiträge  (1787)  I  Urk.  51)  noch  kaum  eineSpur  realistischen 
Einflusses  finden,  und  handwerkmässige  Arbeiten  mögen  noch  länger  in  ihrer 
'Art  dem  alten  Idealismus  treu  geblieben  sein,  unberührt  von  jeder  Neuerung. 

^*)  Den  Zusammenhang  des  Bild-  und  Buchdruckes  namentlich  in  Holland 
entwickeln  Sotzmann  a.  a.  0.  S.  517.  Falkenstein  a.  a.  0.  S.  15  ff.  S.  88.  Die 
Anfange  und  künstlerische  Ausbildung  des  Holzschnittes  Springer,  Bilder  8. 180  ff., 
wo  indess  die  ästhetische  Bedeutung  des  Bücherholzschnittes  far  das  15.  Jahr- 
hundert nicht  zu  hoch  angeschlagen  wird.  —  Dass  von  der  „Kölnischen  Chronik*' 
noch  ältere  Ausgaben,  als  jene  von  1499,  vorhanden  seien,  wie  einige  Biblio- 
graphen annehmen,  stellen  Ebert,  Panzer,  Götze  (A.  Potthast,  Bibliotheca 
historica  medii  aevi,  1862  p.  244)  und  neusthin  Ennen,  Geschichte  der  Stadt 
Köln  2,  XV  entschieden  in  Abrede.  —  Die  Jahreszahl  der  Gewölbedecorationen 
in  der  Benninghauser  Kirche,  wovon  die  letzte  Ziffer  bei  Abnahme  der  Kalk- 
decke bis  zur  Unkenntlichkeit  gelitten  hatte,  dürfte  genau  dem  Jahre  1520  ent- 
sprochen haben,  in  welchem  inschriftlich  auch  der  noch  vorhandene  spätgothische 
Chorstuhl  gefertigt  ist.  —  Hinsichtlich  der  erwähnten  Imitation  der  Holzschnitte 
in  Hartmann  SchedePs  Chronik  vgl.  man  die  drei  obersten  Figuren  des  Mutter- 
gottesaltars  zu  Calcar  bei  Aus'm  Werth  a.  a.  0.  I.  Taf.  XIII  und  die  Bilder 
des  Octavian,  der  mater  amabilis  und  der  Sibylle  der  Chronik  fol  93  b.  Die 
stilistische  und  ästhetische  Stellung  der  Schederschen  Chronik  ist  eingehend 
mit  einem  Rückblick  auf  die  Kölner  Chronik  gewürdigt  von  Lübke,  Geschichte 
der  deutschen  Renaissance  1872.  S.  48—52. 

^*)  J.  Niesert,  Literarische  Nachrichten  üb.er  die  erste  zu  Köln  gedruckte 
niederdeutsche  Bibel,  und  Yergleichung  derselben  mit  der  Yulgata  und  den 
sieben  ältesten  oberdeutschen  Bib^übersetzungen.  Coesfeld  1825  S.  5  sagt :  „Die 
Holzschnitte,  welche  die  vorliegende  Bibelausgabe  enthält,  sind  wohl  die  ersten, 
die  in  einer  deutschen  Bibel  angetroffen  werden*'.  Während  Naest,  Literarische 
Nachrichten  von  hochdeutschen  Bibelübersetzungen  S.  XXXV  sie  dem  Johan 
von  Paderborn  zuschreibt,  hält  Niesert  S.  15  Israel  von  Meckenen,  den  Yater, 
für  ihren  Urheber,  über  dessen  Abstammung,  Wohnort  und  Thätigkeit  er  ein 
sehr  schätzbares  Material  beibringt,  woraus  auch  hervorgeht,  dass  Israel  mit  den 
Werken  jenes  Pseudo-Israel  der  Kölnischen  Schule,  welcher  seit  der  Mitte  des 
X  15.  Jahrhunderts  in  zahlreichen  Tafelgemälden  dem  Eyck'schen  Realismus  huldigte, 
Nidits  gemein  hat.    (Vgl.  Merlo  a.  a.  0.  S.  275.)    Stilistisch  werden  auch  die 


90     Die  kimatgesojiichtl.  Beziehungen  zwiechen  dem  Rheixüande  u.  Wedtüideo. 

Holzschnitte  der  Bibel  echverlich  einem  damaligen  Kölner  Meister  oder  Köl- 
nischen Werken  entsprechen.  Üeber  den  Drucker,  Druckort,  Drackweise  und 
die  Sprache  des  Buches  ygl.  Niesert  16  f.,  19  f.,  90  f. ;  er  hält  Heinrich  Quentell, 
Heinrich  Lempertz  dagegen  mit  mehr  Wahrscheinlichkeit  den  Kölner  Nicolaus 
Götz  1474-1478  für  den  Drucker,  (vgl.  Falkenstein  a.  a.  0.  S.  154  £);  diese 
Verschiedenheit  der  Ansichten  in  Hinsicht  des  Druckers  braucht  indess  Nichts 
zu  ändern  an  der  Herkunft  der  Holzschnitte. 

"^)  Den  Aufenthalt  Rudolfs  von  Langen  am  Clevischen  Hofe  um  1466 
erweist  nach  einer  fast  gleichzeitigen  Handschrift  Parmet  a.  a.  0.  S.  85,  die 
vielsagende  Bedeutung  des  Humanismus  und  der  Humanisten  AL  Wolters,  Conrad 
von  Herresbach  1667,  die  bürgerliche  und  kirchliche  Stellung  Calcar's  Aus'm 
Werth  a.  a.  0.  Text  I,  28  f.,  XXJ.^--  Die  werthvollsten  Aufschlüsse  über  Cal- 
car's Kunstleben  am  Ende  des  15.  Jahrhunderts  bringen  die  aus  dem  dortigen 
Stadtarchiv,  namentlich  aus  den  Bechnungen  der  Liebfrauen*  und  St.  Anna- 
Bruderschaft  1486—1500  gewonnenen  ,,Archivalischen  Nachrichten  über  Künstler 
und  Kunstwerke  der  Nicolaikirche  zu  Calcar,  mitgetheilt  von  Dr.  J»  B.  Nord- 
hoff"'  im  Organ  für  ehr.  Kunst  (1868)  XVIU,  236  ff.,  250  ff.  £s  wäre  ein  Jammer, 
wenn  alle  jene  Werke  des  Utrechterlandes  und  Niederrheins,  welche  den  neuen 
Werken  Calcars  zum  Muster  dienten,  spurlos  verschwunden  sein  sollten;  und 
ein  ebenso  erfreulicher  Gewinn  würde  es  für  die  Kunstgeschichte  sein,  auch 
nur  ein  Stück  dieser  Musterwerke  oder  andere  Werke  auch  nur  eines  der 
Calcarschen  Künstler  wieder  zu  finden.  Hoffentlich  wird  der  Herr  Kaplan  Wolff 
zu  Calcar  seine  Calcarschen  Kunstforschungen  auch  hierüber  ausdehnen  und 
sie  der  Yeröffentlichung  nicht  zu  lange  vorenthalten. 

'')  Auf  Meister  Evert  von  Münster  beziehen  sich  folgende  Posten  der 
Liebfrauen -Rechnungen  1492—1498:  Item  in  den  verdingh  upt  ny  meister 
Evert  van  Monster  onse  taeffel  to  macken  in  Jan  Telmans  huis  upgespraeken 
II  guld.  VIII  kr.  —  Item  Paephoff  van  den  cedulen  dis  verdings  to  sohriven 
geg.  YlII  k.  —  Item  meister  Evert  voers.  voir  sinen  g^gh  ind  versamenisse 
syns  wercks»  dat  hy  hier  is  gekommen  ind  dat  ick  on  to  Tadden  huis  utter 
herbergen  gequy t  heb  to  saemen  geg.  HI  guld.  ind  XVUI  kr.  Job.  van  Haldem 
nennt  folgende  Stelle  derselben  Rechnung  1491—1492:  Item  meister  Amt  bilden- 
snider  gesant  omtrent  piuxten  XIII  goldene  ryusche  gülden.  Item  gesant 
omtrent  nativitatis  Christi  myt  Jan  synen  knecht  ind  dat  Jan  van  Halderen  van 
synre  wegen  ontfingh  XYIIgold.  guld.  Ind  dartoe  soe  hefft  on  die  richter  myn 
(des  Provisors  Nico  laus  von  Wetten)  neeff  van  mynre  wegen  gedaen,  doe  hy  toe 
Kaelen  reysde  enen  Wilhelmus  schilt  ad  XXXVH  stuver  ind  daer  toe  enen 
Kaelschen  postgulden  voer  XXII  stuver,  ind  die  gold.  gülden  is  on  gesant 
voer  XXXYI  st.  Ind  hier  toe  so  dede  ick  on  mede  een  malder  hayeren  voer 
II  gülden  current,  fac.  to  saemen  LYI  guld.  ourrent  ind  XXXIX  kr. ;  ferner  die 
Rechnung  der  Bruderschaft  unserer  lieben  Frau  1498—1499:  Item  is  men  ver- 
draegen  in  bywesen  des  borgermeisters  cum  suis  in  der  provisoeren  mit  meister 
Johan  van  Halderen  van  twe  parcken,.  beneden  in  den  voet  van  den  käst  opt 
hoighe  altair  te  maeken,   vur  XXX  gold.  gülden,  der  he  van  Lamt^rt  Koedert 


r 


) 


/ 


Die  kanstgesohiobtl.  Beriehnsgen  zwischen  dem  Rheinlande  q.  Westfalen.    91 

m  gold.  golden  ontfimgen  heft  ind  yan  my  XXYII  gold.  guld.  ad  XL  stuv. 
Ind  806  die  gold.  golden  doe  meer  dan  XL  etuver  golden,  bekroende  meister 
Johan  dairop.  Soe  heb  ick  oen  noch  dairtoe  gegeven  myt  consent  des  bnrger- 
meisten  XXX  st  ind  synen  Knecht  to  verdrincken  IUI  alb.  fac  myn  uitgeven 
ts—  LY  gold.  Xm  st.  XII  gr.  kr.  Jedenfalls  betreffen  auch  zwei  Stellen  der 
Rechnung  der  St.  Anna-Bruderschaft  aus  den  neunziger  Jahren  unsem  Johan, 
zumal  die  Bechnungen  überhaupt  keinen  andern  Johan  kennen :  Item  noch  meister 
Johan  geg.  I  gülden  levis,  fac.  gravis  XXY  kr.  Item  Conr(ad)  van  den  Steen 
van  meister  Jans  wegen  gegeven  enen  gülden  levis,  fac.  gravis  L  kr.  —  Lübke 
bespricht  den  Haltemschen  Altar  mit  Beispielen  der  Dortmunder  und  Soeeter 
Malerei  a.  a.  0.  S,  894,  860  ff.,  358,  365.  Seinem  geringschätzenden  Urtheile 
über  die  Tafeln  des  Kölner  Malers  Hildegard  steht  das  ältere,  sehr  günstige 
Paasavants  gegenüber.    Merlo  S.  177,  178. 

'')  Die  Ühr,  welche  ausser  den  Stunden  auch  den  Lauf  der  Planeten,  die 
Jahreszeiten,   das  Kalendarium  sammt  den  beweglichen  Festen  anzeigt,    ist  um 

• 

1400  im  Oldenburgischen  Kloster  Hnda  gefertig^t  (H.  Geisberg,  Merkwürdig- 
keiten der  Stadt  Münster,  5.  Aufl.  S.  18).  Die  Zerstörung  melden  die  Münste- 
rischen Geschichtsquellen  I,  882:  Item  alle  aitare,  hilligenkasten,  saoramentes- 
huse,  orgelen,  dope  und  insunderheit  de  twe  schonen  orgeln  in  dome  und  dat 
kunstlich  urwerck  gantz  toschlagen  und  in  grundt  verdorven.  Der  in  Rede 
stehende  Joh.  v.  Aachen  ist  nicht  zu  verwechseln  mit  dem  gleichnamigen  Maler, 
welcher  erst  1552  zu  Köln  geboren  wurde.  (Fiorillo  a.  a.  0.  II,  518,  Merlo  S.  1  ff.) 
Nachrichten  über  die  Zerstörung,  Wiederherstellung  und  die  Kestauration  bieten 
die  Münsterischen  Geschichtsquellen  I,  345,  III^  6,  über  die  Zeit  der  Kestaura- 
tion und  die  Herkunft  des  Nicolaus  Windemaker  III  828:  anno  MDXLHQ  is 
desse  (S.  Servatii)  porte  wedderumme  dorch  godts  hulpe  reformert.  ümb  diese 
zeit  scheinet  auch  das  schone  uhrwerck  im  thum,  so  die  Widertheuffer  ver- 
dorben, wieder  zu  gange  gebragt  zu  seien,  wie  diese  inscription  meldet: 

Juliaca  in  terra  natalibus  ortus  honestis 
Cuius  et  ingenii  sedulitate  decus 

Laude  satis  clarus  Nicolaus  nomine  magnus 
Huic  operi  arma  novo  ferrea  restituit. 
Der  humanistisch  gebildete  Dietrich  Zvivel  war  Nicolaus*  Landsmann,  gleichfalls 
im  Jülioher  Lande  geboren,  von  Stand  Buchdrucker  in  Münster  (J.  Niesert, 
Beiträge  zur  Bnchdruckergeschichte  Münsters  1828  S.  27}  und  dabei  namentlich 
der  Mathematik  und  Astronomie  beflissen.  Theodorius  Tzyvel,  natione  (?)  West- 
phalns,  patria  Mongavensis,  homo  bonarum  litterarum  disciplinis  satis  stndiosus 
et  eruditus,  qui  studia  sua  longe  lateque  pauois  licet  adhuc  utpotejuvenis 
quibusdam  epigrammatis  noviter  Monasteriensis  chalcographie  primicijs  prepo- 
sitis  conspergens  nominis  sui  auoupatus  est  famam.  Yivit  adhuc  maioribus  inten- 
tus  lucubrationibus  cito  emittendis  159  [1509].  J.  Murmellius  widmet  die  Ti- 
bulli,  Propertii  ac  Ovidii  flores  ihm,  Theodorico  tzvyvelensi,  luro  literato  et 
mathematicarum  disciplinarum  in  primis  perito  und  feiert  ihn  In  den  Elegant« 
mor.  II,  8: 


92    Die  kansigeBchiohtl.  Beziehang^en  zwischen  dem  Rheinland  u.  Westfalen. 

Ta  qoi  certa  pio  meditare  mathemata  corde 
Altaque  semoti  suspicis  astra  poli  .  .  . 
(Krafil  u.  Grecelias  a.  a.  0.  S.  64  f.)  'Hiemach  scheint  man  sich  bei  der  Be- 
stauration  des  Uhrwerks  in  die  Arbeit  so  getheilt  zu  haben,  dass  Zvivel  das 
Mathematisch-Astronomische,  Johan  von  Aachen  das  Mechanische  vorschrieb, 
und  Nicolaus  Windemaker  die  Schlosser-  und  Schmiedearbeiten  anfertigte.  Die 
Uhr,  deren  Mechanismus  heute  zum  grossen  Theüe  ausser  Gang  ist,  zeigt  das 
Kalendarium  mit  den  schönen  Allegorien  der  12  Monate,  gemalt  von  Herman 
tom  Ring  (Becker  in  Kuglers  Museum  (1837)  Y,  4),  das  Zifferblatt  mit  24  Stun- 
den und  einen  giebelartigen  Abschluss  desselben  mit  Schnitzwerk  und  phanta- 
stischen Schildereien  im  Stile  der  Frührenaissance.  Die.  Mitte  der  Giebelfront 
tragt  die  noch  gothisirende  Inschrift:  In  hoc  horologio  mobili  potueris  heo  alia- 
que  multa  dinoscere,  tempus  equalium  et  inequalium  horarum  |  medium  motum 
omnium  planetarum,  ascendens  vel  descendens  signum  ortus  insuper  et  occasus 
aliquarum  |  stellarum  fixarum,  ad  hec  regnum  planetarum  in  horis  astronomicis 
utrimque  a  lateribus  operis  |  supeme  vero  oblationes  trium  regum  infeme  autem 
oalendarium  cum  festis  mobilibus  |  .  Unter  der  Schlagglocke  steht :  Positum  1696, 
im  Centrum  des  Zifferblattes:  renovatum  1670. 

^)  Die  anscheinend  den  bibliographischen  Sammelwerken  unbekannten 
Puerilia  zählen  8  Quartblätter  mit  38  Zeilen  in  klaren  antikisirenden  Typen, 
beginnen  Fol.  1*  Puerilia  super  Donaturo  |  und  enthalten  unter  dem  darauf  fol- 
genden Holzschnitt  der  Anbetung  der  Könige  die  Schrift:  Gedruckt  zu  Collen 
up  deme  ald^mart  |  tzo  dorne  wilden  manne  zc  Fol.  2*  beginnt  (p)Rima  decli- 
natio  quot  |  .  Schluss  auf  Fol.  8*:  Expliciunt  puerilia  fuper  donatum  |  impressa 
Colonie  Tuper  antiquü  forü  |  .  Sie  sind  also  aus  der  Bongart'schen  Officin  1498 
—  1521  hervorgegangen  (Ennen  a.  a.  0.  III,  1042).  —  Die  Münsterischen  Ge- 
schichtsquellen I,  297  berichten,  Bischof  Erich  1508 — 1522,  der  sich  überhaupt 
der  Restauration  der  Kirchen  mit  allem  Eifer  annahm,  habe  die  breviaria,  so 
men  de  getyde  boeker  nhomet,  nyes  binnen  Pariss  drucken  lassen;  Kock 
series  episcop.  II,  262  meiht  Coloniae  .  .  .  1518.  Niesert,  Beiträge  erzählt  p. 
IX,  um  zu  erweisen,  wie  sehr  dermalen  die  Münsterische  Presse  den  auswärtigen 
noch  nachstand,  „ebenso  erschien  das  erste  Münsterische  Brevier  i.  J.  1489,  das 
zweite  1.  J.  1518  in  Paris  mit  einer  äusserst  schlechten  kleinen  gothischen  Type 
gedruckt  und  die  dritte  Ausgabe  i.  J.  1597  zu  Köln  bei  Quentel.*'  Da  diese 
Drucke  hier  nur  eine  weitere  Beachtung  finden  können,  sofern  sie  in  Köln  ver- 
anstaltet sind,  so  will  ich  nur  verbessernd  hinzusetzen,  dass  Kock  1.  c.  IL  235 
als  Druckort  des  Breviers  1489  nicht  Paris  sondern  Argentinae  kennt,  und  dass 
die  Paulinische  Bibliothek  in  Münster  noch  ein  Brevier  aus  dem  J.  1497  ent- 
hält, welches  den  Historikern  und  Bibliographen  unbekannt  und  darum  wohl 
höchst  selten  geworden  ist.  Auch  das  Diu  male  Monasteriensis  diocesis  ist  1511 
impensis  GuiUermi  Korver  zu  Paris  gedruckt.  Man  ist  versucht  die  Vermittlung 
der  auswärtigen  Drucke  den  Fraterherren  zuzuschreiben,  wenn  man  erwägt,  dass 
die  Rostocker  Brüder,  welche  in  Münster  ihr  Mutter-  und  Oberhaus  hatten, 
selbst   eine   fleissige  Presse   besassen,    aber   in  Ermangelung  von  Breviertypen 


Die  kuBstgeschichÜ.  Besdehungen  zwischen  dem  Rheinlande  xl  Westfalen.    93 

(1522)  far  das  Domcapitel  zu  Schwerin  den  Druck  eines  1529  in  Paris  bei  der 
Wittwe  des  Thilemann  Eeryers  erschienenen  Breviers  besorgten  (Lisch  in  den 
Jahrbb.  des  Vereins  für  Mecklenburgische  Geschichte  und  Alterthumskunde  IV^ 
8,  42  ürk.  IX|  XIX,  XX).  —  Dass  man  sich  nach  Strassburg  und  Paris  wandte, 
mosste  besondere  Gründe  haben;  denn  die  benachbarte  Kölner  Presse  leistete 
damals  doch  in  allen  Typen  ein  Erhebliches  und  in  demselben  Jahre  1489,  wo 
das  erste  Münsterische  Brevier  in  Strassburg  erschien,  verliess  das  erste  Missale 
eine  Ofßcin  Kölns.  Niesert  muss  es  bei  aller  Aufmerksamkeit  nicht  mehr  ge- 
langen sein^  ein  Exemplar  zu  erwerben  und  jenes,  was  er  als  Seminarist  auf 
der  Seminarbibliothek  zu  Münster  sah,  scheint  längst  abhanden  gekommen  zu 
sein.  Ich  habe  es  nur  an  eiuer  Stelle,  in  der  Bibliothek  des  Staatsarchivs  und 
hier  in  zwei  Exemplaren  vorgefunden,  wovon  das  eine  aus  fler  Scblosslcapelle 
zu  Vischering  bei  Lüdinghausen  stammt,  das  andere,  dessen  Herkunft  nicht  be- 
stimmt ist,  des  Passionsbildes  entbehrt.  Es  fehlen  Signaturen  und  Custoden,  die 
Missaltype  ist  gross  und  scharf,  der  Text  schwarz,  die  Bemerkungen,  Anweisun- 
gen und  die  Blattzahlen,  GYL  ausgenommen,  roth  gedruckt,  die  Initialen 
sämmtlich  gemalt,  die  Wasserzeichen  den  Hausmarken  ähnlich,  jede  Golumne 
31  Zeilen  stark. 

Fol.  1*.  GoL  1.  Quatuor  decim  confilia  ,doGtoru  pro  per|riculis  que  in 
miasa  contingere  possunt.  |  Fol.  2*  beginnt  das  6  Blätter  starke  Kalendarium. 
Fol.  7*  Incipit  ordo  miCCalis  p  |  circulu  anni  DnTca  pri  |  ma  T  advetu  domini 
Injtroittts  ad  officiü  mirre  |  und  damit  die  Foliirung  bis  Blatt  148  incl.;  es  fol- 
gen sodann  24  Blätter  ohne  Zahlen  mit  Infumis  maioribus  fesjtivitatibus  can- 
tabitur  und  von  Blatt  149  läuft  die  Foliirung  bis  335.  Fol.  835*  CoL  2  Sequu- 
tor  Sequentie  per  |  totü  anu  de  tpe  et  de  fcTe.  |  Et  primo  7  nativitate  dm  |  In 
galliostu  I  auf  11  nicht  foliirten  Blättern,  deren  letztes  auf  der  Vorderseite 
Bcbliesst: 

([  Cörümmatü  est  mirfale  hoc  integru  <x  correctum  |  iuxta  verü  ordinem 
eoclerie  Monasterien  .  sine  rejquiritiöibus :  bene  quotatü  cü  nouis  feCbif  et  no| 
iolis  fuis  pro  ordiario  lucidiflime  interporitis.  |  Ad  laude  dei  et  utilitatem  fa- 
eerdotum  sub  eade)  eccleria  militätium:  eorü  precipue.  q  hucufq)  exjtraneis 
qoibnrdam  puta  Eolo  |  niefi.  feu  alioZt  lo|co24*  müTalibus  in  graue  eclTal|,  sna2i 
periculü  uCi  pjhibentnr.  cü  nuUa  vel  modica  rit  illorü  mirraliu)  |  cü  isto  Mona- 
sterien. missali  cocordantia  et  decet  |  semper  ut  mebra  capiti  Tuo :  hoc  est  ecclel  ie 
cathe|draH  fefe  coforment  ([  -P  Lodouuicü  de  rechen  al|me  civitatis  Colonien.  in- 
cola)  Anno  domini  M|ocGcLxxxix  Ipso  die  Pauli  primi  heremite-:.  |  Das  Pas- 
sionsbild zeigt  die  alte  (niederländische?)  Auffassung  des  Gekreuzigten,  der 
Bfaria  und  des  Johannes  mit  drei  theils  schwebenden  das  Blut  in  Kelchen  auf- 
fangenden Engeln,  Die  Figuren  sind  steif  und  stämmig,  jedoch  im  Ausdruck 
und  in  der  Gewandung  frei  von  niederländischer  Manier.  Der  4eckige  Rahmen 
bildet  massvoll  geleg^s  Blumen-  und  Blattwerk,  jenem  der  niederdeutschen 
Bibel  nicht  unähnlich.  Es  gehört  dies  Missale  der  Blüthezeit  der  Benchenschen 
Presse  an,  zumal  von   späteren  Leistungen   nur  ein  Druck  aus  dem  J.  1606 


94    Die  kanstgesohichtl.  Beziehungen  zwischen  dem  Rheinlande  u.  Westfalen. 

bekannt  ist.  (Norrenberg,  Köhiisohes  Literaturleben  1873  p-  XI.  Ennen 
setzt  a.  a.  0.  III,  1041  die  Blüthezeit  der  Renchen'sehen  Presse  in  die  Jahre 
1485 — 1489.)  Doch  1520  erschien  gleichzeitig  mit  einem  Kölner  Missale  das 
zweite  Münsterische  in  Köln.  Fol.  1*:  das  reiche  Titelblatt  füllen  in  4eckigem 
Renaissancerahmen,  der  jedoch  unten  mit  herabhangendem  Blumenkamm  besetzt 
ist,  ein  in  drei  Abtheilungen  zwischen  ebenso  vielen  Säulenstellungen  aufge- 
bautes Bildwerk  und  die  dazwischen  vertheilte  Schrift:  ([  Miffale  ad  usum 
dyocesis  Monairterienfis  Nouiter  imprefCum  ao  emedatnm,  Anno  difi.  M.GGCCCXX 
I  Unten:  ^  Venale  habet  Colonie  apud  Fräcircü  birchma  ^x  Goffredü  hect  Fol. 
lb_2b  Preparationes  miffe,  Fol.  3»-8*>  Kalendarium  nicht  foliirt,  Fol.  9»  wie- 
der von  üppiger  Renaissance  umrahmt  enthält  in  der  obem  Hälfte  ein  grosses 
Bild  mit  gothisireiftLer  Bekrönung  und  in  der  untern  die  Schrift:  ([  Incipit  ordo 
mirfalis  per  circujlum  anni  ad  uFum  et  confuetndi{nem  diooeris  Monafterienfis 
Et  I  primo.  ([  Dominica  prima  in  ad|yetum  dm  introit*  ad  offioiu  milTe  |  Das 
Missale  umfasst  60  Folien  und  schliesst  Fol.  60^  Col.  2  |  Finis  |  und  das  Sancto- 
rale  hat  98  Folien  und  schliesst  98*Mirrale  ad  ufu  |  diocerisMonarterienfis:  poli- 

tirß|mis  formulis  in   alma  Parißorum  aoademia  tpreffum :  additis   plnri  | 

Impefis  Fräcisci  byrck|man  et  Goffredi  hector  hoc  T  opefre  sociomm.  Anno  dni 
M.  CCCCGXX  I  Der  Canon  FoL  ^2  und  63  des  ersten  Theiles  ist  auf  Pergament 
gedruckt,  Fol.  62^  mit  dem  schönen  Holzschnitt  des  Crucifizus,  der  h.  Maria 
und  des  h.  Johannes  versehen.  Ausser  den  grösseren  Bildwerken  sind  auch  die 
oft  sehr  decorativen  Initialen  und  die  kleineren  Bildwerke  im  Beginne  grösserer 
Abtheilungen  in  Holz  geschnitten,  und,  mit  geringer  Ausnahme,  alle  decorativen 
Zierarten  im  Geiste  und  in  den  Formen  der  freisten  Renaissance  ausgeführt;  das 
Figürliche  entbehrt  der  Manierirtheiten  des  gleichzeitigen  deutschen  Stiles  und 
das  Passionsbild  erfreut  sich  in  der  Composition  wie  in  den  Einzelfiguren  einer 
so  würdevollen  Auffassung,  dass  es  wahrscheinlich  in  Paris  gezeichnet  ist.  Die 
wenigen  Blätter  im  Eingange  abgerechnet,  hat  das  ganze  Buch  Blattzahlen  und 
Signaturen  und  abwechselnd  rothen  und  schwarzen  Druck.  In  dieser  Ausstattung 
ragt  das  Missale  als  eins  der  bemerkenswerthesten  Erzeugnisse  der  altem  Presse 
hervor.  —  Nach  den  Wiedertäuferwirren  liess  das  Münsterische  Domcapitel  an 
sonstigen  Ritualbüchem  zuerst  in  Köln  1536 — 1537  folgende  drucken:  1,  ein 
Gra duale  295  Blätter  stark*  mit  Signaturen  und  an  den  Rand  gedruckten 
Blattzahlen.  Das  Titelblatt  umfassen  oben  und  unten  Bildwerke,  unten  aosserd^ 
noch  ein  omamentaler  Besatz,  an  den  Seiten  aus  allerhand  Motiven,  so  aus 
Delphinen  und  posaunenblasenden  Putti,  gewundene  Säulen.  Die  Bilder  in  den 
4  Ecken  stellen  die  4  Evangelisten  in  einer  nicht  gewöhnlichen  Auffassung  und 
dazwischen  oben  den  Salvator,  unten  anscheinend  eine  Sibylle  vor.  Die  Initialen 
sind  in  Holz  geschnitten  und  oft  reich  mit  Bildwerken  verziert,  die  architekto- 
nischen Einfassungen  der  Bildwerke  in  Renaissanoeformen  gehalten,  der  Titel 
lautet: 

GRaduale,  omnia  sacre  Mirre  cantica  |  per  totum  annum  |  ad  nfum  et 
confue|tudinem  Ecclelle  et  dioceris  Monasterienfsis  |  continens,  iam  primü  im- 
prerfum  ac  emedatum.  Anno  dni  M.  D.  xxsivi.  | 


Die  knnsigesciuchtl.  Beziehungen  zwischen  dem  Rheinlande  u.  West^itlen.    95 


^nnc  qoi  aperia  et  volais  libru:  |         Et  no  laceres  oaueto  | 

Mandas  habeto  manua.  |  Nodulos  eti»  modeste  attingito  | 

Folia  leniter  vertito,  |  Et  semper  librum  bene  claudito.  | 

In  dem  Bildwerke  vertheilt  steht  unten  auf  dem  Titelblatte  Excndebat  H 

Alopecitts  Expenfis  capituli  Maieris Ecclefie  Monafterienfis  1536. 

2.  Das  Antiphonarium  501  Folien  gross.  Das  Titelblatt  hat  an  den  Seiten 
eine  Einfassung,  oben  und  unten  grössere  Bilder  und  unten  die  Renaissanceeier 
wie  in  Nr.  1.  Die  obere  Bilderreihe  zeigt  die  Herabkunft  des  h.  Geistes  mit  der 
üeberachrift  links  Spiritus  sanctus,  in  der  Mitte  Salvator  Mundi,  rechts  Maria 
mater  Dni,  die  untere  Petrus  apostolus,  in  der  Mitte  PauP  doctor  getiü  unter 
reichem  Renaissance-Baldachin,  rechts  JohSnes  eüagelirta,  in  der  Mitte  die 
kleineren  4eckigen  Bilder  des  Mat(theu8)  links  und  des  Mar(cus)  rechts.  Der 
Titel  lautet:  ANtiphonariü,  Oia  pia  Ganojnicarum  horarum  cantica:  secundu 
ordine  atq}  vfum  Ecclefie  et  dioceris  Monafterien:  coplecjtenB  iam  primum 
summa  dili|gentia  excnrum. 

t 
Hunc  qui  aperis  et  voluis  librü:  |  etc.  wie  in  Nr.  1.  Unter  dem  Bilde  des 

Paulus:  Excudebat  Hero  |  Alopecius.  Anno  1537.     Ein  Exemplar  fand  ich  auf 

Pergament  abgezogen. 

3.  Den  154  Blättern  des  Psalterium  ^  Sequuntur  Vigijie  Mortuoruip  auf 
20  Blattern  ohne  Zahlen,  aber  mit  Signaturen;  die  sonstigen  Eigenthümlich- 
keiten  entsprechen  jenen  des  Antiphoniarium  Nr.  2,  ebenso  im  Titel  die  Seiten- 
einfassung  und  das  Monitum:  Hunc  qui  aperis  etc.  Zur  obem  Einfassung  des 
Titels  dienen  die  4eckigen  neben  einander  gestellten  Bilder  der  4. Evangelisten, 
anten  jene  der  Bekehrung  des  Paulus  links,  des  SaWators  rechts  und  der  beiden 
Apostelfursten  in  der  Mitte.  PSalteriü  cum  freque{tioribus  Canonicarü  horarü 
Antiphonis:  et  Hymnis,  pro  Ecclefia  ft  dioceß  Monartejrien.  singulari  diligetia 
excufum.  Kalenjdario  'X  Vigiligs  mortuorü  adjectis  |  .  Es  wechselt  der  schwarze 
Druck  mit  rothem.  Einzelne  Initialen  und  die  kleinen  Inschriften  der  Bilder 
sind  wie  in  Nr.  2  römisch.  In  allen  drei  Büchern  erscheint  dasselbe  Bild  des 
Salyators  und  beherrscht  die  freieste,  flottste  Renaissance  das  Decorative,  der 
realistische  die  Gewandung  in  Augen  brechende  Stil  das  Figürliche,  jedoch  so 
massvoll  und  gefallig,  dass  von  einer  Manier  in  vollem  Umfange  kaum  die  Rede 
ist.  Laut  einer  mir  in  Abschrift  vom  frühern  Domwerkmeister  Herrn  A.  Krabbe 
mitgetheilten  Urkunde  des  Capitelarchivs  stellt  das  Münsteidsche  Domcapitel 
über  den  Druck  des  Graduals,  Antiphpnars  und  Psalters  dem  »Meister  Heroni 
Alopecio,  Buchdrucker  zu  Cölnc  einen  Schuldschein  von  400  Joachimsthalem 
aus  mit  dem  Versprechen,  diese  Summe  in  gewissen  Raten  abzutragen,  was  1540 
laut  der  Rückschrift  geschehen  war:  »Weddergekoft  und  berichtigt  van  den 
Buchdrucker  1540.  c  ~  Das  Bibliographische  in  Betreff  des  Gotius'  Gedicht  auf 
die  h.  Jungfraui  gibt  Niesert  Beitrage  S.  27.  —  Das  erste  auswärtige  Renais- 
sance-Siegel, welches  ich  im  Staatsarchiv  zu  Münster  fand  (Fürst.  Münster,  2645) 
hangt  an  einer  römischen  Urkunde  des  J.  1603,  worin  der  Cardinal  Raimundns 
Ton  St.  Maria  Novelia  dem  Uünsterischen  Bischof  Konrad  mehrere  Reliquien 


96    Die  kunstgeschichtL  Besiehungen  zwischen  dem  Rheinlande  u. Westfalen. 

vermacht.  Die  heimischen  Siegel  der  Kaiser,  Bischöfe,  Fürsten,  selbst  der  Ritter 
verlassen  am  1610  schon  den  gothischen  Typus  und  nehmen  von  1619—1582 
immer  mehr  das  Gepräge  der  Renaissance  an. 

^*)  Au£fallend  und  bezeichnend  für  Nachlässigkeit  und  Geringschätzung, 
mit  der  die  Archäologie  der  Glocken  betrieben  wurde,  ist  es,  wenn  man  bis 
jetzt  in  der  Entwickluugrggeschichte  der  Type  vom  Briefdruck  bis  zur  beweg- 
lichen Letter  einerseits  und  beim  historischen  Verfolg  der  gedruckten  Initialen, 
gravirten  Metallplatten  und  Holzmodeln  bis  zum  mcchanisch-vervielfaltigenden 
Gebrauch  behufs  des  Holzschnitts  und  Kupferstichs  anderseits  die  Lettern  und 
Formen  der  wandernden  Glockengiesser  (Voy.  Viollet-le-Duc,  Dictionnaire  III, 
288)  unter  den  Vorläufern  des  Buch-  und  Bilddrucks  ganz  übersehen  hat;  denn 
der  Glockengiesser  führte  doch  Formen  für  Blumen,  Kreuze,  Punkte  und  andere 
Zeichen  zum  Eindrücken  in  die  Form  und  zum  Abdruck  im  Guss  —  und  ebenso 
alle  Buchstaben  des  Alphabets,  natürlich  in  den  Zügen  der  Zeit,  bei  sich,  um 
sie  entweder  einzeln  zu  gebrauchen  oder  zu  Worten  zu  componiren.  Dies  Ver- 
fahren entsprach  dem  Buch-,  jenes  dem  Bilddrucke.  Da  der  Giesser  gewöhnlich 
nur  ein  selbstgegossenes  oder  sonst  wie  angefertigtes  Alphabet  mit  den  nöthigen 
Formen  für  Zeichen  und  Ornamente  besass,  so  lassen  sich  daran  die  Werke 
eines  und  desselben  Meisters  unschwer  erkennen,  beziehungsweise  solche,  welche 
nicht  datirt  oder  mit  dem  Meisternamen  versehen  sind,  nach  seinen  genauer 
bestimmten  Arbeiten  bestimmen.  Um  dies  Verfahren  indess  mit  möglichster 
Sicherheit  handhaben  zu  können,  bedarf  es  der  genauesten  Formbeschreibung 
der  Glocken  und  besonders  bibliographisch  exacter  Copien  der  Inschriften,  so 
schwer  diese  auch  in  vielen  Fällen  wegen  der  dunkeln  oder  nur  halbzugäng- 
lichen Lage  der  Glocke  zu  nehmen  sein  mögen.  —  Die  Hauptglocke  zu  Sinzig 
ist  laut  Organ  f.  ehr.  Kunst  XIII,  164  reich  mit  Wappen  und  Medaillons  (?) 
verziert.  Von  den  Majuskelinschriften  lautet  die  untere  für  die  ältere  Zeit  cha- 
rakteristische: 0  rex  glorie  veni  Cum  pace,  Anno  Domini  m^cc^Lxxxx^  mense 
Mai  fni  fusa,  die  obere:  Maria,  rector  celi  nos  tu  dignare  nos  salvare.  0  et 
Alpha  nos  ac^uva.  A  -f-  i2.  Die  grösste  Glocke  zu  Castrop  entbehrt  jener  auch  in 
älterer  Zeit  nicht  üblichen  äusseren  Decoration;  nur  verläuft  ein  rundlicher 
Reifen  über  dem  Schlagring,  und  oben  an  der  rundlichen  Biegung  der  Haube 
fassen  zwei  Doppelreifen  die  Majuskelinschrift  ein :  Rector.  celi  nos.  exaudi.  tu.  dig- 
nare. nos.  salvare.  0.  et  AUa.  nos.  adiwa  (sie).  Auf  denselben  Meister  weisen  Form 
undSohriflzüge  der  zweiten  und  der  kleinsten  Glocke,  diese  mit  dem  altüblichen 
Spruch:  0.  rex.  glorie.  veni.  cum.  pace,  jene  mit:  Vincit.  xps.  regnat.  xps.  inperat. 
xps.  —  Gerhard  de  Wou,  vielleicht  der  Sohn  des  gleichnamigen  Glockengiessers  Wil- 
helm, gilt  nun  einstimmig  für  ein  Kind  der  Stadt  Campen  in  jenem  Theile  von  Hol- 
land, dem  Deutschland  dermalen  so  viele  andere  Kunstwerke  verdankte;  seine  Wirk- 
samkeit lässt  sich  von  1472  oder  wie  Andere  wollen  erst  vonl476  bis  1602  nachweben. 
(Smeddingk  a.  a.  0.  VHI 163  f.,  v.  Tettau,  Meister  und  Kosten  des  Gusses  der  gros- 
sen  Domglooke  zu  Erfurt  (Abdruck  aus  der  Erfurter  Vereins-Zeitschrift)  1866  S.  10 
ff.).  Drei  seither  unbekannte  Werke  hat  er  der  Lambertikirche  zu  Münster  hin- 
terlassen, eine  kleinere  Glocke  ohne  Namen  aus  dem  J.  1497,  eine  mittlere  und 
die  grösste  aus  dem  J.  1493.  Die  grösste,  ein  Pracktstück  des  Tones,  der  Form- 


Die  kunttgesohiolitl.  fiasiehongen  zwisohen  dem  RheinlAnde  o.  Westfalen.    97 

Tollendmig  und  Schönheit  omsiehen  am  Schlage  3,  über  demselben  5  zu  dem 
mittleren  in  elegantem  Metallprofile   an*   und  absteigende  Reifen,    die  Schrift 

oben  am  Mantel  verläufb  beiderseits  zwischen  einer  stehenden  oder  hangenden  > 

Einfassung  von  Perlschnur,    weich    anschwellenden  Beifen   und  Blumenkamm  i 

und  wird  unterbrochen   von  Rosetten  und  einem  Revers-Abdrucke  eines  Ham- 
burger Groschens: 

Sum  tuba  magna  Dei,  divi  sub  nomine  patris 
Lamberti  populos  ad  sacra  templa  vocans. 
Gherardus  de  Wou  Campensis  me  fecit  anno  Domini  Moooozoin. 
Gleiche  Behandlung  und  Ausstattung  zeigt  die  mittlere  Glocke,  nur  unterbrechen 
die  Schrift  5  Abdrucke,  nämlich  die  Evangelistensymbole  mit  namentragenden 
Spruchbändern  und  das  Gottesiamm  in  der  Mitte.  Der  Schluss  der  Inschrift 
lautet:  Gherardi  Wou  Campensis  erarij  opus  ^nno  Domini  Mooooxom.  Das  noch 
grössere  Geläut  zu  Elecklinghausen  zeigt  die  hier  genannten  Formsohönheiten 
in  vergrössertem  Maasse;  die  Blumenkämme  der  Sohrifleinfassung  schwellen 
förmlich  zu  Trauben  an.  —  Wolter  Westerhues  wohnte  zu.  Münster  auf  der 
Rothenburg  und  lieferte  seine  form-  und  klanggerechten  Kunstwerke  seinem 
Yaterlande  und  der  Umgegend,  vom  Emslande  bis  zum  Niederrhein  in  den  J. 
1499 — 1526.  üeber  sein  Leben  und  seine  Arbeiten  liefert  inschriftliches  und 
urkundliches  Material  Kordhoff  im  Organ  für  ehr.  Kunst  (1868)  XVIII,  89  f., 
(1669)  XJX,  19  f.  Seine  Glocken  zu  Grieth  und  Niedermörmter  erwähnt  Zehe, 
Histor.  Nachrichten  über  Glockengiesserkunst  1867,  8.  11.  —  Die  Arbeiten 
Johan's  von  Düren  zu  Siegen  und  ihre  Inschriften  bringt  Lübke  a.  a.  0.  S.  416.  — 
Ueber  die  Arbeit  Joh.'s  v.  Neuss  zu  Weitmar  ertheilte  mir  Herr  Dr.  C.  Mertens 
zu  Kirchborchau  briefliche  Auskunft:  die  schöne  Glocke  zieren  an  beiden  freien 
Seiten  im  ganzen  4  Bildwerke,  oben  rundliche  Reifen  und  die  einzeilige  In- 
schrift Jus  X  Maria  z  heissen  x  ich  x  Jan  van  Nuis  gois  mich  XYXXII.  -* 
Die  erwähnte  Glocke  zu  Werth  umziehen  in  regelmässiger  Anlage  Reifen  und 
oben  die  Inschrift:  Henürick  van  Trier  hat  mi  gegoten  1576,  jene  zu  Anholt, 
über  Mittelgrösse,  trägt  zwei  kleine  Reifen  über,  und  ebensoviele  an  dem  stark 
aasladenden  Schlagring,  oben  am  Mantel  über  dem  Schriftbande  einen  noch 
gothisirenden  Blumenkamm,  unter  der  Schrift  ein  kraus  verflochtenes  Zierband 
von  Blättern,  Meeijungfem  und  andern  Renaissance- Ornamenten:  Doer  dat  vyer 
byen  ick  gevloteui  Peter  van  Trier  ende  Johan  Philipsen  hebben  mi  gegoten 
.  .  .  1636.  —  Claudius  Lamiral  und  der  Westfale  Antonius  Paris  gössen  1647 
ein  schweres  Geläut  für  die  Abteikirche  zu  Siegburg  (Smeddingk  a.  a.  0.  YIU. 
214);  der  erstere,  dem  auch  die  grösste  Glocke  zu  Olfen  von  1640  angehört, 
ist  dem  Namen  nach  Ausländer,  vielleicht  wie  die  beiden  Paris  aus  Lothringen 
gebürtigi  wenigstens  kam  dorther  nach  einer  brieflichen,  dem  Pfarrarchiv  zu 
Ahsen  entnommenen  Anzeige  des  Herrn  Pastors  Lorenz  zu  Waltrop  Johannes 
Paris,  der  als  frater  laicus  minoris  ordinis  s.  Francisci,  oder  ordinis  minoris 
strictioris  observantiae,  oder  als  observans,  wie  er  sich  nannte,  von  1638—1656 
eine  Reihe  von  Glocken  meistens  im  Münsterlande  gegossen  hat  und  deshalb 
vielleicht  früh  ins  Minoritenklost^r  zu  Münster  getreten  war.  Werke  seiner  Hand 

7 


98    Dia  kaiutgefloliielitl.  Bdsielrangen  swisehen  dem  Rheinlande  u.  Westfalen. 

finden  Bich  sra  Sfldkirchen  bei  Werne  1688,  in  Albachten  bei  Müneter  1661,  m 
Seppenrade  und  Olfen  bei  Lüdinghansen  1664,  En  BöBensell  bei  Münster  1666, 
an  Weslam  bei  Soest  nnd  in  der  Petrikirche  zu  Dortmnnd.  Die  Namensgleich- 
heit,  der  schlechte  meist  unToUständige  Gnss,  die  überladene  Decoration  des  Man- 
tels, das  Bild  des  Kreuzes  gestellt  zwischen  mehrere  yielleicht  iiir  mystisch  gehal- 
tene Blätter  (Kratz,  Zeitschr.  des  bist  Yer.  f.  Nieder^achs.  1866,  k  868  f.),  die 
Arbeitszeit  sind  dem  Johan  wie  dem  Anton  Paris  nnd  Lamiral  gemeinsam  und  deuten 
also  anf  eine  gemeinsame  Herkunft  hin.  Jedenfalls  hat  Anton  Paris,  als  Lamiral's  Ar- 
beiten aufhörten,  das  hiesige  Geschäft  allein  fortgesetzt.  Von  Steinen  nennt  a.  a.  0. 
m,  1209  als  Meister  der  1660  **/a  gegossenen  Brandglocke  zu  Altena  »Anton  von 
Pariss  aus  Schwerte  bürtig«.  Die  Lösung  dieser  Widersprüche  sp&tem  Funden 
Überlassend,  haben  wir  von  seinen  Arbeiten  noch  3  Glocken  zu  Freckenhorst 
(1646),  eine  in  der  evangelischen  Kirche  zu  Hattingen  1662  und  eine  zu  Alt- 
lünen  1661  zu  verzeichnen.  —  Die  grosse  Dinckelmaiersche  Glocke  zu  Dorsten 
zieren  Reifen  an  und  über  dem  Schlage,  eine  Johannesfigur  am  Mantel  und  oben 

ein  herabhangendes  Blattwerk  aIs  Stütze  der  Inschrift : Godfried  Dinckel- 

maier  von  Collen  hat  mich  gegossen  1782;  die  kleine  zu  Polsum  hat  nach  einer 
Mittheilung  des  Herrn  Notarp  jun.  zu  Münster  die  Inschrift:  Ich  rope  euch  zur 
Kirchen,  um  euer  heil  zu  wirken.  Gottfried  DInckelmaier  van  Collen  hat  mich 
gegossen.  1788.  üeber  die  Kölner  Giesserfamilie  Dinckelmaier,  die  wahrschein- 
lich von  Nürnberg  stammt,  und  andere  Werke  am  Eheine  vgl.  Smeddingk  im 
Organ  f.  ehr.  Kunst.  VIII,  224.  —  Die  Arbeiten  der  Voigts  von  Isselburg  halten 
für  ihre  Zeit  eine  löbliche  Höhe  in  Form  und  Ton.  Nachdem  1746  in  einem 
vom  Blitz  aus  heiterm  Himmel  entzündeten  Thurmbrande  die  7  alten,  schönen 
Glocken  zu  Bochold  bis  auf  eine  als  zerschmolzene  Metallstücke  herabgefallen 
waren  (Nunning,  Monumenta  Monasteriensia  I,  411),  wurde  allmälig  die  grösste 

Glocke   wiedergegossen   mit  der  Inschrift: Chrbtian  Voigt   et  Christian 

Diederich  filius  duc(atu8)  Cliviae  Isselburgenses  me  fnderunt.  Als  »ohurfürst- 
lich-münsterischer  privilegirter  Klockengiesserc  arbeitete  Christian  Wilhelm 
Voigt  1766  für  Wulfen  bei  Haltern,  1776  für  Bamsdorf,  1777  für  Dühnen,  1786 
für  Wesecke  bei  Borken,  als  ducatus  Cliviae  Isselburgensis  1779  für  Watten- 
scheid und  Hövel  bei  Werne  — ;  Christian  Wilhelm  Voigt  der  Vatter  et  Rutt- 
gerus  Voigt  der  Sohn  für  Dortmund,  1767  für  Herbem,  1768  für  Werne,  — 
Johann  Rutger  1790  für  Dingden.  —  Die  Mabillots  aus  Coblenz  nennen  sich 
Stuck  und  Glockengriesser.  Sie  pfiegen  ihre  Arbeiten  formel  mit  Ornamenten  zu 
überladen,  die  Schrift  mit  Zierb&ndem  einzufassen,  den  Mantel  mit  einem  von 
Blattwerk  umgebenen  Bilde  zu  beleben  und  die  Inschrift  durch  Handweiser 
einzuleiten.  Maurice  Mabillot  (beide  Namen  klingen  nach  französischer  Herkunft) 
Stucke-  und  Klockengiesser  goss  1777  eine  kleine  Glocke  für  Mesum  bei  Rheine, 
Andreas  Mabillot,  vielleicht  des  erstem  Sohn,  goss  in  unschönem  Formen  eine 
grössere  für  die  Kirche  zu  Notuln  und  1777  eine  kleinere  für  die  Ludgeri- 
kirche  zu  Billerbeck,  als  »churfürstlich-Trierscher  Stucke-  und  Glookengiesser 
1777  eine  grössere,  1778  eine  kleinere  für  Rorap.  Von  Joan  et  Andreas  Mabillot 
stammen  die  drei  Glocken  au  Stromberg  bei  Oelde  aus  dem  Jahre  1781.  —  Das 


k*--^ 


Die  kanttgesohiohtl.  Beoehongeii  zwiaehen  dem  Rheinlande  u.  Westfalen.    d9 

weitgreifende   Material    über   die   Petita  einigermassen   tu    verarbeiten,    geht 
hier  nicht  an. 

'*)  Unviderleglicher,  als  gleichzeitige  Berichte,  beglaubigen  das  üppige 
Kunst-  und  Culturleben  der  Stadt  Münster  während  des  dreissigjährigen  Krieges 
jene  stolzen  (von  1540)  bis  1667  in  fast  ununterbrochener  Folge  sich  erhebenden 
Giebel  an  den  belebtesten  Strassen  der  Stadt,  und  ebenso  schlagend  bezeichnet 
das  Benehmen  Bernhards  von  Galen  die  Yemichtung  der  Stadtblüthe,  da  seit 
1661  nur  mehr  ein  Haus  (1668)  im  missverständlichen  Renaissancestil  erstand, 
wahrend  ein  anderes  vom  J.  1665  in  edlern  Formen  als  adeliger  (Schmiesinger) 
Hof  die  der  bürgerlichen  Kunst  gefolgte  adelich-höfische  einleitet.  Einflüsse 
rheinischer  Benaissancearohitektnr  sucht  man  vergebens;  nur  die  sehr  reiche 
Fa^^ade  einea  Bürgerhauses  (Ohm),  welche  die  Sage  wegen  der  ungewöhnlich 
prunkenden  Stilcharaktere  von  Italien  (Mantua)  direkt  nach  Münster  versetzt, 
dürfte  wegen  der  Aehnlichkeit  des  geometrischen  Ornaments  — ,  der  Atlanten 
und  Karyatiden  unter  dem  Eindrucke  des  Kölner  Rathhauses  geschaffen  sein. 
—  Die  Berufung  des  Baumeisters  Gottmann  zur  Restauration  des  Sparrenbergs 
enthält  L.  v.  Ledebur's  Sperrenberg  1842,  S.  74.  —  Auffallend  ist,  dass  Leon- 
hardt  Thumeisser  1570  zu  Münster  für  die  Tafeln  seiner  Archidoxa  und  Quinta 
Essentia  keine  Formschneider  in  Holz  finden  konnte  (Becker  in  der  Zeitschrift 
für  Geschichte  und  Alterthumakunde  Westfalens  I,  245)»  wie  solche  doch  den 
altern  Druckern  zu  Diensten  gewesen  waren  (Vgl.  Niesert,  Beiträge  zur  Buch- 
dmckergeschichte  S.  14  ff.),  und  dass  er  deshalb  die  ihm  von  dem  Maler  Her- 
man  tom  Ring  ^  angefertigten  Zeichnungen  von  Remigius  Hogenberg  in  Köln 
musste  stechen  lassen  (Becker  in  Kugler's  Museum  (1837)  Y,  4).  —  Die  dom- 
oapitularischen  Rechnungen  »circa  annum  Domini  1622  &  28«  über  die  Her- 
stellung des  Hochaltars  im  Dome  und  die  Anfertigung  der  Flügelbilder  sind 
noch  im  Original  vorhanden.  —  Von  den  86  Portraits  der  Friedensgesandten 
im  Bathhause  führen  insohrifUich  nur  zwei  von  Gerhard  Terburg,  und  wenn  er 
dennoch  nach  Fiorillo  lU,  132  auf  dem  Friedenscongress  1648  »beinahe  alle  dort 
versammelten  G^esandten  mahlte«,  so  kann  sich  diese  Nachricht  nicht  auf  die 
Einzelportraitsi  sondern  auf  das  Bild  der  den  Frieden  beschwörenden  Gesandten 
beziehen.  34  Portraits  fertigte  laut  Contracten  und  Rechnungen  im  Stadtarchiv 
sein  Landsmann  Jan  Baptist  Floris.  (Vgl.  Westfal.  Merkur  1873  Nr.  89.)  —  Die 
Verhandlungen  Bernhards  von  Galen  mit  den  Augsburger  Goldschmieden  Johan 
Spring  undlsac  Bozbart,  der  sich  auf  Grund  seiner  Seereisen  nach  Indien  als  Kenner 
dea  Sofaiffabaua  ausgab,  über  die  Anfertigung  des  silbernen  Schiffes  fallen  in 
das  Jahr  1676  und  aind  mir  vom  Herrn  Archivsecretar  Sauer  aus  dem  Münste- 
riacfaen  Staataarchiv  mitgetheilt.  —  In  dem  Dunkel,  welches  bis  jetzt  die  Kunat- 
geechichte  der  beiden  letzten  Jahrhunderte  umhüllt,  findet  man  Nachrichten, 
wie  sie  F.  v.  Mering,  Geschichte  der  Burgen,  Rittergüter,  Abteien  und  Klöster 
in  den  Rheinlanden  und  den  Provinzen  Jülich,  Cleve,  Berg  und  Westphalen  (1842j 
TI,  61—78  über  den  kunstliebenden  Bischof  Clemens  August  von  Köln  und 
Münster  veröffentlicht,  schon  dankenswerth.  —  Die  Angabe  über  italienische 
Künstler  beruht  auf  Acten  in  Privatarohiven. 


^^. 


F4.    ' 


"^ 


3.  Ein  romischer  Fund  in  Bandorf  bei  Oberwinter. 


Hierzu  Tafel  XIII  u.  XTV. 


Bereits  im  März  1870  wurden  nahe  am  Wege  von  Bandorf  nach 
Oberwinter,  kaum  einige  hundert  Schritte  vom  erstgenannten  Orte 
entfernt,  beim  Umspaten  eines  Feldes  in  der  geringen  Tiefe  von 
IV2  Fuss  eine  römische  Ära  und  ein  Götterbild  gefunden,  das,  in 
liegender  Gestalt,  die  linke  Hand  auf  eine  Urne  stützt,  während  dem 
linken  Fusse  sich  ein  Defphin  anschmiegt.  Unverkennbar  ist  der  dar- 
gestellte Gott  ein  Neptun,  oder  ein  Flussgott,  der,  wie  die  Urne  zeigt, 
einen  Brunnen  geziert  hat.  Als  mir  im  Sommer  desselben  Jahres  die 
Nachricht  zukam,  dass  man  an  diesem  Orte  einen  Stein  gefunden 
habe,  auf  dem  ein  Ritter  zu  sehen  sei,  dem  ein  Vogel  in  den  Fuss 
picke,  glaubte  ich,  dass  es  sich  um  irgend  ein  Steinbild  aus  dem 
Mittelalter  handle  und  schenkte  der  Mittheilung  wenig  Beachtung. 
Erst  am  14.  Februar  vorigen  Jahres  begab  ich  mich  mit  Prof.  Bitter 
nach  Bandorf.  Als  uns  der  Besitzer  des  Feldes  und  d6r  Finder  der 
beiden  Denkmale,  Herr  J.  Loosen  daselbst,  das  erste  Bruchstflck  des 
zerbrochenen  Steinbildes  brachte,  erkannten  wir  sofort,  dass  es  sich 
^  um  einen  werthvollen  Fund  des  römischen  Alterthums  handle.    Nach 

der  Angabe  des  Finders  wurde  zuerst  in  der  angegebenen  Tiefe  eine 
k  6'  Rh.  lange,  4'  breite  und  2V2'  hohe  Steinplatte  gefunden,  die  wie 

ein  Feuerheerd  aussah  aber  zerbrochen  war,  sie  soll  wie   von  Feuer 
[:;  geschwärzt  gewesen  sein  und  Kohlem^este  lagen  daneben.   Loosen  hat 

f'J-^ :  an  der  Ecke  eines  neuen  Hauses  ein  Stück  dieses  Steines  eingemauert, 

q.  es  ist  ein  Berkumer  Trachyt,  der  also  von  den  Römern  schon  gebrochen 

wurde.    Zwei  Fuss  neben  dieser  Steinplatte  lagen  die  Bruchstücke  der 
kleinen  IOV2"  Rh.  grossen  Ära,  und  zwei  Schritte  daneben  die  drei 
Stücke  der  20''  langen  und  14"  hohen  Brunnenfigur.     Beide  liessen 
'^''  sich   indessen  vollständig  wieder  ergänzen.     Auch    einen   schweren 

^^'^V  römischen  Dachziegel,  16"  lang  und  12  Vs''  breit,  sowie  eine  viereckig^ 


Ein  romisoher  Ftind  in  Bandorf  bei  Oberwioter.  101 

11 ''  lange  und  breite  und  1 V2 ''  dicke  Ziegelplatte,  an  der  sich  keinerlei 
Abzeichen  fand,  hatte  der  Finder  aufbewahrt.  Auch  Stücke  gebrannten 
Thones,   die  mit  Blumengewinden  verziert,  aber  abhanden  gekommen 
waren,  sowie  das  Ende  einer  Geweihspitze  vom  Hirsch  lagen  an  derselben 
Stelle.    Als  wir  den  Fundort,  ein  Kleestück,  in  Augenschein  nahmen, 
«    entdeckten  wir  noch  eine  grosse  Menge  kleiner  Scherben  von  Thon- 
gefassen  und  Ziegeln  und  mussten  es  fUr  sehr  wahrscheinlich  halten, 
dass  eine  Nachgrabung  hier  auf  Fundamente  eines  römischen  Gebäudes 
fuhren   werde.    Der   Besitzer  des  Grundstückes   erklärte  sich   auch 
bereit,  im  Spätherbste  vorigen  Jahres  eine  solche  zu  gestatten.    Noch 
.  jetzt  kreuzen  sich  an  dieser  Stelle  drei  Wege  und  ein  Bach  fliesst  in 
der  Nähe  vorbei.   Die  ganze  Gegend  ist  wasserreich,  eine  nahe  gelegene 
Wiese  besitzt  3  Quellen,  die,  wenn  die  Brunnen  des  Ortes  bei  langem 
Regenwetter  trübes  Wasser  geben,   als  Trinkwasser  benutzt  werden. 
Loosen  zeigte  uns  auch  in  der  Nähe  dieses  Ortes   die  Spuren  ge- 
mauerter unterirdische^  Wasserleitungen  in  seinen  Feldern.    Es  kann 
nicht  fiberraschen,  in  diesem  fruchtbaren,   mit  vortrefflichem  Quell- 
wasser versehenen  Thale,  dessen  besonders  geschützte  warme  Lage 
der  '  üppige  Baumwuchs  noch  heute  erkennen  lässt,  die  Spuren  einer 
römischen  Niederlassung  zu  finden,   während  die  Erhaltung  eines  so 
bemerkenswerthen  römischen  Bildwerkes   in  so    geringer  Tiefe   des 
Bodens  und  nahe  am  Wege  sich  aus  der  von  der  grossen  Verkehrs- 
Strasse  am  Rheine  abgelegenen  stillen  Lage  des  Ortes  erklärt.    Bandorf 
liegt  in  einer  Abzweigung  des  Unkelbachthales,  das  unterhalb  Remagen 
gegen  den  Rhein  sich  öffnet.    Unzweifelhaft  hat  von  Remagen  aus 
«ne  römische  Strasse  .zur  Verbindung  des  Rheines  mit  dem  Binnen* 
lande  durch  das  bei  Remagen  sich  weit  öffnende  Thal  des  Unkelbachs 
bestanden,   in  der  Richtung  nach  Gelsdorf,  wo   römische  Gräber  mit 
werthvoUen  Glas-  und  Thongefässen  aufgefunden  worden  sind  ^).    Die 
erste  Mittheilung  über  den  Fund  der  Ära  und  des  Neptun  machte  ich 
in  der  in  Bonn  zur  Winckelmannsfeier  veranstalteten  Sitzung  des  Vereins 
von  Alterthumsfreunden  im  Rheinl.  am  9.  Dezember  1872.    Ich  sprach 
mich  für  die  Annahme  aus,  dass  an  einer  vielgebrauchten  römischen 
Heerstrasse,   da,  wo   sich    mehrere  Wege  kreuzten,   ein  öffentlicher 
Brunnen   und  zugleich  ein  vielleicht   in  einer  Kapelle  aufgestellter 
römischer  Altar  gestanden  hätten,  und  erwartete  weitere  Aufklärung, 
wenn  eine  sorgfältige  Aufgrabung  auf  der  Fundstätte   werde  ver- 


>)  Jahrb.  XSSUL  und  XXXIV  1868.  S.  224. 


102  Ein  römiBOher  Fond  in  Bai^dorf  bei  Oberwinter. 

anstaltet  werden  können.  Diese  wurde  denn  auch  auf  Kosten  des 
Vereins  am  18.  Dezember  in  Angrifif  genommen  und  unter  des  Herrn 
Prof.  aus'm  Weerth  und  meiner  Aufsicht  bis  zum  24.  Januar  1873 
fortgesetzt.  Die  aus  Jurakalk  gefertigte  Ära  trägt,  wiewohl  der  Stein 
etwas  verwittert  ist^  die  noch  leicht  lesbare  Inschrift: 

DEO 

INVICT 

REGIPR 

OBONO 

COMVN 

Auffallend  erscheint  es>  dass  das  Wort  Deo  auf  dem  Gesimse 
der  Ära  selbst  eingehauen  ist.  Dies  ist  indessen  auf  einem  Votivstein 
mit  einer  dem  Mercur  geweihten  Inschrift,  Nr.  888,  sowie  auf  d^n 
dem  Mithras  geweihten  Yotivsteinen  Nr.  645  und  Nr.  1456  des  Bram* 
bach^schen  Verzeichnisses  auch  der  Fall. 

Die  Buchstaben  sind  die  des  3.  und  4.  Jahrhunderts  unserer  v' 
Zeitrechnung.  Die  einfach  schöne  Weiheschrift :  „Dem  Gotte,  dem  un- 
besiegbaren Herrscher,  für  die  öffentliche  Wohlfahrt,'*  erinm^  mit 
grosser  Bestimmtheit  an  den  Mithrasdienst.  Die  Bezeichnung  Invictus 
ist  für  diese  Gottheit  ganz  gewöhnlich.  Auf  einer  Münze  des  Kaisers 
Elagabalus,  der  selbst  Mithraspriester  war,  lautet  die  Inschrift  des 
Reverses :  Invictus  Sacerdos  Aug.  Auf  Münzen  des  Probua  kommt  der 
Revers:  Soli  Invicto,  auf  dem  des  Constantinus  magnus  das  Soli 
Invicto  Gomiti  häufig  vor.  .  Unter  römischen  Inschriften,  die  in  den 
Rheingegenden  gefunden  sind,  begegnet  man  solchen,  die  sich  auf  den 
Mithras  beziehen  und  ähnlich  lauten,  nicht  selten.  Bei  Brambach, 
Corp.  Inscript.  Rhenan.  1867,  finden  sich  die  folgenden,  deren  Vor- 
kommen auf  die  Verbreitung  des  Mithrasdienstes  durch  die  römischen 
Legionen  bezogen  werden  darf.  Die  Bezeichnung  D(eo)  I(nvicto) 
M(ithrae)  kommt  vor  auf  Nr.  1036  aus  Mainz,  Nr.  1413  von  Friedberg, 
1463,  1464  und  1465  von  H^dernheim;  Deo  Dol(icheno)  auf  Nr.  1456 
und  1457  von  Heddemheim;  I(nvicto)  M(ithrae)  auf  Nr.  1466  von 
Heddemheim,  Soli  Invicto  Mi  .  .  ae  auf  Nr.  1584,  bei  Heilbronn 
gefunden,  hier  wird  die  8.  Legion  erwähnt;  D(eo)  S(oli)  I(nvicto) 
M(ithrae)  auf  Nr.  1730  von  Osterburken  in  Baden,  in  dieser  Gegend 
stand,  wie  aus  mehreren  anderen  Inschriften  hervorgeht,  die  8.  und 
die  22.  Legion; 'S(oli)  I(nvicto)  M(ithrae)  auf  Nr.  1568  von  Murrhardt 
im  Neckarkreis,  Soli  Invicto  %uf  Nr.  55  von  Vechten  bei  Utrecht ;  hier 


Ein  römitoher  Fond  in  Bandorf  bei  Oberwinier.  108 

werden  mit  dem  Mithras  aach  Jupiter,  Apollo,  Luna,  Diana,  Fortuna, 

Mars,  Victoria  und  Fax  genannt ;  Deo  Soli  I(nvicto)  M(ithrae}  P(ro) 

S(alute)  I(mperii)  auf  Nr.  285  von  Dormagen,   D(eo)  S(oli)  I(nYicto) 

Imp(eratori)  auf  Nr.  286    von    ebendaher.    Das  Deo  Sol(i)  kommt 

vor  auf  Nr.  1719  aus  Lobenfeld  in  Baden,  Deo  Invicto  auf  Nr.  384 

aus  Cöln,   auf  Nr.  UOl   und  1402  aus  Lengfeld  in  Hessen  und  auf 

1720  aus  Lobenfeld,  Deo  Invicto   C(omiti)  auf  Nr.  1467,  auf  diesem 

Steine  aus  Heddemheim  wird  die  32.  Gehörte  genannt,    ^(ithrae) 

kommt  vor    auf  Nr.  1579  von  Feibach  in  Würtemberg,    Soli   auf 

Nr.  388  aus  COln,  Soli  Serapi  auf  Nr.  330  ebendaher,  Soli  et  Luna^ 

auf  Nr.  1838  aus  Nfthweiler  im  Elsass,  auf  zwei  andern  Inschriften 

derselben  Gegend  werden  wieder  die  8.  und  die  22.  Legion  erwähnt; 

Lunae  Solique  (?)  auf  Nr.  151  von  Birten  bei  Xanten,  hier  wird  die 

30.  Legion  angefahrt.    Ein  Sacerdos  Dolicheni  wird  auf  Nr.  645  aus 

Remagen  genannt.   Dieses  Denkmal  gab  Braun  Veranlassung  zu  seiner 

Schrift:  „Jupiter  Dolichenus.''  Die  ganze  Inschrift  lautet:  In  honorem 

domus  divinae  Arcias  Marinus  sacerdos  Dolicheni  donum  donavit  equi- 

tibus   cohortis  primae  Flaviae   Decio  et   Orato  consulibus.     Dieser 

Yotivstein  wurde  also  unter  dem  Consulate  des  Decius  und  Gratus, 

das  ist  im  Jahre  250  errichtet.     Braun  führt  merkwürdiger  Weise 

einen   in    Camuntum    in  Pannonien   gefundenen  Stein  an,    mit  der 

Widmung  I(ovi)   0(ptimo)   M(aximo)  D(olicheno),  auf  dem  ebenfalls 

ein  Marinus  als  Priester  des  Jupiter  Dolichenus  genannt  ist.     Der 

Wechsel  der  Standquartiere  in  Pannonien  und  dem  Bheingebiet  ist 

für  viele  römische  Legionen  festgestellt.    Der  Name  Dolichenus  kommt 

von  der  Stadt  Doliche,  die  in  der  römischen  Provinz  Commagene  am 

Euphrat  im  nördlichen  Syrien  lag  und  zur  Zeit  der  Antonine  blühend 

war,  von  Strabo  aber  noch  nicht  genannt  wird.    Die  Beziehungen  der 

ersten  flavischen   Gehörte  zu  dieser  Provinz  sind  auch  anderweitig 

nachweisbar.      In   einer  von   Mommsen  beschriebenen   Inschrift  der 

Sammlung  in  Neapel  wird  der  cohors  prima  Flavia  die  Bezeichnung 

Commagenorum  zugefügt    Auf  einem  zu  Friedberg   in  der  Wetterau 

gefundenen  gebrannten  Steine  heisst  die  erste  flavische  Ciohorte  Da- 

mascenorum  milliaria  und  auf  einer  ebendaselbst  gefundenen  Inschrift 

kommt  dieselbe  auf  Syrien  hinweisende  Inschrift  vor.    Diese  Cohorte 

hat  aber  auch  ihr  Standquartier  in  einer  Stadt  von  Palästina  gehabt, 

wie  Panqirollus  angiebt.     Die  Beziehungen   der  Stadt  Doliche  oder 

Dolichene  zum  assyrischen  (Gottesdienst  gehen  aber  aus   einer  von 

Reinesius  mitgetheilten  Inschrift  hervor,    in   der  es  heisst:   Junoni 


-l'* 


V 


t.:--. 


104  Ein  römischer  Fand  in  Bandorf  bei  Oberwintar. 

Assyriae  Beg.  Dolichenis  ^).  Wir  entnehmen  aus  unserer  Inschrift  und 
den  andern  beigebrachten  Daten,  sagt  Braun,  dass,  während  römische 
Soldaten  in  verschiedenen  Gegenden  Deutschlands,  namentlich  an  den 
Ufern  des  Rheines,  dem  Jupiter  Dolichenus  Gelübdesteine  errichteten, 
ein  Priester  dieses  in  weiter  Feme,  an  den  Ufern  des  Euphrat  ver- 
ehrten Gottes  in  unserer  Nähe  zu  Remagen  seinen  Wohnsitz  hatte. 

Es  ist  gewiss  eine  auffallende  Bestätigung  der  Annahme,  dass  durch 
die  römischen  Legionen  der  Mithrasdienst  aus  den  östlichen  Provinzen 
des  Reiches  an  den  Rhein  gebracht  worden  ist,  wenn  wir  erfahren^ 
dass  eine  mit  der  Bandorfer  nahe  übereinstimmende  Inschrift  in  Ofen, 
also  einer  Stadt  Unterpannoniens,  gefunden  worden  ist.  Sie  ist  bei 
Orelli-Henzen  III  unter  Nr.  5854  aufgeführt  und  lautet: 

SOLI 
INVICTO 
ETPRO 
BONOC 
OMVNI 

Schmidt,  Oesterr.  Blätter  1846.  p.  380. 
Ueher  die  Verlegungen  römischer  Legionen  aus  den  östlichen 
Provinzen  des  Reiches  in  die  westlichen  uud  umgekehrt  verdanke  ich 
Herrn  Prof.  Floss  folgende  Angaben:  Der  Prätorianische  Flügel,  ala 
Praetoria,  der  in  Cöln  erwähnt  wird,  lag  unter  Domitian;  85  n.  Chr. 
in  Pannonien.  Der  Frontonianische  Flügel,  ala  Frontoniana,  stand  bei 
Neuss,  war  unter  Vespasian  und  Domitian  in  Britannien,  unter  Trajan 
106  n.  Chr.  in  Britannien  und  später  in  Dacien.  Die  Legio  XIV 
gemina  lag  seit  71  n.  Chr.  in  Mainz,  scheint  aber  schon  unter  Nerva 
nach  Ober-Pannonien  abgerückt  zu  sein.  Die  Legio  I  adjutrix  lag  zu 
Mainz  und  wurde  aus  Dalmatien  und  Pannonien  rekrutirt;  um  140 
lag  dieselbe  in  Pannonien.  Eine  Cohorte  der  Asturer  und  Galläcier, 
zweier  spanischer  Völkerschaften,  stand  bei  Mainz ;  sie  lag  unter  Titus 
und  bis  zu  den  Zeiten  des  Marc  Aurel  und  Lucius  Verus  in  Pannonien. 
In  Cöln  wird  eine  dritte  Lusitanische  Cohorte  genannt,  sie  stand  unter 
Trajan,  Marc  Aurel  und  Lucius  Verus  in  Vorder-Pannonien.  Die  erste 
thracische  Cohorte  ist  im  1.  Jahrhundert  und  wieder  um  116  am 
Mittelrhein,  unter  Hadrian  rückte  sie  nach  Pannonien,  wo  sie  sich  noch 
bis  ins  5.  Jahrhundert  verfolgen  lässt.    Die  zweite  asturische  Gehörte 


>)  Braun,  Jupiter  Dolichenus  Bonn  1852,  S.  6. 


w 


t 


Bin  rdmifldier  Fund  in  Bandorf  bei  Oberwinter.  105 

ist  unter  Trajan  im  Brohlthal;  unter  Domitian  lag  sie  in  Pannonien, 
unter  Hadrian  ist  sie  in  Britannien,  unter  Marc  Aurel  und  Ludns 
Verus,  Yielleicht  auch  unter  Antoninus  Pius  wieder  in  Pannonien,  zuletzt 
vielleicht  in  A^^ypten.  Der  erste  Flügel  der  Thraker  steht  in  den 
Niederlanden,  unter  Domitian  war  er  in  Judäa,  unter  Trajan  in 
Britannien,  unter  Marc  Aurel  und  Lucius  Verus  in  Nieder-Pannonien. 
Eäne  sechste  thracische  Gehörte  ist  in  Mainz  bezeugt,  sie  lag  unter 
Domitian  in  Pannonien.  Ein  Flügel  der  Ituraer  steht  bei  Frankfurt, 
er  stand  unter  Trajan  in  Da^en,  unter  Marc  Aurel  und  Lucius  Verus 
in  Pannonien.  Ein  erster  Flngel  der  Scubuler  unter  Vespasian  und 
Trajan  in  Ober-Germanien,  stammte  aus  einer  Pannonischen  Völker- 
schaft dieses  Namens.  Die  Legio  X  gemina  aus  Spanien  stand  seit 
71  in  Nymwegen,  Antoninus  Pius  verlegte  sie  nach  Unter-Pannonien. 

Wiewohl  diese  häufigen  Versetzungen  römischer  Legionen  sich 
meist  in  einer  firöheren  Zeit  ereigneten  als  die  ist,  aus  welcher  der 
uns  hier  beschäftigende  Fund  herrührt,  so  enthalten  sie  doch  den 
Beweis  für  die  wiederholten  Beziehungen,  die  zwischen  den  Besatzungen 

• 

des  Bheingebietes  und  Pannoniens  stattfanden  und  gewiss  auch  später 
fortdauerten.  Die  Uebereinstimmung  römischer  Inschriften  aus  beiden 
entfernten  Gegenden,  die  sich  auf  einen  besonderen  Cultus  beziehen, 
erhalten  dadurch  eine  befriedigende  Erklärung. 

Ungewöhnlich  muss  auf  unserer  Ära  die  Bezeichnung  *des  Mithras 
als  Bex  erscheinen;  wiewohl  die  als  Imperator  vorkommt  und  die 
Widmung  Mercurio  Regi  auf  einem  bei  Nymwegen  gefundenen,  von 
Brambach  unter  Nr.  70  angeführten  Steine  sich  findet,  und  noch 
einmal,  wiewohl  zweifelhaft,  auf  Nr.  79.  Auch  darf  hier  angeführt 
iferden,  dass  nach  Winckelmann  ^)  auf  einer  Münze  des  Kaisers 
Claudius  Gothicus  Vulkan  mit  Amboss,  Zange  und  Hammer  abgebildet 
ist;  dieselbe  hat  die  Umschrift:  Regi  Artis.  Die  Widmung  Junoni 
Beginae  kommt  sehr  häufig  vor,  zumal  in  Verbindung  mit  Jovi  optimo 
maximo.  Im  Brambach'schen  Verzeichniss  stammen  die  meisten  dieser 
Inschriften  aus  Mainz  und  seiner  Umgegend,  und,  was  für  uns  Be- 
deutung hat,  viele  von  Orten,  wo  Mithras  verehrt  wurde,  so  Nr.  1451, 
1453  und  1493  von  Heddernheim,  2063  von  Osterburken.  Wir  dürfen 
schliessen,  dass  die  Beiworte  Bex  und  Begina  um  diese  Zeit  üblich 
waren.  Stark  bemerkt  in  Bezug  auf  die  Inschrift  des  einen  oben  an- 
geführten Steines  von  Dormagen,  auf  dem  er  mit  Lersch  D(eo)  S(oli) 


^)  Joh.  Winokebnann'B  sämmtL  Werka,  Donsueflchingen  1826.  IX.  S.  85. 


106  Ein  i'ömisoher  Fand  in  Bandorf  bei  Oberwinier. 

I(nyicto)  Imp(eratori)  und  nicht  mit  Fiedler  Imperio  statt  ex  Imperio 
oder  Impensa  statt  sua  Impensa  liest,  dass  er  den  Beinamen  Imperator 
für  den  Mithras  nicht  kenne,  wiewohl  er  für  Jupiter  gelte«  Doch 
findet  er,  dass  derselbe  der  mit  der  Verehrung  des  Imperators  eng 
verbundenen  Natur  des  Mithraskultus  im  römischen  Heere  sehr  wohl 
entspreche.  Der  Gebrauch  des  Wortes  Begi  in  unserem  Falle  recht- 
fertigt wohl  die  Lesung  Imperatori  in  jener  Inschrift  Auch  möchte 
die  Deutung  der  Buchstaben  P.  S.  I.  in  der  Inschrift  eines  zweiten 
Steines  von  Dormagen  als :  Pro  Salute.  IiQperii,  wie  Lersch  vorschlug, 
durch  die  auf  unserer  Ära  ausgeschriebenen  Worte  Pro  Bono  Gomun(i) 
ihr  Gleichniss  finden. 

Nicht  so  leicht  wie  die  dem  Mithras  geweihte  Ära  ist  das  Bild 
des  Neptun  zu  deuten,  und  es  entsteht  sogleich  die  Frage,  ob  nicht 
blos  ein  Fluss-  oder  Quellengott  in  dieser  Figur  dargestellt  sei.  Das 
Bildwerk  besteht  aus  demselben  Jurakalk  wie  die  Ära,  und  zeigt  eine 
etwas  derbe  aber  stilgemässe  Ausführung  des  fast  ganz  nackten 
Körpers.  Der  kräftige  Gliederbau,  die  breite  muskulöse  Brust,  das 
in  eigenthümlicher  Weise  geordnete  Haupthaar,  welches  über  der  Stime 
emporstrebt  und  der  in  regelmässige  Zwickel  getheilte  Bart,  endlich  der 
Delphin,  dessen  Mund  den  linken  Fuss  des  Gottes  berührt,  während 
die  rechte  Hand  des  letzteren  auf  der  Schwanzflosse  desselben  liegt,  endlich 
das  hinter  dem  Rücken  herabhängende,  und  nur  die  linke  Schulter 
und  den  rechten  Vorderarm  bedeckende  Gewand  deuten  sehr  bestimmt 
auf  die  Darstellung  des  Neptun.  Schon  Meyer  bemerkt  in  einer  Note 
zu  Winckelmann  >)  dass  die  Bilder  dieser  Gottheit,  deren  Verehrung 
bei  den  Griechen  eine  allgemeinere  war  als  bei  den  Römern  und  von 
diesen  unverändert  aus  der  griechischen  Mythologie  übernommen 
worden  war,  im  Alterthum  sehr  selten  seien,  und  dass  ausser  der 
von  Winckelmann  angeführten  grossen  Statue  eine  kleinere  zu  Dresden 
(Becker,  August.  Taf.  40)  und  auch  einige  Figuren  Neptuns  auf  er- 
habenen Arbeiten  bekannt  seien.  Auf  geschnittene  Steine  und  Vasen- 
gemälde bezieht  sich  diese  Bemerkung  nicht,  sondern  nur  auf  die 
plastischen  Darstellungen  des  Neptun.  Auch  am  Rheine  sind  solche 
Funde  selten.  Im  Mainzer  Museum  befindet  sich  nach  einer  Mit- 
theilung von  Liudenschmit  weder  unter  den  Skulpturen  noch  unter 
den  Bronzen  und  Terrakotten  ein  Bild  dieses  Gottes,  ebensowenig  ist 


')  Winckehnann  a.  a.  0.  lY,  S.  186. 


Ein  römiaoher  Fand  in  Bandorf  bei  Oberwinter. 


107 


ein  solches  in  Wiesbaden  vorhanden.  Auf  mehreren  der  bereits  an- 
geführten Votivsteine  der  Nehalennia  von  Zeeland,  auf  Nr.  27  bis  31 
bei  Crambach,  ist  dem  Hercules  gegenüber  Neptun  dargestellt,  auf 
Nr.  28  mit  Delphin  und  Dreizack,  auf  Nr.  45  mit  der  Pappel  und  dem 
Dreizack,  lieber  die  Art  der  Darstellung  des  Neptun  bei  den  Alten 
macht  Winckdmaon  folgende  Angaben.  Es  ist  ihm  eigenthümlich, 
dass  er  wie  Jupiter  unbekleidet  mit  prächtiger  gewölbter  Brust 
dargestellt  wird;  Winckelmann  erinnert  dabei  an  die  Ilias  n  479. 
,,Gewöhnlich  ist  er  auf  einem  Wagen  von  Meerpferden  gezogen;  auf 
einem  Steine  des  Stoschischen  Museums  aber  steht  er  auf  einem  Wagen 
von  4  wirklichen  Pferden  gezogen  und  entführt  die  Amymone,  die  er 
in  den  Armen  hält.  Sein  dreizackiger  Scepter  soll  nach  dem  Plutarch 
das  dem  Neptun  zugefallene  dritte  Loos,  das  Meer  bedeuten;  es  ist 
dieser  Scepter  aber  nichts  anderes  als  ein  Fischerwerkzeug,  womit 
diese  die  grossen  Fische,  zumal  den  Spada  fangen  und  tödten,  es  hiess 
fusdna.  In  der  linken  Hand  hält  Neptun  zuweilen  ein  aplustre,  ein 
Zierrath  am  Hintertheil  des  Schi£Ees.  Eins  von  dessen  Zeichen  ist  ein 
Pferd,  wovon  die  Ursache  aus  der  Fabel  bekannt  ist  An  einem 
Oefässe  von  Erz  in  dem  Herkulanischen  Museum  macht  ein  Pferd  den 
Henkel,  indem  die  Vorderfüsse  auf  dem  Rande  des  Gefässes  liegen; 
es  kann  dies  bedeuten,  dass  das  Gefäss  bei  Opfern  dieser  Gottheit 
gebraucht  worden.  Auf  dem  Pferde  hat  sich  ein  Delphin  um  den 
Trident  gewunden.  Einen  Delphin  hält  Neptun,  weil  er  durch  den- 
selben die  Amphitrite,  die  sich  vor  seinen  verliebten  Verfolgungen 
verbarg,  entdeckte.  Wo  ein  Knabe  mit  einer  Schale  in  der  Hand 
neben  demselben  steht,  kann  dieser  den  Pelops  bedeuten,  der  von 
Nepton  wegen  seiner  Schönheit  entführt  wurde.  Was  der  Hippokam- 
pns  ist,  welchen  nach  Strabo  eine  Statue  des  Neptun  in  der  Hand 
hielt,  wissen  wir  nicht;  einige  meinen,  es  könne  vielleicht  ein  Pferde- 
zaum  sein,  wir  finden  ihn  aber  auf  keinem  alten  Denkmal  mit  diesem 
Zeichen.  Von  dieser  Gottheit  hat  sich  nur  eine  einzige  grosse  Statue 
zu  Rom  erhalten,  die  in  der  Villa  Medicis  steht'^  0-  An  mehreren 
SteDen  spricht  er  von  dieser  grossen  und  schönen  Statue,  die  zu 
Korinth  nebst  einer  Juno  ausgegraben  worden  und  zu  J.  Caesars  Zeit 
oder  nicht  lange  nachher  verfertigt  worden  ist.  Auf  dem  Kopfe  des 
Delphin,  zu  den  Füssen  der  Statue  findet  sich  die  griechische  Inschrift, 
welche  besagt,  dass  die  Statue  von  Publius  Licinius  Priscus,    einem 


^)  Winckelmaan  a.  a.  0.  IX,  S.  83. 


■« 


106  Ein  rtmiflcher  Fand  in  Bandorf  bei  Oberwinter. 

Priester  des  Neptun  gesetzt  worden  ist  <).  Winckelmann  macht  wieder- 
holt darauf  aufmerksam,  wie  schon  durch  die  Behandlung  des  Haupt- 
haares und  des  Bartes  einige  der  Hauptgöttergestalten  sich  unter- 
schieden. Die  Darstellung  des  Neptun,  ist  der  des  Jupiter  verwandt, 
mit  ihm  führt  er  auch  den  Blitz.  ,;An  der  Neptunstatue  in  der  Villa 
Medicis  ist  der  Bart  krauser,  und  über  der  Oberlippe  dicker,  die  Haare 
sind  lockichter  und  erheben  sich  auf  der  Stirne  verschieden  von  dem 
gewöhnlichen  Wurfe  dieser  Haare  am  Jupiter  *).  Der  Bart  ist  nicht 
etwa  länger  oder  so  wie  er  bei  andern  dem  Neptunus  untergeordneten 
Meergöttem  zu  sein  pflegt,  das  heisst:  gestreckt  und  gleichsam  nass, 
sondern  er  ist  krauser  als  beim  Jupiter  und  der  Enebelhart  ist 
dicker^' ').  Beim  Jupiter  bezeichnet  Winckelmann  das  Haar  als  von  der 
Stirne  aufwärts  gerichtet  und  im  Bogen  herabfallend  und  das  Ohr 
bedeckend  wie  beim  Löwen,  indess.  beim  Herkules  das  Haar  aber  der 
kurzen  Stirne  kurz  ist  wie  beim  Stier.  „Der  Herkules  auf  einem 
Altar  des  Museum  Capitolinum  hat  kein  anderes  Kennzeichen  als  den 
Bart,  welcher  spitzig  ist  und  woran  sowohl  als  an  den  Haupthaaren 
die  Locken  durch  kleine  Ringeln  oder  vielmehr  Kügelchen  reihenweise 
angedeutet  sind,  welches  die  älteste  Art  der  Form  und  der  Arbeit  der 
Barte  war"  ^).  Dass  die  Behandlung  des  Haars  auch  von  der  Kunst- 
epoche  abhängt,  räumt  Winckelmann  selbst  ein.  Er  sagt :  „an  Figuren 
des  ältesten  Stils  pflegen  die  Haare  geringelt  und  in  kleine  Locken 
zerlegt  zu  sein,  frei  und  ungezwungen  in  der  Blüthe  der  Kunst,  müh- 
selig und  fast  bbs  mit  dem  Bohrer  gearbeitet,  als  die  Kunst  in  Verfall 
zu  gerathen  anfieng''^).  Nach  K.  0.  Müller*)  wird  Poseidon  oft  mit 
gesträubtem,  wild  durcheinander  geworfenem  Haar  gebildet,  während 
Zeus  einen  von  der  Mitte  der  Stirn  emporstrebenden  und  mähnenartig 
zu  beiden  Seiten  herabfallenden  Haarwurf  hat.  An  unserer  Neptun- 
statue  sind  die  Haare  des  Hauptes  über  der  Stirne  hoch  emporgerichtet 
und  fallen  in  regelmässigen  langen  Locken  nach  den  Seiten  herab, 
lassen  das  Ohr  aber  frei,  auch  die  Haare  des  Bartes  sind  in  gerade 
abwärts  gerichteten  Zwickeln  regelmässig  geordnet  und  liegen  wie 
von  Wasser  triefend  dem.  Halse  an.    Diese  Anordnung  scheint  mehr 


»)  Winckelmann  a.  a.  0.  VI,  8.  140. 

>)  Winckelmann  a.  a.  0.  IV,  S.  186. 

•)  Winckelmann  a.  a.  0.  VIT,  S.  115.  ^ 

^)  Winckelmann  a.  a.  0.  III,  S.  826. 

»)  Winckelmann  a.  a.  0.  YII,  S.  148. 

<")  K.  0.  MüUer,  Handb.  d.  Archäologie  der  Kunai  1866.  8*  504. 


^^^• 


■V. 


Ein  römiioher  Fond  in  Baadorf  bei  Oberwinter. 


109 


f&r  einen  Flussgott  zu  passen.    Die  Beigabe  des  Delphin  muss  aber 
wieder  auf  den  Neptun  bezogen  werden,  wenn  auch  der  Dreizack  fehlt 
In  Bezog   aof  diesen   bemerkt  noch  Winckelmann,  dass  auf  alten 
Münzen  der  Stadt  Posidonia  Neptun  den  dreizackigen  Scepter  wie  eine 
Lanze  hält,  im  Begriff  damit  zu  stossen,   er  ist  wie  Jupiter  nackt, 
ausser  dass  er  sein  zusammengenommenes  Gewand  über  beide  Arme 
geworfen  hat  0>    Winckelmann  schildert  eine  Reihe  von  geschnittenen 
Steinen  mit  verschiedenen  Darstellungen  des  Neptun.   Auch  hier  führt 
er  wieder  als  eigenthümlich  an,  dass  das  Haupthaar   in   Reihen  von 
geraden  und  parallelen  Locken  auf  den  Hals  herabfällt,  welche  An- 
ordnung auch,  wo  man  ihm  wallende  Haare  gemacht  hat,  sich  wenigstens 
am  Barte  erkennen  lasse  *).    E.  0.  Müller  macht  auf  die    grosse 
Mannigfaltigkeit  in  der  Darstellung  des  Poseidon  bei   den  Griechen 
aufmerksam,  indem  er  stehend  un(f  thronend,  heftig  schreitend,  den 
Dreizack  schwingend,  bald  nackt  bald  bekleidet  dargestellt  werde.  Dass 
dem  Meer-  und  Fluss-  und  Quellengott  das  Pferd  geheiligt  war,  erklärt 
sich  wohl  aus  dem  Umstände,   dass  auf  den  quellenreichen  Wiesen- 
gründen Griechenlands  das  Pferd  vortrefflich  gedieh  oder  auch  aus  der 
Thatsache,   dass  das  Steppenpferd  auf  weite  Entfernungen   hin  die 
Anwesenheit  des  Wassers  mit  seinen  Nüstern  wittert  und  ein  Quellen- 
finder genannt  werden  kann.    In  einer  neuen  Arbeit  ^)  erhalten  wir 
eine  üebersicht  der  Darstellungen  des  Neptun  in  der  ältesten  grie- 
chischen Kunst,   und  zwar  auf  Vasenbildem,   Reliefe  und  Münzen. 
Schon  in  der  ältesten  Zeit  wussten  die  Künstler,  dass  die  Kraft  und 
Gewalt  dieses  Gottes  am  nackten  Körper  am  besten  ausgedrückt  werden 
konnte.    Wie  das  Meer  bald  spiegelglatt,  bald  stürmisch  erscheint,  so 
wurde  auch  er  bald  rahig  bald  bewegt  vorgestellt.   Auf  Vasen  ist  die 
stehende  Figur  des  Gottes  meist  mit  dem  Dreizack  dargestellt,  in 
Gesellschaft  der  Minerva,  häufig  mit  dem  Merkur.    Die  Eigenthüm- 
lichkeiten  seiner  Darstellung  bildeten  sich  in  der  Kunst  allmählich  aus; 
am  schwersten  ist  dieselbe  von  der  des  Jupiter  zu  unterscheiden,  oft 
nur  durch  den  Dreizack.    Die  ursprünglich  langen  Gewänder  wurden 
später  kürzer,   wie  es  für  den  mit  Polybotas  kämpfenden  oder  ein 
Weib  verfolgenden  Gott  besser  passte.     Erst  als   die  griechischen 
Künstler  mit  rother  Farbe  malten,  tritt  das  in  kleine  *Löckchen  ge- 


>)  Winokelmann  a.  a.  0.  Y,  8.  176. 

*)  Winokelmann  a.  a.  0.  IX,  S.  881. 

')  Dr.  CtroL  Munilii»,  De  antiquiisima  Neplam  figora. 


,  1878. 


110  Ein  römifloher  Fand  in  Bandorf  bei  Oberwinter. 

ordnete  Haar  des  Neptun  auf,  das  früher  ungeordnet  in  üppiger  Fülle 
den  Kopf  bedeckte.  In  allen  den  angeführten  zahlreichen  Bildein  ist 
Neptun  immer  stehend  oder  schreitend,  selten  sitzend  dargestellt.  Sein 
Fuss  steht  auf  einem  Felsen,  auf  dem  Vordertheil  eines  Schiffes,  oder 
auf  dem  Delphin,  die  Rechte  ist  gestützt  auf  den  Dreizack.  Auf  S.  38 
wird  unter  o  ein  Bild  desselben  aus  dem  Museum  Gapitolinum  1.  1  als 
fontem  aperiens  bezeichnet  Wenn  er  auf  einem  Seepferd  reitend  auf 
Vasen  und  Münzen  gesehen  wird,  so  soll  diese  Darstellung  des  Gottes 
unwürdig  und  dem  Merkur  zuzuschreiben  sein;  den  Dreizack  führen 
auch  Amphitrite  und  Andere.  In  den  ältesten  Zeiten  wurden  dem 
Neptun  am  meisten  die  Delphischen  Gottheiten  und  der  Merkur  bei- 
gesellt. Es  mögen  deshalb,  da  auch  aus  dem  römischen  Alterthum 
die  Darstellung  eines  liegenden  Neptun  nicht  bekannt  ist,  gewiss 
Manche  in  unserm  Funde  nur  einen  Flussgott  sehen,  für  den  auch 
die  Urne  spricht,  auf  welcher  seine  linke  Hand  ruht  Winckelmann 
hält  diese  für  entscheidend,  er  führt  einen  liegenden  Fluss  auf  einem  ge- 
schnittenen Steine  an,  dessen  Linke  auf  einer  Urne  ruht,  in  der 
Rechten  hält  er  den  Dreizack,  unter  ihm  sind  zwei  Delphine,  welche 
anzeigen,  dass  der  Fluss  seine  Mündung  ins  Meer  hat.  Er  bemerkt 
dazu:  „Derjenige,  welcher  den  Stein  gezeichnet  hat,  gab  nicht  Acht 
auf  die  Urne  und  darum  hat  der  Erklärer  diese  Figur  für  einen 
Neptun  gehalten^'  ^).  Im  Münzkabinet  des  Berliner  Museums  befindet 
sich  eine  Münze  des  Postumus  mit  dem  Rheine  als  liegendem  Fluss- 
gott, der  die  eine  Hand  auf  das  Hintertheil  eines  Schiffes  legt  und 
eine  Urne  unter  der  andern  hat  Dass  dem  Rheine  göttliche  Ver- 
ehrung gezollt  wurde,  geht  aus  Inschriften  *)  hervor,  und,  was  vielleicht 
nicht  ohne  Beziehung  auf  unsere  fragliche  Göttergestalt  ist,  gerade  in 
Remagen  wurde  ein  Votivstein  aus  Drachenfelser  Trachyt  gefunden, 
der  die  Widmung  hat:  I(ovi)  0(ptimo)  M(aximo)  et  Genio  Loci  et 
Rheno  etc.  Im  Museum  Pio-Clementinum  ist  der  Nil  als  Flussgott 
dargestellt  mit  einem  Crocodil  unter  den  Füssen,  ebenso  der  Tiber 
mit  einem  Ruder  und  den  Symbolen  der  Fruchtbarkeit.  Ein  dritter 
Flussgott  hält  die  Urne,  keiner  hat  den  Delphin.  Doch  befindet  sich 
wieder  auf  einem  Basrelief  der  Villa  Albani,  welches  den  Achill  und 
Agamemnon  'darstellt,  das  Bild  eines  Flussgottes  mit  der  Urne  und 
mit  kleinen  Delphinen,  die  sich  im  Wasser  tummeln.    Der  Flussgott 


')  WinokeUnann  a.  lu  0.  IX,  8.  887. 

')  J.  de  Wal,  MyihoL  septentr.  monom.  Jahrb.  XVII,  8.  178.  Bramb.  647. 


Ein  römischer  Fund  in  Bandorf  bei  Oberwinter.  111 

der  Donau  auf  der  Säule  des  Marc  Aurel  ist  mit  üppigem  und  lang 
herab  wallendem  Haare  aber  ohne  die  gebietenden  Züge  des  Neptun 
dargestellt,  ebenso  derselbe  Fluss  auf  der  Trajanssäule ;  dieser  lässt 
einen  Theil  des  Gewandes  um  die  Hüften  erkennen  und  trägt  einen 
Kranz  von  Schilfrohr  um  das  Haupt.  Im  Wallraffschen  Museum  in 
Köln  befindet  sich  der  Kopf  eines  Flussgottes  unter  Nr.  56,  dessen 
Haupthaar  wild  und  verwirrt  ist;  das  Relief  ist  von  sehr[schlechter  Arbeit 

Der  Name  des  Neptun  kommt  auf  Inschriften  im  Rheingebiet 
höchst  selten  vor,  bei  Brambach  findet  er  sich  auf  Nr.  26  von  Zecland, 
Nr.  1433  von  Hanau,  Nr.  1668  von  Baden-Baden  und  Nr.  1678  von 
Ettlingen;  auf  dem  der  Dea  Nehalennia  gewidmeten  Steine  Nr.  45 
von  Zeeland  steht  auf  einer  Säule  Neptun,  in  der  Rechten  die  Pappel, 
in  der  Linken  den  Dreizack  haltend.  Auf  Münzen  des  Agrippa  hat 
er  in  der  Rechten  den  Delphin,  in  der  Linken  den  Dreizack. 

Die  rechte  Seitenwand  unserer  Neptunstatue  lässt  einen  Baum  er- 
kennen, der  einen  Lorbeer  oder  eine  Pappel  darzustellen  scheint,  er  hat 
genau  12  Zweige  oder  Blätter  und  das  ist  gewiss  nicht  ohne  Bedeutung. 
Winckelmann  0  bemerkt  bei  Besprechung  eines  geschnittenen  Steines 
mit  dem  Bilde  der  Isis  und  einem  Palmzweige,  man  behaupte,  dass 
der  Palmzweig  das  Jahr  vorstelle,  weil  man  ihn  für  den  einzigen 
Baum  hielt,  der  bei  jedem  Mondeswechsel  einen  neuen  Zweig  trieb, 
80  dass  am  Palmbaum  das  Jahr  durch  12  Zweige  vorgestellt  war. 

Mit  Rücksicht  auf  die  Oertlichkeit  kann  man  nicht  zweifeln,  dass 
aas  der  Urne  dieses  Wassergottes  das  Wasser  einer  der  Quellen  floss, 
deren  die  nahe  gelegenen  sogenannten  Entzfelder  Wiesen  mehrere 
enthalten.  Die  Reste  sehr  sorgfaltig  durch  Gämentguss  hergestellter 
Wasserleitungen  sind  auf  langen  Strecken  in  den  nahe  gelegenen 
Aeckem  noch  vorhanden  und  zum  Theil  wohl  erhalten.  Es  sind  zwei 
nach  verschiedenen  Richtungen  laufende  Leitungen,  von  denen  die  eine 
in  gerader  Linie  auf  das  Haus  von  Loosen,  das  Hauptgebäude  des 
Ortes,  hinläuft.  Diejenige,  welche  unserem  Brunnen  das  Wasser  zu- 
fithrte,  konnte  indessen  nicht  aufgefunden  werden.  Die  oberflächliche 
Lage  der  anderen,  die  oft  nur  V/t'  Rh.  tief  in  den  Aeckem  liegen, 
lisst  vermuthen,  dass  dieselbe  durch  die  Vertiefung  der  Bodenfläche 
in  der  Nähe  des  Fundortes  längst  zerstört  worden  ist.  Die  Rinne  des 
Kanals  besteht  aus  Gussmörtel,  der  V2  F.  stark  ist,  und  in  dem 
eckige,  bis  1  Zoll  dicke  Steine  enthalten  sind ;  im  Lichten  ist  derselbe 


*)  Winckelmann  a.  a.  0.  IX,  S.  804. 


lia  Ein  römiMber  Fund  in  Bttidorf  bei  Oberwinter. 

6''  Bh.  hoch  tmd  8''  breit,  die  Rinne  ist  innen  mit  feinem'Kalkmörtel 
glatt  verputzt  und  mit  starken  Schieferplatten  bedeckt,  Taf.  XIV,  Fig.  10. 

Welchen  Werth  die  BOmer  auf  gutes  Quellwasser  legten,  das 
beweisen  die  Aquädukte  in  aUen  Ländern,  wo  Bömer  sich  niederliessen, 
in  unserm  Bheinlande  ist  Zeuge  dessen  der  in  Köln  mündende  Bömer- 
kanal.  Den  Quellen  bezeigten  die  Bömer  Verehrung,  in  ihrer  Nähe 
pflegten  sie  Haine,  Altäre  und  Tempel  zu  errichten.  An  den  Quellen 
goss  man  Wein  aus  und  schlachtete  ein  Böcklein,  wie  uns  Horaz  und 
Martial  berichten  0-  Ob  nun  unsere  Brunnenfigur  ein  Quellengott  oder 
ein  Flussgott  und  zwar  der  Bhein  ist,  oder  Neptun  selbst,  möchte  dess- 
halb  sch^for  zu  entscheiden  sein,  weil  ohne  Zweifel  das  Bild  des  Fluss- 
gottes sich  aus  dem  des  Neptun  allmählich  entwickelt  hat,  wie  denn 
auch  die  spätere  mittelalterliche  Kunst  und  die  Zeit  der  Benaissance 
den  Fluss-  und  Quellengöttem  die  Beigaben  des  Neptun  freigebig  zu- 
ertheilte.  Schöpflin ')  erwähnt  des  bei  Ettlingen  im  Badischen  ge- 
fundenen Beliefs,  wekhes  den  Neptun  mit  dem  Dreizack  und  dem 
Delphin  in  der  Hand  neben  einem  Meerdrachen  vorstellt  und  welches 
Yon  einer  Schiffergilde  dem  Gotte  geweiht  ist.  Habel  bemerkt  hierzu, 
man  sehe,  dass  nicht  nur  Seestädte  ihn  verehrten,  sondern  auch  Fluss- 
bewohner und  Schiffer  ihm  Altäre  errichteten.  Erwägt  man,  dass  in 
Bemagen  eine  römische  Beiter-Gohorte  stand,  so  darf  man  auch  daran 
erinnern,  dass  Neptun  zugleich  als  Seegott  und  als  Gott  der  ritterlichen 
Uebungen  galt.  Als  der  letztere  scheint  er,  wie  Preller  bemerkt, 
besonders  im  Gircus  Flaminius  verehrt  worden  zu  sein,  denn  bei  diesem 
Gircus  stand  der  einzige  Tempel  des  Neptun  in  Bom.  Am  wenigsten 
kann  es  auffallen,  wenn  eine  Beiter-Gohorte  den  Neptun  verehrte,  da 
ihm  das  Pferd  heilig  und  er  der  Bändiger  der  Bosse  war. 

Man  muss  hier  noch  die  Frage  aufwerfen,  ob  auch  sonst  wohl 

« 

eine  Beziehung  des  Neptun  zum  Mithras  beobachtet  worden  ist  Es 
ist  eine  EigenthQmlichkeit  der  Mithrasreligion,  dass  mit  der  Verehrung 
dieses  Gottes  die  Vorstellungen  von  den  übrigen  Gottheiten  sich  ver- 
binden und  der  Polytheismus  dem  Glauben  an  einen  das  All  um- 
fassenden Gott  weicht  In  den  Darstellungen  des  Mithras  finden  sich 
desshalb  auch  die  Zeichen  und  Attribute  der  übrigen  Gottheiten  ver- 
einigt, sie  werden  als  signa  panthea  oder  polythea  bezeichnet    Braun 


*)  Horat.  Od.  m,  18,  Msrtial.  VI,  47. 

*)  AUaUa  ill.  I,  490.  Vgl  Annalen  des  Vereini  für  naM.  Aliertlraniskand« 
n,  8  HO.  8.  168. 


Ein  römisoher  Fund  in  Bandorf  bei  Oberwinier.  118 

macht  in  seiner  Schrift  über  den  Jupiter  Dolichenus  besonders  anf 
diesen  Umstand  aufinerksam  und  fuhrt  als  Beispiele  auch  die  Bflder 
des  Jupiter  und  der  Juno  Dolichene  auf  der  Heddemheimer  Bronze- 
pyramide an.  Jener  steht  in  Rüstung  auf  einem  Stier,  in  der  Hechten 
ein  Schlachtbeil  emporhebend,  in  der  Linken  den  doppelten  Dreizack 
haltend,  nicht  den  Blitz,  wie  in  einem  Belief  aus  Ninive,  die  Juno 
steht  auf  einer  Hirschkuh  in  faltenreichem  Gewände,  den  Modins  auf 
dem  Haupte,  in  der  Linken  den  Galathus,  in  der  Hechten  dasSistrum 
der  Isis.  Von  dem  Tempel  der  syrischen  (jöttin  zu  Hierapolis  schreibt 
Lucian:  „ii^  dem  Innern  desselben  stehen  die  Bilder  der  Götter,  der 
Juno  nämlich  und  eines  Gottes,  der  kein  anderer  als  Jupiter  ist. 
Diese  Juno  zeigt,  wenn  man  sie  Daher  betrachtet,  ein  Mannigfaltiges 
in  ihrer  Gestaltung.  Im  Ganzen  zwar  ist  sie  unstreitig  die  Juno,  sie 
hat  aber  auch  etwas  von  der  Minerva,  der  Venus,  der  Luna,  der 
Rhea,  der  Diana,  der  Nemesis,  und  den  Parzen.  In  der  einen  Hand 
hält  sie  einen  Scepter,  in  der  andern  einen  Spinnrocken;  auf  dem 
Haupte  hat  sie  Strahlen  und  einen  Thurm  und  um  den  Leib  einen 
Gürtel,  womit  man  sonst  nur  die  Venus  Urauia  schmjQckt  0«  D&ss 
Jupiter  Dolichenus  gewöhnlich  als  ein  streitbarer  Gott  im  Harnisch 
dargestellt  wird,  mag  sich  auf  seine  Verehrung  im  römischen  Heere 
beziehen,  daher  auch  die  Beinamen  Imperator  und  Rex,  das  Invictus 
erinnert  an  den  Herkules,  der  auf  dem  in  den  Brohler  Tuffsteinbrflchen 
gefundeneu  Votivsteine,  Nr.  654  des  Brambach'schen  Verzeichnisses,  so 
genannt  wird.  Auf  der  Heddernheimer  Bronzepyramide')  hält  aber  der 
Jupiter  Dolichenus  oder  Mithras  in  der  linken  Hand  einen  doppelten  Drei- 
zack, also  das  Abzeichen  des  Neptun.  Dies  Zeichen  bann  nicht  etwa  für 
den  BUtz  gehalten  werden,  der  als  ein  geschlängelter  oder  im  Zickzack  fort- 
schreitender oder  strahlenförmig  aus  der  Hand  des  Jupiter  auseinander 
gehender  Strahl  dargestellt  wird,  während  wir  hier  deutlich  dem  ge- 
häuften Schwulst  der  Darstellung  entsprechend  eine  doppelte  Harpune 
vor  uns  haben.  Wenn  in  den  Darstellungen  des  Mithras  selbst  die 
Bilder  und  Zeichen  der  übrigen  Götter  sich  gleichsam  vermengen,  so 
kann  es  auch  nicht  überraschen,  wenn  neben  einem  Mithrasaltar  die 
Bilder  anderer  Götter  aufgestellt  waren.  An  unserm  Fundort  wurde  ja 
noch  der  Kopf  eines  dritten  Gottes  und  das  Fussende  sowie  Bruchstücke 
einer  vierten  StatuOj  die  doch  wahrscheinlich  auch  ein  Götterbild  war, 


>)  De  des  Syria  32. 

^  Vgl.  die  Abbildang  in  Brauns:  Jupiter  DoUohenos.  Bonnt  1852. 

8 


U4 


Sin  romiieher  Fond  in  Bimdorf  bei  Oberwintar. 


gefunden.  Wir  werden  aber  noch  auf  eine  andere  Erklärung  der  Ab- 
zeichen des  Neptun,  auf  Mithrasdenkmälem  geführt  Sie  können  die 
Abzeichen  oder  Wappen  römischer  Gehörten  sein  und  gerade  solcher, 
welche  auch  den  Mithrasdienst  übten  und  verbreiteten.  So  konnte 
Habel  nachweisen,  dass  der  Gapricomus,  bekanntlich  die  Figur  eines 
Steinbocks,  der  hinten  in  einen  Fischleib  übergeht,  ein  Gohortenzeichen 
der  22.  Legion,  der  Primigenia  Pia  war;  es  ist  ein  solches  bei  Wies- 
baden 0  gefunden  worden  und  wird  im  dortigen  Museum  aufbewahrt. 
Die  22.  Legion,  wird  aber  auch  auf  dem  Brohler  Mithrasdenkmal  an- 
geführt. Das  Gaprikorn  kommt  mit  dem  Namen  dieser  Legion  auf  2 
Steindenlonalen  in  Mainz,,  auf  gebrannten  Ziegeln  und  auf  Münzen, 
auch  auf  einem  Relief  aus  Heddemheim  vor.  Da  der  Eintritt  der  Sonne 
in  das  Zeichen  des  Steinbocks  die  Winter-Sonnenwende  bezeichnet,  die 
für  Aegypten,  wo  der  Thierkreis  seinen  Ursprung  hat,  die  Zeit  der 
üppigsten  Fruchtbarkeit  ist,  so  hat  das  Zeichen  zunächst  diese  Be- 
deutung, daher  das  Füllhorn  als  Attribut  der  Fortuna  und  Abundantia 
so  oft  mit  demselben  verbunden  ist.  Aber  der  Fischleib  und  die  See- 
muschel, welche  das  Gapricom  mit  den  Vorderbeinen  hält,  bringt  es  in 
Verbindung  mit  den  Wasser-Gottheiten.  So  ist  es  nach  Habel  dar- 
gestellt auf  einem  Basrelief  bei  Piranesi  in  einer  Gruppe  von  Tritonen 
und  Meergdttem,  auch  auf  Münzen  und  geschnittenen  Steinen  in  Be- 
gleitung eines  Ruders,  Ankers  oder  Schiffes.  Die  Verehrung  dieses 
Zeichens  unter  den  römischen  Soldaten  erklärt  sich  auch  daraus,  dass 
Augustus  unter  demselben  geboren  war  und  auch  die  späteren  Kaiser 
es  gern,  wie  er  gethan,  auf  ihre  Münzen  setzten.  *  Merkwürdig  ist 
nun,  dass  auch  der  Dreizack  Neptuns  auf  emigen  Ziegelplatten  als 
Gohortenzeichen  der  22.  Legion  vorkommt,  die  bei  Heddemheim  und 
Nied  gefunden  worden  sind.  Habel')  tadelt  Hansselmann's  Meinung, 
dass  der  Dreizack  als  Feldzeichen  von  der  Gründung  von  Patrae  her- 
rühre, er  sieht  darin  nur  die  mächtige  Waffe,  von  den  Gyklopen 
geschmiedet,  die  den  Titanen  furchtbar  war.  Des  Letzteren  Ansicht 
gründete  sich  darauf,  dass  man  von  der  22.  Legion  auch  Golonie- 
münzen  von  der  Stadt  Patrae  in  Achaia  finde,  auf  deren  Rückseite 
dn  stehender  Neptun  mit  dem  Dreizack  gebiUet  ist.  HabeP)  bildet 
gebrannte  Ziegel  mit  den  Gohortenstempeln  der  22.  Legion  ab,  auf 


*)  Annalen  a.  a.  0.  ü,  3.  Heft,  S.  98. 
>)  Annalen  a.  a.  0.  IL  8.  Heft  S.  151. 
*)  Annalen  a.  a.  0.  3.  Heft  Tab.  V. 


j. 


Ein'römbolier  Fond  in  Bandorf  bei  Obex^vinter.  116 

den  Figg.  5  und  6  ist  es  der  Dreizack  Neptuns  auf  Ziegeln  von  Mainz  und 
Heddemhdm.  Auf  dem  Backstein  der  22.  Legion,  Fig.  4,  siebt  er  den 
Donnerkeil  Jupiters;  er  hat  an  beiden  Enden  einen  harpunenartigen 
Dreisack,  während  von  dem  mittlem  Theil  des  Keils  jederseits  3  Zacken 
abgehen.  Hansseimann  £and  denselben  Stempel  auf  gebrannten  Platten 
eines  Lakonikums  bei  Oehringen  und  ist  zweifelhaft,  ob  die  Figur  als 
Zeichen  der  ersten  Gohorte  anzusehen  sei  oder  einen  doppelten  Drei- 
zack Neptuns  darstellen  soll.  Das  fragliche  Zeichen  ist  das  von  uns 
schon  besprochene  auf  der  Bronzepyramide  von  Heddemheim.  Wie- 
wohl Habel  auf  die  mannigfaltige  Art  der  Darstellung  des  Fulmen 
aufinerksam  macht,  das  bald  als  zusammengerollter  Keil  ohne  Blitz- 
strahl, bald  angerollt  mit  dem  Blitze  dargestellt  werde,  dessm  Strahlen 
bald  gezackt  oder  ungezackt,  bald  mit  oder  ohne  Widerhacken  er- 
scheinen,  der  auch  zuweilen  geflügelt  vorkommt,  so  passt  doch  keines 
dieser  Bilder  auf  das  vorliegende  Zeichen,  das  in  der  That  wie  ein 
doppelter  Dreizack  aussieht  und  in  dem  Doppelbeil,  welches  Mithras 
auf  der  Heddemheimer  Bronzepyramide  in  der  Bechten  hält,  ein 
Gregenbild  hat.  Es  sei  hier  noch  angeführt,  dass  auf  Ziegeln  der  22. 
Legion  noch  andere  Zeichen  vorkommen,  von  denen  viele,  wie  das  mit 
Strahlen  umgebene  Haupt  des  Apollo,  der  Halbmond,  Löwe  und  Stier, 
wie  Habel  selbst  hervorhebt,  in  den  Mithrischen  Bilderkreis  gehören, 
woraus  wir  schliessen  dürfen,  dass  diese  Legion  dem  Mithrasdienst 
ganz  besonders  ergeben  war,  nicht  aber,  was  jener  Forscher  damals 
glaubte,  dass  sie  denselben  aus  Aegypten  mitgebracht  habe. 

Der  Kopf,  Taf.  XHI  Fig.  3  und  4,  dessen  üppiges  Haupthaar  und 
Bart  einen  Gott  erkennen  lässt,  bietet  der  Forschung  manches  Eigen- 
thOmliche.  Während  die  Ära  und  das  Neptunbild  aus  Jurakalk  be- 
stehen, ist  der  Kopf  aus  Sandstein  gefertigt.  Die  glatte  untere  Fläche» 
auf  der  er  stehen  kann,  lässt  vermuthen,  dass  er  nicht  von  einer 
Statue  abgeschlagen  ist,  sondern  als  blosser  Kopf  aufgestellt  war. 
Bemfflicenswerth  ist,  dass  unter  den  zahlreichen  römischen  Funden  in 
dar  Umgegend  von  Schwarzerden,  wo  auch  ein  Mithrasbild  auf  einer 
Felswand  erhalten  ist,  auch  ein  in  gleicher  Weise  gearbeiteter  Kopf 
aas  Sandstein  von  VU  Fuss  Höhe  sich  befindet,  dessen  herabwallende 
Locken  eine  Art  phrygischer  Mütze  deckt,  welche  auf  ein  Mithrasbild 
schliessen  lässt  0-    Derselbe  wird  in  der  Sammlung  des  St.  Wendeler 


^)  Elfter  Bericht  dee  antiquar.  Iiistor.  YereioB  for  Nahe  oad  Hoairüoken 
von  1869—1871.  8.  16. 


116  •     Ein  römisoher  Fand  in  Bandorf  bei  Oberwinter.  • 

AlterthomsvereiDS  aufbewahrt.  Der  in  Bandorf  gefundene  Kopf  ist  nur 
5V2"  Rh.  hoch.  Wiewohl  derselbe  durch  Verwitterung  gelitten,  ist 
doch  erkennbar,  dass  das  Haupthaar,  welches  um  den  ganzen  Kopf 
in  regelmässige  Locken  gelegt  ist  und  einer  Perücke  gleicht,  über  die 
Mitte  der  Stime  herabhing.  Dieser  Umstand  und  das  milde  Lächeln, 
welches  sich  mit  einem  Ausdruck  der  Güte  in  dem  Gesichte  ausspricht, 
weisen  auf  den  Pluto.  Herrn  Prof.  Bergk  hierselbst  fiel  sogleich  die 
Aehnlichkeit  dieses  Kopfes  mit  dem  eines  Pluto  aus  der  Sammlung 
des  Palazzo  Ghigi  in  Rom  auf  0 ;  sie  zeigt  sich  namentlich  im  Ausdruck 
des  Mundes  und  in  der  Behandlung  des  Bartes.  Schon  Winckelmann*} 
-giebt'an,  dass  sich  dieser  Gott  durch  das  Herunterhängen  der  Haare 
über  die  Stime  vom  Jupiter  unterscheide,  bei  dem  sie  sich  von  der 
Stime  erheben.  Wenn  aber  Winckelmann ")  sagt,  dass  Jupiter  mit 
einem  heiteren  Blicke  gebildet  werde  und  die  Köpfe,  die  keinen  gnä- 
digen und  gütigen  Blick  haben,  dem  Pluto  zuweist,  so  bemerkt  Meyer 
zu  dieser  Stelle,  dass  zwei  Köpfe  des  Pluto  und  Serapis  keineswegs 
diese  strenge  Miene,  sondem  ein  gütiges  Aussehen  haben.  Im  Mu- 
seum zu  Mainz  findet  sich  ein  grosser  Steinblock,  den  in  einem  Me^- 
daillon  ein  kolossaler  Plutokopf  schmückt.  Derselbe  ist  an  einem  Pfeiler 
der  festen  Rheinbrücke  zu  Mainz  gefunden,  deren  Erbauung  in  die 
Zeit  der  Garolinger  gesetzt  wird.  Das  üppige  Haar  dieses  Pluto,  der« 
an  dem  Modius  mit  Sicherheit  erkannt  wird,  ist  in  der  ihm  eigen- 
thümlichen  Weise  dargestellt,  sein  Gesichtsausdruck  ist  eher  mild  als 
ernst  oder  furchtbar.  Merkwürdig  erscheint  das  in  regelmässige  Locken 
gelegte  Haupthaar  des  uns  vorliegenden  Kopfes,  welches  auf  Taf.  XIV 
Fig.  1  in  der  hintem  Ansicht  dargestellt  ist.  Dasselbe  ist  verschieden 
von  den  steifen  wulstigen  Perücken  der  Matronen  der  spätem  römi- 
schen Zeit.  Ein  stufenförmig  gekräuseltes  und  in  parallel  laufenden 
Rollen  perückenartig  geordnetes  Haar,  coma  in  gradus  formata,  kommt 
indessen  auch  in  früher  Zeit  schon  vor,  wie  ein  zu  Venedig  befind- 
licher Kopf  des  M.  Antonius  zeigt.  PerUckenartig  ist  die  Haartracht 
der  Kaiserinnen  Julia  Domna,  Mammaea,  Plautilla  und  anderer.  Den 
bekannten  Darstellungen  des  Pluto  aus  besserer  Zeit  kommt  eine  solche 
keineswegs  zu,  indem  Winckelmann  dessen  Haar  vielmehr  als  verwirrt 


')  Mosee  Pie-Glement.  Müan,  1819.  Bd.  II  Tab.  a  VI,  Nr.  9. 
*)  Winckelmann  a.  a.  0.  lY.  S.  128. 
')  Winckehnann  a.  a.  0.  YII.  S.  114. 


Ein  römioeher  Fand  in  Bandorf  bei  Oberwinier.  117 

bezeichnet.  Habel  0  bildet,  was  für  unsern  Fond  von  Wichtigkeit  ist, 
ein  zu  Heddernheim  gefundenes  Bronzestflck  ab,  auf  dem  über  den  Brust- 
bildern von  Sonne  und  Mond  ein  bärtiger  Kopf  mit  dem  Scheffelmaas 
auf  dem  Haupte  dargestellt  ist,  also  ein  Jupiter  Serapis  oder  ein  Pluto. 
Das  Kopfhaar  ist  in  regelmässige  Bollen  gelegt  und  von  der  Stime 
aufwärts  gerichtet.  Auch  dieser  Kopf  hat  eine  freundliche  Miene.  Dass 
das  künstlich  geordnete  Haupthaar  auf  den  asiatischen  Ursprung  der 
Mithrasreligion  hindeutet,  könnte  man  vermuthen,  wenn  man  an  die 
in  künstlichster  Weise  mit  zierlichen  Löckchen  versehenen  Köpfe  persi* 
^er  Mithrasbilder  denkt,  die  Lajard  abgebildet  hat,  eine  Mode,  die  auch 
auf  persischen  Münzen  vorkommt,  aber  diese  Bildung  wird  sonst  auf 
unsern  Mithrasdenkmalen  nicht  beobachtet. 

Es  ist  ausserdem  nun  noch  der  Sockel  einer  aufrecht  stehenden 
Statue  gefunden  worden,  auf  dem  ein  halber  Fuss  und  der  Rest  eines 
bis  auf  den  Boden  herabfallenden  Gewandes  sichtbar  ist.  Dieses  Büd- 
werk  war  aus  Jurakalk,  und  nach  dem  Fusse  zu  urtheilen  war  die 
Gestalt  ohngefähr  so  gross  wie  die  unseres  Neptun  oder  Flussgottes. 

Betrachten  wir  nun  die  vollständig  blosgelegten  Fundamente  des 
kleinen  Gebäudes,  in  dessen  Schutte  sich  diese  Bildwerke  nebst  Scher- 
ben von  feinen  und  groben  Thongefässen,  Kohlen,  Thierknochen,  sowie 
einige  Bruchstücke  von  Gläsern,  Münzen,  zahlreiche  Dachziegel,  grös- 
^re  und  kleinere  sehr  sorgfältig  gearbeitete  viereckige  Ziegel,  auch 
einige  runde  Heizziegel,  femer  einige  bronzene  und  eiserne  Geräthe 
gefunden  haben,  so  zeigt  sich,  dass  dasselbe  ein  gleichseitiges  Viereck 
von  13 Va  F.  Rh.  Länge  und  Breite,  Taf.  XIY  Fig.  8,  A,  bildete.  Die  Mauern 
scheinen  bei  der  Anlage  des  Ackers  bis  auf  4 '  Höhe  vom  Grunde  aus 
horizontal  abgetragen  zu  sein,  sie  kamen  in  etwa  2'  Tiefe  zum  Vor- 
schein und  umschliessen  nur  einen  Raum;  die  Mauer  an  der  Nord- 
seite ist  32 ",  die  der  anderen  3  Seiten  nur  20 ''  stark,  die  untersten 
2  Fuss  der  Mauer  sind  um  einige  Zoll  stärker,  so  wie  auch  wir  die 
Fundamente  bauen.  Der  Innenraum  fand  sich  durch  einen  Kalk-  oder 
Gämentstrich  geglättet,  über  dem  wahrscheinlich  Platten  gelegen  hatten. 
Dieser  Boden  lag  etwa  3V2  Fuss  unter  der  Oberfläche  des  Ackers. 
Zwei  an  der  Südseite^es  Gebäudes  wie  Pfeiler  vorspringende  Mauern 
scheinen  den  Eingang  gebildet  zu  haben.  Dafür  spricht  ein  5  Vs'  langer 
und  1'  hoher  Deckstein  aus  Berkumer  Trachyt,  Fig.  8"*",  der  m  der 
Nähe  lag  und  wohl  die  Thürkrönung  bildete;  zwei  scharf  gehauene 


')  Annalen  des  YereinB  för  nass.  AlterthumBk.  I,  Taf.  YU,  Fig.  8,  s. 


/ 

V 


118  Ein  römischer  Fond  in  Baodorf  bei  Oberwinter. 

Tiereckige  Löeher  deuten  darauf,  da8S  er  mit  zwei  Eisen  nach  hinten 
befestigt  war.  Ein  bis  unter  das  Fundament  an  der  Westseite  gegra- 
benes Loch  zeigte,  dass  der  ganze  Boden  hier  jetzt  von  Quellwasser 
durchdrungen  ist.   Das  Gebäude  liegt  regelmässig  zwischen  3  Wegen, 
die  seinen  Seiten  parallel  laufen  und  nach.Sttden  und  Norden  etwa  25% 
nach  Osten  36'  davon  entfernt  sind.    Vor  der  Ostseite  des  Hauptge- 
bäudes wurde  in  nur  4^1% '  Entfernung  das  Mauerwerk  eines  zweiten  klei- 
nem viereckigen  Baues,  Fig.  8,  B,  gefunden,  der  mit  semer  nördlichen 
Mauer  genau  in  der  Frontlinie  des  ersten  Gebäudes  lag.  Dieser  klei- 
nere Bau  hatte  nur  6Vs  'Länge  und  5Vs'  Breite.  Die  Mauerdicke  be- 
trug 15".  .In  seiner  westlichen  Mauer  war  ein  kleiner  Tu£bteinsarg 
eingelassen,  mit  rundlicher  Vertiefung  und  eigenthfimlich  verzierter 
Vorderseite.  Wiewohl  man  zunächst  schon  mit  Rflcksicht  auf  die  Kep- 
tunstatue  an  einen  Brunnensarg  denken  konnte,   an  dem  aber  eine 
Ausflussöffliung  fehlte,  stellte  sich  doch  bald  aus  der  ganzen  Anord- 
nung und  dem  Umstand,  dass  einige  Kohlen-  und  Knochenreste  in  der 
Vertiefung  lagen,   heraus,  dass  der  Sarg  eine  Aschenkiste  war,   wie 
solche  in  hiesiger  Gegend  mehrfach  gefunden  und  einige,  auch  aus 
Tuff    gefertigte    im    WaUraff'schen  Museum     in    Göln    aufbewahrt 
werden.  Die  Aschenkiste  ist  28  V2''  lang,   14"  breit  und  1272''  hoch. 
Die  Vorderseite  hat  in  der  Mitte  eine  Inschrifttafel  von  der  gewöhn- 
lichen Form,  wie  sie  zweimal  auf  dem  Mithrasbild  von  Ladenburg, 
•aber  auch  auf  Votivsteinen  vorkommt,   z.  B.  auf  Nr.  52  und  Nr.  667 
des  Brambach'schen  Werkes,  der  letztere  ist  aus  der  Zeit  des  Nerva 
Trajan.  Auch  eine  Platte  an  der  Wand  eines  Hauses  in  Pompcqi  mit 
einer  öfifentlichen  Ankündigung  hat  diese  Form,   ebenso   die  Schwelle 
dnfö  andern  Hauses  mit  der  Aufschrift  Salve  ^).    Neben  dieser  Tafel 
ist  die  Vorderseite  mit  Rauten   und  Zickzacklinien  verziert,  die,  wie 
die  deutlichen  Reste  der  Farbe  zeigen,  roth  und  weiss  gemalt  waren, 
wie  es  in  unserm  Bilde  Taf.  XIV  Fig.  2   dargestellt  ist.    Da  auf  der 
Tafel  eine  eingehauene  Inschrift  sich  nicht  befand,  darf  man  vermu- 
then,  dass  eine  solche  darauf  geschrieben  war.  Trotz  einiger  Farben- 
reste darauf  kann  aber  doch  keine  Spnr  einer  Schrift  mehr  erkannt 
werden.  Der  ganze  Raum  ist  demnach  fUr  eine  Grabstätte  zu  halten, 
die  vielleicht  frtther  nach  Art  der.Columbarien  mehrere  solcher  Aschen- 
behälter oder  auth  Urnen  enthielt.    Als  die  Mauerreste  blosgelegt 
wurden,  zeigte  sich  der  Innenraum  sorgfältig  mit  zerbrochenen  Dach- 


')  Ani.  Rieh,  niuBtr.  Worterb.  p.  19  und  661. 


Ein  römiscber  Fund  in  Buidorf  bei  Oborwinter.  110 

pfannen  zugedeckt,  aus  welchem  Umstände,  sowie  aus  dem  Mangel  an 
Orabgefiissen  man  scUiessen  moss,  dass  diese  Grabjstätte,  yielleicht 
beim  Wegrilumen  der  Beste  dieser  Gebäude,  schon  einmal  aufgedeckt 
worden  war  und  als  ein  geweihter  Ort  in  der  bezeichneten  Art  vor 
gänzlicher  Zerstörung  geschützt  werden  sollte.  Auffallend  bleiben  die 
hier  gefundenen  18  Münzen,  von  denen  nur  6  in  der  Eiste,  die  an- 
dern davor,  ursprOnglich  aber  wohl  bei  der  Asche  lagen.  Von  einem 
Deckel  der  Kiste  fand  sich  keine  Spur.  Im  Mainzer  Museum  stehen 
solche  Aschenkisten  mit  rundlicher  Vertiefung,  in  einer  sind  mehrere 
Glasgefässe,  auch  eine  Münze  enthalten,  die  über  den  Enochenresten 
liegen.  Das  Museum  in  Wiesbaden  enthält  solche  Aschensärge,  die 
im  Innern  viereckig  sind. 

Die  meisten  Gegenstände  wurden  in  dem  vor  der  Süd-  und  Ost- 
seite des  Gebäudes  liegenden  Schutte  gefunden,  und  zwar  bei  A,  Taf. 
XIV  der  Mithrasaltar,  bei  N  die  Neptunstatue,  bei  E  der  Kopf,  im  In- 
nenraum bei  P  die  grosse  Steinplatte,  bei  M  die  Münzen.  Die  grossen 
Ziegel  Fig.  13  sind  genau  viereckig,  11''  lang  und  breit,  1''  10'" 
dick,  viele  sind  auf  einer  Seite  mit  schräg  sich  kreuzenden  Rinnen  versehen, 
die  kleineren  sind  4"  lang,3Va"  breit  und  1"  2/"  dick.  Auch  dünnere 
Platten  kamen  vor,  wie  zum  Belegen  der  Wände  auf  einer  Seite  mit  wellen- 
förmig gekrümmtei^  Rinnen  zur  bessern  Verbindung  mit  dem  Mörtel.  Die 
runden  Heizziegel  haben  7V2'' Durchmesser  und  sind  2"  dick.  Ausser- 
dem wurden  mehrere  4 "  breite  und  5 "  lange  viereckige  Plättchen  ge- 
fanden, Fig.  11,  und  vier  wahrscheinlich  dazu  gehörige  scharfkantige 
5"  breite,  47«"  lange  und  2V2"  hohe  dachförmige  Steine,  Fig.  12, 
beide  aus  Jurakalk,  deren  Verwendung  unbekannt  ist.  Zahlreich  waren 
die  Bruchstücke  schwerer  Dachpfannen,  sie  sind  16"  hoch  und  gerade 
1 "  breit,  einige  waren  ganz  geblieben.  Dabei  fanden  sich  die  thönemen 
Wulste,  welche  die  aufstehenden  Seitenwände  zweier  aneinander  lie- 
genden Pfannen  bedeckten,  eine  Einrichtung,  die  wir  beim  Legen  von 
Zinkdächem,  die  Italiener  aber  an  Ziegeldächern  noch  heute  nach- 
ahmen ;  es  sind  die  imbrices  und  tegulae  der  Schriftsteller.  Auf  Taf. 
XIV  Fig.  9  ist  diese  Art  der  Bedachung  genau  angegeben,  zumal  in 
der  Profilzeichnung  sieht  man,  wie  zweckmässig  die  obem  Zi^el  auf 
den  unteren  ruhten.  Diese  Dachpfannen  sind  so  schwer,  dass  man 
annehmen  soUte,  nur  die  in  Stein  gewölbten  Häuser  seien  auf  diese 
Weise  gedeckt  gewesen.  Auf  der  Säule  des  Marc  Aurel  und  auf  der 
Trajanssäule  in  Rom  sind  Häuser  mit  solchen  Dächern  abgebildet,  am 


120  Ein  römiaoher  Fund  in  Bandorf  bei  Oberwinter. 

deatlichsten  auf  Tab.  112  des  die  letztere  illustrirenden  Werkes  0- 
Im  Museum  von  Wiesbaden  hat  Oberst  von  Gehäusen  ein  römisches 
Pfannen*  und  ein  Schieferdach  aufstellen  lassen.  Das  erste  hat  genau 
die  Construction,  wie  sie  hier  gezeichnet  ist.  Der  Umstand,  dass  von 
Cohausen  auch  Ziegelplatten  gefunden  hat,  die  am  Seitenrande,  wo  sie 
von  dem  Hohlziegel  bedeckt  sind,  Löcher  haben,  lässt  nur  die  Deutung 
2U,  dass  hier  Holzpflöcke  oder  eiserne  Nägel  die  Pfannen  auf  den 
•  Dachsparren  befestigt  haben,  dass  also  auch  in  Holz  gebaute  Dilcher 
80  gedeckt  waren.  Müller  giebt  an,  dass  der  unterste  der  Hohlziegel, 
um  die  Höhlung  zu  verbergen,  am  Kopfe  mit  einer  Platte  versehen 
zu  sein  pflegte,  die  man  mit  Zierrathen  schmückte,  wie  deren  Hirt 
abgebildet  hat.  Dass  die  Römer  auch  schon  Dachschiefer  benutzten, 
ist  wenig  bekannt,  aber  schon  von  Habel  mitgetheilt  worden ').  In 
Ant.  Rieh's  Illustr,  Wörterbuch  der  römischen  Alterthümer,  übers,  von 
G.  Müller,  Leipzig  1862,  ist  als  Probe  des  römischen  Ziegeldaches  das 
Dach  des  Portico  der  Octavia  zu  Rom  abgebildet,  dessen  Ziegel  von 
weissem  Marmor  sind. 

Von  den  22  Münzen  in  Kleinerz  wurden  4  in  dem  Schutte  vor 
dem  Hauptgebäude  gefunden,  es  sind  ein  Glaudius  mit  dem  Revers: 
Felicitas  Aug.,  ein  Grispus,  R. :  Glaritas*  reipublicae,  ein  Gratianus,  R. 
Gloria  novi  saeculi,  ein  Valens,  R. :  Securitas  reipublicae.  Die  übrigen 
18  lagen  in  dem  inn^n  Raum  der  Grabstatte  und  6  in  dem  Aschen- 
sarge selbst.  Es  sind  die  folgenden:  ein  Antoninus  pius,  eine  Faustina 
(junior),  ein  Gordianus,  R.:  Laetitia  aug.,  zwei  Tetricus,  R.:  Salus  aug., 
ein  Probus,  R :  Felicitas  sec,  eine  Helena  (I),  R. :  Fax  publica,  zwei 
Gonstantinus  (Magnus),  R.:  Soli  invicto  comiti  und  Beata  tran- 
quillitas,  zwei  Urbs  Roma,  R.*.  die  Wölfin  mit  Romulus  und  Remus, 
zwei  Gonstantinopolis,  ein  Gonstantius  (junior),  R.  Gloria  exercitus,  ein 
Magnentius,  R.:  Gloria  Romanorum,  zwei  Valens,  R.:  SeCuritas  reipu- 
blicae und  Gloria  Romanorum,  ein  Gratianus,  R.  Gloria  novi  saeculi. 
Alle  diese  Münzen  gehören  mit  Ausnahme  der  des  Antoninus  pius  und 
der  Faustina,  die  durch  den  längern  Gebrauch  auch  fast  unkenntlich 
sind,  dem  3.  und  4.  Jahrhundert  an  ^).  Unter  den  Scherben  von  Thon- 

^)  Golumna  Gochlis  M.  Aarelio  Antonino  Aag.  dio.  Roma  1704  und  P.  S. 
Bartoli,  Golonna  Trajana  Tab.  112. 

')  Annalen  des  Vereins  für  nassauisehe  Alterthomsk.  und  GeBchichtsf.  I, 
2.  and  8.  Hft.  Wiesb.  1830.  8.  160. 

')  Später  worden  noch  9  Münzen  im  Schutte  gefanden,  daronter  eine  äl- 
tere Faustina,  R.:  Angnsta,  ein  Claadius,  R.:  Yirtas  Aug.,  ein  Grispus,  R.:  wie 
oben,  ein  Yalens,  R. :  Securitas  reipublicae. 


£m  römiiolier  Fond  in  Baadorf  bei  Oberwinter.  181 

gdäasen  waren  Stücke  von  Schalen  ans  feiner  rother  terra  sigülata, 
ein  kleines  Schälchen  aus  gelbem  Thon,  Taf.  XIV  Fig.  3,  die  Bruch- 
stücke mehrerer  grosser  bauchiger  Gefasse  mit  1  F.  weiter  Oeffnung, 
deren  eines  ergänzt  dargestellt  ist,  Fig.  4;  in  der  Wandung  sind  die- 
selben fast  1 "  dick,  der  dicke  obere  Sand  hat  eine  vertiefte  Ausguss- 
öfibung.  Ausser  der  ein&chverzierten  bronzenen  Fibula,  Fig.  5  wurde 
ein  dünner  Bronzering,  Fig.  6,  und  em  aus  3  zusammengedrehten 
Bronzedrfihten  bestehender  Henkel,  Fig.  7,  der  wahrscheinlich  einer 
kleinen  Schale  angehörte,  gefunden ;  ferner  ein  grosser  eiserner  Meis- 
sei,  Fig.  15,  und  ein  eiserner  Löffelbohrer,  Fig.  16,  ein  in  römischen 
Gebäuden  häufig  vorkommendes  Werkzeug,  welches,  wiewohl  in  dieser 
Form  veraltet,  noch  jetzt  von  unseren  Schreinern  gebraucht  wird. 
Unter  einigen  Glasscherben  ist  ein  flaches  2'"  dickes  Stück  hellgrü- 
nen fast  weissen  Glases  mit  rund  geschliffenem  geradem  Bande  be- 
merkenswerth,  es  ist  auf  einer  Seite  mattgeschliffen,  auf  der  andern 
glänzenden  sieht  es  wie  gegossen  aus;  man  kann  dasselbe  nur  für 
das  Bruchstück  einer  Fensterscheibe  halten;  ein  Stück  azurblauen 
Glases,  von  einer  Schale,  ohne  Spur  einer  chemischen  Veränderung, 
zeichnet  sich  durch  die  Schönheit  der  Farbe  aus.  Auch  A.  von  Co- 
hausen  0  hat  bei  der  Saalburg  Bruchstücke  römischen  Fensterglases 
ausgegraben,  deren  Beschreibung  fast  vollkommen  auf  unser  Stück 
passt.  jpDas  Glas  ist  hellgrün,  klar  durchsichtig  und  gut  erhalten;  die 
untere  Fläche  der  rechtwinkeligen  Scheiben  ist  eben,  aber  rauh  und 
daher  blind,  während  die  Oberfläche  sanfte  Unebenheiten,  aber  voll- 
kommene Glätte  und  Glanz  zeigt.  ^  Die  Bänder  sind  an  dem  Glase 
der  Saalburg  rundlich  geflossen,  als  sei  die  glühende  Glasmasse  durch 
einen  Bahmen  begrenzt  worden,  wodurch  die  Bänder  des  Glases  wul- 
stig anschwollen.  An  dem  Glase  von  Bandorf  ist  der  Band  rund- 
lich abgeschliffen.  Die  Knochen  sind  Ueberreste  vom  Schwein  und 
vom  Ochsen  und  eine  Geweihspitze  vom  Hirsch.  Die  Mauern  sind 
aus  Bruchsteinen  von  Thonschiefer  hergestellt,  aber  mannigfaltig  waren 
die  Gesteine,  die  sich  im  Schutte  fanden,  Berkumer  Trachyt,  Basalt, 
abgerundete  StUcke  von  Jurakalk,  grauer  Sandstein,  Brohler  Tuff,  ein 
Tuff  mit  grossen  Bimssteinstücken. 

Suchen  wir  nun  die  in  Bandorf  entdeckten  Mauerreste,  welche  den 
vollständigen  Grundriss  der  dort  gestandenen  römischen  Gebäude  uns 
vor  Augen  stellen,  mit  den  auf  derselben  Stelle  gefundenen  Alterthü- 

')  „Römischer  SohmebMobmiiok''  in  den  AniuJeD  des  Vereins  fär  nsss. 
AHerthiimsk.  XU,  Wiesbaden  1878. 


13d  Ein  römiseher  Fund  in  Bftndofff  bei  Obarwinier. 

mern  in  einen  Zusammenhang  zu  bringen,  so  erscheint  als  das  Wahr- 
scheinlichste» dass  hier  ein  kleiner  Mithrastempel  gestanden  hat,  in 
welchem  aach  die  Bilder  anderer  Götter  aufgestellt  waren;  dabei  be- 
fand sich  ein  laufender  Brunnen  mit  dem  Neptunbilde  und  ganz  in  der 
Nähe  auch  noch  eine  Grabstätte.  Die  Inschrift  der  Ära:  pro  bono  communi 
deutet  vielleicht  darauf,  dass  der  an  drei  Wegen  liegende  Brunnen  ein 
öffentlicher  war.  Der  nur  ISVa"  im  Gevierte  messende  Raum  des  Haupt- 
gebäudes erscheint  zu  klein  für  ein  Wohnhaus,  während  der  beschränkte 
Raum  der  Büthrastempel  auch  anderwärts  beobachtet  ist  ^).  Die  iä 
demselben  gefundene  grosse  Steinplatte,  die  wegen  der  daraufliegenden 
Kohlenreste  für  eine  Heerdplatte  gehalten  wurde,  sowie  die  übrigen  im 
Schutte  gefundenen  Gerätbschaften,  selbst  eine  Heizvorrichtung,  kön- 
nen ebensowohl  mit  dem  Tempelbau  als  mit  einer  Wohnstätte  in  Ver- 
bindung gebracht  werden.  Sehr  merkwürdig  ist  es,  dass  die  Richtung 
des  Gebäudes  gegen  den  Himmel,  wie  die  dem  Grundriss  auf  Taf .  XIV 
beigefügte  Polangabe  zeigt,  genau  dieselbe  ist,  wie  die  der  beiden 
Mithrastempel  von  Heddemheim  ■).  Die  Platte  kann  der  Altarstdn  ge- 
wesen sein.  Dass  man  eine  Grabstätte  nahe  einem  Tempel  baute,  ist 
zwar  kein  im  römischen  Alterthum  gewöhnliches  Vorkommen,  ab«: 
eine  dem  menschlichen  Gefühle  zusagende  Sitte,  die  sowohl  in  der 
germanischen  Vorzeit  Gebrauch  war,  indem  man  in  der  Regel  bei  den 
heidnischen  Opferstätten  auch  die  Todtenäcker  findet,  als  auch  bei  den 
Christen  in  Uebung  blieb,  die  zuerst  in  den  Katakomben  bei  den  Grä- 
bern ihren  Gottesdienst  feierten  und  dann  in  den  Kirchen  oder  in 
deren  Nähe  die  Todten  bestatteten,  bis  erst  in  unserer  Zeit  aus  Rück- 
sicht für  die  Gesundheit  die  Kirchhöfe  in  den  Städten  untersagt  und 
die  Begräbnissplätze  ausserhalb  derselben  angelegt  wurden.  Da  der 
Mithrasdienst  ursprünglich  in  Höhlen  oder  unterirdischen  Räumen  ge- 
feiert vrurde,  so  war  bei  der  angeordneten  Ausgrabung  darauf  unsere 
Aufmerksamkeit  gerichtet ;  an  der  Fundstätte  fand  sich  indessen  nichts 
der  Art,  doch  verdient  es  angeführt  zu  werden,  dass  die  Einwohner 
von  Bandorf  auf  Befragen  eine  nur  einen  Steinwurf  von  dem  Fundort 
^tfemte  Stelle  am  Berge  bezeichneten,  wo  sich  früher  eine  Höhle  be- 
funden habe,  die  man  die  Kohlkaul  nannte;  sie  ist  jetzt  verschüttet 
und  kann,  da  im  Bandorfer  Thale  und  seinen  Umgebungen  zu  ver- 
schiedenen Zeiten,  wie  noch  heute,  auf  Kupfer,  Blei  und  Eis^erz 


')  Annslen  des  Vereins  für  nara.  Alterihomik.  II,  8.  92. 
^  A.  ft.  0.  I,  2.  u.  3.  Hft.  Taf.  lY  a.  V. 


V- 


Ein  rdnoBOlier  Fimd  in  Bndorf  bei  Ot^rwintor.  198 

Bergbau  getrieben  vatde,  ein  alter  Stollen  oder  Schacht  gewesen  sän. 
In  der  Nähe  des  Mithrasdenkmals  von  Schwarzerden,  sowie  bei  dem 
freilich  irrthflmlich  als  Bfithräum  bezeichneten  Denkmal  vdn  Schwein- 
adned  sind  Höhlen,  die  merkwürdiger  Weise  beide  vom  Volke  »das 
Wildfranloch«  genannt  werden.  Von  der  letzteren  giebt  Engelmann  an, 
dass  sie  ein  verschütteter  Stollen  sein  könne,  wie  es  deren  in  jener 
Gegend  viele  gebe.  Als  eine  Erinnerung  an  die  Bömerzeit  kann  es 
wohl  gedeutet  werden,  dass  das  neben  der  Fundstätte  gelegene  grosse 
Ackerfeld,  auf  dem  das  Haus  des  Loosen  steht,  und  die  Fundamente 
starker  Mauern  in  der  Erde  liegen,  noch  heute  in  der  Eatasterkarte 
der  »Hermes-Ackert  heisst.  Da  es  in  den  letzten  Jahrhunderten  in 
unserer  Gegend  ni^nals  üblich  war,  Felder  mit  den  Namen  der  Be« 
sitzer  zu  bezeichnen,  so  darf  man  diese  Benennung  vielleicht  für  eine 
römische  halten.  An '  den  griechischen  Gott  Hermes  ist  dabei  wohl 
nicht  <zu  draken,  sondern  an  den  römischen  Familiennamen  Hermes, 
der  in  unsem  Bheingegenden  mehrmals  auf  Inschriften  vorkommt,  so 
bei  Brambach  auf  Nr.  1629  aus  dem  Schwarzwaldkreis,  auf  Nr.  1064 
aus  Mainz  und  auf  Nr.  2005. 1  aus  Wiesbaden.  Doch  ist  es  auffallend, 
dass  an  dem  grossen  Mitfarasbilde  von  Heddemheim-  in  den  vier 
Ecken  Köpfe  angebracht  sind,  die  wie  Mercur  mit  Flügeln  ver- 
sdien sind.  Auch  wurde  in  diesem  Mithrastempel  eine  Statue  des  Mer- 
cur gefunden.  Wichtiger  ist  noch;  dass  ein  nahe  dem  Fundort  zwisdien 
Unkelbach  und  Bemagen  gelegener  Berg  noch  jetzt  der  Sonnenberg 
heisst,  welcher  Name  wohl  als  eine  Erinnerung  an  den  hier  einst  ge- 
übten Scmnendienst  betrachtet  werden  kann. 

Die  Ausbreitung  der  ursprünglich  persischen  Mithrasreligion  im 
römischen  Beiche,  die  wie  ein  Vorläufer  des  Christenthums  angesehen 
werden  kann,  bietet  ein  besonderes  Interesse  für  die  Culturgeschichte. 
Während  dne  Verehrung  der  Sonne  und  der  Gestirne  mit  den  ersten 
Begnügen  des  religiösen  Gefühls  im  Menschen  sich  zu  verbinden  pflegt 
und  sich  desshalb  in  den  ältesten  Beligionen  wie  bei  lebenden  rohen 
Völkern  so  gewöhnlich  findet,  wobei  indessen  die  Verehrung  des  Mon- 
des, als  des  dem  Menschen  näher  stehenden  und  bekannteren  Gestirnes 
älter  ist,  als  der  Sonnendienst,  *  ist  es  gewiss  eine  auffallende  Erschei- 
nung, dass  ein  so  alter  Gultus  mit  neuen  und  voUkommneren  Vor- 
stellungen von  der  Gottheit  gerade  in  einer  Zeit  verfeinerter  Geistes- 
bildung und  Cultnr  dem  Glaubensbedürfhisse  der  Menschen  wieder 
näher  tritt  und  die  Verehrung  dnes  allmächtigen  und  höchsten  Gottes 
unter  dem  Bilde  der  Sonne  an  die  Stelle  der  Vielgdtterd  setzte  womit 


»- 


134  £in  römifoher  Fund  in  Baadorf  tiei  Oberwiater. 

eine  sinnliche  AufiEassung  der  Natur  Erde  und  Himmel  belebt  und 
sich  verständlich  gemacht  hatte.  Wiewohl  unzweifelhaft  dieser  Ver- 
ehrung dei'  Sonne  schon  die  einfache  Ueberlegung  des  Menschen  zu 
Grunde  liegt,  dass  er  dem  Tagesgestim,  seinem  Lichte  und  seiner 
Wärme  alle  Gaben  des  Lebens  zumeist  verdankt,  so  dürfen  wir  doch 
heute  hinzufügen,  dass  diese  Ansicht  auch  von  der  gegenwärtigen  Wis- 
senschaft die  glänzendste  Bestätigung  erfahren  hat,  indem  diese  in  der 
Lehre  von  der  Verwandlung  der  Kraft  jede  in  der  Natur,  in  den  Pflan- 
zen und  Thieren  wie  im  Menschen  wirksame  Kraft  auf  die  Sonne  zu- 
rückzuführen im  Stande  ist.  Ganz  besonders  hatten  die  Perser  den 
Sonnendienst  ausgebildet,  der  auch  in  Syrien  der  herrschende  war  und 
hier  mit  dem  Baaldienst  der  Babylonier  und  Phönizier  zusammenhiog. 
Im  Baal  wurde  die  befruchtende  Kraft  verehrt.  Auch  der  höchste  Gott 
der  Aegypter,  Osiris,  war  Führer  des  Sonnenjahres,  sein  Sinnbild  der 
Stier>  ein  bezeichnendes  Bild  der  Kraft  und  Fruchtbarkeit.  In  den 
Mithrasbildem  wird  der  Stier  als  die  dem  Lichte  entgegengesetzte 
irdische  Natur  gedeutet;  am  Pallaste  von  Persepolis  aber  überwindet 
der  Löwe  den  Stier.  Auch  im  indischen  Alterthum  fehlen  diese  Vor- 
stellungen nicht.  Mitras  ist  in  einem  Hymnus  des  Zendavesta  die  höchste 
Macht  des  Lichtes,  ein  streitender  Held  und  Gegner  aller  finstem  Da* 
monen,  der  auf  gewaltigem  Schlachtwagen  daherfährt.  Die  Sonne  über- 
windet Nacht  und  Winter;  den  Mitra  nannte  man  Mittler  zwischen 
Licht  und  Finstemiss  ^).  Nach  Lactantius ')  haben  die  Perser  die  Sonne 
in  Höhlen  gefeiert,  die  Stierhörner,  welche  Mithras  in  Händen  hält, 
sind  auf  die  Mondsicheln  zu  beziehen,  denn  Luna  wird  die  zweihömige 
genannt.  Daher  auch  der  Stier  in  Mithrasbildem  mit  mondsichelför- 
migen Hörnern  abgebildet  ist.  Stark  bezieht  gewiss  mit  Recht  den 
Skorpion,  den  Hund,  die  Aehren,  die  Schlange,  das  Wassergefäss,  den 
Raben  auf  den  Mithrasdarstellungen  auf  die  Sternbilder  der  Ekliptik; 
die  in  Dormagen  gefundenen  12  Kugeln  verschiedener  Grösse  er- 
innern an  die  12  Monate  des  Sonnenjahres.  Auf  dem  grossen  Mithras- 
bilde  von  Heddemheim  ist  die  Ekliptik  mit  den  12  Sternbildern  voll** 
ständig  dargestellt^).  Deutet  der  Baum  unseres  Neptunbildes  nicht 
auch  auf  den  Mithras? 


*)  L.  Preller,  Römische  Mythologie.  Berlin  1858. 

>)  Vgl.  E.  B.  Stark,   über  die  Büthrassteine  von  Dormagen.  Jahrb.  XLVI 

leed.  8. 16.  ' 

')  Annalen  des  Yereios  f&r  naisauische  Alierthamskunde;  Wiesbaden  1890 
I,  2.  n.  8.  Hft.  Tab.  I.  '    « 


Ein  rdnÜMlier  Fond  in  Bandorf  bei  Oberwintar.  19S 

Man  pfl^  die  Verbreitang  der  Mithrasreligion  unter  den  römi- 
schen Kaisern  aus  dem  Zusammenfliessen  der  religiösen  YorsteUangeii 
der  Terschiedensten  Völker  des  Alterthums  zu  erklären,  während  frflher 
mit  grosser  Strenge  der  römische  Gottesdienst  von  fremder  Beimischung 
rein  erhalten  wurde ;  denn  im  letzten  Jahrhundert  vor  Christus  wurde 
der  ägyptische  Gottesdienst  als  schändlicher  Aberglaube  in  Rom  wie- 
derholt verboten.  Auch  will  man  in  der  Annahme  der  neuen  Religion 
rine  Rttckkehr  zu  einer  mehr  innerlichen  und  einfacheren  Gottesver- 
ehrang,  im  Gegensatze  zu  einem  prunkvollen  aber  glaubenslosen  Got- 
tesdimst  in  den  Tempeln  so  vieler  verschiedener  Götter  erkennen.  Es 
ist  aber  wohl  richtiger,  dieselbe  als  einen  Fortschritt  in  der  Entwick- 
lung des  religiösen  Denkens  zu  bezeichnen,  der  in  einer  hochgebildeten 
Zeit  nicht  ausbleiben  konnte.  Hatte  doch  dieser  Gottesdienst  so  Man- 
ches mit  dem  christlichen  Cultus  gemein,  dass  die  Kirchenväter  sich 
veranlasst  sahen,  die  Bekenner  des  Ghristenthums  gerade  vor  einer 
Vermischung  mit  dieser  Religion  ausdrücklich  zu  warnen.  Die  Bezeich- 
nung des  Teufels  als  Lucifer  bezeugt,  welcher  Verachtung  man  diesen 
heidnischen  Glauben  Preis  gab.  Das  Stieropfer  war  ein  Sühnopfer,  in 
dem  in  der  Borghesischen  Samndung  aufbewahrten  Bilde  leckt  ein 
Hund  begierig  das  Blut  des  Opferthiers,  und  daneben  stehen  die  Worte: 
nama  sebesio(n),  beiliges  Blut  Liegt  nicht  dieselbe  Vorstellung  auch  der 
christlichen  Religion  zu  Grunde?  Ein  anderes  Mal  kommen  auf  einer 
Inschrift  die  Worte :  nama  cunctis  vor,  die  als  )»das  für  Alle  vergossene 
Blatt  gedeutet  zu  werden  pflegen.  Diese  in  der  Villa  des  Hadrian  zu 
Tivoli  gefundene  Inschrift  hat  indessen,  worauf  mich  Herr  Prof.  Bergk 
aufmerksam  machte,  eine  ganz  andere  Bedeutung.  Sie  lautet ') :  Soli 
Invicto  Mithrae  |  sicut  ipse  se  in  visu  |  jussit  refid  |  Victorinus  Caes. 
N  I  vema  dispensator  |  numini  praesenti  suis  in  |  peudls  refidendum  | 
coravit  dedicavitque  |  nama  cunctis.  Diese  Worte  dürfen  mit  grösster 
Wahrscheinlichkeit  auf  die  Herstellung  eines  Götterbildes  und  auf  die 
Fassung  einer  dem  öfientlichen  Gebrauche  bestimmten  Quelle  bezogen 
werdm.  Ist  diese  Ansicht  richtig,  so  würde  das  Denkmal,  wozu  diese 
Inschrift  gehört  hat,  mit  unserm  Bandorfer  Funde  eine  auffallende 
Uebereinstimmung  zeigen;  das  pro  bono  communi  unserer  Ära  würde 
dem  nama  cunctis  entsprechen  und  auf  die  Quelle  hindeuten,  die  aus 
der  Urne  unseres  Brunnengottes  floss.   Nur  durch  eine  Reihe  strenger 


>)  G.  Zoega's  Abhandl  herausg.  ron  Welckei^  Göttingen  1817,  S.  143. 
*)  Orelli,  InBcripi  laiin.  sei.  ooU.  I.  Torid»  182a  n».  19U. 


\H  Ein  römiMker  Fond  in  B«ndorf  bei  Ob^nvmtar. 


\ 


Prüfungen  und  Bassungen,  durch  Proben  von  Muth  und  Seelen- 
stärke wurde  man  in  die  Geheimnisse  dieses  Gottesdienstes  einge- 
weiht Die  Hithrastempel  von  Heddemheim  erinnern  in  ihr^n  Grund- 
riss  an  die  christliche  Kirche,  der  Tempel  ist  in  8  Schiffie  getbeilt,  das 
mittlere  verlängert  sich  durch  einen  vorspringenden  Ausbau,  welcher 
das  Sacrarium  bildete;  bei  dem  einen  dieser  Tempel  hat  das  Mittel- 
schiff sogar  die  Kreuzesform.  Man  kann  kaum  zweifeln,  dass  aus  dem 
Mithras-Heiligthum  der  christliche  Altar  mit  seiner  Chornische  ent- 
standen ist,  oder  doch  darin  ein  Vorbild  hatte. 

Wie  Friedländer  in  treffender  Weise  hervorhebt,  ist  es  ein  Irr- 
thum,  zu  glauben,  dass  die  heidnische  Religion  bei  Stiftung  des  Chri- 
stenthums  sich  ausgelebt  hatte.  Der  Götterglaube  herrschte  in  unver- 
änderter Stärke  und  den  christlichen  Wundem  wurden  heidnische  ent- 
gegengesetzt, an  die  auch  fast  alle  Gebildeten  glaubten.  Die  zahlreichen 
Inschriften  religiösen  Inhalts,  die  uns  erhalten  sind,  beweisen  mehr 
wie  die  Literatur  die  Innigkeit  des  Glaubens  im  Volke.  Währ^d  frei- 
lich ein  Lukrez  und  Plinius  Gott  und  Unsterblichkeit  läugnen,  bekennt 
Tadtus  seinen  Götterglauben,  und  Mark  Aurel  und  Juvenal  ermahnen 
zum  Gebete.  Die  stoische  Philosophie  entwickelt  Betrachtungen,  wie 
sie  bei  Seneca  sich  finden,  die  den  christlichen  Anschauungen  nahe 
verwandt  sind ;  eine  religiöse  Schwärmerei  sogar,  die  an  den  christ- 
lichen Pietismus  erinnert,  spricht  sich  in  den  Schriften  des  Redners 
Aelius  Aristid^s  aus,  der  117 geboren  war').  Dass  der  zumal  unter 
Hadriau  und  den  Antoninen  in  Rom  eingefnhrte  Mithraskultus  mit  den 
durch  Prlfungen  erlangten  verschiedenen  Rangstufe  seiner  Bekenner 
den  Soldaten  besonders  zusagen  musste,  ist  oft  hervorgehoben  worden ; 
dass  die  römischen  Legionen  denselben  aus  dem  Osten  des  Reiches 
wie  nach  Frankreich  und  England  so  auch  an  den  Rhein  gebracht 
haben,  dafilr  ist  der  Fund  von  Bandorf  in  der  Nähe  des  von  der  ersten 
flavischen  Gehörte  besetzten  Remagen  ein  neuer  Beweis.  Während  erst 
im  3.  Jahrhundert  die  Gottheiten  aller  Länder  sich  in  Rom  zusammen 
fluiden,  hatte,  wie  Friediänder  anführt,  doch  sdion  Mark  Aurel  bei 
dem  allgemeinen  Schrecken  des  markomannischen  Krieges  Priester  aas 
allen  Landein  kommen  lassen,  um  die  Stadt  Rom  mit  allen  Arten 
religiöser  Gebriluche  zu  söhnen.  Die  BfithrasmTBterien  wurden  indessen 
schon  frQher  daselbst  gefeiert,  und  vor  Hadrian  sollen  in  denselben 


^)  L.  Fnedlftndqr,  Dantellangen  aus  der  SitteDgetobicbte  Bon»,  8*  Tbeil, 
Leipzig  1871,  8.  48». 


^ 


EiB  romifoher  Fond  in  Bandorf  bei  Oberwiater,  127 

sogar  Menacbenopfer  herkömmlich  gewesen  sein,  wie  auch  dem  indischen 
Indra  solche  gebracht  wurden  0*  Hadrian  verbot  die  Menschenopfer,  aber 
^ter  soll  noch  Commodus  eigenhändig  dem  Mithras  einen  Menschen 
geopfert  haben,  aus  dessen  Eingeweiden  er  wahrsagen  liess.  Zuerst 
brachte  Pompejus  im  Jahre  68  vor  Chr.  aus  dem  Seeräuberkriege  deu 
Mithrasdienst  nach  Bom.  Die  Bilder  von  Sonne  und  Mond  finden  sich 
schon  auf  Münzen  des  Augustus,  des  Yespasian  und  Trajan,  die  Beger 
abbildet.  Preller  macht  darauf  aufinerksam,  wie  der  Jupiter  Dolichenus 
in  römischer  Kriegsrüstung  gleichsam  eine  Verherrlichung  des  römi- 
schen Kaisers  darstellte.  Stark  erwähnt  einer  Münze  des  Commodus, 
auf  der  das  Bild  des  siegenden  Sonnengottes  auf  den  Kaiser  selbst 
übertragen  ist,  der  mit  Mantel  und  Strahlepkrone  die  Erdkugel  in. der 
Hand  hält  Die  römischen  Legionen  hatten  seit  Septimius  Severus  eine 
besondere  Vorliebe  für  den  Mithrasdienst  Elagabalus  war  selbst  früher 
Oberpriester  im  Sonnentempel  zu  Emesa  in  Phönizien  und  Aurelianus 
der  Sohn  einer  Priesterin  des  Sonnengottes  in  Sirmium.  Er  richtete 
m  Rom  einen  Sonnenkultus  ein  und  nannte  sich  auf  Münzen  Dens  et 
Dommus  natus  Aurelianu»  Augustus,  eine  Selbstvergötterung,  gegen 
die  das  von  unseren  Herrschern  beliebte  »von  Qottes  Gnaden«  doch  ein 
sehr  bescheidener  Titel  ist  Auch  Diocletian  .  und  Constantin  waren 
dieser  Religion  noch  zugethan.  Auf  einem  in  Paris  befindlichen  grosses 
Onyx  mit  dem  Bilde  des  Constantinus  magnus,  der  früher  der  Gastor* 
kirche  in  Cobienz  angehörte,  trägt  der  Kaiser  auf  der  Brust  eine 
Spange  mit  dem  Bilde  der  Sonne.  Auch  Julian  nennt  sich  noch  den 
Diener  des  Sonnenkönigs.  Da  im  Mithrasdienst  das  licht  verehrt  wird, 
welches  die  Finstemiss  überwindet,  so  fand  derselbe  in  Höhlen  oder 
unterirdischen  Räumen  statt  Die  Mithrashöhlen  in  Rom,  Gonstantino- 
pd  und  Alexandrien  werden  noch  im  Anfang  des  5.  Jahrhunderts  von 
Paulinus  von  Nola  erwähnt  und  man  feierte  in  Rom  das  Fest  dieses 
Gottes  nach  dem  Vorbilde  der  Phönizier  und  Perser  um  die  Zeit  des 
kürzesten  Tages,  am  25.  December').  In  der  Inschriften-Sammlung 
von  Orelli-Henzen  *)  kommt  in  Nr.  5846  die  Widmung:  lavicto  vor, 
wozu  Henzen  bemerkt,  dass  in  einem  alten  Galendarium  dies  VIO  Ca* 
lendas  Januarias  »Natalis  Invicti«  benannt  sei.  Hieraus  folgt  aba* 
nichts  dass,  da  jener  Tag  der  25.  December,  also  unser  Chrisfetag  ist» 


>)  Porphyr,  de  absün.  U,  66  und  AeL  Lamprid.  Comm.  9. 
^  L.  PreUer,  Bomiache  Mythologie.  8.  766. 
*)  Insortpi.  Latinar.  Select  Coli.  ampl.  T.  8. 


128  Ein  römiaoher  Fund  in  Bandorf  bei  Oberwinter. 

das  Natalis  Invicti  nicht  auf  Mithras,  sondern  auf  Christus  zu  beziehen 
sei,  denn  das  Fest  der  Geburt  Christi  wurde,  wie  auch  andere  christliche 
Feste,  z.  B.  das  Johannisfest,  absichtlich  auf  den  Tag  eines  einigermaassen 
entsprechenden  heidnischen  Festes  •gelegt.  Ehe  man  die  deutlichen 
Beweise  für  die  Verbreitung  des  Mithrasdienstes  unter  den  späteren 
römischen  Kaisem  zur  Hand  hatte,  war  man  wegen  des  alten  asiati- 
schen Ursprungs  dieser  Religion  geneigt»  einige  dieser  Denkmale  als 
asiatische  Alterthümer  zu  betrachten.  Selbst  von  Raumer  und  Ritter 
sprachen  die  Meinung  aus,  der  Mithrasdienst  sei  nicht  erst  durch  die 
Römer  in  das  südöstliche  Deutschland  verpflanzt  worden,  sondern  un- 
sere Vorfahren  hätten  selbst  ihn  aus  dem  asiatischen  Stammlande 
mitgebracht.  Alle  künstlerischen  auf  die  Mithrasreligion  sich  beziehen- 
den Darstellungen,  auch  die  asiatischen,  welche  F.  Lajard  seinem 
Werke  ^)  einverleibt  hat,  gehören  einer  fortgeschritteaen  Culturperiode 
an  und  enthalten  nur  ausnahmsweise  Andeutungen  einer  ältesten  Vor- 
zeit Es  ist  eine  bekannte  Thatsache,  dass  sich  bei  fast  allen  Cultur- 
Völkern  in  religiösen  Verrichtungen  der  Gebrauch  steinerner  Werkzeuge 
lange  Zeit  erhalten  hat,  weil  er  der  ursprüngliche  war.  So  bediente 
sich  der  Pontifex  Maximus  in  Rom  beim  Opfer  eines  Steinmessers, 
die  Leicheneröfihung  bei  der  Mumienbereitung  in  Aegypten  geschah 
auf  dieselbe  Weise,  ebenso  die  Beschneidung  bei  den  Juden,  auch 
die  Priester  der  Gybele  entmannten  sich  mit  einem  Steinmesser; 
selbst  die  Oberpriester  im  alten  Mexico  opferten  die  Kriegsgefangenen 
auf  diese  Art.  Wiewohl  unter  den  Ruinen  von  Persepolis  Stein- 
waffen gefunden  worden  sind,  so  ist  in  den  Mithrasbildem  die  Waffe 
des  Stiertödters  doch  in  der  Regel  der  persische  Dolch  oder  ein  langes 
Messer,  dessen  Form  auch  die  oft  dargestellte  Scheide  erkennen  lässt. 
Auf  dem  in  den  Jahrb.  XLVI,  Taf.  III  wiedergegebenen  Mithrasdenk- 
male  der  Eremitage  von  St  Petersburg  sieht  das  Werkzeug  in  der 
rechten  Hand  des  mit  entblössten  Schaamtheilen  Opfernden  aber  wie 
ein  Steinbeil  aus.  Dass  in  der  alten  Kunst  Steinwaffen  dargestdlt 
worden  sind,  sieht  man  z.  B.  in  den  Denkmälern  der  Kunst  des  Alter- 
thums  zu  Winckelmann's  sämmtl.  Werken,  Donaueschingen  1835, 
Vignette  12,  wo  ein  geflügelter  Genius  den  Opferstier  mit  einer  wie 
ein  Feuersteinmesser  gestalteten  Waffe  tödtet,  die  am  Griffe  einen 
Knopf  hat.    Ebendaselbst  ist,  Vignette  14,  Merkur  mit  einem  Stein- 


^)  F.  Lajard,  Introduotion  k  l'^tade  da  oalte  de  Mithra  eto.  Paria  1847. 


\ 


Ein  römiflcber  Fand  in  Bandorf  bei  Oberwinter.  129 

hammer  dargestellt.  Zu  den  \?en]gen  in  der  EuBst  der  klassischen 
Völker  nachweisbaren  Ueberlieferungen  der  Urzeit  muss  aber  die  Keule 
gerechnet  werden,  welche  Waffe  die  Griechen  dem  Herkules  zuertheilen. 
In  der  persischen  Mythologie  ist  die  Keule  auch  Symbol  des  Mithras. 
Im  Zendavesta  wird  die  Keule  dreimal  als  Waffe  des  Mithra  gepriesen. 
Nach  Arrian  wurde  den  indischen  Stieren  das  Zeichen  der  Keule  ein- 
gebrannt. 

Das  Bheinland  und  sein  angrenzendes  Oebiet   sind  reich  an  be- 
merkenswerthen  Mithrasdenkmälern.    Die  bedeutendsten  sind  die  von 
Dormagen  *),  das  von  Schwarzerden  *),  die  von  Neuenheim  und  Laden- 
burg') und  die  von  Heddernheim.   Dass  sich  die  von  Freudenberg  be- 
schriebene, dem  Hercules  Saxanus  geweihte  Altarinschrift  auf  einer  Fels- 
wand des  Brohlthales  aus  dem  Anfang  des  2.  Jahrhunderts,  die  sich  jetzt 
im  Wallraff 'sehen  Museum  zu  Cöln  befindet,  wegen  der  daraufgemalten 
Bilder  von  Sonne  und  Mond  auch  auf  den  Mithras  beziehe^  ist  zwar  nicht 
sicher  nachweisbar,   aber   doch  sehr  wahrscheinlich.    Freudenberg  er- 
gänzt  die  Inschrift  als:    Deo  Invicto  Herculi,   und  fahrt  an^  dass  im 
Brohlthale  noch  zwei  Altäre  mit  der  Widmung  Herculi  Invicto  sacrum 
gefunden  seien.  Herkules  hat  als  Beschützer  der  Steinbrüche  den  Na- 
men   Saxanus  erh|lten;    der   bei  Brambach  l5mal   in  Funden   dieser 
Gregend  vorkommt.  Gegen  die  Meinung,  als  hätten  sich  diesem  Gultus 
vielleicht  germanische  Elemente  beigemischt,  führte  bereits  Grimm  an, 
dass  diese  Inschriften  über  Deutschland  hinaus  vorkommen.  Dass  solche 
Weihesteine  und  Altäre   von  römischen  Soldaten   errichtet   wurden, 
kann  nicht  auffallen,  wenn  man  weiss,  dass  man  dieselben  mitunter  zu 
öffientlichen  Arbeiten  benutzte.  Die  Erwähnung  der  Legio  VI  Victrix  Pia 
Fidelis  und  der  Legio  X  Gemina  führt   zu  dem  Schlüsse,  dass  dieser 
Altar  an  der  Felswand  nicht  vor  Vespasian  und  nicht  nach  Hadrian 
errichtet  ist.    Die  an  dritter  Stelle  erwähnte  Legio  XXII  Primigenia 
Pia  kommt  in  zahlreichen  Inschriften  vor,  deren  älteste  vom  Jahre  65 
ist.  Diese  Legion  stand  mehrere  Jahrhunderte  in  Deutschland,   meist 
in  Mainz.  Die  Erwähnung  des  Legatus  Qu.  Acutius,  der  auch  auf  einer 
Nymweger  Inschrift  vorkommt,    lässt  vermuthen,  dass  dieser  mit  dem 
Consul  suffectus  Acutius  Nerva  des  Jahres  100  nach  Chr.  derselbe  ist. 
Freudenberg  bemerkt  nun:  num  an  einen  Dens  In victus (Mithras)  und 


*)  Jahrb.  XLVI,  Taf.  I  u.  ü. 

*)  Schöpflin,  Alsaüa  iU.  I  p.  61  und  Engelniaim,  Elfter  Bericht  deaatitiqa. 
Mit  Ter.  f.  Nahe  und  Hansrücken  1869—71. 
•)  Jahrb.  XLVI  Taf.  IV. 

9 


190  Ein  romisöher  Fand  in  Bandorf  bei  Ob^rwinter. 

Hercules  zu  denke]},  wie  bei  Mommsen  Inscript  confoed.  Helv.  Nr.  64 
der  Deus  Invictus  und  Genius  Loci  verbunden  sind,  ist  unsere  Inschrift 
zu  alt,  wenn  auch  die  räthselhaften  Zierrathen  aber  den  Seitennischen, 
Sonne  und  Mond,  eine  solche  Annahme  zu  begünstigen  scheinen.«  Es 
ist  indessen  die  Uebereinstimmung  des  Qu.  Acutius  mit  dem  Acutius 
Nerva,  worauf  die  Altersschätzung  der  Inschrift  beruht,  nicht  ganz 
zweifellos,  dagegen  weisen  der  Beiname  Invictus  im  Munde  römischer 
Legionen,  die  auf  den  Mithrasbildern  so  gewöhnlichen  Darstellungen 
von  Sonne  und  Mond  und  gerade  der  Umstand,  dsss  mit  der  Verehrung 
des  Mithras  skh  die  anderer  Götter  vermischt  hat,  mit  grosser  Be- 
stimmtheit auf  den  Mithraskultus  hin.  Freudenberg  selbst  spricht  an 
einer  andern  Stelle  die  Vermuthung  aus,  dass  die  Bilder  der  Sonne, 
die  durch  7  in  Pfeilspitzen  auslaufende  Strahlen  dargestellt  ist  und 
des  sichelförmigen  Mondes  mit  aufwärts  gekehrten  Hörnern  zu  dem 
Heros,  dem  das  Denkmal  geweiht  ist,  eine  nähere  Beziehung  haben 
und  gesteht,  dass  es  am  nächsten  liege,  an  einen  Einfluss  der  Mithras- 
religion  zu  denken,  welche  nach  Plutarch  den  Römern  bereits  in  Folge 
des  durch  Pompeius  beendigten  Seeräuberkrieges  bekannt  wurde  und, 
nach  römischen  Denkmälern  zu  urtheilen,  bereits  gegen  Ende  des  1. 
und  zu  Anfang  des  2.  Jahrhunderts  in  Rom  sich  festsetzte.  Wiewohl 
der  unter  Domitian  lebende  Dichter  Statins  schdb  auf  die  Mithras- 
verehrung  anspiele,  sei  sie  erst  unter  Septimius  Severus  und  seinen 
Söhnen  in  den  Staatskultus  übergegangen.  Das  dem  Hercules  beige- 
legte Invictus  deute  darauf,  dass  sich  der  asiatische  Sonnendtenst  mit 
der  Verehrung  dieses  Heros  vermischt  habe.  Vielleicht  sei  eine  der 
an  dem  Denkmal  betheiligten  Gehörten,  z.  B.  die  Cohors  U  aus  Spa- 
nien gekommen  und  die  Bilder  der  Sonne  und  des  Mondes  rührten 
von  dem  Cultus  des  tyrischen  und  zumal  des  gaditanischen  Herkules 
her.  Es  waren  besonders  die  Kaiser  Galba,  Trajan  und  Hadrian,  von 
denen  die  beiden  letztem  aus  Spanien  stammten,  welche  diesen  Heros 
verehrten.  Diese  Verehrung  scheine  aber  aus  Spanien  auch  früh  nach 
Gallien   gekommen    zu    sein,    worauf  gallische  Inschriften   des  H^r- 

« 

cules  Andossus  hinweisen.  Die  im  südwestlichen  Frankreich  gefundene 
Inschrift  Helioucmouni  (Deo),  über  welcher  das  Haupt  des  Gottes  um- 
geben von  7  Strahlen  und  der  die  Homer  nach  oben  kehrende  Halb- 
mond dargestellt  sind,  kommt  dem  Bilde  auf  der  Felswand  im  Brohl- 
tbale  sehr  nahe '). 

^)  J.  Freudenberg,  das  Denkmal  des  Hercules  Saxanus  im  Brohlthal.  Fest- 
programm des  Vereins  von  Alteribumsfreanden.  Bonn  1662.    S.  25  fg. 


Ein  röadfoher  Fnad  in  Bandorf  bei  Oberwintor.  ISl 

Der  MithrasteiDpel  von  Dormagen  wurde  bereits  1821  entdeckt 
Beim  Umgraben  eines  Ackers  in  der  Nähe  dieses  Ortes  traf  man  auf 
ein  GewMbe  von  Gussmauer  und   neben  demselben   auf  ein  Gemach 
von  10  F.  Höhe  und  Breite  und  40  F.  Länge.  In  diesem  Baume  stan- 
den an  die  Wand  gelehnt  zwei  trefiTlich  gearbeitete  Mithrasmonumente, 
an  der  Erde  lag  das  Bruchstück  eines  Isispriesters,  sämmtlich  mit  In* 
Schriften  versehen,  die  oben  angegeben  sind.  Femer  wurden  hier  zwei 
Altäre  aus  Tuffstein  ohne  Inschrift,  der  eine  in  Form  und  Grösse  dem 
van  Bandorf  ähnlich,  gefunden,  sowie  Lampen,  Münzen  und  12  Kugeln 
aus  Tufitein.    Diese  Denkmäler  wurden  in   diesen  Jahrbüchern  ein- 
gehend von  K.  B.  Stark  besprochen  0-    Ueber  das  in  der  Nähe  des 
Dorfes  Schwarzerden,  3  Stunden  von  St.  Wendel,   auf  einer  Felswand 
befindliche  Miihrasbild,  welches  durch  die  Witterung  bereits  sehr  be- 
schädigt ist,  hat  kürzlich  Engelmann  berichtet  und  eine  von  ihm  vor 
30  Jahren  entworfene  Zeichnung  desselben  veröfifentlicht ').   Er  macht 
hierbei  auf  die  zahlreichen  Mithrasdenkmale   in  den  Donauländerui  in 
Oestenreich  und  Tyrol,  in  Neapel,  Rom,  Oberitalieo,  Gallien  und  Bri- 
tannioi  aufmerksam,  sowie  auf  die  in  den  Felsen  gehauenen  Mithras- 
bilder  von  St.  Andeol  an  der  Rhone  und  von  Roshang  in  Niederkrain. 
Hierbei  sei  angeführt,  dassSeidl  in  seiner  Schrift:  »Der  Dolichenuskult, 
Wien  1854t,  gegen  60  Monumente  dieses   Gottesdienstes  verzeichnet, 
die  in  die  Jahre  139  bis  318  fallen.  Das  im  Jahre  1751  von  Schöpflin 
merkwürdiger  Weise    in   der   Alsatia   illustrata   gelieferte   BUd    von 
Schwarzerden  scheint  ihm  vom  Zieichner  ergänzt  zu  sein.    In  der  Ab* 
handlang  des  Professor  Stark :  i^Zwei  Mithräen  der  Grossherzogl.  Alter- 
thttmer*Sammlung  zu  Garlsruhe,  Heidelberg  1865tt,  worin  die  Mithras- 
bilder  von  Osterburken  im  Odenwald  und  von  Neuenheim  ^)  bei  Hei- 
delberg beschrieben  sind,  wird  irrthümlich  mit  Berufung  auf  Schöpflin 
und  Lajard  dieses  Felsenbild  nach  Schwarzerd  in  der  Grafschaft  Dachs- 
burg im  Elsass  versetzt.  Auch  bei  Beschreibung  der  Mithrassteine  von 
Dormagen   scheint  derselbe  Verfasser  das  Denkmal  im  Elsass  anzu- 
ndimen.  Eogelmann  theilt  ferner  mit,  dass  Prof.  Fiedler  in  einem  am 
21.  Dec.  1869  an  ihn  gerichteten  Briefe  sich  darüber  wundert,  dass 
das  von  ihm  gezeichnete  Denkmal  bei  einem  Dorfe  desselben  Namens 


*)  Jahrb.  des  VereinB  von  Alterthnmsfr.  XL  VI.  Bodq  1869,  1.  Vgl.  Jahrb. 
XXI,  29  and  XXIII,  146. 

*)  Elfler  Bericht  des  antiqnar.  Vereins  für  Nabe  und  Hunsrlioken.  1889 
-1871,  S.  15. 

')  Vgl.  Creaser,   über  das  Mithräiim  von  Neaenheim,  1838. 


182  Ein  römischer  Fnnd  in  Bandorf  bei  Oberwinter. 

sich  befinde,  wie  das  von  Schöpflin  beschriebene,  und  gibt  endlich  eine 
Aufklärung  über  den  Ursprung  dieses  Irrthums,  dessen  Fortbestehen 
nur  desshalb  auffallend  ist,  weil  das  bei  St.  Wendel  befindliche  Denk- 
mal doch  in  verschiedenen  Schriften  erwähnt  worden  ist.  Schöpfiin  gab 
nämlich  an,  dasselbe  sei  im  Gebiete  der  Grafen  von  Leiningen-Dachs* 
bürg  gelegen,  und  zwar  in  Lothringen,  während  die  Herrschaft  Ober- 
kirchen, in  deren  Nähe  Schwarzerden  liegt,  nur  ein  lothringisches  Lehen 
war.  N.  Müller  ^),  der  mehr  als  1000  25eichnungen  mithräischer  Denk- 
male gesammelt  hat,  gibt  in  seiner  Mithrasgallerie,  in  der  er  22  Mi- 
thrasbildwerke  abgebildet  hat,  unter  Fig.  5  eine  Darstellung  desselben. 
Er  bemerkt,  dass  die  Franzosen  dieses  zwischen  Pfeffclbach  und 
Schwarzerd  gelegene  Mithrasbild  das  vogesische  nennen  und  fügt  hinzu : 
Ich  sah  dieses  mächtige  Monument  vor  etwa  30  Jahren  und  traf  es 
leider  nicht  mehr  in  dem  frischen  Zustande,  in  welchem  es  Schöpflin 
für  seine  Alsatia  illustrata  abbilden  liess.  Also  dieser  Forscher,  der 
an  Ort  und  Stelle  war,  lässt  ihm  die  Bezeichnung  des  vogesischen.  Ein 
Umstand  könnte  in  Zukunft  noch  einmal  dazu  beitragen,  an  zwei  ver- 
schiedene Denkmale  zu  glauben,  es  sind  nämlich  die  von  diesenrBilde 
gegebenen  Zeichnungen  nicht  ganz  übereinstimmend.  In  dem  von  Müller 
gegebenen  Bilde,  welches  wohl  nach  Schöpflin  verkleinert  ist,  erhebt 
der  Hund  den  Kopf  zum  Stier  und  hat  eine  Schlange  neben  sich,  in 
der  Zeichnung  von  Engelmann  liegt  der  Hund  und  die  Thiergestalt 
daneben  ist  nicht  deutlich,  dort  steht  links  in  der  Ecke  die  Sonnen- 
scheibe, hier  ein  Brustbild  des  Sol,  auf  dem  Bogen  über  dem  Stier- 
tödter  sind  dort  zwei  Köpfe  im  Profil,  hier  zwei  andere  Figuren,  dort 
senkt  der  Stier  den  Schweif,  hier  hebt  er  ihn,  die  stehende  Figur 
links  vom  Beschauer  ist  in  beiden  Zeichnungen  ganz  verschieden.  Diese 
Verschiedenheiten  können  nur  dadurch  entstanden  sein,  dass  die  Zeich- 
ner das  beschädigte  Bild  willkürlich  ergänzt  haben.  Engelmann  er- 
innert noch  daran,  dass  wie  im  Odenwald  ein  Osterburken  vorkommt, 
so  bei  Schwarzerden  ein  Osterbrücken,  ein  Osterbach,  ein  Osterthal 
und  fragt,  ob  diese  Namen  nicht  mit  Astarot,  Ostara  zusammenhängen, 
woher  unser  Ostern,  ursprünglich  vielleicht  ein  Frühlingsfest,  den  Na- 
men hat.  Da  sich  an  der  Felswand  von  Schwarzerden  die  Locher  zum 
Einlegep  der  Balken  noch  finden,  so  lässt  sich  die  ursprüngliche  Grösse 
des  Tempels  genau  angeben,  das  Mittelschiff  des  Tempels  war  10  F. 
lang,  SVa  F.  breit   und  12  F.  hoch,  das  ganze  Gebäude  hatte  eine 


^)  Annalen  des  Vereins  für  nassauisohe  Alterthnmsk.  IL  1.  S.  12.  Tab.  L 


Ein  römischer  Fund  in  Bandorf  bei  Oberwinter.  188 

Breite  von  16Vt  F.  und  eine  Höhe  von  14  F.  Die  Mithrastempel  von 
Heddernheim  waren  der  eine  39  F.  lang  und  25  breit,  der  andere  46 
F.  lang  und  21  breit.  Der  in  der  Gegend  von  Schwarzerden  gefundene 
15'' hohe  männliche  Kopf  0,  dessen  schon  früher  gedacht  ist,  hat  in  der 
That  eine  phrygische  Mütze,  wie  der  das  Opfer  verrichtende  Jüngling 
sie  auf  den  Mithrasbildern  gewöhnlich  trägt,  und  gehört  wahrschein- 
lich zu  einem  Mithrasbilde,  auf  denen  die  Darstellung  blosser  Köpfe 
sehr  häufig  vorkommt  und  eine  Eigenthümlichkeit  zu  sein  scheint,  wie 
insbesondere  das  Denkmal  von  Heddernheim  zeigt.  Das  Mithrasbild 
von  Ladenburg  am  Neckar  ist  unlängst  von  Stark  in  diesen  Jahr- 
büchern^) beschrieben  worden.  Dagegen  ist  das  in  den  Felsen  ge- 
hauene Denkmal  bei  dem  früher  hessenhomburgischen  Dorfe  Schwein- 
schied, welches  in  diesen  Jahrbüchern  lY,  S.  94  irrthümlich  als  Mi- 
thräum  bezeichnet  worden  ist,  und  in  seinem  Hauptbilde  einen  Reiter 
vorstellt,  wie  Engelmann  mit  Ilecht  hervorhebt,  kein  solches,  sondern 
scheint  vielmehr  das  Grabdenkmal  eines  im  Kampfe  gefallenen  Helden 
zu  sein ').  Drei  grosse  Denkmale  dieser  Art,  auf  denen  ein  Reiter  dar- 
gestellt ist,  unter  dem  ein  gefallener  Krieger  sich  mit  dem  Schilde 
deckt,  enthält  das  Mainzer  Museum.  Auch  ist  dieses  Bild  als  Revers 
auf  Münzen  häufig.  Die  neben  dem  Hauptbilde  von  Schweinschied 
dargestellten  Figuren  scheinen  indessen  doch  auf  die  Mithrasverehrung 
sich  zu  beziehen,  wovon  später  die  Rede  sein  wird.  Auf  den  beiden 
Silberplatten  des  Berliner  Museums,  die  Gerhard  ^)  beschrieben  hat, 
ist  der  sonst  streitbare  Gott  Jupiter  Dolichenus  nackt  vorgestellt,  in 
dem  einen  Bilde  ist  aber  an  den  vier  Ecken  des  Reliefs  ein  bewafif- 
neter  Flügelknabe  dargestellt,  und  der  Gott  selbst  hält  einen  mit  einer 
Pfeilspitze  versehenen  Herrscherstab;  in  beiden  Bildern  hält  er  Pfeile, 
in  dem  einen  auch  einen  in  Pfeilspitzen  endenden  Donnerkeil  in  der 
Hand.  Gerhard  vetmuthet,  dass  diese  Reliefs  von  einem  rheinischen 
Funde  herrühren. 

Das  grosse  Heddernheimer  Mithrasdenkmal  ^),  welches  im  Museum 

^)  Erster  Bericht  des  Vereins  für  Erforschung  upd  Sammlang  von  Alter- 
thümern  in  den  Kreisen  St.  V^eudel  und  Ottweiler.  Zweibrücken,  1838,  Tab.  IIl 
Fig.  1. 

«)  Jahrb.  XLIV  und  XLV.  1868. 

'}  Neunter  Bericht  des  antiquar.  histor.  Vereins  für  Nahe  und  Hunsrücken. 
1867—68;  und  Jahrb.  XLVI.  1869.  S.  169. 

*)  Jahrb.  XXXV.  1868.  S,  31. 
'  *)  F.  G.  Habel,  die  Mithrastempel    in  den  röm*  Ruinen  bei  Heddemheimj 


ite  Ein  römischer  Fund  in  Bandorf  bei  Oberwinter. 

von  Wiesbaden  aufgestellt  ist,  wird  schon  von  N.  Müller  mit  Recht 
als  das  vorzüglichste  und  werthvollste  von  allen  bezeichnet.  Hier  wur- 
den zwei  Mithrastempel  entdeckt,  in  die  man  zwar  auf  sieben  Treppen- 
stufen hinabstieg,  die  aber  doch  grösstentheils,  wie  man  schliessen 
muss,  überirdische  Bähten  waren.  Beide  bildeten  ein  Mittelschiff  mit 
zwei  Seitenschiffen,  am  Ende  des  ersten  befand  sich  das  Sacrarium,  in 
welchem  das  grosse  drehbare  Mithrasbild  des  einen  Tempels  sich  be* 
fand.  Bei  dem  zweiten  Tempel  bildet  der  mittlere  Raum  geradezu  ein 
Kreuz.  Wenn  der  von  Habel  nach  den  Mauerresten  entworfene  Grund- 
riss  dieser  Gebäude  zuverlässig  ist,  so  muss  die  dem  Bau  der  christ- 
lichen Kirche  entsprechende  Einrichtung  als  höchst,  auffallend  bezeich- 
net  werden.  Das  Mithrasbild  in  dem  abgesonderten  nach  aussen  vor- 
springenden Räume  am  Ende  des  Mittelschiffs  steht  an  der  gleichen 
Stelle  wie  der  christliche  Altar  im  Chor.  Man  würde  das  sich  drehende 
Mithrasbild  vielleicht  dem  drehbaren  Tabernakel  vergleichen  dürfen, 
wenn  nicht  dieses  erst  im  12.  Jahrhundert  in  Gebrauch  gekommen 
wäre  und  keineswegs  allgemein  diese  Einrichtung  hat.  Lajard  hatte 
behauptet,  die  Eingänge  zu  den  Mithrastempeln  seien  meistens  gegen 
Norden  gelegen,  bei  diesen  beiden  Tempeln  findet  er  sich  gegen  Sü- 
den. Der  muthmassliche  Eingang  in  das  Gebäude  von  Bandorf  war 
auch  an  der  Südseite.  Die  H^ddemheimer  Denkmale  bieten  noch  meh- 
rere Eigenthümlichkeiten,  die  auf  unsern  Bandorfer  Fund  einiges  Licht 
zu  werfipn  scheinen.  Das  häufige  Vorkommen  blosser  menschlicher  Köpfe 
in  den  Reliefdarstellungen  des  grossen  Mithrasbildes  gestattet  die  An- 
nahme^ dass  der  jedenfalls  einen  Gott  darstellende  Kopf  aus  Sandstein, 
dem  wir  einen  bei  Schwarzerden  gefundenen  Mithras-  oder  Attiskopf  an 
die  Seite  stellten,  eine  ähnliche  Aufstellung  auf  Steinblöcken  hatte, 
wie  es  vier  Köpfe  in  dem  das  Hauptbild  umgebenden  Rahmen  des  gros- 
sen Mithrasdenkmals  zeigen.  Habel  hat  nur  an  dem  einen  Kopfe  oben 
rechts ')  es  deutlich  gezeichnet,  dass  der  Kopf  mit  glatter  Fläche  am 
Halse  endet  und  gleichsam  aus  einem  Haufen  von  Steinen  hervor- 
kommt.  Betrachtet  man  das  Denkmal  selbst,  so  scheinen  auch  die 
übrigen  drei  entsprechenden  Köpfe  aus  Steinen  hervorzuwachsen,  wie 
auch  noch  die  Gestalt  eines  Kindes  und  der  halbe  Leib  eines  Mannes 
gleichsam  aus  Felsen  hervorgehen.    Auch  ist  ein  Mensch  dargestellt, 


Annalen  des  Vereins  für  nassauische  Alterthumskunde  nnd  Gteschiditsforsohung. 
Wiesbaden,  1830.  1.  B.  2.  u.  3.  Hfl.  S.  161. 
')  Habel  a.  a.  0.  Tab.  L 


Ein  römischer  Fund  in  Bandorf  bei  Oberwinter.  185 

<)er  aus  einem  Baume  hervorwächst.  In  dem  zweiten  Mythräum  von 
^ieddemheim  sind  zwei  Bildwerke  *)  gefunden  worden,  die  wahrschein- 
lich Bruchstücke  eines  grössern  Mithrasbildes  sind,  sie  stellen  ?wei 
^albe  Jünglinge  dar,  welche  aus  Steinen  emporwachsen.  Die  von  Bram- 
^ach  unter  den  Inscriptiones  spuriae  (Append.  p.  361.  Nr.  23)  aufge- 
^^ährte  Inschrift  Deo  Invito  Mithir  Secundinus  dat  befindet  sich  nach 
\iersch,  Centralmuseum  rheinl.  Inschriften  in  1842,  Nr.  148,  auf  einer 
zu  Neuss  befindlichen  Bronzestatuette,  die  im  Besitze  der  Frau  Hertens 
in  Bonn  war.  Sie  stellte  eine  jugendliche  Gestalt  dar,  die  einen  Schild 
mit  einer  Schlange  hält,  worauf  jene  Worte  stehen.  Lersch  bemerkt 
dazu :  Secundiner  müssen  den  Mithrasdienst  sehr  verbreitet  haben,  und 
verweist  auf  sein  Gentralm.  n  Nr.  17,  wo  dieselbe  Inschrift  auf  einem 
bronzenen  Votivtäfelchen  vorkommt,  das  oben  in  ein  Mithrasbild  aus- 
läuft, zu  dem  sich  eine  Schlange  emporwindet.  Dies  Bronzetäfelchen 
ist  im  Bonner  Universitäts-Museum;  auch  seine  Aechtheit  wird  von 
Overbeck  (vgl.  Katalog,  1851,  Abth.  11.  1,  Nr.  21)  für  zweifelhaft  ge- 
halten, wiewohl  dieselbe  Inschrift  noch  einige  Mal  vorkommt.  Lersch 
inl  aber,  wenn  er  meint,  dasselbe  sei  als  in  Lyon  befindlich  von  Gru- 
ter  XXXin.  11  abgebildet  worden.  Denn  N.  Müller*)  giebt  in  seiner 
Mithrasgallerie  Fig.  15  die  Zeichnung  eines  Votivsteines  mit  derselben 
Inschrift,  der  ein  vielbesprochenes  Denkmal  ist  und  aus  Lyon  stammt. 
Auf  diesem  Steine  steht  ein  Kopf,  der  nach  Art  der  Mithrasbilder  aus 
demselben  hervorzukommen  scheint;  um  den  Stein  windet  sich  eine 
Schlange  empor.  Schon  vor  piehr  als  250  Jahren  hielt  der  Florentiner 
Symeoni  dies  Denkmal  für  einen  dem  Aesculap  geweihten  Votivstein. 
Müller  begreift  nicht,  wie  dieser  Forscher  die  auffallende  Inschrift  an 
der  Seite  des  Steins:  Deo  Invi(c)to  Mithir  Secundinus  dat  übersehen 
haben  soll  und  spricht  ebenfalls  die  Vermuthung  aus,  dass  sie  ge- 
fälscht sein  könne.  Die  Art  der  Aufstellung  des  Kopfes  spricht  für  die 
Aechtheit  des  Steines  und  der  Inschrift  und  es  ist  deshalb  auch  kein 
Orund  vorhanden,  an  der  Aechtheit  der  übrigen  gleich  lautenden  In- 
schriften zu  zweifeln.  Die  Darstellung  blosser  Köpfe  auf  Mithrasbildern 
ist  auch  sonst  beobachtet.  Im  Mainzer  Museum  befindet  sich  das  Bruch- 
stück eines  Mithrasaltars,  der  mitten  auf  dem  Markte  der  Stadt  ge- 
funden worden  ist.  Im  viereckigen  Felde  ist  ein  Kopf  mit  phrygischer 
Mütze  dargestellt;  daneben  steht  ein  Schütze  mit  Mantel  und  phrygi- 


1)  Habel  a.  a.  0.  Tab.  lY  Flg.  4  u.  5. 
*)  N.  MüUer  a.  a.  0.  S.  17. 


186  Ein  römischer  Fand  in  Bandorf  bei  Oberwinter. 

scher  Matze,  er  schiesst  auf  eine  Gestalt,  die  im  Hiutergrunde  des 
Bildes  aus  dem  Felsen  kommt.  Mitbras  selbst  wird  als  der  Steinge- 
bome  geschildert.  Die  vier  Hermesköpfe  auf  den  Ecken  des  grossen 
Heddemheimer  Bildes  beweisen  einen  Zusammenhang  beider  Gott- 
heiten. N.  Müller  sagt  geradezu:  Mithras  und  Hermes  sind  so  nahe 
verwandt,  dass  Mithras  in  mehrfacher  Beziehung  Hermes  und  dieser 
ebenso  Mithras  ist.  Er  weist  auf  ein  von  Schöpflin  ^)  veröffentlichtes 
Mercurbild,  das  auf  den  vier  Ecken  ebenfalls  vier  Köpfe  zeigt,  die, 
wie  er  glaubt,  die  vierfache  Natur  des  Mercur  bezeichnen,  den  Götter- 
boten, den  Orakelgeber,  den  Beschützer  des  Verkehrs  und  den  Führer 
der  Träume.  Erwägt  man  diese  Beziehungen,  so  möchte  doch  vielleicht 
der  Hermesacker  in  der  Nähe  des  Mithrasaltars  zu  Bandorf  aus  einer 
solchen  sich  erklären.  Ein  Brunnen  fliessenden  Wassers,  auf  welchen 
unsere  Neptunstatue  deutet,  scheint,  wie  die  oben  erwähnte  Inschrift 
von  Tivoli  schon  zeigte,  den  Mithräen  nicht  fremd  zu  sein.  In  dem 
zweiten  Mithräum  von  Heddemheim  fand  sich  ein  kleiner  Löwe  aus 
Sandstein'),  der  zum  Wasserausgusse  durchbohrt  ist.  Im  südlichen 
Frankreich  befindet  sich,  wie  Habel  mittheilt,  das  bei  Bourg  St.  Andeol 
in  den  Felsen  eingehauene  Mithrasbild  zwischen  zwei  hervorrieselnden 
Quellen.  Auch  das  Felsenbild  bei  Schweinschied,  dessen  Hauptdarstel- 
lung, wie  bereits  oben  angegeben  ist,  gewiss  kein  Mithrasdenkraal  ist, 
welches  aber  in  seiner  ganzen  Anordnung  mehrerer  neben  einander- 
stehender  Bilder  von  symbolischer  Bedeutung  doch  lebhaft  an  diese 
erinnert,  wie  insbesondere  durch  die  unverkennbare  Figur  eines  Attis  * 
und  den  Oel-  oder  Lorbeerbaum,  wie  er  auch  auf  anderen  Mithrasbil« 
dern  vorkommt,  lässt  uns  in  dem  Seepferd  eine  Darstellung  wahrneh- 
men, die  in  den  Vorstellungskreis  des  Gottes  Neptun  gehört;  denn 
Poseidon  auf  dem  von  Hippokampen  gezogenen  Wagen  dahinfahrend 
oder  Nereiden  auf  Hippokampen  reitend  sind  gewöhnliche  Darstellun- 
gen der  griechischen  Kunst.  Doch  könnte  dies  Thierbild  an  dem  Dcjpk- 
mal  auch  als  das  Zeichen  der  römischen  Gehörte  angebracht  sein,  die 
dasselbe  errichtet  hat.  Zuweilen  verräth  uns  nur  eine  einzelne  Figur 
auf  Denkmälern  die  Verehrung  des  Mithras,  wie  die  trauernde  Gestalt 
des  Gottes  Attis  auf  den  Denksteinen  römischer  Soldaten,  die  in  Bin- 
gerbrück  gefunden  sind  und  in  der  Sammlung  zu  Kreuznach  aufbe- 
wahrt werden. 


1)  Alsaüa  in.  p.  4S7,  Tab.  IV. 
»)  Habel  a,  a.  0.  Tab.  V  Fig.  7. 


,^  ' 


Ein  römisoher  Fund  ia  Bandorf  bei  Oberwinter.  187 

Der  kleine  Ort  Bandorf  hat,  wie  der  vorliegende  Fund   zu  be- 
weisen scheint,  vor  sechszehnhundert  Jahren  eine  grössere  Bedeutung 
gehabt  wie  heute,  und  es  lag  die  Aufigabe  nahe,  zu  erforschen,   ob 
über  die  Geschichte  dieses  Ortes  in  späterer  Zeit  etwas  in  Erfahrung 
zu  bringen  sei.    Das   massive  Haus  mit  hohem  Dach,  welches  Herr 
Loosen  bewohnt,  das  einzige  ansehnliche  Gebäude  des  Dorfes,  scheint 
der  Eest  einer  alten  Burg  zu  sein,  es  heilst  nodi:  »der  Thurm«  und 
war,  wie  alte  Leute  angeben,  früher  mit  einem  Weiher  umgeben.  Es 
hat    im  Erdgeschoss  5  Fuss    dicke  Mauern    und  ein  rund  gewölbtes 
Thor.    Die  Ecken  desselben  sind  mit  starken  Quadern  aus  Drachen- 
felser  Trachyt  gebaut  und  an  der  Nordseite  sind  noch  zwei  vorstehende 
Xragstelne  übrig  von  einem  Balkon  oder  einem  Aborte.  Die  unter  dem 
Dache  angebrachten  eisernen  Anker  stellen  die  Jahreszahl  1657   dar 
und  bezeichnen  jedenfalls  nur  die  Zeit   einer  Erneuerung  des  innern 
Holzbaues  oder  des  Daches.    Dieses  feste  Gebäude,  das  in  der  That 
-wie  ein  Thurm  über  alle  andern  Häuser  emporragt,  könnte  recht  wohl, 
wie  manche  mittelalterliche  Burg,  römischen  Ursprungs  sein.  Eine  der 
ohen  geschilderten  römischen  Wasserleitungen,  die  auf  langen  Strecken 
in  den  Feldern  bei  Bandorf  noch  erhalten  sind,  geht  in  gerader  Rich- 
tung auf  dieses  Haus  und  hat  wohl  schon  den  römischen  Fischweiher, 
das  Yivarium,  mit  Wasser  versehen.  Da  mir  die  Angabe  gemacht  war» 
<la8S  das  Gehöfte,  wozu  dieses  Haus  gehört,  bis  zum  Jahre  1808  dem 
Hospital  zum  h.  Lambertus  in  Düsseldorf  angehört  hatte,  so  ersuchte 
ich  die  Herrcy»  Archivräthe  Dr.  Harless  in  Düsseldorf  und  L.  Eltester 
in  Coblenz  um  gefällige  Nachforschung  über  dieses  Besitzthum,  welcher 
£itte  dieselben   in   dankenswerther  Weise  bereitwilligst  entsprachen. 
Ans  den  Mittheilungen  geht  hervor,  dass  dieser  Ort  auch  im  Mittel- 
silter  ein  in  Urkunden  oft  genannter  ist  und  sogar  einem  angesehenen 
Hittergeschlechte  den  Namen  gab.  Dr.  Harless  schreibt  darüber:  »Die 
Ijandeshoheit  über  die  Herrlichkeit  Winter  (Ober-  oder  Lützeiwinter) 
uit  den  Kirchspielen  Birgel,  der  Mutterkirche  und  Oberwinter, 
der  Filiale,  war  zwischen  Jülich-Berg  und  Kur-Köln  streitig.  Pfalzgraf 
I*riedrich  IV   hatte  die  beiden  Kirchspiele   als   pfalzgräfliche  Passiv« 
Xieben  der  Herren  zu  Tomberg  und  Landskron  im  Jahre  1565  dem 
Herzoge  Wilhelm  HI  von  Jülich-Cleve-Berg    tauschweise   überlassen, 
demnach  war  letzterer  Chorherr  daselbst  geworden.  Nichtsdestoweniger 
steht  im  Jülich'schen  Geistlichen  Erkundigungsbuch  von  1676,  Ober- 
winter sei  zu  Köln  gehörig  und  die  Eickholt'sche  Beschreibung  des 
Erzstiftes  Köln  führt  Birgel  und  Klein-Winter  ftls  Ortschaften  im  Amte 


188  Em  römiacher  Fand  in  Buidorf  bei  Oberwintar.  • 

Godesberg-Mehlem  an.  Die  Kölnischen  Rechte  gründeten  sich  aof  eine  * 
PfandYerscbreibung  von  1420  seitens  Friedrich  von  J'omberg  und 
Landskron  zu  Onnsten  £rzbischofs  Dietrich  II  von  Köln.  Die  Spezial- 
Akten  über  das  kombinirte  JQlich'sche  Amt  Sinzig-Remagen,  wozu 
jeden&Us  der  jetzige  Weiler  Bandorf  gehört  hat,  sind  zur  Zeit  der 
Fremdherrschaft  an  das  damalige  Präfektur- Archiv  des  Rhein-  und 
Mosel-Departements  nach  Goblenz  gelangt  Aus  dem  Staats-Archiv  zu 
Coblenz  hat  wohl  von  Stramberg  seine  Angaben  geschöpft,  die  er  im 
Rhein.  Antiquarius  III.  Abth.,  9.  Bd.  S.  387  mittheilt.  Danach  hat  das 
Düsseldorfer  Hospital  seinen  Hof  zu  Bandorf  einem  Bürgermeister  von 
Beyweg  abgekauft;  ursprünglich  hat  derselbe  den  Herrn  von  DoIIen- 
dorf  zugehört. a  Dr.  Harless  bemerkt  nun  femer:  »was  die  alte  Na- 
mensform von  Bandorf  betrifft,  so  glaube  ich  diese  mit  Wahrschein- 
lichkeit in  dem  Bacherendorp  wiedererkennen  zu  dürfen,  welches  in 
der  Schenkungs-Urkunde  der  Königin  Richeza  an  die  Abtei  Brauweiler 
vom  7.  Sept.  1054  genannt  wird  (Lacombl.  ü.  B.  I  Nr.  189,  p.  121). 
Die  Hauptstellen  dafür  sind  bei  Guden,  Cod.  diplom.  II  p.  1289  und 
13 15. in  der  Landskroner  Urkunde  vom  Jahre  1441  und  1450,  wo  ein- 
mal Wyntern,  Birgel,  Bacherendorp  und  Entzfelt  zusammen  als  Pfal- 
zisches Lehen  genannt  werden,  und  dann  es  heisst:  solich  manlehen, 
nemelich  die  Krispel  und  Gericht  zu  Winteren  und  zu  Birgel  mit 
Bachendorff  und  Entzfelt,  die  zu  Birgel  gehorich  sint  Von  Baggerdorp 
oder  fiacherdorp  führt  ein  ritterliches  Geschlecht  den  Namen.  Reinol- 
dus  de  Baggerdorp  (1276)  kommt  vor  bei  Guden,  Cod.- diplom.  H  p. 
963  (1280),  ebendas.  S.  969.  Giselbert  de  Bacherdorp  (1298)  ebendas. 
S.  977.  Im  Lehnregiäter  der  Abtei  Deutz  1318  steht:  Reynoldus  de 
Baggerdorp  recepit  quandam  dedmam  ibidem.«  Da  sich  ein  Ort  Ba- 
cherdorf in  der  Nähe  der  genannten  Orte  nicht  findet,  so  dürfen  wir 
wohl  mit  Harless  in  Bandorf  das  alte  Bacherendorp,  welches,  wie  er 
meint,  an  Bacharach  erinnert,  wiedererkennen.  Archivrath  Eltester  be- 
stätigt, dass  der  alte  Name  von  Bandorf,  nämlich  Baggerdorp  und 
Bacherdorp  auch  im  Coblenzer  Archiv  urkundlich  nachweisbar  ist  Dort 
befindet  sich  auch  das  Siegel  des  bei  Guden  II  p.  963  erwähnten 
Reynoldus  de  Ba^erdorp^  welches  einen  Adler  mit  Turnier-Krempen 
zeigt.  »Der  Adler  ist  sowohl  das  Wappen  des  grossen  Geschlechts  von 
Sinzig,  wovon  auch  die  Burggrafen  von  Landskron  stanunen,  an- 
knüpfend an  den  Adler  des  deutschen  Reiches,  dessen  sehr  getreue 
Ministerialen  sie  Waren,  als  auch  des  Edelherrengeschlechtes  von  Dol- 
lendorf (bei  Blankenheim  an  der  obern  Ahr).  Diese  müssen  die  jfingern 


Bin  rdmiicher  Fand  in  Ba&dorf  bei  dberwinler.  180 

86hne  oder  deren  Nachkommen  von  den  von  Bachendorp  gewesen  sein ; 
die  letzten  dieses  Namens  sind  zwei  Schwestern  Katharina  und  Nese 
(Agnes)  von  Bachendorp^  wovon  die  erste  1376  an  Roland  von  Vilpge 
(Vilip)  vefheirathet,  die  ^andere  Nonne  zu  Eppinghoven  war.«  Der  in 
den  Urkunden  erwähnte  Ort  Entzfelt  ist  verschwanden,  kommt  aber 
in  der  Fhirbezeichnung  noch  vor,  die  quellenreichen  Wiesen  bei  Ban- 
dorf heissen  die  Einsfelder  Wiesen.  Wie  schnell  sich  die  Sage  emes 
'  solchen  Ereignisses  bemächtigt,  zeigt  sich  hier,  indem  die  Landleute 
erzählen,  nahe  bei  Bandorf  habe  eine  Stadt  gestanden,  die  durch  den 
vulkanischen  Ausbruch  des  Rodderberg  verschüttet  worden  sei,  Sie 
geben  an,  im  Walde  sehe  man  noch,  dass  der  Boden  beackert  ge- 
wesen,  auch  stosse  man  auf  Mauerreste  von  Gebäuden,  und  es  fänden 
sicknoch  verwilderte  Weinreben  daselbst. 

Fragen  wir  endlich,  ob  f&r  eine  römische  Niederlassung  im  Thale 
von  Bandorf,  abgesehen  von  der  warmen  geschützten  Lage  des  Ortes 
an  einem  alten  Heerwege,  nicht  vielleicht  noch  besondere  Ursachen 
von  Einfluss  gewesen  sind,  so  können  wir  diese  allerdings  in  dem  Me- 
tallreichthum  der  nächsten  Umgebung  finden,  in  welcher  noch  heute 
mehrere  Bergwerke  Kupfer-,  Blei-  und  Eisenerze  ausbeuten.  Wie  sehr 
die  Römer  bei  ihren  Kriegen  und  Eroberungen  am  Rheine  die  Gewin- 
nung der  Natui'schätze  des  Bodens  sich  angelegen  sein  liessen,  dafür 
haben  wir  zahlreiche  Beweise  zur  Hand.  Bei  dem  grossen  Kupferwerk 
Josephsberg  an  dem  auf  der  andern  Rheinseite  unserm  Fundorte  fast 
gegenüber  gelegenen  Virneberge  bei  Rheinbreitbach  hat  man  in  einer 
uralten  bemoosten  Berghalde  am  Ausgehenden  des  Erzganges  eine 
Münze  des  Antoninus  pius  gefunden  ^) ;  der  durch  die  Eifel  nach  Göln 
hinführende  ROmerkanal  steht  mit  seinem  Fundamente  an  einer  Stelle 
bei  Clommem  auf  einer  alten  Halde ;  diese  Bleibergwerke  waren  also 
schon  vor  Erbauung  des  Kanals,  die  wahrscheinlich  unter  Trajan  und 
Hadrian  stattfand,  im  Betriebe ;  hier  beobachtete  Flach  im  Jahre  1866, 
dass  sich  4  Fuss  Torf  über  einer  alten  Halde  fanden,  unter  dieser  war 
wieder  eine  Torfschicht  und  darunter  wieder  eine  alte  Halde.  In 
dem  Bleibergwerk  zu  Roggendorf  bei  Gommern  wurden  auch  jene 
seltsamen  aus  Saüdsteinkugeln  gehauenen  fratzenhaften  Köpfe  >)  ge- 
funden, denen  man  nicht  wohl  einen  andern  als  römischen  Ursprung 
zuschreiben  kann,  und  in   dem  Bleibergwerk   bei  Keldenich  kürzlich 


')  F.  Wurzer,  Taschenbuob  zur  Bereisong  des  Siebengebirges,  Göln,  1806. 
*)  Verhaadl.  des  naturluBt.  V.  Bonn  1862,  Sitzungsber.  S.  aOl. 


140  Ein  römiwher  Fand  in  Bandorf  bei  Oberwintar. 

ein  Erztrog  aus  BucheohoLfi  uud  auf  derselbeu  Sohle  des  alten  Stollens 
mehrere  römische  Münzen  und  eine  Fibula;  in  Commem  selbst  sind 
die  Fundamente  römischer  Häuser  aufgedeclct  worden.  Vielleicht  ist 
auch  die  Braunkohle  schon  von  den  Römern  gewonnen  worden.  Auf 
den  Brauokohlengruben  Urwelt  und  Fortuna  zwischen  Quadrath  und 
.  Oberaussem  sind,  freilich  nur  in  der  die  Braunkohle  bedeckenden  Erd- 
schicht, nach  den  mir  von  Herrn  Kaplan  Dornbusch  in  Cöln  gemach- 
ten Mittheilungen,  häufig  römische  Gefässe  und  Münzen  und  auf  der . 
letztgenannten  Grube  der  Stein  einer  Handmühle  in  3  Fuss  Tiefe  und 
beim  Ebenen  einer  alten  Halde  5  runde  Steinperlen  gefunden  worden. 
Auch  Aschentöpfe  und  SteinwaiTen  fanden  sich  in  der  Nähe  der  Gru- 
ben, die  ganze  Umgegend  ist  reich  an  römischen  Alterthümern.  Auf 
der  Grube  Blissenbach  bei  Engelskirchen,  wo  Blei-  und  Zinkerz  ge- 
wonnen wird,  sind  römische  Münzen  und  Bronzegeräthe,  darunter  ein 
Waagebalken  mit  Bingelchen,  auch  Steingeräthe  in  alten  Halden  nach 
Aussage  des  Herrn  H.  Mülhens  gefunden  worden.  Bei  dem  Bergwerk 
Silberkaul  zu  Uckerath  hinter  dem  Siebengebirge,  wo  noch  heute 
Blende  gewonnen  wird,  finden  sich  so  grossartige  alte  Bauten,  dass  schon 
Engels  ^)  die  Ansicht  aussprach,  dieselben  möchten  von  den  Römern 
herrühren.  Er  führt  die  Stelle  des  Tacitus  an,  Annal.  XI,  Gap.  20, 
worin  dieser  eines  Silberbergwerks  erwähnt,  welches  der  Feldherr 
Gurtius  Rufus  in  dem  agro  mattiaco  betrieb  und  von  welchem  Habel 
in  dem  Nassau-Usingischen  Amte  Naurod  bei  Idstein  deutliche  Spuren 
entdeckt  haben  wollte.  Der  Zusatz  et  quia  plures  per  provincias  similia 
tolerabantur  lasse  vermuthen,  dass  dergleichen  Schürfarbeiten  den 
römischen  Legionen  mehrfach  auferlegt  worden  seien.  Engels  führt  an, 
dass  schon  Werner  der  Ansicht  gewesen,  der  deutsche  Bergbau  habe 
in  den  Rheingegenden  seinen  Ursprung  gehabt,  indem  seit  dem  Ver- 
falle der  römischen  Herrschaft  derselbe  zuerst  in  denjenigen  Theilen 
des  alten  Galliens,  welche  der  Rhein  begrenzte  und  namentlich  in  den 
Ländern  von  Limburg,  Aachen  und  MaiAZ  stattgefunden,  von  dort 
aber  sich  nach  Franken,  dem  H^rz  und  weiter  nach  Sachsen  hin  ver- 
breitet h^^be.  Zahlreiche  römische  Denkmäler,  die  in  den  Tuffsteingru- 
ben des  Brohlthales  entdeckt  worden  sind,  beweisen  die  Anwesenheit 
der  Römer  daselbst ;  auch  in  den  Tuffgruben  zu  Kretz  ^)  wie  bei  Pleidt 


')  J.  D.  Engels,  Ueber  den  Bergbau  der  Alten  in  den  Ländern  des  Bhei- 
nes,  der  Lahn  nnd  der  Sieg.  Siegen  1808,  S.  13  u.  S7. 
')  Yerhandl.  a.  a.  0.  1W9,  S.  U3. 


Ein  römischer  Fand  in  Bandorf  bei  Oberwinter.  141 

und  Kraft  in  der  Nähe  von  ÄDdernach  fehlen  die  römischen  Funde 
nicht  Der  letzte  Ort  hat,  wie  Nöggerath  vermuthet,  daher  seinen  Na* 
men,  dass  der  Tuff  hier  ehemals  in  unterirdischen  stollenähnlichen  Aus- 
höhlungen gewonnen  wurde.  Dje  Gegend  von  Niedermendig  und  Mayen  ^) 
ist  reich  an  den  Spuren  römischer  Ansiedelungen,  in  den  Basaltgruben 
des  letztern  Ortes  fand  man  römische  Aschenurnen ;  und  sehr  häufig  . 
kommen  in  den  Ruinen  römischer  Gebäude  vom  Rheine  ab  bis  in  das 
Innere  von  Deutschland  und  die  Schweiz  kleine  zu  Handmühlen  be- 
stimmt gewesene  Mühlsteine  aus  niedermendiger  Lava  vor').  Die  Rö- 
mer brachen  den  Trachyt  des  Drachenfels  wie  den  von  Berkum  ^).  Zu 
diesem  Orte  führt  die  Strasse  von  Remagen  durch  das 'Thal  von  Ban- 
dorf. Dass  die  Römer  auch  bereits  Basaltbrüche  am  Rhein  angelegt 
hatten,  beweist  ein  Fund,  der  in  Folge  des  im  Jahre  1846  bei  Ober- 
wint^  stattgehabten  Bergschlüpfes  ^)  gemacht  wurde.  Beim  Wegräu- 
men des  Schuttes  faüd  man  zwischen  den  alten  Basaltwänden,  ohnge- 
fähr  in  der  Höbe  der  vorbeiführenden  Landstrasse  einen  römischen, 
dem  Hercules  gewidmeten  Altar  aus  Tuif,  unter  dem  nach  dem  Be- 
richte eines  Augenzeugen,  des  Geometer  Schäfer,  noch  mehrere  mäch- 
tige Tuffquadem  lagen,  die  wohl  das  Fussgestelle  des  Altai*s  gebildet 
hatten.  Als  im  Jahre  1857  an  dieser  Stelle  die  Rheinische  Eisenbahn 
gebaut  wurde,  kamen  die  Reste  einer  römischen  Wasserleitung,  die  in 
bekannter  Weise  durch  weite  Röhren  aus  gebranntem  Thon  hergestellt 
war,  zum  Vorschein.  Sie  kann  hier  nur  den  Steinbrechern  gedient 
haben  und  deutet  wie  der  Altar  auf  e!nen  ausgedehnten  und  nachhal- 
tigen Betrieb  des  auch  heute  noch  höchst  ergiebigen  Steinbruches 
schon  in  römischer  Zeit. 

Bonn,  den  30.  April  1873. 

H.  Schaaffhausen. 


»)  Jahrb.  LH  1872,  S.  156. 

*)  J.  Noggerath,  III.  Zeit.  Leipzig,  1868,  Nr.  786. 

')  Vgl.  J.  Nöggerath :  Zar  architektonisohen  Mineralogie  der  RheinproTii» 
10  Karsten's  and  ▼.  Deohen's  Arohiv  XVIU.  Berlin  1844,  S.  455. 

*)  J.  Nöggerath,  Der  Bergachlüpf  vom  20.  Dec.  1846  an  den  Unkeier  Ba- 
laltsteinbracben  bei  Oberwinter,  Bonn  1847. 


4.  Römische  Inschriften  vom  Mittelrhein. 


Alxei. 

l.  Votivaltar  der  Dea  Sulis,  von  rothem  Sandstein,  i.  J.  1872 
in  zwei  Theile  zerbrochen  aufgefunden,  so  dass  die  (bis  jetzt  unedierte) 
Inschrift  unten  theil weise  zerstört  ist: 

DEA- SV  U     Dea(e)  Sali 

AT  TON  IS    Attonius  * 
LVC/%NV5    Lucanus 


Der  Göttin  Sulis  Hess  Attonius  Lncanus  (diesen  Altar  errichten). 

Ueber  die  Dativform  Dea  s.  Bonner  Jahrbücher  XLII  S.  93  f. 
Die  Dea  Sulis  war  bis  jetzt  nur  durch  sechs  in  dem  englischen  Bade- 
orte Bath,  den  Ptolemäos  einfach  »warme  Quellen«,  das  Itinerariam 
Antonini  nach  der  besseren  Lesung  nAquaeSulisu  nennt,  aufgefundene 
Vitivinschriften  bekannt  gewesen,  von  denen  drei  sie  mit  der  Minerva 
identifizieren,  weiche  C.  Julius  Solinus  polyh.  p.  114  ed.  Mommsen  als 
Vorsteherin  der  Heilquellen  in  Britannien  bezeichnet:  vgl.  Archiv  für 
Frankfurter  Geschichte  und  Kunst.  N.  F.  III.  S,  17  f.  Unsere  Alzeier 
Yotive  ist  das  erste  Denkmal  der  Dea  Sulis  auf  dem  Festlande  und 
dürfte  für  die  uralte,  auch  in  anderweitigen  Spuren  vorliegende  Ver- 
bindung Britanniens  und  des  mittelrheinischen  Vangionenlandes  ein 
weiteres  Zeugniss  abgeben.  Der  Name  Attonius,  in  welchem  das  V 
verkleinert  über  das  I  gestellt  ist,  findet  sich  ebenso  wie  Lucanus  auch 
auf  anderen  Inschriften  der  Bheinlande:  vgl  Brambach  1336,  17Ö9  u. 
2003.  Die  obem  Theile  der  vier  vorletzten  Buchstaben  des  Wortes 
Lucanus  sind  zerstört,  vom  S  am  Schlüsse  findet  sich  kaum  noch 
eine  Spur. 

2.  Scheerenklinge,  i.  J.  1872  ebendort  gefunden,  mit  der  im  s.  g. 
Tremolierstich  ausgeführten  (unedierten)  Inschrift : 

SEN0CENN4^ 


Römische  Insohrifien  Tom  Mittelrheia. 


148 


Dieser  offenbar  gallo-römische  Namen  (wessen?  ist  schwer  zu  sagen) 
ist  gebildet  aus  dem  in  vielen  Personen-  und  Ortsnamen  vorkommenden 
Stamm  SEN  und  dem  mittels  des  Bindevokals  0  damit  verbundenen  Worte 

CENNA.  Von  erstgenanntem  Namtn  leitet  sich  der  erste  Theil  des  Na- 
mens der  Senones  ab,  dessen  Singularis  in  dem  Seno  (Steiner  cod.  inscr. 

n,  3289),  wohl  auch  in  den  MATRONAE  SENO vorliegt,  femer 

der  vicani  Senot(enBe0),  wie  auch  der  Personennamen  Senomagus,  Se- 
nomacflus,  Senognatus,  Senovir,  Senocondus,  Senodius,  über  welche 
Kuhn  und  Schleicher  Sprachvergleichende  Beiträge  III,  3  S.  358  und 
R.  Smith  collect  antiq.  lU,  2  p.  99  zu  vergleichen  sind.  Insbesondere 
aber  istunserm  Senocenna  der  Namen  Senodonna  bei  Grivaud  de  la 
Vincelle  antiq.  gaul.  et  rom.  II,  pag.  246  zur  Seite  zu  stellen.  Das 
Wort  cenna  findet  sich  vornehmlich  in  den  Ortsnamen  Nemetocenna 
und  Sumelocenne,  vielleicht  auch  in  dem  Namen  der  Göttin  Nitiogenna 
(Mr  Nitiocenna)  in  einer  römischen  Inschrift  der  Schweiz  bei  Mommsen 
Inscr.  Helv.  61. 

Bingen. 

3.  Grabstein  des  Metzgers  Gaius  Vescius  Primus,  im  Mai  1869 
in  der  Rochusstrasse  zu  Bingen  gefunden.  Das  mit  Laubwerk  (Mohn?) 
und  einer  Rosette  und  zwei  Delphinen  ausgefüllte  dreieckige  Giebel^ 
feld  ist  aber  seinen  oberen  Randleisten  mit  einer  Art  Stimziegeln  be- 
krönt; unter  der  Inschrift  ist  in  der  Mitte  ein  Ochsenkopf,  rechts  ein 
Schlachtmesser,  links  eine  Pfanne  mit  langem  Stiele,  ein  Beweis,  dass  G. 
Vescios  Primus  wirklich  ein  lanius,  ein  Metzger,  war,  nicht  blos  den 
Namen  führte;  ein  negot.  lanius  findet  sich  bei  Brambach  324.  Vgl. 
Mainzer  Wochenblatt  1869  Nr.  152  vom  3.  Juli,  6.  Spalte.  Archäolog. 
Ztg.  1869  N.  F.  II.  2  u.  3.  S.  30.  Ephemeris  epigraphica  Rom.  et 
Berol.  fasc.  1872.  p.  228: 


C  •  VESCiVSC  LIB 
PRIMVSLA/IVSHSE 
CVESCiVS  CFSEVR/S 
ETPERECR'NAC- 
VESCIFILIAFECER/ 
NT  PER  A/CTOREM 
TVTOREMCVESCIO 
G'LlB   VAARO 


Gaius  Vescius,  Gai  libertus, 
Primus,  lanius,  hie  Situs 
est.  Gaius  Vescius,  Gai  li- 
bertus, Severus  et  Pere- 
grina,  Gai  Vescii  filia, 
fecerunt  per  auctorem 
tutorem  Gaio  Vescio, 
Gai  liberto,  Vaaro. 


144  Römische  Inflchriften  vom  Mittelrhein. 

Gaius  Vescius  Primus,  des  Gaius  Freigelassener,  Metzger, 
liegt  hier.  Gaius  Vescius  Severus,  des  Gaius  Sohn,  und  Peregrina, 
des  Gaius  Vescius  Tochter,  Hessen  (diesen  Grabstein)  unter  dem  Bei- 
stande ihres  Vormundes,  des  Gaius  Vescius  Varus,  des  Gaius  Freige- 
lassenen, setzen. 

Deutlich  ist  die  Sigle  G  (nicht  C)  für  Gaius.  Der  Namen  Ves- 
cius ist  ein  sehr  seltener.  Nur  in  einer  römischen  Inschrift  bei  Gruter 
1149,  9  findet  sich  ein  T- VESCIS  -T-  F  •  VEL-TERTI,  wo  Gro- 
tefend'T  •  VESCI  •  ST  •  F-  VEL  •  TERTI  zu  verbessern  geneigt  ist.  Einen 
VESCINIVS  in  Rom  hat  Gruter  1000,  4  und  mehrere  in  Capua 
Mommsen  Insc.  Neap.  3855.  Was  die  Schreibweise  VAARO  für  VARO 
anlangt,  so  bietet  Gruter  998,  10  einen  VAARIVS  und  171,  8  einen 
a-BETILIENVSVAARVS.  Bei  dem  zu  dem  vorausgehenden  Ac- 
cusativ  nicht  stimmenden  Ablativ  des  Eigennamens  hat  dem  Ver- 
fasser der  Inschrift  offenbar  das  geläufigere  curante  oder  curam  agente 
u.  s.  w.  vorgeschwebt;   im  übrigen  findet  sich  per  in  ähnlicher  Weise 

gebraucht  bei  Brambach  754  u.  912.  Z.  3  ist  in  SEVRVS  uns  von 
einer  Ligatur  von  E  und  B,  wie  sie  Klein  und  Grotefend   annehmen, 

nichts  ersichtlich:  bei  Brambach  1223  ist  derselbe  Namen  SVERVS 
geschrieben,  lieber  den  Unterschied  der  Bedeutung  der  beiden  For- 
meln «per  Tutorema  und  i» Tutore  auctorea  im  römischen  Rechte  ist 
die  Ephem.  epigr.  a.'  a.  0.  mit  besonderm  Bezüge  auf  unsere  Inschrift 
ztt  vergleichen. 


Ü12  und  Umgegend. 

4.  Votivaltar  (Jupiter  und  Juno)  aus  Mainz,  nicht  mehr  vor- 
handen. Nach  einer  Mittheilung  des  Hm.  Prof.  Th.  Mommsen  in  einem 
uns  zugänglichen  Briefe  an  den  zu  Mainz  verstorbenen  Prof.  E.  Klein 
aus  dem  Jahre  1850  findet  sich  in  einem  CoUektaneenbande  der  Bogar- 
sischen  Sammlung  auf  der  Hamburger  Bibliothek  folgende,  so  viel 
bekannt,  bis  jetzt  nirgends  veröffentlichte  Votivwidmung,  mit  der 
Ueberschrift :  »zu  Maintz  auf  einem  Stein  unter  dem  Boden  gefunden, 
als  man  daselbst  geschautzet  hat.<(    Sie  lautet: 


\ 


Bdmiselie  Inschriften  vom  Hittelrhein.  146 

I    O   M  d-  b.  wol  Jovi  optimo  maximo 

ET  IVN    REG  et  Junoni  reginae 

OPOMPVA  Quintus  Pompejus  (Pom- 

LS^SVICGXXII  ponius)  Valens,  centurio 

PR  3P0SEESV  legionis  vicesimae  secundae 

I    O    M  primigeniae,  pro  se  et  suis 

(votum  solvens  posuit  laetus 
lubens  merito?) 

Juppiter,  dem  besten,  dem  grössten,  und  Juno,  der  Herrscherin, 
(Uess)  Quintus  Pompejus  (Pomponius)  Valens,  ZugfQhrer  der  22  Legion, 
der  erstgeworbenen,  für  sich  und  die  Seinigen  setzen  sein  Gelfibde 
gerne  und  freudig  nach  Gebühr  lösend). 

Z.  3,  4  u.  5  wird  von  Hm.  Prof.  Mommsen  verbessert:  Q*  POMP* 
VALENS  >  LEGXXII  PP  F  PRO  SE  ET  SVIS;  es  scheint  in- 
dess,  wie  öfter,  blos  P  R  CR  O  gewesen  und  das  I  O  M  am  Schlüsse 
der  Best  der  Votivformel  V  •  S  •  L  •  M  mit  vorausgehendem  P  zu  sein. 
POMP  l&sst  sich  entweder  in  das  auf  römisch-rheinischen  Inschriften 
nicht  seltene  POMPEIVS  (vgl.  Brambach  C.  I.  B.  Ind.  p.  373)  oder  in 
POMPONIVS  ergänzen;  em  T  POMPONIVS  VALENTINVS 
findet  sich  bei  Muratori  p.  737,  1. 

5.  Votivaltar  (Genius  einer  Genturie  d*  h.  eines  Zuges  von  Sol- 
daten) i.  J.  1877  in  Mainz  gefunden.  Auf  den  Nebenseiten:  rechts 
Opferbeil  und  langstielige  Opferschale,  links  Ausgusskanne  (praefae- 
culum),  Schöpfkelle  (patera)  und  ein  unbestimmbares  dreieckiges,  oben 
ausgezahutes  Opferinstrument,  auf  der  Vorderseite  die  (unedierte)  In- 
Bchrift: 

GENIO>         Genio  centuriae 
NIGIDI  *  Nigidii  Censorini  . 

C3M  S  O  U  N      AeUus  Verinus 
AEL  -  VERIN     architectus,  Gemi- 
A  R  C  H  i  "E  C     nius  Primus,  custos 

G  E  M  I  N  I  ^     armorum,  ex  voto 
PRIMVSC  *  A      suscepto  posuerunt 

EXV0T08V8CEPTP08VER 

Dem  Genius  (Schutzgeist)  der  Genturie  des  Nigidius  Censorinus 

10 


146  Romitche  InBehriften  vom  Mitteblieiii. 

Hessen  Aelitts  Verinus,  Ingenieur,  und  Geminius  Primus^  Waffeawart, 
in  Folge  eines  gethanenen  Gelübdes  (diesen  Altar)  erric)iten. 

Dem  Genius  einer  Centurie  sind  noch  mehrere  Votivinschriften 
des  Mainzer  Museums  gewidmet,  wie  bei  Brambach  1025,  1026,  1028, 
1029;  hierbei  und  sonst  pflegt  die  Centurie  öfter  durch   einen 
Namen,  wie  1029,  oder  durch  zwei,  wie  in  unserer  Inschrift  u.  1025, 
1102,   1103,   1104,    1105,    116,   1093,   1554,   1153,  seltener  durch  die 
drei  Namen  des  Centurionen  bezeichnet  zu  werden,  am  wenigsten  wol 
durch  das  vom  nomen  gentilicium  gebildete  Adjectiv,  wie  centuria  Clau- 
diana  (Brambach  2087),  Passiniana;  Lucaniana,  Hilariana  (Benier  Insc. 
d'Algärie  1125,  594,  664).  Die  Namen  des  Centurionen  Nigidius  Cen- 
sorinus  und  der  beiden  Soldaten  seiner  Centurie  Aelius  Verinus  und 
Geminius  Primus  sind  nicht  selten,  wie  die  Indices  bei  Gruter  und 
Muratori  bezeugen,  ihr   militärischer  Charakter  dagegen  um  so  be- 
merkenswerther,  als  der  eines  architectus  hier  zum  zweiten  Male 
(vgl.  Brambach  468)  auf  einer  römisch-rheinischen  Inschrift,   der  eines 
custos  armorum  aber  auch  nur  auf  einer  kleinen  Anzahl  römischer 
Inschriften  der  Rheinlande  vorkommt.  Die  Legion,  wozu  jene  Centurie 
und  die  beiden  Soldaten  gehörten,  kann  kaum  eine  andere  gewesen  sein, 
als  bei  Brambach  a.  a.  0.  unzweideutig  angegeben  ist,  nämlich  die  22.,  die 
so  lange  Zeiten  am  Mittelrhein  stationirt  war,   dass  die  ausdrückliche 
Bezeichnung  derselben  auf  solchen  Votivsteinen  als  selbstverständlich 
leicht  weggelassen  werden  konnte :  so  dürfte  es  auch  bei  den  ähnlichen 
Centuriensteinschriften  aus  Mainz   bei  Brambach  1028  und  1029  sein, 
in  welchen  gleichfalls  zwei,  beziehungsweise  ein  Dedikant,  und  zwar 
erstere  ohne  weitere  Bezeichnung  als  Soldaten,  genannt  sind,  während 
1025  und  1026  sich  ausdrücklich  auf  C!enturien  der  22  Legion  beziehen. 
Wie  der  Charakter  eines  custos  armorum  ist  nämlich  auch  dereines  archi- 
tectus hier,  wie  bei  Brambach  ein  militärischer.  Architectus') 
bezeichnete  ohne  Zweifel  bei  dem  römischen  Militär  diejenige  Truppengat- 
tung, welche  jetzt  Pionier-  und  Genietruppen  heissen.  So  wird  ein  sol- 
cher bei  Orelli  3489  zugleich  als  Soldat  zweier  prätorischen  Cohorten 


^)  Mit  der  Schreibvariante  arcitectns  bei  Mommsen  Insc.  Neapel. 
2485,  8916  (Marat.  947,  5  arquitectofi),  OreUi  1145,  Orelli-Henzen  5795,  5881, 
5892;  auch  in  einer  griechischen  Inschrift  ans  Alessandria  in  Oberitalien  bei 
MnraC  949,  6  steht  in  gleicher  Form  APXITEKT02,  während  sonst  mehr 
APXITEKTSIN  vorkommt,  insbesondere  als  machinarius  oder  Ingenieur  in 
einem  Bergwerke:  vgl  Beoker-Marquardt  Rom.  Alterth.  II,  2  p.  201.  f.  u.  III, 
2  p.  362,  486. 


Romiscbe  Inschriften  vom  Mitielrbein.  147 

bezeichnet,  bei  Orelli-Henzen  7420  a.  v.  als  solcher  der  3  Augustischen 
Legion :  auch  von  der  Flotte  zu  Misenum  wird  ein  solcher  ebendort 
6888  erwähnt;  ausgediente  Soldaten  der  prätorischen  Gohorten  und 
Legionen  werden  ebendort  6796  der  eine  als  architectus  armamentarii 
imp.  d.h.  des  kaiserlichen  Zeughauses,  ein  anderer  bei  Mommsen  a.  a. 
0.  2851  gradezu  als  architectus  Augustorum,  d.  h.  des  Kaiserlichen 
Hauses  bezeichnet.  Aber  auch  als  civile  Funktion,  und  zwar  von 
Freigeborenen,  Freigelassenen  und,  wie  es  scheint,  von  Sklaven  aus- 
geübt, erscheint  die  Bethätigung  des  architectus  auf  Inschriften ;  vgl. . 
Mommsen  a.  a.  0.  1323,  3308,  Murat.  982,  3,  976,  4,  972,  6,  Orelli 
1145,  Orelli-Henzen  5881,  5892;  Mommsen  3918,  2405,  2238,  Orelli 
4145,  2896  u.  a.  m.  Privat-Ingenieur  oder  Baumeister  scheint  der 
architectus  Nicanorianus  bei  Murat.  298,  3  gewesen  zu  sein.  Nicht 
minder  zahlreich  sind  die  Erwähnungen  der  militärischen  Funktion 
eines  Waffen-  oder  Zeugwartes,  armorum  custos,  welche 
Senfeca  de  Tranq.  3  mit  den  Worten:  qui  armamentario  praeest  be- 
zeichnet. Wie  der  architectus,  so  wird  auch  der  armorum  custos  zu- 
nächst als  Soldat,  miles,  des  betreffenden  Truppenkorps,  als  welche 
letztere  sich  bis  jetzt  jedoch  nur  die  Legionen  und  die  equites  singu- 
lares,  noch  nicht  aber  die  prätorischen  Gehörten  und  die  Stadtwache 
von  Rom  haben  nachweisen  lassen,  so  bei  4er  leg.  II  adiutrix,  leg.  IH 
augusta,  leg.  XXH  primigenia,  pia,  fidelis,  vielleicht  jedoch  auch  bei 
einer  kleineren  Truppenabtheilung,  einem  sogenannten  Numerus  (Bram- 
bach  1762):  vgl.  Murat.  855,  1,  Renier  Insc.  d'Algörie  1220,  556,  639, 
Ö14,  788,  888,  777,  793,  Grut.  568,  11;  Murat.  774,  3,  Brambach 
1294.  Bisweilen  scheint  man  auch  ausgedienten  Soldaten,  veterani, 
diesen  Posten  übertragen  zu  haben;  vgl.  Orelli  3500,  Grut.  568,  11, 
Mitth.  des  hist.  Ver.  f.  Steiermark  (1852)  III,  S.  98.  Zur  Bezeichnung 
desselben  bediente  man  sich  auch  mit  Weglassung  des  überdiess  CVST, 

CVS,  CV,  C    abgekürzten   Wortes   custos   des  Wortes   armorum 

schlechthin,  wie  bei  Renier  514,  556,  639,  778,  888,  Murat.  347,  2  0- 

Da  das  Wort  armorum   bei  dieser  Funktionsbezeichnung  eines 

armorum  custos  das  vorwiegende  ist,  so  erklärt  sich  einestheils  die 

Auslassimg  des  Wortes  custos,  anderestheils  die  constante  Voran - 


*)  Nahe  läge  es  dem  armaturae  oder  armatara  leg.  XXII  auf  zwei 
Mainzer  Inschriften  bei  Brambach  1068  und  1178  eine  gleiche  Bedeutung  beizu- 
legen, wönn  nicht  schon  Borghesi  in  den  Annal.  deFinst.  1839  p.  181  das  Wort 
armatara  hier  als  gleichbedeutend  mit  miles  erklärt  hätte. 


148  RömiBche  Inschrifben  vom  Mitteirhein. 

Stellung  des  armorum.  Erst  die  Inschrift  aus  Wachenau  bei Bram- 
bach  942  zeigt  ausgeschrieben  custos  armorum  ohne  nähere 
Bezeichnung  des  betreffenden  Truppenkorps,  gibt  aber  damit  auch  den 
Schlüssel  zur  sichern  Deutung  der  Sigle  CA  auf  unserer  und  an- 
deren römisch-rheinischen   Inschriften  bei  Brambach:  so  1762   der 

CAIIXNVM ferner  die  C  <  A  •  LEGXXIi    Magissius    Hibernus 

(Murat.  729,  3  =»  Orelli  1395),  Titus  Devillius  Victorinus  (Brambach 
1024),  Pervincius  Ursinus  (Brambach  1294);  diesen  Waffenwarten  der 
22  Legion  dürften  dann  ohne  Bedenken  der  Titus  Saturio  (Brambach 
942)  und  unser  Geminius  Primus  anzuschliessen  sein,  da  bei  dem 
langen  Aufenthalte  dieser  Legion  am  Rheine  kaum  eine  andere  ge- 
meint sein  kann ;  ebenderselben  gehörte  dann  auch  wohl  der  Secundus 
EX  .  C  •  A  der  Mainzer  Inschrift  bei  Brambach  1117  an,  deren  Schluss 

leider  durch  Abbruch  des  Steines  verloren  ist.  Was  die  dienstliche 
Stellung  des  custos  armorum  betrifft,  so  gehörte  er  zu  den  Unter- 
gebenen des  praefectus  castrorum,  Platzcommandanten,  dem  die  An- 
lage neuer  befestigter  Plätze,  sowie  die  Aufsicht  über  das  Kriegs-  und 
Festungsmaterial,  Geschütz,  Train,  Gepäck  oblag;  vgl.  Becker-Mar- 
quardt  Rom.  Alterth.  III,  2  S.  428.  —  Die  letzte  Zeile  unserer 
Inschrift  ist  in  viel  kleineren  Schriftzügen  gehalten,  so  dass  insbe- 
sondere die  3  letzten  Buchstaben  VER  in  eine  Ligatur  zusammenge- 
drängt sind. 

6.  Unediertes  Bruchstück  einer  oberhalb  Mainz  in  der  soge- 
nannten neuen  Anlage  gefundenen  Inschrift: 

D  I  I  N 
NONSP 
NAMHIC 
OTCARI 
PECTO 

Vorstehendes  Bruchstück  findet  sich  auf  einem  Zettel,  welcher  einem 
Exemplare  von  Fuchs  Alte  Geschichte  von  Mainz  U.  Einleitung  p.  XXY 
eingeklebt  und  mit  der  Anmerkung  versehen  ist :  »diess  ist  der  Stein, 
den  ich  ohnlängst  in  der  ehemaligen  Favorite  abgeschrieben  habe.« 
Die  Favorite  war  bekanntlich  das  kurfürstliche  Schloss,  welches  auf 
der  Stelle  der  heutigen  »Neuen  Anlagere  bei  Mainz  stand  und  L.  am 
Schlüsse  ist  ohne  Zweifel  die  Sigle  des  Namens  des  bekannten  Mainzer 
Inschriftenforschers  Friedrich  Lehne. 


k 


Rdmisohe  Insohriften  vom  Mittelrhem.  149 

7.  Grabstein  eines  Gallo-BSmers  aus  Sandstein  im  Anfange  des 
Jahres  1870  im  Felde  zuWechenau  bei  Mainz  aufgefunden;  das 
Giebelfeld  ist  mit  Arabesken  geschmückt.  Vgl.  Archäol.  Zeit  N.  F. 
1870,  m,  S,  53. 

PVSA  •  TROVCILLI  •  F  Pusa  Trougilli  fiUus 

AN  •  CXX  •  HIC  •  SITVS  annorum  centum  viginti, 

EST  •  PRISCA  •  PVSA  -  F  Wc  situs  est ;  Prisca,  Pu8a(e) 

AN  •  XXX  •  HIC  •  SITA  filia,  annorum  triginta, 

EST  •  VINDA  -  ATEC  Wc  sitä  est;  Vinda,  Ategnio- 

NIOMARI*F-HIC  mari  filia,  hie  sita  futura 

SITA  •  FVTVRA-  EST  est.  annorum  octoginta. 
ANLXXX. 

Pusa,  des  Trougillus  Sohn,  120 Jahrs  alt,  liegt  hier;  Prisca,  des 
Pusa  Tochter,  30  Jahre  alt,  liegt  hier ;  Vinda,  des  Ategniomar  Tochter, 
wird  hier  liegen.  80  Jahre  alt. 

Zu  dieser  Inschrift  bemerkt  Hr.  Archivrath  G.  L.  Grotefend 
brieflich  folgendes:  »Ausser  dem  hohen  Lebensalter  der  ersten  hier 
genannten  Person  sind  besonders  die  keltischen  Namen  dieses  Steins 
von  Interesse.  Der  120jährige  Pusa  möchte  leicht  der  älteste  Mann 
sein,  der  auf  römischen  Grabsteinen  genannt  wird,  eine  115jährige 
Spanierin  finden  wir  in  Corp.  Insc.  lat.  11  n.  2065.  Der  Name  Pusa, 
der  nach  Z.  3  auch  im  Genitiv  Pusa  lautet,  ist  mir  neu.  Einen  PVSVA 

hat  Brambach  Corp.  insc.  Rhen.  296.  Ein  Trougillus  findet  sich 
auch  auf  einem  in  Lengfeld  gefundenen  Stein  bei  Brambach  n.  1401. 
Den  Frauennamen  Vinda  finde  ich  nur  in  der  stark  corrumpirten  In- 
schrift bei  Gruter  1082,  2,  Muratori  854,  3  und  eine  Yindilla  be- 
Steiner n.  3014.  Zur  Erklärung  des  zusammengesetzten  Namens  Atei 
gniomarus  bieten  sich  uns  einerseits  die  Ategnia  bei  Muratori 
1082,  2,  die  Ategnata  Gruter  758,  11  und  763,  6,  die  Ategenta 
im  Archiv  fQr  Kunde  österr.  Gesch.  IX,  112  und  die  mancherlei  Zu- 
sammensetzungen mit  Ate  bei  Becker  in  den  Beiträgen  zur  verglei- 
chenden Sprachf.  III,  4  S.  438,  andererseits  die  mancherlei  gallischen 
Namen  auf  marus,  der  Aeduer  Viridomarus  bei  Caesar,  der  Gallier 
Aegritomarus  bei  Cicero  in  Q.  Caecilium  divin.  XX,  67  und  in  Verrem 
act.  secunda  n,  47,  118,  vor  Allem  aber  der  Gallische  FtLrst  Atepo- 
marus  bei  Plutarch  Pärallela  30  und  de  fluviis  (Arar)  VI,  4.  Den 
letzteren  Namen  würde  ich  mit  Hinsicht  auf  den  Ategniomarus  unserer 


160  Römische  Insohrilten  vom  Mitielrhein. 

Inschrift  unbedenklich  in  ATEFIOMAPOS  corrigieren,  wenn  nicht 
der  Namen  ^AteTtoqi^j  welchen  uns  Strabon  XII,  3,  37  p,  560  als  den 
eines  galatischen  Tetrarchen  aufbewahrt  hat^  durch  eine  Ancyranische 
Inschrift  (Corp.  inscr.  gr.  III,  4039),  deren  Leseart  durch  Ueberein- 
stimmung  von  Montfaucon,  Lucas,  ChishuU  und  Hamilton  bestätigt 
wird,  vollkommen  festgestellt  würde;  es  heisst  dort  unstreitig 
AABIOPia  ATEnOPEir02.  Wie  "Atenogi^  wird  also  auch 
^ATBTtofxaQoq  ein  keltischer  Name  sein,  verschieden  von  unserem  Ate- 
gniomarus.tt  Hierzu  sei  weiter  bemerkt,  dass  der  Genetiv  PVSA 
(denn  so,  nicht  PVSAE,  steht  auf  dem  Steine)  offenbar  derselben 
römisch-keltischen  Flexionsweise  angehört,  wie  der  Dativ  keltischer 
Eigennamen  auf  a,  worüber  in  den  Bonner  Jahrbüchern  XLU  S.  93 
Näheres  bemerkt  ist.  —  Die  zahlreichen  keltischen  Personennamen 
auf  — illus  und  — marus  sind  von  uns  in  den  oben  citirten  Beiträgen 
zur  vergleichenden  Sprachforschung  IH,  3  S.  352  u.  UI,  4  S.  431  zu* 
sammengestellt  worden;  ihre  Zahl  könnte  jetzt  noch  weiter  vermehrt 
werden.  Die  letzte  Zeile  der  Inschrift,  welche  die  Lebensjahre  der 
Vinda  angibt,  die  auf  dem  Steine  selbst  in  absonderlicher  Wendung 
als  dereinst  hier  liegend  bezeichnet  wird,  ist  selbstverständlich  später 
beigefügt  worden,  obwohl  die  Schrift  nicht  sehr  von  derjenigen  der 
übrigen  Zeilen  verschieden  ist 

8.  unedler tes,  nicht  mehr  vorhandenes  Bruchstück  der  Grab- 
schrift eines  römischen  Soldaten  i.  J.  1795  zu  Zahlbach  bei  Mainz 
gefunden,  nach  einer  handschriftlichen  Notiz  Bodmanns  in  seinem*Hand- 
exemplare  von  Joannis  Bes.  Mog.  III  S.  63  auf  der  Stadtbibliothek 
zu  Mainz,  als  Zusatz  zu  Huttich  collect,  antiq.  XXXIX: 


F  •  L  •  STIP  •  X  (annorum?)  quin- 

H  •  S  •  E  S  T  quaginta,  stipendiorum 

decem,  hie  Situs  est. 

50  Jahre  alt,  im  Dienste  10  Jahre,  liegt  hier, 

Z.  1  scheint  das  angebliche  F  der  letzte  Strich  eines  mit  A  ver- 
bundenen (legierten)  N  gewesen  sein,  da  der  Angabe  der  Diensljahre 
(stipendia)  in  der  Regel  die  der  Lebensjahre  vorangeht.  Die  übliche 
Schlussformel  römischer  Grabschriften  H  S  E  findet  sich  mit  der  hier 
beliebten  Ausschreibung  des  EST  genau  so  auf  drei  anderen  Zahl- 
becher Grabschriften  bei  Brambach  1234,  1260,  1261. 


RdmiBche  Insohriften  vom  Mütelrhein.  161 

9.  Un  ediertes,  nicht  mehr  vorhandenes  Brachstttck  einer  Orab- 
säale  ].  J.  1803  zwischen  Oppenheim  und  Nierstein  oberhalb  Mainz 
gefanden,  nach  einer  handschriftlichen  Notiz  Bodmanns  in  seinem  Hand- 
exemplare von  Joannis  Res.  Mog.  III  auf  der  Stadtbibliothek  zu  Mainz. 
Bodmann  tbeilt  a.  a.  0.  die  Abbildungen  dreier  Stücke  desselben 
Fundorts  mit,  und  zwar  1.  die  Büste  einer  umschleierten  weiblichen 
Figur,  offenbar  einer  gallischen  Muttergottheit,  mater,  matrona.  2.  Die 
(kopflose)  Büste  einer  in  eine  weitärmliche  Tunika  gehüllten  weib- 
lichen Figur;  beide  Büsten  scheinen  hermenartig,  d.  h.  auf  Säulen- 
postamentchen  angebracht.  8.  endlich  Untersatz  und  Capitell  einer 
bruchstücklichen  Grabsäule,  auf  deren  (sechsseitigem?)  Untersatze 
zweimal 

und  auf  einer  Seitenfläche 


gelesen  wird. 


D  M 

ID    M 
10  VIN 

Danustadt. 


10.  Oben  verstümmelter  Grabstein  eines  von  Räubern  er- 
schlagenen Campaners  i.  J.  1868  oder  1869  bei  dem  Gehaborner  Hof 
unweit  Darmstadt  im  Walde  aufgefunden  und  ins  Darmstädter  Mu- 
seum verbracht:  vgl.  A.  Klein  und  £.  Hübner  in  der  Archäol.  Zeitg. 
1869  S.  30.  Die  Inschrift  lautet  theils  nach  Autopsie,  theils  nach  den 
dankenswerthen  Mittheilungen  des  Hm.  Museumsdirektors  R.  Hof- 
mann also: 

fclV .    .    .    .    Clodius 

EHICiN    ...        (filius  Peri)gen(es  annorum) 

.    .    .    •    ^  E  L  A  T  R  O  NE  S        ( —  hie  situs  est  in(terfece)re 
.    .    •    MC3MVITTE-A        latrones  (que)  m  genuit 
^^SIDICINOEXCM        Teano  Sidicino 
P  A  N I A  ^  ALTERA  ^  C  o  N        ex  Campania.  Altera 
TEXITTELL  VS03)IT        contexit  teUus,  dedit 
ALTERA.2rNASCIP3^l        altera  nasci.  Perigenes 
C  3\E  SH ABET  ^  TITVL  NM        habet  titulum,  Secundus 
SECWDVSOFFICIVVI        officium .  PubUus 
P^CLOO-SECVAOVS        Clodius  Secundus 
F  RAT  Rl  P  lENTISSIM  O        patri  pientissimo. 


V-. 


168  Römifohe  Intohriften  vom  Mittelrhem. 

....  Qodias  Peri)gen(e8,  alt  .  .  .  Jahre)  liegt)  Uer.  Hier  ver- 
wundeten Räuber  denjenigen,  welcher  entstammte  aus  Teanum  Sidid- 
num  in  Gampanien.  Das  eine  Land  deckt  ihn  mit  Erde,  das  andere 
gab  ihm.  das  Dasein.  Perigenes  hat  nun  seine  Grabschrift,  Secundus 
seine  Liebespflicht  erfüllt  Publius  Glodius  Secundus  (liess  diesen  Grab- 
stein) seinem  geliebtesten  Bruder  (setzen). 

In  Z.  3  ist  NE,  Z.  4  EN,  Z,  5  AH,  Z.  7  ED,  Z.  8  ER,  Z.  9 
ENE,  Z.  9  (wie  10)  VM,  VN,  Z.  10  VND  durch  Ligatur  verbunden. 
Da  der  Verstorbene  Z.  8  u.  9  PERIGENES  mit  seinem  cognomen  ge* 

nannt  wird,  sein  Bruder  sich  Z.  11  Publius  Glodius  Secundus  nennt, 
die  gens  Glodia  auch  durch  Inschriften  von  Teanum  Sidicinum  bei 
Mommsen  Insc.  NeapoL  p.  208  ff.  n.  4004,  4005,  4006  bezeugt  ist,  so 
fahrte  demnach  auch  Perigenes  den  Gtentilnamen  Glodius.  Da  nun 
weiter  in  den  Buchstabenresten  der  1.  Zeile  unschwer  lES  als  Best 
von  (Perig)en(es)  zu  erkennen  ist,  vor  diesem  EN  aber,  nach  Massgabe 
der  Zahl  der  Buchstaben  in  den  vollständig  erhaltenen  Zeilen  wenig- 
stens 6—7  Buchstaben  gestanden  haben  müssen,  so  sind  wahrschein- 
lich vor  dem  PERIG(EN)ES  noch  die  Sigle  fQr  das  praenomen 
seines  Vaters  nebst  dem  B.uchstaben  F  (filius)  auszufüllen.  Aber  auch 
hinter  dem  vervollständigten  Namen  (PERIG(EN)ES)  fehlet  wenig- 
stens noch  zwei  Buchstaben  und  diese  glauben  wir  mit  ziemlicher 
Wahrscheinlichkeit  durch  AN  (annorum)  ergänzen  zu  dürfen,  wenn 
sich  im  Anfange  von  Z.  2  die  Angabe  der  Zahl  der  Lebensjahre  nebst 
der  Formel  H  S  E  anscMoss,  von  welcher  letzteren  das  E  noch  übrig 
ist.  Da  nun  weiter  auch  das  I  N  am  Schlüsse  von  Z.  2  nebst  demRE 
in  der  vom  verstümmelten  Z.  3  bereits  ebenso  durch  IN(TERFEGE)RE 
hergestellt  ist,  wie  das  (QVE)M  im  Anfange  der  4.  Seile  und  das  (N)0 
in  dem  der  5. ;  so  liesse  sich  der  jetzt  zerstörte  Kopf  der  Grabschrift 
vielleicht  also  wieder  ergänzen: 

DM.- CLODI VS 
(.•F-PERIG)EN(ES.  AN 
.  .  .  HS)EHICIN(TER) 
(FECE)RELATRONES 
(QVE)MGENVITTEA 
(N)OSIDICINOEXCAM 

u.  s.  w. 

Der  Anfang  der  Inschrift  wäre  demnach  genau  so,  wie  oben  bei 


-   r  ■ 


K'^ 


Romisohe  Inaohriften  vom  MittelrheiiL 


168 


Nr.  7  (vgl.  auch  Nr.  3).    Mit  besonderer  RQcksicht  auf  die  Gebart  in 
dem  fernen  Italien  and  den  Tod  and  die  Beerdigang  in  Grermanien 
scheint  das  HI  C  im  Gegensätze  za  dem  QVEM  GEN  VIT  a.  s.   w. 
betont  werden  za  wollen.  Hier  (d.  h.  im  nordischen  Germanien)  starb 
der,  welchen  das  italienische  Gampanien  gebar:  der  Mann  scheint  also 
unfern  des  Ortes  begaben  worden  za  sein,  wo  er  anter  den  Händen 
von  Baabem  seinen  Tod  fand.    Aehnliche  Erwähnungen  von  Gebarts- 
und Todesarten  finden  sich  aach   sonst  auf  römisch-rheinischen  In- 
schriften: so  auf  dem  Grabsteine  eines  Mösiers  zu  Mainz  (Brambach 
1077)  und  eines  Afrikaners  zu  Bedburg  (163):  ähnlich  wie  auf  unserm 
Steine  lautet  es  hier:  QVEM  GEN  VIT  TERRA  MAVRETANA — 
OBRVIT  TERRA  ....    Diesem  tragischen  Schicksale  eines  ge- 
waltsamen Todes  ferne  von  der  Heimat  gibt  der  Bruder  nicht  blos 
einen  besondem  Ausdruck  in  der  Erwähnung  des  Geburtsorte,  sondern 
auch  in  dem  Anlaufe  zu  einem  poetischen  Ergüsse:  Altera  content 
tellos,  dedit  altera  nasd,  den  er  wol  irgend  einer  andern  ihm  bekann- 
ten Grabschrift  entnahm,  in  welcher  das  Distichon  sich  etwa,   wie 
Hübner  bemerkt  hat,  mit  dem  Pentameter:  Meta  habet  titulum,  filius 
offidum  abschloss,  in  welchem  er  statt  mater  das  cognomen  des  Ermor- 
deten, Perigenes,   statt  filius  sein  eigenes,   Secundus,  substituirte.  •— 
Zwischen  TE  und  A  von  TEANO  hat  der  Steinmetz  irrthümlich  eine 
starke  Interpunktion  angefangen,  aber,  wie  man  sich  an  dem  Origi- 
nale zur  Genüge  überzeugen  kann,  unvollendet  gelassen.    Die  Auso- 
nische  Völkerschaft  der  Sidicini  im  nordwestlichen  Theil  von  Gampa- 
nien hatte  zur  Hauptstadt  Teanum  Sidicinum  (jetzt  Teano)  am  nörd- 
lichen Abhänge  des  Mons  Massicus  an  der  via  Praenestina,  mit  nicht 
unbedeutendem  Handel;  seit  Augustus  war  es  römische  Colonie,  vgl. 
Forbiger  Handb.  der  alten  Geogr.HI  S.730;  über  die  dort  gefundenen 
Inschriften  vgl.  Mommsen  a.  a.  0.,  Münzen  bei  Eckhel  D.  N.  I,  117. 
Wenn  nicht  Alles  trügt,  so  ist  auch  unsere  Inschrift  eine  neue  Illu- 
stration zu  der  Tacitus  Germ.  29  gegebenen  Schilderung  der  Misch- 
bevolkerung,  welche  in  das  leerstehende  Zebntland   zwischen  Rhein, 
Main  und  Neckar  in  römischer  Zeit  nach  und  nach  aus  dem  jenseiti- 
gen Gallien  einwanderte:  bereits  liegt  eine  Anzahl  Inschriften  vor, 
welche  den  Zusammenfluss  und  die  Niederlassung  überrheinischer  Gal- 
lier dortselbst  beurkundet:   vgl.  Mommsen  Epigraghische  Analekten  I 
8.  196  und  Archiv  für  Frankfurts  Gesch.  u.  Kunst  N.  F,  I.  S.  8—9. 
Bezeugt  unsere  Inschrift  auch  keinen  weiteren  »levissimus  Gallorum«, 
wie  Tacitus  sagt,  so  ist  es  immerhin  ein  weithergekommener  Südländer, 


154  Röinisehe  Ixurohriften  yom  Mittelrbein; 

welchen  wol  nebst  seinem  Bruder  Handel  und  Wandel  anf  das  solum 
dubiae  possessionis  gefahrt  hat;  auch  die  Art  seines  Todes  durch 
Räuberhand,  welche  auch  sonst  wohl  auf  Inschriften  vorkommt,  dürfte 
für  die  Zustände  des  Landes  bezeichnend  sein. 

Frankfurt  am  Hain. 

10.  Oben  verstümmelter  Votivaltar  (unbekannte  Gottheit)  im  Juli 
1872  als  Gesimsstück  an  der  nördlichsten  Mauer  des  ältesten  Theiles 
der  Domkirche  (alten  Bartholomäuskirche)  aufgefunden,  wahrschein- 
lich von  dem  Trümmerfelde  des  ehemaligen  NO  WS  ViCVS  zwischen 
Heddernheim'  und  Praunheim,  oder  aus  dem  Odenwalde  hieriier 
verschleppt;  die  rechte  Seite  und  die  letzte  Zeile  der  Inschrift  ist 
gänzlich  abgeschliffen.  Vgl.  Frankfurter  Zeitung  1872  N.  236,  Erstes 
Blatt  ArchäoL  Zeitung  1873,  Januar  S.  82 : 

ATO  D (Sedato  deo  sacrum?) 

.  oHI  •  SEQ- Jl ■      (c)ohors  prima  Sequanorum 

.  VRAMAC ßt  (Rauracorum  c)uram 

.  EXTILIOP  ....  ag(ente  S}extilio  P(rim)o 

,  O  >  LEG  XX  .  .  .         centurione  leg(ionis) 
.  PColVMoD'VII         vicesimae  (secundae 

primigeniae)  imperatore 
Commodo  septimum(et 
PubUo  Helvio  Pertinace  iterum 
consulibus). 
Dem  Gotte  Sedatus  geweiht.  Die  erste  Cohorte  der  Sequaner  und 
Rauraker  (liess)  durch  Fürsorge  des  Sextilius  Primus,  des  Zugführers 
der  22.  Legion,  der  erstgeworbenen  (diesen  Altar  errichten)  unter  dem 
7.  Ck>nsulate  des  Kaisers  Gommodus  und  dem  2.  de^  Publius  Helvius 
Pertinax. 

In  der  ersten  Zeile,  von  der  nichts  zu  fehlen  scheint,  war  der 
Namen  einer  nicht  römischen  Localgottheit  enthalten,  kaum  wol,  wie 
E.  Hübner  meint,  irgendwelcher  Matronen,  viel  wahrscheinlicher,  wie 
er  andeutet,  des  Sedatus  deus,  wie  bei  Orelli  2048  u.  5972 :  doch  steht 
das  A  vor  T  nicht  ganz  sicher :  hiemach  wären  die  Reste  der  ersten 
ZeUe  ATO(XTO?)  D(EO  Sacrum)  zu  vervollständigen.  In  allen  fol- 
genden Zeilen  ist  der  Anfangsbuchstabe  infolge  der  Zurüstung  des 
Steins  zum  Qesimsstttck  zerstört,  lässt  sich  aber  unzeifelhaft  ergänzen. 


k. 


•^-^- 


Bömische  Iiuohrifteii  vom  Mitielrhein..  156 

Die  cohoTS  prima  Sequanorum  et  Raaracorum  ist  durch  Inschriften 
von  Steinbach  in  Baden  (Brambach  1738)  und  Miltenberg  am  Main 
(1740,  1744)  bezeugt:  die  Abkürzung  des  Rauracorum  lautete  auf 
unserm  Steine  ohne  Zweifel  RAVR,  wovon  der  Hauptstrich  des  R  noch 
übrig  ist.  Die  Formel  curam  agere  bedarf  bei  dem  Hinweis  auf  Orelli- 
Henzen  3340,  3722,  6737,  6753  keiner  weiteren  Erörterung.  Ein 
Haruspex  P.  Sextilius  Primus  und  eineSextilia  Prima  finden  sich  bei 
Grut.  304,  6  und  661,  4.  Das  siebente  Gonsulat  des  Kaisers  Commodus 
und  das  zweite  des  Publius  Helvius  Pertinax  fällt  ins  Jahr  193  n.  Chr. ; 
da  die  eine  Ära  von  Miltenberg  ins  Jahr  191  gehört,  muss  also  die  be- 
sagte Gehörte  zu  Ende  des  zweiten  Jahrhunderts  .am  untern  Main  sta- 
tionirt  gewesen  sein.  Dasselbe  Gonsulat  des  Kaisers  Gommodus  aus 
seinem  letzten  Regierungsjahre  findet  sich  auch  auf  einer  Mainzer 
Inschrift  (Brambach  993),  welche  das  älteste  datierte  inschriftliche 
Denkmal  von  Mainz  ist 

Heddernheim. 

11.  In  dem  Archiv  für  Frankfurts  Geschichte'  und  Kunst,  N.  F.  I S. 
25  n.  3.(Brambach  1475)  ist  von  uns  ein  der  Mittheilung  des  verstorbenen 
Frankfurter  Rektors  Voemel  verdanktes  Bruchstück  (üntertheil)  einer  Vo- 
tivinschrift  aus  Heddernheim  zum  erstenmale  ediert,  deren  Original  aus 
dem  Besitze  des  verstorbenen  Hrn.  v.  Meyer  in  den  Besitz  des  Hrn.  Pfarrers 
Wolf  zu  Frankfurt  gelangt,  von  diesem  nunmehr  geschenksweise  an 
die  Stadtbibliothek  abgegeben  wurde.  Bei  dieser  Gelegenheit  konnte 
das  Original  selbst  von  uns  genauer  eingesehen  und  danach  die  erste 
bruchstückliche  Zeile  der  Inschrift  genauer  statt  LON  vielmehr  als 
Rest  einer  halb  zerstörten  Zeile  also  1 1  u  IV  I  festgestellt  werden ; 
demnach  lautet  die  Inschrift: 

llulVl 

VSFLORE 

N  T INVS 

ARAMINS 

VoROSVIT 


LLM 

Die  erste  Zeile  enthält  nur  noch  die  Untertheile  der  Buchstaben 
ITONI  oder  TTONI,  so  dass  also  ein  Gentilnamen  entweder  auf 
— ttonins  oder  itonius  u.  a.  m.  dem  FLORENTINVS  voransgegan* 


166  Römiiohe  InBohrifteii  vom  Miitelrheiii. 

gen  sein  kann :  zahlreicbe  Namensformen  auf  —  ONIVS  sind  in  Kuhns 
und  Schleichers  Sprachvergleichenden  Beiträgen  m,  4  S.  408  f.  von 
uns  zusammengestellt  worden.  Am  wahrscheinlichsten  ist  ATTONIVS 
zu  ergänzen  (vgl.  oben  N.  1  und  Brambach  1336,  1768);  ein  L  - 
PETRONIVS  FLORENTINVS  findet  sich  auf  einem  Steine  zu 
Obernburg  in  Franken,  ein  L.SEPTVMIVS  FLORENTINVS  zu 
Kirchheim  in  Rheinbayern  bei  Brambach  1748  u.  1786;  vgl.  1533. 

12.  Gleich  dem  Originale  vorstehender  Votive  ist  nun  auch  das 
einer  andern  Heddemheimer  Weibinschrift  wieder  zum  Vorschein  ge- 
kommen. Es  ist  die  bei  Brambach  1483  mit  einem  »periit«  be- 
zeichnete: 

lOMhR 
AELCRE 
SIA/VSSE 
DATIAB 
ASSINA 
VSLL-M 

welche  nunmehr  in  dem  Museum  zu  Cassel  in  so  defektem  Zu- 
stande der  Inschriftseite  bewahrt  wird,  dass  schon  Fr.  Stoltz  in  seiner 
^^Beschreibung  des  Kurfürstlichen  Museums  zu  Cassel  im  Jahre  1832« 
8.  75  n.  83  bemerkt;  »ein  anderer  Altar  von  Sandstein^  von  dem  die 
Inscription  verwischt  ist.«  Wir  haben  uns  durch  Autopsie  von  der 
Identit&t  flberzeugt 

Wiesbaden. 

18.  Folgende  kleinere  Inschriften  des  dortigen  Museums  wurden 
uns  von  dessen  gelehrtem  Gonservator  Hm.  Oberst  A.  von  Cohausen 
mitgetheilt,  welche  noch  unediert  zu  sein  scheinen:  a.  Bronzering  mit 
dem  Namen  des  Besitzers  im  Genetiv:  FIRMI,   b«   ein  gleicher  Ring 

mit '.der  Aufschrift  TVN  (d.  h.  wol  Juni  oder  Sunii)  und  c  der  Fa- 
brikstempel SILVANVSF  auf  dem  Stiele  einer  Casserole.    Ueberdies 

wurde  ein  Siegelstempel  aus  dem  Besitze  des  Hrn.  Grafen  von  Elz  zu 
Eltville  im  Bhemgau  vorgezeigt  mit  der  rückläufigen  Aufischrift: 

CTITI 
SEVERI 


X 


\* 


Römiaehe  Insohrifteii  vom  MüMrhein. 


167 


Cassel. 

Nach  freundlicher  Mittheilung  des  gelehrten  Gonservators  des 
Museums  zu  Cassel,  Hm.  Dr.  E.  Finder,  findet  sich  in  einem  alten 
Inventare  dortselbst  die  Abschrift  einer  Anzahl  römischer  Inschriften, 
welche  nach  einer  Notiz  des  vormaligen  Gonservators  Hofraths  Völkel 
verschwunden  waren,  nachdem  im  Jahre  1808  der  Umbau  eines  Tbei- 
les  des  Museumsgebäudes  zu  einem  Ständesaal  erfolgt  war;  sie  sind 
möglicherweise  in  den  damals  gemachten  runden  Anbau  wieder  vermauert 
worden.  Diese  Inschriften  sind  bei  Brambach  840.  1325,  1206  u.  1492 
aus  anderen  Quellen  mitgetheilt,  und  die  von  dem  alten  Inventar  ge- 
botenen Varianten  sind  von  keiner  sonderlichen  Bedeutung.  N.  1206 
ist  in  bei  Dr.  Stoltz  a.  a.  0.  S.  76  u.  91  als  in  zwei  Stücke  zerschla- 
gen angegeben,  deren  eines  von  uns  in  den  Nass.  Annal.  VIU  S.  572 
n.  12  irrthümlich  als  noch  vorhanden  bezeichnet  und  darnach  von 
Brambach  2082  in  die  Addenda  aufgenommen  wurde.  Ausser  diesen 
bereits  bekannten  Inschriften  findet  sich  aber  in  vorgedachtem  alten 
Inventar  noch  folgendes  Bruchstück  einer  Grabschrift  aufgezeichnet. 

0 

0  •  VIC  • 
M  •  VICI 
SONIVS 

1  V  T  O  R 
SECVND 
A  •  VICTO 

COH 

welche  leicht  zu  ergänzen  sein  dürfte:  D(M)Q||-VICT  .  .  .  .  || 
MVECI  i  SONIVS  II  (A0)IVTOR  f  SECVND(I)  ||  (N)AVICTO(R!| 
(INA)  CON||(IVCI)  ....  Ein  Vegisonius  Primus  findet  sich  auf 
einer  verlorenen  angebUchen  Frankfurter  Inschrift  bei  Brambach  1438 ; 
ein  Caupinius.  Adiutor  1329,  ein  Omullius  Adiutor  825. 

15.  Weiter  i^t  in  dem  mehrerwähnten  alten  Inventar  verzeichnet 
»ein  römischer  Altar,  wo  auf  beiden  Seiten  die  Fortuna  zu  sehen  und 
I  O.«    Dieser  Altar  war  sicherlich  ein  s.  g.  Viergötteraltar  mit  den 

Reliefbildem  der  Fortuna,  sodann  wol  der  Juno  regina  und  einer  un-  . 
bekannten  Gottheit,  sowie  wol  auf  der  Vorderseite  einer  Dedikation  an 
rO-M  (Juppiter  optimus  maximus). 


158  Bonifche  Inscbriftdii  vom  Mittelrhein. 

16.  Erwäbnenswertl^  erscheint  auch  noch  ein  dortselbst  aufbe- 
wahrter Wochengötteraltar  aus  der  Umgegend  von  Mainz,  bereits  bei 
Stoltz  a.  a.  0.  S.  77  u.  83  und  Appel  Hand-Katalog  des  Kurf.  Mu- 
seums IX,  E,  S.  24  u.  93  erwähnt.  Die  Reliefbilder  der  7  Tagesgott- 
heiten Satumus,  ApoUo-Sol,  Luna-Diana,  Mars,  Mercui*ius,  Juppiter, 
Venus  sind  nach  einer  brieflichen  Mittheilung  des  Hrn.  Dr.  Pinder  jetzt 
thellweise  sehr  verwischt.  Den  Wochengottheiten  schliesst  sich  übrigens 
noch  ein  Genius  an. 

17.  Von  kleineren  Inschriften  des  Casseler  Museums  er- 
wähnt Stoltz  a.  a.  0.  S.  44  besonders  Töpferstempel,  dören  viele  vor- 
handen sind  und  näherer  Feststellung  ihrer  Legenden,  durch  Hm.  Dr, 
Pinder  entgegensehen.  Von  Fabrikstempeln  bronzener  Geräthe  schlies- 
sen  wir  an  den  unseres  Wissens  unedierten  einer  Schöpfkelle  mit 
Q  •  MASVRI.  Der  Namen  Masurius  findet  sich  öfter  bei  Gruter  Ind. 
s.  V.  belegt;  ein  Masurius  Agatho  auch  bei  Muratori  601,  1. 

18.  Bemerkenswerth  sind  endlich  einige  gleichfalls,  wie  es  scheint, 
unedierte  Ring-  und  Siegelinschriften,  nämlich: 

1.  u      welche  Legende  in  der  3.  Zeile  nicht  ganz  feststeht  und 

C  •  PA   sich  einer  näheren  Deutung  entzieht. 
CM 

2.  I V 1 1  N   gleichfalls  unbestimmbar. 

3.  Sfegelstempel  mit  Handhabe,  in  erhöhter  Schrift: 

C  •  HOSTI 
A-EX  A 
d.  h.  Gai  Hostii  Alexandri.  Der  Name  ddr  Hostii  ist  nicht  selten ;  ein 
C.  Hostius  Hilarius  ist  bei  Muratori  1687,  3 ;  ein  Hostius  Festus  und 
ein  P.   Hostius  Severus   ebend.   687,  6;    ein  M.  Hostius   Sampseros 
ebend.  1026,  10. 

Frankfurt  a.  M. 

J.  Becker. 


5.  Römische  Alterthflmer  in  Lothringen. 

Die  nachfolgenden  Bemerkungen  haben  nicht  den  Zweck  einen 
neu  gemachten  Fund  aus  dem  in  der  Ueberschrift  genannten  Gebiet 
zu  veröffentlichen,  noch  auch  eine  abschliessende  Uebersicht  zu  geben 
aber  alles  bereits  dorther  bekannte.  Sie  sollen  nur  die  Aufmerksam- 
keit der  Mitforscher,  besonders  der  rheinischen,  auf  ein  Gebiet  lenken, 
das  durch  die  neuen  Erwerbungen  des  deutschen  Reiches  einen  er- 
neuten Anspruch  auf  die  Beachtung  seiner  antiken  Denkmäler  erlangt 
hat  Trier  und  seine  Umgebungen^  so  wie^  das  Saargebiet  werden  von 
dem  rheinischen  Alterthumsverein  in  Bonn  und  der  Trierischen  Ge- 
sellschaft für  nützliche  Forschungen  mit  Sorgfalt  überwacht;  für  das 
benachbarte  Luxemburg  hat  das  dortige  historische  Institut  der  glei- 
chen Verpflichtung  sich  unterzogen  >).  Nicht  minder  reich  an  Resten 
der  römischen  Gultur  ist  Deutsch-Lothringen.  Zwei  gelehrte  Gesell« 
Schäften,  in  Metz  und  in  Nancy,  haben  bisher  schon  in  dankenswerthe- 
ster  Weise  für  die  Aufbewahrung  der  zufällig  gemachten  oder  aus 
Ausgrabungen  gewonnenen  Funde  gesorgt;  für  den  jetzt  deutsch  ge- 
wordenen Theil  Lothringens  liegt  uns  nunmehr  eine  gewisse  Verpflich- 
tung ob,  nicht  mehr  blo&  aus  dem  allgemeinen  Interesse  für  unsere 
Wissenschaft  überhaupt  die  Erbschaft  jener  Bemühungen  in  würdiger 
Weise  anzutreten. 

Ich  beschränke  mich  hier  auf  einige  Notizen  über  das  Museum 
von  Metz,  das  ich  im  vorigen  Herbst,  freilich  nur  flüchtig,  sehen  konnte. 
Denn  dieses  scheint  seinen  ältesten  Bestand  bis  auf  die  Zeit  Boissards, 


>)  Wunflohenswerih  bleibt  nur,  dass  die  jetzt  in  einem  ungünstigen  Raum 
des  Atbenäiuns  in  Lazemburg  mebr  übereinander  geschichteten  als  auf* 
gestellten  Inschriftsteine  und  Soulptarstücke  in  angemessener  Weise  aufgestellt 
werden. 


160  Römisohe  Alterthümer  in  Lothringen 

des  berüchtigten  Fälschers  (der  im  Jahre  1602  inMetz^  wohin  er  sich 
zurückgezogen  hatte,  starb),  also  auf  das  Ende  des  sechzehnten  Jahr- 
hunderts znrückzufCkhren.  In  neuester  Zeit  ist  es  der  Mittelpunkt  aller 
antiquarischen  Bestrebungen  in  jenen  Gegenden  geworden.  Mir  fehlt 
es  freilich  leider  ganz  an  genaueren  Nachweisungen  über  die  Metzer 
Sammlung;  die  Hand-  und  Reisebücher  ebenso  wie  die  Vorräthe  der 
hiesigen  Bibliothek  lassen  dafür  ^nzlich  im  Stich;  so  sind  mir  z.  B. 
die  Memoiren  der  Metzer  Akademie  und  selbst  Devilly's  antiquUis 
Mediomatfidennes  (Metz  1SK23,  8.)  bis  jetzt  nicht  zugänglich  gewesen. 
Dagegen  liegt  mir  L.  Beaulieu's  Archiologie  de  la  Lorraine  (2  Bde. 
Paris  1840  und  1843  8.)  vor,  ein  Buch  das  manches  verdienstliche 
enthält  —  obgleich  auf  den  Tafeln  des  zweiten  Bandes  einige  offenbar 
moderne  Stücke  als  alte  abgeliildet  sind  — ,  das  sich  aber  nicht  mit  Metz 
selbst  beschäftigt,  sondern  nur  mit  den  übrigen  antiken  Ortschaften 
der  Gegend  ^).  Das  Museum  befindet  sich,  vereint  mit  der  Stadtbiblio- 
thek, in  der  rue  Ch^vremont,  nahe  dem  Dom ;  in  den  gro&en  Räumen 
des  Erdgeschosses  der  früher  zu  kirchlichen  Zwecken  benutzten  An- 
lage (im  oberen  Geschoss  sind  Gemälde-  und  naturwissenschaftliche 
Sammlungen  aufgestellt)  ist  die  reichhaltige  Sammlung  römischer 
Sculpturen  und  Inschriftsteine  aufgestellt;  die  kleineren  Alterthümer, 
Münzen,  Erz-  und  Thongerilthe,  Waffen  und  ähnliches  befinden  sich 
in  einem  Raum  des  oberen  Geschosses.  Leider  war  der  verdiente  Gon- 
servator  der  Sammlung,  Hr.  Lorrain,  verreist,  so  dass  ich  allein  auf 
die  eigene  Betrachtung  angewiesen  blieb. 


*)  Falsch,  d.  h.  eine  Arbeit  des  sechsehnten  oder  siebEehnten  Jahrhan- 
derts  scheint  mir  die  Bd.  2  Taf.  2  Fig.  8  abgebildete  Bronsegrappe  eines  dra- 
cheniödtenden  Hercules,  wie  Beauliea  erklärt  (2  S.  187  £f.),  tu  sein.  Sie  soll  im 
Bett  der  Mosel  zwischen  Scarpone  und  Pont  k  Mousson  gefanden  sein  und  be- 
fand sich  in  Beauliea's  Besitz.  Aecht  dagegen  ist  unzweifelhaft  -eine  kleine 
Bronzefigur,  die  derselbe  in  einem  aus  den  Mimoiree  der  SociiU  des  sdenceSf 
leUres  et  arte  de  Nancy  von  1849  besonders  abgedrackten  Aufsatz  veröffentlicht 
hat,  welcher  überschrieben  ist :  de  Vemplaeemewt  de  la  Station  Bomaine  cPAndisina 
(Nancy  1849  8.  S.  11  ff.).  Sie  stammt  aus  La  neme  tHHe  im  Vogesen-Departement  — 
das  ist  seiner  Meinang  nach  das  römische  Andesina.  Die  offenbar  ziemlieh 
treue  Abbildang,  die  er  davon  giebt,  verdient  Aufmerksamkeit^  weil  die  Figur 
deutlich  den  Schlafgott  Hypnos  darstellt,  ganz  Ähnlich  den  bisher  bekannten 
gröfseren  Darstellungen  (s.  meine  antiken  Bildwerke  in  Madrid  S.  66  ff.).  Beauliea 
erw&hnt  daselbst  noch  einer  andern  ahnlichen  Figur  aus  Cbran  (oder  Qrand)  im 
Yogesen^Departement. 


Römisolie  Alierthümer  in  Lotbringen  161 

Die  Sammlung  übertrifft  zanachst  an  Umfang  die  Trierischen  (in 
der  Porta  Nigra  und  in  der  Bibliothek).  Ausserdem  überwiegen  dort, 
wie  bekannt,  die  Denkmäler  aus  spätester  Zeit,  aus  dem  vierten  und 
fünften  Jahrhundert^  die  ja  eine  Zeit  des  Glanzes  fElr  Trier  waren, 
besonders  christliche  Inschriften;  aus  der  älteren  Zeit  hat  sich  ausser 
der  Porta  Nigra  selbst  (die  ich,  nebenher  bemerkt,  an  meinen 
früheren  Auseinandersetzungen  festhaltend  %  fortfahre  fOr  ein  Bau- 
werk aus  der  Oründungszeit  der  Stadt  durch  Claudius  zu  halten, 
ehe  meine  Ansicht  nicht  durch  Beweise  widerlegt  ist)  verhältnissmäs- 
sig  wenig  daselbst  erhalten.  Die  Stadt  der  Mediomatriker  Divodurum 
(erst  spät  Metiy  Metti  oder  Mettis  genannt,  wie  Rheims  statt  seines 
alten  Namens  Durocartarum  später  Bemi  hiess  —  daher  die  modernen 
Namen  beider  Städte  >) )  scheint  ihre  höchste  Blüthe  in  früherer  Zeit 
gehabt  zu  haben,  d.  h.  etwa  im  zweiten  und  dritten  Jahrhundert.  Auf 
diese  Zeit,  die  Epoche  von  Traian  etwa  bis  auf  Caracalla,  aus  welcher 
ja  die  gröMe  Masse  der  uns  inschriftlich  erhaltenen  Denkmäler  fast 
aller  Gegenden  des  römischen  Seiches  überhaupt  stammt,  weist  der 
Schriftcharakter  der  meisten  der  in  Metz  erhaltenen  inschriftlichen 
Drakmäler  deutlich  hin.  Die  inschriftlichen  Denkmäler  aber  an  sich 
sind,  trotz  ihrer  nicht  unbedeutenden  Anzahl  (sie  stammen  freilich 
keineswc^  blo&  aus  der  Stadt  Metz  selbst,  sondern  aus  dem  ganzen 
früheren  Moseldepärtement),  in  ihrer  Gesammtheit  nicht  hervorragend, 
obgleich  sie  manche  lehrreichen  Einzelheiten  bieten.  Ich  bemerkte  z.  B. 
zwei  grölte  längliche  Steinblöcke,  die  ich  nach  der  Aehnlichkeit  mit 
einer  ganzen  Anzahl  gleichartiger  früher  einmal  von  mir  zusammen- 
stellter  Werkstücke  aus  anderen  römischen  Städten  %  z.  B.  den  gal- 
lischen Arelate,  Lugudunum  und  Nemausus,  fär  Sitzstufen  eines 
Theaters  oder  Amphitheaters  halte,  mit  Au£3chriften,  welche  wahr- 
scheinlich den  festen  Platz  von  Körperschaften  bei  den  öfiientlichen 
Spielen  angaben.  Auf  dem  einen  (in  rother  Farbe  mit  Nr.  65  be- 
zeichnet) steht  deutlich  in  der  schmalen  und  länglichen  Schrift  etwa 
des  zweiten  Jahrhunderts : 

HOliTORES 

auf  dem  anderen  (Nr.  66): 
TRIM// 

1)  In  den  Monatsberichten  der  Berliner  Akademie  von  1864  S.  94  ff. 
*      *)  Vgl.  Böoking  zar  Notit.  ooc.  S.  256. 

*)  In  der  Abbandlang  iseriziani  esiHenti  sni  sedilt  di  teatri  ed  anfUeatri 
a0U%ehi  in  den  ÄrmaU  von  1856  S.  52  ff.  mit  dem  Naobtrag  Annali  1859  S.  122  ff. 

11 


192  Römitehe  Alterthümer  in  Lotbringen 

Die  erste  Inschrift  bedeutet  unzweifelhaft  holli]tor€8\  die  aspirier- 
ten Formen  holus  und  holitores^  forum  hoUtcrtum  sind  als  die  älteren 
und  besseren  auch  sonst  hinreichend  bezeugt.  Dass  die  Gärtner  und 
Grankramhändler,  welche  in  Rom  am  19.  August  das  alte  Fest  der 
vmaiia  rustiea  feierten  ^),  auch  in  den  römischen  Gemeinden  in  den 
Provinzen  eine  Zunft  oder  Genossenschaft  bildeten,  wie  die  meisten 
anderen  Gewerke,  ist  zwar  nicht  direct  bezeugt,  aber  durchaus 
wahrscheinlich.  ^  Ein  paar  ansehnliche  Grabsteine  von  holüores  haben 
sich  in  Rom  erhalten,  einer  aus  republicanischer  oder  augustischer  Zeit'), 
der  andere  wohl  nicht  viel  jünger,  bei  Marini  Arv.  S.  529  =  Oreil. 
2861  ^).  In  Nimes  hatten  z.  B.  die  nautae  Bhodanici  d  Ararid  einen 
festen  Platz  im  Amphitheater.  Dass  es  in  Metz  ganz  ähnliche  Körper- 
schaften gab,  zeigt  eine  schon  im  Jahr  1523  gefundene  jetzt  nicht 
mehr  vorhandene  Inschrift.  Aus  der  Metzer  Chronik  des  1526  verstor- 
benen Philipp  de  VigneuUes  ist  sie  in  der  bibliathSque  de  Vicdle  des 
ehartes  (Serie  1  Bd.  5  S.  543)  mitgetheilt  und  scheint  acht  zu  sein, 
da  sie  aus  unverdächtiger  Quelle  stammt  und  die  Ergänzutagen  sich 
von  selbst  ergeben.  Sie  lautet :  M.  Publicio  See[un]dano  nauiarum  Mo- 
8dttieor(um)  liber(to)  tabtdarioy  8evi(ro)  AugustcUL  Der  Mann  fdhrt 
nach  bekannter  Sitte  den  Namen  Publicius  als  Freigelassener  des  pu- 
blict4m  der  nautae.  Auch  das  Vorkommen  verschiedener  viei  auf  den 
in  Metz  gefundenen  Inschriften,  eines  vicus  Honoris  ^)  und  eines  vicus 
Paeis  *),  einer  Wasserleitung  mit  piscina^  eamptis  und  nyn^haeum «) 
deutet  auf  die  reiche  Entwickelung  des  bürgerlichen  Lebens  hin.  Eine 
Inschrift  bei  Schöpflin'')  nennt  einen  eaiglarius,  d.  i.  cdigtdarius.  Alle 
übrigen  Metzer  Inschriften  mit  Handwerksbezeichnungen  ^)  sind  Boissard- 
sehe  Fälschungen.  Der  andere  Stein  enthielt  vielleicht  den  Namen 
einer  benachbarten  Gemeinde ;  wie  in  Lyon  die  Arverni,  die  Bituriges 


^)  Ygl.  Mommsen^B  Gommentar  zum  römisclien  Calender  G.  I.  L.  I  S.  400. 

»)  C.  I.  L.  I  1057. 

*)  In  der  britannischen  Inschrift  ans  Isca  G.  I.  L.  YII  106  (ygl.  die 
Addenda)  habe  ich  hoUtorea  neben  den  Yeteranen  yermathet;  vgl.  Mommsen  im 
Hen^Bs  7  S.  898. 

*)  Auf  der  Inschrift  Taf.  8  Fig.  1—3  in  dem  S.  168  Anm.  1  genannten 
Werk  von  Bobert. 

')  Auf  dem  Matronenstein  bei  Gmter  92,  1. 

'}  In  der  Anm.  4  genannten  Inschrift  und  der  Inschrift  des  Mnsenms  Nr.  7. 

')  Alsat.  1,  468. 

«)  Orut.  641,  1.  2.  648,  1.  648,  6. 


Bdmiaohe  Alterthümer  in  Lothringen  168 

Gabi,  die  Triboci  oder  Tricassi  dergleichen  feste  Plätze  im  Amphi- 
theater hatten.  Auf  den  Inschriften  der  Stadt  selbst  oder  der  Um- 
gebung kommen  vor  die  vkani  SöHnuxriacenses  (in  Soulosse)^  deren 
Inschriften  gröiSsten  Theils  in  das  Museum  von  Epinai  gekommen  zu 
sein  scheinen,  die  vicani  Maroscdlenses  (in  Marsäl),  der  Genius  der 
Leuci  u.  a.  Ein  Altar  der  Roma  und  des  Augustus  scheint  in  Metz 
gewesen  zu  sein;  und  das  spricht  für  Plätze  auch  auswärtiger  Ge- 
meinden oder  Körperschaften,  welche  nach  Augustus'  Bestimmungen 
in  den  Provinzialhauptstädten  zu  gemeinsamen  Festen  und  Versamm- 
lungen {concüia)  um  den  Altar  der  Staatsgottheiten  zusammen  zu 
Kommen  pflegten.  Auf  einem  von  zwei  Seiten  mit  Inschriften  versehe- 
nen Stein  in  dem  Keller  des  alten  hotd  du  grand  S,  Christophe,  rue" 
de  la  Ute  d^ar  Nr.  14,  den  ich  nur  aus  einer  Copie  de  Saulcy's  kenne, 
kommt  ein  8aeerd(os)  Itom(ae)  ei  Aug(usU)  vor,  welchen  man  doch  aller 
Wahrscheinlichkeit  nach  als  nach  Metz  selbst  gehörend  zu  betrachten 
hat  Ob  aus  dem  Fundort  sich  etwas  ergiebt  für  die  ursprüngliche 
Verwendung  jener  beiden  Steine  mit  hciitores  und  Trim . . .  vermag 
ich  nicht  anzugeben. 

Der  Beachtung  besonders  werth  jedoch  sind  die  zahkeichen  Re- 
liefs, welche  sich  auf  den  Altären  und  Grabsteinen  befinden.  Von  ihrem 
Kunstwerth  darf  man  sich  allerdings  keine  hohe  Vorstellung  machen; 
die  meisten  sind  roh  und  flüchtig  gearbeitet,  die  besseren  zeigen  die 
auch  den  handwerksmälbigen  Leistungen  aller  Epochen  einer  reich  aus- 
gebildeten Kunstthätigkeit  eigene  Sicherheit  und  Einfachheit  der  Be- 
handlung. Nur  von  der  einen  Klasse  dieser  Denkmäler,  den  Altären  mit 

ä 

Weihinschriften,  giebt  die  äusserst  sorgfältige  und  geschmackvolle  Ar- 
beit des  Hm.  Robert^)  eine  klare  Vorstellung.  Die  Reliefbilder  von 
allerlei  Gottheiten  (wie  z.  B.  Roberts  Taf.  3  Fig.  4—10  zeigen)  bieten 
jedoch  der  Mehrzahl  nach  kein  hervorragendes  Interesse;  abgesehen 
etwa  von  den  Eponabildem  (bei  Robert  Taf.  1  Fig.  4  und  6),  welche  die 
Göttin  reitend  oder  zwischen  zwei  Pferden  stehend  darstellen.  Merkwür- 
diger schon  ist  ein  Stein  des  Museums  (bezeichnet  Nr.  64,  roth  13),  der 
in  einer  nischenartigen  Vertiefung  eine  Anzahl  von  Gladiatoren  zeigt;  er 


^}  Epigraphie  de  la  MoaeUe,  Müde  par  Charles  Bohert,  carrespondant  de 
Vlhetiiu^  (Academie  des  inscriptions  et  helles  lettres),  membre  de  la  Sociäh  des 
aniiguaires  de  France,  Bim,  Ä.  Lhvi  editeur.  1869,  Fol.  Es  liegt  bisher  nur 
Tor  die  erste  Lieferang,  5  Bogen  Text  and  S  vorzügliche  Tafeln,  in  der  Art  wie 
die  schönen  Facsimile's  Boissieas  in  dem  Werk  über  die  Lyoner  Inschriften 
ansgefahrt  {photogra/owre  Bujardin). 


\ 


I 


1^ 


V 


[5. 


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!•../• 


i^N- 


\ 


164  Römiacbe  Aliertbümer  in  Lothringen 

erinnert  an  die  im  Trierer  Amphitheater  gefundenen  Gladiatorenreliefs 
und  bestätigt  gewisser  Mafeen  die  Deutung  der  oben  gegebenen  In- 
schriften auf  Sitzstufenaufschriften  eines  Amphitheaters.  Ob  und  wie 
der  Stein  mit  dem  Relief  an  einem  Amphitheater  selbst  angebracht  war 
oder  nur  die  Erinnerung  an  Oladiatorenspiele  bewahrt,  die  ja  oft  ge- 
nug auch  in  vorübergehend  errichteten  Gebäuden  aus  Holz  g^eben 
wurden,  ist  hierfür  gleichgültig. 

Ein  Kriegerdenkmal  ist  mir  femer  aufgefallen  (Nr.  117):  es 
enthält  die  so  oft  wiederkehrende  Vorstellung  eines  Reiters  mit  run- 
dem Schild,  der  den  unten  liegenden  Feind  niedei^eritten  hat  Die 
dazu  gehörige  Inschrift,  welche  unzweifelhaft  Auskunft  über  den  Trup- 
pentheil gab,  zu  welchem  der  dargestellte  Reiter  gehörte,  scheint  zu 
fehlen.  An  solchen  Denkmälern  aber  sind,  neben  der  Mainzer  Sammlung, 
welcher  auch  hierin  ja  der  Preis  vielleicht  vor  allen  Museen  der  Welt 
gebührt,  schon  die  von  Bonn  und  Köln  reicher  als  die  Metzer  Samm- 
lung. Dass  Metz,  seitdem  es  römische  Provinzialstadt  geworden,  ein 
militärisch  wichtiger  Platz  war  und  eine  Garnison  hatte,  ist  bei  seiner 
herrschenden  Lage  am  Zusammenfiuss  d^r  Mosel  und  Seille  an  sieh 
nicht  unwahrscheinlich,  aber  so  viel  ich  sehe,  nicht  erweislich.  Die 
Inschriften  eines  beneficiarius  des  Legaten  der  22.  Legion,  (bei  Robert 
Tafel  1  Figur  5)  und  einiger  Veteranen  der  20.  und  der  22.  Le- 
gion beweisen  dafür  nichts;  Dedicationen  von  Soldaten  an  verschie- 
dene Gottheiten  kommen  auch  in  den  kleineren  Ortschaften  der  Gegend 
vor.  Jene  Metzer  Soldateninschriften  sind  zuletzt  in  einer  kleinen  Ab- 
handlung von  dem  verstorbenen  K  Klein  in  Mainz,  die  in  den  Jf<^ 
moires  der  Metzer  Akademie,  von  1857/8  erschienen  ist,  nach  den  französi- 
schen Quellen  mitgetheilt  ^).  Die  ebenda  behandelten  Inschriften  Nr.  1  <) 
Nr.  2  >)  und  3  ^)  sind  dagegen  Fälschungen  Boissards,  ebenso  wie  eine 
von  Klein  selbst  verworfene  *).  Sie  steht  schon  bei  Orelli «) ;  Gruter 
hatte  sie  von  Boissard  und  schon  Maffei '')  hat  sie  mit  Recht  verdammt ; 
wie  denn  überhaupt  die  Boi^sard'schen  Fälschungen  in  Metz'  viel  Un- 
heil gestiftet  haben :  hat  er  doch  unter  anderem  auch  eine  Oberdruidin 


^)  Unter  Nr.  4  und  6. 
')  Im  MuBeum  Kr.  SO. 
'^  *)  Qrnt.  668,  10,  die  ich  im  Mnseam  nicht  bemerkt  habe. 

^)  Im  Haas  des  Baron  Marcband. 
•)  Nr.  6,  im  Museum  Nr.  28.  •)  Nr.  2908. 

\^f^  ')  In  der  Ars  crit  lapid.  S.  351. 


^ 


Bömisohe  Alterthömer  in  Lothringen  165 

mit  Namen  Arete,  da  ja  diese  Priesterinnen  die  Tagend  selbst  waren, 
erfanden  0-  ^i^t  die  zwischen  den  Jahren  411  und  413  aalgeschrie- 
bene Notitia  ^)  setzt  sub  disposiHone  viri  ülustris  magistri  pedüum 
praesentaUs  eine  der  seinen  Befehlen  unterstehenden  legianes  pseudoco- 
mUalenses,  A\%  prima  FUma^  nach  Met%s\  das  ist  zugleich  das  älteste 
Zeagniss  für  den  jüngeren  Namen. der  Stadt  Wahrscheinlich  aber  be- 
fiind  sich  in  Metz  als  dem  Ereuzungspunkt  mehrerer  Stra&en  (Mei- 
lensteine des  Tiberius  und  Nerva  sind  in  den  Umgebungen  gefunden 
worden),  ebenso  wie  in  der  römischen  Station  ad  Confiuentes  am  Zu- 
sammenfloss  von  Mosel  und  Rhein  ^);  eine  Zollstation.  In  einer  der 
Inschriften  von  Metz^)  wird,  wofern  die  Lesung  sicher  ist,  ein  pre- 
f{ectu$)  sM(ionis)  q(uadragesimae)  G(äUiaruin)  genannt,  in  einer  andern  ^) 
ein  kaiserlicher  Sclav  servus  vema  dispensator  a  frumento ;  in  einer 
dritten  ^)  publid ;  d.  h.  servi  publiciy  Angestellte  irgend  einer  Behörde. 
Aach  die  Häufigkeit  der  Dedicationen  in  hmorem  domus  Augustae 
oder  divinae  (ich  zähle  deren  ein  halbes  Dutzend)  und  das  Vorkom- 
men von  Augustalen '')  spricht  für  den  Sitz  einer  kaiserlichen  Behörde. 
Die  Bedeutung  der  Metzer  Sammlung  liegt  aber  nicht  vorwiegend 
in  diesen,  wie  gesagt,  vereinzelten  und  nur  schwer  zu  einem  in  sich 
zasammenhängenden  Bilde  zu  vereinigenden  inschriftUchen  Zeugnissen. 
Sie  liegt  vielmehr  in  dem  mannigfachen  bildlichen  Schmuck,  welchen 
die  begüterten  bürgerlichen  Bewohner  von  Metz  und  den  die  Stadt 
umgebenden  Ortschaften  auf  ihren  Grabsteinen  angebracht  haben. 
Darin  zeigen  sich  nämlich  die  Verstorbenen  in  kunstloser,  aber  naiver 
und  zuweilen  offenbar  höchst  wahrer  Darstellung  abgebildet,  in  der 
Tracht  des  täglichen  Lebens,  mit  den  Geräthen  oder  Abzeichen  ihres 
Berufs  oder  ihrer  häuslichen  und  bürgerlichen  Beschäftigungen.  Die 
Sitte  3olche  Darstellungen  der  Verstorbenen  auf  Grabsteinen  zu  geben, 


1)  Grat.  62,  9  ==  OrelL  2200. 

*)  Vgl.  0.  SeecVs  quaestionea  de  notitia  dignitatunif  Berlin  1872,  8.  S.  11  £ 

')  YgL  diese  Jahrbüoher  42,  1867  S.  48  und  meine  Bemerkung  in  der 
arcbäol.  Zeitang  1872  S.  76.  Ich  habe  daselbst  darauf  hingewiesen,  dass  die  im 
Jahrbuch  50.  51,  1871  S.  295  von  Eliester  mitgetheilte  neue  Goblenzer  Inschrift 
das  erste  vollgültige  Zeugniss  für  die  dort  an  der  Kreuzung  der  vier  Strarsen 
einst  befindliche  römische  Zollstation  enth&lt. 

*)  Orelli  4965;  gesehen  habe  ich  sie  nichi 

•)  OreUi  895. 

*)  Im  Museum,  ohne  Nummer,  gefunden  in  der  rue  de  la  tete  d>or, 

^)  Oben  S.  162  Anm.  4  und  auf  einigen  anderen  Inschriflen. 


166  Römisohe  Alterihümer  in  Lothringen 

geht  ja,  wie  bekannt,  auf  die  griechischen,  besonders  attischen  Muster 
zurück,  wie  sie  in  jüngster  Zeit  in  immer  grö&erer  FttUe  und  Mannig- 
faltigkeit bekannt  geworden  sind.  Ganz  fehlen  mehr  oder  weniger  ge- 
lungene Anwendungen  solches  Bildschmuckes  auf  den  Gräbern  wohl  in 
fast  keiner  Stadt  des  römischen  Reiches ;  und  auch  diese  vereinzelten 
Exemplare  verdienen  mehr  Beachtung  als  sie  bisher  gefunden  haben. 
Wo  sie  aber  so  häufig  gefunden  werden,  wie  in  den  Moselgegenden, 
und  durch  glückliche  Zufälle  oder  sorglichen  SammlerfleiTs  in  Museen 
vereinigt  sind;  da  bieten  sie  in  der  That  annähernd  ein  Bild  der  unter- 
gegangenen römischen  Cultur,  wie  es  keine  Beschreibung  in  Worten 
erreicht.  Auch  in  unseren  rheinischen  Sammlungen  fehlt  es  nicht  an 
dergleichen  Bildwerken ;  unter  den  mannigfaltigen,  zum  grö&eren  Theil 
mythologischen  Reliefs  des  gröfsten  und  berühmtesten  aller  Grab- 
denkmäler der  Mosellande,  des  Igeler  Steins,  sind  einige  von  derselben 
Art  ^).  Noch  jüngst  sind  unter  den  an  der  Coblenzer  Moselbrücke  auf- 
geschichteten Sculpturstücken  solche  Darstellungen  zum  Vorschein  ge- 
kommen ').  Einen  annähernden  Begriff  von  der  Fülle  dieser  Denk- 
male im  Moselland  —  aber  auch  nur  von  ihrer  FüUei  nicht  von 
ihrer  Eigenart  —  geben  die  Zeichnungen  Wiltheims  zu  seinen  ja 
auch  viel  Lothringisches  enthaltenden  Luciliburgensia^  welche  frei- 
lich in  den  Lithographieen  der  im  übrigen  ja  sehr  verdienstlichen  Pu- 
blication  von  Neyen  {Alex,  Wüthemi  S.  L  Lucüiburgensia  sive  Luxem- 
hurgum  Ramanum  .  ,  .  ab  Alex.  Neyen  edüum,  Luxemburg  1842,  4.) 
jede  Spur  von  Treue  verloren  haben.  Leider  ist  der  gröHste  Theil 
dieser  noch  im  siebzehnten  Jahrhundert  vorhandenen  Steine,  y^e  es 
scheint,  jetzt  verschwunden,  so  dass  man  dafür  allein  auf  Wiltheim 
angewiesen  bleibt ;  umsomehr  würden  seine  Abbildungen  der  verlorenen 
Steine  eine  Facsimilierung  nach  dem  in  Luxemburg  in  Besitz  der  dor- 
tigen antiquarischen  Gesellschaft  befindlichen  Original  Wiltheims  verdie- 
nen ^).    Man  sieht  da,   um  nur  einiges  hervorzuheben,  abgesehen  von 

^}  Anf  den  sehr  unzulängliohcn  Abbildungen  von  Osterwald  und  Sohmidt, 
um  von  den  übrigen  gan?  wiUkürlichen  zu  schweigen,  erkennt  man  sie  freüioh 
kaum  in  ihrer  Bedeutung,  welche  besonders  in  der  sorgfaltigen  Ausführung  aller 
Details  besteht.  Besonders  merkwürdig  sind  die  genauen  Darstellungen  der  ein- 
heimischen Fuhrwerke^  die  ja  zu  den  uralten  nationalen  Erfindungen  der  Gal- 
lier gehören.  Die  übrigen  Scenen  aus  dem  Leben  des  Verstorbenen  harren  noch, 
wie  das  ganze  Denkmal,  einer  würdigen  Abbildung  und  eingehenden  Deutung. 

»)  Jahrb.  42,  1867  Taf.  IV  Fig.  76- 

*)  Ich  verweise  auf  die  Darstellungen  Tal  8, 6.  4,  7.  8.  9,  9. 10.  11.  O,  12. 
la.    9Z,  81.    26,  94.    81,  114.    84,  180.   86,  188.    87,  189.   88,  142.  148. 


Römiflohe  Altorthümer  in  Lotfaringen  107 

den  einfachen  Bildnissen  (und  ohne  Berücksichtigung  einzehier  christ- 
licher Darstellungen),  wofern  den  Abbildungen  zu  trauen  ist,  häusliche 
Sctoen  vorgestellt,  wie  Mahlzeiten^),  Lectflre')  und  Toilette').  Fer- 
ner die  Thätigkeiten  def^Ackerbestellung  ^),  der  Walkerei  oder  Färberei, 
wie  es  scheint  ^),  der  Waarenverpackung  und  besonders  häufig  des  Trans- 
ports in  Fuhrwerken '),  sowie  des  Verkehrs  in  Kaufläden ''),  wobei  die 
Weinfässer  nicht  selten  sind.  Eine  Anzahl  von  wahrscheinlich  auch 
auf  ähnliche  Dmge  bezüglichen  Darstellungen  bleibt  bei  der  Beschaffen- 
heit der  Abbildungen  mir  wenigstens  unklar  ®).  Von  den  nicht  in  Metz 
selbst,  sondern  in  den  umliegenden  vki  gefundenen  ganz  ähnlichen 
Steinen  hat  Beaulieu  einige  recht  gute  Abbildungen  gegeben  ^),  die 
bis  jetzt  am  besten  den  Charakter  jener  Darstellungen  vergegenwär- 
tigen. Unter  den  Orabsteinen  von  Solimariaca  (oder  Solimariatum, 
Soulosse),  meist  ganz  rohen  Darstellungen  der  Verstorbenen  ^^),  ist 
zuerst  bemerkenswerth  der  obere  Theil  eines  Beliefs,  welches  zwei 
Männer  in  einer  Nische  darstellt,  welche  groflse  Blasinstrumente  zu 
tragen  scheinen  ^0.  Von  besserer  Arbeit  schon  ist  ein  anderes  Belief 
eben  daher  ^^),  mit  der  einfachen  Aufischrift  Martdlo  Satumim  f(%lio). 


48,  158.  44,  160.  161.  45,  165.  166.  49,  180.  51,  192.  56,  216.  57,  222. 
59,  232—234.  60,  235  61,  245.  65,  273.  66,  282—284.  67,  285—288. 
68,  289.  290.  69,  291.  292.  294.  76,  295.  71,  800.  301.  78,  303-305. 
84,  367.  368.  90,  414.  417.  94,  456.  95,  458.  459.  468.  98,  475—478. 
Das  sind  im  gsiizen  über  60  Bildwerke  dieser  Art. 

1)  Taf.  45,  165.  57,  222.  69,  291.  292. 

»)  Taf.  70,  295.  »)  Taf.  46,  167. 

*)  Taf.  8,  6.  67,  286.  288.  <»)  Taf.  6,  12.  18.  84,  367. 

«)  Taf.  45, 166.  67,  287.  71,  301.  72,  803-306. 

')  Taf.  4,  7.  8.  5,  9.  10.  88,  112.  48,  158. 

")  Taf.  59,  232-234  und  60,  285.  61,  245. 

»)  Bd.  1  Taf.  2  Fig.  1—9,  Taf.  3  Fig.  1.  2.  3,  Taf.  4  Fig.  11,  and  be- 
sonders Tai  5  Fig.  1  und  2;  Bd.  2  Taf.  2  Fig.  1.  Anderer  Art  dagegen  scheint 
das  im  buüetin  der  Soeiiti  des  cmtiquaires  de  France  1865  auf  der  Tafel  su 
S.  54  ff.  abgebildete  Belief  des  Meteer  Museums  aus  Betting  zu  sein.  Dort  er- 
scheint namüoh  die  traditioneUe  Figur  des  Pädagogen,  wie  es  scheint,  mit  fünf 
Epheben  in  griechischer  Tracht,  deren  einer  einen  Hahn  tragt.  Das  Relief  bildet 
die  Basis  einer  Statue,  von  der  nur  ein  Fafs  noch  übrig  ist.  Wahrscheinlich 
war  es  eine  Statue  des  Merour  und  kein  Grabmonument,  wie  Hr.  Dr.  Bluih6- 
lemy,  der  Herausgeber,  meint. 

><»)  Bei  Beauliett  1  Taf.  2  Fig.  1  bis  9. 

")  Taf.  2  Fig.  13.  ^«)  Taf.  5  Fig.  2. 


168 


RömiBehe  Alterthimer  in  Lothringen 


»/: 


Zwei  Männer  sind  darauf  dargestellt,  nebeneinanderstehend;  beide  tra- 
gen matzen&hnliche  püei,  wie  sie  Bürger  und  Bauern  jener  nördlichen 
Gegenden  auch  sonst  zu  tragen  pflegen.  Bekleidet  sind  sie  ndt  Ober 
die  Knie  hinabreichender  Tunica  und  Lacema  oder  Paenula  (die  Dar- 
stellung lässt  den  Schnitt  des  Mantels  nicht  mit  voller  Sicherheit  er- 
kennen)« Der  rechts  vom  Beschauer  stehende  ist  bartlos;  er  hält  in 
der  Lmken  vor  sich  eine  groüse  beilartige  Hacke ;  mit  der  Rechten 
greift  er  nach  dem  Beutel,  den  der  rechts  stehende  bärtige  Mann  in 
der  Rechten  hält  In  der  Linken  hält  dieser  ganz  ebenso  wie  der  jün- 
gere ein  Werkzeug,  die  bekannte  Steinhacke  (ascia).  Der  Beutel  findet 
sich,  wie  schon  Beaulieu  bemerkt  hat,  fast  regelmäHsig  in  den  Händen 
der  Verstorbenen  ^ ;  er  scheint  kaum  den  kaufmännischen  Berufi  viel- 
leicht nur  den  Besitz  Oberhaupt  anzudeuten  und  mag  mit  der  vielbe- 
zeugten Vorstellung  von  dem  Reisegeld,  das  der  Verstorbene  mit  auf 
den  Weg  nahm,  in  Verbindung  zu  bringen  sein.  Nicht  selten  halten 
die  Verstorbenen  auch  Eästchen,  Flaschen  oder  Trinkgefäite  in  den 
Händen.  So  hält  eine  Frau  des  Namens  lassia  auf  einem  schönen 
Steip  aus  Solimariacum  im  Museum  zu  Metz')  eine  kleine lYinkschale; 
ein  Mann,  Regultis  Beb(ur)rici  %  in  der  Rechten  einen  Becher,  in  der 
Linken  eine  gro&e  Börse  mit  Ringen  und  Quasten.  Auf  seiner  Tunica 
sollen  sich  deutliche  Spuren  rother  Bemalung  erhalten  haben  ^) ;  dass 
auch  auf  diesen  rohen  Bildwerken  Bemalung  angewendet  wurde,  ist 
an  sich  keineswegs  unwahrscheinlich.  Ein  alter  Mann  auf  einem  Grab- 
stein aus  Scarpone  im  Museum  zu  Nancy  ^)  trägt  in  der  Rechten  eine 
an  drei  Ketten  hängende  Lampe,  die  ihm  vielleicht  den  dunkeln  Weg 
des  Todes  erhellen  sollte;  mit  der  Linken  stützt  er  sich  auf  einen 
Stock.  Auch  Werkzeuge  in  den  Händen  der  Verstorbenen  sind  nicht 
selten.  So  hält  z.  B.  auf  einem  anderen  Grabrelief  aus  Soulosse  im 
Museum  von  Epinal*)  die  links  stehende  Frau  einen  Beutel,  den  der 
Mann  rechts  mit  der  Rechten  oben  anfasst,  während  er  in  der  Linken 
eine  messeraitige  Hacke  hält.  Was  diese  Werkzeuge  bedeuten  ist  nicht 
klar;  ich  bin  geneigt  ihnen  keinen  andern  Sinn  unterzulegen  als  den 
bekannten  der  ascm  auf  den  Grabsteinen,   dass  nämlich  das  Grabmal 


1)  Z.  B.  auf  dem  daneben,  Taf.  6  Fig.  1  abgebildeten  Relief  iweier  Halb- 
figoren  von  Kindern,  wie  es  soheint. 

«)  Taf.  8  Fig.  2.  •)  Taf.  3  Fig.  3. 

«)  Beanüen  1  S.  216.  «)  Beanliea  2  Taf.  2  Fig.  1. 

f)  Taf.  4  Fig.  11. 


Römisehe  Alterihfimer  in  Lothringen  169 

für  den  Verstorbenen  von  Steinmetz  neu  hergestellt,  gleichsam  frisch 
von  der  Hacke  weg  in  Benutzung  genommen  worden  sei  ^.  Auf  einem 
andern  dieser  Steine  von  Soulosse,  der  sich  ebenfalls  in  Metz  befindet, 
sieht  man  in  einer  Nische,  welche  das  Dach  des  Hauses  andeutet, 
rechts  von  einem  kleinen  Basament  den  Verstorbehen,  wahrscheinlich 
einen  Kaufmann,  bekleidet  mit  kurzer  Tunica  und  die  Lacema  um 
die  Schultern  geworfen.  Das  Basament  bedeutet  wohl  seinen  Laden- 
tisch. Er  hält  in  der  Rechten  eine  Wagschale,  in  deren  eine  Schale  er 
mit  der  Linken  etwas  hinein  zu  legen  scheint;  wohl  dieWaare,  die  er 
zuwiegen  will.  Auf  dem  Tisch  steht  ein  Kästchen  mit  emem,  wie  es 
scheint,  kugelförmigen  Knopf.  Links  vom  Tisch  steht  eine  Frau  in 
langem  Untergewand,  über  welche  die  weite  Paenula  gelegt  ist ;  sie 
hUt  in  der  Rechten  einen  Gegenstand,  der  allenfalls  für  einen  Beutel 
gehalten  werden  könnte.  Vielleicht  stellt  sie  eine  Käuferin  vor;  viel- 
leicht auch  nur  die  Frau  des  Verstorbenen.  Auf  den  Seiten  sind  archi- 
tektonische Ornamente  von  Weinlaub,  an  den  Seiten  des  Giebels  kleine 
Köpfe  als  Akroterien  angebracht.  Die  Inschrift,  welche  unzweifelhaft 
einst  auf  der  Basis  des  Steins  befindlich  war^  fehlt ;  es  ist  jedoch  nicht 
mit  Sicherheit  vorauszusetzen^  dass  sie  von  dem  besonderen  Beruf  des 
Verstorbenen  Nachricht  gegeben  habe.  Denn  meist  enthalten  die  sehr 
kurz  ge&ssten  Grabschriften  der  älteren  römischen  Sitte  entsprechend 
weiter  nichts  als  die  Namen  der  Verstorbenen.  Auch  ein  etwa  hinzuge- 
fagtes  negotiator  würde  das  Verständniss  des  Bildwerks  nicht  beson- 
ders gefördert  haben ;  man  ttberliess  es  eben  dem  Bildwerk  allein  durch 
den  Augenschein  im  Gedächtniss  zu  bewahren  und  zu  lehren,  was  der 
Verstorbene  im  Leben  gewesen.  Von  den*  übrigen  zahlreichen  Darstel- 
lungen ähnlicher  Art  gebe  ich  keine  Beschreibung,  da  dieselbe  ohne 
Abbildungen,  welche  ich  nicht  zu  bieten  vermag,  doch  nicht  viel  nützen 
würde.  Es  ist  ja  überhaupt  nur  der  Zweck  dieser  Zeilen  auf  eine 
ganze  Klasse  bisher  nicht  gehörig  beachteter  Denkmäler  die  Aufmerk- 
samkeit zu  lenken.  Durch  die  weit  verbreitete  Technik  der  Photogra- 
phie (selbst  die  kleinste  Provinzialstadt  hat  ja  jetzt  ihren  Photogra- 
phen), die  so  viel  Unnützes  abconterfeit,  wäre  es  leicht  genug,  der- 
gleichen Denkmäler  wenigstens  vorläufig  bekannt  zu  machen  und  da- 
mit der  Wissenschaft  wahrhaft  zu  nützen.  Eine  genügende  Abbildung 
ersetzt  freilich  auch  hierfür  die  Photographie  nicht;  aber  auf  Grund- 


1)  Vgl.  meine  Bemerknngen  in  diesen  Jahrb.  Heft  87,  1864  S.  161. 
^  Bei  Beanlien  I  Taf.  8  Fig.  1. 


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1^: 


170  ROTiifoba  Alierikömer  in  Lotitringwi 

läge  einer  photographischen  Aufnahme  wird  jeder  einiger  Massen 
tüchtige  Zeichner,  allerdings  nur  unter  der  verständnissvolien  Anlei- 
tung eines  Archäologen,  eine  so  vollkommene  Darstellung  liefern  kön- 
nen, als  sie  überhaupt  nur  verlangt  werden  kann.  Als  solcher  Publi- 
cationen  durchaus  würdig  bezeichne  ich  im  Metzer  Museum  ausserdem 
in  erster  Linie  die  Steine  Nr.  25,  37,  53,  93  und  98,  alle  so  zu  sagen 
Genrebilder  des  römischen  Lebens  aufweisend;  doch  ist  damit  der 
Vorrath  des  bemerkenswerthen  noch  keineswegs  erschöpft.  Selbst  Otto 
Jahn,  dessen  Scharfblick  und  umfassender  Denkmäler-  und  Bücher- 
kenntniss  so  leicht  nichts  entging,  hat  in  seinen  lehrreichen  Aufsätzen 
über  die  Darstellungen  von  Handwerk  und  Handelsverkehr  in  der  an- 
tiken Kunst  0  von  diesen  uns  räumlich  so  viel  näher  liegenden  Quellen 
als  die  italienischen  und  griechischen  Denkmäler,  vielleicht  weil  die 
Wiltheim'schen  Tafeln  ihm  zu  unzuverlässig  schienen,  keine  Notiz 
genommen.  Es  wäre  eine  höchst  dankenswerthe  Aufgabe  für  die  ge- 
lehrten Vereine  in  jenen  Gegenden  und  für  den  patriotischen  Eifsr 
ihrer  Mitglieder,  die  Auffindung,  Aufbewahrung  und  Veröffentlichung 
dieser  Denkmälerklasse  in  systematischer  Weise  in  Angriff  zu  nehmen, 
was  ja  nur  von  den  nächstgelegenen  Pflegstätten  antiquarischer  Stu- 
dien aus  erfolgreich  geschehen  kann.  Selbst  der  unscheinbarste  und 
roheste  Grabstein,  von  dem  sich  der  nur  das  Schöne  und  dem  Auge 
Gefällige  in  der  antiken  Kunst  aufsuchende  Blick  mit  Verachtung  ab- 
wendet, gewinnt  in  der  Verbindung  mit  gleichartigen  Denkmälern  und 
in  seiner  Beziehung  zu  der  nächsten  lokalen  Umgebung  Wichtigkeit 
und  Interesse ;  mind^tens  so  viel  Berücksichtigung  wie  die  kunst- 
losesten Producte  des  Töpfer-  oder  Glaserhandwerks  oder  die  einfach- 
sten Erzgeräthe,  welche  man  ja,  und  mit  Recht,  überall  eifrig  sammelt 
und  sorgfältig  aufbewahrt,  verdienen  doch  jene  Grabsteine  zum  min- 
desten auch. 

Die,  wie  bemerkt,  im  obem  Stockwerk  des  Metzer  Museums  auf- 
gestellten kleineren  Alterthümer  habe  ich  ebenfalls  nur  flüchtig  durch- 
sehen können.  Vor  allem  fiel  mir  darunter  eine  bronzene  Helmmaske 


^)  0.  Jahn  DanieUangen  antiker  Reliefs,  welche  sieh  auf  Handwerk  und 
HandelBverkehr  beziehen,  in  den  Berichten  der  hist.  Glasse  der  Sachfi.  Gesell- 
schafb  der  Wissenschaften  von  1861  S.  291  ff.  Dazu  desselben  Darstellungen 
des  Handwerks  und  Handelsverkehrs  auf  Yasenbildem,  in  denselben  Berichten 
1867  S.  76  ff.  und  über  Darstellungen  des  Handwerks  und  Handelsverkehrs  auf 
antiken  Wandgemälden  in  den  Abhandlungen  der  S&chs.  Gesellschaft  der  Wis- 
tensohaften  philol.  histor.  Klasse  Bd.  Y  1868  S.  265  ff. 


w 


Bömische  Alterthümer  in  Lothriogen  171 

auf,  d.  h.  das  Vordertheil  eines  HelmS;  welches  des  Gesicht  bedeckte, 
genau  in  den  Formen  des  menschlichen  Gesichts,  mit  offenen  Augen- 
höhlen, Nasenlöchern  und  Mund.  Ob  diese  Art  Helme  wirklich  ge- 
tragen worden  sind  oder  welchen  Zweck  sie  sonst  hatten,  ist  meines 
Wissens  unbekannt.  Einen  ganz  ähnlichen  von  prachtvoller  Arbeit,  in 
Bibchester  (Lancashire)  in  England  gefunden,  besitzt  das  brittische  Mu- 
seum >) ;  ein  zweiter  ist  in  Nordschleswig  gefunden  worden  und  in 
Engelhardts  Werk  abgebildet.  Neuerdings  ist  ein  ähnlicher  im  Rheingau 
zum  Vorschein  gekommen  und  in  das  Mainzer  Museum  gelangt,  wo 
ich  ihn  im  vorigen  Herbste  luiter  Herrn  lindenschmits  sachverstän- 
digen Händen  sah.  Auch  in  Etrurien  kommen  ähnliche  Helme  mit  Ge- 
sichtsmasken vor,  wie  z.  B.  der  im  Museo  Etrusco  Gregoriano  1  Taf. 
21,  2  abgebildete. 


^)  Earze  Notiz  darüber  habe  ich  in  der  arohäol.  Zeitung  27,  1871  S.  90 
gegfeben.  Ediert  ist  er  in  den  Yetasta  monumenta  Bd.  4  (London  1815  FoL) 
Taf.  1 — 4.  Townley,  der  ihn  besars,  hat  eine  mystische  Erklärung  dazu  geliefert. 
Das  Gesicht  ssbeint  das  einer  Minerva  zu  sein;  das  vordere  Stirnband  bildet 
ein  diademartiger  Kranz  von  Befestigungen,  eine  Corona  murälis,  geschmückt 
mit  Victorien,  Tritonen'  und  Gonienköpfen.  Den  ganzen  Helmkopf  bedecken  Re- 
liefcr,  welche  Kämpfe  zwischen  Römern  und  Britten  darzustellen  scheinen.  Der 
Helm  ist  lOVj  Zoll  hoch;  Townley  vergleicht  der  vortrefiflichen  Arbeit  wegen 
mit  Recht  die  in  Pompeji  gefundenen  Gladiatorenhelme,  denen  der  Londoner 
Helm  auch  der  Zeit  nach  nahe  steht;  denn  er  gehört  unzweifelhaft  dem  ersten 
Jahrhundert  an. 

Berlin,  Juni  1873. 

E.  Hüb n er. 


6.   Römische  Inschriften  aus  Rohr  bei  Blankenheim  und  aus  Bonn. 


r. 


1^ 


^¥' 


Bereits  im  vorigen  (52.)  Hefte  unserer  Jahrbücher  S.  175  haben 
wir  die  vorläufige  Nachricht  gebracht,  dass  beim  Abtragen  der  bau- 
fäUigen  Kirche  zu  Rohr  im  Frühjahr  1872  zwei  römische  Inschriften 
gefunden  worden  seien.  Beide  Inschriftsteine  sind  seitdem  nebst  einem 
inschriftlosen  Steine,  welcher  die  Figur  eines  Mannes  en  haut  relief 
in  einer  Nische  trägt,  vom  Vorstände  des  Vereines  erworben  und  mit 
nicht  unbeträchtlichen  Kosten  hierhin  befördert  worden.  Aus  den  uns 
vorliegenden  Fundberichten  des  Hm.  Pastor  Schönhuth  von  Rohr  d.  d. 
16.  Juni  1872  und  des  Hm.  Rector  Dr.  Pohl  in  Linz  vom  3.  Jan.  1873, 
so  wie  des  Kreisbaumeisters  Hrn.  Schütte  heben  wir  hervor,  dass  der 
dem  Mercurius  geweihte  Altar,  so  wie  der  mit  dem  Bilde  versehene 
Sandstein  in  einem  der  äusseren  Strebepfeiler  in  der  Weise  einge- 
mauert lagen,  dass  die  Inschrift-,  resp.  Bildseite  nach  innen  gekehrt 
war.  Die  Verstümmelung  des  letztern  Steines  rührt  nach  Hm.  Schön- 
huths  Bericht  daher,  dass  die  Maurer  denselben  zum  Behufe  des  Auf- 
legens  auf  einen  andern  flachen  Stein  zurecht  hauen  mussten.  Den 
dritten  Stein  mit  der  Matroneninschrift  fand  Hr.  Dr.  Pohl  am  20.  Sept. 
1872  auf  dem  Kirchhofe  zu  Rohr  unter  den  noch  umherliegenden  Stein- 
haufen. Durch  seine  Güte  erhielt  ich  von  beiden  Inschriften  Papierab- 
klatsche mit  sorgfältigen  Notizen  und  der  freundschaftlichen  Auffor- 
demng,  die  Veröffentlichung  derselben  selbst  in  die  Hand  zu  nehmen. 


.  *  ; 


1. 


Der  Altar,  von  dem  nur  der  obere  Theil  erhalten  ist,  aus  grau- 
gelben Sandstein,  ist  0,48  m.  breit,  0,48  m.  breit,  0,40  m.  hoch  und 
0,22  m.  dick.  Die  Höhe  der  Buchstaben  beträgt  0,05  m. 


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Bömiicbe  InBohriften  ans  Rohr  bei  Blankenheim  und  aua  Bonn.  178 

MERCVRI 

CHANNINI 

/tili 

Z.  1.  Da  nach  der  rechten  Seite  zu  der  Rand  etwas  beschädigt 
ist,  so  liegt  die  Vermutbung  nahe,  dass  ein  0  ausgefallen  sei,  jedoch 
hat  eine  wiederholte  Besichtigung  des  Steines  mich  in  der  Ueberzeu- 
gnng  bestärkt,  dass  für  diesen  Buchstaben  kein  Baum  vorhanden  ge- 
wesen. 

In  Z.  2  könnte  man  auf  den  ersten  Blick  in  dem  Anfangsbuch- 
staben ein  0  vermuthen;  bei  näherer  Betrachtung  ergibt  sich  aber, 
dass  die  bogenförmige,  bis  zu  M  in  die  1.  Z.  hinauf  verlängerte  Ver- 
tiefung wahrscheinlich  beim  Reinigen  der  Buchstaben  vom  Mörtel  durch 
Einritzen  unwiUkührlich,  oder  auch  in  der  nicht  ganz  ungerechtfertig- 
ten Voraussetzung,  dass  der  Name  des  Gottes  im  Dativ  stehen  mflsse, 
durch  Nachhülfe  entstanden  sei,  eine  Möglichkeit,  welche  Hr.  Pfarrer 
SchOnhuth  dem  Hm.  Dr.  Pohl  auch  zugab.  In  dem  letzten  Buchstaben, 
von  dem  nur  der  Rest  des  Verticalstrichs  erhalten  ist,  erkenne  ich 
ein  £.  Wir  haben  also  hier  den  seltenen  Fall,  dass  in  der  Widmung 
der  Name  des  Gottes,  anstatt  im  Dativ,  im  Genitiv  steht,  wie  bei  dem 
Kölner  Weihestein  des  Mercurius  Arvemus  0  und  einem  ganz  ähnlichen 
Mercursteine  im  Antikenkabinet  zu  Wien ').  Andere  Beispiele  giebt 
Zell  in  seiner  Anleitung  zur  Kenntniss  der  röm.  Inschriften  S.  143. 
Doch  beschränkt  sich,  wie  es  scheint,  dieser  Gebrauch  auf  die  Ver- 
bindung mit  der  Formel  SACRVM.  £s  möchte  daher  grosse  Wahr- 
scheinlichkeit für  sich  haben,  dass  in  der  3.  Zeile,  worin  nur  fünf 
wenig  Anhalt  bietende  Buchstabenreste  erhalten  sind,  ausser  der  Er- 
gänzung von  CHANNINEFATIVM  das  Wort  SACRVM  ganz,  oder  in 
SACR.  abgekQrzt  gestanden  habe.  Der  abgebrochene  Theil  des  In- 
schriftsteins wird  den  Namen  des  Widmenden  nebst  der  gewöhnlichen 
Weiheformel  V  '  S  *  L  *  M  enthalten  haben. 

Der  verstümmelte  Votivstein  nimmt  in  mehrfacher  Hinsicht  unser 
Interesse  in  Anspmch:  er  ist  der  Stammgottheit  eines  acht  germa- 
nischen Volkstammes,  der  G  ann  in  ef at e  n  geweiht,  welche  nach  Tacitus 
Hist.  IV,  15,   »in  Herkunft,  Sprache,  Tapferkeit  den  Batavern  gleich, 


^)  S.   das  Yen.   der   röm.  Alterth.  des  Mus.  Wallraff-RichArs  in  Köln 
8.  21  Yon  Düntser. 

')  Vgl.  die  BesohreibuDg  desselben  von  v.  Sacken  and  Kenner  S.  109,  28. 


174  Römische  InBohriften  tus  Rohr  bei  Blftnkenheim  und  aue  Boan. 

jedoch  an  Zahl  von  diesen  abertroffen,  einen  Theil  der  Batavischen 
Insel  bewohnten.«  Im  Anfange  des  Aufstandes  des  Batavers  Civilis 
spielten  sie  unter  Anführung  Brinnos  eine  bedeutende  Rolle,  indem  sie 
das  Winterlager  zweier  römischer  Gehörten  zerstörten  und  als  die 
ersten  sich  dem  Civilis  anschlössen.  Tacitus  nennt  Cohorten  derselben, 
welche  (nach  H.  IV,  19)  von  Vitellius  nach  Italien  gef&hrt  Wurden, 
so  wie  (Ann.  IV,  73)  im  frisischen  Feldzuge  eine  ala  Canninefatium, 
die  der  Legio  X  gemina  zu  Vetera  zugetheilt  war.  Ueberhanpt  schei- 
nen sie  in  späterer  Zeit  nur  als  Reiter  gedient  zu  haben;  im  daci- 
schen  Feldzuge  finden  wir  eine  ala  zu  Vindobona,  eine  andere  zu 
Mainz,  der  leg.  I  adiutrix  beigegeben  ^) ;  auf  drei  Militärdiplomen 
aus  der  Zeit  des  Antoninus  Plus  wird  die  ala  I  erwähnt,  welche 
auf  das  Vorhandensein  mehrerer  Reitergeschwader  schliessen  lässt. 
Die  letzte  Erwähnung  der  Canninefaten  findet  sich  auf  einer  In- 
schrift aus  Volsinü  aus  der  Zeit  des  Severus  Alexander  (3.  Jahrh. 
nach  Chr.)«). 

Kehren  wir  nach  dieser  kleinen  Abschweifung  zu  unserer  Inschrift 
zurück,  so  bieten  sich  zu  dem  hier  zum  ersten  Mal  vorkommenden 
Mercurius  Channinefatium,  in  dem  wir  den  römisch  gedeuteten 
Hauptgott  der  Deutschen  W  u  o  t  a  n  zu  verstehen  haben,  in  Inschrif- 
ten mehrfache  Parallelen  besonders  von  romanisirten  Gallischen  Gott- 
heiten, wie  die  des  schon  obengenannten  Mercurius  Arvernus  oder 
Arvernorum,  des  Mars  Talliatium,  Mars  Caturix,  Albiorix 
u.  a.,  welche  Prof.  J.  Becker  in  diesen  Jahrbb.  XXTT,  170  ff.  zusam- 
mengestellt hat. 

Es  erübrigt  uns  noch,  einiges  Über  die  Schreibweise  des  Namens 
der  Canninefaten  zu  bemerken,  welcher  in  den  Handschriften  des  Ta- 
citus, Plinius  und  Velleius  Paterculus  gewöhnlich  CANNINEFATES, 
dagegen  in  den  Inschriften  bald  CANNJ5NEFATES,  bald  CANNFN- 
oder  CANNINEFATES  geschrieben  wird.  Prof,  Becker »),  welcher  diesen 
Streitpunkt  einer  besonderen  Untersuchung  unterworfen  hat,  ist  ztf 
dem  Resultate  gelangt,  dass  in  den  Inschriften  die  Schreibung  Can- 
naneiates  die  am  sichersten  beglaubigte  sei.  Dieses  Ergebnisa  möchte 
indessen  bei  der  zum  Theil  onsichem  Ueberlieferung  der  bezüglichen 


^)  Bonxu  Jahrbb.  XV,  101. 

')  OrelL  96  und  dazu  Henzen  I.  L.  III,  p.  6,  vgl.  Völker,  d.  Freiheitakampf 
der  Bataver  anter  ClaudiaB  Civilis,  1.  Lief.  S.  28. 
>)  Bonn.  Jahrbb.  XY,  101  ff. 


k 


Bdmiflcfae  Insohnften  aus  Bohr  bei  Blankenheim  und  am  Bonn.  175 

Inschriften  durch  die  abweichende  und  sich  der  Tradition  in  den  Hand- 
schriften anschliessende  Schreibweise  unserer  Inschrift,  welche,  in 
schönen  Charakteren  eingehauen,  ohne  Zweifel  aus  guter  Zeit  stammt, 
zu  modificieren  sein,  zumal  da  die  Schreibung  GAanninef.  auch  zu  der 
Ableitung  des  Namens,  welche  J.  Grimm  ^  und  Zeuss  ^)  versucht  ha- 
ben, vortrefPlich  stimmt.  Beide  stellen  nämlich  den  Namen  in  der  Vor- 
aussetzung, dass  die  Bataver  centum  durch  cannin,  cannan  ausdrückten, 
mit  dem  Oothischen  ,hundafadeis'  zusammen,  so  dass  also  der  Name 
Hundertmänner  (fathes,  faths - gomo - homo,  Mann)  bedeuten 
würde,  was  in  der  Germanischen  Kriegs-  und 'Gauverfassung  seinen 
Grand  gehabt  haben  könnte  *).  Wenn  nun  J.  Grimm  zugleich  mit  Zeuss 
noch  das  Auffallende  hervorhebt,  dass  man  nach  dieser  Ableitung  eigent- 
lich GAanninefates,  was  sich  aber  nirgends  findet,  erwarten  müsse,  so 
kömmt  unsere  Inschrift  dieser  Anforderung  auf  das  Erwünschteste 
entgegen  und  möchte  daher  nicht  blos  die  richtige  Aussprache  des 
fraglichen  Volksnamens  bieten,  sondern  auch  die  richtige  Schreibung 
desselben  am  nächsten  reprilsentiren.  ^ 

Wir  schliessen  hieran  eine  kurze  Besprechung  des  in  demselben 
Strebepfeiler  gefundenen  Bildsteines.  Es  ist  diess  ein  gelblich  weisser 
Sandstein  0,66  met.  hoch,  0,41  m.  breit  und  0,17  m.  dick.  Die  in  einer 
Nische  in  haut-relief  befindliche  unbekleidete  männliche  Figur  ist,  wie 
oben  bemerkt,  stark  beschädigt,  besonders  an  den  Unterschenkeln  und 
den  Füssen,  welche  letztere  fast  ganz  verschwunden  sind;  so  wie  auch 
der  untere  Theil  des  Gesichtes  fehlt.  In  der  rechten  Hand  scheint  sie 
eine  Keule  zu  halten,  ein  Attribut,  welches  auf  Hercules  zu  schliessen 
geeignet  wäre,  wenn  nur  die  die  Löwenhaut  nicht  fehlte.  Ich  möchte 
die  sehr  roh  gearbeitete  Figur  eher  für  einen  Mercur  halten,  da  sie 
mit  dem  Mercuraltare  in  näherer  Beziehung  zu  stehen  scheint  und 
der  Gegenstand,  den  die  rechte  Hand  trug,  nach  oben  so  stark  her- 
anstritt, dass  man  möglicher  Weise  »den  Beutek  erkennen  dürfte. 
Indessen  ist  von  emem  » Schlangenstab  k  (caduceus)  in  der  abwärts  ge- 
haltenen Linken  nichts  mehr  zu  sehen. 


^)  GesoK  d.  dentschen  Sprache  2,  586. 

')  Die  Deutschen  tind  die  Naohbarsi&mme  S.  102  Anm. 

*)  8.  Grimm  a.  a.  0.  491  f.  und  VöUcer  a.  a.  0.  S.  27. 


BSmiache  Inadirift«D  miu  Bohr  b«i  ffluakenlimiii  und  ftoi  Bonn. 


MatroneDinschrift  in  grünem  Sandstein,  0,75  m.  lang,  0,47  m. 
breit  und  0,23  m.'  dick.  Die  Habe  der  Buchstaben  beträgt  0,045  m. 
Der  Stein  ist  auf  der  rechten  und  der  linken  Seite  abgeschnitten,  so 
das8  sowohl  am  Ende  als  am  Anfange  jeder  Zeile  venigstens  je  ein 
Buchstabe  fehlen ;  am  Ende  der  ersten  Zeile  so  wie  am  Anfange  der- 
selben findet  sich  ein  Bruch,  Wodurch  ein  paar  Buchstaben  im  Namen 
der  Matronen  verloren  gegangen  sind.  Die  Inschrift,  deren  Buchstaben 
nicht  sehr  tief  und  meist  verwischt  sind,  lautet  na(^  dem  mir  vor- 
li^enden  Papierabdmck : 

XvTRONISd 
^BVSmCLEM 
TINVS  IVSTVS 
IVLIA  CINN 
5  V  L   M 

(Ma)troni3  G(abijabus  Clem(en)tinus  Justu(3)  (et)  Jnha  CinD(a)(?). 
Votum  (solTenmt)  lubentes  merito. 
Unzweifelhaft  ist  Z.  1  zu  Anfang  JlfATROMIS  zu  ergänzen; 
der  darauffolgende  Buchstabe  ist  nicht  Hir  ein  G  oder  0,  sondern, 
wie  das  Ektypon  zeigt,  für  ein  G  anzusehen.  Da  nun  nach  der  sich 
von  selbst  ergebenden  Er^nzung  der  in  den  folgenden  Zeilen  vorkom- 
menden Xamen  am  Ende  der  Zeilen  je  1  bis  l'/i  Bachstabea  wegge- 
fallen sind,  so  werden  wir  mit  Sicherheit  zur  Annahme  gefflhet,  dass 
am  Schlüsse  ein  A  und  am  Anfange  der  2.  Zeile  BI  oder  B'  ausser 
dem  linken  Schenkel  des  A  ausgefallen  sei.  Kein  anderer  der  wenigen 
mit  G  beginnenden  Matronennamen,  weder  die  Gavadiae  noch  die 
Guinebae,  könnten  hier  Platz  finden,  ausser  den  Gablae,  welche  im 
westrheinischen  Ubierlande  auf  vier  zu  Rövenich  bei  Zflipich  gefunde- 
nen, jetzt  verlorenen  Altären  mit  Matronae,  and  einmal  in  Köln  mit 
Innones  vorkommen. 

Was  die  Deutung  dieses  Beinamens  betrifft,  so  hat  man  bisher 
&8t  allgemein  darin  keine  topische  BeneDiiung  gefunden,  sondern  den- 
selben theils  mit  der  deutschen  Emtegöttia  Fru  Gaue  (Fra  Göde) 
zusammen  gestellt,  wie  Lersch '),  oder  man  hat  durch  Ableitung  von 
der  altdeutschen  Form  des  Wortes  Gau  (gawi,  gavi),  dessen  v  in  b 


<)  Bonn.  Jahrbb.  II,  127. 


Römiselie  Inscbriften  aus  Rohr  bei  ßlankenheim  nnd  ftus  Bonn.  177 

übergegangen,  die  Gabiae  als  Gaugöttinnen  gedeutet,  wie  ReinO* 
welcher  in  der  Bürgeler  Inschrift  der  Matronae  Alagabiae  gleich- 
Matronen  »aller  Gaue«  versteht.  Die  neueste  Deutung  der  M.  Gabiae 
von  dem  Holländer  Dr.  Kem^)  als  »Geberinnen  von  guten  Gaben«, 
hat  etwas  Empfehlendes,  doch  möchte  die  uns  mündlich  von  Prof. 
Simrock  nütgetheilte  Erklärung  »die  Begabenden«  noch  vorzuziehen  sein, 

■ 

womach  die  in  einer  Inschrift  als  Junones  bezeichneten  Gabiae  als 
die  wohlthätigen  Feen  erscheinen,  welche  den  Neugeborenen  besondere 
»Begabungen«  zutheilen. 

Z.  2  findet  sich  hinter  dem  ausgefallenen  S  ein  Zeichen^  welches 
ohne  Zweifel  für  das  als  Interpunktion  dienende  Epheublatt  zu  halten 
ist  Der  horizontale  Strich  des  folgenden  L  ist  verwischt,  so  wie  auch 
die  2.  Hälfte  des  M. 

Z.  3  ist  es  wahrscheinlich,  dass  hinter  IVSTV  bloss  ein  S  aus- 
gefallen und  mit  dem  geforderten  ET  die  4.  Zeile  begonnen  habe.  In 
dieser  Zeile  fällt  der  etwas  nach  oben  gehende  Querstrich  des  ersten 
Buchstabens  in  IVLIA  auf,  so  dass  man  an  7VLIA  statt  XyLLIA 
denken  könnte,  jedoch  erscheint  derselbe  bei  näherer  Betrachtung  als 
eine  Fortsetzung  der  oben  rechts  von  dem  Buchstaben  bemerklichen 
zufälligen  Vertiefung.  In  dem  folgenden  Namen  GINN  sind  die  zwei 
ersten  Buchstaben  sehr  verwischt,  so  dass  die  Lesung  unsicher  bleibt, 
namentlich  ob  der  zweite  Buchstabe  für  ein  I  oder  E  zu  halten  sei. 
Wir  entscheiden  uns  mit  Hrn.  Dr.  Pohl  für  CJ5NNA,  obgleich  wir  für 
diese  mehr  einem  keltischen  Mannesnamen  zukommende  Form  kei- 
nerlei Beleg  beizubringen  im  Stande  sind.  Die  einzig  anklingende 
Form  findet  sich  in  einer  Mainzer  Inschrift  (Stein,  327),  welche  einer 
QENIA  LINEA  GRATA  gesetzt  ist.  Uebrigens  möchte  die  Julia 
Genua  als  Gattin  des  Glementinus  Justus,  dessen  ersterer  Name  auf 
einer  Mainzer  Inschrift  (Br.  1064)  vorkommt,  zu  betrachten  sein. 

Z.  5  in  der  Widmungsformel  scheint  nach  Massgabe  der  symme- 
trischen Entfernung  der  erhaltenen  3  Buchstaben  V  L  M  das  sonst 
regelmässig  gebrauchte  S(olvit)  zu  fehlen;  jedoch  möchte  ich  bei  dem 
verwitterten  Zustande  der  Inschrift  lieber  den  Ausfall,  als  die  Aus- 
lassung des  S  annehmen,  welche  Zell ')  unter  den  Variationen  dieser 


1)  Hans  Bürgel.  Crefeld    1866.  S.   84  ff.    Yergl.  B.  Jabrbb.  XXIII,  S. 
149  f.    Simrook,  Handb.  d.  doutochen  Myth.  S.  864. 
^)  H.  LH  d.  Jahrbb.  S.  160. 
')  Anleitong  sur  Eenntniss  der  röm.  Inschriften  S.  145. 

12 


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I: 


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\ 


178  BönuBohe  Iiudhiifteii  ins  Bobr  bei  Blankenhfflm  und  aas  Bonn. 

Widmangsformel  zwar  anführt,  jedoch  durch  kein  sicheres  Beispiel  be- 
legt hat. 

Znm  Schloss  wollen  wir  die  Yermathong  nicht  nnterdrücken, 
dass  die  besprochenen  drei  Steine,  von  denen  die  zwei  ersten  wahr- 
scheinlich einem  kleinen  Tempel  des  Mercurins  angehört  haben,  nicht 
ursprünglich  an  der  Fundstätte  zu  Rohr  gestanden,  da  uns  von  dort  ge- 
fundenen Alterthumsresten  bisher  nichts  bekannt  geworden,  vielmehr 
halten  wir  die  Annahme  für  gerechtfertigt,  dass  dieselben  von  dem 
benachbarten  römischen  Etappenorte  Marcomagus,  durch  welchen  die 
sowohl  im  Itinerar  des  Antonin  als  auf  der  Peutingerschen  Tafel  an- 
gegebene Hauptstrasse  von  Trier  nach  Köln  führte  0»  als  Material  für 
den  Bau  der  alten  Kirche,  wie  diess  auch  anderwärts  so  häufig  der 
Fall  war,  hergeholt  worden  sind. 

3. 

Votivaltar  aus  Jurakalk,  im  Jahre  1870  bei  der  Tieferlegung 
der  Aussenmauem  der  hiesigen  MQnsterkirche  in  den  Fundamenten 
des  nördlichen  SeitenschiiFes  entdeckt.  Da  die  eine  Schmalseite  ein 
Fflllhom  zeigte,  so  schloss  man  mit  Recht  auf  eine  römische  ara  und 
arbeitete  den  schweren  Stein  mit  grosser  Eraftanwendung  aus  den 
Grundmauern  heraus.  Derselbe  ist  aber  nach  der  rechten  Seite  zu 
schief  abgeschnitten;  die  Höhe  desselben  beträgt  0,95  m.,  die  Breite 
0,59  m.,  die  Dicke  0,29  m.  Die  linke  Volute  der  ara  ist  noch  erhalten,  so 
wie  auch  der  grösste  Theil  des  arg  zerstörten  Simses.  Ebenso  reicht 
das  auf  der  linken  Schmalseite  in  schönen  Formen  gearbeitete  FfiU- 
hom  bis  zur  Basis,  während  von  dem  auf  der  rechten  Seite  befind- 
lichen nur  der  sich  nach  unten  verjüngende  Theil  sichtbar  ist 

Durch  Brüche  hat  der  Stein  an  der  obem  Hälfte  rechts  und 
links  stark  gelitten,  und  ist  Qberhaupt  in  so  hohem  Grade  abgeschlif- 
fen und  verwaschen,  dass  die  zum  Theil  schattenhaften  Charaktere 
sehr  schwer  zu  lesen  sind.  Was  mir  mit  Hülfe  eines  Papierabklatsches 
und  einer  recht  gelungenen  photographischen  Aufnahme,  die  ich  der 
Güte  des  Hm.  Stud.  ehem.  Friedrich  Krafit  verdanke,  zu  enträthsebd 
möglich  war,  lautet  also: 


^)  J.  W.  Schmidt  über  die  Römentrassen  im  Rheinlande  in  diesen  Jahrbb. 
Heft  XXXI,  S.  SS  ff.  üeber  die  wahrscheinliche  Lage  des  alten  Maroomagos 
(Mermagen)  vgl.  noch  Eick  die  röm.  Wasserleitung  aus  der  Eifel  nach  Köln. 
S.  16  ff. 


L 


Römische  Inschriften  aus  Rohr  bei  Blankenheim  und  aus  Bonn.  179 


...  1   VN. 
.  .  .  R  C  V  .  . 
. . • OhL- V- 
,     .  .   :>CV   •  AEN. 
5  .  .  ASSIANVS'  • 

_  VRIVSSA  .... 

N  V  S C 

EX  VOTO  .  .  . 

>  ntoNno-  •/    - 

d.  h.  forTVNae  et  heRCVli   .  cOELiVs  FuSCVs  .  (m)AENius 

cASSIAJn^S  (et)    .   ZVRIVS  SA(tumi)NVS G  •  EX  VOTO 

(posuerunt)  •  ANTONINO  ....  cos 

Da  sich  über  dem  Simse  schwache  Reste  von  Buchstaben  zeigen , 
so  wird  die  Vermuthung  nicht  zu  gewagt  sein,  dass  daselbst  entweder 
GENIO  LOCI,  worauf  der  erhaltene  Strich  Querstrich  von  L  zu  führen 
scheint,  oder  die  Formel  In  H(onorem)  D  '  D(omus  divinae)  gestan- 
den habe.  In  der  1.  Zeile  ist  die  Ergänzung  forTVNae  sicher,  eben 
80  die  von  herCVLi  in  der  2.  Z.  —  Z.  3  scheint  es  zweifelhaft,  ob 
der  zweite  Buchstabe  für  ein  L  oder  ein  E  zu  halten.  Im  erstem 
Fallist  die  Ergänzung  von  LOLLIVs  geboten,  ein  Gentilname,  welcher 
auch  sonst  auf  rheinischen  InschViften  vorkömmt;  vgl*.  Bramb.  389, 
wo  ein  G.  Lollius  Priscus  und  1467,  wo  ein  C.  LoUius  Grispus  genannt 
wird.  Im  andern  Falle  ist  cOELiVs  zu  suppliren,  wozu  Bramb.  679 
ein  Beispiel  liefert.  Ausserdem  wird  vor  Coelius  noch  der  Vorname 
gestanden  haben.—  Z,  4  ist  unbedenklich FuSGVs  zu  ergänzen;  desto 
schwieriger  ist  die  Deutung  der  schwach  durchschimmernden  Zeichen 
A  E  N,  worin  der  Gentilname  des  2.  Dedikators  der  Ära  enthalten 
sein  muss.  Ergänzen  wir  mAENius,  so  fehlt  der  Raum  für  den  Vor- 
namen; es  möchte  daher  vor  diesem  höchst  seltenen  Gentilnamen  der 
öfter  auf  rheinischen  Inschriften  erscheinende  AELius  sich  empfehlen, 
da  das  N  nicht  unzweifelhaft  fest  steht.  —  Zu  Anfang  der  5.  Z.  lese 
ich  gASSIANUS  (vgl.  Bramb.  1683)  und  fülle  den  noch  übrigen  Raum 
durch  et  und  einen  das  Praenomen  bezeichnenden  Buchstaben  aus.  -- 
In  Z.  6  war  der  1.  Buchstabe  ohne  Zweifel  LVRIVS,  welcher  Name 
bisher  auf  rheinischen  Inschriften  nicht  vorgekommen  ist  Bekannt  ist 
den  Nunüsmatikern  P.  LVRIVS  AGRIPP A  auf  einer  Monetarmünze 


K*. 


180  BömiBche  Inschriften  aus  Bohr  bei  Blankenheim  und  ans  Bonn. 

des  Aagustus.  Hinter  SA  sind  wahrscheinlich  5  Buchstaben  tumi  aus- 
gefallen, wodurch  wir  den  sehr  häufig  vorkommenden  Namen  Satumi- 
nus  erhalten,  obgleich  man  auch  mit  der  Ergänzung  SAmi  sich  be- 
gnügen könnte  (Yergl.  firamb.  1520).  Da  jedoch  die  vorhergehende 
Zeile  12  Buchstaben  enthält,  so  ziehen  wir  die  erstere  Ergänzung, 
wonach  in  diese  Zeite  13  Buchstaben  zu  stehen  kommen,  vor.  —  Zu 
Anfang  von  Z.  7  steht  deutlich  die  Schlusssilbe  NVS,  alles  Uebrige 
ist  bis  zur  gänzlichen  Unkenntlichkeit  verschwunden  ausser  einem  G 
oder  6  am  Ende.  Einer  meiner  Bekannten,  welcher  die  Inschrift  zur 
Abendzeit  bei  Lampenlicht  wiederholt  betrachtet  hat,  will  Spuren  des 
Wortes  STRATOR  entdeckt  haben,  wovon  ich  jedoch  ausser  schwachen 
Spuren  eines  T  nichts  finden  kann.  Dürfte  ich  eine  Yermuthung  wagen, 

so  möchte  ich  VEXILL(arii)  (le)6I  als  ausgefallen  annehmen,  da  die  hier 
genannten  Dedika;toren  höchst  wahrscheinlich  der  1.  Legion  angehört 
haben  werden  und  die  zu  besonderen  Diensten  detachirten  Vexillarii 
auf  rheinischen  Votivaltären,  und  zwar  namentlich  auf  solchen,  die 
dem  Hercules  geweiht  sind,  häufig  vorkommen.  Vergl.  das  Denkmal 
des  Hercules  Saxanus  im  Brohlthal.  Bonn  1862.  Nr.  2.  4.  5.  10.  II. 
12.  14.  und  die  zwei  Inschriften  von  Neuwied,  Bramb.  692  und  693. 
Das  Nähere  über  die  Vexillarii  in  engerer  Bedeutung,  womach  sie 
aus  Veterani  bestanden,  und  in  weiterem  Sinn  als  Detachements  einer 
Legion  oder  auch  eines  Hülfstruppentheiles  in  Beckers  Handb.  d.  röm. 
Alterth.  HL  2.  Abth.  S.  366  f. 

Z.  8  sind  die  drei  ersten  Buchstaben  der  Formel  EX  YOTO 
vollkommen  deutlich,  die  drei  folgenden  schimmern  noch  erkennbar 
durch.  Dahinter  ist  sehr  wahrscheinlich  posuerunt  ausgefallen. 

^^  Aus  dem  in  der  letzten  Zeile  noch  vorhandenen  Eaisemamen 

ANTONINO  lässt  sich  das  Jahr  um  so  weniger  bestimmen,  als  ausser 
Antoninus  Pius  und  Antoninus  philosophus  mehrere  spätere  Kaiser, 
r^  wie  Caracalla,  Elagabal  und  Severus  Alexander  denselben  Namen  in 

^  .  öffentlichen  Urkunden  geführt  haben.  Unter  einem  der  drei  letzteren 

l'  wird  unsere  Inschrift  zu  setzen  sein,  wenn  die  von  uns  angenommene 

Devotionsformel  In  Honorem  Domus  Divinae  an  der  Spitze  der  In- 
schrift stand,  da  diese  erst  g^en  Ende  des  2.  Jahrh.  in  Gebrauch 
^'\  gekommen  ist  Ergänzen  wir  dagegen  OENIO  LOCI,  so  möchten  wir 

wohl  berechtigt  sein,  unsere  Inschrift  in  die  Regierungszeit  des  M. 
Aurelius  Antoninus  zu  setzen,  und  zwar  unter  das  Gonsulat  des 
ANTONINVS  ffl  et  VERVS  H  «  161  p,  Chr.,  in  welches  Jahr  zwei 


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Römische  Inflohriften  aus  Rohr  bei  Blankenheim  und  aus  Bonn. 


181 


von  ans  in  diesen  Jahrbüchern  ^)  besprochene  Inschriftsteinc  von  Sol- 
daten der  Leg.  I  Min.  gehören. 

4. 

Grabstein  aus  Jurakalk,  15"  hoch,  I3V2"  breit,  3"  dick,  gefun- 
den bei  der  Anlage  von  Latrinen  nahe  der  Reitbahn !  auf  dem  neuen 
Exercirplatze  vor  dem  Kölnthor,  für  verwundete  Krieger,  im  Sommer 
1870.  Der  Stein,  welcher  mit  anderen  Fragmenten  von  Säulen  und 
Inschriften  an's  Licht  kam,  wurde  als  brauchbares  Baumaterial  von 
einem  Arbeiter  bei  Seite  geschafft  und  von  mir  in  diesem  Frühling 
zufällig  entdeckt  und  für  die  Vereinssammlung  erworben.  Die  im 
Ganzen  wohl  erhaltene  Inschrift  lautet: 


NELLONIA 

PEREGRI^A 

VIVA 

SlBI  FC 

Dieser  Stein  ist  dadurch  von  besonderem  Interesse,  dass  er  zu 
den  wenigen  bis  jetzt  in  Bonn  gefundenen  römischen  Denkmälern  ge- 
hört, welche  Privatpersonen  gesetzt  sind.  Die  Zahl  dieser  Grabschriften, 
welche  in  dem  ,Urkundenbuch  des  römischen  Bonn'  von  dem  Unter- 
zeichneten ')  zusammengestellt  sind,  belauft  sich  auf  fünf,  von  denen 
nur  eine  vollständig  erhalten  ist,  während  die  Zahl  der  Grabsteine 
von  Soldaten  achtzehn  beträgt,  ein  beweis,  dass  das  bürgerliche  Ele- 
ment vor  dem  militärischen  stark  zurückgetreten  ist. 

Der  Name  der  auf  unserer  Inschrift  genannten  Frau  Mellonia, 
welche  sich  bei  Lebzeiten  diesen  Grabstein  hat  anfertigen  lassen,  dürfte 
als  vornehm  und  reich  angesehen  werden,  wenn  sie  zu  der  Familie 
der*  Gebrüder  Melonii  Garantus  und  Jucundus  gehört  hätte,  welche 
auf  einem  in  Castel  bei  Mainz  gefundenen,  dem  Juppiter  und  der  Juno 
geweihten  nnd  ausserdem  mit  4][Götterbildem  geschmückten  Altare 
als  Stifter  demselben   und  zugleich  als  Gründer   eines  nach  ihnen  be- 


')  Heft  L  und  U  S.  186  ff. 

^)  S.  22  ff.  in  der  Festoohrifb^  zu  demjinternationalen  Congresse  f.  Alter- 
thomskande  und'  Geschichte  zu  Bonn  im  Sept.  1868. 


182  RoiuiBche  Inschriften  ans  Rohr  bei  Blankenheim  nnd  ans  Bonn. 

naDüten  Quartiers  oder  Viertels  (Novus  Yicus  Melomorum)  in  Gastel- 
lum  Mattiacorum  ^)  erscheinen.  Jedoch  scheint  es  geboten,  unsere  MeZ- 
tonia,  die  mit  doppeltem  1  geschrieben  ist,  von  der  Familie  Melonia, 
wozu  eine  Mefonia  Junia  auf  einem  Grabstein  aus  Frankfurt  (jetzt^in 
Wiesbaden)  ^)  gehört  haben  mag,  zu  trennen.  Ein  MeZfonius  Severus, 
Centurio  der  22.  Legion,  kommt  auf  einem  Grabsteine  vor,  der  im  J 
1858  auf  dem  Kästrich  gefunden  wurde  und  die  Datirung  Cilone  et 
Libone  cos.  =  204  trägt  ^).  Dazu  kommt  noch  ein  Grabstein  aus  Köln, 
der  dem  Mellonius  Eraclius  und  der  Fannia  Secunda  von  ihrem  Sohn 
Publius  Mellonius  geweiht  ist^).  Was  die  Abstammung  des  Namens 
MeZonius  betrifiFt,  so  hält  sie  Prof.. Becker  ^)  für  celtisch  mit  Hinweiä" 
auf  viele  analoge  Namen  mit  der  Endung  onius  und  auf  den  in  der 
>  ,  Kasteier  Inschrift  damit  verbundenen  Beinamen  Garantus.    Ob  ein 

: .  V  Gleiches  fQr  die  Form  Meßonius  anzunehmen  oder  ob  diese  vielmehr 

auf  ein  griechisches  Etymon,  wie  MiiXcDv  (bei  Xenophon),   zurückzu- 
:. .  fahren  sei,   wofür  der  damit  verbundene  Name  Eraclius  der  Kölner 

w  Inschrift  zu  sprechen  scheint,  lasse  ich  dahingestellt  sein.  —  Der  Zu- 

name unserer  Mellonia:  Peregrina  findet  sich  auf  einer  Grabschrift 
l;  aus  Worms  •).  lieber  die  in  unserer  Inschrift  gebrauchte  Formel  VIVA 

'%.  SIBI  Faciendum  Curavit  oder  Posuit,   wie   sie  auf  Grabmälem  vor« 

kommt,  welche  sich  einer  selbst  bei  Lebzeiten  errichten  liess,  verweise 
;;:  ,  ich   auf  die  lehrreiche  Besprechung  Braun's  in  B.  J.  XVII.  S.  108, 

wo  diese  Sitte  mit  Recht  aus  dem  bei  den  Römern  allmählich  ein- 
reissenden Egoismus,  über  den  schon  Plinius  der  J«  Klage  fahrt  ^), 
iiergeleitet  wird. 

5. 

Nachdem  ich  diese  Besprechung  von  Inschriftsteinen  aus  Rohr 
){■-  und  Bonn  schon  dem  Druck  übergeben  hatte,   wurde  unsere  Samm- 


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^)  Bramb.  1821.  C.  L.  Grotefend  in  ZimmeimannB  Zeitschrift  f.  Alierth. 
Wies.  1888.  S.  126,  besonders  aber  J.  Becker  Gastellam  Mattiacomm  in  d.  Ann. 
d.  Nass.  Alterthamsk.  u.  Gesch.  Bd.  YII.  H.  1.  S.  81. 

')  Br.  1438  nnd  J.  Becker  a.  a.  0.  8.  33. 

')  Bramb.  1026. 

*)  Yergl.  Düntzer  in  dies.  Jahrbb.  XLYII  u.  XLYIIX.  a  121. 

*)  a.  a.  P.  S.  38. 

•)  Bramb.  802.    Stein.  699. 

"*)  Plin.  ep.  L  YI,  10.  Tarn  rara  in  amicitia  fides,  tarn  parata  oblivio  mor- 
tuoram,  ut  ipsi  nobis  debeamus  etiam  conditoria  ezstmere,  omnia  heredum 
ofßcia  praesunere. 


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Römisohe  Inschriften  aus  Rohr  bei  Blankenheim  und  aus  Bonn.  183 

lung  noch  durch  den  FuAd  eines  römischen  Grabdenkmals  von  her- 
vorragendem Interesse  bereichert,  vorüber  wir  einen  genauem  Bericht 
an  dieser  Stelle  zu  bringen  um  so  mehr  uns  veranlasst  fühlen,  als 
bereits  die  öffentlichen  Blätter  die  Aufmerks«imkeit  weiterer  Kreise  auf 
den  neuen  Fund  gelenkt  haben.  Es  ist  diess  der  Grabstein  eines  Beiters 
der  Leg.  I,  welcher  laut  der  Inschrift  nach  15  Dienstjahren  im  30. 
Lebensjahre  starb  und  von  der  Hand  eines  liebenden  Bruders  dieses 
Ehrendenkmal  erhielt.  Der  kolossale  Stein  aus  Jurakalk,  dem  gewöhn- 
lichen Material  der  römischen  Inscbriftsteine,  wurde  gegen  Ende  des 
Monats  August  c.  vor  dem  Kölnthore,  rechts  von  der  Chaussee,  nahe 
bei  dem  Steinbilde  des  Kreuztragenden  Christus,  beim  Fundamentaus- 
werfen eines  dem  Wirth  Hm.  Deinert  gehörenden  Neubaus,  ausge- 
graben. Nicht  weit  entfernt  von  dieser  Stelle  war  schon  im  J.  1870 
der  in  diesen  Jahrbüchern  *)  beschriebene,  mit  der  Abbildung  von  pha- 
lerae  gezierte  Grabstein,  der  die  einfache  Inschrift  VALE  •  LVCI  trägt, 
zu  Tage  gekommen.  —  Unser  Grabstein  ist  1,95  m.  lang,  0,78  m. 
breit  und  0,30  m.  dick.  Den  oberen  Theil  des  Grabsteines  nimmt,  in 
der  Höhe  von  0,75  m.,  in  einer  nischenförmigen  Vertiefung  die  Figur 
eines  hoch  zu  Boss  sitzenden  gewappneten  Reiters  mit  eingelegtem 
Speere  ein,  die  Brust  mit  einem  Riemengeflecht  von  phalerae,  d.  h. 
grossen  silbernen  Medaillen  geschmückt,  die  nur  zum  Theil  noch  zu 
erkennen  sind,  so  wie  auch  die  Nase  des  Reiters  abgebrochen  ist.  Das 
mit  hoch  erhobenen  Vorderfüssen  vorspringende  Pferd  ist  mit  einer 
Schabrakc  bedeckt,  welche  nicht  durch  einen  Bauchgurt,  sondern  durch 
einen  vom  Yorderbug  ausgehenden,  der  Länge  nach  unter  dem  Schweif 
durchlaufenden  Gürtel  befestigt  zu  sein  scheint*). 

Unter  dem  hoch  gehobenen  Vordertheile  des  Pferdes  bis  zum 
rechten  Bein  des  Reiters,  das  von  Beinschienen  (ocrcae)  keine  Spuren 
zeigt,  ist  ein,  uns  schon  von  dem  früher  in  der  Nähe  gefundenen 
Grabstein  her  bekanntes  gitterförmiges  Riemengeflecht  mit  neun  sym- 
metrisch zu  je  drei  neben-  und  untereinander  gereihten  x)halerae  ab- 
gebildet, von  welchen  man  noch  das  am  häufigsten  vorkommende 
Medusenhaupt  und  zwei  Thierköpfe  unschwer  zu  erkennen  vermag.  An 
das  GeflechtiB,  welches  0,42  m.  breit  und  0,25  m.  hoch  ist,  schliessen 
sich  links  zwei  grössere  Ringe,  die  ich  für  armillae  oder  Armbänder 


^)  Heft  XLIX,  8.  190  f. 

^)  Vergl.  zwei  ähnliche  bildliche  Darstellungen  der  Säule  des  Antonin  bei 
Rieh,  inustrirtes  Wörterbuch  der  rom.  Altcrtbümer  s.  v.  oqucs.  S.  24  fg. 


184  Römische  Inflohriften  aas  Rohr  bei  Blankenheim  und  aas  Bonn. 

erkläre,  dergleichen  wir  auch  auf  dem  ältesten  romischen  Denkmale 
der  Rheinlande,  dem  vielfach  abgebildeten  und  besprochenen  Grab* 
steine  des  in  der  Varusschlacht  gefallenen  Centurio  M.  Caelius  (im 
Museum  der  yaterländ.  Alterth.  in  Bonn)  finden  ^). 

Der  mittlere  Theil  des  Grabsteins  trägt  in  fünf  Zeilen  die  in 
schönen  und  wohl  erhalteneu  Buchstaben,  die  in  der  1.  Zeile  0,05  m., 
in  den  übrigen  nur  0,04  m.  hoch  sind,  eingehauene,  in  Leisten  einge- 
fasste  Inschrift: 

C      MARIVS  •    L  •   F      VOL 
LVCO   AVGVSTO-  EQVES 
LEG  •  T  •  AN  NOR  •  XXX  •  STIPEN 
XV    H  •  S  •  E  •  SEX  •  SEMPRONIVS 
FRATER   FACIEN   CVRAVIT 
d.  h.   C(aius)  Marius  L(ucii)   f(ilius)  Vol(tinia)   sc.   tribu«   Luco 
Augusto,  eques  leg(ionis)  primae,  annorfum)  triginta,  stipen(diorum)  quin- 
decim.  H(ic)  s(itus}  e(st).  Sex(tus)  Senipronius  frater  facien(dum)  curavit. 
Z.  1.  Der  Name  Marius  kommt  auf  einer  Kölnischen  Yotivara 
(Bramb.  338)   und  auf  zwei  Mainzer  Grabsteinen  von  Soldaten  (Er. 
1057  und  1145)  vor;   der  erstere   ist  einem  Soldaten   der  21.  Legion 
gleichfalls  von  dessen  Bruder  gesetzt.   ~    Der  tribus  Voltinia  ge- 
hörten ausser  zahlreichen  anderen  Städten    in  Gallia  Narbonensis  der 
Z.  2  genannte  Ort  Lucus  Augustt«s,  nicht  Augustt,  wie  man  gewöhn- 
lich schreibt;  im  Gebiete  der  Vocontii,  an;   die  gleichnamige  Stadt,  in 
Hispania  Tarraconensis  war  in  die  tribus  Aniensis  eingeschrieben  ^). 

Z.  2.  Unser  Marius  war  Reiter  der  1.  Legio,  welche  in  einer  In- 
schrift den  Beinamen  Germanica  führt  und  nicht  mit  der  von  Domitian 
errichteten  Legio  I  Minei*via  pia  fidelis,  deren  Standquartier  mehrere 
Jahrhunderte  hindurch  Bonna  war,  verwechselt  werden  darf.  Die  Le- 
gio I  (Germ.)  hatte  nach  Tacitus  Ann.  I,  37  im  J.  14,  dem  Todes- 
jahre des  Kaisers  Augustus,  zugleich  mit  der  Leg.  XX,  ihr  Winter- 
quartier in  Köln  (civitas  Ubiorum,  wofür  c.  39  ara  Ubiorum  gesetzt 
ist),  und  'betheiligte  sich  an  dem  Aufstande  gegen  Tiberius,  welchen 
Germanicus  nur  mit  Mühe  dämpfte.    Doch  erhielt  sie  wahrscheinlich 


')  Vergl.  die  Abbild,  in  Lerscb,  Central-Mua.  rheinl.  Ins.  II,  p.  1  ff.  lieber 
die  phalerae  überhaupt  verweise  ich  auf  0.  Jahn*8  Abhandlung  zum  Bonner 
Winckelmanns  Progr.  vom  J.  1860,  ,die  Laue^sforter  phaleraeS  sowie  auf  A.  Rein 
de  phaleris  apud  Lauersfort  a.  1858  repertis.  Romae  1860,  p.  176  f. 

^)  C.  L.  Grotefcnd  imperium  rom.  tributim  descriptum  p.  101  und  119. 


k. 


RönuBche  InBchrift^n  aus  Robr  boi  Blackenbeim  und  aus  Bonn.  185 

schon  unter  Kaiser  Claudios,  welcher  im  J.  50  die  Ubierstadt  zur 
CSoIonie  erhob  und  zu  Ehren  seiner  Gemahlin  Agrippina  Golonia 
Agrippinensis  benannte  ^),  ihr  Standquartier  in  Bonn.  Hier  lag  sie  bis 
zum  Aufstande  der  Bataver  unter  Claudius  Civilis  im  J.  69,  in  wel- 
chem sie  sich  durch  Meuterei  und  Verrath  befleckte  und  nicht  lange 
darauf,  wahrscheinlich  sohon  unter  Vespasian,  aufgelöst  wurde  ^).  Von 
den  8  Inschriftsteinen,  welche  überhaupt  von  dieser  Legion  bis  jetzt 
existirten,  stammen  6  von  Bonn,  einer  von  Lessenich  unweit  Bonn; 
nur  ein  einziger  ist  im  Kreise  Mühlheim  näher  bei  Köln  gefunden 
worden,  ein  sicherer  Beweis,  dass  die  Legion  I  die  längste  Zeit  in 
Bonn  gestanden  haben  muss*).  Unser  Stein  (der  9.)  wird  demnach 
unter  die  Regierung  des  Claudius  oder  des  Kaisers  Nero  zu  setzen  sein- 

Z.  4.  Bemerkenswerth  ist,  dass  der  hier  Beigesetzte  im  30«  Le- 
bensjahre schon  15  Dienstjahre  zählte  und  demnach  schon  im  15.  Jahre 
in  den  Kriegsdienst  getreten  ist. 

Z.  5.  Auffallend  erscheint  der  Name  des  Bruders  Sextus  Sempro- 
nius,  welcher  dem  Gestorbenen  den  Grabstein  gesetzt  hat ;  doch  erklärt 
er  sich  durch  die  Annahme,  dass  er  dessen  Stiefbruder  gewesen  ist, 
wenn  wir  nicht  annehmen  wollen,  dass  er  seinen  Namen  durch  Adop- 
tion von  einem  Sextus  Sempronius  erhalten  habe. 

Schliesslich  bemerken  wir  noch,  dass  der  für  die  römischen  Kriegs- 
alterthümer  werthvoUe  Stein,  von  dessen  Bildwerk  nächstens  eine  an- 
gemessene Abbildung  zugleich  mit  dem  unweit  der  Fundstelle  früher 
ausgegrabenen  Grabsteine  mit  Vale  Luci  gegeben  werden  soll,  für  un- 
sere Yereinssammlung  von  Alterthümem  im  Amdthause  angekauft 
worden  ist,  wo  auch  der  Grabstein  des  Lucius,  der  höchst  wahrschein- 
lich derselben  Legion  angehört  haben  wird,  sich  befindet 


Diesen  zuletzt  besprochenen  Bonner  Inschriftsteinen  fugen  wir 
der  Vollständigkeit  wegen  noch  einige  Fragmente  bei,  welche  durch 
Prof.  Gustav  Wilmans  in  Dorpat  bei  seinem  Aufenthalte  im  Sommer 
1871,  wo  er  im  Hause  der  Fraul.  von  Droste  bei  seinem  Vetter,  dem 
Hm.  Berghauptmann  Brassert,   eingekehrt  war,  aufgefunden  und  in 


*)  Tacit.  Ann.  XII,  27.  Agrippina  ejus  vim  suam  sociis  quoque  nationi- 
bu8  OBientaret,  in  oppidum  Ubioram,  in  quo  genita  erat,  veieranos  coloniamque 
dedaoi  impetrat,  cui  nomen  inditom  e  yocabulo  ipsius. 

>)  Bonn.  Jahrbb.  XLU,  p.  189  f. 

')  Vergl.  das  römische  Bonn  in  der  oben  ang.  Festschrift  S.  27  und  B. 
Jahrbb.  XLU,  139. 


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186        <    Bomiache  Inschriften  aus  Rohr  bei  Blankenheim  und  aus  Bonn. 

der  Arch&oL  Zeitang  Jabrg.  XXIX  S.  165  fg.  veröffentlicht  worden 
sind.  Wenn  Hr.  Wilmans,  dem  wir  für  die  Förderung  unserer  Vereins- 
zwecke öffentlich  unsern  Dank  aussprechen,  bemerkt,  dass  diese,  wie  er 
anzunehmen  scheint,  dortselbst  ausgegrabenen  Steine  fast  seit  einem 
halben  Jahrh.  in  dem  von  Droste'schen  Garten  (in  der  Voigtsgasse  3), 
welcher  allerdings  nicht  unbedeutende  Substructionen  und  namentlich 
Reste  eines  römischen  Hypocaustums  enthält  %  aufgestellt  gewesen 
seien,  so  beruht  diese  Angabe  auf  einem  verzeihlichen  Irrthum.  Die- 
selben rühren  vielmehr  von  einer  kleinen  Sammlung  von  römischen  In- 
schriftsteinen und  anderen  Alterthumsgegenständen  her,  welche  unser 
verstorbener,  so  hoch  verdienter  Präsident  des  rheinischen  Alterthums- 
vereins  von  seinen  zahlreichen  Freunden  aus  dem  Jülicher  Lande  und 
aus  der  Eifel  zum  Geschenk  erhalten  und  unter  dem  Treppengewölbe, 
das  zur  Aufbewahrung  von  Gartengerätheh  dient,  untergebracht  hatte. 
Während  von  den  wenigen  werthvoUeren  Steinen  die  aus  Wüstenrode 
bei  Eschweiler  herrührende  Votivara  der  Göttin  Sunuxsalis  (vgl.  Braun 
in  diesen  Jahrbb.  XXV,  S.  18  ff.)  in  das  hiesige  Museum,  dagegen 
eine  im  Enabengarten  zu  Bonn  gefundene  Herculesstatue  aus  Sand« 
stein ')  in  die  Vereinssammlung  gelangte,  blieben  die  von  den  Erben 
des  Verstorbenen  als  werthlos  angesehenen  Bruchstücke  in  ihrem  Ver- 
stecke zurück.  Dieselben  hat  die  Fräulein  von  Droste  auf  unser  An- 
suchen bereitwilligst  unserer  Sammlung  überlassen.  Sie  bestehen  aus 
vier  Fragmenten: 

1. 

aus  dem  obem  Theile  eines  grossen  Grabsteins,  der  in  der  Mitte  zwei 
der  gewöhnlichen  Protomen  (Brustbilder)  trägt  und  dessen  Inschrift 
bis  auf  das  zur  Linken  sichtbare  D(is),  dem  rechts  ein  M(anibus)  ent- 
sprach, zerstört  ist ; 

2. 

aus  einem  zu  beiden  Seiten,  wie  auch  unten  abgebrochenen  Fragment 
einer  Ära: 

^.  O  m 

T.  G 

Die  Darstellung  eines  Adlers  auf  einer  Kugel  auf  der  einzigen 
noch  erhaltenen  Seite  beweist,  dass  die  ara  dem  Jupiter  Optimus  maximus 
geweiht  war. 


1)  Braun  in  B.  Jahrbb.  II,  41.  und  IV.  115. 
>)  Bonn.  Jahrbb.  XXV,  206. 


BomiBohe  Insohriflen  aus  Rohr  bei  Blankenheim  and  aus  Bonn.  187 

Etwas  besser  sind  zwei  Bruchstücke  von  Matronensteinen  er- 
halten. 

3. 

MATRONIS 

rVMANErfs 

CIA  Sl 

Die  Votivara  ist  den  Matronae  Rumanehae  geweiht,  die  auf 
anderen  Inschriften  Romanehae,  Rumnehae  oder  Rummehae 
genannt  werden.  Der  Fundort  von  Altären  dieser  Mütter,  von  wel- 
chen man  den  Ortsnamen  nicht  mehr  nachzuweisen  vermag,  ist  die 
Umgegend  von  Jülich  <)  und  Bürgel  (Burungum)  bei  Worringen  am 
Niederrhein  *). 

Z.  3  liest  Wilmans  G  *  A  *  S  und  hält  diess  für  einen  abgekürz- 
ten NameUi  wie  G.  A(urelius)  S(ecundus),  Wir  können  dieser,  der 
Analogie  entbehrenden  Annahme  nicht  beipflichten,  sondern  glauben 
in  den  theilweise  zerstörten  Resten  des  Namens  einen  GLACSicus,  der 
sich  auf  einem  Brohler  Herculesstein  (Bramb.  657)  findet,  oder  einen 
GAtSius  zu  finden,  ein  Namen,  welchen  eine  Grabinschrift  aus  Jülich 
trägt  ')i  zumal  da  die  Punkte  hinter  G  und  A  nicht  feststehen. 

4. 

Links  abgebrochenes  Fragment  einer  Matroneninschrift,  von  wel- 
cher nur  die  3  Schlusszeilen  theilweise  erhalten  sind. 

.  .  LVII  ....  SET 
A  C  A  T  A  •  EX 
z  M  P  I   .   .  . 

Die  von  Wilmans  vorgeschlagene  Ergänzung  des  Namens  Z.  1 
durch  Silvinius  ist  wahrscheinlich,  die  der  letzten  Z.  unzweifelhaft. 

Schliesslich  ist  noch  zu  erwähnen,  dass  sich  unter  den  Frag- 
menten im  Treppengewölbe  des  von  Droste'schen  Gartens  noch  ein 
sehr  gut  erhaltener  römischer  Mühlstein  aus  Niedermendiger 
Lava  vorfand,  welcher  gleichfalls  in  die  Alterthumssammlung  des  Ver- 
eins (im  Amdthause)  gelangt  ist. 

Bonn.  J.  Freudenberg. 


>)  Lench  im  Central-Mus.  rhein.  I.  I,  8.  29.  B.  Jahrbb.  XXY,  92. 
>)  B.  Jahrbb.  XXIH,  151.  XXXI,  92. 
*)  Bonn.  Jahrbb.  XXY,  8.  140  N.  4. 


»ü« 


V 


'<' 


r«t-'-: 


7.  Alterthum8for8Chung  am  Oberrhein. 

I. 

Als  mich  im  Jahre  1867  ein  Aasflug  in's  Elsass  nach  Zabern 
führte,  war  ich  angenehm  überrascht,  daselbst  ein  leicht  zugängliches 
städtisches  Museum  zu  finden,  welches  die  Alterthümer  von  Stadt  und 
Umgegend  beherbergt.  Zabern,  in.  Deutschland  mehr  unter  seinem 
französischen  Namen  Saverne  bekannt,  ist  reich  an  Deberresten 
aus  der  gallisch-römischen  Zeit.  Freilich  findet  sich  nicht  alles  mehr 
an  Ort  und  SteUe,  da  auswärtige  Alterthümler  die  Gegenstände  ent- 
führten, welche  nicht  zufällig  in  festen  Händen  waren.  Erst  durch  die 
im  Jahre  1858  erfolgte  Gründung  des  stadtischen  Museums  ist  diesem, 
fast  in  allen  rheinischen  Städten  üblichen  Unwesen  der  Zerstreuung 
vaterländischer  Alterthümer  ein  Ziel  gesetzt.  Es  ist  das  ein  Werk 
des  Zabemer  Gemeinderathes,  gefördert  durch  die  thätige  und  an-  ^ 
regende  Hilfe  des  jetzigen  Bürgermeisters  Dagobert  Fischer,  des 
Herrn  Emil  Audi  guier  und  des  französischen  Colonel  de  Morlet, 
eines  rührigen  und  kundigen  Freundes  elsässischer  Alterthümer. 

Das  Museum  befindet  sich  in  einer  alten  Kapelle,  die  ehemals 
zum  bischöflichen  Schlosse  gehörte  und  dem  Erzengel  Michael  geweiht 
war.  Sie  stammt  aus  dem  15.  Jahrhundert,  ruht  aber  auf  einem  äl- 
teren, romanischen  Unterbau.  Ihrer  Bestimmung  wurde  sie  durch  die 
französische  Revolution  entzogen.  Die  Steindenkmale,  welche  in  ihrem 
Innern  keinen  Raum  fanden,  sind  auf  einem  Vorplatz,  welcher  bis 
1777  als  Kirchhof  diente,  aufgestellt. 

Die  vor  Gründung  des  Museums  gefundenen  und  zerstreuten 
Reste  der  gallisch-römischen  Zeit  waren  zum  Theil  in  Strassburg, 
Golmar  und  Nancy  untergebracht,  sie  sind  wohl,  bis  auf  die  Strass- 
burger,  noch  daselbst  zu  finden.    Die  rührige  Gesellschaft  für  Erhal- 


AlterthaUBforschnng  am  Oberrhein.  189 

tung  der  historischen  Denkmale  im  Elsass  (Soci^t^  pour  la  cönser- 
vation  des  monuments  historiques  d'Alsace)  hatte  ihre  Aufmerksamkeit 
den  Zabemer  Antiquitäten  zugewendet  und  beabsichtigt,  das  Inventar 
des  erwähnten  Museums  in  ihrem  Bulletin  abdrucken  zu  lassen.  Leider 
ist  es  nicht  dazu  gekommen,  da  der  Krieg  die  Thätigkeit  der  Gesell- 
schaft unterbrach ;  und  die  jetzigen  Zustände  im  Elsass  lassen  an  ein 
einmüthiges  Zusammenwirken  selbst  auf  dem  neutralen  Gebiete  der 
römischen  Alterthümer  in  nächster  Zeit  nicht  hoffen.  Um  so  anerken- 
nenswerther  ist  es,  dass  der  Zabemer  Gemeinderath  und  insbesondere 
Herr  Dagobert  Fischer  im  verflossenen  Jahre  einen  Katalog  des 
Museums  selbstständig  veröffentlicht  haben,  welcher  eine  Fülle  inter- 
essanter Nachrichten  bietet  0- 

Bei  meinem  Besuche  des  Museums  war  ich  natürlich  vor  allem 
gespannt,  zu  erfahren,  wie  es  mit  der  Echtheit  der  durch  den  ver- 
storbenen Strassburger  Bibliothekar  Jun^  in  Verdacht  gezogenen  In- 
schriften stehe.  Da  ich  vor  Herausgabe  der  Rheinischen  Inschriften 
nicht  in  der  Lage  gewesen  war,,  nach  Zabem  zu  reisen,  so  hatte  ich 
die  von  Jung  gelieferten  Nachrichten  ohne  eingreifende  Untersuchung 
mittheilen  müssen  % 

Die  mir  bekannten  Legenden  der  Steine  boten  kein  Anzeichen 
von  Fälschung,  mit  einziger  Ausnahme  des  Votivsteines  n.  1868.  Ich 
begnügte  mich  daher,  auf  Jung  gestützt,  die  von  diesem  bezeichneten 
beiden  Steine  unter  die  Fälschungen  (n.  87.  88.)  zu  verweisen,  die 
übrigen  jedoch  unt6r  den  echten  zu  belassen  und  ihr  verdächtiges 
Herkommen  kurz  anzugeben.  Das  Resultat,  welches  ich  durch  Autopsie 
gewann,  war  unerwartet.  Zwar  der  von  mir  aus  inneren  Gründen  als 
besonders  verdächtig  bezeichnete  Stein  (n.  4868  p.  368  n.  88)  zeigte 
auch  äusserlich  unantike  Spuren;  dagegen  sämmtliche  übrigen  Denk- 
male, auch  die  beiden  von  Jung  und  mir  unter  die  Fälschungen  ver- 
wiesenen, konnten  ihrer  äusserlichen  Beschaffenheit  nach  nicht  als 
Fälschungen  erkannt  werden.  Ich  nehme  also  mein  Urtheil,  soweit  ich 
es  von  Jung  angenommen  und  weiter  verbreitet  habe,  zurück. 

Zunächst  ist  es  mir  eine  angenehme  Pflicht,  die  beiden  bis  jetzt 
als  Fälschungen  verurtheilten  Inschriften  in  ihr  Recht  einzusetzen. 
Die  eine  (87)  ist  gebrochen: 


^)  Masee  de  Saverne.    Catalogae  et  desoription  des  objects  d*art  de  Tan- 
tiqnite,  du  moyen-äge  et  de  la  renaissanoe  exposes  au  musöe.  Saverne  1872. 
')  Corpus  Inscriptionum  BhenaDamm  p.  868,'  vgl.  p.  837  u.  1868—1873. 


190 


AltarthamtforsGhiing  «n  Oberrhein. 


/ETcINTVS 
MVS      PILI 

P  c      • 


Im  Vergleich  zu  dieser  Lesart  0  war  allerdings  die  bisher  be- 
kannte verdächtig.  Die  Zeilen  waren  vom  Abschreiber,  wie  es  scheint» 
verwirrt  worden,  und  dadurch  hatte  der  erste  Name  eine  ungehörige 
Form  erhalten.  Der  Inhalt  der  Inschrift  ist  einfach  und  klar,  obgleich 
ein  grosser  Theil  fehlt.  Kinder,  wahrscheinlich  Tochter  und  Sohn, 
lassen  dem  verstorbenen  Vater  oder  den  Eltern  zusammen  ein  Grab- 
mal setzen.  Wenn  der  dritte  Buchstabe  ein  E  und  der  fünfte  ein  0 
war,  so  hiess  der  verstorbene  Vater  vielleicht  LAETVS.  Das  Fehlen 
eines  Vor-  und  Geschlechtsnamens  würde  darauf  hinweisen,  dass  er 
ein  Gallier  war,  der,  wie  oft  geschah,  einen  römischen  Namen  ange- 
nommen hatte  und  sich  durch  Zusetzen  des  Vaternamens  legitimirte. 
Wahrscheinlicher  aber  ist  hinter  dem  Buchstaben  L  ein  Punctum,  wie 
auch  sonst  in  der  Inschrift,  weggelassen,  und  der  Verstorbene  hiess 
Lucius  A  .  t .. .  Die  frühere  Abschrift  lautete  LATIO,  wonach  ich 
Lucius  ATTOnius  vermuthen  möchte*).  Dass  unter  den  Widmenden, 
welche  collectiv  als  FILI,  das  heisst  filli,  bezeichnet  werden,  eine 
Tochter  ist,  scheint  aus  der  weiblichen  Wortendung  . .  •  VSSA  her- 
vorzugehen.   Der  letzte  Name  findet  sich  auch  sonst  auf  rheinischen 


')  Ich  habe  die  ToHkommen  lesbaren  gebrochenen  Buchstaben  durch  ganze 
Typen  ersetzt. 

*)  Aehnlich  ist  die  fehlerhafte  Lesung  des  Töpfemamens   auf  der  schönen 
Yase,  die  de  Morlet  im  BuUetin   de  la  soci6t6   pour  la  consenration  des  monu-^ 
ments  hittoriques  1868  hat  abbilden  lassen :  SATIO  FECIT,  wahrend  der  Name 
SATTO  lautete.    £in  Attonius   erscheint  auf  einer  im  Jahre  1872  zu  Alzei  ge- 
fundenen Weihinschrifty  deren  Kenntniss  ich  Herrn  G.  Schwabe  Terdanko*^ 

DEA  •  SVL 

ATTONIS 
L  V  C  A  N  I 


^^:.. 


AlieHhamsfonohimg  am  Oberrbeiii. 


191 


Denkmalen:  dNTVS  ist  die  bäuerische  Form  des  Namens  Quintus, 
und  MVS  weist  anf  Musicus  oder  Mussicus  hin.  Ein  Gintns 
Massic.  findet  sich  sogar  auf  einer  Inschrift  aus  Murrhardt  in  Wflr- 
temberg. 

Der  zweite  Stein  (88)  ist  von  solcher  Beschaffenheit,  dass  sich 
die  Echtheit  der  eingemeisselten  Buchstaben  nicht  bestreiten  lässt. 
Ich  habe  gelesen: 

D        M 
B  II  LLA 
5ALLOM 

R  I  K  I  K 

Die  Form  der  Buchstaben  ist  nicht  nur  antik,  sondern  auch  so 
geartet,  dass  sie  von  einem  modernen  Epigraphiker  schwerlich  wäre 
angewendet  worden.  Die  vier  L  der  zweiten  und  dritten  Zeile  haben 
ihre  Schenkel  in  stumpfem  Winkel  gekreuzt  Die  vierte  Zeile  enthält 
das  ebenfalls  unverdächtige  L  mit  dem  in  der  Mitte  des  Verticälstri- 
ches  angesetzten  rechten  Schenkel.  Die  Inschrift  ist  im  Katalog  durch 
die  Worte  charakterisirt:  ä  peu  prte  illisible,  moins  pour  un 
^pigraphiste  qui  ne  peut  s'aider  d'aucune  autre  connaissance  que  de 
oelle  des  divers  alphabets  grecs  et  latins.  Wenn  ich  mich  aber  nicht 
täusche,  so  ist  der  Inhalt  folgender:  Dis  Manibus  Bella  Dal- 
lom(i)ri   fil(ia). 

Zu  meiner  Veröffentlichung  der  übrigen  Inschriften  aus  Zabern, 
in  so  fem  ich  fremden  Lesungen  gefolgt  bin,  habe  ich  Weniges  zu 
bemerken,  da  die  früheren  Herausgeber,  namentlich  Schöpflin  und  de 
Horlet,  auf  richtige  Gopieen  schon  grossen  Werth  gelegt  haben.  Die 
Legende  des  Steines  im  Corpus  Inscript.  Rhen.  N.  1867  steht  fest; 
die  Schriftzttge  sind  deutlich,  ET  (3)  und  VN  (4)  sind  ligirt.  N.  1869 
ist  erheblicher  beschädigt,  als  es  nach  meinem  Drucke  den  Anschein  hat: 


3  O 

Nlll 


SIINV 
A  VS 


Der  Name  des  Verstorbenen  lautete  wohl  Codosenus.  N.  1870 
liess  sich  mehr  entziffern: 


192 


Alterthnmsfoncbang  am  Oberrhein, 


0 


M 


i 


t, 


6 


1^ 

^9 


rif. 


C  A  RAT  I 
CAITIFIII 


Dis  Manibus  Carati  Caiti  fi(Ii) ;  demgemäss  hiess  der  Sohn  Ca- 
ratus,  der  Vater  Caitas,  und  sie  Mraren  offenbar  Einheimische. 

Zu  dem  Steine  N.  1871  habe  ich  noch  ein  Bruchstück  gefunden, 
welches  die  rechte  obere  Ecke  bildete. 


0 
LAETTM/ 
MO  N  I M  h 


Dis  Manibus  Laeti  Ma  . . .  ai  (oder  ae)  filii  monimentum  ^). 

Die  beiden  übrigen  Inschriften  N.  1872.  1873,  welche  ich  nach 
de  Morlets  Zeichnung  habe  drucken  lassen,  sind  so  oberflächlich  ein- 
geritzt, dass  ich  bis  jetzt  zu  einer  Deutung  oder  besseren  Lesung 
nicht  gekommen  bin.  Dagegen  eine  neue  Inschrift  fand  ich  vor,  von 
welcher  inzwischen  der  Ratalog  Nachricht  gegeben  hat  (p.  19):  Ge 
petit  monument  a  k\k  d^couvert  dans  la  for£t  de  Greifenstein,  canton 
Schlosserhoehe.    - 


i  H  0  D 

i    0    Mll 
\REM 

MIHI 


Die  Höhe  wird  im  Katalog  auf  0,41,  die  Breite  auf  0,42,  die 
Dicke  auf  0,27  Meter  angegeben,  die  Lesart  lautet  daselbst  I  H  D  || 
D  D  N  II  R  E  M.  Ausser  der  ersten  Zeile  In  Honorem  Domus  Divinae 
sind  die  Schriftzüge  nicht  zuverlässig  zu  deuten.  Man  könnte  an  die 
Idaea  denken,  wenn  nicht  Abkürzungen  (luppiter  Dolichenus  oder 
andere)  vorliegen.  Auch  die  letzten  Buchstaben  gestatten  verschiedene 
C5onjecturen. 


^)  Die  häufige  Form  monimentum  iat  hier  wohl  eher  anzunehmen,   alt  ein 
Eigenname  (C.  I.  Bh.  p.  377). 


•r-  * 


Alierthumsfonobung  am  Oberrhein.  198 

Endlich  ist  im  Katalog  p.  17  noch  eine  Inschrift  mitgetheilt, 
velche  im  Jahre  1868  gefunden  wurde: 

D       M 
MAGIORICI 
NATALIS    FILIO 

Cette  pierre  formait  la  paroi  d'une  tombe  franque,  trouv^e  en 
1868  dans  un  cimeti^re  franc  situ£  dans  la  banlieue  de  Durstel,  au 
lieu  dit  Lupbei^'.  Ein  Magiorix  aus  Zabern  war  schon  durch  den 
Weihestein  C.  I.  Rh.  1867  bekannt. 

Wenn  ieh  erklären  soll,  wie  Jung  dazu  kam,  die  Zabemer  In- 
schriften theilweise  für  Fälschungen  zu  halten,  so  möchte  ich  die  Ver- 
muthung  äussern,  dass  ihm  eine  Nachricht  über  Veränderung,  Ent- 
stellung oder  Zusätze  an  der  allerdings  verdächtigen  Inschrift  C.  I. 
Rh.  1868  zugekommen  ist,  und  dass  er  diese  Weihinschrift  mit  echten 
Denksteinen  verwechselt  hat  Vielleicht  war  auch  die  ihm  zugekom- 
mene Nachricht  so  unbestimmt,  dass  er  über  den  wirklichen  Befund 
der  Fälschung  irre  geleitet  wurde. 

Wie  die  Zabemer,  so  haben  auch  andere  Gemeinden,  z.  B.  Strasa- 
bürg,  Golmar,  anerkennenswerth  für  die  Denkmale  der  Vorzeit  gesorgt. 
Vergleichen  wir  damit  was  von  städtischen  Gemeinden  auf  der  rechten 
Rheinseite  geschehen  ist,  so  wird  das  Urtheil  nicht  überall  günstig 
ausfallen. 

Die  Städte  des  Grossherzogthums  Baden  wären,  so  weit  meine 
Erfahrung  reicht,  in  der  Lage,  etwas  mehr  für  die  Kunde  ihrer  Vor- 
zeit zu  thun,  als  heutzutage  wirklich  geschieht.  An  Mitteln  und  An- 
regung hat  es  nicht  gefehlt^  wie  die  lange  Reihe  von  antiquarisch- 
historischen Arbeiten  und  Unternehmungen  zeigt,  die  seit  mehreren 
Jahrhunderten  in  den  jetzt  Badischen  Landen  aufgetaucht  sind. 

Der  Sinn  für  die  Erforschung  der  römischen  Epoche  erwachte 
hier  schon  während  der  Blüthezeit  des  deutschen  Humanismus.  Wie 
man  in  Köln,  Mainz,  Augsburg,  Basel  die  Ueberreste  der  römischen 
Cultur  zu  schätzen  begann,  so  bekundete  sich  auch  im  badischen 
Rheinthal  seit  dem  Schlüsse  des  fünfzehnten  Jahrhunderts  das  Be- 
streben, alte  Denkmale  zu  erklären  und  zu  erhalten.  Einen  merkwür- 
dige Beweis  dafiir  liefert  die  Geschichte  des  Ettlinger  Neptun, 
eines  zu  Ehren  des  kaiserlichen  Hauses  im  zweiten  oder  dritten  Jahr- 
hundert n.  Chr.  gesetzten  Bildsteines,  welcher  den  Wassergott  in  Be- 

13 


L 


194  AlierthnmsforschttDg  am  Oberrhein. 

gleitung  eines  Seethiers  darstellt  and  in  der  beigeffigten  Inschrift  von 
dem  Stifter  des  Denkmals  Nachricht  gibt.  Im  Jahre  1480  warde  dieser 
Neptun  von  der  ausgetretenen  Alb  an  das  Ufer  geworfen,  von  den 
Ettlingen!  aufgestellt,  aber  zu  ihrem  Leidwesen  1513  durch  den  Kaiser 
Maximilian  I.  auf  das  linke  Rheinufer  versetzt.  Nachdem  der  Stein 
mehrere  Jahre  im  Exil  zugebracht,  wurde  er  auf  kurze  Zeit  zurück- 
gegeben, dann  nach  München  verschleppt,  bis  es  endlich  der  Stadt 
Ettlingen  gelang,  sich  dauernd  seinen  Besitz  zu  sichern.  Sie  liess  ihn 
an  einem  ehrenvollen  Platze  dicht  bei  der  steinernen  Albbrücke  ein- 
mauern und  daneben  eine  lange  stattliche  Inschrift  anbringen,  in  wel- 
cher die  Schicksale  ihres  Neptun  erzählt  sind. 

Im  sechszehnten  Jahrhundert  sind  drei  historisch  wichtige  Mei- 
lensteine der  römisch-badischen  Gemeinde  bereits  durch  den  Pforz- 
heimer Schulrector  Beyer  und  den  Speierischen  Geistlichen  Beiel  be- 
schrieben. Im  Laufe  des  folgenden  Jahrhunderts  finden  antike  Monu- 
mente eine  Stätte  im  Durlacher  Schlossgarten  und  an  Markgraf  Frie- 
drich VI.  einen  kundigen  Beschützer.  Derselbe  lässt  sich  von  dem 
Polyhistor  Charles  Patin  über  die  Alterthümer  und  Urgeschichte  des 
Rheinthaies  Bericht  erstatten^  und  bediente  sich  dessen  gelehrter 
Beihülfe  bei  Anordnung  einer  Münzsammlung. 

Wenige  Jährzehnte  später  begann  die  Blüthezeit  der  Alterthums* 
forschung  am  Oberrhein.  Sie  knüpft  sich  an  die  Namen  zweier  Män- 
ner, von  denen  der  eine,  geborener  fireisgauer,  im  Elsass  unter  fran- 
zösischer Herrschaft  ein  seltenes  Ansehen  erlangte,  der  andere,  gebore- 
ner Elsässer,  in  churpfälzischem  Dienste  zu  Mannheim  erfolgreich 
wirkte.  Der  erste  ist  Joh.  Daniel  Schöpflin  (1694—1771),  dessen 
Arbeiten  über  badische  Geschichte  bekannt  sind,  und  dessen  Pracht- 
werk  Alsatia  illustrata  auch  rechtsrheinische  Alterthümer  eingehend 
behandelt  Andreas  Lamey  (1726—1802)  trat  in  seine  Fusstapfen. 
Als  Secretär  der  churpfälzischen  Akademie  der  Wissenschaften  zu 
Mannheim  übte  er  einen  hervorragenden  Einfluss  auf  die  Veröifent- 
lichungen  dieser  gelehrten  Gesellschaft  und  sorgte  in  gleicher  Weise 
für  die  Erforschung  der  deutschen,  wie  der  römischen  Cidtur  am 
Oberrhein.  In  dieselbe  Zeit  fallen  die  Schriften  und  Forschungsreisen 
des  berühmten  Abtes  Martin  Gerbert  zu  Sanct  Blasien,  welche 
ebenfalls  der  Alterthumskunde  reiches  Material  zuführten. 


»)  Corpus  I.  Rh.  1678. 

')  Quatre   relations   historiqnes  par  Charles  Patin,   medecin  de  Paris. 
Basel  1673  p.  219. 


Alierthumsforsohang  am  Oberrhein,  105 

Im  neunzehnten  Jahrhundert  begannen  die  culturgeschichtlichen 
Studien  am  Oberrhein  mehr  in  die  Breite,  als  in  die  Tiefe  zu  gehen. 
Die  von  Schöpf! in  und  Lamey  angebahnte  ruhige  und  besonnene 
Erschliessung  der  alten  Gulturzustände  durch  genaue  Interpretation 
der  erhaltenen  schriftlichen  und  monumentalen  Quellen  wurde  getrübt 
durch  das  Bestreben,  vorgefasste  Meinungen  über  die  Sprache  und 
Abstammung  der  alten  Rheinthalbevölkerung  schablonenartig  durch- 
zuführen. Namentlich  war  es  die  keltische  Sprache,  die  in  unglaub- 
licher Weise  zur  Erklärung  der  Ortsnamen  und  zur  Herstellung  eines 
in  allen  Theilen  unsicheren  Bildes  von  der  Urgeschichte  der  oberen 
Rheinlande  herbeigezogen  wurde. 

Ging  auf  diese  Weise  die  Methode  der  Geschichtsforschung  in 
Bezug  auf  das  Alterthum  in  unserem  Lande  rückwärts,  so  erkaltete 
doch  nicht  die  Vorsorge  für  die  antiken  Denkmale. 

Carl  Friedrich  folgte  dem  Beispiele  seiner  Vorgänger;  er 
schützte  und  erweiterte  die  Sammlung  von  Monumenten,  die  sich  zu 
Baden  gebildet  hatte  und  liess  1803  nach  Weinbrenners  Plan 
einen  Tempel  in  altdorischer  Ordnung  für  dieselbe  erbauen.  Es  sollten 
hier  nicht  nur  die  in  Baden  gefundenen,  sondern  auch  Alterthümer 
aus  den  benachbarten  Ländern  aufbewahrt  werden  ^), 

Angeregt  und  unterstützt  duröh  die  vorhandenen  Sammlungen 
und  Funde  leisteten  Männer,  wieC.  L.  Wielandt  (1811),  Leichtlen 
(1818  ff.)  Anerkennenswerthes  in  der  Erforschung  der  badischen  Ur- 
geschichte. Während  Mone  sich  in  seinen  keltischen  Studien  verirrte, 
führte  das  mehrseitig  erwachte  Interesse  an  Ausgrabungen  und  Samm- 
lungen zur  Bildung  von  Alterthums vereinen.  Der  Pfarrer  Wilhelm  i 
zu  Sinsheim  rief  eine  Gesellschaft  zur  Erforschung  der  Sinsheimer 
Todtenhügel  ins  Leben.  Aehnlich  bildeten  sich  Alterthums-  oder  Ge- 
schichtsvereine zu  Donaueschingen,  Freiburg  und  anderwät*ts,  deren 
Existenz  allerdings  eine  schwankende  war  und  ist.  Es  waren  gewöhn- 
lich nur  wenige  Personen,  welche  ihre  Umgebung  zur  Association  an- 
regten, und  über  ihren  persönlichen  Einfluss  hinaus  pflegte  die  Ge- 
sellschaft sich  nicht  als  that-  und  lebenskräftig  zu  erweisen.    Solche 


^)  So  besagte  die  Inschrift  des  Tempels:  Monumenta  haec  qualiacunque 
Romanae  dominationis  caltusve  Deo  Mercurio  habiti  passim  in  terris  Badensi- 
boa  yicinisque  regionibas  deteota  in  memoriam  gentis  quondam  late  per  orbem 
terraram  imperantis  conqairi  et  in  hoc  museo  conlocari  iussit  Carolus  Fride- 
ricui  S.  R.  I.  Elector,  ,anno  MDCCCIV. 


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196  Alterthumsfonohang  am  Oberrbein. 

Männer  sind  oder  waren  namentlich  Heinrich  Schreiber  in  Frei- 
burg, Fickler  in  Donaueschingen,  später  in  Mannheim,  Rappen- 
egg er  und  A.  V.  Bayer.  Der  Letztere  fahrte  1843  die  Gründung 
eines  badischen  Alterthumsvereins  herbei,  wodurch  *die  Centralisirung 
der  Arbeiten  und  Interessen  ermöglicht  war.  Leider  scheiterte  diese 
Schöpfung,  sei  es  dass  sich  Sonderinteressen  zu  lebhaft  geltend  mach- 
ten, sei  es  dass  hier,  wie  anderwärts  im  Rheinlande,  der  anfängliche 
Eifer  erkaltete.  In  der  neuesten  Zeit  steht  es  um  die  Veröffentlichung 
vaterländischer  Alterthümer  in  Baden  sehr  ungünstig.  Im  Lande  gibt 
es  drei,  zeitweise  mehr  historische  Inschriften,  durch  deren  Vereinigung 
ein  ebenso  achtunggebietendes  Organ  hergestellt  werden  könnte,  wie 
durch  die  Zersplitterung  jetzt  vieles  zerfahren  und  unfertig  erscheinen 
muss.  Leider  liegen  zwingende  Gründe  vor,  welche  die  Vereinbarung 
unthunlich  machen. 
f^  In  ähnlich  ungünstiger  Lage   sind  die  Sammlungen  und  Museen, 

nur  dass  hier  die  Centralisirung  nicht  empfehlenswerth  ist.  Wer  Al- 
terthümer aus  Liebhaberei  sammelt,  dem  mag  es  gestattet  sein,  nach 
Gutdünken  allerwärts  Werthvolles  und  Merkwürdiges  zu  suchen.  Oef- 
fentllche  Museen  vaterländischer  Alterthümer  sollten  anders  gebildet 
werden.  Man  hört  zwar  oft  Lobsprüche  zu  Gunsten  sogenannter  Gen* 
tralmuseen,  in  welchen  die  transportablen  Monumente  eines  Landes 
vereinigt  werden  sollten.  Es  ist  immerhin  zu  berücksichtigen,  dass 
ausländischen  Gelehrten  durch  ein  Centralmuseum  eine  grosse  Er- 
leichterung geboten  wird,  indem  ihnen  manche  Reise  erspart  bleibt. 
Aber  gerade  dieser  letzte  Umstand  hat  seine  ungünstige  Kehrseite. 
Die  Localforscher  nämlich,  welche  nicht  gerade  am  Orte  des  Central- 
museums  wohnen,  werden  gezwungen  sein,  Reisen  zumachen,  um  die 
Denkmale  ihrer  engeren  Heimath  in  der  oft  weit  entlegenen  Landes- 
sammlung aufzusuchen.  Dies  ist  besonders  unangenehm,  wenn  der 
Gründer  oder  Leiter  des  Museums  seinen  Sammlungseifer  in  Land- 
schaften verschiedenen  Charakters  bethätigt  und  alles  Werthvolle 
ohne  Rücksicht  auf  Particular-Bedüiinisse  an  einer  Stelle  zu  vereini- 
gen strebt.  So  ist  es  entschieden  tadelnswerth,  dass  Kunstgegenstände 
des  Alterthums,  die  in  den  Rheinlanden  gefunden  wurden,  nach  Berlin, 
München  und  anderwärts  verbracht  worden  sind.  Aber  auch  in  den 
Rheinlanden  selbst  verfährt  man  keineswegs  zweckentsprechend,  wenn 
man  Gegenstände  des  Alterthums  von  Wiesbaden,  Mainz  nach  Bonn 
verbringt  und  umgekehrt.  Ein  niederrheinischer  Gelehrter,  welcher 
^     ^  sich  mit  vaterländischer  Mythologie  oder  Inschriftenkunde  beschäftigt, 


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Alterihamsforschung  am  Oberrhein.  197 

cmpiimlet  es  höchst  unangenehm,  dass  Carl  Theodor  Matronen- 
steine  und  andere  Denkmale  ^  ^om  Niederrhein  nach  Mannheim 
versetzt  hat,  wo  sie  ihres  localen  Interesses  beraubt  unter  den  fremd- 
artigsten Monumenten  aufgestellt  sind.  Der  Localforscher  sieht  sich 
gezwungen,  aus  dem  Jülich-Clevischen  Lande  eine  weite  Reise  in  die 
Rbeinpfalz  zu  seinen  heimischen  Denksteinen  zu  machen. 

Nicht  viel  besser  wäre  die  Lage  eines  Forschers  am  Bodensee 
oder  im  Tauberthal,  wenn  ihm  die  für  Localgeschichte  wichtigen  An- 
tiquitäten in  ein  Gentralmuseum  nach  Garlsruhe  entführt  werden  soll- 
ten. Nun  liegt  freilich  eine  solche  Gefahr  wohl  nicht  vor,  da  ein  guter 
Theil  der  Alterthumsreste  in  städtischem  oder  Privatbesitz  sich  be- 
findet. Aber  nicht  in  allen  Städten  bekundet  sich  ein  solcher  Sinn  für 
die  Denkmale  der  Vorzeit,  wie  in  dem  oben  erwähnten  eisässischen 
Städtchen  Zabern,  obgleich  den  reichen,  rasch  aufblühenden  badischen 
Gemeinden  Gelegenheit  genug  geboten  ist,  ihre  Achtung  vor  den  Wer- 
ken der  Vorzeit  zu  bethätigen. 

In  erster  Linie  ist  die  Erforschung  und  Bewahrung  der  heimath- 
lichen  Denkmale  ohne  Zweifel  Sache  patriotischer  Bürger,  und  so 
fassten  von  jeher  einsichtige  Männer  ihre  Aufgabe,  z.  B.  in  Constanz, 
Basel,  Freiburg,  Strasaburg,  bis  rheinabwärts  nach  Mainz,  Köln,  Nym- 
wegen.  Die  Staatshilfe  sollte  erst  dann  angerufen  werden,  wenn  Pri- 
vatmittel zu  grösseren  Unternehmungen  nicht  ausreichen,  zumal  wenn 
es  gilt,  die  werthvollsten  Kunstgegenstände  vor  Verkauf  an  das  reiche 
Ausland  zn  schützen. 

Die  Stadt  F  r  e  i  b  u r  g  hat  jetzt  die  kostbare  Sammlung  H.  S  c  h  r  e  i- 
bers  durch  Vermächtniss  erhalten.  Es  ist  zu  erwarten,  dass  nun 
durch  Zusammenwirken  der  Gemeinde,  der  Universität,  des  anthropo- 
logischen und  historischen  Vereins  eine  schöne  Alterthumssammlung 
in  der  Hauptstadt  des  Breisgaues  entstehe.  Ebenso  besitzt  Constanz 
Alterthümer,  die  sich  durch  Fundstücke  der  Bodenseeufer  bereichern 
lassen,  Donau  esc  hin  gen  hat  die  werthvollen  Sammlungen  des  Für- 
sten von  Fflrstenberg,  endlich  befinden  sich  auch  in  Mannheim  und 
Heidelberg  Museen.  Wenn  diese  alle  zweckentsprechend  gepflegt, 
namentlich  wenn  die  transportablen  und  der  Aufbewahrung  würdigen 
Alterthumsgegenstände  der  einzelnen  Landschaften  in  den  zugehörigen 
Städten  ein  schützendes  Unterkommen  finden,  so  ist  für  die  Kenntniss 
unserer  Vorzeit  reichlich  gesorgt.  Es  ist  dies  um  so  eher  möglich,  als 


>)  Z.  B.  C.  I.  Rh.  608—616.  697.  600.  265.  294. 


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198  AlterthttmsforschuDg  am  Oberrheio. 

in  8ämmtlichen  genannten  Städten,  wie  auch  in  Wertheim  und 
Tauberbischofsheim  höhere  Schulen  sind,  an  denen  geschichts- 
kundige  Männer  wirken. 

Für  die  grösste  und  bedeutendste  Sammlung  des  Landes  scheint 
nun  auch  eine  bessere  Zeit  zu  kommen.  In  den  Jahren  1854  bis  1858 
wurde  unter  den  Auspicien  des  regierenden  Orossherzogs  von  Baden 
durch  den  Herrn  A.  v.  Bayer,  Gonservator  der  vaterländischen  Al- 
terthümer,  ein  stattliches  Museum  zu  Carlsruhe  organisirt,  welches 
die  im  Durlacher  Schlossgarten  und  die  zu  Baden,  anfengs  in  dem  er- 
wähnten Tempel,  seit  1846  in  der  alten  Trinkhalle  aufgestellten  Mo- 
numente vereinigte.  Leider  mussten  die  Alterthttmer  schon  nach  we- 
nigen Jahren  ihren  Au&tellungsraum  veflassen,  und  sie  wurden  noth- 
dürftig  an  verschiedenen  Stellen  untergebracht.  Im  laufenden  Jahre 
endlich  wird  ein  grosses  Gebäude  fertig,  in  welchem  die  Schätze  der 
Carter uher  Sammlung  eine  würdige  Aufsstellung  finden  sollen.  Mit  den 
Fortschritten  der  neuen  Aufteilung  soll  auch  mein  Bericht  seine  Fort- 
setzung erhalten. 

Carlsruhe  im  Mai  1873. 

W.  Brambach. 


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8.  Die  an  der  Oet-  und  Nordeeite  dee  Domee  zu  Köln  entdeckten 
Reste  römischer  und  mitteialterlicher  Bauten. 

Hierzu  Tafel  XV  und  XVI. 
I. 

Fnndberieht. 

Die  Anlage  einer  den  Dom  zu  Köln  an  der  Nord-  und  Ostseite 
umgebenden  Futtermauer  bedingte  die  Abtragung  eines  grossen  Theiles 
des  mit  einer  steinernen  Erdböschung  nach  Osten  zu  abdachenden 
Domhägels.  Diese  umfangreichen  Erdbewegungen  constatirten  zunächst 
die  Thatsache,  dass  der  sogenannte  Domhügel  eine  künstlich  geschaf- 
fene Terrainerhöhung  sei,  indem  in  wechselnden  Lagen  Bauschutt, 
Scherben,  Humusboden  und  Baureste  mittelalterlicher,  wie  römischer 
Bauanlagen  zu  Tage  gefördert  wurden.  Hiemach  und  nach  der  Höhen- 
lage der  aufgefundenen  umfassenden  Bauwerke  dürfte  es  als  gewiss 
anzunehmen  sein,  dass  die  Bebauung  desjenigen  Terrains,  welches 
heute  als  Domhügel  ca.  19 '  über  dem  Strassenterrain  sich  erhebt, 
zur  Römerzeit  im  natürlichen  Gefälle  der  Terrainabdachung  erfolgte. 
Der  Domhügel  selbst  ist  demnach  eine  Anhäufung  von  Steintrümmern 
und  Bauschutt,  herrührend  von  den  an  dieser  Stelle  zu  verschiedenen 
Zeiten  bis  zur  Gründung  der  jetzt  den  Domhügel  krönenden  Dom- 
kirche errichteten  Bauanlagen.  Bei  Aufgrabung  der  Fundamente  zur 
Treppenanlage  an  der  Ostseite  des  Domes  im  Jahre  1866  stiessen  die 
Arbeiter  in  einer  Tiefe  von  ca.  19 '  unter  der  Oberfläche  des  Dom- 
hfigels  oder  ca.  2 '  unter  dem  heutigen  Strassenpflaster  zunächst  auf 
grössere,  zerstreut  liegende  Tuffsteinquadern  und  Bruchstücke  römi- 
scher Hauptgesimse  aus  Jurakalk.  Bei  3'  Tiefe  unter  dem  Strassen- 
terrain wurde  demnächst  ein  gut  erhaltenes,  aus  Tuffsteinquadern  ge- 


200      ^   Reste  römiBcher  und  mitielalierlicher  Bautea  am  Dom  zu  Köln. 

fertigtes  und  mit  sorgfältig  geglättetem  rothen  Mörtelputz  bekleidetes 
Wasserbecken  (XV  d)  aufgedeckt.  Dasselbe  ist  achteckig  mit  beinahe 
halbkreisförmig  ausgerundeten  Begränzungsflächen  bei  6 '  6  "  4 '"  lich- 
ter Weite  und  2 '  1 "  9 '"  Tiefe,  bis  zur  ersten  umlaufenden  Treppen- 
stufe gemessen.  Der  höher  liegende  Bassinrand  von  1 '  6 ''  Mauerdicke 
war  zerstört  und  konnte  somit  die  Gesammttiefe  des  Wasserbeckens 
nicht  festgestellt  werden.  Im  Innern  des  Wasserbehälters  läuft  ein 
Mauerabsatz  von  1 '  Breite  an  allen  acht  Seiten  herum,  und  sind  zwei 
Stufen  an  der  Nord-  und  Südseite  von  je  1 '  1 "  6 '"  Höhe  vorgelegt, 
die  als  Treppenstufen  oder  Sitzstufen  gedient  haben  können,  je  nach- 
dem das  Wasserbecken  als  Qsteme  zum  Wasserschöpfen  oder  als 
Badevorrichtung  im  Gebrauch  war. 

Dieser  Fund  gab  Veranlassung,  nunmehr  eine  planmässige,  und 
über  das  Bedürfniss  zur  Fundamentirung  der  Domterrasse  hinaus- 
gehende Aufgrabung  des  Domhügels  zu  veranstalten,  und  wurde  zu 
diesem  Behufe  im  Laufe  des  Jahres  1866  eine  Fläche  von  120 'Länge 
und  ca.  30'  Breite  freigelegt  (Tafel  XV).  Das  Ergebniss  dieser  Nach- 
grabungen, welche  von  dem  Unterzeichneten  in  Gemeinschaft  mit  dem 
Herrn  Professor  Dr.  Düntzer  zu  Köln  geleitet  und  worüber  zur  Zeit 
in  der  Kölnischen  Zeitung  das  Wichtigste  veröffentlicht  wurde,  ist 
nachstehend  auf  Wunsch  des  Vorstandes  des  Vereins  von  Alterthums- 
freunden  zu  Bonn  unter  Beifügung  von  zwei  Situationsplänen  über- 
sichtlich zusammengestellt 


a.  Aelteste  römische   Bauperiode. 

Nach  Abtragung  der  östlichen  Abdachung  des  Domhügels  in  dem 
angedeuteten  Umfange  zeigte  sich  eine  ausgedehnte  Bauanlage,  be- 
stehend aus  scheinbar  planlos  sich  durchkreuzenden  Tuf&teinmauem, 
deren  Zugehörigkeit  zu  zwei  verschiedenen  Bauwerken  römischen 
Ursprungs  sich  bei  Aufräumung  des  Bauschuttes  herausstellte.  Zur 
grossem  Deutlichkeit  der  Ueberschrift  sind  die  in  der  Richtung 
0  P  auf  dem  Grundrisse  (Tafel  XV)  belegenen  Bautheile  der  älteren 
Anlage  dunkel,  die  später  hineingebauten  Mauertheile  hell  schraffirt. 
Die  aufgefundenen  Fundamentmauern  haben  eine  Dicke  von  3 '  6 ", 
während  das  aufgehende  Mauerwerk  der  Umfangswände  meist  2' 
stark  ist.  Spuren  eines  Fussbodens,  wie  auch  von  Mörtelbewurf  an 
den  Mauerresten  waren  nicht  sichtbar. 


Reste  römischer  und  miitelaltcrlicher  Bauten  am  Dom  zn  Köln.  201 

b.   Neuere  Römerbauten. 

In  die  ad  a  beschriebene  Ba^anlage  ist  nach  Abbruch  oder  Zer- 
störung der  früher  errichteten  Gebäude  ein  Neubau  hineingebaut,, 
dessen  Mauern  genau  parallel  mit  der  Achse  der  jetzigen  Domkirche 
liegen  und  die  in  dem  Grundrisse  Tafel  XV  mit  I.  IL  III.  IV.  V  be- 
zeichneten Räume  umfassen. 

Der  «Raum  I,  mit  einem  wohlerhaltenen  und  sorgfältig  geglätte- 
ten Estrich  aus  rothem  Ziegelmehlmörtel  versehen,  der  ca.  2 '  unter 
dem  jetzigen  Strassenpflaster  belegen  ist,  dürfte  als  der  Küchenraum 
des  römischen  Hauses  zu  bezeichnen  sein,  indem  sich  daselbst  eine 
grössere  Zahl  von  Topfscherben,  die  Theile  einer  Handmühle,  Holz- 
kohlen, sowie  zahlreiche  Knochenreste  von  Thieren  fanden,  die,  mit 
Fischgräten  und  einer  grossen  Menge  von  Austerschalen  gemischt, 
den  Küchenabfall  einer  römischen  Haushaltung  vor  Augen  führte. 
Namentlich  war  die  massenhafte  Anhäufung  von  Austerschalen,  von 
derselben  Form,  wie  die  englischen  Austern,  auffallend.  Die  in  dem 
Räume  I  aufgefundenen  vier  Säulenreste  m.  m.  m.  m.  sind  zufällig 
dort  gelagert  und  standen  in  einer  ca.  6  "  starken  Schicht  von  schwar- 
zem Brandschutt,  der  den  ganzen  Ziegelboden  bedeckte.  Bei  R  fand 
sich  derFuss  eines  Pilasters  mit  einem  Theile  des  cannelirten  Schaftes 
aus  Jurakalk  (Detail  XV  R)  noch  in  dem  ursprünglichen  Lager  stehend. 

Nachdem  die  Auf  räumung  des  Brandschuttes  in  dem  Räume  I  mit 
Sorgfalt  beendet  war,  kam  der  erwähnte  rothe  Ziegelestrich  meist  un- 
verletzt zum  Vorschein,  und  wurde  derselbe  nunmehr  an  mehreren 
Stellen  durchbrochen,  um  zu  untersuchen,  ob  Keller-  oder  Heizungs- 
anlagen darunter  befindlich  seien.  Hierbei  ergab  es  sich,  dass  diese 
Räume  nicht  unterkellert  waren  und  der  Estrich  sich  unmittelbar  auf 
einer  Lage  von  grossen  Steinen  ausbreitete,  die  als  Fundr  TZnt  dienten 
und  sich  bei  weiterem  Nachsuchen  als  absichtlich  zerschlagene,  zum 
Theü  mit  Ornamenten  bedeckte  Constructionstheile  eines  Gebäudes 
von  Jurakalk  ergaben.  Auffällig  und  als  Beweis  der  planmässigen  Zer- 
störung vorhandener  Kunstbauten  erschien  es,  dass  selbst  ein  Reiter- 
standbild, aus  Kalkstein  gehauen  (nach  den  wenigen  erhaltenen  Resten 
von  ca.  Va  natürlicher  Grösse),  behufs  Gewinnung  von  Fundament- 
steinen für  den  Neubau,  in  Stücke  geschlagen  wurde. 

Den  besterhaltenen  Theil  der  ganzen  Anlage  umfasst  der  Raum  II 
mit  dem  bereits  erwähnten  Wasserbassin  d.  Die  Umfassungsmauern 
aus  Tufbteinquadem  bei  einer  Dicke  von  ca.  4 '  durch  eine  Isolir- 


202  Reste  römisoher  und  mittelalterlicher  Bauten  am  Dom  zu  Köln. 

schiebt  von  6  "  Breite  in  ihrer  ganzen  Länge  getheilt,  umscbliessen 
eine  Brunnen-  oder  Badestabe  von  ca.  24 '  Breite. 

Bemerkenswerth  ist  es  hierbei,  dass  beinahe  an  gleicher  Stelle 
auch  in  dem  älteren  zerstörten  römischen  Gebäude  ein  Wasserbassin 
gestanden  hat,  wie  die  nnter  dem  Fussboden  aufgefundenen  Spuren 
eines  zweiten  achteckigen  Wasserreservoirs  andeuten,  zu  dem  die  noch 
erhaltenen  Stufen  e  führten.  Mithin  ist  anzunehmen,  dass  an  dieser 
Stelle  zu  den  verschiedensten  Zeiten  ein  Wasserausfluss  gewesen  ist, 
dessen  Zuleitungsrohr  leider  durch  die  späteren  mittelalterlichen  Bau- 
ten zerstört  wurde.  Aus  dem  Wasserbassin  der  älteren  Anlage  führte 
der  gemauerte  Kanal  a  von  8 ''  Weite  in  südöstlicher  Richtung,  so  wie 
aus  dem  erhaltenen  Wasserbecken  d  ein  höher  gelegener  und  mit 
Platten  gedeckter  Kanal  c  nach  Nordosten  das  gebrauchte  Wasser 
in  die  Abzugsgräben.  In  die  Umfassungswand  des  Wasserbeckens  d, 
dicht  am  Boden  eingelassen  und  in  den  Kanal  c  eingelegt,  befand 
sich  der  ca.  6 '  lange  Rest  eines  gut  erhaltenen  Bleirohres  von  2 " 
lichter  Weite.  Das  Rohr,  aus  Bleiplatten  zusammengelöthet,  zeigte  an 
seiner  Einmündung  in  das  Wasserbecken  keinerlei  Vorrichtung  zum 
Verschluss.  Als  einer  der  zu  dem  Kanal  c  verwendeten  Decksteine  wurde 
hier  ein  Weihestein,  dem  Genius  der  zu  Köln  wohnenden  Focarii  ge- 
*  widmet  (Jahrbücher  XLII.  83  flf.),  zu  Tage  gefördert.     Der  bei  XV  b 

gezeichnete,  aus  gewöhnlichen  Ziegelsteinen  neuerer  Form  construirte 
Kanal  steht  zu  der  römischen  Wasseranlage  ausser  Beziehung;  er 
scheint  zur  Ableitung  von  Wasser  aus  den  mittelalterlichen  Bauanlagen 
gedient  zu  haben.  Leider  sind  die  Umfassungswände  der  römischen 
Brunnen-  oder  Badestube  beinahe  bis  auf  den  Fussboden  abgebrochen 
und  zerstört,  so  dass  über  die  Verbindung  der  Wohnräume  unterein- 
ander nichts  Genaueres  festgestellt  werden  konnte. 

Die  Räume  IIL  IV.  V.  entbehrten  eines  Fussbodens,  und  wurde 
bei  den  fortgesetzten  Nachgrabungen  hier  eine  grosse  Zahl  von  be- 
arbeiteten Ornamenten  aus  Jurakalk,  Münzen,  römischen  Nadeln  und 
Topfscherben  zu  Tage  gefördert,  die  über  das  Alter  der  Bauten  den 
gewünschten  Aufschluss  brachten. 

Zunächst  wurde  ca.  7 '  tief  unter  dem  jetzigen  Strassenpflaster 
der  Weihestein  eines  zur  Zeit  des  Titus  erbauten  Mercurtempels  auf- 
gedeckt, und  nicht  weit  davon  das  Bruchstück  eines  grossen  Archi- 
travs  mit  Relief,  das  zu  demselben  Tempel  gehört  hatte.  Ueber  diesen 
Fund,  sowie  über  die  hier  ausgegrabenen  römischen  Nadeln,  Münzen, 
Griffel,  Schmucksachen  etc.  ist  bereits  in  den  Jahrbüfchern  XLII.  79  ff. 


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Ratte  römischer  und  mittelalterlicher  Beaten  am  Dom  tu  Köln.  208 

86  fif.  Mittheilong  gemacht.  Ein  Anhalt  für  die  Zeit  der  Niederlegung 
des  neueren  römischen  Gebäudes  ergab  steh  aus  den  Nachgrabungen 
nicht,  dagegen  muss  die  Zerstörung  nach  der  Menge  des  aufgehäuften 
Brandschuttes  zu  urtheilen,  durch  Feuer  veranlasst  und  so  vernichtend  ge- 
Wesen  sein,  dass  die  Spuren  jeder  Bebauung  im  Mittelalter  vollständig 
verschwunden  waren,  indem  die  erhaltenen  kolossalen  Fundament- 
mauem  S  S  des  auf  derselben  Stelle  später  errichteten  romanischen 
Gebäudes  bis  wenige  Fuss  ttber  den  Bauschutt  des  Römerbaus  hinab- 
reichen, und  eine  Vertiefung  der  Baugrube  um  wenige  Fuss  genfigt 
hätte,  den  gewachsenen  Boden  zu  erreichen. 

c   Bauwerke  aus  der  fränkischen  Zeit. 

Nachdem  Jahrhunderte  hindurch  Bauschutt  .und  Trümmer  über 
den  Ruinen  der  Römerbauten  aufgehäuft  und  hierdurch  die  heute  noch 
bestehende  als  Domhügel  bezeichnete  künstliche  Terrainanhöhung  ge- 
schaffen war,  begann  der  Bau  eines  umfangreichen  Gebäudes,  dessen 
aus  drachenfelser  Stein  errichtete  Fundamentmauem  auf  der  Situa- 
tionszeichnung XV  bei  S  S  verzeichnet  sind  und  deren  Entfernung 
von  einander  von  Aussenkante  zu  Aussenkante  gemessen  84 '  9 ''  be- 
trägt Die  auiigehende  Mauer  über  den  Banketten  hat  eine  Stärke  von 
3*  6"  und  lag  ein  Fussboden  von  3 ''  starken,  sauber  behauenen  dra- 
chenfelser Hausteinplatten  in  einer  Höhe  von  10 '  über  dem  Fussboden 
des  römischen  Hauses.  In  der  Richtung  der  südlichen  Umfassungs- 
mauer wurde  8 '  vom  Domsockel  entfernt  die  Basis  einer  romanischen 
Säule  von  2 '  2  "  6 '"  Schaftdurchmesser  aus  drachenfelser  Stein  ge- 
arbeitet, im  Lager  stehend,  ausgegraben  (Detail  XV  £).  Die  ganze 
Breite  des  Gebäudes,  im  Lichten  ca.  77 '  9 ''  messend,  war  durch  die 
Zwischenmauern  T  T  T  getheilt. 

d.   Die  römische  Stadtmauer. 

Bei'  Abtragung  der  den  Dom  umgebenden  Terrasse  um  6 '  wur- 
den an  der  Nordseite  des  Domes  die  Ueberreste  der  römischen  Stadt- 
mauer freigelegt,  deren  Dicke  ca.  8 '  6 ''  beträgt.  Auf  Tafel  XVI  ist 
der  Lauf  der  römischen  Stadtmauer  übersichtlich  in  den  jetzigen 
Bebauungsplan  des  DomhUgels  eingezeichnet,  und  zeigt  dieselbe  auf 
der  ganzen  lÄnge  von  dem  bei  d  in  der  Burgmauer  noch  bestehenden 
und  zu  Wohnräumen  ausgebauten  fiefestigungsthurm  ausgehend  bis 
zum  Thurme  a  auf  der  Domterrasse  zwei  Unterbrechungen  in  gleichen 
Abständen,    bestehend    in  einem  bei  b  belegenen,   zum  Theil  in  das 


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204  Reste  römischer  und  mittelalterlicher  Bauten  am  Dom  zu  Köln. 

Domfundament  eingebauten  Thttrme  und  dem  bei  c  befindlichen  soge- 
nannten Pfaffenthore,  dessen  Fundamente  neuerdings  bei  Eanalbauten 
freigelegt  wurden.  Gestützt  auf  die  sich  ergebende  genaue  TJeberein- 
stimmung  des  Abstandes  zwischen  den  einzelnen  Befestigungsthürmen 
der  römischen  Stadtmauer  wurde  versucht,  die  Lage  des  nächsten 
Thurmes  östlich  vom  Thurme  a  durch  Aufgrabungen  zu  bestimmen. 
Nachdem  der  Lauf  der  Mauer  auf  eine  Länge  von  210 '  aufgedeckt, 
fand  sich  leider  das  Mauerwerk  bis  zu  den  Fundamenten  abgebrochen 
und  somit  jede  Spur  der  römischen  Befestigungswerke  nach  dem  Rheine 
zu  verwischt. 

Der  bei  b  belegene  Befestigungsthurm  (Detail  Tafel  XVI),  dessen 
Freilegung  bereits  in  den  Jahrbüchern  XXXVII,  65  flf.  und  XXXDL.  XL, 
111  ff.  erwähnt  wurde,  ist  mit  sorgfältig  hammerrecht  behauenen 
Grauwackenfeldsteinen  verblendet  und  mit  einer  Ausgangsthtir  nach 
dem  früheren  Wallgraben,  der  heutigen  Trankgasse,  versehen.  Die 
Schwelle  dieser  Thür  liegt  1 '  3  "  über  dem  Pflaster  der  Trankgasse, 
woraus  erhellt,  dass  eine  wesentliche  Veränderung  in  der  Höhenlage 
der  Strassenoberfläche  in  diesem  Theile  der  Stadt  Köln  seit  der  Bö- 
merzeit  nicht  stattgefunden  hat.  Nicht  unwichtig  für  die  Bestimmung 
der  Zeit  der  Erbauung  der  römischen  Befestigungsmauer  durfte  es 
sein,  dass  die  Decke  des  untern  Gemaches  des  Thurmes  bei  b  nicht 
durch  Wölbung,  sondern  durch  eine  4 '  dicke  Platte  aus  Gussmauer- 
werk hergestellt  ist. 

Sämmtliche  bei  den  Ausgrabungen  in  der  Umgebung  des  Domes 
aufgefundenen  Architekturtheile,  Inschriftsteine,.  Utensilien,  Münzen 
und  Gefässe,  von  künstlerisch  hervorragender  oder  archäologischer  und 
historischer  Bedeutung  sind  dem  städtischen  Museum  zu  Köln  über- 
wiesen und  im  Katalog  der  römischen  Alterthümer  0  und  in  diesen 
Jahrbüchern  XLII,  79—88  beschrieben. 

Beim  Bau  der  neuen  Umfassungsmauer  der  Domterrasse  und  des 
Treppenbaues  an  der  Ostseite  sind  die  Reste  der  römischen  Anlagen^ 
namentlich  das  Wasserbecken,  thunlichst  erhalten  und  sorgfaltig 
überwölbt. 

Die  Aussicht,  durch  bedeutendere  Bauausführungen  auf  dem  der 
rheinischen  Eisenbahn- Gesellschaft  gehörigen  Terrain  zwischen,  der 
Brückenrampe  und  der  Trankgasse  Gelegenheit  zu  finden,  die  Auf- 
grabungen der  römischen  Befestigungswerke  gegen  den  Rhein  zu  weiter 


0  II,  7.  8.  27.  32*.  36.  160» .  163 1-  K  163.  164. 


h 


Reste  römisoher  and  mittelalierlicher  Bauten  am  Dom  su  Köln.  206 

frei  zu  l^en  und  die  begonnenen  Nachgrabungen  zu  vervollatändigen, 
hat  sich  bis  heute  nicht  verwirklicht,  und  erschien  es  somit  angemessen, 
die  Publication  der  durch  die  bisherigen  Ausgrabungen  erlangten  Re- 
sultate und  Aufschlüsse  über  die  älteste  Baugeschichte  Kölns  nebst 
den  dazu  gehörigen  Situationszeichnungen  und  Detailaiifnahmen  den 
Freunden  vaterländischer  Geschichte  nicht  länger  vorzuenthalten. 

Der  Dombaumeister  Voigtel. 


n. 

Ergebnisse. 


Der  vorstehende  genaue  Fundbericht  des  Herrn  Begierungs-  und 
Baurath  Voigtel  gibt  zunächst  erwünschte  Auskunft  über  die  Reste 
zweier  römischen  Gebäude,  von  denen  das  erste  sich  so  rasch  und, 
man  möchte  sagen,  übereilt  auf  den  Trümmern  des  andern  erhob,  dass 
der  noch  erhaltene  ganz  gemauerte  Abzugscanal  a,  der  für  das  neue 
Wasserbassin  d  unbrauchbar  geworden  war,  nicht  einmal  beseitigt, 
sondern  nur  so  weit  abgebrochen  wurde,  als  er  hinderlich  war;  denn 
derselbe  mündet  keineswegs  in  das  neue  Wasserbassin,  sondern  reichte 
nur  bis  an  dasselbe  hinan,  da  man  unmittelbar  an  demselben  ihn  ab- 
gebrochen hatte.  Ausser  diesem  alten  Abzugscanal  hat  man  die  Spuren 
eines  altern  Wasserbassins  unten  im  Fussboden  fast  an  derselben  Stelle 
gefunden,  wo  auch  die  zu  diesem  führenden  Stufen  e.  Gehörte  dieser 
Abzugscanal  zu  dem  altern  Wasserbassin,  so  muss  dieses  etwas  höher 
gelegen  haben,  da  er  jedenfalls  noch  eine  Strecke  weiter  führte;  dass 
früher  das  Wasser  südöstlich,  später  nordwestlich  abgeführt  wurde, 
war  durch  die  neue  Einrichtung  des  Abflusses  bedingt.  Finden  wir 
nun  fast  ganz  an  derselben  Stelle  im  altern  wie  im  neuern  Baue  ein 
Wasserbassin,  so  dürfen  wir  wohl  annehmen,  beide  Gebäude  seien  zu 
demselben  Zwecke  bestimmt  gewesen  und  das  neue  habe  in  seiner 
ganzen  Einrichtung  wesentlich  dem  alten  entsprochen.  Von  diesem 
haben  sich  sonst  nur  Reste   von  Tuffsteinmauern  >)  östlich  von  dem 


^)  Ueber  die  Verwendung  des  Tufifsteins  bei  den  Römern,  welche  durch 
ansere  Entdeckung  eine  wesentliche  Bestätigung  erhält,  hat  der  Wirkl.  Geh. 
Rath*  Yoo  Deohen  Jahrb.  ICKXVIII,  1  ff.  gehandelt. 


i.l-* ' 


^Nv 


206  Reste  römifober  und  mittelalterUoher  Bauten  am  Dom  su  Köln. 

Wasserbassin  erhalten,  die  weder  von  der  Eintheilung  der  Räume 
noch  von  dem  Umftinge  des  Ganzen  eine  Anschauung  geben;  ja  bei 
der  Oewalt  der  Zerstörung  kann  man  zweifeln,  ob  dieselben  ganz  an 
ihrer  ursprünglichen  Stelle  sich  befinden.  Sie  stehen  auf  gewachsenem 
Hoden,  woraus  sich  ergibt,  dass  auf  diesem  kein  früheres  Gebäude  ge- 
standen haben  dürfte. 

Wenden  wir  uns  zu  dem  neuen  Gebäude,  so  zieht  hier  zunächst 
das  in  einem  Gemache  von  24 '  Breite  und  entsprechender  nicht  genau 
zu  bestimmender  Länge  befindliche  Wasserbassin  (vgl.  die  Detaikeich- 
nung  XV  oben  links)  unsere  Aufmerksamkeit  auf  sich,  das  wir  als 
baptisterium^  wie  Plinius  (epist.  II,  17,  11.  V,  6,  25)  das  Bassin 
zum  kalten  Wasserbade  nennt,  wie  dt^s  Gemach,  in  welchem  es  sich 
befindet,  nach  demselben  als  cella  frigidaria  bezeichnen.  Im  Gym- 
nasium hiess  nach  Vitruv  (V,  11,  2)  das  kalte  Bad  frigida  lavatiOj 
bei  den  Griechen  lovtQoy,  davon  ist  das  frigidarium  (Eühlstube) 
verschieden,  das  wir  auf  der  berühmten  Abbildung  aus  den  Thermen 
des  Titus  zwischen  dem  elaeothesium  (Oel-  und  Salbenzimmer) 
und  dem  tepidarnffu  (der  lauen  Stube)  finden.  Das  frigidarium 
war  eben  so  wenig,  wie  das  tepidarium  mit  einer  Vorrichtung  zum 
Baden  versehen;  beide  dienten  zum  Ausruhen  (residere).  Wenn 
Sidonius  ApoUinaris  (epist.  II,  2)  piscina  als  römischen  Namen  des 
baptisterium  bezeichnet,  so  ist  dies  für  die  frühere  Zeit  irrig;  denn 
die  Piscina  befindet  sich  im  Freien  und  hat  eine  weitere  Ausdehnung, 
wie  sich  aus  den  angeführten  Stellen  des  Plinius  ergibt  Unser  Was- 
serbassin entspricht  in  den  wesentlichen  Punkten  dem  freilich  grossem, 
kostbarem  und  runden  in  den  Thermen  zuPompeii,  das  12'  9"  oben 
im  Durchmesser,  einen  10'  unter  dem  Rande,  2'  4"  oberhalb  des 
Bodens  umlaufenden  Sitz  von  1 1 '  Breite  und  an  der  einen  Seite  eine 
Stufe  zum  Ein-  und  Aussteigen  hat.  An  unserm  Bassin  war  nördlich 
und  südlich  ein  Absatz  zum  Ein-  und  Aussteigen ;  der  Sitz  hatte  die- 
selbe Breite  wie  in  Pompeii.  Wenn  sich  kein  Verschluss  an  dem  Ab- 
zugscanal  c  gefunden  hat,  so  mag  dieser  mit  dem  erhaltenen  Blei- 
rohre in  Verbindung  gestanden  und  sich  bei  der  gewaltsamen  Zerstö- 
rung verloren  haben;  keinenfalls  dürfte  dieser  gewiss  nicht  ursprüng- 
liche Mangel  gegen  die  Bestimmung  des  Beckens  zum  kalten  Bade 
einen  haltbaren  Grund  abgeben.  Woher  das  Wasser  zum  Bade  kam, 
lässt  sich  nicht  mehr  bestimmen.  Zu  Pompeii  strömte  es  aus  einer 
kupfernen,  dem  Eingange  gegenüber,  etwa  4'  über  dem  Boden 
befindlichen  Röhre,    die  es  durch  andere  Röhren   aus    einem    grossen 


Reste  römiBcber  and  mittelalterHoher  fiauten  am  Dom  eu  Köln.  207 

Wasserbehälter  brachte.  Da  der  Eingang  in  unsere  cdla  frigidaria, 
nach  der  altem  Stufe  e  zu  schliessen,  östlich  war,  so  dQrfte  das  Was- 
ser westlich  eingeströmt  sein.  Wahrscheinlich  kam  der  Wasserzi^uss 
aus  der  öffentlichen  Wasserleitung.  Der  Ziegelcanal  ist  viel  jungem 
Ursprangs. 

Ausser  der  ceSa  frigidaria  ist  die  Entdeckung  der  Küche, 
adina,  von  grosser  Wichtigkeit.  Nördlich  erstreckte  dieselbe  sich  in 
ihrer  grossem  Länge  bis  zu  Pfeiler  R  (Detailzeichnung  XV  unten 
links),  in  der  kleinern  bis  zur  Mauer  des  südlich  von  der  c^a  fri- 
gidaria befindlichen  Gemaches,  etwa  eines  Vorraumes  der  Küche, 
wie  wir  ihn  auch  sonst  wohl  zum  Anrichten  der  Speisen  finden;  ihre 
Breite  wird  nur  an  der  engsteja  Stelle  durch  das  westlich  und  östlich 
daran  stossende  Gemach  bezeichnet.  Die  Form  der  Küche  ist  dieselbe, 
wie  zu  Pompeii  in  der  casa  della  caccia  und  in  der  casa  del  poeta 
tragico.  Der  Eingang  war  wohl  durch  jenes  als  Vorraum  bezeichnete 
Gemach  oder  weiter  südwestlich,  so  dass  sie  am  Eingang  die  geringste 
Länge  hatte.  Die  Küche  ist  meistens  im  hintersten  TheUe  des' Hauses, 
seltener  im  mittlem,  am  seltensten  in  der  Nähe  des  Einganges,  neben 
dem  atrium]  meistentheils  liegt  sie  an  der  Strasse  oder  ist  nur  durch 
ein  Gemach  von  dieser  getrennt.  Wir  gehen  wohl  nicht  fehl,  wenn 
wir  auch  hier  den  gewöhnlichen  Fall  annehmen  und  die  ctdina  uns 
hinter  der  ceUa  frigidaria  im  äussersten  Theile  des  Hauses  den- 
ken; denn  dass  wir  es  mit  einem  Privathause  zu  thun  haben, 
zeigen  uns  eben  die  Küche  und  das  für  den  öffentlichen  Gebrauch  zu 
kleine  baptisterium.  Demnach  würden  wir  die  schmale  Frontseite 
des  Hauses  nördlich,  der  Trankgasse  gegenüber,  die  Hinterseite  süd- 
lieh,  nach  dem  Domhofe  zu,  die  westliche  Strassenseite  eine  beträcht- 
liche Strecke  jenseit  des  Wasserbassins,  die  östliche  nicht  sehr  weit 
jenseit  der  ausgegrabenen  Beste  der  Mauer  und  des  Küchenestrichs 
anzunehmen  haben.  In  einem  Hause,  welches  ein  kaltes  Bad  hatte, 
dürfte,  bei  der  Unentbehrlichkeit  warmer  Bäder,  ein  solches  kaum 
gefehlt  haben.  Die  Einrichtungen  zu  den  warmen  Bädern  befanden 
sich  westlich,  hier  wahrscheinlich  südwestlich,  von  der  cdla  frigidaria. 
Von  dem  nördlich  von  dieser  gelegenen  Theile  des  Hauses  ist  wenig 
zu  sagen;  nur  vier  Gemächer  desselben  lassen  sich  nach  den  erhal- 
tenen Mauerresten  unterscheiden,  über  deren  Verbindung  und  Ver- 
wendung aber  nichts  mit  Wahrscheinlichkeit  sich  vermuthen,  eben  so 
wenig,  wie  weit  sich  das  Haus  noch  gegen  Norden  ersteckte.  Die  Zer- 
störung war  hier  zu  gewaltig;   von  dem  alten  Gebäude  hat  sich  hier 


>  - 


208  Reste  römisoher^nnd  mittelalterlicher  Baaten  am  Dom  tu  Köln. 

gar  nichts  erhalten^  [dagegen  fand  man  hier  den  Weihestein  und  ein 
Relief  des  unter  Titus  erbauten  Mercurtempels  in  einer  Tiefe  von  7 ', 
gleich  vor  der  Wendung  der  neuen  Umfassungsmauer  der  Domterrasse. 
Dass  gerade  hier  der  Mercurtempel  gestanden,  wird  man  nicht  be- 
haupten dürfen,  da  bekanntlich  Trümmerreste  von  Gebäuden  und  In- 
schriften oft  weit  verführt  wurden,  wie  wir  denn  in  Köln  selbst  ein 
schlagendes  Beispiel  besitzen,  dass  Stücke  derselben  Inschrift  in  weiter 
Entfernung  von  einander  aufgefunden  wurden  (vgl.  Jahrb.  XLI,  125  fif.}. 
Hier  kommt  noch  dazu,  dass  bei  dem  zweiten  römischen  Baue  nach- 
weislich Gebäudetrümmer,  ja  Stücke  von  einem  zerschlagenen  Reiter- 
standbilde, dessen  Reste  sich  leider  nicht  mehr  zusammenfügen  Hessen, 
verwandt  worden  sind,  um  einen  festen  Boden  zu  gewinnen.  So  wenig 
jenes  Reiterstandbild  an  der  Stelle  des  Hauses  gestanden  hat,  auf  dem 
der  zweite  Bau  errichtet  worden,  so  wenig  können  wir  behaupten, 
dieser  Weihestein  mit  dem  Reliefsteine  rühre  von  einem  an  dieser 
Stelle  gestandenen  Mercurtempel  her,  sei  nicht  von  einer  andern  Stelle, 
die  wir  uns  näher  oder  ferner  denken  können,  hierher  gebracht  worden. 
Bei  der  grossartigen  Zerstörung,  welcher  der  älteste  Hausbau  zum 
Opfer  fiel,  war  auch  in  der  Nähe  desselben,  besonders  auf  dem  Dom- 
hofe, den  wir  als  römisches  Forum  nachgewiesen  zu  haben  glauben, 
so  vieles  zertrümmert  worden,  dass  man  bei  der  Grundlegung  diese 
Trümmer  zu  benutzen  sich  wohl  veranlasst  finden  konnte.  Bediente 
man  sich  ja  auch  eines  Weihesteines,  der  gewiss  nicht  ursprünglich 
in  diesem  Hause  gestanden  hatte  (Jahrb.  XLH,  83  ff.),  zur  Deckung 
des  Wasserabflusses. 

Bei  einer  für  die  älteste  Geschichte  Kölns  so  wichtigen  Thatsache, 
wie  diese  Entdeckungen  an  der  Ost-  und  Nordostseite  des  Domes  sind, 
gebietet  es  der  Ernst  der  Sache,  irrige  Angaben  als  ^solche  zu  be- 
zeichnen. In  den  >Annalen  des  historischen  Vereins  für  den  Nieder- 
rheiutt  (XVIII,  295  ff.)  behauptet  Herr  Archivar  Dr.  Ennen:  »Nach 
Ausweis  der  örtlichen  Ausgrabungen  ist  nur  die  Thatsache  unzweifel- 
haft, dass  hier  (an  der  Stelle  des  jetzigen  Doms)  ein  römischer  Tem- 
pel sich  befunden  hat.  Bei  den  Erdarbeiten  für  die  Terrassenanlage 
zwischen  dem  Domchor  und  der  Brückeurampe  haben  sich  dekorirte 
Säulen-,  Fries-  und  Täfelungsreste  gefunden,  die  darauf  hindeuten, 
dass  an  dieser  Stelle  ein  bedeutender  Bau  gestanden  haben  müsse.« 
Darauf  gedenkt  er  jenes  von  mir  gleich  auf  einen  von  den  Augustalen 
des  Titas  gebauten  Mercurtempel    bezogenen  Weihesteins  ^)  aus  dem 

^)  Brambach   gibt  Add.   20i0   die  Ergänzung:   (Mer)curio  Äugu8t{o   pro 


Reste  römischer  and  mittelalterlicher  Bauten  am  Dom  za  Köln.  209 

er  nichts  weiter  will  schliessen  können,  als  ndass  wir  es  hier  mit  einem 
Tempel  des  Titos  (?)  zu  thun  haben»  der  von  einem  (?)  Augustalen 
quoad  (?)  maceriem  et  in  drcuüu  (?)  errichtet  worden  ist«.  Beim  Ein- 
dringen der  Franken  soll  dieser  Tempel  in  Trümmer  gefallen  »und 
nach  Glodwigs  Bekehrung  wohl  an  der  Stelle  jenes  Tempels  eine 
christliche  Kirche  erbaut  worden  sein,  zu  dem  etwa  jenes  dort  ent- 
deckte Wasserbecken  gehört  haben  möge,  das.  zwei  Abflüsse  gehabt 
habe.  Dafür,  dass  hier  in  der  merowingischen  Zeit  »ein  kräftiger  Kir- 
chenbautt  gestanden  habe,  werden  die  im  Fundbericht  unter  c  be- 
schriebenen Ausgrabungen  angeführt.  In  seiner  historischen  Einleitung 
zu  den  Domzeichnungen  des  Architekten  Franz  Schmitz  S.  3  ent- 
scheidet Ennen  sich  für  die  Annahme,  )^ass  schon  in  merowingischer 
Zeit  die  Verlegung  der  bischöflichen  Kirche  von  Gäcilien  nach  der 
Nordostecke  des  alten  römischen  Köln  beliebt. worden  und  dieser  ein 
römischer  Tempel  des  Mercur  (einen  solchen  nimmt  er  also  jetzt  auch 
an)  habe  Platz  machen  müssen  (wonach  er  also,  wie  es  scheint,  nicht 
zerstört  war).  '  Alle  diese  Behauptungen  zerfallen  vor  der  Thatsache, 
dass  wir  an  der  betreifenden  Stelle  die  Reste  zweier  römischen  Häuser 
haben,  von  denen  das  eine  sich  auf  den  Trümmern  des  andern  erhob 
und  dass  jedes  derselben  ein  Wasserbecken  hatte,  das  mit  dem  spätem 
Gebäude  nicht  in  der  allergeringsten  Verbindung  stand,  sondern  unter 
dessen  Fundamenten  lag. 

Fragen  wir  aber,  in  welche  Zeit  die  Zertrümmerung  des  ältesten 
Baues  fallen  möge,  so  kennen  wir  eine  solche  wilde  Zerstörung  Kölns, 
wie  sie  hier  vorausgesetzt  werden  muss,  nicht  vor  dem  Jahre  355  in 
den  Stürmen  nach  dem  Sturze  des  Silvanus.  Die  Franken  zerstörten 
die  Stadt  damals  völlig,  wie  Ammianus  berichtet  (XVI,  3,  1);  sie  hob 
sich  aber  bald  wieder,  als  Julian  zwei  Jahre  später  mit  den  Franken 
Trieden  schloss  und  sie  neu  befestigte  (daselbst  2).  Eine  zweite  Zer- 
störung durch  die  Franken  erfolgte  nicht,  wie  wir  aus  der  Schrift  des 
Presbyters  Salvianus  zu  Massilia  de  gubematione  dei  sehen,  der 
'  von  einer  viermaligen  Zerstörung  Triers  zu  seiner  Zeit  spricht,  die  Jn 


salMAe  %m'pe)raior%S'^  aber  die  dann  aaefallende  Erwähnung  des  V^eihenden 
darf  nicht  fehlen,  und  es  werden  dabei  am  Anfange  der  zweiten  Zeile  mehr 
Buchstaben  ergänzt,  als  nach  Ausweisung  der  übrigen  Zeilen  hier  gestanden 
haben  können.  Nur  darin  bin  ich  bereits  im  Museumskatalog  (Nr.  7)  von  mei- 
ner frühem  Deutung  (Jahrb.  XLU,  79  ff.)  abgewichen,  dass  ich  nach  Caesar is 
das  nach  durchgängiger  Regel  nöthige  Augusti  angenommen  habe. 

14 


210  Reste  römischer  und  Tnittelalterlicber  Bauten  am  Dom  zu  Köln. 

• 

einen  Schutthaufen  verwandelt  sei,  aber  dennoch  verlange  das  Volk 
vom  Kaiser  circensische  Spiele  (VI  p.  184,  198,  201),  während  er  von 
Köln  sagt,  dort  fänden  jetzt  keine  Schauspiele  mehr  statt,  weil  es  vom 
Feinde  besetzt  sei  (hostibus plena  VI  p.  184).  Köln  scheint  auch  gemeint, 
wenn  dieser  fromme  Polterer  von  einer  Stadt  Galliens,  die  fast  eben  so 
mächtig  sei  wie  Trier,  aus  eigener  Anschauung  berichtet,  deren  Wohl- 
stand und  Sitten  eben  so  zu  Orunde  gerichtet  würden  (VI  p.  200). 
»Denn  da  ausser  andern  dort  durch  die  hauptsächlichen  und  allgemeinen 
Laster  Habsncht  und  Trunksucht  alles  ins  Verderben  gestürzt  war, 
stieg  endlich  die'wüthende  Gier  nach  Wein  so  hoch,  dass  die  Vor- 
nehmen der  Stadt  selbst  damals  von  ihrem  Gelage  sich  nicht  erhoben, 
als  der  Feind  schon  die  Stadt  betrat.«  Wir  dürfen  es,  wie  viel  üeber- 
treibung  auch  sonst  bei  Salvianus  unterlaufen  mag,  wohl  als  That- 
Sache  betrachten,  dass  die  Franken  damals  sich  Kölns  ohne  Gewalt 
bemächtigten.  Salvianus,  der  erst  im  Jahre  495  in'  höchstem  Alter 
starb,  schrieb  diese  Schrift  um  das  Jahr  439;  er  selbst  war  in  der 
Gegend  zu  Hause  und  hatte  dort  Verwandte  (epist.  1).  Erst  bei  dem 
Rückzüge  Attilas  über  Köln,  im  Jahre  451,  erfolgte  eme  zweite  Zer- 
störung der  Stadt  durch  die  Hunnen.  Kessel  hat  in  seiner  Schrift: 
p'_  »St.  Ursula   und   ihre  Gesellschaft«  (1843)   die    geschichtlichen    und 

^'.  sagenhaften  Berichte  über  diese  Verwüstung  Kölns  zusammengestellt. 

f  Damals  wurde  das  noch  keine  hundert  Jahre  alte  römische  Haus  durch 

Brand  vernichtet.  Nach  Attilas  Abzug  blieben  die  Franken  im  Besitze 


5ir 


t 


il'  der  Stadt,  die  sich  aber  nur  schwer  und  langsam  von  dieser  zweiten 

W  Zerstörung  erholt  zu  haben  scheint.   Wir  bemerken  hierbei,  dass  man 

t.  nach  Ennen  )»Geschichte  der  Stadt  Köln«  I,  90  f.,  auch  bei  den  Aus- 

schachtungen für  die  neue  St.  Peterspfarrschule  Spuren  zweier  Bau- 
perioden gefunden  haben  will.  Das  dreifache  Pflaster,  auf  welches  man 
auf  der  Breitstrasse  bei  Ausgrabungen  nach  dem  Berichte  des  frühem 
Apothekers  Brocke  gestossen  sein  soll  (Jahrb.  XX,  27  f.),  wollen  wir 
^  hier  ausser  Betracht  lassen. 

i  Lange  Zeit  verging,  ehe  über  dem  Schutte  sich   ein  neues  Ge-  ^ 

1  bände  erhob,    wie  dies  bereits   der  Fundbericht  durch  den  thatsäch- 

r    ^  liehen  Verhalt  bewiesen  hat.  Der  Plattenboden  dieses  Gebäudes  befand 

^  sich  10'  über  den  Trümmern  des  zweiten  römischen  Baues;  die  ko- 

lossalen Fundamente  reichen  fast  bis  auf  die  römischen  Trümmer 
herab,  die  man  hier  nicht  mehr  ahnte.  Die  unten,  besonders  in  den 
Fundamenten  sehr  dicken  Umfassungsmauern  schliessen  einen  Baum 
von  77 '  9 ''  ein,  der  durch  drei  Zwischenmauern  abgetheUt  war,  von 


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Reste  römischer  and  mittelalterlicber  Bauten  am  Dom  za  Köln.  211 

denen  die  beiden  am  entferntesten  von  einander  stehenden  einen  Raum 
von  48 '  begrenzten ;  die  nördliche  war  8 '  6  "  von  der  Umfassungs- 
mauer, die  südliche  bloss  2 '  von  dieser,  von  der  nächsten  Wand  7 ' 
entfernt.  Für  die  Breite  des  Gebäudes  haben  wir  keinen  Haltpunkt. 
9'  6"  von  der  südlichen  Umfassungsmauer  wurde  die  nördliche  eines 
zweiten  Gebäudes  entdeckt.  Die  Fundamente  scheinen  am  wenigsten 
auf  eine  Kirche  zu  deuten,  welche  eine  viel  stärkere  Stütze  verlangen 
würde.  Am  nachten  liegt  es^  hier  an  eine  grosse  Halle  zu  denken. 
Vielleicht  gehörte  diese  Halle  zu  dem  ältesten  eigentlichen  Domstift, 
dem  monasteriumy  in  welchem'  sich  auch  die  Elosterschule  befand, 
war  der  Kapitelsaal  oder  der  Speisesaal.  Vgl.  Boisser^e  Jahrb.  XII, 
137  f.  Freilich  finden  wir  das  Domstift  später  an  der  Nordseite  des 
Doms,  und  ein  gleiches  ist  von  Boisserde  S.  136  f.  an  der  Südseite 
vermuthet  worden,  aber  nichts  steht  der  Annahme  entgegen,  nach 
der  Zerstörung  des  alten  Domstifts  sei  dieses  näher  an  die  hergestellte 
Domkirche  gerückt  worden.  Ennen  bringt  (I,  732)  die  Errichtung  der 
Stiftswohnungen  an  der  Nord-  und  Südseite  mit  der  von  Günther  be- 
willigten, von  Wilbert  anerkannten  Gütertheilung  zwischen  dem  Erz- 
bischof und  dem  Domcapitel  (I;  205  f.  212)  in  Verbindung.  Mag  aber 
auch  diese  Theilung  das  Domcapitel  bewogen  haben,  aus  eigenen  Mit* 
teln  die  Stiftswohnung  an  die  spätere  Stelle  zu  verlegen,  besonders 
massgebend  dürfte  dafür  doch  die  Zerstörung  des  alten  Gebäudes  ge- 
wesen sein.  Die  Möglichkeit,  dass  unser  Gebäude  das  paUxtium  ge- 
wesen, haben  wir  früher  (Jahrb.  XLH,  113)  zugestanden^  aber  wahr- 
scheinlich dürfte  es  schon  nach  der  Fundamentirung  des  Baues  kaum 
sein.  Mag  auch  das  römische  Prätorium,  das  wir  auf  dem  Rathhaus- 
platze  mit  Ennen  (Jahrb.  XLI,  60  ff.)  annehmen  müssen,  durch  die 
Franken  oder  durch  die  Hunnen  zerstört  worden  sein,  einer  der  frän- 
kischen Hausmeier  würde  wohl  einen  Palast  eher  auf  der  alten  Stelle 
des  Prätoriüms  gebaut  haben.  Dass  die  Sage  von  dem  pälatium 
Karls  des  Grossen  an  dieser  Stelle  keinen  geschichtlichen  Halt  hat, 
gibt  auch  Ennen  jetzt  zu  (a.  a.  0.  299),  da  er  meint,  Andeutungen) 
dass  hier  unter  den  Merovingem  ein  kräftiger  Eirchenbau  gestanden, 
hätten  sich  in  den  jetzt  noch  sichtbaren,  kräftigen,  scheinbar  von  einer 
Kirche  herrührenden  Seitenmauem  und  den  vielen  dort  gefundenen 
Steinsärgen  ergeben.  Dass  jene  Baureste  auf  nichts  weniger  als  auf  eine 
Kirche  deuten,  haben  wir  gesehen,  und  was  jene  Steinsärge  betrifft, 
so  wurde  der  Raum,  auf  welchem  das  Gebäude  gestanden  hatte,  später, 
als  die  Beste  mit  Schutt  und  Erde  überdeckt  waren,  zum  Kirchhof 


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212  Reste  römisoher  und  miitelaltorlicber  Bauten  am  Dom  eu  Köln. 

benutzt.  Man  hat  dort  in  einer  Tiefe  von  angef&hr  8 '  eine  Reihe  Särge 
der  Art  ausgegraben,  wie  sie  Herr  Geh.  Regierungsrath  von  Quast 
(Jahrb.  L.  LI,  108  ff.)  ausführlich  beschrieben  und  erörtert  hat.  Grab- 
steinplatten mit  Inschriften  liegen  noch  jetzt  rechts  vom  Domchor  im 
Boden. 

Die  Zerstörung  dieses  fränkischen  Gebäudes  erfolgte  unzweifel- 
haft durch  die  Normannen.  Nachdem  diese  wilden  Schaaren  schon 
mehrmal  in  Köln  gewesen  (die  Annales  Golonienses  brevissimi  bei 
Pertz  I,  97  melden  unter  dem  Jahre  856 :  Combustio  Goloniae  secunda 
vice ;  elf  Jahre  vorher  hatten  sie  die  Kirche  und  das  Kloster  des  hei- 
ligen Martin  auf  der  Rheininsel  verwüstet),  erfolgte  881  die  Zerstö- 
rung der  Stadt,  die  zwei  Jahre  später  mit  Ausnahme  der  Kirchen  und 
Klöster  hergestellt  wurde  (Pertz  I,  394).  Noch  891  sagt  Papst  Ste- 
Stephan  VI:  Basilice  et  omi^es  fabriee  domorum  Cohniensium 
dvücUis  igne  combuste  perierunt.  Damals  wurde  auch  das  frän- 
kische Gebäude,  das  sich  auf  den  römischen  Trümmern  erhoben 
hatte,  völlig  zerstört,  um  nie  wieder  aufgebaut  zu  werden.  Einen 
bestimmten  Haltpunkt  zur  Bestimmung  der  Zeit,  wann  dieses  Ge- 
bäude entstanden,  bietet  auch  der  dort  stehend  gefundene  Säulenstumpf 
nicht  dar. 

Ennen  hat  die  Aufgrabungen  am  Dome  benutzt,  um  meiner  Be- 
hauptung, Hildebold  habe  keinen  Neubau  des  Domes  begonnen  (Jahrb. 
XL,  102  ff.),  ihre  Stütze  zu  entziehen;  aber  dies  war  nur  mögUch, 
bei  der  auf  mangelhafter  Kenntniss  der  aufgefundenen  Reste  beruhen- 
den Voraussetzung  von  einem  dortigen  römischen  Tempel  und  einer 
an  dessen  Stelle  erbauten  christlichen  Kirche.  Seine  Annahme,  »die 
alte  bischöfliche  Kirche  habe  auf  dem  jetzigen  Domterritorium,  und 
zwar  zwischen  dem  hohen  Chor  und  der  alten  Kirche  St.  Maria  ad 
gradns  gestanden  u^  vrird  durch  das  wirklich  bei  den  Aufgrabungen  an 
der  Ostseite  des  Doms  Aufgefundene  widerlegt. 

Der  neueste  Geschiclitsschreiber  der  Stadt  Köhi  hatte  (I,  193  f.) 
die  Inschrift  des  804  gestorbenen  Alcuin,  nach  welcher  Hildebold  im 
Auftrage  Karls  des  Grossen  einen  Petersaltar  in  einer  Peterskirche 
mit  edlen  Metallen  schmückte,  auf  den  schon  vollendeten  westlichen 
Theil  von  Hildebolds  Neubau  bezogen,  und  die  Vermuthung  geäussert, 
dieser  habe  den  Grundstein  zu  seinem  neuen  Dom  zur  Feier  der  Er- 
hebung der  kölnischen  Kirche  zur  Metropolitankirche  gelegt,  obgleich 
Hildebold  erst  806  als  Metropolit  erscheint.  Meine  Behauptung,  der 
Kaiser  habe  kaum   einen  Altar  der  alten  Peterskirche  mit  einem  so 


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Rosto  römischer  nnd  mittelalterlicher  Bauten  am  Dom  zu  Köln. 


218 


kostbaren  Schmucke  bedenken  können,  wenn  Hildebold  sich  mit  der 
Gründung  eines  neuen  getragen  hätte,  glaubt  Ennen  in  dem  ange- 
führten Aufsatze  der  DÄnnalenu  mit  der  Bemerkung  abfertigen  zu 
können  (S.  30 1),  Karls  Auftrag  schliesse  nicht  aus,  dass  Hildebold 
eine  neue  Domkirche  zu  bauen  beabsichtigt  oder  bereits  begonnen 
habe,  da  die  Ornamente  leicht  in  den  neuen  Bau  mit  hätten  herüber- 
genommen werden  können.  Freilich  wenn  die  alte  Kirche  abgebrochen 
wurde,  aber  nicht,  wenn,  wie  Ennen  früher  annahm,  die  alte  bischöf- 
liche Kirche  die  der  heiligen  Cäcilia  war  und  diejenige,  welche  er 
jetzt  zwischen  die  Kirche  Maria  ad  gradus  und  den  Hildeboldsdom 
setzt,  ein  Nebelbild  ist.  Einen  Altar  einer  noch  benutzten  Kirche  seines 
Schmuckes  zu  berauben,  ging  unmöglich  an.  Auch  will  mir  scheinen 
dass,  wenn  Hildebold  damals  einen  neuen  Bau  beabsichtigt  oder  gar  be- 
gonnen hätte,  Alcuin  unmöglich  von  der  zum  Abbruch  bestimmten 
alten  Kirche  mit  solcher  Erhebung  und  solchem  Preise  hätte  sprechen 
können,  wie  er  es  hier  thut,  wo  er,  nachdem  er  den  Klerus  aufgefor- 
dert hat^  für  den  Kaiser  das  heilige  Messopfer  darzubringen,  mit  den 
Worten  schliesst: 

Hdec  est  cdma  domus  donis  solidata  supernis. 

Jetzt  gedenkt  Ennen  auch  der  von  mir  erwähnten  Verse  Alcuins 
auf  den  Medardusaltar,  wobei  er  aber  nicht  von  einem  Auftrage  des 
Kaisers  sprechen  durfte,  da  Alcuin  nur  sagt,  Hildebold  habe  aus  Liebe 
zu  Christus,  der  Jungfrau  Maria  und  dem  heiligen  Medardus  diesen 
Altar  geschmückt,  und  selbst  in  der  Ueberschrift  ist  von  Karl  dem 
Grossen  nicht  die  Rede.  Man  sollte  doch  denken,  Hildebold  hätte  einen 
solchen  Schmuck  eher  einem  Medardusaltare  seiner  neuen  Domkirche 
zugewandt.  Da  kommt  freilich  die  Annahme  einer  altern  in  der  Nähe 
stehenden  Kirche  sehr  gelegen,  bei  welcher  Ennen  eben  nur  übersieht, 
dass  er  damit  gerade  mit  den  Berichten,  auf  denen  der  Hildeboldsdom 
einzig  beruht,  in  Widerspruch  tritt,  da  diese  behaupten,  erst  Hilde- 
bold habe  die  bischöfliche  Kirche  aus  der  Cäcilienkirche  nach  seinem 
neuen  Dome  verlegt. 

Mit  der  jeder  Grundlage  entbehrenden  Annahme  einer  frühern 
Domkirche  in  der  Nähe  der  von  Hildebold  begonnenen  kann  Ennen 
freilich  leicht  meine  übrigen  Beweise  gegen  den  Hildeboldsdom  aus 
dem  Felde  schlagen.  Worauf  aber  beruht  jener  Hildeboldsdom  ?  müs- 
sen wir  noch  einmal  fragen.  Wir  wissen,  dass  unter  Wilbert  bei  der 
Provincialsynode  vom  Jahre  873  die  Weihung  der  Domkirche  statt- 
fand,   welche    die    anwesenden    Bischöfe    als    suae  ecclesiae  id   est 


214  Reste  römischer  and  mittelalterlicher  Bauten  am  Dom  zu  Köln. 

domtss  dedicatio  bezeichnen.  Die  ältere  Chronik  der  Erzbischöfe 
berichtet  von  Wilbert:  Dedicavit  ecdesiam  sandi  Petri  ow^i- 
quam.  Nun  deuten  dedicare  und  dedicatio  keineswegs  nothwendig 
auf  einen  Neubau  hin;  sie  stehen  von  jeder  Weihung,  sowohl  von 
einer  consecratio  als  von  einer  reconciliaUo.  Die  entgegenge- 
setzte Behauptung  Ennens  (S.  302),  der  sich  auf  das  Brevier,  das 
Missale  und  das  Gaeremoniale  beruft,  die  doch  für  eine  so  frühe  Zeit 
unmöglich  etwas  beweisen  können,  ist  eben  irrig,  weil  sie  den  altern 
Sprachgebrauch  ausser  Acht  lässt  *).  Aber  selbst  wenn  man  dedicatio 
im  Sinne  von  consecratio  nehmen  zu  müssen  glaubt,  würde  daraus 
höchstens  nur  nach  Ennens  eigener  Bemerkung  »eine  umfangreiche 
Reparatur»  folgen,  und  eine  solche  konnte  sich  nach  den  Stürmen  der 
Kirche,  die  Wilberts  Bestätigung  an  der  Stelle  des  geächteten  Günther 
vorhergegangen  waren  *),  ja  bei  dem  Schaden,  den  der  Blitz  schon  im  J. 
857  angerichtet  hatte,  wohl  als  nöthig  erweisen,  ja  setzen  wir  über- 
haupt, wie  wir  thun  müssen,  eine  ältere  Kirche  voraus,  was  wissen 
wir  von  dem  Zustande  derselben,  das  uns  irgend  hinderte  anzuneh- 
men, die  dedicatio  habe  einer  umfangreichen  Wiederherstellung, 
keinem  Neubau,  gegolten?  Und  ist  nicht  die  dedicatio  eines  vor  sieb- 
zig Jahren  begonnenen  Neubaus  an  sich  höchst  auffallend?  Und  wür- 
den die  Bischöfe,  wenn  von  einem  so  grossartigen  schon  von  Hildebold 
begonnenen  völligen  Neubau  die  Rede  wäre,  sich  mit  der  einfachen 
Bezeichnung  sua  eccUsia  id  est  domus  in  ihren  Schreiben  begnügt 
haben?  Die  Angabe  in  Rudolfs  A/nnaies  Fuldenses ,  im  Jahre  857  habe 


')  Walafridus  Strabo  de  rebus  eccleBiasticis  sagt  9:  Notandum  vero,  quod 
non  tuntum  in  prima  constitutione  templi  dedicatio  est  cdehrata,  sed  etiam  se- 
cundo  vel  tertio  post  eversionem  et  profanationem  eittsdefn  templi  propter  pec- 
cata  popüli  perpetratam  a  genttbus.  Auch  von  Kirchen  der  Ketzer  wird  der 
Ausdruck  dedicare  gebraucht.  Vgl.  Martene  de  ecclesiae  ritibus  II,  15,  7.  Man 
vergleiche  auch  die  Aeussemng  des  Papstes  Vigilius  daselbst  p.  322.  Die  be- 
stimmte Fixirung  des  Ausdrucks  reconciliatio,  neben  reconsecratio,  kann  für 
das  neunte  Jahrhundert  nicht  erwiesen  werden. 

>)  In  dem  Schreiben  der  Kölner  an  den  Papst  Hadrian  II.  von  871  oder 
872  heisst  es:  J^  cum  septennio  eodem  pastore  (Quntha/rio)  essemus  privaJtit  innume- 
rabites  susiinuimus  cedeSy  wistationes^  predas,  fraudes,  durasgue  dominationes. 
Sollte  der  Dom  damals  nicht  selbst  gelitten  haben  und  auf  jede  Weise  entweiht 
worden  sein?  Eüess  es  ja  sogar,  böse  Geister  hätten  dort  ihr  Spiel  getrieben 
und  am  Tage  vor  der  Weihe  gejammert,  dass  sie  von  dem  gewohnten  Sitze  wei- 
chen müssten  (Anselmi  gesta  episcoporum  Leodensium  bei  Periz  VII^  200). 


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RobIo  römischer  und  mittelalterlicher  Bauten  am  Dom  zu  Köln.  215 

sich  za  Köln  das  Volk  bei  einem  schweren  Gewitter  in  die  basilica 
sancti  Petri  geflüchtet,  in  welche  während  des  Glockeigeläutcs  der 
Blitz  eingeschlagen  und  drei  Personen  am  Marien-,  Petrus-  und  Dio- 
nysiusaltare  getödtet  habe,  weist  unwidersprechlich  auf  eine  im  vollen 
Dienste  befindliche  Kirche  hin,  die  nicht  erst  sechszehn  Jahre  später 
zum  erstenmal  geweiht  werden  konnte.  Freilich  kann  man  dieses 
schreienden  Widerspruchs  sich  dadurch  entledigen,  dass  man,  wie  £n- 
nen  in  Folge  meiner  Widerlegung  der  Sage  vom  Hildeboldsdome  thut, 
neben  diesem,  dessen  Bau  doch  unter  Hildebold  begonnen  haben  soll, 
I  ganz  in  der  Nähe  desselben  eine  ältere  Peterskirche  annimmt,    von 

welcher  sich  nicht  die  geringste  Spur  findet,  wie  es  an  sich  höchst 
unwahrscheinlich  ist,  dass  man  eine  neue  bischöfliche  Kirche  an  einer 
andern  Stelle  in  nächster  Nähe  der  alten  gebaut  habe;  denn  man 
baute  eine  neue  ^ Kirche  an  der  Stelle  der  alten,  wenn  man  auch  den 
Raum  derselben  erweiterte,  und  so  muss  auch  der  Dom,  der  im  Jahre 
873  geweiht  wurde  (denn  domus  nennen  ihn  nach  bekanntem  Ge- 
brauche schon  die  bei  dessen  Weihung  anwesenden  Bischöfe),  auf  der 
Stelle  der  ältesten  bischöflichen  Kirche  gestanden  haben.  Es  ist  nicht 
das  erstemal,  dass  man,  um  eine  falsche  Nachricht  oder  Sage  zu  stützen, 
statt  einer  Person  oder  eines  in  Bede  stehenden  Ortes  oder  Baues 
zwei  annimmt,  wodurch  man  neben  dem  einen  überlieferten  Irrthume 
glücklich  einen  zweiten  zur  Stütze  desselben  erfundenen  erhält.  Aber 
in  vorliegendem  Falle  muss  dazu  auch  noch  das  zu  Grunde  liegende 
Zeugniss  willkürlich  verändert  werden,  da  nach  diesem  Hildebold  es 
war,  der  die  bischöfliche  Kirche  aus  der  Gäcilienkirche  nach  der  neuen 
Peterskirche,  dem  alten  Dome,  verlegte. 

Wie  steht  es  aber  mit  jenem  Zeugnisse,  auf  das  sich  Ennen  von 
neuem  stützt?  Dass  ich  darauf  zurückkommen  muss,  ist  nicht  meine 
Schuld.  Ennen  belehrt  mich :  »So  lange  nicht  der  positive  Nachweis  ge- 
liefert wird,  dass  Nachrichten  mittelalterlicher  Chronisten  falsch  oder 
verbürgten  Thatsachen  widersprechend  sind,  ist  man  nach  anerkannten 
Grundsätzen  einer  richtigen  Behandlung  historischer  Verhältnisse  be- 
fugt, an  solchen  Nachrichten  festzuhalten.«  Ich  stelle  diesem  den  an- 
dern Satz  entgegen,  dass  man  bei  allen  Nachrichten,^  bei  denen  die 
Parteiliebe  des  Berichterstatters  ins  Spiel  kommt,  sehr  auf  der  Hut 
sein  muss,  besonders  dann,  weim  das,  was  wir  ihnen  glauben  sollen, 
von  früheren  Schriftstellern  nicht  erwähnt  wird,  welche  desselben  hätten 
gedenken  müssen,  wenn  sie  davon  Kunde  gehabt.  Die  älteren  Annalen 
der  Erzbisehöfe   von  Köln  gedenken   bei  Hildebold   mit  keiner  Silbe 


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I* 


216  Reste  römischer  und  mittelalierlicher  Bauten  am  Dom  zu  Köln. 

eines  Dombaues ;  das  erste,  was  sie  vom  Dome  berichten,  ist  eben  jene 
dedicatio  unter  Wilbert.  Der  erste  Grundsatz  der  geschichtlichen 
Forschung  ist  sorgfältige  Untersuchung  der  Glaubwürdigkeit  der  Quel- 
len, das  »Trau  schau  wem«.  Ennen  spricht  von  mittelalterlichen  Chro- 
nisten; es  handelt  sich  aber  nicht  um  einen  solchen,  iJondern  um  die 
parteiische  Behauptung  eines  eifersüchtigen  Stiftspatriotismus,  wenn 
mir  der  Ausdruck  erlaubt  ist,  dessen  Gebaren  der  Geschichtsforscher 
mit  derselben  Strenge  behandeln  muss,  wie  den  eiteln  Stadtpatriotis- 
mus, da  beide  eben  gewissenlos  die  Geschichte  zu  fälschen  pflegen. 

Die  älteste  zur  Zeit  meines  betreffenden  Auiisatzes  bekannte  Er- 
wähnung jenes  Hildebolddomes  ^)  befindet  sich  in  einer  bis  zum  Jahre 
1369  reichenden  Synopsis  brevissima  archiepiscoporum  Cohniensmnf 
welche  den  Dom  einmal  basüica  Hüdeboldi  archiepiscopi  nennt;  die 
Abschrift  derselben  dürfte  noch  jünger  sein.  Nicht  älter  wird  die  an- 
dere Quelle  sein,  die  uns  Ennen  jetzt  erschliesst  und  als  Grundlage 
des  Berichtes  von  Gelen  nachweist.  Es  ist  eine  Handschrift  aus  dem 
Ende  des  fünfzehnten  Jahrhunderts,  die  sich  im  Besitze  des  Cäcilien- 
stifts  befand.  Der  betreffende  Theil  (eine  genauere  Angabe  über  den 
Inhalt  jenes  Theiles  wäre  doch  erwünscht  gewesen)  ist,  wie  es  hier 
heisst,  aus  einem  antiquus  liber  scriptus  et  asseribus  Ugatus  wortgetreu 
abgeschrieben.  Nichts  nöthigt  uns  diesen  anHquus  liber  (er  heisst  nicht 
einmal  antiquissimm)  höher  als  anderthalb  Jahrhundert  vor  die  Zeit 
der  Abschrift  zu  setzen ;  denn  da  das  Stift  auf  die  ihm  schmeicheln- 
den,  wohl  aus  ihm  selbst  hervorgegangenen  Nachrichten  desselben 
hohen  Werth  legte,  so  war  es  natürlich,  dass  man  diese  Handschrift 
gern  möglichst  hoch  hinaufrückte.  Seltsam  ist  es,  dass  dieser  liber 
antiquus  selbst  nicht  erhalten  wurde,  was,  trotz  def  beigefügten  Be- 
scheinigung des  Jacobus  Wükun  notarius  publicus,  die  presens  historia 
sei  wörtlich  aus  jener  Handschrift  abgeschrieben^  eigene  Gedanken 
erregt.  Wir  wollen  aber  alle  Zweifel  dieser  Art  fahren  lassen,  nur 
fragen,  was  wir  denn  hier  lesen.  Quoddam  aliud  monasterium  novum 
sancti  PetH  in  Colonia,  prius  tarnen  videlicet  a*)  domino  HMeboldo^ 


')  Ennens  Gescbichta  begnügt  sich  mit  der  ganz  allgemeinen  Berufung 
auf  die  »Nachrichten  späterer  Chronisten«  (I,  '194),  da  doch  bei  einem  so  wich- 
tigen Punkte  die  Nachweisung  der  Quellen  und  ihrer  Beschaffenheit  dringend 
geboten  war. 

')  Vor  diesem  a  gibt  Ennen,  bei  dem  die  Stelle  zweimal  abgedruckt  ist 
(S.  298  f.  300),  das  erstemal  noch  anno^  das  er  beim  dritten  Abdruck  in  der 
angefahrten  »Historischen  Einleitung«  S.  3  weglasst,  wonach  es  auf  Druckfehler 
beruhen  wird. 


1^ 


Reste  römiscl^er  and  mittelalterlicher  Bauten  am  Dom  zu  Köln.  217 

iunc  temporis  episcopo  Cohniensi  in  parte  inceptum,  pro  prifhcipali 
eccUsia  per  Wiüibertum  fundatur  et  consecratury  quo  fit,  quod  multis 
annis  ecclesia  olim  beate  Marie  virginis,  ntmc  sancte  Cecilie  mona- 
sterium  vetus  et  ecclesia  sancti  Petri,  ntmc  metrcpolitana  ecclesia, 
monasterium  novum  appeUabcUur  ^).  Und  mit  einer  solchen  frommen 
Lüge  soUen  wir  rechnen?  Freilich  führte  das  monasterium  ecclesiae 
sanctae  CaecHiae  schon  zu  Brunos  Zeit,  wie  die  Urkunde  vom  Jahre 
962  bei  Lacomblet  I,  205  zeigt,  den  Namen  monasterium  vetus,  aber 
nicht  im  Gegensatz^  zum  Dom,  der  überhaupt  nie  mofMsterium  ge- 
nannt wird,  sondern  monasterium  novum  hiess  das  Marienstift  ^),  der 
Dom  dagegen  ecclesia  oder  domus  sancti  Petri.  Und  einem  solchen  Be- 
richte, der  sich  die  Fälschung  erlaubt,  der  Dom  sei  früher  monaste- 
rium novum  genannt  worden,  sollen  wir  glauben,  dass  der  von  Wilbert 
geweihte  Dom  von  Hildebold  begonnen  worden  sei !  Wie  man  in  jenem 
Stifte  mit  der  Wahrheit  umsprang,  ergibt  sich  aus*  der  von  mir  schon 
früher  beigebrachten  Angabe  Winheims,  ein  ehrwürdiger  und  gelehrter 
Angehöriger  des  Stifts  habe  ihn  belehrt,  Maternus  habe  die  Cäcilien- 
kirche  der  heiligen  Jungfrau  und  dem  heiligen  Petrus  geweiht,  was 
sich  nicht  allein  aus  der  daneben  liegenden  Pfarrkirche  des  heiligen 
Petrus,  sondern  auch  den  ältesten  Urkunden  ergebe.  Also  damals  ging 
man  so  weit,  die  Cäcilienkirche  auch  für  die  älteste  Peterskirche  zu 
erklären  ^).  Eine  Inschrift  in  der  Kirche  selbst  liess  sie  vom  Matemus 
der  heiligen  Cäcilia  weihen.  Und  dass  sie  je  der  heiligen  Maria  ge- 
weiht gewesen,  steht  durch  nichts  fest,  es  beruht  auf  jenem  lügenhaften 
Berichte  des  liber  antiquus  des  Cäcilienstiftes.    Dieser  erzählt  nach 


^)  Der  Druckfehler  appeüatur  des  zweiten  Abdrucks  ist  in  den  dritten 
übergegangen. 

2)  Vgl.  Binteriiä  und  Mooren  die  firzdiöcese  Köln  I,  65.  Boisseree  Denk- 
male  des  Niederrheins  S.  5. 

')  Ennen  schreibt  (8.  295):  »Nichts  hindert  uns  anzunehmen,  die  Mater- 
nuslegende  beruhe  bezüglich  der  Angabe  über  die  Lage  der  Bischofskirche  auf 
historischer  Grundlage  und  an  der  SteUe  der  spätem  Cäcilienkirche  habe  zu 
der  Zeit  des  Maternus  die  Peterskirche  gestanden,  c  Wo  findet  sich  denn  diese 
Legende  zuerst?  und  spricht  diese  schon  von  einer  Peterskirche?  Sie  beruht 
auf  dem  gefälschten  Apostelschüler  Maternus  I  und  hat  im  Ganzen  so  viel 
Gewähr  als  diese;  sie  ist  eine  der  leichtfertigen  frommen  Lügen,  die  der  Ge- 
sohichtschreiber  nur  insofern  beachten  darf,  als  sie  zeigen,  wie  man  damals  Ge- 
schichte gemacht  hat.  Was  ist  von  diesem  Apostelschüler  Maternus  nicht  alles 
gefabelt  worden? 


I 

L 


218  Reste  römischer  und  mittelalterlidier  Baaien  am  Dom  zu  KöId. 

Ennen  weiter :  Tecio  vero  ecclesie  sancte  Maria^igne  consumptOj pratU 
hodie  in  plumbo  turricule  ^usdem  scr^tum  legUur,  eadem  ecdesia  ipsa 
reconcüicUur  et  sancte  virgines  Cecüia  et  Eugenia  ut  patrane  adduntur 
et  adiiduntury  quo  fitj  ut  et  hodie  ecclesia  sancte  Cecäie  cognominetur. 
Gelen  weiss,  dass  auf  jener  Glocke  die  Zeit  Brunos  stand,  der  eben 
wegen  der  Einäscherung  der  Kirche  diese  962  so  reich  beschenkt  habe. 
Ouius  quidem  temporis  nota  ecdesiae  plumbo  inscripta  esty  sagt  er, 
sed  evanidis  literis,  ut  non  possit  elici  certitudo  anni.  Also  Brunos 
Namen  konnte  man  darauf  noch  lesen.  Wie  nun  aber?  Nach  jenem 
antiqtms  liber  sollen  erst  nach  dem  Brande  die  beiden  Märtyrinnen 
Gäcilia  und  Eugenia  als  Schutzheiligen  hinzugefügt  worden  sein;  und 
doch  spricht  bereits  Wichfrid  im  Jahre  941  von  dem  monasterium 
sanctae  Caecäiae  virginis  ac  martiris  cristi  nimis  honorifice  restauratum^), 
und  es  fehlt  jede  Bezeichnung,  dass  die  Kirche  Vor  der  Herstellung 
einen  andern  Namen  gehabt,  wie  dies  sonst  doch  in  solchem  Falle  er- 
wähnt wird.  Hiernach  ergibt  sich  auch  diese  Angabe  des  liber  antigms 
als  Unwahrheit.  Die  Kirche  wird  von  Anfang  an  der  heiligen  Gäcilia 
geweiht  sein,  die  heilige  Eugenia  bei  einer  zweiten  Weihung  hinzu- 
getreten sein').  Geschichtlich  steht  nur  die  Wiederherstellung  im 
zehnten  Jahrhundert  fest  und  aus  dem  jetzigen  Baue  ergibt  sich,  dass 
dieser  der  Hauptanlage  nach  ^nicht  älter  als  das  zwölfte  Jahrhundert 
sein  kann ').  Ob  hiervon  jener  liber  antiquus  gar  nichts  wisse,  möchte 
man  denn  doch  gern  erfahren ;  wäre  dies  wirklich  der  Fall,  so  würde 
es  zur  Charakteristik  der  Kenntniss  des  Schreibers  gar  bezeichnend 
sein.  Gelen  freilich  berichtet  von  der  Cäcilienkirche  (S.  230):  Exd- 
tata  est  in  honorem  Domini  nostri  Jesu  Christi  et  B.  M.  V.  anno 
Domini  94  {ut  habent  quaedam  recentioris  aevi  inscriptiones),  quae 
deinde  Sanctae  Eugeniae  dicta,  modo  5.  CecHiae  didtur.  Dann  S.  357 : 


')  Lacomblet  I,  98. 

2)  Ennen  memt  (S.  295),  nur  bei  der  Annahme,  dass  die  Gäcilienkirohe 
die  erzbischöfliche  Kirche  gewesen,  wisse  man  einen  Grand  für  die  schon 
962  erwähnte  generalis  ataiio,  welche  in  der  Christnacht  in  dieser  Kirche  vom 
Erzbischofe  und  der  Geistlichkeit  gehalten  wurde.  Als  ob  man  einen  Grund 
für  jeden  alten  Gebrauch  wissen  müsste?  Hier  aber  liegt  er  gar  nicht  fem,  da 
der  Erzbischof  sich  ans  der  Cäcilienkirche  in  die  Marienkirche  begab.  Die  bei- 
den ältesten  monasteria  intra  muros  sollten  eben  durch  diese  Anwesenheit  der 
ganzen  Geistlichkeit  besonders  geehrt  werden,  nichts  weniger  als  dass  der  Dom 
seinen  spätem  Ursprung  dadurch  hätt«  beurkunden  sollen. 

>)  YgL  von  Quast  Jahrb.  XII,  194. 


V 


kf 


Reste  römiBcher  und  mittelalterliober  Bauten  am  Dom  zu  Köln.  219 

Prima  Cathedralis  B.  M.  Virgini  sacra  in  Urbe  Agrippinensi  dediccUa 
perMbekw  a  Matemo  L  Antistüe  Anno  Dominicae  IncamcUionis  94 
et  t4sque  ad  B.  Eüdeboldi  Archiepiscopi  tempora  Cathedralis  honorem 
retinuü:  —  vetus  autem  cathedralis  tunc  Sanctarum  Eugeniae  et  Ce- 
cüiae  iittdum  ithduit.  Die  Weihung  auf  den  Namen  der  Jungfrau  Maria 
(das  erstemal  nennt  Gelen  Christus  dabei)  hing  also  mit  der  Erfindung 
zusammen,  der  Apostelschüler  Maternus  I  habe  die  Kirche  gegründet. 
FreOich  Ennen  hält  (I,  197)  daran  fest,  dass  die  Kirche  ursprüng- 
lich der  Jungfrau  Maria  geweiht  gewesen.  Für  Gelen  ist  es  be- 
zeichnend, dass  er  sich  auf  quaedam  recentioris  aevi  inscriptiones 
beruft  und  das  erstemal  die  Weihung  auf  die  heilige  Eugenia 
früher  setzt,  später  die  Kirche  auf  den  Namen  beider  Märty- 
rerinnen unter  Hildebold  weihen  lässt,  zur  Zeit,  wo  Hildebold  die  Ka- 
thedralkirche von  der  ersten  Stätte  nach  dem  Dom  übertrug,  der  also 
damals  schon  zum  Gottesdienste  gedient  haben  müsste.  Es  scheint, 
dass  diese  ganze  Sage  vom  Hildeboldsdom  von  dem  Gacilienstifte  aus- 
ging, weil  man  dort  die  Ehre  in  Anspruch  nahm,  das  Stift  sei  die 
erste  Kathedralkirche  gewesen,  worin  man  sich  durch  den  ständigen 
Gebrauch  nicht  irren  liess,  dass  die  Kathedralkirche  an  derselben 
Stelle  zu  verbleiben  pflegte.  Hier,  wo  man  so  weit  ging,  das  Jahr  der 
Gründung  unter  dem  ersonnenen  Apostelschüler  Maternus  zu  nennen, 
war  man  auch  nicht  in  Verlegenheit,  unter  welchem  Erzbischofe  die  Ver- 
legung der  Kathedralkirche  geschehen  sei;  wer  könnte  dies  anders 
gethan  haben  als  der  Günstling  Karl  des  Grossen? 

Aus  einer  solchen  Quelle  also,  wie  jener  lügnerische  liber  antiquus^ 
fiiesst  unsere  älteste  Kunde  vom  Hildeboldsdome,  und  die  Sage  ist  aus 
der  Sucht  des  Cäcilienstifts  hervorgegangen,  sich  aus  dem  ältesten 
Kloster  innerhalb  des  alten  Köln  (intra  muros)  zu  der  ersten  Kathe- 
dralkirche zu  erheben,  wobei  man  vor  keiner  noch  so  plumpen  Ent- 
stellung der  Wahrheit  zurückscheute.  Es  ist  endlich  Zeit,  dass  man 
mit  dem  Wüste  der  Sagenerfindungen  über  die  Kirchen  Kölns  auf- 
räume und  dieselbe  dem  falschen  Bischofsverzeichnisse  getrost  nach- 
schicke, an  die  denn  doch  heute  niemand  mehr  glaubt. 

Ennen  beruft  sich  für  den  Hildeboldsdom  auch  auf  die  »alte 
Legende  vom  heiligen  Beinold«,  nach  welcher  dieser  beim  Dombau, 
zu  welchem  Bischof  Agilolfus  um  das  Jahr  810  aus  allen  Landen 
Zimmerleute,  Steinmetzen  und  andere  Arbeiter  berief,  als  Steinmetz 
eintrat  und  von  seinen  eifersüchtigen  Mitgesellen  todt  geschlagen  ward. 
Die  Legende  von  Beinolds  Tode  düiite  sehr  spät  fallen,  wohl  erst  nach 


--V. 


220  Reste  römischer  und  mittelalterlicher  Baaten  am  Dom  zu  Köln. 

dem  Beginne  des  neuen  Dombaues  im  dreizehnten  Jahrhundert.  Der 
Bischof  Agilolfus  lässt  sich  nicht  so  leicht,  wie  Ennen  meint,  aus  ihr 
herausschaffen;  er  haftet  fester  in  ihr  als  die  beigeschriebene  Jahres- 
zahl; er  gehört  eben  in  sie  hinein,  und  entspricht  besser  den  Zeitver- 
hältnissen als  Hildebold.  Aus  der  handschriftlichen  Chronik  »Agrip- 
pina«  aus  dem  15.  Jahrhundert,  mag  diese  auch  vielfach  auf  weit  ältere 
Quellen  sich  stützen,  lässt  sich  am  wenigsten  beweisen,  die  von  ihr  auf- 
genommene Erwähnung  des  Hildeboldsdomes  sei  älter  als  das  14.  Jahr- 
hundert. Eben  so  wenig  können  die  annäles  Navensienses  eine  frühere 
Zeit  der  Sage  begründen.  Was  endlich  die  Schenkung  »des  ehemaligen 
Königs  Ludwig  an  die  Peterskirche  zu  Köln«  in  einer  Urkunde  Ottos  H. 
soll,  habe  ich  erst  aus  Ennens  »Historischer  Beschreibung«  S.  4  er- 
sehen. Er  ist  nämlich  »geneigt  anzunehments  unter  diesem  Ludwig  sei 
der  Nachfolger  Karls  des  Grrossen  zu  verstehen,  der  damit  Hildebold 
»bei  seinem  grossen  Werke  des  Dombaues«  habe  unterstützen  wollen, 
während  nach  ^em  ganzen  Zusammenhange  nur  der  nächste  Ludwig, 
Ludwig  der  Deutsche,  gemeint  sein  kann,  und  die  Urkunde  selbst 
zeigt,  dass  damit  nicht  der  Dombau  unterstützt  werden  sollte,  was 
sonst  ohne  Zweifel  erwähnt  sein  würde.  Mit  solchen  ganz  unwahr- 
scheinlichen Annahmen  kann  man  eben  nichts  stützen. 

Eine  Nachricht,  welche  erst  volle  fünfhundert  Jahre  später  auf- 
taucht, dazu  aus  der  Eitelkeit  eines  Stifts  geflossen  scheint,  das  sein 
Alter  gern  über  das  des  Domes  heraufrücken  möchte,  hat  keine  Ge- 
währ für  so  alte  Zeiten,  besonders  wenn  ihr  unzweifelhafte  Thatsachen 
gegenüberstehen,  deren  Widerspruch  mau  nur  durch  haltlose  Annah- 
men beseitigen  kann.  Ennen  hat  dazu  die  Entdeckungen  an  der  Ost- 
seite des  Doms  in  einer  mit  den  Thatsachen  nicht  zu  vereinigenden 
Weise  benutzt.  Neucrdin^  (Historische  Einleitung  S.  2)  meint  er, 
die  Zerstörung  des  Daches  der  Cäcilienkirche  habe  wohl  den  Bischof 
zum  Entschlüsse  veranlasst,  an  der  nordöstlichen  Ecke  der  Stadt  eine 
andere  Kathedrale  zu  erbauen,  was  unter  den  Merovingern  geschehen 
sein  müsse.  Nun  aber  weist,  wie  wir  gesehen,  dieser  Brand  nach  dem 
wenigen,  was  wir  davon  wissen,  erst  auf  die  Zeit  Brunos  hin.  Diese 
^merovingische  Kathedrale  soll  »niedergelegt  worden  sein,  als  Hildebold 
sich  entschloss,  eine  des  Erzbischofstuhles  würdige  Domkirche  zu  er- 
richten« (S.  2  f.),  aber  gleich  darauf  (S.  4)  wird  angenommen,  die 
alte  Kirche  habe  noch  so  lange  in  Gebrauch  bleiben  sollen,  bis  die 
neue  fertig  sein  würde.  Dabei  kommt  denn  die  »Tradition«  von  Hil- 
debolds  Verlegung  der  Kathedralkirche  sehr  zu  kurz.  Solcher  Mittel 


n 


■■*■  ^ 


Reste  römischer  und  mitielalterlioher  Bauten  am  Dom  zu  Köln.  221 

muss  man  sich  bedienen,  um  am  Hildeboldsdome  festzuhalten.  Wie 
sich  schwammartig  an  diese  Sage  andere  Erdichtungen  ansetzten,  habe 
ich  a.  a.  0.  S.  103  ff.  gezeigt.  Ich  muss  wiederholen,  was  ich  vor 
Jahren  bemerkte :  »Man  staunt,  sieht  man,  wie  es  mit  der  Begründung 
dieser  von  Niemand  in  Zweifel  gezogenen  Behauptung  steht,  wie  man 
in  leichtfertigster  Weise  Geschichte  gemacht  hat.«  Ja  man  fährt  leider 
damit  fort. 

Aehnlich  steht  es  mit  meiner  von  Ennen  gleichfalls  bekämpften 
Ansicht  über  die  Marienkirche,  das  monasterium  novum.  Treten  wir 
der  Sache  näher.  Gäsarius  von  Heisterbach  ist  der  erste,  bei  welchem 
die  Kirche  den  Zusatz  in  Capüolio  hat,  und  so  findet  er  sich  auch  in 
Schreinsurkunden  aus  den  Jahren  1283  und  1234.  Dass  die  Schreins- 
schreiber den  Namen  in  Capitolio  aus  Gäsarius  genommen,  ist  von 
mir  natürlich  ebenso  wenig  behauptet  worden,  als  dass  gerade  dieser 
den  Namen  erfunden.  )>Es  scheint  mir  sehr  gewagt  behaupten  zu  wol- 
len, die  Bezeichnung  in  Capitolio  bemhe  auf  einer  wHlkürlichen  An- 
nahme; natürlicher  scheint  es  mir,  dass  im  dreizehnten  Jahrhundert 
noch  die  Tradition  von  dem  Bestand  des  Capitols  an  der  fraglichen 
Stelle  beliebt  war,  und  dass  man  der  dortigen  Kirche  hin  und  wieder 
neben  den  andern  Beinamen  auch  den  Zusatz  in  Capitolio  gab.«  So 
Ennen.  Aber  mit  solchem  »Scheinen«  und  mit  solcher  »Natürlichkeit« 
werden  eben  keine  thatsächlichen ,  Gründe  weggeschafft,  wie  ich  sie 
trotz  des  Ableugnens  von  Ennens  Seite  beigebracht  habe.  Mit  seiner 
»sechshundertjährigen  Tradition«  hat  es  gute  Wege  und  ob  ich  keine 
»positiven  Gründe«  gegen  dieselbe  geliefert,  kann  ich  dem  Urtheile 
jedes  Kundigen  anheimstellen.  Ich  hatte  mich  auf  den  von  mir  H.  XXVII, 
19  ff.  gelieferten  Beweis  berufen,  dass  sich  römische  Spuren  in  deut- 
schen Namen  nur  in  Städtenamen,  nie  in  anderen  Oertlichkeiten  er- 
halten haben.  Hier  musste  Ennen  zuerst  seine  Lanze  einlegen.  Weiter 
hatte  ich  darauf  hingewiesen,  dass  an  keinem  Orte  der  ehemaligen 
römischen  Weltherrschaft  als  in  Rom  selbst  sich  eine  sichere  Kunde 
von  der  Lage  ihres  Gapitolium  erhalten,  man  aber  schon  im  zwölften 
Jahrhundert  an  mehreren  Orten  begonnen  habe,  gewissen  Kirchen 
eine  ganz  besondere  Ehre  durch  den  Anspruch  zu  erweisen,  sie  stän- 
den auf  der  Stelle  des  Capitolium.  So  war  es  in  Florenz,  so  in  Trier. 
An  letzterm  Orte  verlegte  das  Mittelalter  das  Gapitolium  auf  die  Stelle 
der  Kirche  Maria  ad  martyres  oder,  wie  sie  früher  heisst,  Maria  in 
ripa,  ecclesia  Mariae  super  lUus  Mosdlae.  Dagegen  hat  neuerdings 
Ladner  in  den  »Mittheilungen  der  Gesellschaft  für  nützliche  Forschun- 


TTTl^-        ^ 


222  Reste  römisoher  and  mittelalterlicher  Bauten  am  Dom  zn  Köln, 

gen  in  Trieru  1869—1871  S.  72  fF.,  in  üebereinstiramung  mit  B^rower 
und  Masen,  es  an  der  Stelle  der  grossen  Ruine  nachzuweisen  gesucht, 
welche  Kyriander  als  iemplum  summum  bezeichnete.  Und  warum  soUte 
es  in  Köln  mit  dem  so  ^ spät  sich  findenden  Beinamen  der  Kirche  Jtfa-. 
ria  (Uta  anders  sein?  Erkennt  doch  Ennen  selbst,  dass  der  bei  CSäsa- 
rius  und  in  Schreinsurkunden  sich  findende  Name  porta  Mortis  durch- 
aus haltlos  sei,  eine  Verromanisirung  von  Marktpforte;  und  mit 
dem  gleichzeitigen  Zusätze  in  CapitoUo  soll  es  anders,  es  soll  natür- 
licher sein,  dass  wir  hier  eine  alte  Erinnerung  haben!  -Seine  Bemer- 
kungen gegen  meine  Ansicht  über  die  Namen  Maria  de  AUbuchele, 
Maria  in  (super)  Mdlabuchel  (S.  304)  treffen  nicht  zu;  ich  habe  meine 
Vermuthung  mit  aller  möglichen  Vorsicht  gegeben,  einer  grossem, 
als  meiner  eigenen  Ueberzeugung  gemäss  war.  Dass  ich  die  Malz- 
mühle  mit  dem  Strassennamen  in  Verbindung  bringe,  ist  in  der  Sache 
gegründet,  und  ich  kann  nicht  sehen,  wie  dies  dadurch  widerlegt  würde, 
dass  die  Malzmühle  erst  im  fünfzehnten  Jahrhundert  sich  findet;  denn 
die  Mühle  ist  natürlich  von  der  Strasse  benannt,  nicht  umgekehrt. 
Wenn  aber  bemerkt  wird:  v'Der  Name  Malzbüchel  —  bezeichnet 
einfach  die  aus  dem  alteu  Stadtgraben  aufgehende  Strassenhöhe,  die 
zum  Malzmarkte  führt«,  so  habeich  mich  vergebens  sowohl  in  Ennens 
»Geschichte«  wie  in  seinen  »Quellen«  nach  diesem  sonderbaren  Malz - 
markte  umgesehen,  dessen  Dasein  ich  einstweilen  zu  bezweifeln  mir 
erlaube.  Ennens  Berufung  auf  die  Latinisirung  bracicumülfAS  beweist 
eben  nichts,  da  er  selbst  bestimmt  genug  anerkannt  hat  (I,  670  f«), 
wie  es  mit  dieser  Latinisirung  bestellt  ist. 

Darin  gebe  ich  freilich  Ennen  (S.  302  f.)  entschieden  Recht,  dass 
ich  nicht  aus  der  Urkunde  Lothars  vom  Jahre  867  schliessen  durfte, 
damals  habe  das  Marienstift  noch  nicht  bestanden^).  Er  bemerkt, 
Lothar  scheine  bloss  die  ausserhalb  der  Stadt  liegenden  Kirchen  mit 
Namen  haben  anführen  zu  wollen,  wobei  er  sich  auf  die  Nichterwäh- 
nung von  Martin  und  Andreas  beruft,  ohne  zu  bedenken^  dass  diese 
sich  damals  noch  extra  muros  befanden,  und  es  von  Andreas  noch 
sehr  zweifelhaft  ist,  ob  nicht  erst  Wilbert  dort  an  der  Stelle  eines 
alten  Kapellchens  eine  Kirche  gebaut.  Aber  dies  scheint  nicht  bloss, 
sondern  Lothar  hatte  keine  Veranlassung,   die  Kirchen  innerhalb  der 


^)  Einen  andern  Irrthum  hat  Dümmler  >Qe8ohichte  des  ostfr&nkisclien 
Reiches«  II,  681  Anm.  58  in  Bezug  aaf  dieselbe  Urkunde  begangen,  wenn  er 
das  bonner  Cassius-  und  das  xantener  Victorstifb  nach  Köln  verlegt. 


Reste  römischer  und  mittelalterlicher  Bauten  am  Dom  zn  Köln.  223 

Stadt  (ymfra  ipsam  emtatem  0 )  hinter  der  allgemeinen  Bezeichnung  na- 
mentlich aufzuzählen.  Dafür,  dass  die  Marienkirche  schon  unter  Otto  II. 
bestanden,  bedurfte  es  nicht  des  von  Ennen  gegebenen  Nachweises, 
da  diese  ja  schon  im  letzten  Willen  Brunos  erwähnt  wird,  wie  er  selbst 
I,  253  bemerkt  hat,  während  er  freilich  im  Register  zu  den  Urkunden 
die  Stelle  sonderbar  auf  Maria  ad  gradus  bezogen  bat.  Mein  Beweis 
gegen  die  Richtigkeit  der  Bezeichnung  in  CapUolio  und  die  Gründung 
der  Kirche  durch  Plectrudis  verlieit  durch  den  Wegfall  jenes  Zeug- 
nisses keine  wesentliche  Stütze.  Herr  Geh.  Regierungsrath  von  Quast 
bemerkt  Jahrb.  L.  LI,  134  Anm.  ^),  sichere  Beweise  für  das  höhere 
Alter  der  Kirche  gebe  es  nicht,  aber  auch  der  positive  Beweis  für 
eine  spätere  Zeit  der  Stiftung  sei  mir  nicht  gelungen.  Damit  ist  zu- 
gestanden, dass  die  Angaben  über  die  Plectrudiskirche  keine  ge- 
schichtliche Gewähr  haben;  ob  er  meine  Verwerfung  der  Sage  von 
Plectrudis  für  begründet  halte,  bemerkt  er  nicht.  Das  älteste  bestimmte 
Zeugniss  bleibt  die  Schenkung  im  letzten  Willen  Brunos  vom  Jahre  965 
monasterio  (sanctae  Mariae)  et  claustro  perßciendo,  neben  welcher  in 
der  schon  angeführten  drei  Jahre  altem  ^Urkunde  Brunos  die  Bezeich- 
nung des  numasterium  sanctae  Caecüiae  qmd  cognominatur  vetus  intra 
muras  insofern  in  Betracht  kommt,  als  dieselbe  auf  ein  navurn  mona- 
sterium  intra  muros  deutet,  als  welches  eben  das  Marienstift  gelten 
muss.  Die  Einweihung  der  jetzigen  Kirche  fällt,  wie  von  Quast  nach- 
gewiesen hat,  in  das  Jahr  1049,  und  derselbe  ist  geneigt,  nach  der 
Bauart  eine  noch  spätere  Vollendung  der  Kirche  anzunehmen.  Aus 
diesem  Neubau  in  der  Mitte  des  elften  Jahrhunderts  würde  man  aber 
mit  Unrecht  schliessen,  der  Bau  des  zehnten  sei  nur  eine  Wiederher- 
stellung eines  altern  gewesen.  Von  der  Geschichte  der  kölnischen 
Kirchen  in  dieser  Zeit  sind  wir  ausserordentlich  mangelhaft,  nur  durch 
einzelne  urkundliche  Berichte  üper  Schenkungen  und  Weihungen,  nicht 
Yon  den  Schicksalen,  die  sie  trafen,  unterrichtet.  Die  neue  Kirche 
konnte  leicht  durch  Feuer  oder  einen  sonstigen  Unfall  gelitten  und 
man   die  Wiederherstellung   zugleich   zu   einer  Erweiterung  benutzt 


')  In  Jßezug  auf  tn/ra»  das  ioh  nicht  für  einen  der  vielen  Druckfehler 
jenes  Bandes  der  »Quellenc  hätte  halten  dürfen,  hat  Ennen  gegen  mich  Recht. 

')  Ich  halte  es  für  meine  Pflicht,  hier  zu  erklären,  dass  ich  in  Bezug  auf 
die  Pfaffenpforte  (daselbst  S.  136}  ihn  missverstanden  hatte,  wogegen  er  mir  gestehen 
wird,  dass  ihm  die  Stelle  aus  dem  letzten  Willen  Brunos  unbekannt  war,  die 
Ar  die  Baagesohichte  der  Kirche  von  Wichtigkeit  ist. 


224  Rette  römischer  und  mittelalterlicher  Bauten  am  Dom  zu  Köln. 

haben.    Ennen  geht  auf  meine  Gründe  gegen  die  Plectrudissage  nicht 
ein,  sondern  hält  sich  daran,  dass  diese  in  der  Kirche  begraben  liege, 
was  den  entschiedenen  Beweis  liefere,  zur  Zeit  ihres  Todes  habe  dort 
schon  eine  Kirche  gestanden.    Aber  worauf  beruht   denn   die  Sage, 
dass  Plectrudis  in  der  Kirche  begraben  liegt  ?  Theodor  Breisig  hat  in  der 
Schrift,  )>Die  Zeit  Karl  Martells«  S.  5  ff.  ^ber  Plectrudis  und  Chalpaida, 
um   die  auch  ein  Sagenkreis   sich  gebildet,   eingehend  gehandelt  und 
auch  der  spätem  Sage  der  Wiederverheiratung  der  Plectrudis  gedacht. 
S.  28  bemerkt  er,   über  ihre   spätere  Stellung  und  ihr  Verbleiben  sei 
nichts  bekannt!    Ich  habe  schon  nach  Boisser^e  darauf  gedeutet,  dass 
sie  wohl  nach  der  durch  Karl  Martell  ihr  abgenöthigten  Yerzichtung 
in  ihre  Heimat  Baiern   sich   zurückzog,   wo  wir  die  regina  Plectrudis 
als  Stifterin  von  St.  Stephan  zu  Passau  finden.   Dass  sie  den  Wunsch 
geäussert,  in  Köln  begraben  zu  werden,   davon  wird  nichts  berichtet, 
und  ein  solcher  Wunsch  wäre   auch  damals  wohl  schwer  zu  erfüllen 
gewesen.  Freilich  wusste  man  später  in  Köln,  dass  sie  an  diesem  Orte, 
der  ihr  unter  Karl  Martells  Herrschaft  äusserst  verhasst  sein  musste, 
in  das  Stift  gegangen  und  dort  gestorben  sei.  Selbst  die  sich  einander 
widersprechenden  Inschriften  in  der  Kirche  sagen  nicht,   dass  sie  dort 
begraben  sei;  die  eine  feiert  sie  allein,   die  andere  mit  Pipin.    Gegen 
Boisser6es  Vermuthung,    das   mit  der  eiq^n  Inschrift  versehene  Bild 
der  Plectrudis  habe  früher  auf  ihrem  Grabe  gelegen,  zeugt  die  Inschrift, 
die    nicht   auf  ein  Grab   deutet,    sondern  auf  das  Bild  der  Stifterin, 
von  welcher  das  Wort  gilt:  Domine,  düexi  decorem  domus  tuae.   Man 
müsste    den  Stiftspatriotismus,    den  wir  schön  oben   bei  Cäcilien  er- 
wähnten, und  die  mittelalterliche  legenden-  und  Dichtungssucht  nicht 
kennen,  um  es  unglaublich  zu  finden,  dass  irgend,  nachdem  erst,   um 
das  novum  monastermn  hinter  dem  väus  nicht  zu  sehr  zurücktreten 
zu  lassen,  die  Kirche  als  eine  Stiftung  von  Pipin  und  Plectrudis,  dann 
als  eine  Schenkung  der  letzteren  allein  bezeichnet  worden  war,  man 
endlich  mit  dem  Ansprüche  auftrat,  die  Stifterin  sei  in  der  Kirche  be- 
graben. Boisser^e^  der  auch  keinen  rechten  Glauben  an  die  Grabstätte 
der  Plectrudis  hat,    setzt  die  betreffenden  Bilder  ins  zehnte  oder  elfte 
Jahrhundert.  Erst  nach  dem  Neubau  wird  man  den  Anspruch  erhoben 
haben,  das  Grab  der  Stifterin  zu  besitzen,  deren  Todesjahr  man  nicht 
>  einmal  wusste,  doch  feierte  man  ihr  Andenken  am  11.  August.    Gern 
hätte  man  sie  zu  einer  Heiligen  erhoben,   und  so  feiert  sie  Gelen  als 
Diva^  doch  dazu  fehlte  es  zu  sehr  an   einer  irgend  erwähnenswerthen 
Ueberlieferung;  Hie  Bollandisten  verweigerten  ihr  die  Aufoahme  in  ihr 


Reste  römiBoher  und  mittelalterliohei*  Bauten  am  Dom  tu  Köln.  225 

grosses  Werk,  was  sie  dort  ausführlich  begründen.  Wann  ihr  Grab- 
mal, früher  im  Mittelschiff  der  Kirche,  errichtet  worden,  wissen  wir 
nicht;  die  Kirche  besitzt  auch  ein  Grabmal  der  hier  begrabenen  Aeb- 
tissin  Ida.  Was  Ennen  gegen  meine  Behauptung,  der  Wechsel  der 
Bürgermeister  sei  in  der  Marienkirche  erfolgt,  aufz^jbringen  meint,  er- 
ledigt sich  dadurch,  dass  ich*  mich  auf  Boisser^e  als  Augenzeugen  be- 
rufen habe,  und  mich  nicht  dazu  verstehen  kann,  diesem  ehrenwerthen 
Zeugen  leichtfertig  den  Glauben  zu  versagen. 

Für  meine  Annahme,  das  Kapitol  habe  auf  dem  Platze  des  Doms 
gestanden,  hatte  ich  auch  den  Umstand  angeführt,  dass  der  Dom- 
hügel der  höchste  Punkt  der  Stadt  an  der  Rheinseite  sei.  Wenn  ich 
von  einem  Domhügel  sprach,  so  that  ich  das  mit  allen  meinen  Vor- 
gängern und  Ennen  selbst,  der  I,  88  der  drei  Hügel  gedenkt,  »welche 
sich  in  sanfter  Steigung  über  das  städtische  Terrain  erhoben«.  Jetzt 
ist  freilich  erwiesen,  dass  der  Hügel  um  den  Dom  nur  von  einer  spä- 
tem Aufschüttung  herrührt ;  die  Fundamente  des  Doms  gehen  bis 
unter  das  Rheinbett.  Ennen  belehrt  uns  jetzt  über  die  Bodenverhält- 
nisse des  römischen  Köln  also:  »Das  jetzige  Domterritorium  lag  um 
14  Fuss  tiefer  als  die  Mariengartengasse,  6  Fuss  tiefer  als  St.  Peter, 
2  Fuss  tiefer  als  das  Griechenthor,  3  Fuss  tiefer  als  die  Ruhr^  6  Fuss 
tiefer  als  die  Herzogstrasse,  7  Fuss  tiefer  als  der  Neumarkt  und  4 
Fuss  tiefer  als  die  Pipinstrasse.«  Wir  wären  ihm  sehr  dankbar,  wenn 
er  dies  eben  so  thatsächlich  erwiese,  wie  er  es  zuversichtlich  hinstellt; 
bis  dahin  erlauben  wir  uns  die  volle  Richtigkeit  dieser  Angaben  zu 
bezweifeln.  Die  einzelnen  Fundberichte,  auf  denen  eine  solche  Bestim- 
mung allein  beruhen  kann,  sind  meist  nicht  zuverlässig  genug,  und 
auch  die  Schlüsse  daraus  nicht  überall  sicher.  Jedenfalls  wäre  eine 
gesichtete  Zusammenstellung  dieser  Art  höchst  willkommen.  Wenn 
Ennen  meiner  Bemerkung  über  die  Höhe  des  Berlich  (S.  99)  entgegen- 
hält, der  Berlich  sei  nicht  der  höchste  Punkt  der  Stadt  gewesen,  so 
hätte  er  nicht  übersehen  sollen,  dass  ich  unter  dem  Berlich  nicht 
die  jetzt  sogenannte  Strasse,  sondern,  wie  nicht  zu  verkennen  war, 
den  früher  sogenannten  Stadttheil  verstehe,  wovon  ich  Jahrb.  XX, 
22  f.  29  gesprochen  habe.  Eine  Steigung  des  Terrains  am  Dome  von 
38  bis  46  Fuss  gesteht  Ennen  selbst  zu.  Wie  das  Yerhältniss  des 
Bodens  am  jetzigen  Dom  zur  ältesten  Römerzeit  gewesen,  weiss  ich 
nicht ;  wie  viel  mag  sich  dort  bis  zur  Fundamentirung  unseres  jetzigen 
Doms  umgestaltet  haben  I  Glücklicherweise  sind  wir  über  den  Boden 
zur  ältesten  Römerzeit  an  der  Stelle,  wo  die  neuen  Ausgrabungen  die 

15 


226  Reste  romischer  und  mittelalterlicher  Bauten  am  Dom  zu  Köln. 

Beste  zweier  römischen  Häuser  zu  Tage  gefördert  haben,  jetzt  unter* 
richtet,  und  wir  wissen  auch,  dass  die  Thürschwellc  des  Mauerthur- 
mes  a  nur  1 '  3 "  über  der  heutigen  Trankgasse  liegt.  Zur  Anlage 
des  Capitoliums  war  der  Platz,  wo  jetzt  der  Dom  liegt,  jedenfalls  sehr 
geeignet;  denn  er  war  einer  der  höchsten  Punkte  der  Stadt  und  ge- 
währte, da  das  Terrain  bis  zum  Bheinbette  bedeutend  abstieg,  einen 
weiten  Blick  über  den  Fluss  und  in  das  gegenüberliegende  Land. 
Gebe  ich  auch  jetzt  zu,  dass  der  Ort,  wo  die  Marienkirche  sich 
den  Namen  des  Capitoliums  erworben  hat,  dazu  ebenso  geeignet  ge- 
wesen wäre,  so  berechtigte  mich,  zur  Annahme  des  Capitoliums  an 
dieser  Stelle  der  Nachweis,  dass  hier  die  älteste  bischöfliche  Kirche 
stand;  da  man  solche  an  Orten,  wo  bedeutende  römische  Tempel  stan- 
den, anzulegen,  ja  selbst  diese  in  christliche  Kirchen  zu  verwandeln 
liebte,  und  die  von  mir  erwiesene  Wahrscheinlichkeit,  dass  der  Dom- 
hof das  römische  Forum  war ;  denn  auch  zu  Bom,  nach  welchem  sich 
die  Städte  in  den  Provinzen  richteten,  lag  das  Forum  neben  dem 
Capüolium.  Wollte  man,  wie  in  Bom,  auch  zu  Köln,  den  Campus 
Martius  in  der  Nähe  des  Forum  annehmen,  so  würde  dieser  zwischen 
dem  Gapitolium  und  dem  römischen  Nordthore,  dem  sogenannten  Pfaf- 
fenthor, gelegen  haben,  und  vor  diesem,  wenn  wir  Vitruv  I,  7,  1  fol- 
gen, der  Tempel  des  Mars,  freilich  nicht  das  delubrum  Mortis,  in  wel- 
chem zu  Vitellitts'  Zeit  das  Schwert  des  Julius  Cäsar  sich  befand.  Der 
Tempel  des  Mercur,  dessen  Weihestein  uns  erhalten  ist,  wird  sich  an 
oder  auf  dem  Forum  befunden  haben,  nach  der  Vorschrift  desselben 
Vitruv :  Mercurio  in  foro  (area  distribucUur)  aut  etiam^  ut  Mdi  et  Se- 
rapij  in  emporio.  Auf  dem  der  Ostseite  des  Doms  gegenüber  liegenden 
Frankenplatze  sind  im  Juni  1858  bei  den  Grundarbeiten  zum  Brücken- 
bau und  zehn  Jahre  früher  beim  Wegräumen  des  Erdhügels  daselbst 
Beste  von  grossen  Gebäuden,  Beliefs  und  ein  Weihestein  der  Diana 
aus  dem  Anfange  des  zweiten  Jahrhunderts  gefunden  worden  ^). 

Was  endlich  die  römische  Mauer  betrifft,  so  sind  nach  Ennen 
(I,  82)  »die  Beste  der  Nordostecke  1859  bei  Planirung  des  breiten 
Weges  von  dem  Domhofe  nach  der  Trankgasse  weggesprengt  worden.« 
Wo  dieselbe  geendet  haben  müsse,  lässt  sich  ungefähr  durch  die  gleiche 
Entfernung  der  Mauerthürme  von  einander  bestimmen,  da  Thurm  d 
von  Thurm  b  doppelt  so  weit  entfernt  ist,  als  Thurm  b  von  Thurm  a, 
wonach   das  Pfaflfenthor  nicht  genau   an  derselben   Stelle  aufgebaut 


1)  Vgl.  den  Maseumskatalog  B,  7*  15.  37.  148.  159.  162.  218. 


Reste  römischer  und  mittelalterlioher  Bauten  am  Dom  zu  Köln.  227 

war,  an  welcher  das  alte  Römerthor  stand.  Der  nordöstliche  Eckthurm 
muss  über  290 '  vom  Thurme  a  entfernt  gelegen  haben.    Nach  Ennen 
(I,  83)  beträgt  die  Strecke  von  dem  Thurme  auf  der  Burgmauer  bis 
zum  nordwestlichen  Eckthurm   119  Ruthen,    wonach   zwischen  di&sen 
beiden  Thürmen   noch   vier  gestanden    haben   würden.    Sehr  wichtig 
wäre  die  genauere  Untersuchung  aller  noch  vorhandenen  Thürmc  der 
römischen  Mauer  und  ihrer  Entfernung  von  einander;    an  der  West- 
seite hat  sich  noch  eine  Reihe  von  Thürmen  erhalten,  von  denen  einer 
in  einem  Hause  der  Helenenstrasse  eingebaut  ist.    Ob  von  dem  soge- 
nannten Röraerthurme   an  der  Zeughausstrasse  der  drohende  Abbruch 
abgewandt  werden  Wird,    ist,    so  viel  ich  weiss,    noch  unentschieden. 
Wäre  er  unrettbar  verloren,    so  würde  jedenfalls   die   genaueste  Auf- 
nahme vor  seinem  Ende   zu  wünschen   sein.    Höchst   wichtig  ist  bei 
unserm  Thurm  a  die  Entdeckung  der  ganzen  Thüre  bis  zur  Schwelle 
und  der  aus  Gussmauerwerk  gebildeten  Decke  des  untern  Gemaches. 
Die  Thurme  zeigten  ähnliche  Streifen  von  verschiedenen  Farben  und 
Formen,   wie   der  nordwestliche  Thurm.    Nach   von  Quast  (Jahrb.  X, 
191  f.)  kann  nicht  sicher  entschieden  werden,   ob  diese  Bauweise  der 
letzten  römischen  oder  der  ersten  merovingischen  Zeit  angehört.  Ennen 
behauptet  (I,  82),  der  ältere  Theil  der  Mauer  und  Thurme  gehöre  zwei 
verschiedenen  Zeiten  an,  und  er  setzt  den  erstem  in  das  erste  christ- 
liche Jahrhundert,  den  zweiten  unter  Julian.  Der  neuentdeckte  Thurm 
besteht  keineswegs  aus  zwei  zu  verschiedenen  Zeiten  gebauten  Stücken. 
Die  Franken  scheinen  zu  Julians  Zeiten  die  Mauern  der  Stadt  zerstört 
zu  haben,    so  dass  nur  Trümmer  derselben   übrig   blieben.    Ammian 
spricht  von  der  Zerstörung  Kölns  (XVI,  3,  1),  die  wir  uns  sehr  stark 
denken  müssen,  da  diese  so  gehaust  hatten,  dass  am  ganzen  Rheine 
nicht    einmal    ein  castdlum  erhalten  war,    nur  Rigamagum  bei  Con- 
fluentes  und  ein  Thurm  bei  Köln.    Wenn  er  weiter  sagt,  Julian  habe 
Köln  nicht  eher  verlassen,   qtiam   pacctn  ßmiaret  reipuhlicae  inierim 
profuturam  et  urbem  redperet  munitissimam,   so  könnte   man  tM-bem 
redpere  munitissimam  in  dem  Sinne  nehmen  wollen,  die  Stadt  stark 
befestigt   wiederherstellen,   weil   die  Bedeutung   wiederge- 
winnen, welche  recipere  gewöhnlich  in  der  Verbindung  mit  urbem 
hat,  nicht  passe,  da  ja  gesagt  werden  solle,  was  er  gethan,  ehe  er  die 
von  ihm  betretene  Stadt  {Ägrippinam  ingressus)  verlassen.    Aber  das 
recipere  scheint  hier  das  dauernde  Wiedergewinnen  in  Folge  des 
Friedens   bezeichnen  zu   sollen.    Jedeflfalls  musste  die  Stadt    neu 
befestigt  oder  wenigstens  diese  Befestigung  an  den  bedeutendsten  Stel- 


228  Beate  römiioher  und  ] 

leo  wieder  beigestellt  word 
begonnene  Befestigimg  «ur 
Auf  eine  nicht  frühere  Zeit 
Bchrift  des  römischen  Tbo 
Wahracbeiolich  litt  die  dc 
die  Hunnen,  dann  durch  die 
immer  möglichst  bergesteli 
Mauer  bestand,  wie  die  Er: 


9.    Epigraphi8che  Miitheiiungen  aus  Cleve. 

t.    Die  Turck'Bche  Chronik. 

Brambach  spricht  im  C.  I.  R.  p.  351  von  einer  verlorenen  CShronik : 
Turcii  bistorla  duc  Jul.  Cliv.  Mont.,  in  welcher  sich  Abschriften 
römischer  Inschriften  befänden.  Er  bemerkt  darüber:  Magni,  opinor, 
pretii  foret,  Turcii  liber  si  reperiretur,  quem  ego  in  bibliotheca  Trevero- 
rum  latere  sospicatus  in  catalogo  vetere  Jesuitarum  memoratum  rep- 
peri;  sed  nee  in  recentiore  indice  inveniebatur,  nee  omnino  in  biblio- 
theca, teste  quidem  Schoemanno,  indagari  potuit. 

Wie  es  sich  mit  jenem  Exemplar  der  Trierer  Bibliothek  verhält, 
lasse  ich  auf  sich  beruhen,  freue  mich  aber  mittheilen  zu  können,  dass 
ein  Exemplar  dieser  Chronik,  und  zwar  wohl  ohne  Zweifel  die  Original- 
handschrift des  Verfassers  sich  in  Cleve,  dem  Wohnorte  Turcks,  er- 
halten hat  und  seit  1857  der  auf  dem  Rothhause  befindlichen  Stadt- 
bibliothek angehört.  Der  durch  die  Freytag'schen  Bilder  aus  der 
deutschen  Vergangenheit  auch  in  weiteren  Kreisen  bekannte  WirkL 
Geh.  Rath  und  Präsident  des  Cassationshofes  Sethe  in  Berlin  vermachte 
nämlich  seiner  Vaterstadt  Cleve  eine  vermuthlich  von  ihm  schon 
während  seines  Aufenthaltes  in  derselben^)  angelegte  SammlAng  von 
Handschriften,  Urkunden  und  älteren  Dpickschriften,  die  sich  auf  die 
Geschichte  und  die  Rechtsalterthümer  des  Herzogthums  Cleve,  sowie 
der  mit  ihm  verbundenen  Territorien  beziehen.  No.  1  nun  dieser  bis- 
her noch  fast  gar  nicht  wissenschaftlich  ausgebeuteten  Sammlung  ist 
eine  Octavpapierhandschrift  von  328  Blättern,  die  auf  dem  äusseren 
Umschlag  mit  dem  Namen:  „Sethe"  bezeichnet  ist.    Der  älteste  Theil 


*)  Ein  Band  von  Gollectaneon  bezeichnen  die  Jahre   1796   und   1797  als 
Zeit  der  Sammlang. 


230  Epig^raphische  Mittheilungeu  aus  Cleve. 

dieser  Handschrift  wird  gebildet  von  der  märkisch-clevischen  Chronik 
des  Gert  van  der  Schuiren,  die  von  Tross  nach  jüngeren  Handschriften 
(Hamm  1824)  herausgegeben  ist.  Es  ist  jedenfalls  die  Originalhand- 
schrift des  Verfassers,  die  wir  hier  vor  uns  haben,  wie  unter  Anderm 
daraus  hervorgeht,  dass  es  in  der  Dedikation  ursprünglich  nur  hiess:  Gert 
uwer  gnaden  huusgcsinde  und  dass  die  für  den  Herzog  überflüssigen 
specielleren  Bezeichnungen  van  der  Schuiren  und  Secretarius  erst  nach- 
träglich zugeschrieben  sind.  Ueber  dem  mit  dem  clevischen  und 
märkischen  Wappen  verzierten  Initial  steht  die  Jahreszahl  A^lxxi 
d.  h.  (14)71;  rechts  daneben  von  jüngerer  Hand:  Libcr  Illmi  D.  Ducis 
et  Cancellariae  Clivensis. 

Die  Chronik  endigt  auf  der  Vorderseite  des  130.  Blattes  mit  den 
Worten:  want  soe  hedden  sy  des  speels  eyn  eynde  gehat.  *)  Sodann 
folgt  die  subscriptio  von  späterer  Hand: 

Hucusque   Gerardus    vän   der   Schujren    Secretarjus   Ducum 
Adolphi*  et  Joannis.  Qui  morte  praeuentus  sie  vidctur  desijsse. 
Vixit  tarnen  adhuc  Ao.  1488.  1489. 
Die  folgende  Seite  von  fol.  130  enthält  sodann  folgenden  Titel 
für  die  auf  fol.  131  folgende  Fortsetzung: 
'  >  Supplementum 

Chronicae  praecedentjs  ex  Registris  alijsque  penes  Concellarjam 

Cliviensem  asseruatis  scriptis  obiter  collectum  per  L*.  Turck: 

SecrT  et  ßg.  Cjrca  Annum  Dnj  1607.    Completum  usque  ad 

obitum  Illmj    Principis  D.  Jois  Wilhelmj  Ducis  Clivjae  Juljae. 

Diese  Fortsetzung  schliest  auf  fol.  299,  nachdem  die  Erzählung 

bis   zum  Aussterben  des   herzoglichen  Hauses  fortgeführt  ist.    Nach 

dem  Amen   des  eigentlichen  Schlusses  folgt  noch  eine  Notiz  über  die 

überlebende  Wittwe  des  letzten  Herzogs   und   deren  Tod,   der  nach 

Teschenmacher  am  18.  August  1610  erfolgte. 

Joh.  Turck  hat  nun  aber  nicht  allein  eine  iFoitsetzung  der 
Schuiren'schen  Chronik  geschrieben,  sondern  auch  eine  Vorgeschichte 
zu  derselben.  Diese  ist  flnzweifelhaft  von  gleicher  Hand  wie  die 
Fortsetzung  auf  20  nicht  paginirten  Blättern  geschrieben  und  der 
Schuiren'schen  Chronik  vorgeheftet.  Sie  trägt  die  üeberschrift :  De 
antiqua  Clivjae  origine  et  de  rebus  in  his  partibus  eis:  et  trans  Rhena- 
nis  post  djvjsjonem  Orbis  a  Cymbris  Galljs  et  Romanis  vsqj  ad  tempora 
magnj  urj  Eljae  prjmj  Cljvensjum  Comitis  gestis  summarja  quaedam 
narratjo.    Dieser  üeberschrift  entsprechend  beginnt  die  Vorgeschichte 

]  ')  Das  schliessende  Amen,  das  Tross  noch  folgen  lässt,  fehlt. 


% 


* 


Epigraphische  Miitbeiluogen  aus  Clove.  231 

mit  Noe  und  schliesst  mit  Elias  Grail,  mit  dem  Schuiren  die  devische 
Chrouik  beginnt. 

Bemerkenswerth  ist  noch  folgender  der  Handschrift  vorgehefteter 
Zettel:  »Dis  Buch  ist  mir  vff  vielfaltig  erfordern,  Von  M.  Werner 
Teschemachern  am  25  octobris  1633  Vormiddag  geliefert,  welcher 
dabei  referirt,  das  ihm  dasselbe  Johannis  Turcken  Sohn  Henricus 
Turck  Ganonicus  zu  Cranenburg  gelehnt  habe.u  Unter  dieser  Notiz 
scheint  ein  Name  gestanden  zu  haben,  der  aber  ausradirt  ist,  so  dass 
eine  weitere  Verfolgung  der  Schicksale  der  Handschrift  nicht  möglich 
ist.  Teschenmacher  hat  dieselbe  vielfach  benutzt;  er  citirt  sie  jedoch 
im  Syllabus  auctorum  nicht,  wohl  aber  die  Fortsetzung,  die  Joannes 
Turcus,  Gochensis,  Secretarius  et  Registrator  Clivensis  zur  Lower- 
mannschen  Fortsetzung  der  Schuirenschen  Chronik  lieferte,  und  die 
erst  mit  dem  Jahre  1590  begann.  Dagegen  sagt  der  spätere  Heraus- 
geber Teschenmachers  Dithmar  ausdrückhch: 

Quod  ex  ejus  (Lowermanni)  aliorumque  Scriptis  Joliannes  Turckius 
confecit  Supplementum  Chronici  Schurenii  quoque  possidemus.  Die 
zahlreichen  Gitate  aus  diesem  Supplementum  beweisen,  dass  er  das 
Supplement  der  Setheschen  Handschrift  meint;  ob  er  indessen  diese 
selbst  oder  eine  Copie  derselben  benutzt  hat,  wird  sich  schwerlich 
entscheiden  lassen;  unbedeutende  sprachliche  und  orthographische  Ab- 
weichungen kommen  in  den  wörtlichen  Citaten  allerdings  vor^  können 
jedoch  ebenso  gut  dem  Citator  wie  einem  Abschreiber  zugeschrieben 
werden. 

Diese  Chronik  hat  nun,  wie  Brambach  richtig  vermuthete,  einen 
nicht  unerheblichen  Werth  für  die  rheinische  Epigraphik.  Es  beruht 
derselbe  vor  Allem  darauf,  dass  Turck  in  der  Vorgeschichte  zur 
Schuirenschen  Chronik  genaue  Zeichnungen .  von  13  Steinen  liefert,  die 
bis  auf  2  jetzt  vedoren  sind.  Nachdem  er  nämlich  über  die  Varus» 
Schlacht  unter  Berufung  auf  Lipsius  comment  ad  Tacitum  berichtet, 
fährt  er  auf  Fol.  4  seiner  Vorgeschichte  fort: 

Dese  yorgevürte  Nederlag  der  Romeinern  hatt  den  Keyser  Augu- 
stum  hoch  bekümmert  vnd  vmb  der  Deutschen  auerfall  to  begegnen 
die  CASTRA  VETERA  oder  Aldeburg  bei  Santen  (dauon  die  Funda- 
menta  jm  feldt  noch  gesehen  werden)  also  befestiget,  dat  euer  die 
twee  Legionen  dat  sein  XHImCCCXXXH  *)  bewerther  Krigsleuth  darin 
leggen  kunnen,  auch  aldair  auer  Rhin  ein  Brügg  vnd  opt  höchst  van 


^)  Als  Starke  der  Legion  wird  also  die  Zahl  6666  angenommen. 


L       


2S2  Epigraphische  Mittheilungen  aus  Geve. 

dem  Bergh  (dair  dat  Cloister  furstenberg  vmbtrint  dat  Jahr  CHRISTI 
1122.  gebauwet  vnd  von  S.  Noriberto  Epö  Magdenborgensj  in  honorem 
patrjae  dotirt  ist),  ein  groet  Praetorjum  oder  Pallas  getimmert  als 
ouk  dat  Läger  leg  an:  vnd  vnter  Monderberg  sich  ertreckt.  Inmaten 
die  Romeiner  an  diesen  ortten  mit  starken  guarnisonen  vnd  Kreigsvolck 
sich  statig  gehalten,  wie  die  aide  gebauw  jn  der  erden,  golde  vnd 
Silbere  Pfenningen,  heidensche  bilder^  Altaren  vnd  dero  Inscriptiones, 
lampen,  GrsJstein^  Urnae,  Tichellstein,  darin  die  Romische  Legiones 
jngedruckt  stain,  Vtensilja  domus.  vnd  andere  Antiquiteten  so  aldair 
jn  groeter  mennigte  gefunden  sein  vnd  taglichs  mehr  vnd  mehr  ge- 
funden werden,  solchs  genugsamb  vthweisen,  daruan  ouk  allnoch  eine 
schöne  Vma  van  xxviil  colhiischer  maten  vp  dat  fürstliche  huys 
Cleve,  vnd  ander  stucken  fürhanden. 

Auf  Fol.  V,  VI  und  VII  folgen  sodann  ausgeführte  Tuschzeich- 
nungen, und  zwar  zunächst  jener  Urne,  einer  Amphora  mit  Spitze 
zum  Feststellen  gewöhnlicher  Form,  sodann  von  folgenden  Steinen 
mit  Inschriften:  Fol.  Va:  C.  I.  Rh.  i.  spur.  19;  219.  Vb:  (209)  Fol. 
Via:  202,  201,  1970,  1969.  Fol.  VIb  i.  sp.  11:  1968a;  218;  1968; 
212;  inscr.  ined.  Fol.  VII  a:  151. 

Wir  werden  die  Beschreibung  dieser  Zeichnungen  am  passendsten 
beginnen  mit  den  beiden,  deren  Originale  noch  vorhanden  sind,  da 
sich  so  am  leichtesten  ein  Urtheil  über  die  fides  Turcks  wird  gewinnen 
lassen.  Es  sind  die  Inschriften  G.  I.  R.  251  und  202 ;  beide  befinden 
sich  jetzt  in  der  Sammlung  der  bonner  Universität  und  sind  auf  der 
westlichen  Seite  des  Cabinets  eingemauert.  Wir  stellen  Brambachs 
Lesungen  derselben  neben  die  Turcks. 


■^ 


Epigraphieohe  Mittheilungen  aus  Cleve.  233 

151.  Brambacb. 
IN  H  D/b  PRO 
S  ALVTEj/iMP  •  SEVERI 
ALE  >y^N  D  I  R  I  •  A  V C  •  DEo 
APO^LINIDYSPROLV  S 
OyC  Q  •  D  E  •  M  I  L  I  TES  LEG 
XXX- VVP  F  SVB-  CVRA 
ACENTTFAPRI-COM 
MODIAN  •  LEG  •  AVG  •  P  •  P  •  ET 
CA  AN  VTMODEST  LEG 
LEG • SEPT  M VCATRA 
IMAG  ETSEPTCALLVS 
ETSEPT-  MVCATRA-  ET 
SEPT-DEOSPOR-ETSEPT 

SAM  MVST- SEPT-  MCAT^A 

CANDIDATIV-  S  •  L  •  M 

MAXIMO- tET-AELlANO 

~  COS 

Turck. 
I  N      H  •  D      D  -  PRO 


SALV    TE    IMP   SEVERI 
ALEXANDIRI  •  AVG  DEo  • 
APOLLINI  •  DVSEROLVS 
OIODfe  -  MILITES  -  LEG 
XXX  -  V  •  V  -  E  -  SVB  -  CVRA  - 
AGENT  •  T  •  E  •  APRI  •  COM 
MODIAN  •  LEG  -  AVG  •  P  •  P-T 
CAAV  Vt  •  MODESi     LEG 
LEG  -  SEPT     MVCATRA  • 
EMAG  •  ET  •  SEPT  •  CALLVS  - 
ET  -  SEPT  •  MVCATRA  •  ET 
SEPT  •  DEOSPOR  •  ET  SEPT 

SAMMV^Sl  SEPT  -  I^CAM  • 
CANDIDATI  •  V  •  S  ♦  L  •  M  • 
MAXIMO  •  II  ♦  liELIANO 

COS 


L 


234  EpigrapbiBche  Mittheilangen  aaa  Cleve.  4^ 

Die  Vergleichung  dfeser  beiden  Lesungen  und  des  Originals  er- 
gibt folgendes  Resultat. 

Z.  1.  Die  Stellung  der  einzelnen  Buchstaben,  insbesondere  der 
grosse  Zwischenraum  zwischen  D  und  PRO  ist  bei  Turck  ganz  genau 
mit  dem  Original  übereinstimmend;  der  bei  Brambach  fehlende,  bei 
Turck  stehende  Punkt  nach  dem  2.  D  ist  unzweifelhaft  im  Original 
vorbanden. 

Z.  2.  Da  die  obere  linke  Ecke  jetzt  dem  Steine  fehlt,  lässt  sich 
nicht  constatiren,  ob  der  Punkt,  den  Turck  fälschlich  nach  Y  hat^ 
durch  den  Zustand  des  Originals  indicirt  war. 

Z.  3.  Brambach  hat  mit  Recht  nach  AVG  einen  Punkt  gesetzt; 
dagegen  lässt  das  Original  am  Schlüsse  dieser  wie  der  übrigen  Zeilen 
den  Punkt,  den  Turck  fast  überall  angibt,  nicht  erkennen.  Da  aber 
die  Kante  des  Steins  gelitten  hat,  so  ist  es  durchaus  möglich,  dass 
diese  Punkte  früher  vorhanden  waren.  Dass  derselbe  in  dieser  Be- 
ziehung keineswegs  ganz  willkürlich  verfuhr,  geht  insbesondere  daraus 
hervor,  dass  Z.  4  der  Punkt  fehlt,  trotzdem  er  jedenfalls  nicht  ge- 
sehen hat,  dass  hier  nach  dem  S  kein  Wortschluss  ist. 

Z.  4  stimmt  Brambachs  Lesung  mit  dem  Original  überein,  nur 
habe  ich  den  Punkt  nach  DYS  nicht  constatiren  können.  Hier  hat 
also  Turck  fälschlich  £  an  Stelle  des  P  im  Original.  Dieser  Fehler 
erklärt  sich  jedoch  sehr  leicht;  der  untere  Ansatz  des  P  ist  nämlich 
im  Original  etwas  breit  gerathen,  wie  dies  auch  sonst  auf  dieser  In- 
schrift mehrfach  vorkommt,  so  dass  der  Buchstabe  etwa  folgende  Ge- 
stalt hat:  P  und  von  einem  den  Sinn  der  ausserordentlich  schwierigen 
Inschrift  nicht  verstehenden  Leser  leicht  für  ein  E  gehalten  werden 
konnte.  In  der  Punktirung  nach  RO  und  LY  hat  Br.  unbedingt  Recht. 

Z.  5.  Der  Stein,  soweit  er  erhalten,  bestätigt  Brambachs  Lesart; 
Turck  hat  also  die  unteren  wagerechte  Striche  des  L  und  Q  ausge- 
lassen, ein  Fehler,  der  ebenfalls  durch  die  zu  Z.  4  bemerkte  Eigen- 
thümlichkeit  der  unteren  Buchstäbenansätze  leichter  erklärlich  wird. 
Der  Punkt  nach  Q  ist  von  Brambach  richtig  angegeben. 

Z.  6.  Auch  hier  hat  das  F  im  Original  einen  bedeutenden  An- 
satz, der  Turcks  E  erklärt. 

Z.  8.  Turck  hat  hier  die  Ligatur  ^t  übersehen  und  statt  ET 
fälschlich  die  Ligatur  J  angegeben. 

Z.  9.  Original :  "ELEG  :  daher  beruht  Turcks  Lesart  auf  einer 

Yerwechselung  des  sehr  nahe  gerückten  Punktes  mit  dem  mittlem 
Apex  eines  E. 


Epigraphische  Mittbeiluhgen  aus  Cleve.  285 

Z.  11.  Das  Original  hat  nach  dem  ersten  I  einen  zufälligen  Punkt, 
so  dass  das  I  folgende  Gestalt   hat:   L  und  Turcks  Lesart  E   nicht 

sehr  fem  liegt. 

Z.  14.    Br. :  ^  mit  der  Bemerkung:    a  sinistra  parte  punctum 

cum  "E  coaluit;  Turck:  3"  ;  Original  £,  d.  h.  Punkt  und  dann  Liga- 
tur von  "E  mit  starkem  Ansatz  nach  links. 

Z.  16.  Original:  OTE'T'AE.  Turck  erkannte  ganz  richtig,  dass 

nach  MAXIMO  eine  Bezeichnung  des  iterum  folgte.  Da  er  aber  die  eigen- 
thümliche  Ligatur  f  ==  II  nicht  kannte,  so  zog  er  den  Hauptstrich  des 
E  mit^ur  Zahlangabe  und  glaubte  das  E  durch  Ligatur  mit  I  ver- 
bunden, wobei  ihm  ein  Punkt  und  die  mehrtach  ei*wähntc  Unsicher- 
beit  der  Schrift  in  der  Unterscheidung  von  bedeutungslosen  Hauan- 
Sätzen  und  unterscheidenden  apices  zu  Statten  kam.  Dagegen  er- 
scheint die  Schreibart  Turcks  M  statt  AE  nur  durch  Raummangel 
hervorgerufen.  ^       _ 

Fassen  wir  das  Resultat  unserer  GoUation  zusammen,  so  finden 
wir,  dass  Turcks  Zeichnung  allerdings  nicht  frei  ist  von  Fehlern, 
dass  aber 

1)  die  Abweichungen  in  den  Buchstaben  sich  sämmtlich  aus  den 
Eigenthümlichkeiten  des  Originals  leicht  erklären;  dass 

2)  auch  die  Ligaturen  dem  Original  entsprechend  wiederge- 
geben sind,  abgesehen  von  drei  Fällen,  in  denen  die  Ligatur  von  dem 
Laien  sehr  schwer  erkannt  werden  konnte  (Z.  5,  8,  16)  und  zwei 
Fällen,  wo  er  aus  Raummangel  zu  allgemein  übUchen  Ligaturen  ge- 
griffen, die  das  Original  nicht  hat;  dass  endlich 

3)  auch  die  Punktation  nicht  richtig  wieder  gegeben  ist;  bedeu- 
tende Fehler  finden  sich  nur  in  Z.  4  und  5  an  einer  dem  Zeichner 
unverständlichen  Stelle. 

Im  Uebrigen  ist  über  Turcks  Zeichnung  des  Steins  noch  zu  be- 
merken, dass  seine  Darstellung  der  allgemeinen  Form  desselben  fast 
genau  mit  dem  Original  übereinstimmt  (Orig.-Höhe  der  mittleren 
Schriftfläche  34  cent,  Breite  26,5;  Zeichnung:  Höhe  7,6  cent.  Breite 
5,6),  und  dass  der  jetzt  sehr  verwitterte  und  beschädigte  Kopf  des 
Steins  doch  noch  ganz  deutlich  die  Ornamentirung  erkennen  lässt,  die 
Turcks  Zeichnung  darbietet. 

Endlich  ist  noch  bemerkenswerth,  dass  neben  der  Zeichnung  des 
Steins  folgende  Bemerkung  von  Turcks  Hand  sehr  sorgfältig  mit  rother 
Dinte  eingetragen  ist: 


k. 


\.4. 


2S6  Epigraphisofae  Mittheilangen  ans  Geve. 

Altare  bei  dem  Ehrwürdigen  Hern  Lubbarth  van  Gartzfelt  De- 
chant  zu  Santen. 

Berücksichtigt  man  alle  diese  Umstände,  so  wird  man  mit  Noth- 
wendigkeit  hingeführt  zu  der  Annahme,  dass  Turck  das  Original  selbst 
gesehen  und  abgezeichnet  hat,  und  zwar,  wenn  auch  nicht  mit  der 
Akribie  eines  fertigen  Epigraphikers,  doch  mit  dem  entschiedenen  Be- 
streben, ein  möglichst  zuverlässiges  und  im  Einzelnen  wie  im  Ganzen 
getreues  Bild  des  Originals  zu  liefern. 

Da  nur  dieser  eine  Stein  als  beim  Dechanten  von  Gartzfeld  be- 
findlich bezeichnet  wird,  dieser  also  kein  Sammler  war,  so  wird  man 
den  Stein  unbedenklich  als  einen  aus  Xanten  oder  dessen  nächster 
Umgegend  herrührenden  betrachten  dürfen. 

Der  zweite  noch  erhaltene  Stein,  den  Turck  abgezeichnet  hat, 
ist  C.  I.  R.  202 

Turck. 

I  •      O  •      M  • 
MARTIVS 
VICTOR 
SIC     LEG    XXX  VV- 
SEVERIANiE 
ALEXANDRI- 
P  •  F  •  V  '  S  •   L  M  ' 
ACRICOLA  '  ET  •  CLE        ACRICOLA  ETCLE 
MENTIANO  •  COS  •         MENTIANO  •  COS  • 


Brambach. 

1 

O 

• 

M  • 

M 

A     R 

T     1 

V 

S 

V 

1       C 

T 

0 

R 

SIC  •  LEG 

XXX 

V 

•V 

S 

EVE 

R   1    A 

N 

M 

A 

LEX 

A    N 

0 

R  1 

P 

•  F  •  V  • 

S  •   L 

• 

M  • 

In  der  Lesung  finden  sich  nur  folgende  Differenzen: 

Z.  4.  Br.  V,  T.  V  •.  Der  gegenwärtige  Zustand  des  Originals  ge- 
\'  stattet  nicht  mehr,    zu  unterscheiden,    ob  an  dieser  Stelle  ein  Punkt 

gestanden. 

Z.  6  findet  sich  am  Schluss  dieselbe  Differenz;  das  Original 
scheint  mir  hier  entschieden,  wenn  auch  in  etwas  undeutlicher  Weise, 
den  von  Turck  angegebenen  Punkt  erkennen  zu  lassen. 

Z.  7.  Der  von  Bramb.  nach  L  angegebene  Punkt  ist  im  Original 
deutlich  vorhanden^  ebenso  die  Z.  8  nach  A  und  T  angegebenen. 

Eine  weitere  kleine  Differenz  liegt  in  der  von  Turck  gezeichneten, 
von  Br.  vernachlässigten  EinrUckung  des  Namens  VIGTOB  Z.  2.  Das 
Original  stimmt  hier  genau  mit  Turck  überein.  Ebenso  finden  sich  an 


Epigrapbisohe  Mitiheiiungen  aus  Cleve.  237 

demselben  deutliche  Spuren  der  von  Turck  gezeichneten  schneckenför- 
migen Ornamentirung  des  Kopfes.  Die  Schriftfläche  des  Originals  ist 
43,5  c.  hoch,  34  c.  breit;  Turcks  Zeichnung  4,3  c.  hoch,  3,8  c.  breit. 
Turck  hat  also  nur  3  Punkte  übersehen,  sonst  aber  eine  völlig 
correcte  Zeichnung  geliefert,  in  der  weder  in  Ligaturen  noch  in  der 
Stellung  der  Buchstaben  zu  einander  Abweichungen  vom  Original  vor- 
kommen. Er  ist  also  bei  dieser  Zeichnung  entschieden  genauer  als  bei 
der  von  Nr.  151.  Ich  glaube  dies  zwei  Umständen  zuschreiben  zu 
müssen : 

1)  Der  Text  der  Inschrift  ist  einfacher  Natur  und  war  offenbar 
dem  Zeichner  vollkommen  verständlich,  ein  gewiss  bedeutungsvolles 
Moment  bei  allen  nicht  rein  mechanischen  Reproductionen  von  In- 
schriften. 

2)  Der  Stein  war  dem  Zeichner  bedeutend  leichter  zugänglich 
als  Nr.  151.  Es  steht  nämlich  neben  der  Zeichnung  mit  rother  Dinte 
sorgfältig  eingetragen  die  Notiz: 

Antiquiteten  bei  dem  Hern  zu  Wissen. 

Wissen  ist  ein  bei  Weege  gelegenes  Schloss,  welches  schon  im 
16.  Jahrhundert  bei  Teschenmacher  mehrfach  genannt  wird,  als  im 
Besitze  der  Herren  v.  Loe  befindlich,  einer  hervorragenden  devischen 
Adelsfamilie,  deren  jetziges  Haupt,  der  Kgl.  Kammerherr  Graf  Max 
V.  Loe,  noch  gegenwärtig  dieses  Schloss  bewohnt.  Es  ist  von  Goch, 
dem  Geburtsorte  Turcks,  nur  1  Stunde  entfernt  und  stand  zu  dem- 
selben in  ganz  besonders  nahen  Beziehungen,  da  die  Herren  v.  Loe 
herzogliche  Praefecti  Gochenses  waren,  so  dass  Teschenmacher  ^)  einen 
Franciscus  a  Loe,  Dominus  in  Wissen  auch  geradezu  Gochensis  nennt. 
Es  konnte  daher  Turck  nicht  an  Gelegenheit  fehlen,  die  Wissenschen 
Steine  aufs  sorgfältigste  abzuzeichnen.  Dagegen  ist  es  sehr  leicht  mög- 
lich, dass  die  Umstände  für  die  Zeichnung  des  einzigen  in  Xanten 
aufbewahrten  Steines,  die  Turck  mittheilt,  weniger  günstig  waren. 

Nachdem  wir  so  zur  Beurtheilung  der  fides  der  Turckschen  Zeich- 
nungen einige  Anhaltspunkte  gewonnen,  folgen  wir  in  der  Betrachtung 
der  übrigen  Zeichnungen  der  Keihenfolge  der  Handschrift. 

Fol.  V,  Seite  1  findet  sich  oben  links,  wie  schon  erwähnt,  die 
Zeichnung  der  auf  dem  clever  Schloss  befindlichen  Amphora;  rechts 
daneben  der  Fuss  einer  Statue  mit  einem  Theile  des  Schildes  auf  einem 
Postament,  welches  folgende  Inschrift  trägt: 


^)  P.  342  d.  Fnmkf.  Ausg.  zum  Jahre  1562. 


238  Epigraphische  Mittheilangen  aus  Cleve. 

MARTI  •  SACRVM   C  •   IVL 


ANNAUS  '  CA     LEG    XXX  •  W 
P  •  F  •  IN  HONOREM    CIVIVM  - 
D  •  D  •    L   M   • 

Bei  Brambach  findet  sich  dieselbe  als  Nr.  19  der  inscr.  spuriae 
in  folgender  Stangefol  entlehnter  Form: 

marti  •  sacrum  •  c  •  iul  •  c  •  a  •  leg  |  XXX  •  V  •  V  •  p  *  f  • 
in  honorem  |  civium  d  •  d  •  1  •  m  • 

Er  bemerkt  dazu:  1—3  versus  aliter  exhibet  Gelenius.  1.  iul. 
annalis.  c.  fl  [an  h?]  leg  Gel. 

Ich  weiss  nicht,  was  den  scharfsinnigen  Herausgeber  der  Rhei- 
nischen Inschriften  bewogen  hat,  diese  Inschrift  unter  die  inscr.  spuriae 
zu  vei*setzen,  und  hoffe,  dass  die  zu  erwartende  berliner  Ausgabe  sie 
wieder  ehrlich  machen  wird. 

Zunächst  nämlich  scheint  es  mir  gänzlich  undenkbar,  dass  der 
von  Turck  so  genau  gezeichnete  Stein  nicht  wirkliche  existirte.  Zeich- 
nete er  in  den  zwei  controllirbaren  Fällen  gewissenhaft  nach  dem 
Original,  so  ist  auch  anzunehmen,  dass  er  es  in  diesem  ganz  gleich- 
artigen  nicht  mehr  controllirbaren  Falle  that.  Allerdings  gibt  Turck, 
wie  wir  später  sehen  werden,  auch  Inschriften,  deren  Original  er  of- 
fenbar nicht  kannte  (Fol.  VII,  Seite  2),  aber  hier  gibt  er  auch  aus- 
drücklich seine  Quelle  an  (Ex  chronica  Ger:  Juliacen  Secret:)  und 
liefert  nicht  ausgeführte  Zeichnungen,  sondern  einfache  Textabschriilen. 

Es  bliebe  also  nur  die  Annahme  übrig,  dass  der  Stein  zwar  wirk- 
lich existirte,  aber  nicht  römischen  Ursprungs,  sondern  in  betrüge- 
rischer Absicht  in  späterer  Zeit  angefertigt  war.  Ich  wüsste  aber 
nicht,  was  zu  dieser  Annahme  berechtigen  könnte,  da  ich  im  Text 
desselben  nichts  finde,  was  von  den  sonst  bekannten  Formen  römischer 
Weihinschriften  abwiche.  Nur  die  Formel  in  honorem  civium  weiss 
ich  nicht  zu  belegen,  da  indessen  in  honorem  mit  dem  Genitiv  eines 
Eigennamens  auch  sonst  vorkommt  (z.  B.  Orelli-Henzen  III  5705), 
so  sehe  ich  in  dieser  Widmung  dzu  Ehren  der  Mitbürgent  nichts  An- 
stössiges;  ein  weiteres  Analogen  bietet  ja  auch  der  bekannte  Clevener 
Mars- Cumulus- Altar  in  dem  0  •  C  •  S  (ob  cives  servatos).  Wie  sollte 
aber  ein  niederrheinischer  Falsarius  in  damaliger  Zeit  an  das  seltene 
G  '  A  (custos  armorum)  kommen,  das  nach  Brambach  ja  sonst  im 
Rheinland  sich  nur  noch  auf  drei  oder  vier  oberrheinischen  Steinen 
(1024,  1294  Mainz,  1762  Rossberg  (?)  1836  Weissenburg)  findet?    ~ 


\ 


Eptgrapbisobe  Mittbeilangen  aas  Cleve.  289 

'  Wir  halten  also  an  der  Echtheit  dieser  Inschrift  fest  und  glau- 
ben, dass  der  Stein  sich  zu  Turcks  Zeit  auf  dem  Clevener  Schloss 
befand,  wo  ja  nach  den  oben  citirten  unmittelbar  vorhergehenden 
Worten  Turcks  nicht  nur  die  Vrna^  sondern  auch  )>  andere  stucken 
fürhanden»  waren.  In  Bezug  auf  die  Lesung  der  Inschrift  wird  jeden- 
falls in  Zukunft  Turcks  Zeichnung  ausschliessliche  Grundlage  bilden 
müssen.  Stangefol  mit  seiner  falschen  Reihenabtheilung  und  seiner 
Auslassung '  des  Gognomens  Annalis  schöpfte  offenbar  aus  sehr  trüber 
Quelle  und  Gelens  Lesung  geht,  sei  es  direct,  sei  es  indirect,  auf  die 
Turcksche  Handschrift  zurück.  Die  eigenthümliche  Lesart  fl,  die  der- 
selbe in  Z.  2  hat,  erklärt  sich  einfach  daraus,  dass  das  A  in  Turcks 
Zeichnung  oben  sehr  breit  gerathen  ist  und  unten  rechts  einen  stark 
entwickelten  Fussansatz  hat,  so  dass  ein  oberflächlicher  und  vielleicht 
falsch  interpretirender  Abschreiber  darin  ein  nahe  aneindergerücktes 
FL  sehen  konnte. 

Unmittelbar  neben  dem  Reste  der  Figur  steht  eine  kleine  Zeich- 
nung eines  fragmentarischen  Kopfes  auf  einer  Platte;  vermuthlich  ist 
es  ein  auf  dem  Schilde  dargestelltes  Gorgoneion. 

Unter  der  Uma  in  der  Marsstatue  befindet  sich  auf  derselben 
Seite  noch  eine  sehr  sorgfältige  Zeichnung  des  Matronensteines  C.  I. 
R.  219.  Die  perspektivische  Darstellung  lässt  die  Fronte  und  die  linke 
Seitenfläche  vollständig  übersehen.  Auf  der  Vorderseite  sind  die  drei 
sitzenden  Matres  in  der  üblichen  Weise  dargestellt,  die  links  sitzende 
mit  zurückgeschlagenem,  die  beiden  anderen  mit  aufgerichtetem  Kragen 
des  langen  Gewandes.  Der  Stein  ist  an  der  rechten  oberen  Ecke  be- 
schädigt, so  dass  der  mittlem  Figur  der  Kopf  halb,  der  rechts  sitzen- 
den ganz  fehlt.  Die  Seitenfläche  lässt  eine  männliche  Figur  mit  einem 
Krug  und  darunter  eine  Amphora  mit  Blumen  erkennen.  Auch  zeigt 
die  Zeichnung  ganz  deutlich,  dass  die  linke  obere  Ecke,  jene  Figur 
der  Seitenfläche  und  fast  die  ganze  linke  Matrona  umfassend,  abge- 
sprengt und  wieder  aufgesetzt  war.  Die  Inschrift  steht  unter  den  Fi- 
guren der  Matres,  und  zwar  so,  dass  der  Anfang  MATRIBVS  auf 
einem  Inschrift  und  Figuren  trennend  vorspringenden  Gesimse  steht. 
Die  Inschrift  ist  folgende: 


■ 

..i 


240 


Epigraphiache  UiUbeilnngen  aas  Cleve. 


M      A 


Brambach : 
T      R      I      B 


V 


ANNANEPTIS 
Q  V  E  TTIVS  QVINTVS 
OFT  LEG  XXX  VVPFSA 
VSLM  MAXIMOET 
PATERNO      COSS 


Turck: 
MATRIBVS 


r' 

> 


r; 

r 


9^' 

Y''- 
& 


J'-T 


ANNA  NEPTIS- 
QVETI  VSQVINTVS- 
OPT  •  LEG  •  XXX  •  V  •  V  •  P  •  F  •  SA 
VSLM-  MAXIMO  ET 

PATERNo     COSS- 

t 
m 

Dieselbe  zeigt  voq  Brambach  folgende  Abweichungen : 

Z.  1.  MATKIBVS  nimmt  nicht  die  ganze  Breite  des  Steins,  son- 
dern nur  die  Mitte  desselben  ein. 

Z.  2.  Zwischen  dem  4.  und  5.  Buchstaben  ist  eine  bedeutende 
Lücke,  wie  sie  auch  Cuper  angibt.  Bei  der  grossen  Genauigkeit,  mit 
der  Turck  gerade  bei  diesem  Steine  auch  die  geringste  Beschädigung 
abgezeichnet  hat,  ist  jedenfalls  an  das  Fehlen  eines  Buchstaben  nicht 
zu  denken;  vermuthlich  ist  diese  auch  in  dqr  dritten  Zeile  (hier  frei- 
lieh  mit  Wortschluss)  wiederkehrende  Lücke  nur  durch  das  Streben 
nach  einer  symmetrischen  druppirung  der  Buchstaben  veranlasst  wor- 
den. Am  Schlüsse  der  Zeile  hat  T.  einen  Punkt. 

Z.  3.  Brambach:  VETTIVS,  Turck  VETIVS.  Mit  T.  stimmen 
auch  Crombach  und  Wiltheim  überein,  während  Gelen  und  Cuper  das 
T  verdoppeln.  Da  Gelens  Abweichungen  von  Turck  nur  auf  Schreib- 
fehlem beruhen,  so  bleibt  nur  Cuper  als  Zeuge  für  die  Verdoppelung 
stehen ;  ich  würde  hier  unbedingt  Turck  folgen,  da  mir  ein  so  aufifal- 
lender  Fehler  in  einer  mit  so  ausserordentlicher  Sorgfalt  gezeichneten 
Inschrift  undenkbar  scheint. 

Z.  4  stimmt  Turck  genau  mit  Brambach  überein;  von  einer 
Lücke  nach  SA,  wie  sie  Wiltheim  angibt,  kann  nicht  die  Kede  sein ; 


ImA^ — ->*- 


i 


Epigraphische  Mittheilangen  ans  Cle?e.  241 

auch  ist  ja  der  Text  durchaus  vollständig  und  verständlich,  da  SA 
offenbar  bedeutet:  Severianae  Alexandrianae,  genau  wie  auf  dem  ein 
Jahr  älteren  Steine  des  Tertinius  Vitalis  (Nr.  146),  während  auf  dem 
3  Jahre  älteren  des  Martins  Victor  (Nr.  202)  diese  Beinamen  der  30. 
Legion  fast  ganz  ausgeschrieben  sind.  Uebrigens  ist  das  S  bei  Turck 
sehr  in  die  Breite  gezogen,  so  dass  das  von  Cuper  angegebene  B  nicht 
gerade  sehr  fern  gelegen  zu  haben  scheint. 

Z.  5  hat  Turck  nach  VSLM  Punkte.  Obwohl  in  dieser  Hinsicht, 
wie  wir  sehen,  seine  Sorgfalt  nicht  gleichmässig  ist,  wird  man  doch 
auch  darin  ihm  folgen  müssen^  als  der  unbedingt  ältesten  und  besten 
Quelle  unter  den  für  diesen  Stein  vorliegenden. 

Schliesslich  ist  noch  zu  bemerken,  dass  auch  neben  diesem  Steine 
die  Bemerkung  steht:  Antiquiteten  bej  dem  Edlen  Hern  zu  Wissen, 
womit  Cuper  übereinstimmt,  dass  der  Stein  ex  arce  Wissens!  nach 
Cleve  gebracht  sei. 

Die  zweite  Seite  von  Fol.  V  ist  leer  geblieben.  Bei  genauer  Un- 
tersuchung entdeckt  man  indessen  auf  derselben  die  halb  verwischten 
Umrisse  eines  ersten  Entwurfes  zu  einer  Zeichnung  des  bekannten 
Cenotaphiums  des  M.  Caelius  Nr.  209.  Alle  wesentlichen  Theile  der 
Sculptureu  sind  erkennbar,  von  der  Inschrift  war  jedoch  noch  Nichts 
eingetragen.  Offenbar  bezieht  sich  der  Pluralis  »Antiquiteten«  bei  dem 
vorigen  Steine  auf  diesen  Stein  mit,  wie  denn  ja  auch  Dithmar  zu 
Teschenmacher  auf  Grund  einer  Marginalbemerkung  desselben  be- 
zeugt, dass  den  Stein  ehemals  Wesselus  L.  B.  de  Loe,  Dominus  in 
Wissen  besass. 

Demgemäss  werden  wir  auch  die  oben  rechts  auf  Fol.  VI  stehende 

Notiz  »Antiquiteten  bej  dem  Hern  zu  Wissen«  nicht  bloss  auf  den  zu- 

nächst,  obwohl  keineswegs    unmittelbar   daneben   stehenden  Stein  des 

Martins  Victor,  den  wir  oben  schon  behandelten,   zu  beziehen  haben, 

sondern  auch  auf  alle  folgenden  desselben  Blattes,  nämlich: 

C.  I.  R.  201 
Turck.  Brambach» 


M  A  T  R  1  B  VS 

M  A  T  R  1  B  VS 

BRITTIS- 

BRITTIS 

L  •  VAERIVS  • 

L  •  VALERIVS 

SIMPLEX  • 

SIMPLEX 

MIL  •  LEG      XXX 

MIL  •  LEG  •  XXX 

V  •  V  • 

V  •  V 

V  •  S  •  L  •  M 

VSLM 

16 


>». » 


242  EpigrephiBche  Mittheilungen  aus  Gleva. 

Es  finden  sich  hier  nur  folgende  Abweiehungen  von  Brambachs 
Recension,  die  aus  mehreren  sehr  erheblich  von  einander  abweichenden 
Quellen  erschlossen  ist. 

2?  2.  Der  kürzere  Name  BRITTIS  ist  eingerückt  und  hinter 
demselben  steht  ein  Punkt. 

Z.  3.  Brambach :  VALEBIVS  mit  der  Vermuthung,  dass  der 
Stein  eine  Ligatur  hatte:  VAiERIVS.  Er  hat  sich  dabei  nur  insofern 
geirrt,  als  nicht  A  und  L,  sondern  E  und  L  verbunden  waren:  £. 
Turck  sah  hier  offenbar  schärfer,  als  Cuper  und  andere,  die  VAERIVS 
lasen.  Am  Schlüsse  der  Zeile  hat  Turck  einen  Punkt,  ebenso  Z.  6 
nach  dem  zweiten  V,  dagegen  fehlt  die  von  Wiltheim  angegebene 
Linie  über  der  Zahl  XXX  bei  ihm.  Zu  der  in  einer  Quelle  angegebe- 
nen Ueberschrift :  I  *  0  *  M '  bietet  der  Stein  nach  Turcks  Zeichnung 
durchaus  keinen  Baum. 

C.  L  R.  1970. 
Turck:  Brambach: 

MATRIBVS  MATRIBVS 

FRISAVIS  PAIRNIS        TRISAVIS  •  PATER 

NIS 

Brambach  folgt  in  seiner  Recension  Wiltheim,  der  diese  und  die 
folgende  Inschrift  als  lecta  saxa  viro  doctissimo  Henrico  Turcio  be- 
zeichnet. Heinrich  Turck  ist,  wie  aus  den  früher  .angeführten  Zeug- 
nissen der  Sethe'schen  Handschrift  hervorgeht,  nicht  der  Chronist, 
sondern  der  Sohn  desselben,  Canonicus  in  Cranenburg,  der  Erbe  der, 
wie  WUT  sahen,  nicht  völlig  vollendeten  Handschrift  des  Vaters.  Es  ist 
daher  gewiss  anzunehmen,  dass  die  Sethesche  Handschrift  der  Arche- 
typus des  Wiltheimschen  Textes  ist  Dass  sie  von  diesem  in  Zeilenab- 
tbeilung  und  Punktation  abweicht,  wird  man  nicht  auffallend  finden, 
da  ja  jedenfalls  Zwischenglieder  anzunehmen  sind;  wohl  aber  kann 
auffiedlen  die  Differenz  im  Anfangsbuchstaben  der  matres;  WiUheim 
hat  wie  auch  Gelen  und  Aldenbrück,  von  denen  der  erstere  jedenfalls 
auf  Turck  zurückzuführen,  T,  Cuper  F.  Turck  hat  einen  Buch- 
staben, der  zunächst  den  Eindruck  einer  Ligatur  von  T  und  F  macht : 
"E.    Da  diese  undenkbar,  auch  bei  der  bedeutenden  Entwicklung,   die 

Turck  dem  untern  Strich  des  E  zu  geben  pflegt^  an  eine  Ligatur  von 
T  und  £  nicht  zu  denken,  so  wird  man  sich  für  F  oder  T  zu  ent- 
scheiden haben.  Ich  finde  es  sehr  begreiflich,  dass  diese  Entscheidung 
mehrfach  für  T  ausgefallen  ist,  muss  mich  aber  meinerseits  nach  ge- 


Epigraphische  Mittheilongen  aus  Gleve.  248 

nauem  Studium  der  Eigenthümltchkeiten  der  Turckschen  Schreibart 
für  F  entscheiden.  Turck  pflegt  bei  T  oben  links  kräftig  einzusetzen ; 
hier  jedoch  ist  das  keineswegs  der  Fall ;  vielmehr  ist  der  links  vom 
Hauptstrich  befindliche  Ansatz  durchaus  nicht  mehr  entwickelt,  als 
ihn  Turck  an  den  oberen  Ecken  von  I  E  F  B  P  B  M  auch  sonst  zu 
machen  pflegt  und  z.  B.  auch  bei  dem  gerade  darüber  stehenden  M 
gemacht  hat. 

,  Ich  halte  es  daher  für  keineswegs  unmöglich,  dass  auch  Cuper 
mit  seiner  Lesart  F  schliesslich  auf  Turck  zurückzuführen  ist  und 
dass  uns  in  der  Setheschen  Handschrift  der  Archetypus  der  ge- 
sammten  Tradition  über  diesen  Stein  vorliegt. 

Der  einfach  omamentirte  Kopf  des  Steines  war  nach  Turck  Wohl- 
erhalten, dagegen  nach  der  2.  Zeile  ein  Bruch  eingetreten,  durch  den 
der  weitere  Verlauf  der  Inschrift  verloren  gegangen  war.  Wenn  sich 
bei  Gelen  die  Angabe  findet,  dass  dieser  Stein  bei  Cöln  gefunden,  so 
ist  darauf  gewiss  kein  Ge.wicht  zu  legen,  da  sonst  nur  Xanten  als 
Fandort  der  Wissenschen  Steine  nachweisbar  ist 

C.  I.  R.  1969. 

Turck. 

MATRIBVS  ARSACIS  PA 
TERNISSIVE  MATERNIS 
M  •  AVR  •  LV  •  VERONIVS  VE 
RVS  •  PE  •  PRiEFECT  •  I  •  PRO  SE 
ET  •  SVIS  •  V  •  S  •  L  M  • 

Brambach. 

MATRIBVS  •  ARSACIS 
PATERNIS  •  SIVE  •  MATERNIS 
M  •  AVRELIVS  •  VERONIVS  •  VE 

RVS  •  PE  •  PRAEFECTI  •  PRO 

SE  •  ET  •  SVIS- VS-LM 

Brambach  folgt  auch  hier  Wiltheim,  der  aus  derselben  Quelle 
schöpfte,  wie  bei  der  vorigen  Inschrift,  d.  h.  eine  die  Zeilenabtheilung 
und  Ligaturen  ignorirende  Gopie  der  Setheschen  Handschrift  benutzte. 
Die  Lesart  AYRELIVS  (Z.  3)  muss  daher  nothwendig  als  Conjektur 
angesehen  werden,  und  zwar  als  eine  nicht  unbedingt  sichere,  da  in 
dem  überlieferten  LV  auch  eine  Tribusangabe  stecken  könnte. 


L 


244  Kpigraphische  Hitthtilangn 

Bemerkenswerth   ist    noch,  dass  C 
Ziehung  mit  Turck  übereinstimmt,  der 
ffohl  a]s  alleiniger  Urheber  der  ganzen  ' 
Der  Stein  war  mit  den  gewöfanlicli 
schmflckt,  doch  waren,  wie  die  Zeicfanan 
ches  nur  die  Füsse  derselben  erhalten. 
C.  I.  R.  Inser.  sp« 
Turck: 
I  ■  OM?C3SlC 
HVIVS  ■  Q  •  C^ 
VS ■   SECVNE 

Der  Stein  ist  oben  mit  einem  einfi 
unterhalb  der  3.  Zeile  abgebrochen.  Gi 
fast  genau  mit  Turck  flberein,  insbesond 
die  von  Turck  gezeichneten  drei  Zeilen 
auf  den  Bericht  eines  Lambert  van  der 
tion  noch  vier  weitere  Zeilen: 

leg  '  c  '  sereni  |  procos  '  galliae  | 
Henzen,  der  nur  in  dieser  Gestalt  ( 
Orelli  186  (III.  p.  28)  von  derselben :  s] 
Die  epigraphiscben  und  historischen  GrU 
hauptuDg  anführt,  beziehen  sich  sämmtlii 
Dieselben  erweisen  diese  als  Interp 
aus  nicht  die  Aechtheit  der  drei  ersten  ^ 
Eine  künftige  Sammlung  wird  daher  die 
unter  die  ächten  aufnehmen  müssen. 

Da  die  von  Lipsius  benutzte  Quelle 
lautere  und  unzuverlässige  war,  so  ist  jt 
der  Stein  e  ruinis  castri  antiqni  Qual 
wicht  zu  legen. 

C.  I.  K.  196£ 
Turck: 
CN  •  GARANT  Cl 
IVS  ■  CNE  •  VOL  IVi 
NEA^A  ■  MIL  •  LEG  NE 
XXI  •  STIPEN  XV  X> 
ANN  •  XXXV 


t . 


Epig^raphische  MittheiluDgen  aus  Cleve.  245 

Brambach  gibt  diese  Inschrift  auf  Grund  einer  Abschrift  Croni- 
bachs,  die  mitTurck  genau  übereinstimmt,  abgesehen  von  zwei  Stellen  : 

1)  Z.  2  hat  Crombach  die  Lesart  IVS  CN  •  F.  Ohne  Zweifel 
ist  diese  in  Bezug  auf  den  6.  Buchstaben  richtiger,  als  die  Turcks 
(und  Gelens) ;  indessen  ist  Turcks  Vereehen  sehr  leicht  erklärbar,  da 
Crombach  den  3.  bis  6.  Buchstaben  punktirt,  vermuthlich  also  der 
Stein  an  dieser  Stelle  beschädigt  war.  Was  den  Punkt  nach  IVS  be- 
trifft, so  spricht  die  Analogie  für  Turck. 

2)  Crombach  hat  den  Punkt  nach  NEMA  nicht;  auch  hier  wird 
man  Turck  zu  folgen  geneigt  sein. 

C.  I.  B.  218. 
Turck. 
HAVE  CALVENTI  •  CALV 
ENTIVS  TE  RESALVTAT  • 
C     CALVENTIVS  OMVI  • 
I   FIL  •  OVE  •  MED  •  HICSITVS 

EST  •  AN  •  XLIIX  MIL  •  LEG  •  V 
IP  •  XXIIX  •  ET  CONIVCI  ET  ■ 
•  3  FRATER  PRO  PIETATE 
COJSQVALES  MORS  H^C- 
APTA  EST- VIT  •  FELCES   QILI 
AR  •  PATRIA  •  DVLCIS  • 
ESE  •  SVA  • 

Crombach. 
HAVE    CALVENTI   CALV 
ENTIVS  TE  RESALVTAT 
C  •  CA  LV ENTIVS  OMVI 
IFIL     OVF  •  MED    HICSITVS 

EST   ANN   XLIIX  MIL- LEG  V 
STIP  ■  XXIIX  ET  CONIVGI  ET 
FllJO  FRATER  PRO  PIETATE 
COAEQVALES  MORS  HAEC 
SAPTAEST  VITFELCES   QIFL 
PATRIA  DVLCIS 
SE  SE  SVA 


..^..-Zi 


I 

I  V 

I 
! 

I 


>' 


r 


i 

1»  - 


246  EpigpraphiBohe  Mittheilangen  aus  Giere. 

Der  Kopf  dieses  von  Brambach  im  Rhein.  Museum  XX  p.  615 
zuerst  nach  Crombach  cdirten  Steines  zeigt  ein  Giebeldreieck  mit  zwei 
Nebendreiecken,  die  mit  Ornamenten  ausgefüllt  sind.  Die  Differenzen 
beider  offenbar  ganz  von  einander  unabhängiger  Traditionen  sind 
folgende : 

Z.  1  und  2  stimmen  abgesehen  von  zwei  Punkten  genau  über- 
ein; Z.  3  hat  Turck  wie  Crombach  das  unverständliche  OMVI///, 
welches  Brambach  wohl  richtig  in  Romuli  verbessert  hat.  Z.  4  ist 
OVE  fttr  OVF  ein  leichter  Lesefehler  Turcks,  dem  jedenfalls  die  Be- 
deutung des  Wortes  unklar  war.  Z.  5  hat  Turck  AN,  Crombach  ANN, 
wobei  die  Zählung  der  Buchstaben  für  letztere  spricht. 

Ausserdem  hat  Turck  in  der  Zahlenangabe  h  statt  L,  indem  er 
wohl  eine  zufallige  Verletzung  des  Steines  für  einen  Apex  ansah.  In 
Bezug  auf  Z.  7  und  8  bestätigt  Turcks  Zeichnung  die  Vermuthung 
Brambachs,  dass  die  punktirten  Buchstaben  bei  Crombach  auf  Con- 
jektur  beruhen;  die  Lesart  stimmt  in  diesen  Zeilen  wie  auch  in  der 
dritten  bis  auf  einige  Punkte  und  zwei  Ligaturen  (T.  in  coaequales 
und  haec  (Mj  C.  AE)  genau  überein.  Z.  9  hat  Crombach  an  der 
Bruchstelle  noch  ein  S  mehr;  da  dasselbe  bei  Turck  fehlt,  so  ist  es 
jeden&lls  als  unsicher  zu  betrachten.  Nach  FEL  hat  Turck  den  von 
Crombach  fälschlich  angegebenen  Punkt  nichts  vermuthlich  war  das  I 
durch  Ligatur  mit  dem  L  verbunden  (L).  Der  eigenthümliche  Schluss 
der  Zeile,  welche  bis  auf  den  Rand  des  Steines  sich  hinzieht,  stimmt 
wenigstens  nahezu  in  beiden  Quellen  überein,  da  Turck  Q I* L I*  und 
Crombach  Q'I'F'L  darbietet.  Brambachs  Conjektur  Quibus  wird 
also  durch  Turck  nicht  bestätigt;  es  wird  überhaupt  schwerlich  ge- 
lingen  den  Sinn  dieser  letzten  offenbar  sehr  verstümmelten  Zeilen  zu 
errathen,  wenn  nicht  etwa  Denkmäler  von  ähnlicher  Form  angeführt 
werden  können.  Z.  10  hat  Turck  vor  PATRIA  die  Buchstaben  AR, 
die  ich  für  ebenso  unsicher  halte,  wie  das  S  Crombachs  in  Z.9.  Z.  11 
hat  wiederum  Crombach  ein  S  in  der  Bruchstelle  mehr. 

Die  wesentlichste  Verschiedenheit  beider  Quellen  liegt  also  darin, 
dass  an  der  Bruchstelle  bald  die  eine,  bald  die  andere  einen  oder 
zwei  Buchstaben  mehr  bieten  zu  können  glaubt 

Es  liegt  unter  diesen  Umständen  nahe,  an  eine  fortschreitende 
Beschädigung  dieser  Stelle  zu  denken.  Crombachs  Recension  beruht 
auf  einer  ihm  aus  Xanten,  wo  1623  der  Stein  gefunden,  zugesandten 
Copie,  während  Turck  denselben  später  in  Wissen  gesehen  haben  wird. 
Die  Grombachsche  Quelle  ist  daher  als  die  ältere  anzusehen ;  da  in- 


B^r 


Epigraphiflohe  Mxitheilangen  aas  Gleve.  247 

dessen  an  einer  Stelle  auch  Turck  ein  wesentliches  Plus  darbietet,  so 
scheint  es  näher  zu  liegen,  die  Differenzen  auf  die  Beschaffenheit  des 
Steines,  der  ja  in  der  Nähe  des  Bruches  sehr  leicht  auch  auf  der 
Schriftflache  beschädigt  sein  konnte,  als  auf  den  geringen  Zeitunter- 
schied der  beiden  Quellen  zurückzufahren. 

Da,  wie  bemerkt,  dieser  Stein  erst  1623  gefunden,  sO  ergibt  sieb, 
dass  der  die  Inschriften  enthaltende  Theil  des  Mscr.  erst  nach  1623 
verfasst  sein  kann,  alsg  zwischen  1623  und  1633,  da  wir  in  diesem 
Jahre  bereits  die  Handschrift  in  fremde  Hände  übergegangen  sahen. 

1968. 
Turck: 

IVLFLI 

CIO 
PRO      SE- 
T  SViS  •  V  •  S  • 

Bis  jetzt  war  diese  Inschrift  nur  bekannt  durch  folgende  Cursiv- 
abschrift  Gelens: 

lulio  Flicio 

pro  se 
T  suis  •  VI   S 

Auch  diese  wird,  wie  die  sonstigen  Abschriften  Gelens,  auf  Turck 
zurückgehen,  ist  aber  in  willkürlicher  und  nachlässiger  Weise  ergänzt 
und  verändert. 

Was  die  Turcksche  Abschrift  betrifft,  so  zeigt  sie  uns  zunächst, 
dass  der  Kopf  des  Steines  abgebrochen  war;  vermuthlich  zeigte  der- 
selbe den  Namen  einer  Gottheit.  Ebenso  ist  noch  von  der  ersten  Zeile 
ein  Theil  weggefallen,  wodurch  das  Praenomen  des  Weihenden  ver- 
loren gegangen  sein  wird.  Das  Nomen  IVL  ist  nicht  ausgeschrieben; 
man  muss  jedenfalls  IVLIYS  (nicht  mit  Gelen  IVLioj  ergänzen.  Das 
Cognomen  ist  ohne  Zweifel  FELIGIO,  welches  auch  C.  I.  R.  916  vor- 
kommt. Vielleicht  war  das  E  ähnlich  wie  Z.  4  mit  dem  T  hier  mit 
dem  L  legirt:  3L  und  der  Punkt,  den  Turck  nach  F  hat,  wäre  dann 
ein  Rest  eines  Apex  des  E.  Zu  bemerken  ist  noch,  dass  das  I  in  SVIS 
nach  Turcks  Zeichnung  entschieden  als  i  longa  zu  ef kennen  ist. 

Neben  dieser  Inschrift  befindet  sich  die  Zeichnung  von  C.  I.  R. 
212  und  in  der  Mitte  unter  Beiden  folgender  mit  einfachen  Ornamen- 
ten geschmückter  Kopf  eines  Votivsteins : 


I 


1*' 

r 


248  Epigraphische  MittheiluDgen  aus  Cleve. 

FATIS 

A 

Dieses  Fragment  ist  bis  jetzt  nicht  bekannt  gewesen;  verinuth- 
lieh  hatte  Gelen  resp.  seine  Quelle  dasselbe  des  geringen  Umfangs 
wegen  übergangen.  Eine  Widmung  an  die  Fata  ist  sonst  nicht  selten 
(cf.  Orelli-Henzen  1771—76,  5788,  5789),  kommt  indessen  in  den 
Rheinlanden  nur  noch  einmal  vor  auf  einem  Kölner  Steine,  der  merk- 
würdiger  Weise  ebenfalls  nur  noch  das  Wort  FATIS  enthält.  C.  I. 
Rh.  322.  Man  könnte  daher  an  eine  Identität  beider  Fragmente  den- 
ken; indessen  gibtCrombach  ausdrücklich  an,  dass  er  dieses  im  Jahre 
1643  ausgegrabene  Fragment  in  St.  Ursula  in  Cöln  gefunden  habe; 
daher  scheint  mir  mit  Rücksicht  auf  eine  so  bestimmte  Angabe  eine 
Identificirung  doch  nicht  möglich  zu  sein.  Dagegen  liegt  sehr  nahe 
die  Vermuthnng,  dass  das  Turcksche  Fragment  den  Kopf  der  Weih- 
inschrift des  Julius  Felicio  bildete. 

Die  Form  des  Bruches  an  beiden  Steinen  ist  derart,  dass  eine 
Zusammenfügung  durchaus  nicht  unmöglich  scheint;  insbesondere  hat 
dieses  Fragment  unten  links  einen  Vorsprung  mit  einem  schwach  an- 
gedeuteten Rest  eines  Buchstabens  (und  zwar  vermuthlich  eines  M), 
der  sehr  wohl  in  der  Lücke,  die  der  andere  Stein  oben  links  hat, 
passen  würde.  Die  Breite  der  beiden  Steine  stimmt  in  den  Zeichnungen 
wenigstens  annäherjid  überein:  sie  beträgt  bei  dem  grösseren  Frag- 
ment 3,7  Centimeter,  bei  dem  kleineren  3,3.  Wir  würden  somit  fol- 
gende vollständige  Inschrift  erhalten: 

FATIS 
AAIVL     FeLI 

CIO 
PRO         SE 
T  SVIS    VS- 


212. 


Brambach. 

MARTI 
SACR  V  M 

VLP 
ATIDENVS 
RATORI      FC 


Turck. 

MARTI 
S  ACRVM 
VLP 
ATIDENVS 


Epigraphiflche  MittheUuDgen  aaft  Cleve.  249 

Die  Lesang  Brambacbs  beruht  auf  Crombach,  der  seinerseits  eine 
Abschrift  von  Xanten  her  erhalten  i  zu  haben  angibt,  wo  der  Stein 
gefunden  sei. 

Z.  3  hat  Turck  nach  V  und  L  Punkte,  jedenfalls  mit  Unrecht. 

Z.  4  ist  nach  der  Turckschen  Zeichnung  anzunehmen,  dass  1—2 
Bachstaben  im  Anfang  der  Zeile  weggefallen  sind.  Vermuthlich  ist 
daher  ATIDENVS  nur  ein  Theil  des  Cognomens. 

Z.  5  fehlt  bei  Turck.  Da  ein  gänzlich  willkürlicher  Zusatz  Seitens 
der  Xantener  Quelle  nicht  wahrscheinlich  ist,  so  vermuthe  ich,  dass  die 
Beschädigung  des  Steines,  als  Turck  ihn  in  Wissen  sah,  weiter  fort- 
geschritten war,  so  dass  diese  Zeile  nicht  mehr  vorhanden  oder  we- 
nigstens nicht  mehr  lesbar  war.  War  aber  Z.  4  im  Anfang  verstüm- 
melt, so  musste  es  nothwendig  auch  diese  Zeile  sein.  Es  könnte  also 
z.  B.  etwa  STRATOR  ursprüngliche  Lesart  sein,  in  welchem  Falle  in 
den  drei  letzten  Buchstaben  mit  Voraussetzung  einer  Verstümmelung 
auL  unteren  Theile  LEG  (d.  h.  Legati)  gefunden  werden  könnte.  Eine 
solche  Deutung  würde  jedenfalls  viel  näher  liegen  als  die  Annahme 
eines  C!ognomens  Batorus  (Brambach  p.  378). 

Auf  Fol.  VII  a  folgt  sodann  die  oben  behandelte  Inschrift  C.  I. 
Rh.  151. 


Im  Ganzen  bietet  uns  also  Turck  Zeichnungen  von  13  Steinen,  von 
denen  nur  zwei  sich  erhalten  haben.  Elf  dieser  Steine  sowie  das  Ke- 
notaphion  des  Legaten  M.  Caelius,  dessen  Zeichnung  er  nicht  mehr 
vollendete,  sah  er  auf  dem  Schlosse  Wissen.  War  bisher  nur  von  zwei 
Steinen  (209  und  219)  bekannt,  dass  sie  eine  Zeit  lang  in  Wissen  ge- 
wesen, so  erfahren  wir  nunmehr,  dass  dort  um  1630  eine  Sammlung 
von  mindestens  12  Inschriftsteinen  bestand,  dass  also  die  Sammlung  des 
Prinzen  Moritz  von  Nassau  keineswegs  die  erste  in  dortiger  Gegend 
war.  Die  weiteren  Schicksale  dieser  Sammlung  sind  leider  gänzlich 
unbekannt;  drei  der  ansehnlichsten  Denkmäler  derselben  (202,  219, 
209)  kamen  schon  im  Laufe  des  17.  Jahrhunderts  nach  Cleve,  viel- 
leicht als  Geschenk  des  Freiherrn  Wessel  von  Loe  an  den  grossen 
Churfürsten,  was  wenigstens  in  Bezug  auf  den  Gaeliusstein  (209)  be- 
zeugt ist.  Von  keinem  der  neun  übrigen  Steine  ist  ein  späterer  Auf- 
bewahrungsort nachzuweisen;   alle   bisher  bekannt  gewordenen  Ab- 


■  ^ 


260  Epigraphisobe  Mitiheilangen  ans  Giere. 

Schriften  derselben  gehen  allem  Anscheine  nach  entweder  auf  schedae 
zurack,  die  aus  der  Zeit  vor  Ueberfdhrung  der  Steine  nach  Wissen 
stammen,  oder  auf  den  Turckschen  Codex. 

Es  lag  daher  sehr  nahe,  weitere  Nachforschungen  über  Herkunft 
und  Verbleib  dieser  Steine,  wie  aber  die  Wissensche  Sammlung  über- 
haupt auf  dem  Schlosse  Wissen  selbst  anzustellen;  der  Kgl.  Kammer- 
herr Max  YonLoe  hatte  mir  bereitwilligst  seine  Mitwirkung  zu  diesem 
Zwecke  zugesagt,  indessen  ist  mir  durch  meine  sehr  bald  nachher 
eingetretene  Versetzung  in  eine  andere  Provinz  eine  weitere  Verfolgung 
dieser  lokalen  Forschungen  leider  unmöglich  geworden. 


Wie  schon  oben  erwähnt  worden,  beschränkt  sich  Turck  nicht  auf 
Mittheilung  von  Abzeichnungen  der  ihm  zugänglichen  Steine  der  Clever 
Gegend,  sondern  auf  Fol.  VII  b  theilt  er  auch  folgende  fdnf  Inschriften 
»Ex  Chronica  Ger:  Juljacen  Secret:  De  rebus  Juljacensjum«  mit: 

1.  (Bramb.  602.) 

M  •  ANTONIO  VICTORI 
FRONAMINIA  •  VXSOR  •  MOR  • 
SIBI  •  ET  MARITO  DE  SVO  POSVIT 

2.  (Bramb.  595.) 

C  •  F  L  A  V  I  O 
C  A  P  I  T  O  NS 
F  •  CONSTANT  • 

3.  (Bramb.  596.) 

DM- 
C  •  VESPASIANO 
VITALI 
AAACRINIA  •  AV  • 
VACAF.C- 


»♦ 


e 


Epigraphisohe  IfitUMilnngen  «u  CUve.  2(1 

4.  (Bramb.  588.) 

L  •  CASSIVS 

VERECVNDVS 
SIBI  ETLABITINIANAE 
MARTINE  VXORI  VIVOS 
FECIT  • 

5.  (Bramb.  601.) 

AAATRONIS  RVA^NEHABVS 

SACR  • 
L  ♦  VITELLIVS  CONSORS 
EX  POL  •  LEG  •  VI  •  VICTR  • 

Da  bereits  vier  Abschriften  dieser  JiUichschen  Chronik  resp.  ihrer 
Inschriften  durch  Bücheler  und  Brambach  bekannt  geworden  sind, 
bietet  dieses  fünfte  ziemlich  nachlässig  angefertigte  and  unvollständige 
Apographon  allerdings  kein  besonderes  Interesse  dar. 

Dagegen  liefert  uns  der  Schluss  der  Turckschen  Vorgeschichte 
noch  einen  interessanten  Beitrag  zur  lateinischen  Epigraphik.  Es  heisst 
nämlich  dort: 

Inscriptio  lapidis  sive  Saxj  antiquj,  quae  infra  Altare  in  Ecclesja 
de  Ryneren  habetur. 


•  •  • 


/WAR  •  IICAAAVLO  SACRVM  PRO  SALVTE 
CLAVDI  CiESARIS  VC'  CER/WANIdlMP  •  •  • 
VE •  S •  REMIQVI •  TEMPLVM  CONSTITVTVM  • 

Diese  Abschrift  des  bekanntlich  jetzt  auf  dem  Schlosse  zu  Gleve 
aufgestellten  Altars  ist  nämlich  dadurch  merkwürdig,  dass  nach  pro 
salute  nicht  das  Wort  TIBERII  folgt,  sondern  statt  dessen  eine  Lücke 
angedeutet  ist.  Hierdurch  erhält  die  von  Aschbach  und  Brambach  ge- 
billigte Yermuthung  Schneiders  (Jahrlf.  XVIII  p.  136),  dass  dieses 
Wort  interpolirt  sei,  eine  urkundliche  Bestätigung.  Und  zwar  ergibt 
sich  nunmehr  mit  Bestimmtheit,  dass  diese  Interpolation  nicht  aus  alter 
Zeit  herstammt,  sondern  erst  nach  Turcks  Zeit  ausgeführt  ist.  Offenbar 
ist  gleichzeitig,  wie  Brambach  richtig  vermuthet,  der  ganze  Stein 
restaurirt  forden,  und  erklären  sich  so  die  bedeutenden  sonstigen  Ab- 
weichungen Turcks   von   den  so  leicht  erkennbaren  jetzigen  Schrift- 


252 


Epigraphiflche  Mittheilungen  aus  Gleve. 


V  « 


Zügen  des  Steines.  Uebrigens  scheint  der  unbekannte  Restaurator,  ab- 
gesehen von  jenem  Tiberii,  überall  das  Richtige  getroffen  zu  haben. 

Wenn  wir  demnach  auf  Grund  des  Turckschen  Mscr.  die  Re- 
stauration des  Steines  für  eine  nach  1623—33  erfolgte  erklären  zu 
müssen  glauben,  so  ist  von  besonderm  Interesse  die  Frage,  welche 
Lesarten  denn  die  einzige  existirende  ältere  Quelle,  nämlich  das  Mscr. 
des  Martin  Smetius  auf  der  Leidener  Bibliothek  vom  Jahre  1588  dai- 
bietet.  Da  Brambachs  Notiz :  M.  Smetius  non  integram  descriptam  ac- 
cepit  hierüber  keine  Auskunft  gibt,  so  bat  ich  den  auswärtigen  Sekre- 
tär unseres  Vereins,  Herrn  Conservator  W.  Pleyte  in  Leiden  um  eine 
genaue  Abschrift  der  betreffenden  Stelle  des  Mscr.  Derselbe  erfüllte 
meine  Bitte  mit  der  grössten  Bereitwilligkeit  und  sandte  mir  fol- 
gende Gopie: 

MARTI    •    CAMVLO 
OB  •   SALVTEA/V  •  TIBERI 

CLAVOI  •  CAES  •  CIVeV  •  REMI 
TEMPLVM  •  CONSTITVE 

RVNT 

Diese  sehr  nachlässige  und  lückenhafte  Abschrift  des  Steines 
enthält  also  allerdings  schon  das  Wort  TIBERI,  und  zwar  mit  der 
richtigen  Genetivendung,  aber  mit  Punkten  bezeichnet,  die  vermuth- 
lich  bedeuten  sollen,  dass  das  Wort  Conjektur  ist. 

Somit  widerspricht  das  Mscr.  Smet  der  von  uns  aus  der  Turck- 
schen Abschrift  gezogenen  Folgerung  keineswegs. 

Jedenfalls  wird  die  Restauration  des  Steines  sehr  bald  nach  Turck 
vorgenommen  sein,  da  alle  späteren  Abschriften,  so  weit  sie  mir  be- 
kannt geworden,  die  jetzige  Beschaffenheit  desselben  voraussetzen  lassen. 


V" 


...» 


Somit  erweist  sich  die  Sethe'sche  Handschrift  in  verschiedener 
Hinsicht  als  eine  für  die  lateinische  Epigraphik  sehr  wichtige  Urkunde ; 
bietet  sie  auch  wenig  absolut  Neues  dar,  so  liefert  sie  doch  unzweifel- 
haft für  die  Kritik  einer  Reihe  niederrheinischer  Inschriften  ein  ganz 
neues  Fundament.  Hoffentlich  wird  auch  die  sonstige  Bedeutung  der 
Handschrift  bald  von  anderer  Seite  einer  eingehenden  Untersuchung 
unterworfen  werden. 


Sangershausen. 


Albert  Fulda. 


k. 


10.    Zur  Staurologie. 

Die  Sitte  auf  Märkten  und  an  Wegscheiden  monumentale  Kreuze 
zu  errichten,  lässt  sich  zwar  bis  ins  christliche  Alterthum  zurückfüh- 
ren*); aus  leicht  erklärlichen  Gründen  indess  sind  dergleichen  unter 
freiem  Himmel  errichtete  Kreuze  aus  älterer,  romanischer  Zeit  nur 
sehr  selten  bis  in  ujpsere  Tage  erhalten  geblieben,  und  diesseits  der 
Alpen  ist  vielleicht  das  Kreuz  auf  dem  alten  Markte  in  Trier  *)  sogar 
der  einzige  Repräsentant  dieser  ganzen  Gattung.  Dass  es  sich  in  der 
That  um  eine  besondere,  einen  eigenthümlichen  Typus  befolgende 
Gattung  handelt,  erhellt  aus  der  Vergleichung  mit  anderen  italieni- 
schen Beispielen,  deren  wir  zu  Bologna  eine  ganze  Reihe  näher 
kennen  lernen  aus  einer  mit  guten  Abbildungen  ausgestatteten,  zwar 
nicht  mehr  neuen,  aber  in  Deutschland  anscheinend  kaum  bekannt 
gewordenen  Abhandlung  des  Grafen  Giov.  Gozzadini^).  Es  befanden 
sich  in  früherer  Zeit  und  zum  Theil  noch  bis  zum  Ende  des  vorigen 
Jahrh.  viele  Steinkreuze  auf  den  Strassen  von  Bologna ;  sie  sind  seit- 
dem zu  Grunde  gegangen,  mehrere  wurden  jedoch  schon  frühzeitig  in 
Kirchen  übertragen,  weil  man  der  (übrigens  nicht  zu  begründenden) 
Tradition  zufolge  ihre  ursprüngliche  Errichtung   an  den  Thoren  der 


')  Pelliccia,  A.  A.,  de  christ.  ecclesiae  politia;  ed.  Bitter  1,  340.  — 
Rheinwald,  F.  H.,  Kirchl.  Archäologie  S.  407. 

>)  Abbild,  bei  £.  aus'm  Weerth,  Eunstdenkm.  I.  Taf.  LYI.  6  zu  8,  83. 
Vergl.  Kugler,  Kl.  Sehr.  2,  185.  —  Anch  in  Frankreich  ist  nur  ein  einziges 
£xemplar  bekannt :  das  Wegekreuz  von  Grisy  (Calvados),  abgebild.  bei  d  e 
Caumont,  Abecedaire  (4.  Aufl.)  1,  277. 

*)  Delle  croci  monumental!,  ch^erano  nelle  vie  de  Bologna  nel  secolo  XIII 
memoria  del  Conte  Giov.  Gozzadini.  Bologna  1863.  —  43  S.  4.  (Sonder- Ab- 
druck aus  den  Atti  della  Deputazione  di  Storia  Patria  per  le  provincie  di  Bo- 
magna.  —  Anno  II.) 


354  Zar  Staarologie. 

alten  ßoDonia  mit  der  Einfahning  des  ChriBtenthums  daselbst  in  Ver- 
bindung zn  setzen  gewohnt  war.  Die  Form  derselben  entspricht  im 
Wesentlichen  völlig  dem  Trierer  Marktkreuze:  es  sind  Säolen,  deren 
Schaft  mit  einem  Terhältnissmässig  kleinen  Ereaze  gekrönt  ist  Wenn 
die  Höhe  des  Trierer  Denkmals  anf  nngefäbr  lin,39  angegeben  wird, 
so  durfte  das  Krenz  selbst  etwa  dieselbe  Höhe  haben,  wie  die  Bolo- 
gneser Krenze,  deren  gröastes  l<n>02  hoch  ist.  Mehrere  der  letzteren 
sind  wie  das  Triersche  inschriftlich  datirt,  und  obgleich  danach  keines 
dieser  Denkmäler  bis  in  die  altchristliche  Periode  hinaufreicht,  so 
scheinen  sie  doch  dem  Typus  jener  ar^Xai  hiivixuti  *)  zu  entsprechen, 
welche  nach  Easebius  (de  landibns  Constanüni  c  9)  Gonstantin  der 
Gr.  ananaXav  ytjg  errichtet  hatte.  Während  die  Säxüe  in  Trier  auf 
dem  antiken  Granitschafte  einen  trichterförmigen  Kalksteinkranz  trägt, 
welcher  mit  eingemeisselter  romanischen  Palmettenverzierung  versehen 
und  mit  dem  Kreuze  selbst  aus  einem  Stocke  gehauen  ist,  steht  bei 
den  italienischen  Exemplaren  das  Kreuz  meist  nur  mittelst  einer  un- 
tergelegten achlichten  Kondplatte  auf  dem  Säulenschafte,  welcher  letz- 
tere in  mehreren  Fällen  ein  gestutztes  antik  römisch-korinthisches 
Capital  zur  Basis  hat,  wodurch  nach  sehr  wahrscheinlicher  An- 
nahme des  Grafen  Oozzadini  der  Sieg  des  Christenthums  über  das 
Heidenthum  bezeichnet  sein  soll.  Das  Material  ist  theils  Marmor  ver- 
schiedener Art,  theils  nur  Sandstein  (macigoo)  oder  Kalkstein.  Die 
Form  der  Kreuze  selbst  nähert  üch  mehr  oder  weniger  der  sogen, 
griechischen,  die  freien  Enden  der  Arme  verbreitem  sich  zuweilen 
krttcken-  oder  tatzenartig,  nirgend  aber  erscheint  eine  so  elegante 
Bildung  wie  an  dem  Kreuze  in  Trier,  welches,  aus  dem  Quadrate 
durch  Hohlkehlen  ausgeschnitten,  etwa  spätromanischem  Geschmacke 
entsprechen  dtlrfte. 

Mit  alleiniger  Ausnahme  eines  schlichten  Tatzenkreuzes,  welches 
urspranglich  in  der  Nähe  der  ehemaligen  Kirche  S.  Ambrogio  zu  Bo- 
loga&  zur  Bezeichnung  des  Ortes  errichtet  war,  wo  man  gegen  Ende 


■)  Felliacift  L  o.  übersetzt  pkraphrutitob :  ColumnBlUe  trinmphslM, 
craoe  inaigniUe ;  Zimm  e  rmanu  (Easeb.  hiit.  ecol  gr.  et  kt.)  dagegen:  Arcaa 
trinmpbalsa  (?).  Dia  SteUe  lautet  vollständig:  Toüi^  tö  nävtiav  ayaAtiv  Tliof, 
oittifti  XS^°<  ßaailtii  änodidovt,  nnowo;foC  y^r  OTijiaf  tntnxlot/s  ISgüno,  nlovaUf 
xnl  ßaaiXti^  X"C^  ^^^^  "^  Ttft/vri  Irgä  it  TT^atuxi^n  awlaiaaSta  tmi  näai 
Jutxiitvö/ttvo!.  Danach  ist  ea  freilich  möglieb,  dats  unter  den  oj^^bs  tmvixiovs 
lediglich  die  viüs  xal  icfi^  tu  7eratehen  sind,  und  man  „monnmenta  trinm- 
phalia"  ta  ObersetSen  hat. 


Zur  Staorologie.  256 

des  K.  Jahrh.  die  Gebeine  des  h.  Proculus  aofgefunden  hatte,  sind 
sämmtliche  Exemplare  entweder  symbolisch  oder  historisch  (d.  h.  als 
Gmcifixe)  decorirt,  und  bei  dem  ikonographischen  Interesse  dieser 
freilich  mehr  oder  weniger  rohen  Darstellungen,  gestatten  wir  uns  eine 
kurze  Uebersicht  der  einzelnen  Denkmäler. 

1.  In  S.  Grovanni  in  Monte  zu  Bologna  ein  sich  der  heraldischen 
Erückenform  annäherndes,  cordonirtes  Marmorkreuz,  welches  auf  einer 
Seite  mit  einfachen  Blattwindungen  en  bas-relief  geschmückt  ist,  die 
sich  auf  der  anderen  wiederholen,  nur  dass  hier  oben  das  Bild  einer 
Taube  hinzugefügt  ist,  die  an  einer  Weintraube  pickt,  und  unten  die 
Inschrift:  f  ^^^  ^^'  renova.  crux  temporibus  dom.  Vitale  epsc,  wo- 
nach also  das  Kreuz  in  der  Zeit  des  B.  Vitale  (789—814)  erneuert 
worden  ist  Weintrauben  geniessende  Tauben,  das  Bild  der  mit  dem 
Blute  Christi  sich  nährenden  gläubigen  Seelen,  kommen  schon  auf  alt- 
christlichen Grabsteinen  vor. 

2.  In  S.  Petronio  daselbst  ein  einfaches  Kreuz,  welches  auf  bei- 
den Seiten  an  seinen  drei  Armen  mit  einer  sich  dreitheilig  rankenden 
sparsam  mit  gestielten  dreizähligen  Blättern  besetzten  Pflanze  ge- 
schmückt ist,  deren  viel  verzweigtes  Wurzelgeflecht  den  Kreuzesstamm 
einnimmt  Eine  symbolische  Beziehung  dieser  Darstellung  darf  zwar 
mit  Becht  vorausgesetzt  werden,  ob  aber  darunter  die  »hedera«  des 
Propheten  Jonas  (Jon.  4,  6)  zu  verstehen  sein  möchte,  will  Gf. 
Gozzadimi,  der  diese  Meinung  anführt,  nicht  entschieden.  Da  übrigens 
das  Kreuz  nur  eine  im  J.  1303  verfertigte  Gopie  eines  älteren  sein 
soll,  so  ist  das  Rankengewächs  vielleicht  nur  als  ein  nicht  besonders 
getreu  gerathener  Weiustock  anzusprechen. 

3.  Eine  Gruppe  von  Kreuzen  —  drei  in  Bologna,  eines  in  Ba- 
venna  und  das  Marktkreuz  in  Trier  —  mit  dem  Gotteslamme  auf  der 
Mitte.  Letzteres  ist  nach  dem  sinnigen  mittelalterlichen  Typus  darge- 
stellt :  es  trägt  sein  Kreuz  und  schaut  sich  um  nach  denen,  die  willig 
sind  nachzufolgen  (Matth.  16,  24).  Auf  dem  nur  in  einem  Bruchstücke 
erhaltenen  Kreuze  im  archäol.  Museum  der  Universität  zu  Bologna 
steht  das  hier  ein  Fähnlein  tragende  Lamm  auf  einem  Medaillon, 
welches  grösser  als  die  Vierung,  zum  Theil  die  inneren  Winkel  und 
die  Arme  des  Kreuzes  bedeckt,  deren  etwas  verbreiterte  Enden  mit 
einer  'sechstheiligen  Bosette  geschmückt  sind,  wie  solche  ähnlich  auf 
einem  altchristlichen  Grabsteine  zu  Curubi  0  und  auf  dem  Planiger 


1)  P.  J.  Münz,  Archäol.  Bemerk,  über  das  Kreos.  Taf.  IL  22  u.  S.  68. 


2G6  Zar  Staurologie. 

Bronze-CniciSxe  ')  vorkommen :  nicht  unwahrscheinlich  also  mit  irgend 
einer    symbolischen  Beziehung.     Die  beiden  anderen,   einander   ganz 
gleichen  und  deshalb  also  wohl  auch  gleichaltrigen  Bologneser  Lamm- 
kreuze  befinden  sich  in  der  Kirche  S.  Petronio.    Die  Vorderseite  ist 
mit  edlen  antikisirenden  Arabeskengewinden  gescbmUckt,  die  in  der 
Mitte  einen  aus  vier  trichterförmigen  Blumenkelchen  zusammengesetz- 
ten Kranz  bilden  als  Umrahmung  des  Kammes.    Die  RQckseite  zeigt 
auf  den  Qaerarmen   des  Kreuzes  eine  Bandverschlingung.    —    Eine 
Viertel  -  Miglie  vor  der  Porta 
nuova   von  Ravenna  an  der 
prachtvollen,  wahrhaft  kaiser- 
lichen Strasse  (Caesarea),  wel. 
cheBavenna  mit  der  Hafenstadt 
Classia  verband,  ist  die  Stelle 
der  ehemaligen,  schon  vor  412 
erbauten  und    1553  von  Pius 
IV.  wegen  beabsichtigter  neuen 


silica  S.  Lorenzo  durch  ein 
steinernes  'Kreuz  bezeichnet '), 
welches  wir  nach  einer  Photo- 
graphie im  Holzschnitte  geben, 
nebst  einigen  näheren  Notizen, 
die  wir  der  Freundlichkeit  des 
Herrn  Ph.  Lanciani  in  Ra- 
venna zu  verdanken  haben. 
Das  0"i'84  hohe,  byzantinische 
Kreuz  ist  wie  die  moderne 
Säule,  auf  welcher  es  steht, 
aus  Kalkstein  von  Istria  (seit 
Alters  dem  gewöhnlichen  Werk- 
stein der  ravennatischen  Bau- 
ten) verfertigt,  und  am  Säu- 
lenfusse  finden  sich  die  beiden 
folgenden  Inschriften;  vorn: 


')  Jahrb.  XLIV  u.  XLV.  8.  199  u.  Taf.  X. 
»)  V.  QoMt,  Ravenna  S.  3, 


Zar  Stanrologid.  257 

QVOD  D  .  LAVRENTi  MAR  •  BASILICA 
IN    CAESAREAE   OPPIDO    HEIC 
STETERIT  NE  NESCIAS  M  •  P  . 
und  auf  der  Rückseite : 

HONORIO  IMP  ♦  STRVITVR 
DELETVR  ANNO  MDLIII 
MEMORIA  INSTAVRATVR  MDCCCXX 

Ob,  wie  und  wo  das  Kreuz  vor  dem  Jahre  1820  aufgestellt  ge- 
wesen sein  mag  und  in  welcher  voraussetzlichen  Beziehung  dasselbe 
ursprünglich  zu  der  Kirche  S.  Lor^nzo  gestanden  hat,  darüber  ist 
nichts  bekannt.  Es  stimmt  in  der  Form  mit  San  Bologneser  Exem- 
plaren wesentlich  überein  und  zeigt  auf  der  Rückseite  in  einem  cor- 
donirten  Rund  eine  in  griechischer  Weise  segnende  Hand:  dieselbe 
Darstellung,  welche  sich  auch  auf  der  Kehrseite  einiger  unter  Nr.  5 
zu  besprechenden  Grucifixe  in  Bologna  findet,  jedoch  mit  dem  latei- 
nischen Gestus  des  Segnens.  Dass  auch  dieses  Kreuz  nicht  bis  in  die 
altchristliche  Zeit  hinaufreicht,  sondern  höchstens  ins  YII.  bis  IX. 
Jahrhundert,  erscheint  nicht  zweifelhaft.  —  Das  Triersche  Kreuz  zeigt 
in  sehr  flachem  Relief  das  Lamm  in  der  Mitte  in  einem  Rundfelde 
zwischen  vier  Rosen,  von  welchen  aus  sich  ein  palmettenartiges  Orna- 
ment über  die  vier  Arme  verbreitet.  Auf  der  Rückseite  des  Kreuzes 
steht  eine  bei  Kugler  und  aus'ra  Weerth  a.  a.  0.  mitgetheilte  Inschrift, 
nach  welcher  das  Kreuz  im  J.  958  von  Erzb.  Heinrich  von  Trier  im 
zweiten  Jahre  seines  Episcopates  errichtet  worden  ist,  und  darunter 
nach  Kugler :  Renovat.  anno  1723.  Ausserdem  stehen  rings  um  den  obem 
Rand  des  Säulencapitäls  demselben  Gewährsmann  zufolge  die  Worte : 
Henricus  episcopus  treverensis  me  erexit.  Kugler  bemerkt  dazu: 
)>Die  Inschriften,  auch  die  zweite,  nicht  ursprünglich.  Doch  ist  es 
nicht  unmöglich,  dass  die  Säule  an  die  in  der  ersten  Inschrift  genannte 
Zeit  hinanreicht  Die  erwähnte  späte  Renovation  hat,  nach  Angabe 
der  Gesta  Trevirorum,  nur  Anstrich  und  Vergoldung  betroffen.« 

4.  Das  (oben  in  der  2.  Anmerk.  erwähnte)  Kreuz  von  Grisy, 
welches  am  Rande  einer  Römerstrasse  auf  der  Grenze  zweier  Com- 
munen  steht,  wird  von  vier  zu  einem  Bündel  vereinigten  Säulen  ge- 
tragen, die  über  einem  gemeinschaftlichen  Plinthus  auf  cylindrischen 
Basen  ruhend,  schlichte  Kelchcapitäle  mit  Eckschnecken  haben.  Es 
ist  gleicharmig  aus  einem  Würfel  gehauen  und  bildet  deshalb  nach 
allen  vier  Seiten  Kreuzfa^aden,  deren  Mitte  mit  einem  grossen  Rund- 

17 


268  Zar  Staarologie. 

Schilde  belegt  ist.  Diese  Schilde  zeigen  verschiedenes  Ornament,  das 
eine  wiederum  die  unter  Nr.  3  erwähnte  sechstheilige  Rosette.  Die 
verbreiterten  kurzen  Kreuzarme  mit  in  den  Ecken  eingelegten  Rund- 
stäben sind  mit  einem  facettirten  Sternenfriese  geschmückt.  Das  ganze, 
ohne  Zweifel  dem  XII.  Jahrh.  angehörige  Denkmal  besteht  aus  einem 
Stück  und  ist  aus  Einem  Kalksteinblock  gehauen. 

5.  Mehrere  Grucifixe  zu  Bologna,  die  wir  zusammenfassen,  weil 
dieselben,  soweit  Abbildungen  davon  vorliegen,  viel  Uebereinstimmen- 
des  zeigen.  Die  Form  der  Kreuze  nähert  sich,  obwohl  der  Querbalken 
kürzer  i^t  als  der  Stamm,  insofern  der  griechischen,  als  ersterer  ziem- 
lich durdi  die  Mitte  des  letzteren  gelegt  ist,  wodurch  der  obere  Arm 
eine  unverhältnissmässige  Länge  erhält.  Das  Kreuz  ist  nischenartig 
vertieft  gearbeitet  und  der  erhobene  Rand  desselben  omamentirt  oder 
zur  Aufnahme  einer  Inschrift  benutzt.  Der  Grucifixus  ist  jugendlich 
und  bartlos,  lebend  ohne  Seitenwunden,  mit  wagerecht  ausgebreiteten 
Armen  und  vom  Gürtel  ab  mit  dem  sogen.  Herrgottsrocke  bekleidet 
dargestellt  und  steht  frei  auf  dem  untern  Rande  des  Kreuzstammes : 
das  Ganze  von  mehr  oder  weniger,  selbst  entsetzlich  roher  Ausführung. 
Letzteres  gilt  insonderheit  von  dem  Kreuze  an  der  Kirche  S.  Maria 

iv..  delle  Laudi,  welches  theils  im  Flachrelief,  theils  nur  in  vertieften  Um- 

rissen  ausgeführt,  etwa  den  Eindruck  einer  karolingischen  Federzeich- 

'y  nung  macht.    Die  Ränder  sind  mit  einem  Zickzack  verziert   und  im 

oberen  Theile  des  Kreuzes  stehen  die  Gesichter  von  Sonne  und  Mond 

l,  und  darunter   die  Worte   in  Capitalschrift :   IHS  NAZARENVS  RE. 

^ ;,.  Das  etwas  nach  rechts  geneigte  Haupt  des  Gekreuzigten  ist  mit  einem 

•^  Kreuznimbus  umgeben.   Da  das  Kreuz,  welches  früher  vor  der  Kirche 

stand  auf  dem  Ausgangspunkte  von  sechs  Wegen,  seit  1616  auf  einem 

modernen  Pfeiler   aussen  an  der  Kirchenwand  aufgestellt  ist^  so  lässt 

ssich  über  die  Rückseite  nichts  sagen ;  die  Seiten  zeigen  Bandverschlin- 

g-  gungen.  —  Minder  roh  erscheint  das  Kreuz  in  S.  Vitale,  schon  durch 

^  die  Einfassung  mit  einem  Ferlstabe,   obgleich  der  Grucifixus   selbst 

ziemlich  unförmlich  ist.  Das  etwas  rechts  geneigte  Haupt  blickt  nach 
oben  und  das  bis  zu  den  Schultern  reichende,  glatt  gescheitelte  Haar 
umrahmt  das  Gesicht  fast  wie  eine  Frauenhaube.  Der  eng  anschlies- 
sende Rock  geht,  unter  der  Brust  beginnend,  bis  über  die  Mitte  der 
Oberschenkel,  die  Kniee  der  fest  an  einander  geschlossenen  Beine  sind 
etwas  gebogen  und  die  Füsse  klumpig,  wie  mit  Schuhen  bekleidet.  Den 
oberen  Kreuzarm  nimmt  eine  Taube  ein,  die  mit  den  .Füssen  auf  dem 
Seitenrande  stehend,  den  Kopf  rückwärts  nach  unten  wendet    Dass 


'5 

^ 


r 


Zur  Staurologie.  269 

bierunter  das  Symbol  des  heil.  Geistes  zu  verstehen  ist,  erhellt  aus 
der  auf  der  Mitte  der  Rückseite  des  Kreuzes  befindlichen  segnenden 
Hand,  als  übliches  Symbol  Gottes  des  Vaters,  so  dass  also  die  ganze 
beil.  Dreifaltigkeit  repräsentirt  ist  <).  —  Das  meiste  Interesse  gewährt 
ein  auch  in  künstlerischer  Hinsicht  beachtenswerthes  Crucifix  in  der 
Kirche  S.  Petronio.  Der  mit  dem  Kreuznimbus  versehene  Gekreuzigte, 
dessen  gescheiteltes  Haupthaar  in  zwei  starken  dreisträhnigen  Zöpfen 
vorn  fast  bis  an  die  Brust  reicht,  blickt  mit  seinem  rechts  geneigten 
vollrunden  Antlitz  in  sanftem  Ausdruck  nach  unten  und  breitet  voll 
Anmuth  die  offenen  Liebesarme  aus.  Der  in  Falten  gelegte,  von  den 
Hüften  bis  nahe  den  Knleen  reichende  Rock  ist  vorn  über  der  Um- 
gürtung schürzenartig  umgeschlagen  und  oben  mit  Punkten  verziert. 
Auf  dem  Oberarm  des  Kreuzes  steht  in  einem  gereimten  Hexameter 
das  Datum:  Anno  M(illeno)  C(enteno)  qvo  nvmerato  et  qvlnqvageno 
nono  post  (h)is  sociato  (d.  i.  1159)  und  rings  auf  dem  Rande  der  drei 
oberen  Kreuzesarme  eine  dem  Sinne  nach  aus  drei  Theilen  bestehen- 
den Inschrift:  1.  Ein  Distichon,  anscheinend  in  Form  eines  Dialogs 
zwischen  der  Mutter  und  ihrem  gekreuzigten  Sohne:  f  Fili'  Q^id, 
mater?  Devs  es?  Svm,  Cvr  ita  pendes?  Ne  genvs  hvmanvm  vergat  in 
interitvm  f.  2.  Der  Name  der  Verfertiger  oder  Stifter :  Petrvs  Alberici 
me  fecit  cvm  patre.  —  3.  Die  Mahnung  an  die  Vorübergehenden: 
Pacem  satis  inter  vos  abeatis.  Die  Rückseite  zeigt  in  einer  parabolisch 
gespitzten  Einfassung  die  thronende  Figur  eines  gealterten  bartlosen 
Königs  mit  nackten  Füssen,  welcher  die  Rechte  segnend  erhoben  und 
in  der  Linken  ein  aufgeschlagenes  Buch  hält,  das  er  auf  das  Knie 
stützt  und  dem  Beschauer  zuwendet.  Die  mit  Perlen  besetzte  Einfas- 
sung wird  von  den  namentlich  bezeichneten  Engeln  Michael,  Gabriel 
und  Rafael  gehalten,  von  welchen  der  letztere  unten  steht,  die  beiden 
anderen  in  wagerechter  Stellung  in  den  Querarmen  des  Kreuzes.  Oben 
auf  der  Mandorla  steht  das  Lamm  mit  einem  Kreuze  als  Nimbus  und 
der  erklärenden  hexametrischen  Umschrift:  Hac  tibi  pictvra  svbeat 
patris  illa  figvra.  (Vgl.  Job.  12,  45:  Wer  mich  siebet^  der  siebet  den, 
der  mich  gesandt  hat.) 


')  Auch  ein  schon  1256  existirendes,  ehemaliges  Brückenkreuz  in  dem 
Saale  der  älteren  Denkmäler  auf  dem  Gottesacker  zu  Bologna,  dessen  Vorder- 
seite die  rohe  Darstellung  eines  unförmlichen  Crucifixus  enthalt,  zeigt  in  der 
Mitte  der  Rückseite  die  auf  einem  Strahlennimbus  liegende  segnende  Hand 
zwischen  den  auf  den  Ereuzarmen  befindlichen  Evangelisteuzcichen. 


200  Zur  SUurologie. 

Als  Resultat  für  die  Ikonographie  des  Crucifixus  eingibt  sich 
1)  dass  die  Symbob'sirang  des  Gekreuzigten  durch  das  Lamm  als 
Hauptdarstellung  ')>  wenn  nicht  später,  so  doch  wenigstens  noch  um 
die  Mitte  des  X.  Jahrh.  nachweislich  ist,  und  2)  dass  die  ideelle  Dar- 
stellung des  Grucrfixus  (naQa  <pvaiv)  *)  im  Abendlande  noch  bis  nach 
der  Mitte  des  XII.  Jahrh.  vorkommt. 

H.  Otte. 


^)  Vgl.  Jahrbuch.  XLIY  u.  XLY  8.  197. 
«)  Vgl.  ebd.  L  u.  U  S.  266. 


11.    Fund  römischer  Kalsermanzen  in  der  Nähe  von  Bonn. 

Hiezn  Tafel  XYII  Fig.  1—4. 

Jeder  Mttnzsammler,  der  seine  Münzen  nicht  alle  vom  Händler 
erhält,  sondern  sich  auch  mit  dem  Erwerb  aus  erster  Hand,  das  ist 
von  Grundarbeitem,  Gärtnern,  Ziegelbäckern  etc.  beüasst,  weiss  recht 
gut  wie  selten  unter  den  vielen  Exemplaren,  die  fortwährend  zu  Tage 
gefördert  werden,  ein  wirklich  gutes  Stück  sich  befindet,  indem  die 
Arbeiter  nichts  eiligeres  zu  thun  haben,  als  mit  Essig,  Mineralsäure 
oder  mechanischen  Mitteln  der  Münze  auch  noch  den  letzten  Rest  von 
Schönheit  und  Werth  zu  nehmen.  Um  so  mehr  erfreut  es  uns  ein 
Stück  zu  erhalten,  welches  unverletzt  geblieben  ist  und  dazu  sich 
durch  Seltenheit  auszeichnet. 

In  dieser  Hinsicht  war  mir  das  verflossene  Jahr  dn  günstiges, 
indem  ich  zu  wiederholten  Malen  Münzen  erwarb,  welche  jeden  An- 
spruch, auch  den  des  subtilsten  Sammlers  befriedigen.  Eines  Abends 
nämlich  überbrachte  mir  ein  auswärtiger  Arbeiter  eine  Anzahl  Mün- 
zen, welche  sowohl  wegen  ihrer  Schönheit  als  auch  theilweise  wegen 
ihrer  grossen  Seltenheit  einer  kurzen  Besprechung  werth  sind,  zumal 
dieselben  in  der  Nähe  von  Bonn  gefunden  worden  sind. 

Die  Münzen  lagen  frei  in  der  Erde,  etwa  3V2  Meter  unter  der 
Oberfläche  in  einer  trockenen  Eiesschichte.  Sie  schienen  ursprünglich 
in  einem  Kistchen  aufbewahrt  worden  zu  sein,  denn  bei  denselben 
fanden  sich  zwei  schmale,  mit  einer  einfachen  Verzierung  geschmückte 
Bronceringe  vor,  welche  etwa  6  Gm.  im  Durchmesser  hielten  und 
höchst  wahrscheinlich  als  Einfassung  am  oberen  und  unteren  Ende 
einer  kleinen  runden  Gassette  gedient  hatten.  Durch  Oxyd  waren  die 
meisten  Münzen  mit  einander  verklebt,  Hessen  sich  jedoch  leicht  ohne 
Anwendung  schädigender  Mittel  von  einander  lösen. 


262  Fnnd  römischer  EaüermÜDzeu  in  der  I 

Die  sämititlichen  Münzen  des  Fundes, 
mit  Ausnahme  von  dreien  aus  der  Zeit  von  V 
also  aus  der  zweiten  Hälfte  des  dritten  Jahi 
Die  drei  aus  früherer  Zeit  waren  stark  abj 
anderen  alle  vovzQglich  erhalten  waren,  so  d 
als  wenn  sie  nie  im  Verkehr  gewesen  wären. 

Die  drei  älteren  Münzen  sind  folgende: 

1)  Ein  Denar  von  Antoninus  Fius 

ANTONINVS  ■  AVC  -■  PIVS 

Kopf  des  Kaisers  mit  Lorbeerkrone  nacl 

Rev.  COS  1 1  I  I  -  Stehende  weibliche  Fi 

eine  Schale,  in  der  linken  einen  langen  Speer 

2)  Denar  der  altern  Faustina.  Derselbe 
gebrochen  und  hatte  so  stark  gelitten,  dass 
noch  ein  nach  rechts  gewandtes  Haupt  und  ai 
Figur  erkennen  konnte. 

3)  Denar  des  Kaisers  Caracalla.  Coh.  S 

M  ■  AVR  ■  ANTONINVS 

Büste  des  jugendlichen  Kaisers  nach  r 
Haupte  und  mit  dem  Paludamentum  bekleidel 

Rev.  seVERI  ■  AVC  ■  Pll      FIL.  Op 

Von  den  31  übrigen  Münzen  werde  ich 
aufführen,  von  den  häufig  vorkommenden  jede 
Dieselben  sind  entweder  von  Eilion  oder  von 

1)  Hariniana.    Bil. 

Coh.  IV.  P.  345  Nr.  9  ...  8  fr. 

OIVAE  MARINtANAE 

Verschleierte  Büste  derselben  nach  recl 

Rev.  CONSECRATIO. 

Pfan  nach  rechts  fliegend  und  die  Kais« 
tragend. 

Diese  Münze  ist  von  vorzüglicher  Schöi 
haltung. 

10  Münzen  des  K.aisersPostumn! 
vorkommende  Kleinerze,  6  Billonmiinzen  und 

1)  Silberqainar. 

IMP  ■  C     POSTVMVS  P  • 
'  Kopf  de  &ce,  ein  wenig  aach  links  geri 


\ 


Fund  rftniisoher  KaiBermünBen  in  der  N&he  ron  Bonn.  36S 

Rev.  PROVIDENTIA  AVC.  Die  Providentia  aufrecht  stehend 
mit  einer  Kugel  auf  der  rechten  Hand,  einen  Stab  in  der  linken  hal- 
tend.   Tafel  XVII  Fig.  1. 

Diese  Münze  findet  sich  bis  jetzt  weder  in  irgend  einem  der  mir 
bekannten  Werke  erwähnt  noch  abgebildet. 

2)  Silberdenar. 

POSTVMVS  PIVS  AVC. 

Kopf  mit  Lorbeerkranz  nach  rechts. 

Rev.  LIBERALITAS  AVC. 

Die  Liberalitas  stehend,  das  Gesicht  nach  links  gewendet,  in  der 
rechten  Hand  eine  Tessere  haltend,  auf  dem  linken  Arme  ein  Füllhorn. 
Tafel  XVII  Fig.  2. 

In  Betreff  der  Ausführung  kann  man  diese  Münze  den  besten  Stücken 
der  ersten  Kaiserzeit  an  die  Seite  stellen,  besonders  der  Kopf  ist  von 
schöner  erhabener  Arbeit.  Sie  ist  ebenfalls  bis  jetzt  nicht  beschrieben. 

3)  Bilionmflnze. 

POSTVMVS  PIVS  FELIX  AVC. 
Der  Kopf  des  Postum us  neben  dem  des  Hercules,   beide 
nach  links. 

Rev.  HILARITAS.  Weibliche  Figur  mit  Füllhorn  in  dem  linken 

Arme  und  einem  Palmenzweige  in  der  rechten  Hand ;  zu  beiden  Seiten 
steht  je  ein  Genius  in  Kindesgestalt. 

Cohen  sowie  die  übrigen  bekanntem  Numismaten  führen  die- 
selbe nicht  an.   Tafel  XVH  Fig.  3. 

4}  Bilionmflnze. 

Der  Avers  wie  vorher,  jedoch  sind  die  beiden  Köpfe  nach  rechts 
gewendet 

Rev.  HERCVLI  THRACIO.  Hercules  bändigt  die  Stuten  des 

Diomedes.    Ebenfalls  bis  jetzt  unbekannt.  Tafel  XVU  Fig.  4. 

De  Witte  führt  in  einer  Schrift  „Medailles  in^dites  de 
Postume  Revue  numismatique,  Paris  1844"  diesen  Revers  zweimal  an, 
die  Vorderseite  ist  jedoch  verschieden.  Bei  der  einen,  einer  Goldmünze, 
hat  dieselbe  einen  Kopf  fast  de  face,  etwas  nach  rechts  gerichtet,  bei  der 
andern  (Billonmünze)  zeigt  sie  einen  Kopf  mit  Lorbeerkrone  nach  links. 

Cohen  V.  P.  23  Nr.  67  und  68  führt  zwei  Münzen  mit  demsel- 
ben Revers  an,  jedoch  sind  die  betreffenden  Averse  verschieden,  indem 
dieselben  auch  nur  die  Büste  des  Postumus  zeigen,  ausserdem  ist 
die  erste  von  Gold. 


I 


264  Fond  römischer  KaisermüiiBexi  in  der  mibe  Ton  Bomi. 

5)  Bfllonmflnxe.  Coh.  V.  P.  21  Nr.  52  ...  200  fr. 
Av.  wie  vorher. 

Rev.  HERCVU  ERYMANTINO. 

Hercules  nach  rechts  schreitend,  auf  der  linken  Schalter  einen 
Eber  tragend,  welchen  er  mit  beiden  Händen  hält.  Unten  rechts  eine 
Tonne,  —  in  welcher  Eurysthens  verborgen  sein  soll  — 

6)  Billonmflnze.  Coh.  V.  P.  21  Nr.  5< . . .  150  fr. 
Av.  wie  bei  4. 

Rev.  HERCVLI  INMORTALI. 

Hercules  geht  nach  rechts,  indem  er  die  Keule  links  geschul- 
tert trägt,  mit  der  linken  Hand  führt  er  an  einem  Strick  den  drei- 
köpfigen Höllenhund. 

7)  Billonmflnze.    Coh.  VII.  P.  287.  Nr.  16  ...  250  fr. 
Av.  wie  bei  den  vorhergehenden. 

Rev.  HERCVLI  ROM. 

Hercules,  ohne  Bekleidung,  nach  rechts  gewandt,  so  dass  er  den 
Rücken  zeigt.  In  der  rechten  Hand  hält  er  die  Keule,  welche  er  auf 
den  Boden  stützt,  über  den  linken  Arm  hat  er  die  Löwenhaut  gewor- 
fen. Links  von  ihm,  in  der  Mitte  des  Münzfeldes  ein  Apfelbaum,  links 
von  diesem  drei  fliehende  Nymphen.  (Darstellung  des  Hercules  im 
Garten  der  Hesperiden.) 

8)  Billonmflnze.  Quinar.  Coh.  V.  P.  37.  Nr.  159  ...  150  fr. 
Av.  die  beiden  Köpfe  wie  bei  den  vorhergehenden  Münzen. 
Rev.  SALVS  AVG.  Die  Göttin  der  Gesundheit,  in  der  rechten 

Hand  einen  Stab  haltend,  um  welchen  sich  eine  Schlange  windet. 

Es  ist  bekannt,  dass  Commodus,  der  kein  grösseres  Vergnügen 
kannte,  als  auf  schnellem  Ross  das  flüchtige  Wild  zu  erjagen  oder 
selbst  im  Circus  die  Muskelkraft  seines  Armes  und  die  Sicherheit  sei- 
nes Auges  zu  erproben,  für  den  Gott,  in  dem  diese  Eigenschaften  in 
höchster  Vollkommenheit  sich  vereinigten,  eine  besondere  Vorliebe 
fasste.  Beweis  dafür  sind  die  mancherlei  Münzen,  auf  welchen  Co  m  - 
modus  selbst  sich  mit  der  Löwenhaut  und  den  übrigen  Emblemen 
des  Gottes  abbilden  lieä,  oder  auf  denen  Thaten  desselben  dargestellt 
wurden.  Bei  dem  Kaiser  Postumus  fanden  sich  auch  diejenigen  Tu- 
genden, welche  den  Mann  und  FcldheiTU  zieren,  in  hohem  Grade ;  da- 
durch gelang  es  ihm  wenigstens  zeitweise  eine  glückUche  Zeit  in 
seinem  Reiche  herzustellen.  Der  Antrieb,  dass  dieser  Kaiser  sich 
gleichfalls  zum  Vorwurf  nahm,  den  Cyclus  der  Heldenthaten  des  Her- 


r 


Fnnd  römisoher  Kaisermünsen  in  der  N&he  von  BonxL  266 

cules,   als  Vorbild  der  Tapferkeit,    auf  Münzen  darzustellen,  lag 
daher  sehr  nahe. 

De  Witte  führt  in  der  oben  citirten  lehrreichen  Schrift  ausser 
den  angeführten  Münzen,  welche  zu  diesem  Cyclus  gehören,  noch 
nachstehende  Stücke  an,  auf  welchen  andere  Arbeiten  des  Hercules 
dargestellt  sind: 

HERCVLI  NEMAEO  Hercules  den  nemäischen  Löwen  er- 
würgend ; 

HERCVLI  ARCIVO  H.  die  Hydra  bekämpfend; 

VIRTVS  POSTVMI  AVC  stellt  dar,  wie  H.  die  ermattete 
Hindin  bei  dem  Geweih  erfasst; 

HERCVLI  AV.  H.  erlegt  die  Stymphaliden ; 

HERCVLI  CRETENSI  H.  bändigt  den  Stier  von  Greta; 

HERCVLI  PISAEO  H.  reinigt  den  Augiasstall; 

HERCVLI  INVICTO  zeigt  H.  als  den  Besieger  der  Amazonen; 

HERCVLI  CADITANO  H.  im  Kampfe  mit  dem  dreifachen 
Geryon,  und  endlich 

HERCVLI  LIBYCO  führt  uns  den  H.  als  den  Besieger  des 
Riesen  Antaeus  vor. 

Was  nun  das  Gepräge  der  betr.  Münzen  des  Postumus  betrifft, 
so  sind  sämmtliche  Stücke^  welche  auf  der  Vorderseite  die  beiden 
Köpfe  führen,  von  vorzüglicher  Arbeit,  so  dass  sie  unbedingt  zu  den 
schönsten  Münzen  aus  jener  Zeit  zählen.  Ihre  Seltenheit  —  sie  stehen 
alle  in  hohem  Preise  —  macht  es  wahrscheinlich,  dass  sie  nicht  als 
Coursroünzen  geprägt  wurden,  sondern  dass  dieselben  ähnlich  wie  die 
Medaillons  nur  bei  feierlichen  Gelegenheiten  zur  Vertheilung  kamen, 
sei  es  nun  als  Belohnung  für  geleistete  Dienste,  für  Tapferkeit  im 
Kriege  oder  bei  anderen  Anlässen.    Jedenfalls  bildet  unser  Münzfund 

j  einen  werthvoUen  Beitrag  zu  diesem  Cyclus,  indem  derselbe  wesentlich 

;  dadurch  vervollständigt  wird. 

Ein  Kleinerz    des  Kaisers  Claudius   Gothicus  mit    gewöhn- 
j  lichem  Revers. 

(  Vom  Kaiser  Aurelianus   finden   sich  5  verschiedene  Münzen 

i  vor,  von  denen  jedoch  nur  eine  genauerer  Erwähnung  werth  ist.  Die- 

j  selbe  findet  sich  bei  Cohen  V.  P.  150  Nr.  200  ...  6  fr. 

IMP  AVRELIANVS  AVC. 


I 


266  Fand  römiiclier  Kus«rmfin»ii  in  ä 

GevandbQste  des  Kaisers  nach  recl 
Lorbeerkrooe. 

Rev.  VICTORIA  AVC. 

Geflügelte  Victoria  nach  links  sehr 
einen  Kranz,  in  der  linken  einen  Palmzwt 
Füssen  ein  GefaDgeoer,  dem  die  Hände  au 
darunter  der  Buchstabe  B.  Es  ist  eine  Ele 

Diese  hUbsch  geprägte,  sehr  gut  erh 
drei  Exemplaren  vor. 

Darauf  folgen  3  Münzen  von  Sever 

lians,  sämmtlich  Kleinerz,  zwei  in  gewöhi 

Form.  Letztere  ist  die  interessantere  und 

Nr.  14  ...  3  fr.  folgendermarsen  beschrie 

SEVERINA  AV 

Büste  diad^mä  k  droite  sans  le  croiss 

Rev.  VENVS   FELIX. 

Venas  debout  k  gancfae,  tenant  ane 

In  einer  Note  bemerkt  Cohen:  „La  ] 
distinctej  Welzl  a  cm  voir  un  oiseau.  D' 
mädailles  däcrites  par  Banduri  et  d'auti 
pomme,  et  le  quinaire  de  d'Ennery  oä  eile 
taut  que  ce  soit  un  veritable  quinaire)  n' 
et  mfime  type." 

Ich  glaube,  dass  Cohen  in  dieser  Bemei 

Mein  Exemplar  ist  so  deutlich,  wi< 
auch  bei  ihm  lässt  sich  nicht  mit  absoli 
was  die  Figur  in  oder  besser  auf  der  Hai 
es  keine  Statuette,  wie  Cohen  oben  sagt,  so 
kleinen  Untersatze.  Die  Schuld  liegt  am 
den.  betreffenden  Gegenstand  so  nachlässi{ 
ans  ihm  machen  lässt,  was  einem  gerade 

Die  beiden  anderen  Münzen  finden  si 

Auch  die  übrigen  11  Münzen,  von 
Tacitns  und  5  auf  Probas  kommen, 
vorkommenden  und  zeichnen  sich  nur  durc! 

Das  Wichtigste  des  ganzen  Fundes  si 
des  Postumus;  denn  erstens  waren,  si 
diesem  Kaiser  noch  keine  Mänzen  von  n 


! 


Fand  römischer  Kaisermünzen  in  der  Nahe  von  Bonn.  267 

sodann  sind  die  Münzen,  welche  auf  dem  Avers  die  Kopfe  des  Kaisers 
und  des  Hercules  tragen,  so  selten,  dass  in  den  grössten  Münzsamm- 
lungen nur  wenige  Exemplare  sich  vorfinden. 

Ich  überzeugte  mich  durch  eigene  Anschauung,  dass  diese  Mün- 
zen aus  einem  Eömergrabe  herstammen,  denn  an  derselben  Stelle 
fanden  sich  noch  Skeletttheile,  Asche,  sowie  eine  grosse  Menge  Frag- 
mente von  Gläsern,  Thongefässen  und  anderen  Gegenständen,  wie  die 
Römer  sie  ihren  Todten  mit  in's.  Grab  gaben,  vor.  Leider  waren  die 
meisten  Stücke  durch  das  Ungeschick  der  Arbeiter  zerstört. 

Das  Grab  eines  gemeinen  Mannes  kann  es  nicht  gewesen  sein^ 
dagegen  spricht  die  Anzahl  und  Seltenheit  der  Münzen.  Erinnern  wir 
uns  an  das  oben  in  Bezug  auf  den  Herculescult  Gesagte,  so  wird  es 
wahrscheinlich,  dass  diese  Stücke  dem  Grabe  eines  höhern  Be- 
amten oder  Offiziers  angehörten,  welchem  sie  vom  Kaiser  selbst  verehrt 
worden  waren.  Der  frühere  Besitzer  hielt  sie  ebenfalls  werth  und  be- 
wahrte sie  sorgfältig  auf,  bis  der  Schatz  noch  ganz  unversehrt  dem 
Verstorbenen  in's  Grab  beigelegt  ward. 

Bemerkenswerth  ist  übrigens  noch  der  Umstand,  dass  während 
in  Belgien,  Nord-Frankreich,  Luxemburg  und  Holland  jährlich  eine 
grosse  Menge  gewöhnlicher  Postumusmünzen  zu  Tage  gefördert  wer- 
den, diese  seltenen  Stücke  mit  den  Köpfen  des  Postumus  und  des 
Hercules  fast  alle  vom  Rheine,  und  zwar  aus  der  Nähe  Co  Ins,  wo 
Postumus  bekanntlich  residirte,  stammen.  Diejenigen,  welche  ich 
kenne,  sind  alle  in  unserer  Gegend  gefunden. 

A.  Senckler  —  Uebersicbt  der  Münzgeschichte  des  Rheinlandes 
etc.,  dieses  Arhivs  Bd.  XV  —  berichtet  von  mehreren  Münzen  dieser 
Suite,  die  in  oder  bei  Göln  ausgegraben  wurden,  und  aus  der  oben 
angeführten  Schrift  von  de  Witte  ersehen  wir  gleichfalls,  dass  mehrere 
dieser  seltenen  in  französischen  Gabinetten  befindlichen  Stücke  vom 
Rheine  dorthin  gekommen  sind. 

Bonn.  Dr.  Cuny  Bouvier. 


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12.    Zwei  unedirte  Kaiser-Mflnzen. 

ffierzu  Tafel  XVII,  Fig.  6  u.  6. 

I.  Auf  der  kölner  Münz-Aaction  vom  5.  August  1871  erstand  ich 
aus  dem  Nachlasse  des  Malers  Meinertzhagen  ein  Mittelerz,  welches 
bis  dabin  den  Augen  der  Münzliebbaber  nicht  besonders  aufgefallen 
zu  sein  scheint,  mir  aber  interessant  genug  dünkt,  hier  kurz  bespro- 
chen zu  werden. 

Av.  HAORIANVS  AVG  COS    III  •  P  •  P  • 

Gewandbüste  des  Kaisers  nach  rechts. 

Bev.  SICILIA  •  S  •  C  ' 

Triquetra,  in  der  Mitte  ein  Haupt  en  fa^e. 

Obgleich  Herr  Meinertzhagen  mehrere  seiner  Münzen  durch 
Tauschgeschäfte  aus  Paris  bezogen  hatte,  so  rührten  doch  die  meisten 
aus  kölner  Funden  her.  Der  unkundig  bewerkstelligte  und  unvoll- 
endete Putz  versuch  des  Averses  unserer  Münze  ist  ein  Beweis,  dass 
dieselbe  niemals  durch  die  Hände  der  im  Putzen  so  gewandten  pa- 
riser Händler  gegangen  ist;  wir  haben  es  also  wahrscheinlich  mit 
einem  kölner  Fundstück  zu  thun. 

Cohen  beschreibt  B.  II.  Hadrian  Nr.  1 141  ein  Grosserz,  welches 
an  unsere  Münze  erinnert: 

HADRIANVS  AVG  COS  III  P  P 
son  buste  nu  ä  droite. 

Bev.  SICILIA  -  S  -  C?  La  triqu^re,  au  milieu,  la  töte  de  Me- 
duse de  face;  dessous,  le  moustre  Scylla;  ä  gauche  deux?  ou  trois 
figures;  ä  droite  un  rocher?  ou  un  gouvemail.  F.  G.  B.  250  fr. 

Das  hier  von  Cohen  beschriebene  Exemplar  der  pariser  Samm- 
lung muss  sich   in  einem  sehr  desolaten  Zustande  befinden^    wie  ai)B 


Zwei  anedirte 


'Mflmfltt. 


269 


der  Unbestimmtheit  der  Beschreibung  und   den  angebrachten  Frage- 
zeichen erhellt. 

Der  Avers  meiner  oben  beschriebenen  Münze  ist  leider  durch 
ungleiche  Oxydation  und  schlechtes  Putzen  nicht  sehr  ansehnlich,  wenn 
auch  vollkommen  leserlich,  dagegen  ist  der  Revers  recht  gut  erhalten 
und  ziemlich  gleichmässig  grQn  patinirt. 

Ob  wie  bei  Cohen  auch  in  dem  Kopf  unseres  Reverses  ein  Me- 
dusenhaupt zu  sehen  ist,  wage  ich  nicht  zu  entscheiden,  glaube  es 
aber  nicht,  da  der  Kopf  zwar  sehr  wilde  Locken,  aber  keine  Schlangen 
zeigt.  Die  Triquetra  oder  Trinacria  {Tgirmtgia)  erscheint  schon  in 
sehr  früher  Zeit  theils  als  Hauptdarstellung,  theils  als  secundäres  Ge- 
bilde auf  dem  Felde  der  Münzen,  und  zwar  meistens  als  Sinnbild  Si- 
ciliens.  Sicilien  selbst  wird  bei  den  Alten  häufig  Trinacria  genannt, 
und  so  mag  der  Name  und  die  dreieckige  Form  der  Insel  sowohl  als 
der  Triquetra  zur  Annahme  dieses  Sinnbildes,  ich  möchte  sagen  Wap- 
pens, geführt  haben. 

Die  älteste  Münze  mit  der  Triquetra  wird  wohl  das  inStrozzi's: 
Periodico  di  numismatica  e  sfragistica  per  la  storia  dltalia  von  Ga- 
murini  im  vorigen  Jahre  publicirte  Ass  sein.  Dasselbe  zeigt  auf  der 
einen  Seite  den  neptunischen  Dreizack,  auf  der  andern  eine  Triquetra; 
hier  sind  die  drei  Beine,  wie  bei  mehreren  der  ältesten  Münzen,  ein- 
fach zusammen  gefügt  und  zeigen  in  der  Mitte  weder  einen  Kopf  noch 
em  anderes  Bild.  Die  Figur  wird  aber  dadurch  eine  so  unschöne,  dass 
es  dem  zarten  Schönheitssinne  der  Alten  nahe  lag,  dieselbe  zu  ver- 
edeln. Wir  sehen  desshalb  bei  dem  Quadrans  in  Marchi's  Aes  grave 
del  Museo  Kircheriano  Taf.  XI  Nr.  4  in  der  Mitte  einen  erhabenen 
Kreis,  der  sich  bei  der  Münze  von  Selge,  Mionnet  description  des  me- 
dailles  antiques  Taf.  LIII  Fig.  6  in  ein  Rad  oder  Q  von  alter  Form 
umwandelt,  während  bei  Münzen  einer  späteren  Periode  ein  Kopf  in 
der  Mitte  auftritt  Dieser  Kopf  ist  bei  den  älteren  Münzen  klein,  eben 
nur  Schmuckstück;  wie  z.  B.  bei  der  in  Beger's  Thesaurus  Branden- 
burgicus  S.  369  abgebildeten  Münze  von  Panormus;  wird  aber  im 
Verlaufe  der  Zeit  grösser,  wie  bei  dem  Denar  der  gens  Claudia,  Vail- 
lant  Nr.  38,  bis  er  bei  unserem  Hadrian,  dem  spätesten  bekannten 
Vorkommen  der  Triquetra  auf  antiken  Münzen,  als  grosser  Kopf  mit 
verhältnissmässig  sehr  kleinen  Beinen  auftritt. 

Dass  wir  es  mit  einer  in  Rom  geprägten  Münze  zu  thun  haben, 
ergibt  sich  einestheils  aus  der  edeln  Präge  und  den  Buchstaben  S.  C 
des  Rev.,  anderntheils  auch  aus  dem  Umstände,   dass  „nach  Tiberius 


370  Zwei  anedirt«  Kuaer-Hflnieo. 

Sicilische  LocalmOnze  Überhaupt  nicht  mehr  get 
Mommseu  Geschichte  des  röm.  MüDzwesens  S.  6 

II.  Ein  Kleinerz  voo  Constantinus  M. 

Av.  IMP  CONSTANTINVS      • 

Bekleidete  Büste  des  Kaisers  mit  Helm,  in 
auf  der  Schulter  tragend. 

Rev.  lOVI  ■  CONSERVATORI  AVC  ii 
'  Jupiter  auf  einem  Adler  sitzend,  einen  Don 
und  ein  Scepter  in  der  linken  Hand  haltend. 

Dieser  schöne  Revers,  der  bei  Licinius  6( 
kommt,  ist  meines  Wissens  von  Constantin  bis 
OlTenÜicht  worden. 

Bonn.  F- 


II.    Litteratar. 


1.  Histoire  de  la  peintare  au  pays  de  Liege  depuis  les  temps  les  plus 
recnles  jusqu'  &  la  fin  du  XYIII  siede,  par  M.  JulesHelbig,  peintre.  Abgedruckt 
in  den  Memoires  de  la  Societe  libre  d'emulation  de^  Li^ge.  Nouvelle  Serie. 
Tome  IV.  Liege  1872.  Seite  220-517. 

2.  Charles  Gerard,  les  Artistes  de  l'Alsaoe  pendant  le  moyen-&ge. 
Tome  I.  Colmar  und  Paris.  1872. 

8.  Dr.  J.  Rudolf  Bahn,  Geschichte  der  bildenden  Künste  in  der  Schweiz. 
I.  Band  1.  Abtheilung.    Zürich  1873. 

Die  drei  Werke,  deren  Titel  ich  hier  zusammen  gestellt  habe,  sind  zwar 
Ton  einander  völlig  unabhängig  und  sogar  durch  die  Speoialitat  ihrer  Aufgaben 
und  die  Tendenzen  ihrer  Verfasser  mannigfach  von  einander  abweichend,  eignen 
flieh  aber  dennoch  in  diesen  den  rheinischen  Alterthümern  gewidmeten  Blättern 
zu  gemeinsamer  Betrachtung.  Sie  beschäftigen  sich  nämlich  alle  mit  der  Kunst- 
geschichte einzelner  Territorien,  welche  entweder  selbst  zu  den  germanischen 
Rheinlanden  gehören  oder  doch  dieselben  von  Westen  oder  Süden  her  mit  ro- 
manischer Bevölkerung  umgrenzen  und  mithin  näher  bestimmen.  Der  Bildungs- 
reichtfaum  und  das  Interesse  der  modernen  Geschichte  und  Kunst  und  beson- 
ders dieser  mittleren  Gegenden  von  Europa  beruht  grossentheils  auf  der  durchweg 
individuell  verschiedenen  Mischung  und  Durchdringung  antiker  und  christlicher 
Elemente,  sowie  romanischer  und  germanischer  Bevölkerung,  welche  wir  durch 
die  nähere  Kenntnist  der  einzelnen  Localitäten  würdigen  und  verstehen  lernen. 

1.  Die  Stadt  und  das  Bisthum  Lütticfa,  mit  dessen  Geschichte  sich  das 
erste  jener  Werke  beschäftigt,  gibt  schon  ein  charakteristisches  Bild  dieser  Mi- 
•chungsverhältnisse.  Bewohnt,  wenigstens  überwiegend,  von  einem  romanischen 
Stamme,  der  hier  aber  auf  einem  vorgeschobenen  Posten  steht  und  zahlreiche 
Einflüsse  von  den  benachbarten,  ganz  germanischen  Stämmen  empfangt,  überdies 
bis  zur  französischen  Revolution  zum  deutschen  Reiche  gehörig,  zeigt  diese 
Gegend  recht  deutlich  den  inneren  geistigen  Kampf  und  das  wechselweise  Em* 
porkommen   romanischer  und   germanischer  Tendenzen.    Selbst  die  Geschichte 


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272  M.  Jules  Heibig, 

dieses  Buches  ist  nicht  unberührt  davon  geblieben.  Unsere  Schrift  ist  eine  vor 
der  auf  dem  Titel  genannten  Gesellschaft  gebilligte  Beantwortung  einer  von 
einem  Mitgliede  derselben  aufgestellten  Preisfrage,  und  sowohl  der  Aufstelle, 
dieser  Frage  als  die  Mitglieder  der  bcurtheilcnden  Commission  scheinen  sich, 
wie  die  romanischen  Völker  überhaupt,  der  Auffassung  der  Kunst  zuzuneigen 
welche  das  Individuelle  der  Kunst,  und  daher  vorzugsweise  die  Bravour  der 
Malerei  betont.  Die  Kunstfreunde  von  Lüttich  waren  sich  bewusst,  dass  ihre 
Stadt  seit  der  Renaissance  eine  Reihe  von  Malern  hervorgebracht  hatte,  deren 
Namen  in  den  Gallerien  des  17.  und  18.  Jahrh.  einen  guten  Klang  gehabt  hatten. 
Diesen  traditionellen  Ruhm  geltend  zu  machen,  war  die  Absicht  der  Frage- 
weiche deshalb  auch'  ausschliesslich  auf  die  Malerei  gerichtet  ist,  und  der  Wunsch 
der  Commission,  w^elcbe  sogar  eine  Vervollständigung  der  biographischen  Nach- 
richten von  dem  Verfasser  der  Preisschrift  verlangte.  Dieser  dagegen  ist  denn 
doch  zu  weit  mit  der  neueren  Kunstwissenschaft  fortgeschritten,  um  nicht  auch 
auf  die  innere  Einheit  der  bildenden  Künste  und  auf  das  ungebrochene  6e* 
sammtleben  derselben,  wie  es  sich  im  Mittelalter  zeigte«  grosses  Gewicht  zu 
legen.  Seine  Schrift  sucht  daher  sowohl  dieser  Auffassung  wie  jener  früheren 
gerecht  zu  werden  und  hat  dadurch  wesentlich  an  Interesse  gewonnen. 

Die  Leistungen  des  früheren  Mittelalters  in  dieser  Gegend,  denen  der 
Verfasser  fleissig  nachgeforscht  hat,  sind  zwar  an  sich  keineswegs  bedeutend, 
sondern  nur  Reflexe  allgemeiner  Ursachen,  die  sich  im  ganzen  damaligen  Abend- 
lande geltend  machten.  Irische  Missionarien  scheinen  auch  hier  den  Anstoss 
gegeben  zu  haben,  wie  zwei  Evangeliarien  des  7,  Jahrh,  beweisen^  welche  von 
Nonnen  des  Klosters  zu  Alteneyck  herstammen  sollen,  und  sich  jetzt  im  Kir- 
chenschatze von  Maeseyck  befinden.  Die  Zeit  Carls  des  Grossen  hat  trotz  der 
Nähe  von  Aachen  hier  keine  bedeutenden  Spuren  hinterlassen  und  wir  besitzen 
nichts  als  einige  Miniaturen  und  kurze  Nachrichten  über  untergegangene  Wand- 
malereien. Im  11.  Jahrh.  wurde  die  Abtei  Stablo  (über  deren  Reliquienschatz 
bereits  im  Heft  46  d.  Jahrb.  berichtet  ist)  eine  Stätte  eifriger  Kunstübung. 
Miniaturen  mit  der  Jahreszahl  1097  und  den  Namen  der  malenden  Mönche, 
werden  im  britischen  Museum  bewahrt.  Im  12.  Jahrh.  begann,  wie  das  be- 
kannte Taufbecken  von  Lambert  Patras  in  S.  Bartholomäus  zu  Lüttich  beweist, 
die  Uebung  des  Metallgusses,  welche  Technik  damals  in  der  Gegend  von  Di- 
nant  so  sehr  blühte,  dass  man  sie  eine  Zeitlang  geradezu  als  Dinanterie  be- 
zeichnete. 

Im  13.  Jahrhundert  scheint  das  Thal  der  Maas  den  Ruhm  der  Malerei 
erlangt  zu  haben.  Der  Dichter  des  Parcival  spricht  in  einer  oft  angeführten 
Stelle  von  den  Malern  von  Maestricht  in  sehr  anerkennender  Weise;  er  stellt 
sie  denen  von  Köln  gleich  und  scheint  beide  Schulen  als  die  au  bezeichneni 
welche  das  Höchste  in  dieser  Kunst  leisteten.  Erinnert  man  sich,  dass  dann 
zwei  Jahrhunderte  später  zwei  der  grössten  Meister  aller  Zeiten,  die  Brüder 
van  Eyck  aus  dieser  Gegend,  aus  dem  Städtchen  Maeseyck  hervorgingen,  so 
möchte  man  vermuthen,  dass  hier  eine  besondere  Beg^abung  der  Malerei  ein- 
heimisch  gewesen.    Allein   die  Bemühungen    der  Localforscher   und   auch   die 


■      '  ^^  tl 


Histoire/de  la  peinture  an  pays  de  Li^ge.  273 

unseres  Verfassers  haben  keine  Bestätigung  dieser  Vermutbung  gebracbt.  Es 
sind  zwar  einige  Wand-  und  Tafelmalereien  des  13.  und  li.  Jabrb.  (in  Kcrniel 
bei  Looz  und  in  der  Dominikanerkirche  zu  Maestricht)  erhalten,  aber  ohne  be- 
deutenden Werth.  Auch  in  der  Sculptur  scheint  sich  keine  eigen thümliche 
Schule  gebildet  zu  haben.  Bei  Erwähnung  eines  im  Jahre  1310  mit  Statuen  ge- 
schmückten Portales  an  der  jetzt  abgebrochenen  Domkirche  von  Lüttich  be- 
merkt der  Chronist,  dass  dabei  drei  Künstler  mitgewirkt,  die  in  der  ganzen 
Welt  nicht  ihresgleichen  gehabt  hätten;  die  Namen,  welche  er  nennt  (Jehan  de 
Cologne  und  Pire  li  Allemaus)  weisen  aber  auf  Deutschland  hin. 

Johann  von  Eyck  war  nicht  blos  aus  der  Nachbarschaft  von  Lüttich  ge- 
bürtig, sondern  scheint  sogar  seine  künstlerische  Laufbahn  in  dieser  Stadt  be- 
gonnen zu  haben,  wo  er  um  1420  im  Dienste  des  damals  zum  Bischof  desig- 
nirten  Prinzen  Johann  von  Bayern  stand.  Indessen  sind  keine  Spuren  seiner 
Wirksamkeit  hier  vorzufinden  und  sogar  sein  Einfluss  scheint  erst  ziemlich  spät 
hierher  zu  dringen.  Im  Kloster  S.  Lorenz  in  Lüttich  lebte  damals  ein  fleissiger 
Miniatur maler,  Johannes  von  Stablo  (f  1449),  von  dessen  Arbeiten  einige  in 
England  und  in  der  Bibliothek  zu  Brüssel  erhalten  sind.  Sie  tragen  aber  noch 
nicht  den  Charakter  der  Eyck'schen  Schule.-  Ja,  noch  mehr,  ein  sehr  viel  spä- 
teres Bild,  das  jetzt  im  Privatbesitze  befindliche,  ursprünglich  in  die  Pauls- 
kircbe  zu  Lüttich  gestiftete  Epitaphium  des  im  J.  1459  verstorbenen  Dr.  van 
der  Meulen  ist  noch  ganz  ohne  solchen  Einfluss;  in  strenger  symmetrischer 
Haltung,  auf  Goldgrund  und  ohne  naturalistische  Motive  ausgeführt-  Es  ist  zwar 
richtig,  dass  'ein  solches  vereinzeltes  Beispiel  nicht  entscheidend  ist,  da  es  stets 
einzelne  zurückbleibende  Künstler  gibt,  welche  den  Neuerungen  lange  wider- 
streben, und  man  kann  daran  erinnern,  dass  die  Stadt  Lüttich  im  Jahre  1468 
darch  die  Rache  Carls  des  Kühnen  eine  gründliche  Zerstörung  erlitt,  bei  wel- 
cher eine  grosse  Zahl  älterer  Kunstwerke  zu  Grunde  gegangen  sein  kann.  Al- 
lein wenn  ^  eine  blühende  Malerschule  in  Lüttich  bestanden  und  die  durch  die 
Eyck's  errungenen  Fortschritte  verwerthet  hätte,  würden  immerhin  einzelne 
Leistungen  derselben  in  der  Verborgenheit  des  Privatbesitzes  oder  in  den  be- 
nachbarten Ortschaften  jener  Zerstörung  entgangen  sein.  Nachrichten  über  da- 
mals in  Lüttich  lebende  Maler  fehlen  zwar  nicht  ganz.  In  den  Rechnungen  der 
Stadt  von  1454—1474  erhält  ein  gewisser  Antonius  wiederholt  Zahlungen  für 
Wand-  und  Tafelgemälde,  ein  Mal  sogar  eine  Zulage  zu  dem  ursprünglich  ver- 
abredeten Preise,  also  eine  Anerkennung  besonderer  Verdienste.  Wir  kennen 
aber  kein  Werk  von  seiner  Hand  und  es  ist  nur  eine  Vermuthung  des  Ver- 
fassers, wenn  er  die  bekannte;  früher  im  Besitze  von  Sir  Charles  Eastlake,  jetzt 
in  der  National-Gallerie  zu  London  befindliche  Darstellung  der  feierlichen  Be- 
stattung eines  Bischofs  für  die  Bestattung  des  heil.  Hubertus  in  S.  Peter  zu 
Lüttich  und  für  ein  Werk  dieser  Schule  und  sogar  dieses  Antonius  erklärt. 

Erst  bei  dem  Ende  der  Eyck* sehen  Schule  scheint  sich  der  Stern  von 
Lüttich  zu  heben  und  es  finden  sich  nun  hier  zwei  namhafte  Meister  von  glei- 
cher und  eigen thümlicher  Richtung,  welche  dahin  mitwirkten,  den  Uebergang 
von  dieser  Schule  zur  modernen  Malerei   zu  vollziehen,  Joachim  Patenier  and 

18 


•  >: 


274  M.  Jules  Heibig. 

Herry  met  do  Blei.  In  den  letzten  Decennien  des  15.  Jabrh.,  beide  im  oberen 
Maasthale,  Patenier  in  Dinant,  Heinrich  in  Bouvignes  geboren,  zeigen  sie  eine 
sehr  verwandte  Bichtang.  Das  landschaftliche  und  genrehafte  Element,  das  bei 
den  grossen  Meistern  der  flandrischen  Schule  schon  vorhanden,  aber  dem  Reli- 
giösen untergeordnet  gewesen  war,  erhält  bei  ihnen  höhere  Bedeutung;  die 
heiligen  Gestalten  werden  mehr  zur  Staffage.  Der  Verfasser  ist  geneigt,  dies 
den  Vorzügen  ihres  gemeinsamen  Geburtslandes,  die  Betonung  des  Landschaft* 
liehen  den  Schönheiten  der  Natur,  das  Hervortreten  des  Genrehaften  dem  prak- 
tischen, auf  das  Gewerbliche  gerichteten  Sinne  seiner  Bevölkerung  zuzuschreiben, 
Das  Thatsachliche,  das  Pikante  jener  Berglinien  und  der  rüstige,  erwerbsame  Sinn 
des  wallonischen  Stammes,  ist  unbestreitbar  richtig,  aber  schwerlich  die  Folge* 
rung.  Die  landschaftliche  Kunst  ist  durchweg  das  Product  der  Sehnsucht  nach 
schöner  Natur,  nicht  des  Genusses;  sie  hr.t  immer  in  unscheinbaren  Gegenden 
ihren  Ursprung.  Der  praktische  Sinn  sucht  auch  im  Idealen  die  Consequenz 
und  weist  das  Genrehafte  zurück.  Von  einer  Begeisterung  für  landschaftliche 
.  Schönheit,  von  einem  kräftigen  Humor  ist  in  der  That  bei  beiden  Meistern 
keine  Spur  zu  entdecken.  Ihre  Stellung  ist  vielmehr  schwankend,  sie  können 
sich  dem  Einflüsse  der  flandrischen  Schule  weder  entziehen,  noch  ganz  hin- 
geben. Sie  sind  mehr  aus  chronologischen  als  aus  geo<2[raphischen  Beziehungen 
zu  erklären.  Jene  mystische  Frömmigkeit,  welche  in  dem  Glänze  der  natür- 
lichen Dinge  die  Offenbarung  göttlicher  Geheimnisse  zu  erschauen,  jene  Naivetät, 
welche  irdische  Pracht  als  Ausdrucksmittel  des  Heiligen  und  Hohen  gebrauchen, 
und  kirchliche  Beligiosität  mit  sinnlichem  Lebensgenuss  vereinigen  zu  können 
glaubt,  wollte  im  16.  Jahrhundert  nicht  mehr  gedeihen.  Die  Elemente  des  Ab- 
strakten und  des  Sinnlichen,  welche  nach  der  asketischen  Sonderung  des  Mit- 
telalters im  15.  Jahrh.  vorübergehend  eine  Einheit  gebildet  hatten,  begannen 
wieder  auseinander  zu  gehen;  man  fühlte,  dass  jene  Mischung  des  Geistigen  und 
Sinnlichen  keinem  von  beiden  genüge,  man  strebte  das  Sittliche  und  Religiöse 
mit  tieferem  Ernst,  das  Natürliche  mit  grösserer  sinnlicher  Wahrheit  zu  er- 
fassen. Man  wurde  sich  der  Mängel  der  bisherigen  Kunstrichtung  bewusst,  eiie 
man^  das  Mittel  gefunden  hatte  ihnen  abzuhelfen.  Es  war  nahe  daran,  dass 
Wirklichkeit  und  Kunst  in  Widerspruch  geriethen.  Nahm  man  es  mit  den  reli- 
giösen und  sittlichen  Interessen  genau,  so  schien  die  Harmonie  des  Ganzen  ge- 
fährdet, und  fasste  man  diese  vorzugsweise  ins  Auge,  so  konnte  der  Ernst  des 
Ansdrucks  schwerlich  seine  volle  Kraft  erhalten.  Jenes  (die  Betonung  des  sitt- 
lichen Ernstes  und  der  Schmerzen)  entsprach  der  Stimmung  det  nordischen,  mehr 
germanischen  Völker,  dieses  (die  Schönheit  der  Form)  lag  den  Südländern,  vor 
allen  den  Italienern,  näher.  Eine  neue  Scheidung  auf  diesem  Gebiete  bereitete 
sich  vor.  Aber  es  währte  noch  eine  Weile,  ehe  man  sich  so  weit  von  dem 
Ueberlieferten  enifemte,  und  unsere  beiden  Meister  aus  dem  obem  Maasthale 
konnten  sich  noch  nicht  dazu  entschliessen.  Sie  gehörten  zwar  einem  romani- 
schen Stamme  an,  aber  einem  solchen,  der  vielfach  unter  dem  Einflüsse  der 
benachbarten  germanischen  Provinzen  stand.  Wir  wissen  nicht  einmal,  wo  lia 
ihre  Lehrjahre   durchgemacht   hatten,    und  es  ist  nicht  unwahrscheinlich,    data 


Histoire  de  la  peintnre  au  pays  de  Liege.  276 

dies  in  Brabant,  in  Antwerpen  oder  Mecheln,  wo  wir  sie  später  ansässig  ünden, 
geschehen  war.  Der  Weg,  den  sie  einschhigen,  war  daher  auch  nar  eine  halbe 
Maassregel.  Sie  yerminderten  die  Schwierigkeiten,  ohne  ihnen  abzuhelfen.  Wäh- 
rend ihr  germanischer  Zeitgenosse  Quentiu  Mcssys,  um  ergreifenden  Ausdruck 
zn  erlangen,  seinen  Figuren  grössere  Dimensionen  gab  ala  die  bisherigen  Mei- 
ster, bildeten  sie  dieselben  meistens  kleiner,  wodurch  sie  denn  von  selbst  in 
das  Yerh&ltniss  der  Staffage  rückten.  Wie  wenig  sie  dabei  als  Repräsentanten 
ihrer  Geburtsgegend  verfuhren,  zeigt  sich  denn  auch  daran,  dass  sie  in  der- 
selben keinen  Nachfolger  fanden,  dass  vielmehr  gleich  nach  ihnen  gerade  Lüt- 
tich es  war,  welches  entschieden  mit  der  mittelalterlichen  Tradition  brach  und 
sich,  den  Nachbargegenden  vorangehend,  der  italienischen  Renaissance  zuwandte. 
Es  ist  merkwürdig,  wie  kräftig  sich  bei  dieser  Gelegenheit  das  romani- 
sche Blut  dieses  Stammes  im  Gebiete  von  Lüttich  äusserte.  Der  Uebergang 
vollzog  sich  plötzlich,  aber  in  höchst  normaler  Weise;  wir  beündeu  uns  mit 
einem  Schlage  in  voller  Renaissance.  Künstler  und  Literaten  waren  dabei  mit- 
wirkend und  auch  an  einem  Mäcen  fehlte  es  nicht.  Erhard  von  der  Marck,  der 
im  Anfange  des  16.  Jahrh.  Fürstbischof  von  Lüttich  wurde^  war  ein  humani- 
«  stisch  gebildeter,  kunetliebender  Herr,    welcher  den  lebhaften  Ehrgeiz  empfand, 

seien  Residenz  im  Sinne  der  neuen,  in  Italien  aufkommenden  Kunstrichtung 
würdig  zu  schmücken.  Er  hatte  das  Glück,  die  Mittel  dazu,  und  namentlich 
einen  jungen  Maler,  der  die  dazu  nöthigen  Eigenschaften  im  vollsten  Maaase 
besasB,  in  seiner'  Stadt  selbst  vorzufinden.  Lambert  Lombard,  Sohn  eines  Lüt- 
ticher  Bürgers,  1503  oder  1506  geboren,  war  ohne  noch  die  Niederlande  ver- 
lassen zu  haben,  bereits  in  Berührung  mit  der  neuen  Kunstrichtung  gekommen, 
indem  er  in  Middelburg  mit  dem  berühmten  Maler  Mabuse  (Johann  Gossaert 
ans  Maubeuge)  zusammen  getroffen  war,  der  sich  damals  bereits  (das  erste 
Beispiel  dieser  Art)  in  gewissem  Grade  italienische  Manier  angeeignet  hatte* 
Dies  mochte  in  ihm  den  Wunsch  erregt  haben,  aus  derselben  Bildungsquelle 
zu  schöpfen,  und  veranlasste  den  Bischof  ihn  dabei  zn  unterstützen.  Er  be- 
stimmte daher  den  gelehrten  Cardinal  Pole,  der  damals  seinen  Wohnsitz  von 
England  nach  Rom  verlegte,  um  den  Reformplänen  seines  Königs  aus  dem 
Wege  zu  gehen,  den  jungen  Maler  in  sein  Gefolge  aufzunehmen,  der  in  dieser 
ehrenvollen  und  anregenden  Weise  zu  einem  längern  Aufenthalte  in  Rom  ge- 
langte und  hier  seine  Studien  denn  auch  mit  solchem  Eifer  betrieb,  dass  er 
I  wenige  Jahre  darauf,  als  der  Tod  des  Bischofs  (1538)  ihn  zur  Rückkehr  in  seine 

I  Heimath  nöthigte,   hier   mit   aller  Kraft    zur  Verbreitung  des  italienischen  Ge- 

J  tchmackes    wirken   konnte.    Lambert  Lombard    war   kein  gemeiner  Praktiker, 

sondern  hatte  theoretische  Neigungen,  und  strebte  auf  die  Quellen  zurück  zn 
gehen.  Er  hatte  mehr  die  Antike,  als  einzelne  italienische  Meister  studirt,  un- 
terliess  zwar  nicht,  sich  in  grossen  Gemälden  zu  zeigen,  war  aber  doch  frucht- 
barer in  Zeichnungen,  die  dann  durch  den  Kupferstich  verbreitet,  zur  Er- 
weoknng  des  Sinnes  für  antike  Form  wirkten.  Ihm,  dem  Theoretiker  und  Künst- 
er, stand  dann  ein  konstliebonder  Gelehrter  zur  Seite,  Dominicus  Lampsonius, 
der  in  Italien  ebenfalls  im  Dienste  des  Kardinals  Pole  gewesen,  später  aber  als 


'Tä 


276         M.  Jules  Heibig,  Histoire  de  la  pcintare  au  pays  de  Li6ge. 

Secretär  in  die  des  Bischofs  von  Lüttich  getreten  war.  Er  versuchte  sich  dilet- 
tantisch selbst  in  grossen  Altartafeln,  wurde  aber  auch  der  Herausgeber  einer 
Sammlung  von  Malerporträts  und  der  Verfasser  eines  Aufsatzes  über  nieder- 
l&ndiscbe  Künstler,  den  Vasari  in  der  zweiten  Ausgabe  seines  Werkes  benutzte. 
Lüttich  wurde  daher  eine  wichtige  Stelle  für  die  Verbreitung  der  italienischen 
Kunst  im  Norden.  Aus  Lamberts  Schule  gingen  Franz  Floris  und  andere  be- 
deutende Vertreter  der  neuen  Richtung  hervor,  welche  ausserhalb  Lütticht 
wirkten.  Aber  auch  in  seiner  Vaterstadt  selbst  war  seit  Lamberts  Tode  diese 
Kunstweise  völlig  eingebürgert,  und  sie  erzeugte  im  17.  und  18.  Jahrhundert 
jene  Reihe  von  namhaften  Meistern,  die,  wenn  sie  auch  nicht  Begründer  eigner 
Schulen  wurden,  doch  ein  gewisses  Ansehen  genossen  und  noch  jetzt  in  den 
Gallerien  ihre  Geltung  haben.  Ich  enthalte  mich  des  weitem  Eingehens  auf 
ihre  Kamen,  unter  denen  der  des  Gerard  Lairesse  der  bedeutendste  sein  möchte. 
Der  Verfasser,  der  ihre  Lebensnachrichten  mit  grossem  Fleisse  gesammelt  und 
ihre  Werke  catalogisirt  und  beschrieben  hat,  kann  doch  die  Bemerkung  nicht 
unterdrücken,  dass  von  nun  an  seine  Aufgabe  an  einer  gewissen  Monotonie 
leide.  Der  Hergang  sei  bei  allen  Malern  ziemlich  derselbe;  noch  ehe  sie  in  der 
Heimath  zu  wahrer  Meisterschaft  gereift  sind,  streben  sie  nach  Italien,  eignen 
sich  dort  mehr  oder  weniger  die  damals  gerade  herrschende  Manier  an  und 
kehren  so  gewissermassen  als  Italiener  zurück,  aber  doch  nur  durch  eine  Art 
von  Verkleidung,  welche  mit  ihrem  Naturell  nicht  ganz  im  Einklänge  steht. 

Lambert  Lombard  hatte,  wie  die  meisten  der  damaligen  italienischen 
Maler,  auch  die  Architektur  studirt,  und  es  ünden  sich  in  Lüttich  noch  mehrere 
Gebäude  in  einem  ziemlich  reinen  Renaissancestyl,  welche  von  nahe  stehenden 
Schriftstellern  ihm  zugeschrieben  werden.  Aber  hier  drang  er  nicht  durch : 
die  Bauherren  Hessen  sich  von  der  Reinheit  seiner  architektonischen  Zeichnun- 
gen nicht  reizen,  Kirchen  und  Paläste  behielten  noch  lange  gothische  Form, 
wenn  auch  in  einer  phantastischen  Umgestaltung,  wie  sie  schon  der  bischöfliche 
Palast  Erard's  von  der  Marck  gezeigt  hatte.  Wenn  so  eine  Zeit  lang  Archit-ektar 
und  Malerei  verschiedene  Wege'  gingen,  so  hatte  dies  indessen  noch  nicht  so 
gleich  die  Folge,  das  natürliche  Band,  das  beide  verbindet,  völlig  zu  lösen« 
Noch  im  17.  Jahrhundert,  ja  selbst  zum  Theil  noch  im  18.  wurden  die  Ge« 
mälde  auf  Leinwand  oder  Holz  für  bestimmte  architektonische  Stellen  und  in 
der  dadurch  gebotenen  Umrahmung  ansgeführt.  Erst  die  spätere  Zeit  des  18. 
and  der  Anfang  des  19.  Jahrhunderts  halben  den  Versuch  gemacht,  die  Malerei 
völlig  zu .  mobilisiren,  upd  die  Gemälde  als  vereinzelte  künstlerische  Gedan« 
ken  mit  willkürlicher  Begrenzung  zu  umgeben.  Es  ist  keine  Frage,  dass  jenes 
Anschlieesen  an  die  Architektur  ein  wichtiges  Mittel  zur  Erhaltung  des  Styl- 
gefuhls  war,  und  dass  die  seitdem  herrschend  gewordene  Lösung  dieses 
Bandes  dazu  beiträgt,  der  heutigen  Malerei  die  Haltungslosigkeit  zu  geben,  an 
der  sie  leidet. 

Diese  Bemerkungen  mögen  genügen,  um  auf  den  Werth  dieser  gründlichen 
provincialgeschichtlichen  Arbeit  aufmerksam  zu  machen. 


Charles  Görard,  les  Artistes  de  TAlsace  pendant  le  moyen-ftge.        277 

2.  Dasselbe  Lob  des  Fleisses  and  der  Gründliehkeit  wie  dem  ersten  ge 
bahrt  dem  zweiten  der  vorliegenden  Werke,  so  sehr  dasselbe  sich  sonst,  sowohl 
dem  Gegenstande  als  der  Form  nach,  von  demselben  unterscheidet.  Wenn  die 
Kunst  im  Gebiete  von  Lattich  erst  mitr  dem  16.  Jahrhundert  einen  bestimmten 
nnd  bleibenden  Charakter  annahm,  verhält  es  sich  im  Elsass  grade  umgekehrt, 
seine  künstlerische  Production  gehört  wesentlich  dem  Mittelalter  an.  Der 
Verfasser  des  zweiten  Werkes  hat  sich  daher  mit  Recht  auf  diese  frühere  Zeit 
beschränkt.  Dann  aber  fragte  sich,  in  welcher  Form  er  die  Resultate  seiner 
Studien  publiciren  wolle.  Er  hat  darüber,  wie  er  erzählt,  lange  geschwanktt 
sich  dann  aber  für  die  einfachste  Weise  entschieden,  nämlich  für  eine  chro- 
nologische Aufzählung  aller  ihm  bekannten  Künstlernamen  des  Elsassischen 
Mittelalters,  ohne  Unterscheidung  der  Kunstzweige.  Architekten,  Kalligraphen, 
Miniaturisten,  Bildhauer,  Maler  u.  s.  f.  folgen  daher  nach  der  Ordnung  ihrer 
muthmasslichen  Lebenszeit  auf  einander.  Vorzüge  und  Nachtheile  dieser  Be- 
handlungsweise  liegen  auf  der  Hand.  Bei  den  dürftigen  und  unzusammenhängen- 
den Notizen,  welche  uns  die  mittelsiterlichen  Chroniken  und  Urkunden  ge- 
währen, wird  dadurch  nicht  leicht  ein  lebensvolles  Büd  der  künstlerischen  Ent- 
Wicklung  entstehen.  Dagegen  wird  durch  diese  Vereinzelung  die  Handhabung 
einer  sorgfaltigen  Kritik,  welche  bei  der  Natur  dieser  Ueberlieferungen  geboten 
ist,  bedeutend  erleichtert.  Es  ist  daher  eine  solche  Zusammenstellung  eine  be- 
scheidene, aber  überaus  nützliche,  ja  unentbehrliche  Aufgabe,  der  sich  der  Ver- 
fasser denn  auch  mit  kritischer  Gewissenhaftigkeit  unterzogen  hat.  Sein  Buch, 
von  dem  jetzt  nur  der  erste  Theil  vorliegt,  wird  daher,  besonders  wenn  der 
zweite,  dem  15.  Jahrh.  gewidmete,  erschienen  und  mit  den  ausführlichen  Re- 
gistern, welche  die  Vorrede  verheisst,  versehen  sein  wird,  ein  Repertorium  bil- 
den, das  Keiner  übergehen  darf,  der  sich  mit  der  Kunst  des  Elsass  beschäftigt. 
Natürlich  hat  der  Verfasser  sich  bei  seinen  Mittheilungen  nicht  auf  eigene  neue 
Forschungen  beschränken  dürfen:  seine  Aufgabe  war  vielmehr,  die  Resultate 
der  schon  längst  eifrig  betriebenen  Localforsohnng  za  prüfen  und  die  mannig- 
fachen Irrthümer,  welche  sich  hartnäckig  zu  erhalten  pflegen,  aufzudecken. 
Gerade  die  Trockenheit  und  Lückenhaftigkeit  der  überlieferten  Nachrichten  gibt 
die  Pflicht,  aber  auch  einen  fast  übermässigen  Reiz,  sie  möglichst  auszubeuten, 
und  durch  die  Phantasie  zu  beleben,  was  denn  leicht  zu  bedenklichen  Hypo- 
thesen führt.  Der-  Verfasser  ist  sich  dieser  Gefahr  wohl  bewusst  und  hat  sie 
darch  sorgfältige  Kritik  möglichst  zu  vermeiden  gesucht.  Indessen  fehlt  es  auch 
bei  ihm  nicht  an  Annahmen,  die  ich  für  unbegründet  oder  doch  für  sehr  zwei- 
felhaft halten  muss.  In  die  letzte  Kategorie  gehört  auch  eine,  welche  so  eben 
bei  Weltmann  (Zeitschrift  für  bildende  Kunst,  8.  Band,  Seite  359)  Zustimmung 
gefunden  bat. 

An  der  stattlichen  gothischen  Kirche  St.  Martin  zu  Colmar  sind  die 
Namen  mehrerer  Werkmeister  erhalten.  Der  Eine  derselben,  Wilhelm  von  Mar- 
burg, ist  zufolge  seines  Grabsteines  im  J.  1364  gestorben ;  von  ihm-  kann  daher 
nnr  der  Chor  herrühren,  während  das  Langhaus  einer  frühem  Zeit  entspricht 
and  das  Kreuzschiff  noch  älteren  Ursprunges  scheint.  Gerade  an  diesem  ältesten 


278 


Charles  Gorard, 


Theile  aber  hat  man  schon  vor  etwa  zwanzig  Jahren  ebenfalk  den  Namen  eines 
Meisters  entdeckt.  An  dem  Portale  des  südlichen  Kreozarmes  befindet  sich 
nämlich  die  Statuette  eines  Mannes,  der  mit  dem  Schurzfell  bekleidet,  das  Win- 
kelmaass  in  dev  kräftigen  Hand,  augenscheinlich  die  Darstellung  eines  Stein- 
metzen oder  Baumeisters  gibt.  Daneben  dann  die  Inschrift:  MAISTRES-HVM- 
BRET  (Maistres-Humbret).  Schon  der  Entdecker  dieser  Inschrift,  der  verstor- 
bene Abbe  Hugot,  folgerte  daraus,  dass  dcr^Mann  kein  Deutscher,  sondern  ein 
Franzose  gewesen  sei,  eine  Ansicht,  der  jedoch  Ludwig  Schneegans,  einer  der 
gründlichsten  Elsassischcn  Forscher,  cbonfuUs  aus  sprachlichen  Gründen  ent- 
gegentrat. Unser  Verfasser  widerspricht  diesem  und  legt  namentlich  darauf  Ge- 
wicht, dass  der  Scbluss  des  Meistertitels,  das  S  am  Nominativ  des  Singulars 
eine  im  Altfranzösischen  oft  vorkommende  Form  sei.  Seine  Gründe  scheinen 
mir  indessen  nicht  schlagend.  Wenn  auch  jenes  S  beim  Gebrauch  des  Singulars 
im  Altfranzösischen  vorkommen  mag,  so  ist  es  immer  eine  üngenauigkeit,  welche 
nicht  gerade  als  ein  Zeichen  der  Nationalität  des  Schreibenden  gelten  kanni 
während  andererseits  die  Form  des  Namens  Humbret  (Humbrecht)  eher  auf 
deutschen  Ursprung  deutet  und  die  Schreibart  des  Meistertitels  keiner  beider 
Sprachen  vollkommen  angehört.  Im  Mittelhochdeutschen  ist  zwar  die  Schreibart 
»Meister«  gewöhnlicher,  doch  kommt  auch  die  Schreibart  »Maistert  (in 
Erinnerung  an  den  auch  den  Handwerkern  wohlbekannten  lateinischen  Ursprung 
des  Wortes  Magister)  nicht  selten  vor.  So  wiederholt  in  Esslingen,  vgl  Heide- 
löff,  Schwaben,  S.  44,  45.  Es  steht  daher  nur  so  viel  fest,  dass  die  Schreibart 
beider  Worte  incorrekt  ist;  eine  Üngenauigkeit  wie  sie  in  Steinschriften  so 
häufig  vorkommt.  Unier  diesen  Umständen  scheint  es  mir  höchst  gewagt,  aus 
der  Orthographie  einen  Scbluss  auf  die  Nationalität  des  dargestellten  Mannes 
zu  ziehen.  Fragt  man  aber  nicht  blos  die  Inschrift,  sondern  das  Werk  selbst 
an  welchem  sich  die  Statuette  befindet,  so  redet  es  entschieden  deutsche 
Sprache;  die  Architektur  dieses  südlichen  Kreuzarmes  enthält  noch  starke  ro- 
manische  Reminiscenzen.  wie  sie  um  das  Jahr  1240,  wo  nach  den,  von  dem 
Verfasser  selbst  mitgotheilten  Nachrichten  dieser  Theil  gebaut  sein  muss,  in 
Frankreich  nicht  denkbar  sind,  in  der  deutschen  Praxis  aber  ganz  herkömmlich 
waren.  Der  Erbauer  dieses  Ereuzarmes  muss  daher  ein  Deutscher  gewesen  sein. 
Damit  ist  denn  auch  Prof.  Weltmann  a.  a.  0.  einverstanden,  glaubt  aber  den- 
noch nach  Gcrard's  Vorgänge  die  französische  Nationalität  des  Meisters  Hum- 
bert festhalten  zu  dürfen.  Er  nimmt  rämlich  an,  dass  bei  dem  Eintritt  dieses 
fremden  Meisters,  der  Innenbau  des  Kreuzarmes  durch  seine  deutschen  Vor- 
ganger  bereits  vollendet  und  nur  noch  das  Portal,  an  welchem  die  Statuette 
sich  befindet,  auszuführen  gewesen  sei.  Gerade  dies  Portal  hat  aber  keines- 
weges  den  ausschliesslich  romanischen  Charakter  wie  der  Innenbau;  es  scheint 
zwar  aus  ununterbrochener  Arbeit  hervorgegangen,  enthält  aber  in  der  That 
eine  freilich  etwas  wunderliche  Mischung  von  romanischen  und  gothischen  Mo- 
tiven, die  et  den  Anordnungen  des  neuen  Meisters  zuschreiben  zu  dürfen  glaubt, 
der  von  da  zum  Bau  des  Langhauses  übergegangen  sei,  in  welchem  dann  die 
gothische  Formbildung   schon  deutlicher  liervortritt.    Die  Hypothese  ist  scharf- 


i 


les  ArÜBte«  de  TAlsacc  pendant  le  moyon*&ge.  279 

siimig,  leidet  aber  doch  wieder  an  innerer  Unwahrscbeinlichkeit.  Die  Misohnng 
der  romanischen  und  gothisoheD  Elemente  an  der  Bildung  des  Portals  ist  so 
roh  und  angeschickt  ausgeführt,  dass  man  sie  einem  Künstler,  der  in  der 
Kenntniss  des  neuen  Styls  aufgewachsen  war,  nicht  zuschreiben  kann  und 
ebensowenig  ist  es  glaublich,  dass  mau  dem  neu  hinzutretenden  Meister 
gestattet  haben  würde,  sogleich  mit  der  Anbringung  seines  Bildnisses  an 
einem  Werke,  an  dem  er  so  wenig  Antheil  hatte,  zu  debütiren.  Viel 
eher  wäre  es  möglich,  dass  ein  älterer  Meister,  'dessen  lange  Wirksam- 
keit ihm  Ansprüche  gab  bei  dieser  Schlussarbeit  seine  Vielseitigkeit  und 
sein  gewachsenes  Yerstandniss  des  neuen,  von  Frankreich  her  eindringen- 
den Styles,  zeigen  wollen,  was  denn  in  ziemlich  abschreckender  Weise  geschehen 
fi  und  eher  die  Lehre  gibt,  sich  in  späten  Tagen  kühner  Versuche  zu  ent- 
halten. Es  wäre  .in  der  That  gar  nichts  Auffallendes,  wenn  französische  Meister 
im  Elsass  thätig  gewesen  waren,  allein  der  Beweis  der  Thatsache  scheint  we- 
nigstens in  diesem  Falle  noch^nicht  erbracht  zu  sein. 

Besonders  ausfuhrlich  beschäftigt  sich  der  Verfasser  ndt  den  Baumeistern 
des  Strassburger  Münsters,  unter  denen  er  (wiederum  nach  dem  Vorgange  von 
Ludwig  Schneegans)  schon  einen  des  12.  Jahrhunderts  nachweisen  zu  können 
glaubt.  An  einem  der  durch  den  Bischof  Conrad  von  Hunenburg  (1190^1202) 
erbauten  Thore  der  Stadt  Straasburg  findet  sich  nämlich  das  Beliefbild  eines 
Mannes,  der  hinter  einem  Rade  sitzt,  mit  der  Lischrift:  »Hermanus  Anriga 
magister  hujus  operis.c  Da  das  Kreuzschiff  des  Münsters  ungefähr  derselben 
Zeit,  also  auch  muthroasslich  demselben  baolustigen  Bischof  angehört,  glaubt 
der  Verf.  es  demselben  bewährten  Meister  zuschreiben  zu  dürfen.  Eine  Ver- 
muthung,  die  jedenfalls  zu  kühn  und  entbehrlich  scheint, 

Noch  kühner  ist  es  dann,  wenn  man  diesen  Meister  auch  sofort  mit  einer 
künstlerischen  Tochter  beschenkt.     Schneegans  hat  überzeugend  bewiesen,   dass 
die  Bildhauerin  Sabina,  von  welcher  nach  einer  uns  auf  bewerten  Inschrift  einige 
Statuen  am  Aeussern  des  Münsters  herrührten,  nicht,    wie  man   durch  ein  gro- 
bes Missverständniss  angenommen,  eine  Tochter  Erwins  von  Steinbach  gewesen 
sein  könne,    sondern  mehrere  Decennien   vor  demselben   gelebt   haben   müsse. 
Da  aber  bei  den  damitligen  Zunftverhältnissen  die  Theilnahme  einer  Frau   an 
dor  Thätigkeit  der  Steinmetzen  nur  dann  denkbar  sei,  wenn  sie  zu  der  Familie 
des  Werkmeisters  und  also  gewissermassen  zur  Bauhütte  gehört  habe,  so  glaubt 
Schneegans  ^  und   mit  ihm   unser  Verfasser   annehmen  zu  dürfen,   dass  sie  von 
jenem  Hermann   Auriga, .  dessen  Lebenszeit  ihrem  Style  entspreche,  abstamme. 
£s  ist  augenscheinlich,    dass   wir   zu    dieser   völlig,  unerwiesenen  Vermuthung 
kein  Recht  haben. 

Bei  dem  vielgefeierten  Namen  Erwins  von  Steinbach  kommt  der  Verfasser 
au  einer  Hypothese,  die  so  viel  ich  weiss,  ganz  neu  und  ihm  eigenthümlich  ist. 
Gewöhnlich  hat  man  jenen,  ihm  nur  in  einer  Inschrift  beigelegten  Beinamen 
mit  der  im  markgräflichen  Baden  gelegenen  Ortschaft  Steinbach  und  «ogar 
theilweise  mit  dem  danach  benannten  ritterlichen  Geschlechte  in  Verbindung 
gebracht.    E^  gibt  aber  auch  noch  ein  anderes  Steinbaoh,   und  zwar   im  Elsass 


260  Charles  G^rard, 

selbst,  in  der  Nahe  von  Thann,  und  es  existirt  in  der  That  kein  Beweis  über 
die  Richtigkeit  der  einen  oder  der  anderen  Beziehung.  Aach  scheint  es  sehr 
gleichgültig,  ob  der  tüchtige  Meister  auf  dem  rechten  oder  auf  dem  linken 
Rheinufer  geboren  ist.  Unser  Verfasser  fügt  nun  aber  diesen  beiden  Möglich* 
keiten  eine  dritte  hinzu,  für  die  er  sich  entscheidet,  die  nämlich,  dass  Erwin 
ein  Franzose  gewesen,  dessen  Geburtsort  Pierrefont  oder  ahnlich  gelautet  habe, 
und  auf  deutschem  Boden  durch  das  deutsche  Wort  Steinbach  übersetzt  sei, 
Gründe  für  diese  Yermuthung  findet  er  besonders  darin,  dass  Erwins  Arbeiten 
nicht  bloss  in  künstlerischer  Beziehung  Spuren  der  französischen  Gothik  tragen, 
sondern  auch  sonst  einen  französischen  Patriotismus  verrathen.  So  namentlich 
wenn  er  bei  der  Darstellung  der  Auferstehung,  am  grossen  Portale  des  Münsters, 
einen  Sarg  mit  den  französischen  Lilien  und  dem  Thurme,  also  mit  dem  in 
Frankreich  so  oft  vorkommenden  Wappen  Ludwig  IX.  und  seiner  Mutter  Bianca 
von  Kastilien,  schmücke.  An  der  Fagade  seien  neben  dem  damals  lebenden 
deutschen  Kaiser,  Rudolph  von  Habsburg,  die  Reiterstatuen  des  Clovis  und  des 
Dagobert  aufgestellt.  Angeblich  sei  dies  eine  Anerkennung  ihrer  der  Kathedrale 
gegebenen  Schenkungen.  Aber  diese  habe  auch  andere  Woblthäter  gehabt,  und 
die  Wahl  des  Begründers  der  französischen  Monarchie  und  des  in  Frankreich 
populärsten  Königs  lasse  sich  daher  nur  als  ein  Ausdruck  persönlicher  Anhäng- 
lichkeit des  Meisters  erklären. 

Der  Verfasser  unseres  Buches  scheint  nicht  ein  geborener  Elsasser  zu 
sein;  er  ist  mit  dem  Elsass,  wie  er  sich  in  der  Vorrede  ausdrückt,  durch  kind- 
liche Anhänglichkeit  seit  mehr  als  einem  halben  Jahrhundert  verbunden;  er 
ist  jetzt  Advocat  am  Appellhof  zu  Nancy.  Er  wird  also  ohne  Zweifel  ge- 
borener Franzose  sein.  Er  versichert  uns  aber,  dass  dies  auf  die  eben  gedachte  ^ 
Bypothese  keinen  Einfluss  habe :  er  sei  weit  entfernt  eine  kindische  Befriedi- 
gung darin  zu  finden,  dass  er  Deutschland  einen  grossen  Künstler  entziehe.  Er 
habe  diese  Ansicht  schon  gehabt,  während  er  nur  das  gelehrte  und  künstlerische 
Deutschland  gekannt  und  geliebt  habe.  Wir  wollen  ihm  das  gerne  glauben,  da 
er  sich  auch  sonst  massig  und  vorurtheilsfrei  ausspricht,  aber  seine  Hypothese 
scheint  uns  dennoch  unhaltbar.  Dass  die  Arbeiten  Erwin's  der  französischen 
Schule  angehören,  ist  ausser  Zweifel,  aber  schon  die  Art  ihrer  Ausführung 
spricht  dafür,  dass  er  kein  Franzose,  sondern  ein  Deutscher  gewesen,  der  die 
in  Frankreich  ausgebildete  Form  in  eigenthümlicher  Weise  auffasste.  Jene  fran- 
zösischen Wappen  mögen  eben  eine  harmlose  I^eminiscenz  aus  seiner  Studienzeit, 
oder  eine  Copie  einer  mitgebrachten  Zeichnung  sein,  und  die  Gestalten  von 
Clovis  und  Dagobert,  wenn  überhaupt  diese  durch  eine  unerwiesene  Tradition 
überlieferten  Namen  richtig  sind,  stammen  nicht  aus  seiner  Wahl,  sondern 
waren  ihm  vorgeschrieben.  Jedenfalls  aber  ist  die  von  dem  Verfasser  angenom- 
mene Entstehung  des  Wortes  Steinbach  höchst  unwahrscheinlich.  Uebersetzuugen 
von  Beinamen  kommen  wohl  vor;  Regier  de  laPasture,  nachdem  er  aus  seinem 
französisch  redenden  Geburtsorte  Tournay  auf  fiamländisches  Gebiet  verzogen 
war,  nannte  sich  Roger  van  der  Weyden.  Allein  dies  geschah  im  15.  Jahrhun- 
dert, zu  einer  Zeit,  wo  die  Beinamen  bereits  in  bleibende  Familiennamen  über- 


les  Artistee  de  PAleace  pendaat  le  moyen-ftge.  281 

gingen  und  an  einem  Worte  von  allgemeingültiger  Bedeutung,  nioht  im  13* 
Jahrb.,  iro  die  Beinamen  stets  den  Charakter  der  persönlichen  Bezeichnung 
hatten  nnd  nach  Massgabe  der  umstände  wechselten,  und  nicht  an  einem  Orts- 
namen (nomen  proprium),  der  als  solcher  unveränderlich  war.  Der  Namen  einer 
grossen  Stadt  geht  durch  die  ganze  Welt,  der  eines  kleinen,  wenig  bekannten 
Ortes  hat  aber  ausserhalb  der  Provinz,  der  er  angehört,  und  besonders  im  Aus- 
lande, keine  Bedeutung,  man  ersetzte  ihn  daher  hier  durch  den  Namen  der  Pro- 
vinz oder  gar  des  Landes,  in  welchem  jener  kleine  Ort  lag.  Beispiele  davon  sind 
in  Italien  überaus  häufig,  für  Deutschland  mag  es  genügen,  auf  die  grosse  Zahl  von 
Künstlern  und  Handwerkern  aller  Art  hinzuweisen,  welche  im  14.  und  15.  Jahr- 
hundert unter  den  Namen  Beheim,  Behm  u.  s.  w.  vorkommen.  Wäre  Erwin 
wirklich  ein  Franzose  gewesen,  der  in  seinem  Yaterlande  von  Pierrefont  genannt 
war,  so  würde  man  sich  in  Strassburg  begnügt  haben,  ihn  als  den  »Wälschenc 
als  Franzosen,  oder  mit  dem  Namen  einer  grossen  Stadt,  in  der  er  gearbeitet 
hatte,  etwa  von  Amiens  oder  von  Paris,  zu  bezeichnen.  Jedenfalls  aber  wäre 
die  Uebersetzung  des  Namens  Pierrefont  durch  Steinbach  zweckwidrig  gewesen, 
da  sie  die  Vorstellung  erweckt  haben  würde,  dass  der  Inhaber  desselben  ein  Deutscher, 
ein  Elsasser  oder  Badenser  sei,  eine  Vorstellung,  welche  irregeführt  und  die  Er- 
kennung erschwert  haben  würde.  Der  Verf.,  der  uns  versichert,  dass  sein  fran* 
zösisches  Herz  an  dieser  Hypothese  keinen  Antheil  hat,  mag  seinerseits  überzeugt 
sein,  dass  unser  deutscher  Patriotismus  bei  dieser  Frage  gar  nicht  mitspricht. 
Wir  wissen  sehr  wohl,  dass  die  Gothik  in  Frankreich  ihre  Ausbildung  erhalten 
hat  und  erst  von  dort  her  nach  Deutschland  verpflanzt  ist.  Deutsche  Schrift- 
steller haben  dies  nachgewiesen,  ehe  es  in  Frankreich  selbst  ausgesprochen  war* 
Unter  diesen  Umständen  aber  erscheint  es  ziemlich  gleichgültig,  ob  diese  Ueber- 
tragung  nach  Deutschland  durch  deutsche  Meister,  auf  Grund  ihrer  in  Frank- 
reich gemachten  Studien,  oder  durch  französische,  die  zu  uns  einwanderten,  ge- 
schehen sei.  Innere  Gründe  bestimmen  uns  in  den  Fällen,  wo  wir  die  Entstehung  . 
der  frühesten  gothischen  Kirchen  in  Deutschland  genauer  verfolgen  können,  die 
Wirksamkeit  deutscher  Meister  anzunehmen.  Unserer  Eitelkeit  würde  vielleicht 
eher  die  andere  Ansicht  zusagen.  Dass  unsere  Meister  das  Bedürfniss  nach  fran« 
zösischer  Architektur  empfanden  und  sie  in  ihrer  Heimath  studirten,  ist  jeden- 
falls ein  stärkeres  Anerkenntniss  ihrer  Vorzüge,  als  wenn  französische  Meister  zu 
uns  gekommen  wären  und  uns  ihre  Leistungen  angeboten  hätten. 

Anf  die  ausführlichen  Untersuchungen  des  Verf.  über  die  Söhne  Erwin*s 
und  über  seine  Nachfolger  am  Bau  des  Münsters  darf  ich  nicht  weiter  eingehen; 
er  BchHesst  sich  in  der  Regel  der  Ansicht  von  Schneegans  an. 

Im  14.  Jahrhundert  kann  es  interessiren,  dass  der  Verf.  auch  da  noch 
mehrere  geistliche  Baumeister  nachweist.  Der  Franciskaner  Johann  Wagner 
erbaute  den  Chor  der  Kirche  seines  Ordens  in  Thann  (1303—1306),  an  der  Kirche 
von  S.  Thomas  leiteten  wiederholt  die  Scholastiker  des  Capitels  den  eleganten, 
noch  jetzt  bestehenden  Bau. 

Manche  Gründe  könnten  zu  der  Vermuthung  führen,  dass  auch  in  dieser 
Bheingegend  die  Malerei  schon  im  14.  Jahrhundert  einen  gewissen  Aufschwung 


282         Charles  Gerard,  \e»  Artistes  de  TAbaoe  pendant  le  moyen-lge. 

genommen  habe.  Die  Forschungen  des  Verf.  geben  indessen  keine  Bestätigung 
derselben.  £r  zählt  zwar  gelegentlich  (S.  837)  eine  Reihe  von  Wandmalereien 
auf,  welche  jedoch  nur  in  schwachen  Uebcrresten  erhalten  und  nicht  ausge- 
zeichnet zu  sein  scheinen.  An  einer  derselben  in  der  JOominikanerkirche  zu  Geb- 
weiler nennt  sich  der  Maler:  Werlin  zum  Burne  in  deutscher  Inschrift* 
Uebrigens  ist  aber  selbst  die  Zahl  der  Malernamen,  welche  der  Yerf.  aus  Bür' 
gerlisten  und  ähnlichen  Urkunden  mittheilt,  ohne  dass  wir  Eenntniss  von  ihrer 
Bedeutung  haben,  auffallend  klein.  Er  hätte  diesen  Namen  den  des  Andreas  von 
Colmar  hinzufügen  können,  den  der  Verf.  eines  Manuscripts  aus  dem  14.  Jahr- 
hundert als  seine  Quelle  für  mehrere  von  ihm  mitgetheilte  Farbenrecepte  an- 
führt (Gesch,  d.  bild.  Künste,  1.  Aufla^/e  VI.  408.  2.  Aufl.  S.  379).  Dagegen 
nennt  der  Verf.  zwei  andere  Malcrnamen,  die  bloss  auf  einer  augenscheinlich 
unbegründeten  Hypothese  beruhen.  Er  erzählt  nämlich  am  Schlüsse  des  13.  Jahrh. 
von  einem  Strassburger  Maler,  den  er  Wurmser  den  Alten  nennt,  dass  der- 
selbe nach  Prag  ausgewandert  sei  und  sich  daselbst  niedergelassen  habe,  und 
späterhin  von  einem  Eunz  Wurmser,  der,  ans  Strassburg  stammend,  Hofmaler 
Carl's  IV.  und  in  Prag  berühmt  gewesen  sei.  Was  wir  urkundlich  wissen,  ist 
nur,  dass  ein  Maler  aus  Strassburg,  'Nicolaus  Wurmser,  im  Jahre  1359  in  die 
Dienste  Carl's  IV.  trat,  von  ihm  hochgeehrt  und  längere  Zeit  im  Schlosse  Carl- 
stein  beschäftigt  wurde,  wo  wir  wahrscheinlich  noch  Malereien  von  seiher  Hand 
besitzen.  Von  dem  Lehrmeister  dieses  Nicolaus  und  von  seiner  Familie  wissen 
wir  nichts.  Was  der  Verf.  darüber  Weiteres  mittheilt,  gründet  sich  auf  eine 
Vermuthung  eines  älteren  deutschen  Kunstforschers,  von  Murr.  Derselbe  ent- 
deckte nämlich  in  einem  polizeilichen  Register  der  Stadt  Nürnberg  die  Notiz, 
dass  »Cunzel  der  Böhme,  der  Bruder  des  Malers  Nicolausc  bei  Strafe  des  Hän- 
gens ayis  der  Stadt  vei^uesen  sei,  und  nahm  an,  dass  dieser  Maler  Nicolaus  mit 
dem  Nicolaus  Wurmser  iüentisöh  sei.  Allein  die  Gleichheit  des  Vornamens  Nico- 
lans  genügt  nicht,  um  die  Identität  jenes  in  Nürnberg  befindlichen  Malers  mit 
Nicolaus  Wurmser  zu  beweisen.  Ja  diese  Identität  ist  fast  unmöglich,  da  die 
Nürnberger  Notiz  vom  Jahre  1310,  mithin  fast  fünfzig  Jahre  älter  ist,  als  def 
Eintritt  des  Wurmser  in  die  Dienste  Carl's  IV.  Kugler,  Hotho  und  ich  selbst 
hatten  daher  jene  Hypothese  von  Murr's  längst  verworfen,  nur  Passavant  nahm 
sie  gläubig  auf  und  erweiterte  sie  in  so  fern,  als  er  jenen  Cunzel  den  Böhmen, 
von  dem  die  Urkunde  durchaus  nicht  sagt,  dass  er  ein  Maler  gewesen  sei,  mit 
einem  Maler  Kunze,  der  später  in  der  Malergildc  von  Prag  war,  identificirte. 
Unser  Verf.  obgleich  crHotho's  Widerspruch  kennt  und  citirt,  geht  noch  weiter 
als  Passavant  und  baut  darauf  neue  Hypothesen.  Der  auffallende  Umstand,  dass 
der  eine  beider  Brüder  ein  Strassburger,  der  andere  als  Böhme  bezeichnet  sei, 
lasse  sich  nur  dadurch  erklären,  dass  der  Vater  beider  Brüder  nach  ihrer  Geburt 
von  Strassburg  nach  Böhmen  verzogen  sei  und  den  einen  derselben  .mitgenom- 
men und  dort  erzogen  habe,  weshalb  er  denn  auswärts  als  Böhme  bezeichnet 
worden,  den  andern  aber  in  Strassburj^  bei  seinen  Verwandten  zurückgelassen 
habe.  Die  auffallende  Differenz  zwischen  den  Jahren  1310  und  1859  glaubt  der 
Verf.  durch  die  Annahme  beseitigen  zu  können,  dbss  Nicolaus  der  jüngere  beider 


J 


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Dr.  J.  Rudolf  Bahn,  Gesoliichte  detf  bildenden  Künste  in  der  Schweiz.     268 

Brüder  und  im  Jahre  1810  noch  sehr  jung  gewesen  sei.  Allein,  da  sein  Name 
in  Nürnberg  gebraucht  wurde,  um  seinen  Bruder  näher  zu  bezeichnen,  muss  er 
doch  ein  einigermaassen  bekannter  Mann  und  mithin  wenigstens  zwanzig  Jahre 
alt  gewesen  sein,  was  ihm  denn  bei  dem  Eintritt  in  den  Dienst  Carl's  lY.  ein 
Alter  von  70  Jahren  geben  würde.  Ich  enthalte  mich  weiter  auf  die  Wider- 
sprüche und  UnWahrscheinlichkeiten  einzugehen,  zu  denen  diese  Hypothese  des 
Yerf.  führt,  und  mache  nur  darauf  aufmerksam,  wie  gefährlich  es  ist,-'  wenn  man 
Vermuthungen  auf  Vermuthungen  baut.  Nicht  nur  jener  Wurmser  der  alte,  son- 
dern auch  der  in  Frag  wirksame  Maler  Kunze,  müssen  daher  aus  der  Liste  der 
elsasser  Künstler  gestrichen  werden.  Der  in  Prag  vorkommende  Maler  Kunze 
scheint  wirklich  ein  geborner  Böhme,  blühete  aber  (wie  ich  anderweitig  nachge- 
wiesen habe,  Gesch.  der  bild.  Künste  2.  Aufl.  YI  S.  440,  Anm.  1)  wahrscheinlich 
erst  um  1414,  und  war  also  mit  jenem  aus  Nürnberg  verwiesenen  Cunzel  nicht 
identisch. 

Diese  Mangel  stehen  übrigens  dem  Wertho  des  Buchs  nicht  entgegen.  Der 
gegenwartige  Band  schliesst  mit  dem  Ende  des  14.  Jahrhunderts.  Der  folgende 
soll  nur  das  15.  umfassen,  jedoch,  wie  wir  aas  der  Yorrede  des  gegenwärtigen 
erfahren,/ mit  Ausschluss  Martin  Shongauers,  in  welchem  der  Yerf.  (nach  meiner 
Ansicht  nicht  mit  Unrecht)  mehr  den  Anfanger  der  heuern  Zeit  als  den. 
SchlusB  des  Mittelalters  sieht. 


3.  Das  dritte  der  oben  bezeichneten  Werke  wird  ohne  Zweifel  das  bedeu- 
tendste der  ganzen  Beihe  werden.  Der  Yerfasser  hat  es  auf  eine  in  jeder  Be- 
siehung  erschöpfende  Würdigung  der  noch  so  wenig  bearbeiteten  Kunstgeschichte 
der  Schweiz  abgesehen;  er  schildert  durchweg  auf  Grund  eigener  Anschauungen 
und  mit  Hülfe  sorgfältiger  und  reichhaltiger  Abbildungen.  Nur  die  Anfange  des 
Werkes  (zwölf  Bogen),  die  bis  in  den  Anfang  des  12.  Jahrh.  führen,  liegen  uns 
jetzt  vor,  enthalten  aber  schon  eine  grosse  Fülle  des  Stoffes.  Der  Yerfasser  jiQ" 
ginnt  damit,  seine  Leser  vor  unberechtigten  Ansprüchen  an  seine  Aufgabe  zu 
warnen.  Er  findet,  dass  die  Schweiz  innerhalb  der  umgebenden  Monumentalw^lt 
eine  eigenthümliche,  keineswegs  bevorzugte  Stellung  einnehme.  Es  fehlte  ihr  das 
Band  nationaler  Einheit;  schon  seit  der  frühesten  Zeit  sei  sie  ven  verschiedenen 
Nationen  bewohnt;  seit  denT  11.  Jahrh.  habe  sie  drei  verschiedene  Strömungen 
in  sich  aufgenommen,  die  noch  jetzt  sich  kennbar  sonderten.  Neben  der  schwä- 
bisch-alamanischen  Bauschule,  die  im  Norden  der  Schweiz  herrsche,  bestehe  eine 
italienisch-lombardische,  die  besonders  in  Tessin  und  Graubündten  einheimisch 
sei,  deren  Einfluss  sich  aber  selbst  noch  am  Grossmünster  von  Zürich  geltend 
mache,  und  endlich  die  französisch^burgundische  Bauschule,  welche  durch  die 
Klöster  der  Cluniacenser  und  Cistercienser  die  französische  Schweiz  .erfüllt  habe. 
Winckelmann  spreche  mit  Becht  wiederholt  au3,  dass  die  Freiheit  die  Quelle  der 
griechischen  Kunst  gewesen,  aber  schwerlich  sei  sie  allein  ausreichend.  Es  ge- 
höre dazu  die  Nationalität  und  wenigstens  ein  gewisser  Wohlstand.  Dieser  habe 
der  Schweiz  lange  gefehlt.    Erst  mit  dem  Ende  des  Mittelalters  beginne  sie  sich 


L 


s, 


284  Dr.  J.  Rudolf  Rahn, 

zn  heben,  und  erst  die  Ruhe,  deren  sie  sieh  seit  dem  dreissigjährigen  Kriege  im 
Yerhältniss  zu  anderen  Völkern  erfreut,  habe  ihr  den  nöthigen  Wohlstand  und 
eine  relative  Einheit  gegeben.  Daher  denn  in  den  früheren  Jahrhunderten  eine 
gewisse  Lückenhaftigkeit  der  künstlerischen  Entwicklung,  eine  Gleichgültigkeit 
gegen  das  künstlerische  Element,  welche  durch  die  Naturbeschaffenheit  der 
Schweiz- und  ihre  grossartige  Schönheit  noch  gesteigert  sei,  und  eine  Schwäche 
der  Production,  welche  es  verschuldet  habe,  dass  in  manchen  Gegenden  der  ro- 
manische Styl  sich  bis  in  das  16.,  der  gothische  sogar  bis  in  das  17.  und  18. 
Jahrh.  erhalten  habe. 

Aus  diesen  eigenthümlichen  Verhältnissen  ergibt  sieh  denn  auch  der  Plan, 
nach  welchem  der  Verfasser  seinen  Stofif  behandeln  musste.  Da  überall  die  von 
verschiedenen  Seiten  sich  geltend  machenden  Einflüsse  aus  den  Nachbarländern 
berücksichtigt  werden  müssen,  darf  er  die  allgemeine  Kunstgeschichte  nicht  aus 
dem  Auge  verlieren,  muss  vielmehr  die  nöthigen  Hinweisungen  zum  Verständniss 
ihrer  Richtung  vorausschicken,  und  daran  die  Schilderung  der  schweizerischen 
Monumente  anknüpfen  und  in  ihren  Abweichungen  und  Eigenthümlichkeiten  er* 
klären.  Es  ist  begreiflich,  dass  die  Aufgabe  dadurch  eine  mühsame  und  umfas- 
sende wird,  ohne  den  Vorzug  zu  haben,  eine  grosse  Zahl  von  musterhaften  Lei- 
stungen zusammen  zu  stellen.  Wohl  aber  wird  sie  das  Verdienst  haben,  tiefer 
und  lebendiger  in  die  Gesetze  der  Production  und  ihrer  Hemmnisse  und  Bedin- 
gungen einzuführen. 

Eine  üebersicht  des  Inhalts  der  jetzt  vorliegenden  ersten  Lieferung  wird 
genügen,  um  zu  zeigen,  in  wie  gründlicher  Weise  der  Verf.  sich  dieser  seiner 
Aufgabe  unterzieht.  Jener  Einleitung,  deren  Inhalt  ich  oben  geschildert  habe, 
folgt  als  erstes  Buch  (S.  17—48)  die  Kunst  des  helvetisch-römischen  Zeitalters, 
und  zwar  zuerst  der  Anfang  der  Kunst  in  vorhistorischer  Zeit,  mit  ziemlich  ge- 
nauen Berichten  über  die  Ergebnisse  der  Pfahlbauten  und  über  die  ersten  Spuren 
kunstgewerblicher  Thätigkeit.  Ein  zweites  Capitel  schildert  die  Kunst  der  Römer, 
die  militärische  Regelmässigkeit  ihrer  Architektur,  die  Einflüsse  ihrer  Schmuck- 
lust und  ihres  Formenreichthums.  Das  sehr  umfassende  zweite- Buch  beschäftigt 
sich  dann  in  einer  Reihe  von  Gapiteln  mit  der  Kunst  der  altchristlichen  Jahr- 
hunderte. Voran  gehen  die  ersten  Spuren  christlicher  Kunst  in  der  Schweiz, 
darauf  folgt  eine  Schilderung  der  Kunstanfange  bei  Alamannen  und  Burgundern, 
wo  namentlich  über  die  ornamentistische  Richtung  der  letzteren  interessante 
Mittheilungen  gegeben  werden.  Ein  drittes  Capitel  erzählt  die  Anlange  und  die 
Entwicklung  des  christlichen  Kirchenbaues,  wobei  das  Nöthige  über  die  Basiliken- 
frage beigebracht  wird.  Darauf  dann  endlich  die  Kunst  im  carolingischen  Zeit- 
alter, und  zwar  zunächst  die  Betrachtung  der  Architektur  mit  ausführlicher 
Schilderung  des  Bauplanes  von  S.  GaUen  und  der  grossartigen  Anlagen  der  Insel 
Reichenau.  Durch  die  Gunst  der  umstände  gibt  gerade  hier  die  Schweiz  hervor- 
ragende Beispiele.  Nicht  minder  gilt  dies  von  der  Plastik  und  Malerei  dieses 
Zeitalters,  wo  die  Schule  von  S.  Gallen  in  Elfenbeinarbeiten  und  durch  die  Mi- 
niaturen rühmlichst  vertreten  ist.  ^  Gerade  hier  sind  die  Schilderungen  des  Verf. 
sehr  genau  und  charakteristisch,  und  besonders  mit  Hülfe  der   gerade  hier  vor- 


Geschichte  der  bildenden  Künste  in  der  Schweiz.  285 

räglioh  aasgefohrten  umfassenden  Abbildungen  überaus  lehrreich.  Der  Rest  dieser 
Lieferung  (S.  149—192)  macht  dann  den  Anfang  mit  der  sehr  gründlichen  und 
mit  lebendigem  Stylgefühl  durchgeführten  Schilderung  der  romanischen  Kunst. 
Von  dem  Reich thume  der  Ausstattung  gibt  es  eine  Vorstellung,  dass  die  192 
Seiten  des  Textes  59  zum  Theil  fast  die  ganze  Seite  einnehmende  Abbildungen 
enthalten.  Wir  zweifeln  nicht,  dass  es  der  begeisterten  Energie  des  Verf.  ge- 
lingen wird,  das  allerdings  sehr  umfassende  Werk  in  gleicher  Weise  durchzu- 
führen und  so  das  Verständniss  bei  seinen  Landsleuten  und  allen,  die  an  der 
künstlerischen  Entwicklung  der  Schweiz  Theil  nehmen,  bleibend  zu  fördern. 

Wiesbaden,  im  September  1873. 

C.  Schnaase. 


Nachschrift. 


Charles  Gerard,  les  artistes  de  PAlsace  pendant  le  moyen-&ge.  Tome  11. 
Colmar-und  Paris  1873. 

Während  der  vorstehende  Bericht  bereits  dem  Drucke  übergeben  war,  ist 
der  darin  erwähnte  zweite  Band  des  obengenannten  Werkes  dem  Referenten  zu- 
gegangen. Er  entspricht  völlig  den  Voraussetzungen,  welche  der  erste  Band  er- 
weckte und  enthält  ausser  einer  mässige'n  Zahl  aus  der  Schlusszeit  des  14.  eine 
starke  Liste  von  Künstlern  des  15.. Jahrhunderts,  bei  denen  dann  das  biogra- 
phische Material  oft  etwas  reichhaltiger  fliesst  und  lebensvollere  Mittheilungen 
gewährt,  als  in  der  frühern  Zeit.  Näher  auf  das  Einzelne  einzugehen,  nament- 
lich die  vielen  Fragen  zu  erörtern,  welche  sich  an  die  Namen  der  Baumeister 
des  Münsters  anknüpfen,  kann  auch  hier  nicht  meine  Absicht  sein;  ich  begnüge 
mich,  auf  einige,  für  den  Gesammtgeist  des  15.  Jahrhunderts  charakteristische 
Mittheilungeu  aufmerksam  zu  machen.  Wie  eigen thümlich  sind  oft  die  Verhält- 
nisse der  Zünfte.  Ein  gewisser  Johann  Joerche,  der  als  Bildschnitzer  bezeichnet 
ist,  hatte  sich  in  die  Malerzunft  aufnehmen  lassen.  Nun  macht  aber  die  Zunft 
der  Wagner,  zu  welcher  übrigens  auch  Tischler  und  Drechsler  gehören,  auf  ihn 
Anspruch,  weil  er  sich  der  Axt,  des  Schneidemessers,  der  Säge,  also  der  Werk- 
zeuge bediene,  von  denen  sie  Gebrauch  machen.  Die  Malergilde  widerspricht 
dem,  und  der  Rath  entscheidet  denn  auch  zu  ihren  Gunsten,  weil  die  geschnitzten 
Bildwerke  auch  des  Malens  bedürften  und  er,  Joerche,  dies  selbst  bewirke  und 
verstehe.  Zahlreiche  Nachrichten  zeigen  dann  auch  den  Zusammenhang  der 
Künste  mit  der  aufkommenden  Buchdruckerei.  Das  Gewerbe  der  Bücherschreiber 
scheint  bedeutender  wie  je  und  entwickelt  sich  in  Verbindung  mit  dem  Buch- 
druck und  mit  der  Kunst  des  Holzschnittes.  Einzelne  Züge  deuten  auf  steigende 
Blüthe  der  Malerei  und  die  ausführlichen  Contrakte,  welche  im  Jahre  1418  die 
Vertreter  der  Stadt  Basel  mit  dem  Maler  Johann  Tiefenthal  aus  Schlettstadt 
über  die  Ausmalung  einer  KapeUe  in  ihrer  Stadt  und  im  Jahre  1462  der  Kir- 


I 


286  Charles  G^rard.  \ee  artistes  de  PAlsace  pendant  1e  moyen-ftge. 

chenvorstand  von  St.  Martin,  in  Colmar  mit  dem  daselbst  wohnenden  Maler 
Caspar  Ysenmann  über  die  Anfertigung  des  Hauptaltars  in  ihrer  Kirche  ab- 
schliessend enthalten  manches  Interessante.  In  dem  ersten  Contrakte  ist  nament- 
lich merkwürdig,  dass  die  Stadt  Basel  einen  Yorrath  von  blauer  (wahrscheinlich 
kostbarer)  Farbe  zu  besitzen  scheint,  aus  welchem  dem  Maler  Quantitäten  auf 
Abrechnung  seines  Honorars  verabfolgt  werden  sollen.  Caspar  Ysenmann  malt 
übrigens  in  Oel  und  die  Ucberreste  seines  Altarwerkes,  ,  welche  sich  im  Museum 
zu  Colmar  befinden,  lassen  darauf  schliessen,  dass  er  mit  niederländischer  Kunst 
nicht  unbekannt  war.  Als  ein  Beweis  für  die  populäre  Geltung  der  Malerei  ver- 
dient es  angeführt  zu  werden,  dass  die  Zerstörung  einer  feindlichen,  den  Herrn 
von  Thami  gehörigen  Burg  durch  die  Bürger  von  Strassburg  im  J.  1448,  durch 
ein  Bild  in  der  Amtsstube  der  Bäcker  gefeiert  wird.  Martin  Schongauer  stand" 
nicht  allein;  ausser  dem  ebengenannten  Ysenmann  war  Johann  Hirtz  in  Strass- 
burg ein  bedeutender  gleichzeitiger  Maler;  Geiler  von  Kaisersberg  nennt  in  einer 
seiner  Predigten  seinen  Namen  mit  dem  Zusätze,  dass,  wenn  man  ein  Altarbild 
bewundere,  man  es  ihm  zuzuschreiben  pflege,  und  Wiropheling  erwähnt  seiner 
noch  im  J.  1502  als  eines  ehemals  berühmten  Malers.  Er  starb  übrigens  schon 
um  1466.  Im  J.  1486  war  ein  gewisser  Lienhart  ein  bedeutender  Meister,  der 
das  jüngste  Gericht  im  Chor  der  Kathedrale  malte.  lieber  Martin  Schongauer 
selbst  erhallen  wir  nur  mittelbare  Nachrichten,  nämlich  die  Lebensdaten  seines 
Yaters,  des  Goldschmids  Caspar  Schongauers,  der  im  J.  1445  das  Bürgerrecht  in 
Colmar  erhielt  und  1408  daselbst  starb,  sowie  seiner  Brüder,  namentlich  des 
Malers  Ludwig,  der,  obgleich  er  nach  dem  bekannten  Bericht  des  Scheurl  im 
J.  1492  bereits  Albrecht  Dürer  in  Colmar  empfing,  dennoch  erst  im  J.  1493  das 
Bürgerrecht  daselbst  erwarb.  Bei  dieser  Gelegenheit  erfahren  wir  denn  auch, 
dass  der  Yerfasser  unseres  Buches  in  der  künftig  von  ihm  herauszugebenden 
Biographie  Martin  Schongauers  nachzuweisen  gedenkt,  dass  sein  Tod  nicht,  wie 
wir  jetzt  annehmen  (vgl.  His-Ueusler  in  Naumann's  Archiv,  Bd.  13,  S.  129)  im 
J.  1488,  sondern  erst  im  J.  1498  erfolgt  sei.  Referent,  der  früher  dieses  spätere 
Todesjahr  vörtheidigt  hatte,  jetzt  aber  die  besseren  Gründe  des  Herrn  His  an- 
erkennt, ist  begierig  diesen  neuen  Beweis  kennen  zu  lernen. 

Sehr   vollständige  Register    erleichtern    die    Brauchbarkeit    der    fleissigen 
Compilation. 

Wiesbaden,  im  October  1878. 

V  Sohnatse. 


2.  Julius  Cäsar  am  Rhein.  Nebst  Anhang  über  die  Germani 
des  Tacitus  (Germ.  2.)  und  über  die  Franci  der  Peiitinger'scheu  Tafel.  Von 
Prof.  A.  Dcderich,  Oberlehrer  am  Gymnasium  zu  Emmerich.  Paderborn, 
1870.  870  S. ») 

Der  allen  Freunden  der  rheinlandischen  Geschichte  rühmlichst  bekannte 
Verfasser  hat  in  diesem  Schriftchen  die  ältesten,  uns  bekannten  Ereignisse  am 
Niederrhein,  die  durch  J.  Gäsar's  Feldzüge  in  Gallien  veranlasst  wurden,  aufs 
Neue  einer  kritischen  Untersuchung  unterworfen  und  dabei  einzelne  Thatsadien 
und  Localitäten  richtiger  angegeben,  als  es  früheren  Geschichtschreiberu  mit 
geringeren  Localkenntnisscn  möglich  war.  Da  zu  einer  richtigen  Auffassung 
der  ältesten  römisch-deutschen  Geschichte  am  Niederrhein,  insbesondere  auch 
der  Feldzüge  des  J.  Cäsar  am  Rhein,  vor  allen  Dingen  eine  genaue  Kenntniss 
des  untern  Rheinlaufes  und  seiner  wechselnden  Stromspaltungen  bei  der  bata- 
vischen  Insel  unumgänglich  nöthig  ist,  so  behandelt  der  Verf.  in  §  1  die  Rhein- 
mündongen  und  das  Verhältniss  der  Maas  zum  Rhein,  nach  Cäsar,  Tacitus  und 
Plinius,  denen  auch  Strabo  und  Pomponius  Mela  beizufügen  sind,  da  diese  fünf 
Schriftsteller  des  ersten  christlichen  Jahrhunderts  die  ältesten  Nachrichten  über 
den  Lauf  des  Rheinstromes  und  seiner  Mündung,  soweit  sie  damals  den  Römern 
bekannt  waren,  uns  überliefert  haben.  Das  Wahre  ihrer  Berichte  von  den  ihnen 
verzeihlichen  Irrthümern  zu  scheiden  und  die  Entstehung  derselben  mit  Wahr- 
scheinlichkeit nachzuweisen  und  zu  berichtigen,  war  die  Absicht  des  Verf.,  die 
er  in  seiner  Darotellung  mit  Erfolg  erreicht  hat.  üeberzeugend  hat  der  Verf. 
nachgewiesen,  dass  Cäsar  in  der  Schilderung  der  Stromsysteme  des  Rheins  und 
der  Maas  (de  B.  G.  IV,  10,  15)  sich  darin  geirrt  hat,  dass  er  die  Maas  in  den 
Rhein  fliessen  lässt.  Wenn  er  von  dem  confluens  Mosae  et  Rhein  spricht,  so 
kann  er  nicht  den  Rheinarm  Waal  verstanden  haben,  der  ihm  bekannt  war  und 
den  er  genannt  haben  würde,  wie  er  ihn  in  Cap.  10  nennt.  Der  Verf.  verwirft 
daher  mit  Grund  die  Versuche  der  neuem  Erklärer  Cäsar's,  ihn  von  diesem 
Irrthnme  zu  befreien,  und  hält  eine  Aenderung  des  handschriftlichen  Textes  für 
unnöthig.  Verdächtig  scheint  aber  dem  Ref.  die  genaue  Angabe  der  Entfernung 


^)  Der  durch  Zufall   verspätete  Abdruck   dieser  lehrreichen  Anzeige  wird 
auch  jetzt  noch  willkommen  sein.  Die  Red. 


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288  Prof.  A.  Dederich, 

des  ZaBammenflasscs  vom  Meere,  die  Cäsar  zu  80  Millien  berecbnct,  wenig  ab- 
weichend von  den  Angaben  der  Itinerarien  und  der  Peutingerscfaen  Tafel '). 
Diese  genauen  Messungen  wurden  zuerst  lange  nach  Cäsar  in  friedlichen  Zeiten 
unter  Augustus  auf  Veranlassung  Agrippa's  gemacht  und  unter  den  nnchfolgen- 
dcu  Kaisem  vervollkommnet.  Cäsar  hatte  bei  seinem  kurzen  Aufenthalte  am 
Niederrhein  zu  solohen  genauen  Messungen  keine  Zeit;  dieselben  hätten  aucb  in  dem 
damals  noch  nicht  unterworfenen  feindlichen  Lande  von  römischen  Geometern 
nicht  können  ausgeführt  werden.  Daher  ist  Ref.  geneigt  mit  Ukert  anzunehment 
dass  die  Worte:  neque  longius  ab  oceano  milibus  passuum  LXXX  in  Rhenum 
transit,  aus  den  verlorenen  commentariis  Agrippae,  die  dieser  grosse  Feldherr 
und  Staatsmann  zu  den  in  einem  Forticus  öfifentlich  aufgestellten  tabulis  (Kar- 
ten) geschrieben  batte,  in  den  Text  Cäsar's  als  Bemerkung  eines  kundigen  Ab- 
scbreibers  eingeschoben  sind,  und  zwar  schon  in  alter  Zeit  vor  der  uns  über- 
lieferten Textrecension,  daher  sie  auch  in  den  ältesten  Handschriften  der  Com- 
mentarien  Cäsar's  nicht  fehlen.  Der  Verf.  hält  fest  an  den  Worten  des  durch 
die  Handschriften  beglaubigten  Textes  und  ist  überzeugt,  dass  Cäsar  hierin  sich 
geirrt  habe,  dass  die  Maas  in  den  Rhein  fliesse,  indem  er  die  Theilung  des 
Rheines  in  Waal  und  Rhein  mit  einem  Zusammenfluss  der  Maas  und  des  Bheines 
identificirt  habe.  Der  Irrthum  Cäsar's  ist  eben  so  wahrscheinlich,  wie  der  Zusatz 
eines  Abschreibers  mit  Wahrscheinlichkeit  angenommen  werden  kann.  In  §  2 
wird  der  Uebergang  der  Usipeten  und  Tencteror  bei  Cleve  über  den  Rhein  und 
die  Verdrängung  der  Menapier  aus  ihren  Wohnsitzen  zwischen  der  untern  Maas 
und  dem  linken  Ufer  des  Niederrheins  besprochen.  Die  Wohnsitze  dieses  von 
Cäsar  zuerst  erwähnten  Volkes  erstreckten  sich  aber  weit  über  die  Maas  und 
Scheide  bis  zum  Lande  der  Moriner  am  Pas  de  Calais.  Bei  dem  Anzüge  der 
aus  ihren  rechtsrheinischen  Gauen,  man  weiss  nicht  von  wem,  vertriebenen 
Volksstärame  gaben  die  Menapier  ihre  Besitzungen  auf  dem  rechten  Ufer  preis, 
wurden  aber  im  Winter  von  56  auf  55  v.  Chr.  durch  List  auch  aus  ihren  am 
linken  Rheinufer  liegenden  Ländereien  verdrängt.  Dass  die  Ueberfahrt  der  Ger- 
manen auf  menapischen  Schiffen  bei  Cleve  oder  Emmerich  geschehen  sei, 
schliesst  der  Verf.  mit  Recht  aus  dem  Umstände,  dass  von  hier  aus  die  Passage 
nach  der  Maas  über  den  Xanten -Nym weger  Höhenzug  am  nächsten  und  am 
leichtesten  zugänglich  war,  und  die  Germanen  ihr  Lager  für  Weib  und  Kind, 
Wagen  und  Gepäck  auf  dem  niedrigen  Plateau  bei  Goch  aufgeschlagen  hatten, 
das  auf  ihrem  Zuge  vom  Rhein  sich  ihnen  als  die  bequemste  und  sicherste 
Lagerstatt^  darbot.  Von  hier  aus  unternahm  die  Mehrzahl  der  waffentragenden 
Männer  Streifzüge  über  die  Maas  in  das  Land  der  Condrusen  und  Eburonen, 
welche  Schützlinge  oder  Clienten  der  Treverer  waren.  Sobald  Cäsar,  der  wäh- 
rend dieser  Vorgänge  sich  in  Italien  aufhielt,  Nachricht  von  diesem  gefahrlichen 
Einfalle  der  Germanen  erhalten  hatte,  eilte  er  früher  als  gewöhnlich  im  Früh- 
jahr 55   nach  Gallien,    um   dem  Ausbruche    eines  Aufstandes    zuvorzukommen. 


^)  Eine  Berechnung  dieser  Entfernung  gibt  Dederich  in  seiner  Geschichte 
der  Romer  und  der  Deutschen  am  Niederrhein  S.  29  ff. 


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Juliiu  Cäsar  am  Rhein.  289 

und  fahrte  sein  Heer  von  der  unteren  Seine,  wie  Napoleon  III.  den  Weg  angibt, 
über  Amiens,  Cambray,  Bavay,  Charleroy,  Tongern  und  Mastricht,  hier  die  Maas 
überschreitend,  was  er  nach  Cohansen  zwischen  Dinant  und  Lüttich  gethan  hat, 
in  die  der  Gefahr  aunächst  ausgesetzte  Gegend.  Schon  im  Jahr  1844  hat  der 
Verf.  die  Gocher  Haide  als  den  Ort  des  germanischen  Lagers  und  des  Ueber- 
falles  richtig  nachgewiesen,  und  in  dieser  Schrift  seine  Ansicht  ausführlicher 
begründet,  dass  die  anderlhalbstundige  Flucht  der  Germanen  am  Rhein  zwi- 
schen Cleve  und  Qualburg  endete.  Dasselbe  Terrain  hat  auch  Napoleon  III.  als 
Kampfplatz  auf  seiner  Karte  bezeichnet.  Da  Cäsar  nicht  selbst  die  Germanen 
verfolgte,  sondern  durch  seine  Reiterei  bis  an  den  Rhein,  wo  sich  die  Waal  von 
diesem  trennt,  verfolgen  liess,  die  dort  schnell  wieder  umkehrte  und  noch  an 
demselben  Abende  wieder  in  dem  erbeuteten  Lager  bei  Cäsar  eintraf,  so  konnte 
er  sich  in  seiner  Angabe  des  Flusses,  den  er  für  die  Maas  hielt,  der  aber  kein 
anderer  sein  kann,  als  die  Waal,  leicht  täuschen,  wenn  er  sich  auf  die  unrich- 
tige Meldung  seiner  Reiter  verliess,  die  zum  ersten  Male  in  diese  Gegend  der 
Flussspaltung  kamen  und  keine  Zeit  hatten  bei  den  Anwohnern,  mit  denen  sie 
sich  doch  nur  durch  Dolmetscher  hätten  verständigen  können,  genaue  Erkun- 
digungen einzuziehen.  Die  Maas  war  dem  Cäsar  zwar  bekannt,  aber  nicht  die 
Stelle  ihrer  Mündung  in  den  Rhein,  die  er  nicht  besucht  hat  und  sich  von  ihr 
eine  unrichtige  Vorstellung  machte.  Nachdem  der  Verf.  die  abweichenden  An- 
sichten V.  Cohausen's,  Brambach's  u.  A.  widerlegt  hat,  spricht  er  §  6  von  den 
Folgen  des  Sieges  über  die  Germanen,  von  Cäsar's  £iundesgenossenschaft  mit 
den  Batavern  imd  über  das  Alter  der  Stadt  Cleve,  das  die  Volkssage  und  ältere 
Chronisten  in  die  Zeit  Cäsar* s  vorsetzen,  obgleich  die  erste  beglaubigte  Er- 
wähnimg Cleve*B  als  eines*.  Grafensitzes  in's  J.  1093  fällt.  Aus  der  Burg  des 
Grafen  Dietrich  entstand  allmählig  die  heutige  Stadt,  welche  1242  eine  städ- 
l^ische  Verfassung  erhielt,  wie  Dederich  in  seiner  Schrift  »die  Feldzüge  des 
Drusus  und  Tiberiusc  gründlich  nachgewiesen  hat.  —  Cäsar's  erster  Rbeinüber- 
gang  bei  Bonn  in's  Land  der  Sigambrer  wird  im  §  7  ausfuhrlich  behandelt  und 
V.  Cohausen's  Meinung,  Cäsar  habe  seine  Brücke  über  den  Rhein  bei  Xanten 
geschlagen,  widerlegt,  denn  die  rheinischen  Sigambrer  wohnten  nicht  an  der 
Lippe,  sondern  im  Gebiete  der  Siegmündung.  Die  zweite  Brücke  schlug  Cäsar, 
um  in  das  Land  der  Ubier  zu  kommen,  bei  Neuwied,  wie  in  §  8  nachgewiesen 
wird.  Von  hier  zog  Cäsar  nach  seiner  Rückkehr  aus  Germanien  durch  die  zwi- 
schen Coblenz  und  Andernach  liegende  Ebene  weiter  über  die  Eifel,  die  er  sich 
als  einen  Theil  der  Ardennen  vorstellt  und  daher  Arduenna  nennt,  gegen  die 
Eburonen,  deren  Wohnsitze  sich  auf  beiden  Seiten  der  Maas  östlich  bis  in  die 
Nähe  des  Rheins  und  westwärts  über  das  Gebiet  der  Sambre  und  der  Ardennen 
ausbreiteten.  Die  Nachbarn  der  Eburonen  waren  auf  der  linken  Seite  der  Maas 
die  Aduatiker,  die  sich  seit  dem  cimbrischen  Kriege  hier  niedergelassen  und 
einen  selbstständigen  Staat  gebildet  hatten,  der  im  J.  67  den  Belgiern  zur  Ab- 
wehr der  Römer  19,000  Mann  Hilfsttuppen  stellen  und  die  benachbarten  tribut- 
pflichtig machen  konnte.  Nach  der  Niederlage  der  Belgier  zogen  sich  die  Adua- 
tnker  mit  ihrer^gesammten  Kriegsmacht  in  eine  von  der  Natur  trefflich  befestigte 

19 


290  Pi 

Stadt  zurück,  wurden  aber  vo 
trenloier  SobeinergebnDg  anf 
Beim  letxten  Ausfall  hatten  sie 
aatmng  nebst  den  EinwobDeir 
Sklaven  verkaufen.  Die  Känfei 
mit  C&sar's  Armee  hc^ramiiehei 
die  gekauften  Qefbngenea  nach 
dorcb  einen  Anemfer  (praecu) 
(tabernis)  unter  der  Hand  verk 
stände  dieses  Mens  che  nhaudela 
Feitnng,  deren  Name  er  nicht 
Kraft  des  unglücklichen  Volk«c 
hass;  denn  im  Herbst  des  J. 
Aufstände  de«  Eburonenf unten 
Ner*iem  dea  Legaten  Cicero's 
Lage  Cbar  unr  mit  den  Wort 
Snibas,  ubi  Titurius  atque  Aar 
süperioris  nnni  mnnitiones  int 
B.  6.  VI,  82.  Die  Befestigung 
nun  vervollständigt,  daher  ihn  i 
nun  diese;  nach  der  Onterdiäol 
Volk  der  Ebnronen,  so^e  d» 
traten  an  deren  Stelle  die  Tuj 
der  Germania  o.  2  bezeichnet, 
gallifohen  Krieges  eine  Stadt, 
mit  dem  Beinamen  Tungronun, 
Aduataoa,  und  daher  hat  £c  3 
Die  neueste  Untersuchang  des  ( 
aber  in  einem  andern  Ergebt: 
Aduatnca  anf  der  Höbe  von 
des  heutigen  Tongern.  Die  La 
rieh  s^t,  >aQSBer  Zweifel  gese' 
andern  Ergebnisse  führen,  das 
Im  Anhange  §  10  wird  i 
Germani  ausfährlich  behandelt 
a  se  ipii  statt  ipsis  bat  auch  I 
Tacitue  aufgenommen.  Dnter  i 
mani,  der  ein  keltischer  oder  < 
daher  anch  den  Galliern  verstäi 
aufgestellte  für  die  richügatc. 
tisoiien  Zeitwort  gur,  laut  nifei 

')  Julius  Cäsar  im  nordwi 
Gjmn.  lu  Krensnacb  1870. 


•  • 


Juliui  Gasar  tm  Rhein.  291 

Krieger,  Held,  dem  homerischen  »Rufer  im  Kampfe  ähnlich,  abzoleiien  Bind. 
Dieser  Bedeutung  entsprechend  ist  auch  der  Name  der  Tungem,  der  vom  go- 
thisohen  tuggo,  althocbd.  zunga,  Zange,  tungar,  Sohreier,  abgeleitet  wird.  Dem- 
nach sind  auch  die  Tungei  Schreier  und  ihr  Name  gleichbedeutend  mit  dem 
keltischen  gairmeau.  Diesen  keltischen  oder  deutschen  Namen  haben  ans  die 
Römer  nach  ihrer  Aussprache,  das  W  in  G  verwandelnd,  überliefert.  Die  Be- 
wohner der  Germania  magna,  des  Landes  swischen  dem  Rheine  und  der 
Weichsel,  hatten  ursprünglich  keinen  gemeinschaftlichen  Namen,  sondern  jeder 
einzelne  Volksstamm  seinen  eigenen  Namen.  Der  südlich  von  den  Guttonen, 
2wischen  der  Oder  and  Elbe  wohnende  und  mit  dem  Zuge  der  Cimbern  vor- 
dringende Stamm  heisst  Teutoni  oder  Teutones  ^),  ein  gothischer  Name,  der 
Volk  (thiuda)  bezeichnet,  der  aber  erst  im  neunten  Jahrhundert  nach  der 
Trennnng  des  Frankenreiches  von  dem  ostrheinischen  Deutschland  der  allge- 
meine und  herrschende 'geblieben  ist. 

Im  Scblussparagraph  tbeilt  der  Verf.  seine  »neu  gewonnene  Ansicht« 
über  die  Franci  der  Peutinger'sclien  Tafel  oder  über  die  fränkischen  Völker  am 
Niederrhein  mit,  um  sie  nicht  langer  der  Oeffentlichkeit  vorzuenthalten.  Die 
auf  der  Peutinger'schen  Tafel  stehenden,  von  dem  unwissenden  Abschreiber 
ganz  verkehrt  geschriebenen  und  abgekürzten  Namen  verbesseri  der  Verf.  mit 
glücklichem  Scharfsinn  in  folgender  Weise:  Renus  =  Rhenus,  Patabus  =  Va- 
cnlus,  wie  die  ältesten  Handschriften  und  Ausgaben  des  Cäsar  %B.  G.  IV,  10  den 
Namen  geben,  gewöhnlich  Vahalis;  Patavia  =  Batavia.  Es  folgen  in  zwei  Reihen 
die  Völkemamen:  Chac.  Vapii.  Varii.  ||  Chamavi,  qui  et  Pranci.  Zwischen  den 
beiden  Zeilen  und  theil weise  zwischen  den  Buchstaben  der  ersten  Zeile  von 
einer  andern  Hand,  wie  es  scheint,  hineingeschriobon,  sieht  das  sinnlose  Wort 
Rhepstini.  —  Vapii  und  Varii  sind,  wie  der  Verf.  richtig  annimmt,  nur  Endun- 
gen von  Völkernamen,  und  Vapii  -ist  verschrieben  aus  Varii.  Mit  dem  vor  an- 
stehenden Chaci  zu  Einem  Worte  verbunden  gibt  den  Völkernamen  Chacivarii 
oder  richtiger  Chattuarii,  woraus  denn  Hattuarii  und  Attarii  entstand.  Mit 
der  zweiten  Endung  Varii  müssten  zwei  Buchstaben  ps  aus  dem  darunter  stehen- 
den rhepstini  genommen  werden  und  durch  eine  etwas  kühne  Annexion  und 
Addition  der  Sylbe  Am  erhält  man  den  hierher  gehörenden  Volksnamen  Ampsi- 
varii.  Von  den  übrigen  Buchstaben  jenes  sinnlosen  Wortes  soll  rhe  vielleicht 
eine  Verbesserung  des  Renus  sein,  mit  dem  Reste  tini  aber  weiss  der  Verf. 
nichts  anzufangen.  Den  Zusatz:  qui  et  Franci  bezieht  der  Verf.  nicht  allein  auf 
die  Chamavi;  sondern  auch  auf  die  Chattuarii  und  auf  die  von  ihm  gebildeten 
Ampsivarii,  denn  diese  Völker  haben  gerade  da  gewohnt,  wo  auf  der  Peutinger'- 
schen Tafel  der  Name  Francia  steht.  Aus  der  Verbindung  der  drei  genannten 
Völker,  unter  denen  die  Chamaver   die  mächtigsten  waren,   hat  sich  durch  An- 


')  Nach  dem  Berichte  des  Seefahrers  Pytheas  aus  Massilia  (zur  Zeit  Ale- 
xander's  d.  Gr.),  den  uns  Plinius  H.  N.  XXXVII,  11  mittheilt,  wohnten  die  mit 
Bernstein  handelnden  Guttonen  an  der  Ostseeküste  und  verkauften  dieses  Pro- 
dact  an  die  ihnen  zunächst  wohnenden  Teutonen. 


v*^ 


292  Prof.  A.  Dederich,  Juliui  C&sar  am  Rhein. 

sohlnss  der  übrigen  kleinen  Völkerreste  anf  der  nordöstlichen  Seite  des  Rheines 
derFrankenbund  gebildet,  der  sich  seit  dem  fönften  Jahrhunderte  siegreich  über 
das  nordwestliche  Gallien  ansbreitete  and  dem  gansen  Lande  den  Namen  Frank- 
reich  gab. 

Wir  wollen  diese  Verbesserungen  der  bisher  verstümmelten  nnd  unver- 
ständlichen Kamen  auf  der  Peutinger'schen  Tafel  als  wichtige  Resultate  scharf- 
sinniger Forschung  mit  Dank  annehmen,  wenn  auch  gegen  die  Bildung  des 
Namens  Ampsivarii  erhebliche  Bedenken  übrig  bleiben.  Ebenso  möchten  wir 
die  sonderbaren  Rhepstini  oder  Ghrepstini,  wie  einige  schreiben,  die  das  G  des 
Wortes  Ghaci  als  zu  Rhepstini  gehörig  diesem  vorsetzen,  unberührt  stehen 
lassen,  bis  ein  neuer  Oedipus  das  R&thsel  löst. 

Wesel.  Fr.  Fiedler. 


in.     Miscellen. 


1.  Barscheid,  Kreis  Solingen.  —  RheinkaBsel  und  Kasselberg 
liegen  noch  eine  ziemliche  Strecke  weit  von  der  Steinstrasse  entfernt.  Mögen  anch 
Vom  ersteren  Orte  (Jahrb.  XXXI.  S.  86)  keine  römische  Alterthümer  bekannt 
sein,  so  war  der  Hügel,  auf  welchem  die  Kirche  liegt,  obwohl  nicht  ansg^edehnt, 
för  einen  festen  Pnnkt  besser  geeignet  als  das  niedrig  gelegene  Kasselberg. 
Bei  hohem  Wasser  wird  dasselbe  nicht  überschwemmt.  Hier  mnss  irgendwo  we- 
nigstens eine  Warte  in  der  Römerzeit  gewesen  sein,  weil  eben  der  Ortsnamen 
anf  einen  festen  Pnnkt  hindeutet. 

An  der  Stätte  des  oberhalb  gelegenen  Merke nicb,  von  welchem  Schmidt 
nichts  sagty  haben  die  Römer  Spuren  ihres  Daseii&s  hinterlassen.  Die  angefahrte 
Steinstrasse  führt  dnroh  das  Westende  des  Dorfes.  Wo  sie  dasselbe  von  unten 
zuerst  berührt,  hat  ein  Einwohner  (Bongerich)  beim  Graben  neben  derselben 
und  neben  seinem  Hause,  wiederholt  röm.  Münzen,  worunter  eine  von  Augrnstus, 
gefunden.  In  der  N&he  der  Kirche  fand  man  um's  J.  1840,  im  Garten  des  Yos- 
hofes  ein  römisches  Grabgewölbe.  Dieses  bildete  einen  runden  Raum,  der  etwa 
acht  Fuss  im  Durchmesser  hatte  und  gegen  fünf  Fuss  hoch  war.  Das  Gemäuer 
war  aus  Tuffsteinen  aufgeführt  und  ihr  Gewölbe  ruhte  auf  einem  Mittelpfeiler. 
In  einer  Nische  der  Mauer  standen  Aschenkrüge.  Eine  steinerne  Treppe  führte 
in  den  Raum  hinab.  Dem  Berichterstatter  zufolge  soll  dieselbe  noch  tiefer  in 
die  Erde  geführt  haben.  Es  wurde  darin  ebenfalls  eine  Steinplatte  mit  einer 
Inschrift  versehen  gefunden,  die  zerbrach,  bald  darauf  aber  in  die  Delhoven'scbe 
Sammlung  zu  Dormagen  gelangte.  In  der  Nähe  des  Hofes  fand  man  zweihenke- 
lige  röm.  Gefässe  u.  s.  w.  Die  Kirche  liegt  etwas  höher,  deren  Stätte  bei  der 
hohen  Flnth  von  1846  nicht  überschwemmt  wurde.  In  der  Feldflnr  nordwestlich 
vom  Dorfe  fand  man  Gemäuer  von  Tuffsteinen. 

Westlich  von  Bursoheid,  Kreis  Solingen,  liegen  auf  einem  Berge  am 
Bache  Eifche,  unterhalb  des  Böokershammers,  altdeutsche  Befestigungswerke, 
die  »alte  Bürge  genannt.  Ein  breiter  tiefer  Graben  zieht  sich  hier  quer  über 
die  Bergfläehe  vom  ECandd  des  nördlichen  Abhanges  bis  zu  dem  des  südlichen 
Seitenthals.  Von  seinem  nördlichen  Anfangs  läuft  ein  anderer  etwas  unterhalb 
des  Bergrandes  über  den  nördlichen  Abhang  ostwärts  zum  steilen  Abhänge  des 
Baohthals,  wo  ein  Steinbruch  ist.  Ein  ahnlicher  Graben  zieht  oben  über  den 
südlichen  Abhang  nach  dem  Endpunkte  des  vorigen,  wo  sie  sich  in  einen  ab- 


iß 


4 


204  Miscellen. 

(^^stuonpften  Winkel  vereini^on.  Die  Erde  aus  den  Seitengräben  worden  gross- 
tontbcils  an  ihrer  Aussen  seile  wallformig  aufgehäuft.  Nur  hie  tind  da  ist  etwas 
Erde  oben  auf  dem  ßergrande  aufgeworfen  worden.  Ein  eigentlicher  Wall  ist 
nicht  vorhanden.  Der  Einganpf  zu  dem  grossen  länglichen  dreieckigen  Räume, 
ßndet  ^ioh  an  der  nordwestlichen  Ecke.  Innerhalb  desselben,  der  mit  Gebüsch 
bedeckt  ist,  befindet  sich  nichts  Bemerkenswerthcs. 

In  der  Pfarrei  Odonthal,  Kreis  Mülheim,  findet  sich  östlich  von  der 
frühern  Abtei  Altenberg,  eine  unter  dem  Namen  »Erbericher  alte  Burg«  be- 
kannte altdeutsche  Befestigung  auf  einem  bewaldeten  Berge  unweit  des  Dünn- 
bachs. Wir  sehen  hier  zuerst  einen  Graben,  theilweise  zerstört,  mit  dahinter 
liegendem  Walle,  vom  nördlichen  Abhänge  des  Berges  über  seine  Fläche  bis 
zum  Rande  des  südlichen  gezogen.  Hundert  Schritte  weiter  findet  sich  ein  ähn- 
licher, welcher  96  Schritte  lang  ist,  und  90  Schritte  weiter  finden  wir  einen 
andern  von  112  Schritten  Länge.  Unmittelbar  hinter  diesem  ziehen  sich  zwei 
Gräben,  und  zwei  Wälle  hin.  Die  rechte  grössere  Hälfte  der  in's  tiefere  Seiten- 
thal sich  bald  abdachenden  Fläche,  hat  nach  Innen  auch  einen  Graben  und 
Wall  mehr.  Treten  wir  auf  dem  durchführenden  Pfade  in  den  abgeschlossenen, 
sich  stark  neigenden  Theil  der  Bergfläohe,  dann  sehen  wir  die  Abtheilang  links 
ohne  tieitenwälle,  die  rechte  Seite  aber,  welche  grösstentkeils  auf  dem  Abhänge 
liegt,  ist  von  einem  einfachen  Graben  und  Walle  umgeben.  Die  Gräben  Und 
Wälle  sind  im  Allgemeinen  nicht  tief  und  hoch.  Das  tiefere  Seitenthal  war  an 
seinem  Ausgange  durch  einen  hohen,  noch  jetzt  vorhandenen  Damm  gesperrt, 
um  das  Wasser  des  durchrinnenden  Bächelchens  zu  einem  grossen  Teiche  an* 
schwellen  zu  lassen.  Er  mag  aber  auch  erst  im  späteren  Mittelalter  aufgeführt 
worden  sein,  um  einen  Bnsohteich  zu  bilden. 

Reste  von  einer  altdeutschen  Feste  finden  sich  oberhalb  der  Neanderhöhle 
auf  dem  Berge  zwischen  der  Dussel  und  dem  Bache  von  Mettmann,  welcher 
das  Einzelhaus  »auf  der  Bürge  trägt.  Hier  zieht  sich  etwas  unterhalb  des 
Bergrandes  ein  tiefer  Graben  über  den  westlichen  Abhang  hin,  der  später  'nach 
der  Südseite  umbiegt,  hier  zugleich  einen  Bergrücken  abschneidet,  und  im 
weitern  Laufe  sich  nach  Osten  wendet,  wo  er  am  steilen  Abhänge  bald  endigt. 
Geringe  Reste  eines  Walles  finden  sich  an  einzelnen  Stellen  auf  dem  Rande  des 
Borges.  Im  J.  1870  wurde  noch  ein  Theil  desselben  geebnet.  Die  grosse  einge- 
schlossene  Bergobene,  eine  Fcldflur,  ist  an  der  Ostseite  stark  geneigt.  Die  Cul- 
tur  hat  die  wahrscheinlich  da  gewesenen  Qaerwälle  und  Graben  auf  der  Hoch- 
fläche  verwischt 

Gleich  nordöstlich  von  Bensberg  finden  wir  die  »Erdenburgt.  Auf  dem 
bobuschten  Bergrücken  an  der  Ostseite  beginnen  unweit  einer  Schlucht  drei 
Gräben  und  Wälle,  die  sich  gebogen  cum  südlichen  steilen  Abhänge  siehen,  um 
eine  Kuppe  absnsperren.  Wo  die  Steilheit  zunimmt,  endigt  der  änsserate  Gra- 
ben nach  160,  der  darauf  folgende  nach  322  Schritten,  während  die  zwei  inneren 
Gräben  und  Wälle  sich  xreiter  fortsetzen,  um  nach  und  nach  west-  und  nord- 
wärts Bu  laufen.  Dort  endigen  sie,  nachdem  sie  vom  Anfimgspunkte  695  Schritte 
zurückgelegt  haben.    An  der  Westaeite  fährt   ein  Fnhrweg  211  Schritte  weit 


Miicellen.  295 

zwischen  den  beiden  Wällen  hin.  Hier  an  der  Nordseite  fehlt  aber  auf  einer 
Strecke  von  146  Schritten  bis  zum  vorhin  bezeichneten  Anfangspunkte  jede  Be- 
festigung. Dem  Anscheine  nach  sind  hier  keine  gewesen,  waren  hier  aber  um 
so  nöthiger.  weil  der  Berg  hier  sich  sanft  abdacht.  Der  Kaum,  welchen  die 
Ringwälle  umsohliessen,  besteht  aus  einer  Kuppe  und  einer  vor  ihr,  ^egen 
Nordosten  gelegenen  kleinen  Fläche.  £i*  hat  356  Schritte  im  Durchmesser. 

Im  Lohmarer  Walde,  nordöstlich  von  Siegburg,  war  im  J.  1808  auf 
einem  Hügel,  unweit  der  Strasse  nach  Schreck,  ein  grosser  Stein  zu  sehen,  um 
welchen  in  einiger  Entfernung  zwölf  kleinere  in  einem  Kreise  lagen.  Dabei 
waren  Erdwälle  und  in  der  Nähe  deutsche  Grabhügel.  Der  bergische  Ober- 
geometer  Windgassen  fertigte  damals  einen  Grundriss  für  den  Begierungsrath 
Tryst  in  Cöln  davon  an,  welcher  die  Stätte  für  einen  alten  Opferplatz  hielt. 
Später  soll  an  diesem  Hügel  ein  Steinbruch  eröfifoel  worden  sein. 

.  Gleich  oberhalb  Overrath  liegt  auf  einem  Berge,  am  Wege  nach  Ma- 
rienlinden, die  Hausgruppe  aaf  der  Burg.  Dabei  ist  auf  der  bebnschten  Berg- 
hohe, die  ziemlich  steil  in's  Thal  der  Acher  sich  abdacht,  eine  Stelle:  die  Hing- 
mauer  genannt.  Es  findet  sich  dort  Gemäuer  in  der  Erde,  von  welchem  man 
schon  viel  weggebrochen  hat.  Von  einer  hier  etwa  im  Mittelalter  gewesenen 
Burg  schweigt  die  Geschichte.  Diese  Stelle,  so  wie  der  übrige  Theil  der  Höhe 
verdient  näher  untersucht  zu  werden.  Ob  hier  früher  eine  Warte  stand? 


2.  Alzey.  Zwei  römische  Inschriften.  Schon  im  Jahre  1783  wur- 
den in  der  Nähe  der  hiesigen  Freimaurerloge  drei  römische  Altäre,  der  Minerva, 
der  Fortuna  und  den  Nymphen  geweiht,  aufgefunden,  von  weichen  die  beiden 
ersten  durch  Karl  Theodor  nach  Mannheim  gebracht  wurden.  Der  dritte,  wel- 
cher hier  blieb,  war  für  uns  der  wichtigste,  weil  auf  ihm  die  vicani  altiaienses 
ausdrücklich  als  Dedicanten  genannt  werden.  Zu  diesen  drei  im  Corpus  inscr. 
rhen.  veröffentlichten  Inschriften  kam  im  vorletzten  Winter  eine  vierte,  jetzt 
im  Mainzer  Museum  befindliche  hinzu,  gleichfalls  auf  einer  ara,  welche  in  der 
äusseren  Beschaffenheit  grosse  Aehnlichkeit  mit  dem  aus  dem  J.  224  stammen- 
den Nymphenstein  zeigt,  also  wohl  auch  derselben  Zeit  angehört.  Die  Fund- 
stätte liegt  zwischen  der  alten  Schlossruine  und  der  Loge  und  fuhrt  den  Namen 
der  »Drommäckerc.    Die  Inschrift  lautet: 

1      DEA  •  S V  L 

2.     ATTONIVS 
3      L  V  C  A  N  I 

Da  auf  allen  Altären  ohne  Ausnahme  die  Namen  der  Gottheiten  im  Dativ 
stehen,  so  ist  Z.  1  jedenfalls  deabus  zu  lesen,  denn  für  deae  würde  sich 
eine  Abkürzung  nicht  verlohnt  haben.  Das  zweite  Wort  findet  sich  im  ganzen 
C.  inscr.  rh.  nur  einmal  ausgeschrieben,  und  zwar  auf  dem  verlorenen  Steine 
von  der  Schweppenbnrg  (Nr.  637),  woselbst  suleviabus  steht;  doch  findet  sich  auch 
E.  B.  auf  einer  italienischen  Inschrift  sulevis.    Da  Attonius  nur  als  nomen  vor- 


296 


Miaoellen. 


kommt..  8o  wird  das  folgende  Wort  Lucani  oder  Lucanii,  da  ee  des  Platses 
halber  keinesfalls  ein  Nominativ  sein  kann,  gleichfalls  ein  nomen,  und  zwar  der 
Genetiv  von  Lucanias  sein,  so  dass  also  eu  lesen  wäre: 

deabos  suleviabas  attonius  iQcani(i),  d.  h. 
den  Waldgöttinnen  Attonius,  des  Lncanius  (Sohn). 
Da  meines  Wissens  die  suleviae  nirgends  als  deae  bezeichnet  werden,  so 
dürfte  der  vorliegende  Stein  in  dieser  Hinsicht  von  Interesse  sein  ^). 

Im  vergangenen  Herbste  fand  sich  V«  Stande  nördlich  von  Alzei  im  Feld 
das  Fragment  einer  Yoti>tafel,  auf  welcher  sich  folgendes  erkennen  Hess: 


/rem 

/  VRIO 

•  D  •  r 

ET     R 

(-  VN  0 

1  V  S 

\/0  T  O  •    1*  O  « 

\    s  ■ 

L  1  B/ 

\ 

Ein  ganz  ähnlicher  Stein  ist  in  der  Zeitschrift  d.  V.  z.  E.  d.  rh.  6. 
u.  A.  in  Mainz,  B,  ü.  Nr.  187  anfgefOhrt;  hiemach  dürfte  die  vorliegende  Wid- 
mung gelautet  haben: 

IN • HONOREM  0  0 
OEO  MERCVRIO  •  ET  •  RO 
SMERTE  •  SECVNDIV  S  • 

•  EX      VOTO  •  POS 
VIT    VOTVM   S     LIB     M 

Zeile  2  und  4  haben  am  Ende  wohl  keinen  Raum  für  einen  Punkt,  wess- 
halb  ich  POS  nicht  als  eine  Abkürzung  ansehe« 

Merkur  kommt  auch  im  C.  inscr.  rh«  öfters  in  Verbindung  mit  Rosmerta 
vor.  W&hrend  sonst  der  Name  des  Merkur  auf  römischen  Inschriften  h&ufig  ist, 
wurde  er  hier  erst  auf  der  fünften  gefunden  und  auch  da  nicht  allein ;  vielleicht 
ist  übrigens  auch  mit  dieser  die  Reihe  derartiger  Denkmaler  in  der  Umgebung 
unserer  Stadt  noch  nicht  abgeschlossen. 

G.  Schwabe,  Reallehrer. 


1. 
2. 
3. 
4« 
6. 


3.  Köln.  *Zur  rheinischen  Epigraphik«  ist  die  Ueberschrift  eines 
von  Herrn  J.  J.  Merlo  in  Köln  geschriebenen  Artikels  in  Heft  LH  dieser  Zeit- 
schrift p.  108  sq.,  welcher  mich  zu  folgenden  Bemerkungen  veranlasst. 

Zu  Nr.  1  p.  103.    Herr  M.  behauptet,    dass   der  von  mir  edirte  Stempel 


')  Die  richtige  Deutung  der  in  diesem  Hefte  S.  190  schon  von  Brambach 
beiläufig  mitgetheilten  Inschrift  gibt  Prof.  Becker  oben  S.  142.  J.  Fr. 


MisoeUen.  297 

M£DJ)IGV8  (die  epigraphisohen  Aniioaglien  Kölns  Nr.  72  b)  identisch  sei  mit 
dem  von  Lersch  mitgetheilten  MEDDIRiyS  (Bonner  Jahrbücher  11  p.  86;  Froh- 
ner  1647),  weil  das  betreffende  Fragment  nach  dem  Tode  Meinertshagen's  in 
seine  Sammlung  übergegangen;  demgemäss  sei  derTöpfemame  Meddirius  zu  be- 
seitigen.   Dem  gegenüber  gebe  ich  Folgendes  zu  erwägen: 

1)  Es  besteht  die  Möglichkeit,  aber  auch  nur  die  Möglichkeit,  dass  es 
sich  nur  um  ein  einziges  Fragment  handelt,  und  zwar  gerade  um  das  im  Besitz 
des  Herrn  M.  befindliche;  denn  die  Meinei*tzhagen'sche  Sammlung  war  so  reich 
und  ist  so  vielfach  zersplittert  worden,  dass  der  Annahme  nichts  entgegen 
steht,  der  genannte  Sammler  habe  auch  ein  Gerath  mit  dem  Stempel  Meddirius 
gehabt,  welches  in  unbekannten  Besitz  gekommen  ist.  Als  ich  im  Sommer  1869 
Inschriften  der  M.'schen  Sammlung  aufzeichnete,  hat  Hr.  Merlo  auch  von  der 
angebliehen  Identität  der  beiden  Stempel  nicht  gesprochen.  2)  Die  Annahme, 
dass  L.  Lersch  den  Stempel  Meddious,  den  €r  »bei  gesundem  Auge  nothwendig 
gelesen  haben  müsset  und  der  in  vollkommener  Reinheit  und  Schärfe  der  Schrift- 
züge da  steht,  als  Meddirius  edirt  habe,  hiesse  die  wissenschaftliche  Glaubwür- 
digkeit des  verdienten  rheinischen  Epigraphikers  untergraben  und  denselben 
grosser  Oberflächlichkeit  bezüchtigen.  8)  Wenn  somit  schon  dael'M.'sche  Dic- 
tum »der  Töpfemame  Meddirius  wird  demgemäss  zu  beseitigen  sein«  ein  ge- 
wagtes ist,  so  verliert  es  jede  Berechtigung  durch  den  umstand,  dass  die  Firma 
Meddirius  hinreichend  gesichert  ist  durch  ein  aus  Luxemburg  stammendes,  jetzt 
in  Paris  befindliches  Exemplar  (Fröhner  Nr.  1548),  in  welchem  nur  das  E  de- 
fekt ist  und  das  gewöhnliche,  nicht  gestrichene  D  vorkommt. 

Zu  Nr.  4  p.  104.  Die  durch  Fröhner  Nr.  2050-2052  gesicherte  Lesung 
VACO  muss  ich  beibehalten.  Ich  habe  den  Stempel  ohne  Ligatur  von  Y  und  A 
drucken  lassen,  weil  die  Lettern  meines  Druckes  hier  nicht  ausreichten,  habe 
den  Stempel  auch  nicht  einer  Scherbe  angewiesen,  wie  HerrM.  sagt,  sondern 
einer  Schale.     (Epi graphische  Anticaglien  p.  7  Nr.  119.) 

Zu  Nr.  6  p.  1C5.  Wenn  Herr  M.  bemerkt,  dass  meine  Behauptung  AVF 
=  OF  auf  dem  auch  in  Italien  vorkommenden  Stempel  AYFFRON  »etwas  be- 
denklich erscheine,!  so  bedaure  ich,  dass  er  sich  nicht  die  Zeit  genommen  hat. 
die  von  mir  angegebenen  Stellen  nachzulesen  und  sich  über  die  Verwandtschaft 
zwischen  AY  und  0  zu  belehren.  Weitere  Belege  gibt  noch  H.  Schuchardt  der 
Yokalismus  des  Vulgärlateins  II  p.  303  sq.  III  p.  263. 

Zu  Nr.  8  p.  106  C  A  H  T  O 

F 

Diesen  Stempel  bietet  nicht  nur  eine  Lampe  des  Kölner  Museums,  sondern  Dorow 
fand  denselben  auch  in  Neuwied  (Fröhner  542).  Warum  nun  Herr  M.  ein  beson- 
deres Gewicht  darauf  legen  zu  müssen  glaubt,  dass  hiemeben  noch  der  sonst 
übrigens  vielfach  vorkommende  Stempel 

CARTO 

beizubehalten  sei,  vermag  ich  nicht  zu  ergründen. 


398  MiBcallei 

Zu  Nr.  9  p.  106.  Herr  H.  bemerkt  i 
von  DünUer  in  diesen  Jabrbucbern  XXXV 
346]  GemmeniDtchrift  unt«r  Nr.  19öb  meii 
stätigt  die  fticbtigkeit  der  Düntzer'echeo 
LeflOQ);  überein Btimme,  so  daas  das  dritte  ^ 
zu  lobreiben  Eei.  Herr  M.  bat  dabei  üben 
niobtB  handelt,  als  um  einen  Druckfehler. 
meine  Arbeit  geloBen  hätte,  würde  er  das  ; 
im  Text  der  Icachriften  ist  die  Schrift  ni 
oolegi.'  Literftrisohes  Centralblatt  1870  Nr. 
ttque  d'hiatoire  et  de  litteraturo  1S70  Nr.  I 
nusster  Weise  eine  von  den  bisherigen  Pub 
wollen,  so  war  es  geboten,  um  nur  einigen 
dies  hervortaheben  und  auf  die  Abweichanj 
mlsBig  gethan  iiiibe.  Epigraphiker  wie  Düt 
einfach  todtsobweigen.  Mit  grösierm  Reoh 
Torwurf  gemacht  worden.  Ich  hatte  nä 
gegen  die  Edhtheit  der  besagten  Inschrift  1 

Köln. 


4.  Köln.  Römisoher  Urabstein 
einet  Thurmes,  Hessen-Thor,  Hessenthum 
genannt.  Auf  seiner  vordem  Seite  sieht 
hanene  Figuren,  wovon  die  eine  eine  Fo 
eines  Fürsten  darstellt  •  So  Dr.  Carl  Brc 
Btatistisch-medicinischen  Topographie  der  E 
1889)  p.  42.  Bei  einer  genaueren  Bütrach 
staltet  sieh  das  Mordinstnunent  zmt  Darst 
beschlftigten  Mannes  und  iat  somit  einzurc 
rade  am  Rhein  vorkommenden  Grabreliefs, 
Lebensgenuss  beim  heitern  Mnble  darstelle: 
gebrachte  Inschrift  ist  nicht  vorhanden,  bc 
Seite  eines  der  Quadern,  die  nahebei  in  dei 
Qrabrelief  ist  auch  ohne  Zweifel  folgend« 
Büoheler  im  XXT.  Heft  dieser  Jahrbücher  ] 
Chronik  eines  Jülicher  Secretarius  vom  J 
find  man  ahn  den  dreien  alten  Statpfor 
steinen  gebaoen.* 

Köln. 

6.  Elberfeld,  Briefliche  Mittheilucf 

lioa  au  den  Ver.-Sekretär  Prof.  Freudenber 

■Anf  einem  Acker    zu  Holzerhof  (bi 


Miscellen.  990 

Düsseldorf,  südl.  von  Soli d gen  gelegen)  wurde  kürslich  eine  celtische  Goldmünze 
gefunden:  unbärtiger  Kopf  mit  Diadem  nach  der  linken  Seite ;  Rev.  geflügeltes  I'ferd  . 
im  Lauf,  darunter  Blätterschmuck  mit  doppelter  Perlenreihe.  Sie  hat  das  Gewicht 
von  nahezu  2  Kiiogr.  und  einen  Goldwerth  von  c.  1  Thir.  28  Sgr.  Auf  demsel- 
ben Grunde  ist  schon  früher  eine  grössere  Goldmünze  gefunden  worden,  über 
die  ich  nichts  Näheres  erfahren  konnte.  In  der  Nähe  des  Fundortes  ist  eine 
Quelle,  die  ehemals  ab  eine  heilige  gegolten  haben  soll.« 

Die  Slünze  zeigt  nach  der  richtigen  Verinuthung  des  Hrn.  Einsenders  den 
Typus  der  Mediomatriker  (Hauptstadt  Metz)  und  ist,  wie  Hr.  van  Vleuten,  wel- 
eher  ein  Exemplar  derselben  Münze  besitzt,  mir  mittheilte,  wahrscheinlich  eine 
barbarische  Nachahmung  des  Denars  der  gens  Titia.  J.  Fr. 


6.  Bonn.  Bömerreste  in  Poppeisdorf.  Beim  Ziegeln  zu  den  Neu- 
bauten an  der  verlängerten  FriedrichsHtrasse  nahe  dem  Poppelsdorfcr  Weiher 
fanden  die  Erdarbeiter  im  Februar  d.  J.  verschiedene  römische  Urnen  und 
Krüge  von  weisslichem  Thon,  femer  eine  grosse  Schüssel  mit  zweckmässig  ein- 
gerichteter Ausgusstülle,  eine  grössere  Sehale  so  wie  ein  ganz  kleines  nied- 
liches Schälchen  von  terra  sigillata,  endlich  eine  grössere  Thonlampe  mit  der 
Darstellung  eines  langgeöfirten  Kopfes,  wie  es  scheint,  des  Midas.  Die  sämmt- 
liohen  Fundgegenstände  sind  in  den  Besitz  des  Hm.  Sürth,  Conservator  des 
anatomischen  Museums  zu  Poppeisdorf,  gelangt.  J.  Fr. 


7.  Bonn.  Am  18.  Februar  c.  stiess  man  nahe  der  Kölner  Chaussee  im 
Rheiudorfer  Felde  beim  Fundamentgraben  zu  dem  grossartigen,  für  den  Regie- 
rungsbezirk Köln  bestimmten  Irrenhause  auf  mehrere  römische  Gräber.  Die 
darin  enthaltenen  Beigaben,  bestebt-nd  in  mehreren  Urnen  und  verschiedenen 
KrügeUi  einer  Thonlampe  mit  Verzierungen,  einem  kleinen  Salbenfläschchen  von 
grünlichem  Glas  und  ausserdem  den  Fragmenten  eines  römische n-Sp i egels  von 
w^eissem  Metall  wurden  von  den  Arbeitern  dem  Unterzeichneten  zugebracht  und 
für  die  Sammlung  unseres  Vereins  erworben.  Der  Metallspiegel  befand  sich  als 
Deckel  auf  einer  grossem  Urne,  wurde  aber  von  den  Arbeitern  aus  Unvorsich- 
tigkeit in  Stücke  zerschlagen,  die  sich  nicht  mehr  vollständig  genug  vorfanden, 
um  denselben  herzustellen.  Uebrigens  hatte  derselbe,  wie  man  noch  ersehen 
konnte,  eine  runde  Form  uüd  zeigte  eine  glatt  polirte  Fläche.  Nach  dem  Zeug- 
niss  des  altem  Plinius  (Nat.  Hist.  XXXIII,  45)  bestand  der  Stofif  solcher  Spiegel, 
die  am  besten  zu  Brundusium  in  Italien  verfertigt  wurden^  aus  einer  Mischung 
von  Kupfer  und  Zinn,  welches  letztere  dem  Metall  einen  silberartigen  Glanz 
verleiht.  Auf  mein  Ersuchen  hatte  Herr  Dahlen,  Assistent  an  der  Versuchssta- 
tion der  landwirthsohaftlichen  Akademie  zu  Poppeisdorf,  die  Güte,  ein  Stück 
des  fraglichen  Metalls  einer  sorgfältigen  Analyse  zu  unterwerfen,  welches  folgen- 
des Resultat  gab: 


800 


MueellflD. 

Kupfer    .    . 

69,81  «/e 

26,66  % 

Blei    .    ,    . 

4.96  Vo 

Eisen 

fM 

Antimon 

Spuren. 

Vergleicht  man  hiermit  die  chemische  Untersuchung  der  Metallmasse  eines 
antiken  (romischen)  Spiegels  in  Elaproth's  Beiträgen  zur  chemischen  Kenntoiss 
der  Mineralkörper  Bd.  6,  S.  74,  welche  als  Resultat  ergab: 

Kupfer    .    62 

Zinn    .    .    82 

Blei    .     .      6 


100 
so  ergibt  sich  der  unterschied  in  den  eigentlichen  vorschriftsmassigen  Mischungs- 
theilen  beider  Spiegel  nur  als  ein  geringer.  Es  scheint  im  Durchschnitt  in 
2  Theilen  Kupfer  und  einem  Theil  Zinn  bestanden  zu  haben  und  das  Blei  be- 
trögerisoher  Weise  beigemischt  zu  sein,  ein  Verhältniss,  das  nach  Klaproth 
auch  heut  zu  Tage  zu  den  Teleskopspiegeln  beobachtet  wird. 

Ueber  zahlreiche  weitere  Funde  römischer  Alterthümer,  die  an  derselben 
Statte  im  Verfolg  zu  Tage  gefordert  wurden,  verweisen  wir  auf  den  Bericht 
unseres  Vereinsmitglieds  Hrn.  Dr.  Bouvier  weiter  unten. 

Von  anderen  römischen  Alterthümem,  deren  doch  in  diesem  Jahre,  bei 
der  grossen  Bauth&tigkeit  in  der  Stadt  Bonn  selbst"  wie  in  ihrer  nfihem  Um- 
gebung, noch  manche  zu  Tage  gekommen  und  verschleudert  worden  sein  mögen, 
sind  mir  noch  zwei  auf  der  Sandkaul  15  im  Sommer'schen  Hause,  der  jetzigen 
Actiengesellschaft  zur  Eintracht,  beim  Fundamentiren  des  Saals  gefundene,  stark 
oxydirte  Münzen  zugekommen,  auf  deren  einer  sich  noch  der  Rev.  Bomae  et 
Aug.  mit  dem  Altar  von  Lyon  erkennen  liess. 

Freudenberg. 


8.  Aachen,  1.  August.  Ein  interessanter  Fund  ward  heute  hierseibst  zu 
Tage  gefördert.  Bei  den  Fundamentarbeiten  für  das  von  dem  Paulusvereine 
neben  dem  Paulushause  errichtete,  zu  Arbeiterwohnnngen  bestimmte  Gebäude 
fand  man  dieser  Tage  in  einer  Tiefe  von  etwa  sieben,  acht  bis  zehn  Fuss 
mehrere  wohlerhaltene  römische  Aschenkruge  und  Urnen  von  gebranntem  rothem 
Thon,  dann  mehrere  Ueberreste  von  Marmorgesimsen  mit  lateinischen  Inschrif- 
ten, die  man  aber,  weil  sie  zu  arg  ladirt  waren,  nicht  entziffern  konnte. 


9.  Hamm.  Für  Freunde  der  Alterthumskuude.  Der  Bau  einer 
Zweig-Eisenbahn  von  Mülheim  a.  d.  Ruhr  nach  Kettwig,  unter  Leitung  des  Ab- 
theilungs-Baumeisters  Herrn  Brewitt,'^fnhrte2zur  Entdeckung  einer  alten  heid- 
nischen Begr&bnissstätte,  in  der  N&he  von  Saam  (ehemaliges  Benediktiner-Fr&u- 
lein-Kloster,  jetzt  Gewehrfabrik),  etwa  V«  Meile  südlich  von  Mülheim. 


Miscellen.  9Ö1 

Der  Boden  des  Feldes,  worin  sie  vorkommt,  besieht  ans  GeröUe^  von 
dem  Rohrfiusse  herrührend,  der  einst  darüber  seinen  Lauf  nahm.  Später  hat 
derFI  nss  sich  ein  anderes  etwas  tiefer  liegendes  Bett,  gegen  1000  Schritte 
weiter  östlich^  gewühlt.  Beim  Ausschachten  des  Bodens  wurde  an  einzelnen 
Stellen  statt  des  Gerölles  lockere  Erde  mit  Eies  untermischt  bemerkt.  Offenbar 
sind  Löcher  in  den  Boden  gegraben  und  solche  mit  der  lockeren  Erde  ausge- 
füllt. Fast  ausschliesslich  in  diesen  Löchern,  selten  in  dem  (xerölle,  kamen  An- 
tioaglien  zum  Vorschein,  —  bis  zum  17.  Juli  c,  folgende: 

1)  Ein  in  mehrere  Stücke  zerfallenes,  grossentheils  aber  wieder  zusam- 
mengekittetes Gefäss,  ähnlich  den  jetzigen  Terrinen,  gegen  5. Zoll  hoch,  7Vt 
Zoll  im  Durchmesser  haltend,  von  dem  feinen  gelblich-rothen  Thon,  der  in 
späterer  römischer  Zeit  häufig  statt  der  hochrothen  terra  sigillata  in  Anwen- 
dung kam.  Das  Gef&ss  hat  eingepresste  Verzierungen.  Die  etwas  unterhalb  des 
oberen  Randes  bestehen  aus  aneinander  gefügten  länglichen  Halbkreisen  (\«ag 
etwa  4,  breit  3  Linien),  deren  Inneres  mit  gleichen  aber  kleineren  Kreisen  aus- 
gefüllt ist.  Man  sieht  solche  als  Randverzierungen  häufig  an  römischen  Vasen, 
z.  B.  Abbildungen  der  römischen  Alterthümer  in  Bayern,  Heft  H,  Tafel  VIII  ff! 
unter  denselben  zeigt  das  aufgefundene  Gefäss  Wellenlitlien.  Halbbogen  nn^ 
zwischen  letzteren  Zweige  von  Sträuohern  mit  drei  Blättern. 

2}  Vierzehn  irdene  (^efösse,  meist  wie  Aschenumen  geformt,  von  ver- 
schiedener Grösse,  einige  mit  ganz  einfachen  eingepressten,  andere  mit  erhabe- 
nen Verzierangen,  nur  in  Linien,  Punkten  und  dergleichen  bestehend.  Von  ab- 
weiohender  Form  sind: 

a.  Ein  nach  oben  sich  verengendes  (}efäss  mit  einer  Ausguss-Tülle,  unge- 
fÜkt  heutigen  Theetöpfen  ähnlich; 

b.  ein  anderes,  dessen  Gestalt  mehr  einer  Terrine  gleicht;  der  obere 
Rand  erweitert  sich  nach  Innen  um  etwa  \  Zoll  und  hat  eine  Ans* 
gnss-TüUe. 

3)  Viele  Scherben  von  hellrothem,  grauem  und  weisslichem  Thon,  theils 
mit  starken,  bis  4  Linien  dicken,  theiis  mit  dünnen  Wänden;  eine  mit  vielen, 
4  Linien  hohen  ovalen,  in  die  Aussenwand  eingedrückten  Verzierungen,  die 
das  Gefäss,  wovon  sie  herrührt,  rings  umgeben  zu  haben  scheinen.  Einige  Stücke 
sind  auf  der  Drehscheibe  gefertigt,  andere  nicht. 

4)  Eine  sog.  keltische  Perle  von  feinem  Thon,  5  Linien  lang,  nach  Aussen 
mit  5  kleinen  Erhöhungen,  deren  Spitz  hellblau  gefärbt  sind. 

6)  Zwei  Stücke  von  Glasgefässen.  Das  Glas  ist  dünn,  von  gelblicher,  et- 
was in's  Grüne  spielender  Farbe,  nicht  blasig. 

6)  Eine  eiserne  Lanzenspitze,  21  Zoll  lang,  unten  nahe  bei  der  Tülle  mit 
zwei  Ausbiegnngen  (orochets),  ähnlich  der  in  dem  Werke  des  Abb^  Goohet  »8e- 
poHures  gauloises,  romaines,  franqnes  etcc  S.  228  abgebildeten  f^ränkischen 
Lansenspitze. 

7)  Sechs  andere  Lanzenspitzen  von  verschiedener  Länge  und  Form,  ohne 
Anzbiegungen,  fast  sämmtlich  mit  einem  Grath. 

8)  Fünf  Schwerter  von    verschiedener  Länge,   verhältnistmäsaig    schwer, 


802  Misoellen. 

keines  gekrümmt;  —  das  grösste  24  Zoll  lang,  2  Zoll  breit,  ist  bei  der  Lansen- 
spitze  Nr.  6  oben  gefunden.  ' 

9)  Ein  Dolch  oder  Messer,  9  Zoll  lang. 

10)  Ein  Umbo  (Schildnabel)  von  Eisen,  unten  noch  mit  den  N&geln  oder 
Sohräubchen  znm  Befestigen  an  dem  hölzernen  Schild  versehen.  Von  diesem 
fanden  sich  nur  Bröckchen. 

11)  Ein  desgleichen,  weniger  gut  erhalten. 

12)  Ein  Stück  von  einer  eisernen  Pferdetrense.  mit  3  Zoll  im  Durch- 
messer haltendem  Ring  an  der  Seite. 

Die  Sachen  von  Eisen  sind  sämmtlich  dick  mit  Rost  belegt. 

13)  Stücke  von  Bronzeplatten,  ziemlich  dünn,  anscheinend  von  Gc fassen 
oder  Rüstungen  herrührend. 

14)  Mehrere  bis  8  Zoll  lange  Thierzähne,  wohl  von  Pferden. 

In  dem  unter  1  beschriebenen  Gefasse  fanden  die  Arbeiter  auch  Knochen - 
fragmente;  ob  von  Menschen-  oder  Thierknochen  möchte  schwer  zu  bestimmen 
sein.  Die  übrigen  Gefasse  enthielten  keine  Rnochenreste ;  möglich  dass  solche 
vorhanden  gewesen,  aber  in  dem  ziemlich  feuchten  Boden  verweset  sind. 

Von  den  Sachen  sind  einige,  z.  B.  das  Gefass  unter  1.,  die  Perle  und  die 
Glasscherben  wohl  unzweifelhaft  römischen,  andere  fränkischen  Ursprungs.  Sie 
scheinen  der  Zeit  anzugehören,  in  weicher  die  Römer  und  Franken  um  den 
Besitz  der  Länder  an  beiden  Seiten  des  Rheines  stritten,  also  dem  3.  oder  4. 
Jahrhundert.  Die  Grabstätte  dürfte  uls  eine  fränkische  anzusehen  sein.  Dass 
unter  den  Sachen  römische  vorkommen,  spricht  nicht  dagegen;  diese  können 
Franken  von  Römern  erhandelt  oder  erbeutet  haben. 

Essellen,  Hofrath. 


10.  Seligenstadt.  Die  Restauration  des  altromanischen  Domes  in  3c- 
ligenstadt  bei  Asohaffenburg  veranlasste,  dass  das  Grabmal  Eginhards  und  Em- 
mas (ein  Marmorsarkophag)  aus  dem  Mittelschiffe  in  eine  Nebenkapelle  ge- 
bracht und  bei  dieser  Gelegenheit  geöffnet  wurde.  Man  war  überrascht,  in  dem- 
selben noch  die  Ueberfeste  einer  dritten  Leiche  zu  finden,  nämlich,  wi3  die  gut 
erhaltene  Pergamentschrift  beurkundete,  die  einer  Tochter  Eginhards.  Sonder- 
bsrer  Weise .  fehlt  dem  Skelet  von  Eginhard  der  Schädel.  Von  alten  Stoffen 
fand  sich  nichts  von  Bedeutung  vor,  denn  die  Knochen  sind  nur  in  einfarbige 
violettsohwarze  und  in  rothe  verschossene  Stoffe,  welche  den  Futterstoffen  der 
Messgewänder  des  Mittelalters  ähnlich  sind,  eingewickelt.  Der  Sarkophag  zeigt 
den  Stil  aus  dem  Ende  des  17.  Jahrhunderts.  Leider  wird  die  genannte  Kirche 
gegenwärtig  von  einem  Landbaumeister  in  Offenbach  so  gründlich  restaurirt, 
dass  sehr  viel  Schönes  und  durchaus  nicht  Baufälliges  aus  der  malerischen  Ba- 
rokzeit,  welches  historische  Bedeutung  hat,  einer  moderneu  nüchternen  romani- 
schen Schablone  Platz  machen  muss.  Es  ist  dies  um  so  mehr  zu  beklagen,  da 
in  der  Nahe  tüchtige  Kräfte,  wie  der  Dombaumeister  Wesiken  in  Mainz  und 
Baurath  Essenwein  in  Nürnberg,   die  Oberleitung    hätten  übernehmen   können. 


Miscellen.  .%B 

Seligenstadt  ist  ein  Landstadtchen  yon  circa  4000  Ein-wohnem,  hat  keine  Fabri- 
kation wie  die  Nachbarstadte,  besitzt  aber  ein  sehr  reiches  uraltes  Stift,  wel- 
ches mehr  *als  honderttausend  Gulden  auf  eine  solche  Restauration  verwenden 
kann.  Ausser  einigen  guten  Goldstickereien  und  Statuen  aus  dem  16.  und  17* 
Jahrhundert  besitzt  die  Kirche  keine  nennenswertheu  Sehenswürdigkeiten^  wohl 
aber  ein  überaus  reichhaltiges,  wenn  auch  abschreckend  zopfiges  Jesuiteninven- 
tar  an  Holzwerk  und  schlechten  fiildern,  Reliquienbehältern  etc.  An  Curiosi- 
täten  ist  die  kleine  Stadt  reicher  als  der  gprosse  Dom.  Denn  der  riesige  Löffel, 
mit  welchem  Karl  der  Grosse  bei  seiner  verstossenen  Tochter  Emma  jenes  Ge- 
richt gegessen  haben  soll,  an  dessen  Zubereitung  er  sie  wiedererkannte,  wird 
sogar  in  zwei  Exemplaren  gezeigt  und  diese  spielen  in  der  That  eine  fast  wun- 
derthätigere  Rolle,  wie  manche  ächte  Reliquie.  Nur  müssen  wir  leider  gestehen, 
dass  diese  Löffel  den  Mund  des  grossen  Kaisers  nicht  berührt  haben,  sondern 
spiessbürgerlich  aus  den  ehrsamen  Städten  Nürnberg  und  Augsburg  stammen, 
allwo  sie  bei  Messgelegenheiten  auf  Kosten  der  zugereisten  Neulinge  in  der 
Zanft  gefüllt  und  in  einem  Zug  geleert  werden  mussten.  Diese  Löffel,  an 
welche  sich  ein  Stück  mittelalterlichen  Humors  knüpfl,  gleichen  an  Grösse  und 
Form  der  Kehrseite  der  alten  runden  Citheru,  sind  an  dem  yiolinartig  geboge- 
nen Stiele  reich  geschnitzt  und  fassen  etwas  mehr  als  eine  Flasche  Wein.  Am 
Ende  des  Stieles  ist  eine  massive  Holzkettc  befestigt,  welche  dem  Trinker  um 
den  Hals  gehegt  und  an  dem  andern  Löffelende  eingehakt  wird.  Solche  Löffel 
sind  einestheils  für  den  Wirth  ein  probates  Mittel,  um  seinem  Weinkeller  Zu- 
spruch zu  verschaffen,  und  andemtheils,  um  das  Kapitel  »Wein,  Weib  und  Ge- 
sang« durch  eine  Unzahl  von  Knittelversen  in  gehobener  Stimmung  zu  verherr- 
lichen. Wer  nämlich  aus  dem  Löffel  t Karls  des  Grossen  c  trinkt,  muss  sich  in 
ein  grosses  Buch  einschreiben  und  es  wirkt  dabei  der  kleine  Affe,  welcher  dem 
wackeren  Zecher  im  Nacken  sitzt^  so  sehr  auf  den  Nachahmungs-  und  Produc- 
tions-Trieb;  dass  selbst  auch  poesielose  Naturen  das  »Reim  Dich  oder  ich  fress 
Dich«  probiren.  Der  Wirth  >im  Riesen«  kam  zu  einer  solchen  alten  ererbten 
Chronik,  die  er  durch  fleissiges  Vorlegen  Jahr  für  Jahr  bis  zur  Gegenwart  be- 
reicherte und  auf  die  wir  unsere  Culturhistoriker  hiermit  aufmerksam  machen. 
Dass  unsere  Bildung  in  den  letzten  80  Jahren  fortgeschritten,  konnten  wir  aus  den 
Proben  der  in  Reime  gebrachten  Weinseligkeit  nicht  erkennen,  höchstens  mögen 
einige  gute  Weinjahre  den  höheren  Ausdruck  dieser  »angeheiterten«  Volkspoesie 
vennlasst  haben.  —  Den  älteren  Löffel  besitzt  die  aus  der  ehemaligen  »Krone« 
stammende  Malerfamilie  Kettinger  nebst  einer  Chronik,  in  der  selbst  Peter  der 
Grosse  constatirt,  dass  ihm  der  Trunk  aus  diesem  Löffel  behagt  habe.  Seligen- 
stadt  hat  am  Main  noch  Ueberreste  einer  im  besten  romanischen  Stil  gebauten 
Burg  aufzuweisen,  welche  der  des  Barbarossa  in  Gelnhausen  sehr  ähnlich  ist. 

Fr.  J. 

11.  Frankfurt.  In  der  am  19.  Juni  abgehaltenen  Sitzung  des  Vereins 
für  Geschichte  und  Alterthumskunde  hielt  Hr.  Inspector  Prof.  Dr. 
Becker   einen   ersten  Vortrag    über    die  Ausgrabungen  auf  der  Saalbarg  bei 


304 


Miiceilen. 


Homburgi  indem  er  zuvörderst  über  Namen  und  Deutung^  von  »Taunus«  rieh 
verbreitete.  Nach  einer  kurzen  Betrachtung  der  Gebirge  des  alten  Germaniens 
im  Ganzen  und  Einzelnen,  insbesondere  aber  von  den  den  Römern  sich  zunächst 
am  rechten  Rheinnfer  darbietenden  Höhenzügen,  wurden  eingehend  die  Quell- 
stellen erörtert,  in  welchen  sich  »der  mons  Taunus c  bei  den  alten  Geographen 
und  Gesohichtschreibem  erwähnt  findet,  die  verschiedenen  Ansichten  der  Inter- 
preten  bezüglich  der  Bedeutung  und  Verlegung  desselben  näher  dargelegt,  die 
endliche  Beziehung  auf  unsere  »Höhe«  (Heyrich,  Einrieb)  hervorgehoben  und 
die  Richtigkeit  dieser  Beziehung  durch  den  Fund  von  6—7  römischen  Inschrif- 
ten am  Fusse  des  Gebirges  weiter  oonstatirt,  von  welchen  Steinschriften  drei 
ausdrücklich  das  Wort  »Taunensis«  in  voller  Form  beurkunden.  Es  wurden  so- 
dann die  von  Tacitns  und  Gassius  Dio  erwähnten,  im  Lande  der  Sigambrer 
und  Chatten  von  dem  älteren  Drasus  angelegten  Castelle  an  der  Lippe  und  auf 
dem  mons  Taunus  nnd  das  nach  dem  frühzeitigen  Untergange  des  ersteren  ohne 
Zweifel  bei  Niederbiber  unweit  Neuwied  errichtete  in  ihrer  gesammtstrategischen 
Bedeutung,  zumal  als  die  beiden  grössten  auf  dem  rechten  Rheinufer  cha- 
rakteririrt  nnd  aus  den  mit  dem  Jahre  1723  beginnenden  Funden  auf  der  Saal- 
burg und  aus  der  allmäligen  Aufdeckung  eines  grossen  Gas  teils  dortselbst  neue 
Beweise  fur^  die  Identificirung  unserer  »Höhe«  mit  dem  mons  Taunus  der 
Alten  «entnommen.  —  In  der  am  3.  Juli  abgehaltenen  Sitzung  des  Vereins 
für  Geschichte  und  Alterthumskunde  hielt  Herr  Inspector  Prot  Dr. 
Becker  einen  zweiten  Vortrag  über  die  Ausg^bungen  auf  der  Saalburg  bei 
Homburg,  in  welchem  er  zugleich  einige  ergänzende  Bemerkung^en  zu  dem 
ersten  nachtrug.  Im  Anschlüsse  an  die  im  ersten  Vortrage  gegebene  Geschichte 
des  »mons  Taunus«  der  Römer  und  seiner  Beziehung  auf  heutige  Deutsche 
Berge  und  Gebirgszüg^e  wurde  zuvörderst  unser  Taunus  als  das  einzige  deutsche 
Gebirge  bezeichnet,  welches  nach  den  Aeusserungen  der  Alterthumsforscher  und 
Touristen,  einerseits  durch  den  feinen  Schwung  seiner  Linien,  durch  die  Art 
seiner  Erhebung  aus  einer  grossartigen  Ebene  und  durch  die  eigene  südliche 
Vegetation  an  die  €tobirge  Mittelitaliens,  vor  allen  an  das  Albanergebirge  er- 
innere, andererseits  ebenso  durch  die  Zahl  der  Fundstücke  römischer  Denk- 
mäler allen  übrigen  deutschen  Gebirgen  voranstehe,  und  zwar  nicht  blos  an 
seiner  Südseite,  sondern  auch  auf  dem  Kamme  des  Gebirges  selbst  Hier  sei  es 
vor  allem  die  Stelle,  welche  unter  dem  Namen  der  Saalburg  durch  die  trotz 
unbezweifelbar  vielfacher  Zerstörung  durch  die  Germanen,  .noch  vorhandenen 
Mauerreste,  Substructionen  von  Gebäulichkeiten  und  zahlreiche  Funde  das  Bild 
einstigen  römischen  Militär-  und  Verkehrslebens  an  der  Nordgrenze  des  Reiches, 
eines  gewaltigen  Gasteils  an  dem  Pfahlgraben  und  einer  bei  demselben  erwach- 
senen Lagerstadt  erkennen  lasse.  Hiemächst  wurde  eine  Geschichte  der  Aus- 
grabungen und  Funde  daselbst  von  1770—1872  gegeben,  wobei  zuvörderst  die 
Aufdeckung  eines  wohl  der  altchristlichen  Periode  angehörigen  Steinsarges  mit 
Deckel,  Symbolen  und  Aufschriften  an  dem  sog.  Emesberge,  sodann  der  1723 
den  Substructionen  der  Saalburg  selbst  entnommene  Votivaltar  einer  Soldaten- 
abtheilung  far  Kaiser  Caracalla  (212  n.  Chr.),  jetzt   an  dem  »weissen  Thurm« 


T»* 


Miseelleti.  806 

des  Homburger  Schlosses  eingemaaert,  erwähnt  nnd  der  bezüglichen  antiquari- 
schen Bestrebungen  des  damaligen  Landgrafen  Friedrich  Jacob  gedacht  wurde. 
Diese  Bestrebungen,  in  besonderen  Fundprotocollen  im  ehemaligen  Homburger 
Archive  beurkundet,  scheinen  in  den  vierziger  und  noch  mehr  beim  Ausgange 
der  siebenziger  Jahre  des  vorigen  Jahrhunderts  den  Hessen-Homburgischen  Re- 
gierungsrath  Elias  Neuhof  zu  Ausgrabungen  auf  dem  Taunus,  insbesondere  auf 
der  Saalburg,  zumeist  veranlasst  zu  haben.  Die  ersten  Resultate  derselben  legte 
er  in  einer  im  J.  1747  erschienenen  jetzt  sehr  seltenen  Schrift,  deren  Kenntniss 
der  Mittheilung  des  Herrn  Baumeisters  Jacobi  in  Homburg  verdankt  wird,  so- 
dann  in  seiner  1777  und  1780  herausgegebenen  »Nachricht  von  den  Alterthü- 
mem  bei  Homburg«  nieder  und  verwerthete  sie  mit  unbestreitbarem  Verdienste 
zu  der  Auffassung  und  Deutung  der  Fundstücke,  welche  sich  im  wesentlichen 
bis  jetzt  als  die  richtige  bewährt  hat.  Diese  Resultate  fanden  theils  Zustimmung, 
wie  unter  anderem  aus  des  Frankfurter  Kunstforschers  H„  Hasgen  »Yerräthe- 
rischen  ßriefenc  (1776)  ersehen  werden  kann,  theils  riefen  sie  die  Aeusserung 
abweichender  Ansichten  hervor,  wie  die  1778  in  einer  kleinen  Schrift  bekun- 
dete eines  nicht  genannten  Freundes,  welcher  die  Trümmer  auf  der  Saalburg 
der  fränkischen  Zeit  zuweisen  wollte  und  nähere  (neu  erbrachte)  Beweise  sich 
vorbehielt.  Nach  eingehender  Darlegung  der  Resultate  der  Neuhofschen  Aus- 
grabungen und  Aufstellungen  wie  auch  nach  einer  Digression  über  die  im  An- 
fange der  neunziger  Jahre  im  Castell  zu  Niederbiber  bei  Neuwied  auf  Anregung 
der  damaligen  Fürstin  von  Wied  gemachten  Ausgrabungen,  erwähnte  der  Vor- 
tragende die  1816 — 17  beim  Baue  der  Homburg-Üsinger  Landstrasse  gemachten 
wichtigen  Münz-  und  inschriftlichen  Funde  und  wandte  sich  sodann  den  1853 
bis  1867  von  dem  bekannten  Archivar  Habel  mit  Unterstützung  des  Landgrafen 
Ferdinand  und  der  Homburger  Kurhausadministration  unternommenen  Ausgra- 
bungen zu,  charakterisirte  deren  Resultate  allseitig  und  vorbreitete  sich  schliess- 
lich über  die  letzte  Periode  von  Aufdeckungen  daselbst,  welche  1870—72  unter 
der  Leitimg  des  Conservators  des  Wiesbadener  Museums«  Hrn.  Oberst  A.  von 
Cohausen,  sowie  des  Baumeisters  Hm.  L.  Jacobi  von  Homburg  mit  Unterstützung 
der  k.  Staatsregierung  und  des  zu  Homburg  jüngst  gegründeten  »Vereins  zur 
Förderung  der  Saalburgbauten«  bewerkstelligt,  eine  nach  jeder  Seite  hin  reiche 
Fundausbeute  erzielten,  deren  Einsichtsnahme  für  den  beabsichtigten  gemein- 
samen Ausflug  nach  der  Saalburg  vorbehalten  und  die  dabei  zumeist  nur  über- 
sichtlich gegeben  wurde.  Hierbei  wurde  auch  der  zu  Zwecken  anschaulicher 
Belehrung  für  die  Saalburgbesucher  theils  bereits  ausgeführten,  theils  beabsich- 
sichtigten  Wiederherstellungen  der  Thorthürme,  des  Wallweges  und  der  Zinnen- 
bekrönung  gedacht,  sowie  die  bereits  vollendete  Erbauung  eines  Gräberhauses 
zur  Aufnahme  von  Gräberfunden  und  die  projectirte  Gründung  eines  kleinen 
Museums  für  Originalstücke  und  Gypsabgüsse  bei  der  porta  decumana  hervor- 
gehoben. 

Aus  der  neuesten  Fnndausbeute  wurde  sodann  das  Randstück  eines  Ge- 
fasses  von  sahönem  weissem  Glase  mit  eingeritzter  Fischgestalt  und  dem  Reste 
des  Buchstabens  E   oder  F  vorgezeigt   und   in   dem   bedeutsamen  Fischsymbol 

20 


L 


806  Miflcellen. 

eine  erste  Spur  christliehen  Glaubens  in  der  einstigen  Lagerstadt  bei  dem  Castell 
auf  der  Saalbarg  erkannt. 

Schliesslich  wurde  noch  die  wohlbegvündete  Aufstellung  des  Hrn.  Bau- 
meister Jacobi  mitgetheilt,  wonach  die  einstige  römische  Ansiedelung  NOYYS 
VICYS  (Neudorf)  bei  Heddemheim  als  eine  nach  gänzlicher  Aufgabe  der  zer- 
störten Lagerstadt  beim  Castell  weiter  landeinwärts  bewerkstelligte  Neugründung 
anzusehen  sei  und  dabei  auf  das  parallele  Verhältniss  zwischen  den  verrouth- 
lichen  Ansiedlungen  Yictoria  imd  Victoria  nova  (jetzt  Heddesdorf)  bei  dem  Ca- 
stelle  von  Niederbiber  hingewiesen,  wobei  insbesondere  auf  die  in  ihrem  ersten 
Theile  bis  jetzt  noch  unerklärten  modernen  Namen  der  bezüglichen  Ocrter 
Heddemheim  und  Heddesdorf  aufmerksam  gemacht  wurde. 


12.  Bettenhoven.  Briefliche  Mittheilung  des  Hri^.  Pfarrer  Grün  an  Prof. 
Freudenberg  zu  dessen  Art.  Jahrbb.  LH.  S.  117  ff.  »Ein  merkwürdiges  Blei- 
siegel des  Köln.  Erzb.  Piligrimus.t  Es  kann  keinem  Zweifel  unierliegen,  dass 
das  von  Ihnen  publicirte  Bleisiegel  ein  wirkliches  Siegel  und  keine  Denkmünze 
ist.  Denn  1.  hat  dasselbe  das  von  Prof.  Düntzer  als  beweisend  bezeichnete  Merk- 
mal, nämlich  die  durch  das  Innere  desselben  von  Rand  zu  Rand  durchlaufende 
runde  Oeffnung  zur  Durchziehung  einer  Kordel.  Von  letzterer  fand  sich  zwar 
nichts  mehr  vor,  was  aber  dadurch,  dass  sie  während  einer  so  langen  Zeit 
vermodert  ist,  natürlich  zu  erklären  ist.  —  2.  bezeugen  Fundort  und  klar  er- 
kennbarer Zweck  desselben  es  als  wirkliches  Siegel.  In  dem  von  Tuffsteinen 
aufgemauerten  Stocke  eines  Altare  fixum  befand  sich  das  sog.  sepulchrum  und 
in  diesem  das  Siegel  als  Bedeckung  und  Yerschliessung  eines  runden  Glasge- 
fasses.  Dass  dieses  Gefass  ein  Reliquienbehälter  war,,  ist  an  sich,  wie  besonders 
dadurch,  dass  sich  auf  dem  Boden  desselben  noch  klebriger  Staub  befand,  nicht 
zu  bezeifeln,  vielmehr  gewiss,  dass  es  die  Reliquien  enthalten  hat,  welche  da- 
mals, wie  auch  heute,  bei  der  Consecration  eines  Altares  in  das  sepulchrum  de- 
ponirt  wurden  und  werden  raussten.  Dieses  Gefass  war  nun  zweifelsohne  mit 
dem  darauf  liegenden  Siegel  vermittelst  der  durch  die  Oeffnung  desselben  ge- 
zogenen Schnüre  zusammen  gebunden,  damit  das  zum  Verschluss  desselben  die- 
nende Siegel  befestigt  liegen  blieb.  Von  einer  sonstigen  Urkunde  fand  sich  keine 
Spur.  Es  war  aber  auch  eine  solche  unnöthig,  da  das  Siegel  ja  für  sich  sowohl 
die  Aechtheit  der  Reliquien,  als  auch  die  Consecration  des  Altars  vollständig 
documentirte.  —  Leider  ist  das  Glasgefass  abhanden  gekommen  und  nicht  aus- 
findig zu  machen.  Wie  mir  mein  Küster  sagt,  war  dasselbe  rund  von  grünlichem 
Glase  mit  mehreren  reifförmigen  Glaserhöhungen  versehen,  oder  mehrfach  ringsum 
umreift. 

Ueber  die  8  Figuren  und  die  sie  umschUessende  Legende  auf  der  Kehr- 
seite des  Siegels  habe  ich  eine  andere  Ansicht.  Ich  halte  nämlich  diese  8  Fi- 
guren nur  für  symbolische  Darstellungen  der  drei  christl.  Kardinaltugenden 
und  eben  diese  Darstellung,  in  welcher  die  Karitas  die  anderen  weit  überragt, 
und  über  die  Häupter  derselben   die  Hände  segnend  oder  weihend  ausstreckt. 


Mtsoellen.  807 

*  all  besonders  entsprechend  mit  Q$l.  6.  6,  und  1  Gor.  18.  13.    Demzufolge  nahm 
ich  Religio  in  der  Bedeutung    als  Inbegriff  der  ohristl.  Glaubens-    und  Sitten- 
Wahrheiten,  somit  als  Religion  der  kölnischen  Kirche  oder  Religio  christiana.  Die 
Annahme  aber,  dass  die  Darstellung  auf  den  besondem  £ifer  des  Erzb.  Piligri- 
muB,  den  Cult  der  drei  unter  diesem  Namen  verehrten  h.  Jungfrauen  zu 
▼erbreiten   und  zu  fordern  hindeute,  schien  mir  deswegen  weniger  wahrschein- 
lichy    weil,    wie  überhaupt   in    hiesiger  Gegend,   diese  nur  selten  als  Eirchen- 
patroninnen  vorkommen,  er  diese  dann  eben  bei  der  Gonseoration  der  hiesigen 
Kirche,    statt   des   L  Pancratius,    wohl   als  Kirchenpatroninnen  gewählt  haben 
würde.    Dagegen,   da  Religion,   wie  Sie  richtig  bemerkten,  auch  die  Bedeutung 
»Heiligthum«  hat,  erscheint  eben  in  dieser  Bedeutung  das  Siegel  als  ein  Weih'-  oder 
Gonsecrationssiegel  und  man  könnte,  eben  in  der  Legende,  wenn  man  diese  als 
geweihtes  Heiligthum  der  Kölnischen  Kirche  (wozu  ja  die  Kirche  zu  Bettenhoven 
stets  gehörte)  deutet,  einen  Beweis  hiefur  erkennen.   Wir  hätten  also  ein  eige- 
nes Gonsecrations-Siegel  des  Erzb.  Piligrimus,  nur  für  diesen  Zweck  be- 
stimmt und  gebraucht.    Es  wäre  sehr  interessant,    zu  erfahren,    ob    sich   nicht 
auch  ein  gleiches  Siegel  von  der  von  Pilgrimns  1028  vorgenommenen  Gonseora- 
tion der  Kirche  zu  Brauweiler  vorfindet    —    Sie  bemerken,    dass  in  dem  Ge- 
höfte zu  Frauenrath   die  hh.  Schwestern  unter  dem  Namen  Pelmerge  Sohwell- 
merge  und  Krieschmerge  angerufen  wurden.    Wie  ich  hier  höre,  soll  das  auch 
unter   dem   Namen:   Drillbärbel,   Schwellbärbel    und  Krieschbärbel    ge- 
schehen, also  eine  kleine  variatio.  üeberhaupt  aber  sind  dieselben  wenig  bekannt. 
—  Durch'^dai  Siegel  ist  nun  die  2^t  der  Gonseoration   des  Altars    resp.    auch 
der  Kirche   (falls    sie  nicht  schon  früher  consecrirt   war)   sicher  bestimmt,   da 
nach  altkirchlichen   Vorschriften   ein  altare  fixum  in  einer  nicht   consecrirten 
Bördhe    nicht   errichtet   werden  durfte.    Es  wäre  wohl  nicht  unwahrscheinlich, 
dass  Pilgrimus  diese  Gonseoration  vorgenommen  hat  bei  seiner  Hin-  oder  Rück, 
reise  su   resp.  von  der  Krönung    des  Kaisero   Heinrich  lü.,    die  er  urkundlich 
vollzogen  hat,  da  ja  die  Hauptstrasse   von  Göln  nach  Aachen   über  Jülich  nahe 
hier  vorbeiführte,  und  dann  hätte  die  Gonseoration  1028  stattgefunden.  Für  ein 
wenigstens   so  hohes  Alter  zeugt  auch,    wie  Sie  richtig  .  hervorgehoben   haben» 
theils  der  einfach  romanische  Baustyl  theils  das  Mauermaterial,  wie  jetzt  noch 
an  dem  Kiichthum  sichtbar  ist,   und  eben   so  deutlich  hervortrat  an   der  1668 
bei  der  Erweiterung  der  Kirche  abgebrochenen  südlichen  Frontmauer  des  Schiffes, 
welche  noch  die  ursprüngliche  war.    Auch  diese  war  hauptsächlich  mit  Bruch- 
steinen jeder  Art,  dazwischen  mit  grauen  Sandsteinen,  Tuffsteinen   und  Römer- 
ziegeln gemauert.  So  fanden  sich  an  dem  Rundbogen  über  den  drei  Fensteröffnungen 
Ziegelsteme  und '^Tuffsteine  abwechselnd  als  Verzierungen,  die  einzige  Ornamen- 
tik an  dieser  Mauer.    Da  nun  augenscheinlich  dieses  Material  schon  gebraucht 
gewesen,   so   muss  man   annehmen,   dass   bei   der  Erbauung  der  Kirche  noch 
frühere  ältere  verfallene  Gebäude   oder  Manrerreste  vorhanden  gewesen,  deren 
Material  man  für  die  Kirche  benutzt  hat.  Demnach  könnte  die  Kirche  wohl  ein 
noch  höheres  Alter  haben  und  vielleicht  nicht  gar  zu  lange  xuM)h  Abzug  der  Römer 
erbaut  worden  sein.    Möglich  wäre  es,  dass  an  ihrer  Stelle  eine  Kapelle  der  in 


808  IfiBoellen. 

heidiUBoher  Zeit  hier  verehrten  Matres  oder  Matronae  war,  möglich  aber  auch, 
das8  sie  von  den  ersten  christlichen  Besitzern  des  hiesigen  uralten  Hofgntes  als 
Oratoriom  erbaut  wurde,   worauf  wenigstens^  der  Umstand,  dass  die  Kirche  mit 
den  Gebäalichkeiten  des  Hofgates  zur  Zeit  in  Verbindung  stand,  hinweist.  Dieses 
Hofgut  gehörte  1272  gemäss  einer   vom  Grafen  Wilhelm  von  Jülich   und  seiner 
Gemahlin  Richardis   in  diesem  Jahre   zu  Heimbach   ausgestellten  Urkunde  dem 
Grafen  zu  Jülich,   der  aber  nicht  das  Patronatsrecht  hatte.    In  dieser  Urkunde 
heisst  es:    ...    Notnm  faciunt  et   recognoscunt  quod   nullum  ius   patronatus 
habeant  vel  habuerii^t  in  Ecclesiam  Bettenhoven,   licet  illa  curiae  nostrae  sit 
contigua.  Das  Patronatsrecht  hatten  bis  zum  Jahre  1216  die  Herren  von  Alfter, 
welche   nach  einer  von  Erzbischof  Engelbert    in  diesem  Jahre   vollzogenen  Ur- 
kunde auf  dasselbe   damals   zu  Gansten  des  Klosters  zu  Füssenich  resignirten. 
(Von  dieser  Urkunde  befindet  sich  ein  Abdruck  im  Urkundenbuch   von  Lacom- 
biet  Bd.  U.  p.  83  und  ebenso  ein  solcher   in  einrm  im  hiesigen  Pfarrarehiv  be- 
findlichen Buche.)    Man  kann   also  mit  Grund  annehmen,   dass  die  Herren  von 
Alfter,  weil  sie  das  Patronatsrecht  hatten,   auch  Erbauer  der  Kirche  resp.  fun- 
datores  der  Kirche  und  Pfarre  gewesen  sind.    Leider  befindet  sich  hierüber  ur- 
kundlich nichts   vor.    Nach  Fahne  gehörten   die  v.  Alfter  zu  den  ältesten  Be- 
sitzern am  Niederrhein.    Fahne  fuhrt  von  diesen  namentlich  an :  Hermann  von 
Alfter  1116—26,  Johann  1126—38,  Goswin    1166—88  und  Goswin  1172—1200, 
sodann  den  Hermann,  Marschall  von  Göln,  welcher  1216  auf  das  Patronatsrecht 
resignirte.  Letzterer  war  1217  bei  dem  Kriegszu^  gegen  die  Saracenen  und  be- 
fehligte unter  dem  Grafen  von  Holland  die  Nachhut.   Es  ist  sehr  denkbar,  dass 
er,  um  sich  die  nöthigen  Goldmittel  zu  verschaffen,   deshalb  sein  Petronatsreoht 
übertrug,   und,  dass   er,   bis  dahin  Eigenthümer  des  hiesigen  Hofgutes,   dieses 
damals  zu  denselben  Zwecken  an  die  Grafen  von  Jülich  verkauft  hat.    Für  den 
Ursprung  der  Kirche  w&re  es  sehr  wichtig  in  Erfahrung   zu  bringen,    ob  sich 
über  diese  v.  Alfter  ältere  Urkunden  oder  Nachrichten  vorfanden,  imd  möchte 
ich  Sie  bitten,  falls  Sie  davon  Kenntniss  erhalten  haben,    mir  darüber  Näheres 
gefälligst  mitzutheilen.  Dass  die  hiesige  Kirche  schon  vor  1216  eine  Pfarrkirche 
war,  beweist  die  Urkunde  von  Erzb.  Engelbert,    und  das  Bleisiegel  fast  un- 
bezweifelbar,    dass  sie  wenigstens   zwischen  1021—86  als  solche  erhoben  wurde. 
Eine  einfache  Kapelle   oder  ein  Oratorium  würde  wohl   nicht  conseorirt  worden 
sein.  —  Den  Ursprung  des  Ortes  Bettenhoven  darf  man  wohl  unbedenk- 
lich von  einer  Römer-Niederlassung   herleiten.    Dass   eine  solche  hier  bestand, 
bezeugen  ja   die  aufgefundenen  Monumente,   das  Material  an  der  Kirche  etc. 
Es  ist  nicht  unwahrscheinlich,    dass    eben   das  alte   Hofgut   ursprünglich   eine 
solche  Niederlassung   gewesen  ist,    und  später    mit   verschiedenen  Besitzungen, 
Renten  etc.  an  die  v.  Alfter  gekommen  ist,  vielleicht  als  Lehngnt.  *-   Den  Na- 
men »Bettenhovenc,  wie  er  gleichlautend  auch  in  alten  Urkunden  steht,  möchte  ich 
nun  wohl  abzuleiten  wagen  vonBeeden,  betten,  bitten  (Petitiones  precariae). 
Pfarre  und  Kirche  hatten  ehemals  zur  Dotation   eine  zahlreiche  Menge  von  Na- 
turalrenten  (mit  Fruchtrenten)  aus  den  meisten  umliegenden  Ortschaften  zu  be- 
ziehen, die  wohl  vor  Errichtung  der  Pfarre  dem  hiesigen  Hofgnte  gehörten  und 


Misoellen.  809 

an  dasselbe  abgeliefert  werden  mnssten.  Der  Hof  war  also  unstreitig  am  Bee- 
denhof,  und  das  um  denselben  sich  bildende  Dorf  konnte  somit  nach  dem  Hofe 
natürlicb  benannt  werden.  Es  ist  gar  keine  Andeutung  vorhanden^  dass  die  hh. 
Jungfrauen  unter  der  Bezeichnung  Einbetta,  Worbetta,  Wilbetta  hier  verehrt 
worden   sind,    sonst   hätte   man   den  Ortsnamen   auch  davon  herleiten  können* 

—  Im  Provinzial' Archiv  zu  Goblenz  befand  sich  zur  Zeit  ein  Mannscript  be- 
titelt: Dednctio  historica  Partheniae  Eoclesiaie  in  f^senich  ex  pergamenis  lit* 
teris  Archivi  per  ordinem  temporum   et  seriem  rerum  gestarum  ab  anno  1147 

—  ad  annnm  1720  ooordinata,  von  welchem  ein  Freund  von  mir  früher  Ein- 
sicht hatte  und  daraus  einzelne  Notizen  über  Bettenhoven  mir  mittheilte.  Höchst 
wahrscheinlich  enthielt  dasselbe  noch  mehr  hierüber.  Dieses  Mscr.  ist  leider 
nicht  mehr  im  Arohiv  verfindlich  nnd  wohl  möglich,  dass  es  sich  anter  den 
Schriften  des  verstorbenen  Rg-R.  Barsch,  der  es  bei  seiner Efflia  illust.  benutzt 
hat,  befindet.  In  einem  andern  Werke  von  C.  A.  Hugo  Estival  (1726),  welches 
ich  auch  nicht  besitze  noch  näher  kenne,  sind  Notizen  enthalten. 


18.  Münstermaifeld,  den  10.  April  1878.  Briefliche  Mittheilong  des 
Hrn.  Dr.  Schmitt  über  den  Fund  eines  grossen  Erzgef&sses  an  Prof.  Freu- 
denberg., 

Vor  einigen  Tagen  stiess  ein  Landmann  von  hier  beim  Pflügen  auf  ein 
grösseres  Gefass  von  Bronze.  Es  stand  senkrecht  in  der  Erde,  in  demselben 
befand  sich  bloss  Ackergrund.  Es  hat  einen  Durchmesser  von  ca.  16  Zoll  oben, 
hat  oben  an  jeder  Seite  einen  Henkel  und  ruht  auf  einem  massiven  Fusse.  Es 
hat  eine  kesselformige  Gestalt  und  erinnert  an  das  13  Zoll  Durchmesser  habende 
Gefass  aus  dem  Hildesheimer  Fund ;  Fuss  und  Henkel  sind  ähnlich,  doch  ist  es  nicht 
so  hoch  wie  das  Hildesheimer.  Das  Ganze  ist  mit  einer  grünen  ozydirten  Masse 
überzogen  und  noch  mit  Erde  beschmutzt.  Beim  Ausheben  dachte  man  nicht 
daran,  dass  sich  an  dem  Gefässe  ein  Fuss  befände  nnd  wandte  Gewalt  an,  um 
es  aus  der  Erde  zu  bringen;  dadurch  sprang  der  Boden  und  ein  ausgebroche- 
nes Stuck  mit  dem  Fusse  blieb  im  Boden  zurück,  das  man  dann  ausgrub.  Der 
Boden  ist  stark  oxydirt  und  brüchig  geworden,  wodurch  es  möglich  wurde,  dass 
ein  Stück  daraus  ausgebrochen  werden  konnte.  Der  obere  Theil  und  der  Fuss 
sind  gut  erhalten,  überhaupt  das  ganze  Gefass  noch  vorhanden.  Verzierungen 
finden  sich  nicht  an  demselben,  nur  oben  zwei  erhabene  Reifen. 

Der  Fundort  war  ein  Acker  in  der  Nähe  des  Hofes  Ealsch,  wo  man  schon 
früher  römisches  Mauerwerk  und  ein  Gemach  mit  römischem  Estrich  gefunden 
hat.  Es  war  daselbst  sicher  eine  römische  Niederlassung;  auf  einem  frisch 
geackerten  Felde,  das  ich  kürzlich  durchging,  sah  ich  eine  Menge  römischer 
Ziegelreste  zerstreut^). 

>)  Vergl.  die  geogr.-hist.  Untersuchung  v.  Gymn.-0.-L.  Seul  zum  Goblenzer 
Progr.  1840,  wo  Kais ch  als  eine  Zusanmienziehong  des  Namens  Galigola  ge* 
deutet  wird,  welcher  in  dieser  (}egrend,  in  vico  ambitirvio,  geboren  sein  soll. 
Genf.  Sneton.  vita  Galig.  8,  J.  Fr, 


310  Miscellen. 

Es  ist  daher  wohl  kein  Zweifel,  dass  dieses  Gefass  römischen  oder  gallo- 
romanischen  Orsprangs  ist.  —  Dasselbe  ist  für  unsere  Vereinssammlung  yon 
Alterthümern  erworben  worden. 


14.  Von  der  Ahr.  Römische  Alterthümer  wurden  im  Nov.  v.  J.  in  der 
Nähe  des  Appolinarisbronnen  bei  »Ausg^rabuDgen  zu  Neubauten  ca.  14  F.  tief 
unter  der  Oberfläche  gefanden,  worunter  auch  Thon-  und  Glasgeföss  und  gut 
erhaltene  röm.  Münzen  von  E.  Yalerianus  (253^260)  und  Caes.  Saloninus  Yaleria- 
nus.  Dieses  erinnert  an  interessante  Ausgrabungen,  welche  im  J.  1853  bei  An. 
läge  dee  Abflussg^rabens  für  den  Apollinarisbrunnen  gemacht  wurden.  Damals 
machte  man  die  ESntdeckung,  dass  in  einer  Tiefe  von  ebenfalls  14  F.  ganze 
Reihen  regelmässig  gepflanzter  Weinstöcke  in  der  Erde  standen.  Hieraus  lässt 
sich  ein  Schluss  auf  das  Alter  des  Weinbaues  in  unserm  Thale  machen. 

(Köln.  Ztg.) 


16.  Bonn.  Herr  Dr.  Decker,  Gymnasial-Lehrer  in  Neuss  theilte  dem 
Unterzeichneten  bereits  im  vorigen  Jahre  folgende  räthselhafbe  Inschrift  mit, 
welche   sich  um  den  Hals  eines  Saljsfläschchens  aus  weisslichem  Thon  hinzieht: 

OAil  •  SVNXAt^lS     illRIINDAS    IIICIT- 
CLAVDIVS-  VICTORINVS 

Die  Buchstaben  bilden  eine  Art  von  Gurrendschrifb;  dem  A  fehlt  der 
Verbindungsstrich,  £  wird  durch  zwei  Vertikalstriche  bezeichnet,  F  durch  das 
Spiritus  asper  zur  Seite  ober  dem  Vertikalstrich,  das  L  bildet  einen  stumpfen 
Winkel,  endlich  schlängelt  sich  das  S  nach  oben  und  unten  über  die  Linie  hin- 
aus. Damach  wäre  die  Umschrift  zu  lesen: 

DAE  •  S  VNXALIS  •  FERENDAS  FECIT  •  CLAVDIVS  •  VICTORINVS. 

Beim  ersteig  Anblick  der  seltsamen  Aufschrift  denkt  wohl  mancher  un. 
willkürlich  an  die  jüngst  bekannt  gewordene  Göttin  Unuxalla  oder  Sanuxsalis 
auf  2  in  unseren  Jahrb.  publizirten  Weihinschriften  (H.  XII.  S.  45  und  XXV. 
S.  18  ff.)*  ^^^  BO  theilt  mir  denn  auch  mein  geschätzter  Freund  Prof.  Düntzer, 
indem  er  von  der  Voraussetzung  ausging,  das  S  hinter  DAE  diene  bloss  zur 
Interpunction,  die  Vermuthung  mit,  es  sei  zu  lesen:  D(e)ae  Unxali  ferenda  fecit 
Cl.  Vict.  Jedoch  abgesehen  davon,  dass  man  auf  einem  Salbentöpfchen  nicht 
leicht  eine  Widmung  an  eine  Göttin  erwarten  dürfte^  ist  die  Annahme  des  S 
als  eines  Interpunctionszeichens  nur  nach  dem  3.  Buchstaben  zutreffend,  nicht 
aber  für  das  in  den  2  folgenden  Worten  wiederkehrende  S.  Mehr  dürfte  sich 
eine  andere  Vermuthung,  für  welche  sich  auch  mein  geehrter  Freund  Prof. 
Becker  in  Frankfurt  ausgesprochen  hat,  empfehlen,  dass  in  dem  1.  Worte  DA 
die  Sigle  für  ein  Gewicht  stecke  (etwa  drachma?)  und  dass  die  beiden  Striche 
II  nicht  =  E,  sondern  das  Zahlzeichen  für  duo  oder  duas,  endlich  S  =  semis 
sei.    Das  W.  Unxalis  müsste  man  als  Genitiv  eines  freilich  sonst  nicht  vor- 


MisoeUen.  811 

kommenden  Wortes  unzale  nehmen  =s  unguentum.  Ferendas  könnte,  wenn 
man  es  mit  der  Grammatik  nicht  allzu  genau  zu  nehmen  brauchte,  das  Fasseni 
Enthalten  des  Gewichtes  bedeuten.  Der  Sinn  wäre  demnach:  Gl.  Vict.  machte 
(solche  Salbtöpfchen  =  ollulas),  welche  2Vs  (Loth  oder  Quentchen??)  Salbe  fas- 
sen können.  Wir  geben  diesen  Vorschlag,  nicht  als  ob  ^ir  ihn  für  richtig  hiel- 
ten, sondern  um  Kenner  der  Epigraphik  zu  veranlassen,  ihren  Scharfsinn  an 
der  Lösung  der  jedenfalls  interessanten  Umschrift  zu  versuchen  ^). 

2.  Hr.  Decker  hat  mir  ausserdem  eine  Anzahl  von  Namensstempeln  auf 
Terrakotten  mitgetheilt,  die  grosaentheils  in  der  auf  dem  Rathhause  zu  Neuss 
befindlichen  Sammlung  von  Alterthümern  aufbewahrt  werden. 

Mit  Uebergehung  der  bekannten  Stempel  hebe  ich  hervor:  1.  CAGIVS, 
am  untern  Rande  eines  Erügleins,  wohl  =:  CAIVS  (Fröhn.  521  ff.);  2.  MAR- 
NVS,  =^  Marinus  (?).  Fröhn.  1480;  8)  IMANVS,  auf  einer  Schaale  (Fröhn. 
1187  aus  Windisch);  4)  OPISO  FEC.  (Fröhn.  1739  aus  Dormagen);  6) 
AAAA^IS  F  (Fröhn.  78  Amabilis;  79  Amadis);  6)  MOTVCVS  (fehlt  bei 
Fröhn.);  7.  AVCVSTINVS  F  (Fröhn.  235  fg.);  8)  ORIBOS  (vgl.  Kamp, 
die  epigrapb.  Anticaglien  in  Cöln.  Nr.  49  Daibo?  9)  OFISOFFC.  scheint 
nach  Nr.  4  zu  verbessern;  10)  OFMVS,  2  mal,  wohl  =  MVSa,  Fröhn.  1655; 
11)  MONIM,  vgl.  Fröhn.  1616,  Monim;  12)  lASSVS    (Fröhn.  117*  fg.);   13) 

SATVRNVS   (Fröhn.  1885).    -^  Die  weiteren  dankenswerthen  Mittheilungen 

des  Hm.  Dr.  Decker  über  Legionsstempel,  so  wie  die  Aufschriften  vonTrinkg^- 
fassen  von  schwarzem  Thon  finden  sich  schon  bei  Bramb.  G.  I.  Bh.  262  ff. 

J.  Freudenberg. 


16.  Bonn.  In  dem  mir  eben  zugegangenen  »Zwölften  Bericht  des 
antiquar.-hist.  Vereins  für  Nahe  und  Hunsrnoken  zu  Kreuznach« 
im  Sommer  1873,  findet  sich  unter  Nr.  III  ein  beachtenswerther  Vorschlag,  der 
Beschreibung  von  Alterthümern  Abbildungen  beizufügen,  von  dem  um  die  För- 
derung dieses  seit  17  Jahren  erfolgreich  tbätigen  Vereins  sehr  verdienten  Ar- 
chitekten Hrn.  P.Engel  mann.  Er  empfiehlt  nämlich,  ausser  Abbildungen  nach 
der  Natur  oder  nach  vorgenommenen  Messungen,  besonders  den  Abklatsch  der 
mit  autographischer  Tinte  gefertigten  Zeichnungen  auf  Stein  und  den  leicht  zu 
bewerkstelligenden  Ueberdruck  derselben  als  ein  treffliches  Mittel,  um  ein  kla- 
reres Bild  der  beschriebenen  Gegenstände  hervorzubringen  und  das  genauere 
Studium   derselben   zu   ermöglichen.    Als  Beispiel  und  als  Erläuterung  dieses 


')  Das  Salbentöpfchen,  dessen  Zusendung  zum  Behufe  des  Ankaufs  wir 
von  dem  Besitzer  wiederholt  erbeten  hatten,  ist  jetzt,  sicherm  Vernehmen  nach, 
in  das  Museum  der  Alterthümer  in  Berlin  gelaii^. 


812  Misoellen. 

Vorsohlagas  gibt  er  auf  Tafel  I  nach  diesem  Verfahren  Abbildangen  von  Töpfer- 
jiameii  aaf  yersohiedenen  Gefassen,  Grablampen,  Legionsstempeln  auf  Ziogebd 
etc.,  woran  wir  einige  Bemerkungen  knüpfen  wollen.,  Ueber  das  gestrichene  D. 

in  Fig.  6  MED B IC  *  FE  ist  ausser  dem  Ciiat  in  Bonn.  Jahrb.  49  (nicht  59) 
p.  157  wegen  des  N&heren  auf  J.  Becker  die  inschriftlichen  Ueberreste  der 
kalt.  Sprache  S.  207  ff.  (in  den  Beitragen  zur  vergl.  Sprachforschung  auf  d. 
Gebiete  d.  arischen,  kelt.  u.  slav.  Sprachen.  Von  A.  Kuhn  u.  A.  Schleicher.  Bd. 
III,  2  ff.  Berl.  1865)  zu  verweisen.  —  Was  das  doppelte  W  des  Namens  in 
Fig.  28  betrifft,  so  ist  dasselbe  nicht  als  ein  W,  sondern  unzweifelhaft  als  eine 
Ligirung  von  N  und  Y  anzusehen,  womach  sich  mit  Hinzufügung  des  ausge- 
fallenen I  der  bekannte  Töpfemame  lANVARIVS  ergibt.  Wenn  Hr.  Engel- 
mann zu  Fig.  40  OFFVRSI  gegen  die  von  mir  (Bonn.  Jahrb.  41  p.  180)  ge- 
gebene Deutung   des  Stempels  eines   bei  Bonn   gefundenen   L&mpchens   OVR 

als  Ofßcina  URsi   das  Bedenken   geltend  macht,    dass  auf  keiner  der  in  der 

Erenznacher  Sammlung  befindlichen  Grablampen  sich  bei  dem  Töpferstempel 
die  Bezeichnung  Offioina  finde  und  bei  einigen  nur  jF  s=  Fecit  beigefügt  sei ; 
so  mag  zur  Hebung  dieses  Zweifels  die  Verweisung  auf  das  röm.  Antiquarium 
von  PhiL  Houben  in  Xanten,  von  Prof.  Fiedler  S.  53  genügen,  wo  es  ausdrück- 
lich heisst:  »auf  den  bei  Xanten  gefundenen  Lampen  findet  man  häufig  die 
Namen  FORTIS,  GARPI  etc.  OF ;  sUtt  des  gewöhnlichen  OF  steht  auch  F,  das 
entweder  figulus  (Töpfer)  oder  fecit  bedeutet,  wofür  auch  bisweilen  F£G  ge- 
schrieben istc.  Uebrigens  ist  die  sorgfältige  Facsimilirung  dieser  Inschriften,  unter 
denen  mehrere  bisher  nicht  bekannte  sich  finden,  recht  dankenswerth.    Hierher 

gehören  Fig.  5  CORSO  FEC,  Fig.  10  AViZiNI^  Fig.  12  lOLVNTOS- 
SVS,  Fig.  16  IIIPIDVS  (Lepidus),  Fig.  17  OFLVCIEVS  (vgl.  Fröhu^r 
Insor.  terrae  coctae  Vasor.  Götting.  185S)  n.  1365  ff,  Fig.  21  OAIO  (Dato?), 
Fig.  29  CAVNI,  Figur  32  FASTVI  «Fabrica  ASTVI  (vgl.  Frohner  1.  c. 
n.    165),   Fig.  33   oFRilS  (Res.   cf.   Fröhn.  n.  1772),  der  Name  im  Nominativ 

nach  OF  auch  Fröhn.  Nr.  731.  Bemerkensweith  ist  noch  Fig.  18  OFFEICIS 
s  Officina  Felicis,  vergl.  Fröhn.  1081. 

Fig.  30  AT/VSAF  ist  wahrscheinlich  ATTVSA   «u  lesen,  vgl.  Froh- 
ner l.  c.  212.   —   Von  Fig.  37  weiss  ich  die  2  ersten  Buchstaben   P I  nicht  zu 

entr&thseln,  wenn  nicht  der  Vor-  und  Gentilname  darin  steckt,  wie  Fröhn.  196 
C.  ATISIV8  8ABINV8,  ebenda  207  P  •  ATTI,  248  P  •  S  •  AVIT;  der  folgende 
Namen,     dessen   drei   erste   Buchstaben   umgekehrt    stehen,     ist   zweifelsohne 

ATTONIb,  eine  in  Nymwegen,  Bottweil  und  Rheinzabern  vorkommende 
Töpferfirma. 

In  Nr.  y  das  Mithrasdenkmal  bei  Schwarzerden  betreffend 
berichtigt  Hr.  Engelmann  wiederholt   (s.  d.  11  Jahresber.   p.  35  ff.)  die  stets 


Miscellen.  313 

wieder  auftauchende  irrige  Meinung,  indem  das  von  Schöpflin  in  seiner  Alsatia 
illustrata  beschriebene  und  abgebildete  Mithrasdenkmal  nicht  im  Elsass  (in  der 
alten  Grafschaft  Dachsburg),  sondern  beim  Dorfe  Schwarzerden  im  rhein- 
preuss.  Kreise  St.  Wendel  zu  suchen  sei.  Darnach  ist  denn  auch  Bramb.  G.  I. 
Rh.  p.  155^  wo  noch  ein  Dorf  Schwarzerden  im  Kreise  Simmem  mit  dem 
Mithrashild  erwähnt  wird^  zu  berichtigen.  Vgl  auch  dieses  Jahrb.:  »Schaaff- 
hausen,  Ein  römischer  Fund  in  Bandorf. c  p.  131.  —  Kr.  VI  enthält  einige  Berich' 
tigungen  und  Zusätze  zuBrambach  C.  I.  Rh.  p.  152  Kreuznach  und  p.  154  Bin- 
gerbrdck,  woraus  wir  erfahren,  dass  mehrere  Nummern  der  von  Bramb.  be- 
schriebenen Inschriftsteine,  welche  zur  Sammlung  des  Vereins  gehören  und  in 
einem  Raum  des  Stadthauses  aufbewahrt  worden,  nicht  mehr  Torhanden  sind. 
Es  sind  dies  Nr.  722-725.  726.  728.  729.  730  und  732.  —  Nr.  737—744  be- 
finden sich  mit  Ausnahme  von  740  gegenwärtig  in  der  Wohnung  des  Hm.  En- 
gelmann. Die  beiden  Inschrift  steine  Nr.  740  und  745,  die  bei  den  Erdabtragun- 
gen auf  dem  Bahnhof  zu  Bingerbrück  gefunden  und  von  Hm.  Engelmann  ab- 
gezeichnet wurden,  sind  wenige  Tage  darauf  verschwunden  und  später  in  einer 
benachbarten  Alterthumssammlung  wieder  aufgetaucht. 

Schliesslich  wünschen  wir  dem  Verein,  welcher  für  Sammlung  und  Er- 
forschung von  römischen  Alterthümern,  welche  grösstentheils  aus  den  Ruinen 
des  Römercastells  bei  Kreuznach,  der  sog.  Heideumauer  und  von  Bingerbrück 
herrühren,  im  Verhältniss  zu  den  geringen  Mitteln,  die  ihm  zu  Gebote  stehen, 
recht  Anerkennenswerthes  geleistet  hat,  auch  für  die  Zukunft  fröhliches  Ge- 
deihen und  wo  möglich  gesteigerte  Theilnahme. 

J.   Freudenberg. 

17.  Trier,  im  Sept.  Auf  dem  römischen  Begräbnissplatz  vor  dem  Rö- 
merthore,  in  der  Häuserreihe  links  von  der  Landstrasse,  wo  Herr  Eisenwerks- 
besitzer Laeis  eine  Villa  baut,  mit  deren  Fundamentirung  und  Unterkellerung 
man  jetzt  beschäftigt  ist,  wurden  viele  römische  Urnengräber  aufgedeckt. 
Die  Aschenkrüge  und  Urnen  waren  grässtentheils  ohne  besonderen  Schutz  neben- 
einander gestellt,  nur  einige  von  kastenförmig  zusammengestellten  Ziegeln  um- 
geben. Auf  einem  Flächenraume  von  36  Quadratruthen,  der  noch  nicht  ganz 
ausgeschachtet  ist,  wurden  bis  jetzt  über  130  Gegenstände  verschiedener  Art 
aufgedeckt.  Die  Mehrzahl  derselben  besteht  in  grösseren  und  kleineren  Aschen- 
Urnen  und  Krügen  von  fast  allen  üblichen  Formen  und  Bestandtheilen.  Die 
übrigen  Funde  sind:  einige  Schalen  von  terra  sigillata,  elfenbeinerne  Griffel, 
Salbenfläschchen  von  stark  oxidirtem  Glase,  irdene  Lämpchen,  eine  metallene 
Breche,  verschiedenfarbige,  zwei-  und  dreifach  zusammengelegte  Glasscherben, 
einige  Münzen,  darunter  ein  Kleinerz  von  Antoninus  Pius  etc.  Diese  kleineren 
Sachen  befanden  sich  meistens  in  den  grösseren  Urnen  bei  den  Knochenresten. 
Bei  diesen  reichlichen  Funden  ist  dort  bis  jetzt  noch  kein  einziger  Sarg  zu 
Tage  getreten.  Sämmtliche  Gegenstände  standen  in  fast  gleicher  Tiefe,  5  bis  6 
FuBs  unter  der  Oberfläche  auf  gewachsenem  Sandboden,  der  von  schwarzem 
Gartengmnde  bedeckt  ist. 


814  Miscellen. 

18.  Die  alte  Burg  in  Honnef.  In  Bezug  auf  die  bei  Erbauung  der 
Villa  S.  Exe.  dei  Herrn  Generals  von  Seydlitz  in  Honnef  aufgedeckten  und  in 
d.  Jahrb.  L  und  LI  p.  289  erwähnten  Mauerreste  theilt  mir  Herr  Archivrath 
L.  Eistester  in  Coblenz  folgende  Angabe  mit,  die  sich  mit  grösster  Wahrschein- 
lichkeit auf  diesen  Bau  bezieht  »Conrad,  Erzbischof  von  Köln  verglich  sich  am 
22.  Juni  1252  mit  Heinrich,  Herrn  von  Heinsberg,  auch  Herr  zu  Löwenburg, 
wegen  dessen  Einsetzung  in  die  Güter  seines  Mutterbruders  Heinrich,  Grafen 
von  Sayu  (Blankenberg,  Löwenburg  u.  s.  w.)  und  wegen  der  Feste  (munitio), 
welche  des  Erzbischofs  Ministerial  Heinricus  de  Hunefe  wider  den  Willen  des 
Herrn  von  Heinsberg  erbaut  hatte,  über  deren  Schicksal,  ob  sie  niederzulegen 
oder  bestehen  bleiben  soll,  Schiedsrichter  bestellt  wurden.  Die  Urkunde  ist  ge- 
druckt bei  Kremer,  Beiträge  zur  Jülich-Bergischen  Geschichte.  Bd.  1.  Buch  2. 
Die  von  Hunfe  oder  Hunephe  kommen  in  Documenten  des  Coblenzer  Archivs 
oft  vor:  1282  Wilhelmus,  1288  Wilhelmus  minist,  eccl.  Colon.,  1299  Wilhelmus 
minist.«  1299  Lambertus,  1300  Wilhelmus  minist.,  1817  HerLamberz,  1334  Hein- 
rich, Her  Wilhelmus  Marschaller  von  Huncf,  Sohn.  Sie  führen  ein  Wappen  mit 
schrägem  Balken,  auf  dem  3  Muscheln  sich  befinden,  welches  an  das  der  noch 
blühenden  Familie  von  Heddesdorf  erinnert,  welche  Marschälle  der  Grafschaft 
Wied  waren.« 

Schaaffhausen. 


19)  In  Coblenz  wurde  unter  dem  alten  Stadt-Brauhause  beim  Auswerfen 
eines  Kellers  das  Fundament  einer  11  F.  dicken  römischen  Mauer  gefunden, 
welche  Herr  Archivrath  Eltester  für  die  Umfassungsmauer  des  römischen  Ca- 
strums  hält,  das  an  seineu  vier  Ecken  runde  Thürme  hatte,  von  denen  Ueber- 
reste  noch  vorhanden  sind.  Etwa  7  F.  tiefer  als  diese  Mauerreste  und  ausser- 
halb derselben  wurden  menschliche  Gebeine  im  vulkanischen  Sande  unter  einer 
fast  steinharten  sogenannten  Briizschicht  gefunden.  Ueber  diesen  sehr  merkwür- 
digen Fund,  desseu  nähere  Umstände  ich  an  Ort  und  Stelle  auf  die  mir  durch 
Herrn  Geh.  Rath  Wogeier  zugegangene  Nachricht  noch  in  Erfahrung  bringen 
konnte,  habe  ich  in  der  zu  Wiesbaden  im  September  dieses  Jahres  abgj^haltenen 
Anthropologen- Versammlung  Bericht  erstattet. 

Schaaffhausen. 


20.  In  Folge  einer  auf  Antrag  der  deutschen  anthropologischen  Gesell- 
schaft an  die  Ortsbehörden  ergangenen  Weisung,  über  die  Auffindung  alter 
Denkmale  an  die  Mitglieder  der  von  der  genannten  Gesellschaft  gewählten  Com- 
mission  zu  berichten,  sind  mir  folgende  Mittheilungen  zugegangen: 

Aus  Pfalzfeld  schreibt  der  Bürgermeister  Müller,  dass  in  der  Nähe  von 
Lingerhahn  im  Felde  ein  aus  Bruch-  und  Ziegelsteinen  errichtetes  Gemäuer 
aufgedeckt  worden  ist,  welches  bisher  überackert  wurde.  Die  Platten  aus  ge- 
branntem Thou  sowie  Thonröhren  und  Reste  von  Asche  lassen  auf  eine  Heiz- 
vqrrichtung  eiuQs  römischen  Gebäudes  schliossen,  —  tierr  Oberförster  Schmitz  aus 


Miscellen.  815 

Malberg  bei  Kyllborg  macht  die  Anzeige,  dass  im  Districte  188*  des  Forstbe- 
laofed  Prüm,  etwa  '/s  Meter  unter  dem  Waldboden  auf  einem  Fclsenvoraprang 
am  Ufer  des  Prümflnsser  1  M.  dickes  aus  Mauersteinen  erbautes  Fundament 
entdeckt  worden  ist,  von  welchem  eine  Treppe  nach  unten  fuhrt.  Er  hält  es 
for  wünschenswerthy  weitere  Nachgrabungen  vorzunehmen.  —  Unter  dem  9.  März 
1873  zeigt  der  Eönigl.  Oberförster  Herr  Scheurer  aus  Nassau  an  der  Lahn  mir 
an,  dass  in  seinem  Verwaltungsbezirk,  in  den  Gemarktingen  der  Gemeinden 
Hunzel  und  Pohl,  l'/s  Stunde  von  Nassau  entfernt,  deutliche  Züge  von  Pfahl- 
gräben, und  in  der  Gemarkung  Holzhausen,  2V2  Stunde  von  Nassau,  die  Reste 
eines  Römorkastells  sich  vorfinden.  In  der  Entfernung  von  einigen  100  Schritten 
östlich  von  den  Pfahlgräben  zeigen  sich  viele  Grabhügel,  die  theils  in  unregel- 
massigen  Gruppen  theils  einzeln  vorkommen. 

Schaaffhausen. 


äl.  Antiker  Steinblock  in  Coblenz.  Tau  XVII,  Fig.  8.  In  Coblenz 
befindet  sich  an  einem  Pfeiler  des  Gymnasiums  nach  der  Südseite,  da  wo  jetzt 
die  Strasse  hindnrchführt,  ein  grosser  viereckiger  Steinblock  von  unbekannter 
Herkunft,  der  immer  an  dieser  Stelle  lag  und  schon  der  ehemals  auf  dem  Hofe 
spielenden  8chu]|jugend,  die  sich  um  ihn  herumtummelte,  zu  allen  möglichen 
Deutungen  Veranlassung  gab.  Am  häufigsten  ^oirde  er  als  ein  germanischer 
Opierstein  bezeichnet  und  die  gerade  laufende  Rinne  auf  seiner  Oberfläche  als 
Blutrinne  gedeutet.  Der  auf  Taf.XVII  Fig.  8  abgebildete  Steinblock  ist  3' hoch, 
oben  2 '  9 "  breit  und  2 '  6  "  tief,  unten  ist  er  3 '  2"  breit,  die  in  die  obere 
Seite  eingehauene  Rinne  ist  2^2  "  tief  und  5  "  breit.  An  der  hintern  Seite  hat 
derselbe  ein  rundes  8  "  tiefes  Loch,  welches  mit  punktirten  Linien  auf  der  Vor- 
derseite unseres  Bildes  bezeichnet  ist.  Die  Steinart  ist  ein  dunkelgrüner  Diorit, 
der  nach  Nöggerath  in  der  Nähe  des  Ehrenbreitsteiu  am  sogenannten  Nellen- 
köpfchen  gefunden  wird.  Ich  habe  mich  wiederholt  aber  vergeblich  bemüht, 
über  die  Geschichte'  dieses  Steines  etwas  Sicheres  zu  erfahren,  bis  mir  durch 
Herrn  Archivrath  Eltester  die  hier  folgenden  Mittheilungen  gemacht  wurden, 
die,  wie  ich  glaube,  eine  sehr  wahrscheinliche  Deutung  des  räthselhaflen  Stei- 
nes geben. 

Eltester  erinnert  sich,  von  dem  verstorbenen  Gymnasial-Director  Klein 
gehört  zu  haben,  der  Stein  stamme  aus  dem  Rheinbette  bei  Engers  und  habe 
der  dort  gestandenen  Römerbrücko  angehört  und  liege  seit  Erbauung  des  Gym- 
nasiums, gegen  Ende  des  17.  Jahrhunderts  an  der  jetzigen  Stelle.  Eltester 
schreibt:  »Der  Umstand,  dass  bei  der  EntdeckuDg  der  Reste  einer  Pfahlbrücke 
über  die  Mosel  im  Jahre  1864  ganz  ähnliche,  wenn  auch  kleinere,  nur  auf  einer 
oder  zwei  Seiten  behauene  Dioritquadem  zum  ^Vorschein  *  kamen,  bestimmte 
mich  zu  einer  genauen  Untersuchung  des  fraglichen  Blockes  und  bin  ich  nun 
der  Ueberzengung,  dass  er  auch  aus  der  Mosel,  und  zwar  wahrscheinlich  aus 
der  der  Stadt  zugekehrten  Seite  herstammt,  wo  gegen  Ende  des  17.  Jahrhun- 
derte Gorrectionsarbeiten  für  die  Schiffahrt  Statt  fanden   und  Funde  von  gro«- 


316  Miscellen. 

sen  Sieinen  gemacht  wurden.  Der  Siein  isi  offenbar  ein  Arohitekiur-Bruohsiäck, 
wie  anch  die  übrigen  in  der  Mosel  gefundenen.  Da  er  eine  keilförmige  Gestalt 
hat,  so  hielt  ihn  Baron  Loqueissy,  der  im  Auftrage  Napoleon's  III.  hier  die 
Frage  nach  der  Brücke  Cäsars  studirie,  für  den  Schlusssiein  eines  grossen 
Thors  oder  Triumphbogens  und  die  Rinne  in  der  schmalem  Seite  dazu  be- 
stimmt, den  Riegel  beim  Schliessen  des  aus  zwei  Flügeln  bestehenden  Thores 
aufzunehmen.  Indessen  sind  die  platten  und  unebenen  Seiten  des  Blockes  •*- 
man  müsste  denn  seine  Bearbeitung  für  unvollendet  halten  —  zu  einem  solchen 
Schlusssteine  nicht  passend.  Wohl  könnte  er  auch  als  ein  unvollendetes  Stück 
nur  zur  Belastung  der  Moselbrücke,  die  ja  unzweifelhaft  von  Holz  war,  gedient 
haben.  Ich  denke  mir  aber  seine  Benutzung  der  Art,  dass  er  in  derselben  Lage, 
wie  er  jetzt  liegt,  mit  der  breiten  Fläche  nach  unten  auf  der  Bohlenlage  der 
Brücke  so  aufgestellt  war,  dass  er  in  der  obcrn  Rinne  dem  Geländer  zur  Stütze 
diente  und  das  Loch  zur  Aufnahme  eines  Zwischenbalkens  diente.«  Noch  wahr- 
scheinlicher ist,  dass  der  schwere  Steinblock  nicht  auf  der  Brücke  selbst,  son- 
dern an  einem  Ende  derselben  auf  dem  Lande  in  der  bezeichneten  Weise  auf- 
gestellt war  und  dem  Geländer  einen  festen  Stützpunkt  gewährte.  Seine  rauhe 
Seite  war  nach  aussen  gekehrt.  Gegen  diese  Deutung  kann  man  aber  freilich 
einwenden,  dass  in  der  Rinne  jede  Spur  von  einer  Befestigung  des  Balkens 
durch  ein  Eisen  fehlt,  die  doch  nöthig  war,  und  dass  das  Loch  zum  Einlegen 
eines  Balkenkopfes  nach  innen  konisch  sich  verjüngt.  Die  Blöcke  desselben  Ma- 
terials, die  man  bei  der  Pfahlbrüoke  fand,  massen  bis  2 '  im  Quadrat  und  waren 
nur  auf  einer  oder  zwei  Seiten  glatt  behauen,  sie  dienten  unzweifelhaft  zur  Be- 
kleidung von  grossen  Mauerflächen.'  Diese  Steine  wurden  leider  nicht  aufbe- 
wahrt, sondern  versteigert.  Ein  Steinmetz,  der  sie  kaufte,  erzählte  später,  dasa 
der  Stein  so  hart  sei,  dass  er  nichts  mit  ihnen  anzufangen  wisse  und  sie  nur 
zu  Treppenstufen  verwenden  könne. 

Schaaffhausen. 


22.  Germanische  Gräber  im  Elsass.  Die  Zeitungen  berichteten 
gegen  Ende  vorigen  Jahres,  dass  in  dem  eine  Stunde  von  Hagenau  entfernten 
Orte  Hardthansen  alte  Grabstätten  aufgefunden  seien.  Mitten  unter  den  gerin- 
geren Gräbern  fand  man  ein  solches,  das  wahrscheinlich  einem  vornehmen 
Manne  angehörte.  Die  Bestattung  war  eigenthümlich.  Der  Kopf  hatte  eine  Un- 
terlage von  Rinde,  während  unter  der  Schulter  und  über  der  Brust  Bretter  ein- 
gezwängt waren,  zwischen  denen  das  Skelet  mit  Schmuck  aller  Art  überladen 
geschützt  da  lag.  An  dem  Halse,  den  Handgelenken,  den  beiden  Schenkeln  und 
unten  am  Fusse  trug  es  Riuge  und  Spangen.  In  nächster  Nähe  des  Schädels 
lagen  viele  Haften  und  Nadeln,  mit  denen  jedenfalls  das  Haupthaar  verziert  war. 
Auf  der  Brust  lag  eine  verzierte  ovale  Platte  von  Kupfer,  welche  mit  gut  er- 
haltenen Haselnüssen  bedeckt  war.  Zwischen  den  Zähnen  des  Skeletes  waren 
zwei  Haselnüsse  eingepresst. 

Schaaffhausen. 


%r 


Miscellen.  317 

28.  Aus  Dablen  im  Kreise  Gladbach  gelangte  folgende  Zuschrift  des 
Herrn  F.  Schalte  vom  7.  Jan.  1878  an  den  Vorstand  des  Vereins:  »An  der 
Grenae  unserer  Gemeinde,  auf  Hardt  zu,  befindet  sich  eine  Menge  von  Hügeln, 
die  unter  dem  Kamen:  »Hunshügelc  bekannt  sind.  Sie  liegen  meist  links  von 
der  nach  Hardt  führenden  Chaussee  in  Fichtenwäldern  und  sind  in  letzter  Zeit 
häufig  das  Ziel  von  Nachgrabungen  gewesen.  Die  Hügel  bestehen  aus  ange- 
schütteter Erde,  sind  rund  und  von  verschiedener  Höhe  und  Ausdehnung  und 
bergen  im  Mittelpunkte  eine  Urne.  Die  Urnen  aus  gebranntem  Thon  werden 
erst  an  der  Luft  wieder  hart»  sie  sind  hell  oder  dunkelbraun,  über  den  Kno- 
chenresten, die  sie  enthalten,  liegt  Erde  mit  Holzasche  und  Holzkohlen  unter* 
mischt.  Bei  einigen  kommt  eine  Verzierung  von  sich  schräge  kreuzenden  Stri- 
chen vor.  Auch  sind  einige  Becher,  von  der  gewöhnlichen  Form  unserer  Ober- 
tassen mit  Henkel  gefunden.  Nur  bei  einer  Urne  fanden  sich  die  folgenden  Zei- 
chen auf  der  Aussenseite:  IXXXJ.  Andere  Sachen  sind  bisher  nicht  gefun- 
den worden.«  Diese  germanischen  Grabhügel  schliessen  sich  den  zahlreichen 
Todtenfeldem  an,  die  von  Siegbnrg  an  auf  der  rechten  Rbeinseite  stromabwärts 
sich  verbreiten,  und  ist  eine  aufmerksame  Durchsuchung  der  Hügel  selbst  so- 
wie des  Inhalts  der  Urnen  wünschenswerth. 

Schaaffhausen. 


24.  Bonn.  Eine  Abraxas-Plombe.  Taf.  XVII,  Fig.  7.  Ich  bin  im 
Besitze  einer  antiken  Plombe,  welche  obgleich  stark  verwittert  dennoch  deut- 
lich  erkennbar,    auf  der   einen  Seite    das  Abraxas-Bild,    mit   der  Unterschrift 

I  A  (0,  auf  der  andern  die  Inschrift 

ABPA 
CAX 

zeigt 

Ueber  das  bekannte  Abraxas-Bild  und  die  Inschriften  auf  Gemmen  ist 
sehr  viel  geschrieben;  am  übersichtlichsten  findet  man  den  Gegenstand  in:  Joh. 
Joach.  Bellermann's  Festschriften  des  BerL-KöUnischen  Gymn.  1817  und  1818 
behandelt.  Nach  ihm  gehören  die  Abraxas-Gemmen  der  christlich-gnos tischen 
Sede  der  Basilianer  an  und  sollen  eine  bestinmite  Idee,  ^e  Idee  des  Urwesens 
Gottes,  darstellen. 

Zur  Erklärung  des  Abraxas-Bildes  zerlegt  Bellermann  dasselbe  in  seine 
einzelnen  Theile:  den  menschlichen  Rumpf,  den  Hahnenkopf,  die  beiden  Schlan- 
gen, welche  an  die  Stelle  der  Beine  treten,  und  die  Symbole  in  den  Händen: 
die  Peitsche  und  den  Kreis  oder  Kranz  (letzterer  ist  auf  unserer  Plombe  nicht 
zu  erkennen). 

Den  menschlichenRumpf  hat Basilides,  der  Gründer  derSecte  und,  so 
viel  man  weiss,  der  Erfinder  des  Abraxas,  dem  Bilde  seines  Urwesens  gegeben, 
weil  der  menschliche  Körper  der  edelste  und  somit  zum  Bildnisse  des  Gottes 
der  würdigste  ist.  Er  verbindet  damit  die  fünf  zuerst  aus  Gott  hervortretenden 


818  Miscellen. 

Stammkrafte:  den  Hahnenkopf  als  Symbol  der  wachsamen  Vorsicht  oder  Vor- 
sehung («J^^o^ijcrf^),  die  geschwungene  Peitsche  als  Symbol  der  Macht  (^iW/iic)f 
den  Kranz  als  Sinnbild  der  ewigen  Weisheit  {Zoip(a)  und  als  Siegeszeichen^ 
endlich  die  Schlangen  als  Symbole  der  noch  fehlenden  zwei  Eigenschaften,  6e- 
müth,  ganzer  Sinn  (Novg)  und  Vernunft  {Aoyog),  Ia$  oder  lato  bedeutet  nach 
ihm  das  »Wesen  an  sich,  den  Namen  Gottest.  Den  Namen  Abraxas  fuhrt  er 
eines  Theils  auf  die  Zahl  365  zurück:  Ar3l  +  B  =  2  +  P»100  +  A:= 
14-2:  =  200  +  A=1  +  A  =  60,  Summa  365. 

Dann  erklärt  er  ihn  noch  alphabetisch  und  syllabisch-etymologisch,  was 
wir  hier  übergehen  müssen.  Hübsche  Abbildungen  von  Abraxas-Gemmen  findet 
man  auf  dem  Umschlage  von  Bellermann^s  Schrift,  und  in  Beger's  Thes.  Bran- 
denb.  S.  85.  Basilides  lebte  zu  Trajans  und  Hadrians  Zeiten.  Jedoch  hieraus  auf 
das  Alter  unserer  Plombe  schliessen  zu  wollen,  wäre  aber  sehr  kühn,  da  das 
Abraxas- Aild  von  vielen  magischen  und  alchymistischen  Secten  des  Mittelalters 
adoptirt  wurde,  und  man  aus  Gegenständen  mit  diesem  Symbol  in  jener  Zeit 
vielfach  Talismane  verfertigte.  Das  Vorkommen  des  römischen  X  in  der 
sonst  griechischen  Legende  lässt  mich  auf  das  10.  Jahrhundert  schliessen,  da 
auch  die  byzantinischen  Münzen  jener  Zeit  ein  buntes  Gemisch  von  römischen 

und  griechischen  Buchstaben  aufweisen  und  das   GJ,  im    Worte    laat    dieselbe 

Form  zeigt,  wie  das  Sl  auf  der  Münze  von  Romanus  II  959—963).  Doch  zeigt 
diese  Münze  das  lateinische  8,  während  unsere  Plombe  noch  das  griechische 
runde  Sigma  hat,  also  etwas  älter  sein  möchte. 

F.  van  Vleuten. 


25.  Bonn.  Amulet  mit  griech.  Inschrift.  S.  Tafel  XVD;  Fig.  8. 
Unter  anderen  römischen  Münzen  gelangte  vor  kurzem  ein  später  überarbeitetes 
Mittelerz  in  meinem  Besitz,  dessen  Deutung  mir  bis  jetzt  nicht  gelungen.  Es 
möge  hier  eine  kurze  Beschreibung  finden,  um  Fachmänner  zu  veranlassen,  ihre 
Ansicht  über  dasselbe  gütigst  mitzutheilen. 

Auf  der  Münze  zeigen  sich  auf  der  einen  Seite  sehr  schwache  Spuren 
eines  Kopfes,  auf  der  andern  ist  eine  längliche  Erhöhung,  welche  von  einer  der 
gewöhnlichen  Revers-Figuren  (Aequitas,  Virtus  oder  dgl.)  herstammen  könnte. 
Es  scheint  der  Grösse  und  dem  ganzen  Eindrucke  nach  ein  sehr  stark  abge- 
nutztes Mittelerz  von  Vespasian  oder  Domitian  zu  sein.  Von  grosser  Schärfe 
sind  dagegen  die  später,  aber  jedenfalls  noch  im  Alterthum  eingeschnittenen 
Buchstaben  der  einen  und  der  gleichfalls  eingeschnittene  schematisch  behan- 
delte Tannenbaum  oder  Tannenzweig  der  andern  Seite.    Die  Inschrift  laut-et: 

<DYAA 
€3TI 

Es  liegt  die  Vermuthung  nahe,  dass  wir  es  mit  einem  Amulet  oder  der- 
gleichen zu  thun  haben,  welches  aus  einer  durch  den  Verkehr  fast  unkenntlich 
gewordenen  Münze  hergestellt  wurde. 

Ob  das  'PvXa    sich'  auf  4>vXdaauß  erhalten,    beschützen  oder  4nfX^  Zunft 


Miscellen.  819 

Stamm,  oder  auf  ein  anderes  Wort  zurückfuhren  lasse,  mögen. Andere  entschei- 
den, zugleich  aber  bedenken,  dass  das  Amulet  wahrscheinlioh  aus  dem  IV.  Jahrh, 
oder  noch  sp&terer  Zeit  stammt,  einer  Zeit,  wo  das  Griechische,  wie  einge- 
kratzte Inschriften  in  den  Catakomben  daHhun,  oft  recht  sonderbar  verstüm- 
melt wurde. 

F.  van  Vleuten. 


26.  Bonn.  Bö  mische  Grabfunde  in  Bonn.  Im  Februar  d.  J.  wurde 
mir  mitgetheilt,  dass  in  einer  Kiesgrube  vor  dem  Cölnthore  antike  Gegenstände 
aufgefunden  worden ;  sofort  begab  ich  mich  zu  dem  mir  bekannten  Eigenthümer 
des  Grundstückes,  um  dieselben  zu  erwerben,  kam  jedoch  zu  spät,  denn  die 
besseren  Stücke  waren  schon  in  andere  Hände  übergegangen.  Etwa  14  Tage 
später  fanden  sich  an  selber  Stelle  wiederum  einige  Anticaglien,  welche  ich  er- 
warb. Ausser  gewöhnlichen  Töpferwaaren  waren  dort  ein  Gefass  von  blauem 
Glas,  ein  Schloss  mit  Schlüssel  und  ein  Gegenstand  von  Erz,  dessen  Bedeutung 
mir  noch  nicht  ganz  klar  geworden. 

Das  Glas  war  von  tief  dunkelblauer  Farbe,  der  Henkel,  sowie  ein  schma- 

• 

1er  Bing  am  obem  Halsende  und  ein  breiterer  am  Fusse,  sowie  ein  feiner  Glas- 
faden, welcher  als  Verzierung  den  Hals  umschlang,  war  heller  türkisgrün  ge- 
färbt. Die  Höhe  betrug  12  G.  In  der  Gestalt  ähnelt  das  Glas  genau  den  Essig- 
fläschchen,  welche  man  so  häufig  in  hölzernen  Einsätzen  sieht.  Die  ganze  Arbeit 
war  zierlich  und  das  Fläschchen,  mit  Ausnahme  eines  Sprunges  im  Bauchtheile, 
gnt  erhalten. 

Das  Schloss  war  insofern,  interessant,  als  sich  noch  eine  kleine  quadra- 
tische Platte  an  demselben  vorfand,  welche  an  dem  Kistchen,  an  dem  das  Schloss 
angebracht  war,  den  äusseren  verzierenden  Beschlag  bildet.  Die  Platte  war  an 
den  Seiten  durchbrochen  gearbeitet;  man  sah  an  derselben  noch  deutlich  den 
Umkreis,  welchen  der  Bing  des  Schlüssels  durch  den  langen  Gebrauch  einge- 
schliffen  hatte. 

Das  dritte  Stück  bestand  aus  mehreren  Theilen,  nämlich  einem  grossem 
Hauptstück,  und  mehreren  Gliedern  einer  Kette.  Erstercs  gleicht  einer  soge- 
nannten Bulle,  ist  annähernd  herzförmig  gestaltet,  d.  h.  oben  weiter  und  nach 
unten  spitz  zulaufend,  der  Höhendurchmesser  ist  etwa  8  Gm.,  der  Dickendnrch- 
messer  etwa  die  Hälfte.  Die  vordere  Seite  bildet  den  Deckel,  welcher  durch  ein 
Charnier  sich  öffnen  und  schliessen  lässt.  Die  übrigen  Theile  sind  etwa  8  Cm. 
lang  und  durch  ein  einfaches  Charnier  verbunden,  so  dass  sie  eine  Gliederkette 
bilden.  Sofort  kam  mir  der  Gedanken,  es  möchte  vielleicht  ein  Armband  sein, 
allein  es  ergab  sich  bei  einer  provisorischen  Zusammensetzung,  dass  der  Üm- 
Tang  der  Kette  für  ein  Handgelenk  zu  weit  ist,  am  Oberarm  würde  es  vielleicht 
passen.  Dann  sind  aber  auch  die  einzelnen  Glieder  so  gross,  dass  die  Kette  in 
Folge  dessen  sich  nicht  anschmiegen  kann  und  also  dei\  Zweck  als  Armband 
schlecht  vertreten  würde. 

Da  diese  drei  Stücke  dicht  beisammen  lagen,  vormuthe  ich,  dass  das 
Fläsohchen  mit  dem  letztem  in  einer  hölzernen  Cassette  aufbewahrt  wurde,   zu 


820  Miscellen. 

welcher  das  Schloss  sowie  der  Schlassel  gehörten.  Wahrscheinlich  stammen  sie 
sammtlich  aus  dem  Boudoir  einer  Römerin  und  diente  das  Glas  zur  Aufnahme 
wohlriechender  Oele  oder  Essenzen  und  Nr.  !2  zur  Aufbewahrung  von  Salbe 
oder  irgend  eines  wohlriechenden  Gegenstandes.  Ueber  letzteres  wird  jedoch 
später  noch  weiter  abgehandelt  werden. 

Einige  Zeit  später  fanden  sich  an  derselben  Stelle  wiederum  zahli*eiche 
römische  Anticaglien,  meistens  von  gewöhnlichem  Thon  und  werthlos,  Erwäh- 
nung verdient  ein  grosser  zweihenkcliger  Krug  von  rothem  Thon  nebst  dazu 
gehöriger  Unterschale.  Das  Gefass  ist  sehr  dickbauchig  und  verengt  sich  am 
Halse,  so  dass  die  Weite  desselben  kaum  einen  Zoll  beträgt,  während  es  im  . 
grössten  Dickendurchmesser  fast  IV2'  hat,  die  Höhe  ist  etwas  über  2*, 

Das  werthvoUste  Stück  des  ganzen  Fundes  war  ein  schwarzes  Trink- 
gefäss,  mit  weisser  und  gelber  Aufschrift  und  Verzierung.  Sowohl  was  Erhal- 
tung, wie  Schönheit  und  Seltenheit  der  Verzierung  und  Aufschrift  anbelangt, 
ist  dasselbe  bemerkenswerth.  Es  rangirt  in  die  Reihe  derjenigen  Gefasse,  deren 
Herr  Herstatt  in  Cöln  eine  unübertroffene  Sammlung  besitzt,  und  welche  zur 
Zeit  der  Römer  vorzüglich  hier  am  Rheine  verfertigt  wurden.  Da  ich  beab- 
sichtige nächstens   die  in  letzter  Zeit  hier  gefundenen  Inschriftgefasse   näher  zu 

besprechen,   erwähne  ich  nur  noch,   dass  das  Gefäss  die  Aufschrift    AQVAM 

SP  ARGE   hatte  und  dass  es  in  die  Sammlung  des  Herrn  Herstatt  gelangt  ist. 

Femer  fand  sich  noch  ein  schöner  Becher  von  mattem  Glas,  in  welches 
eine  einfache  Strichverzierung  eingekratzt  war.  Leider  war  das  seltene  Gefäss 
beim  Auffinden  an  einer  Seite  durch  einen  ziemlichen  Sprung  beschädigt;  das- 
selbe kam  in  Besitz  unseres  Vereines. 

Fast  zur  selben  Zeit  wurden  im  Rheindorfer  Felde  beim  Lehmstechen 
eine  Anzahl  römischer  Gkfässe,  Ziegeln  etc.  aufgefunden.  Bemerkenswerth  waren 

ein  leider  ganz  zerbrochenes  Gefass  mit  der  Aufschrift    VT|    *   FR  VI     und 

zwei  Tellerohen  von  weissem  Thon,  über  welchen  jedoch  eine  grün  glasirte 
Schicht  aufgetragen  war.  Ich  kam  selbst  hinzu,  wie  die  betreffenden  Stücke 
ausgegraben  wurden  und  habe  sie  eigenhändig  gereinigt,  so  dass  mir  an  der 
Aechtheit  dieser  Tellerchen  nicht  der  mindeste  Zweifel  aufkam.  Eines  derselben 
zeigte  auf  der  obem  Fläche  eine  einfache  Arabeskenverzierung,  auf  dem  andern 
war  die  grüne  Glasur  zum  grössten  Theil  abgesprungen,  so  dass  sich  nicht  mehr 
entscheiden  liess,  ob  es  auch  verziert  gewesen.  Da  die  Aechtheit  dieser  flachen 
Tellerchen  mehrfach  von  Archäologen  angezweifelt  worden  ist,  Hess  ich  eine  ge- 
naue Aquarellskizze  von  denselben  anfertigen  und  schickte  dieselbe  an  den 
Gustos  am  Brittischen  Museum,  Herrn  Franks,  den  man  mir  als  einen  Kenner 
von  dergleichen  Sachen  gerühmt  hatte.  Herr  Franks  war  darauf  so  freundlich 
mir  mittheilen  zu  lassen,  dass  er  die  Tellerchen  ganz  entschieden  für  acht 
halte  und  dass  auch  das  brittische  Museum  eine  Anzahl  bunt  glasirter  Thonge- 
fässe  besitze,   welche  unzweifelhaft  römischen  Ursprungs  seien.    Die  Tellerchen 

wurden  für  das  Vereinsmuseum  erworben. 

Eine  reiche  Fundgrube   römischer  Alterthümer  fand  sich  ebenfalls  in  der 


Miscellen.  821 

N&he  des  Cölnthorea  vor  der  Stadt,  nicht  weit  von  der  Heerstrasse.  Leider 
wurden  bei  weitem  die  meisten  Gegenstande  theils  durch  das  Ungeschick  der 
Arbeiter,  theils  durch  die  Ungunst  der  örtlichen  Verhältnisse  zerbrochen  oder 
sonst  arg  beschädigt.  Von  Gläsern  fand  sich  eine  ziemlich  grosse  Zahl  vor  von 
mannigfachen  und  sogar  seltenen  Formen,  aber  nicht  ein  einsiges  erhielt  ich 
unversehrt,  die   meisten  waren   ganz  zertrümmert.     Auch  mehrere  Inschriflge- 

fasse   fanden  sich  an  dieser  Stelle,  eines  derselben  trug  die  Aufschrift  SITIO, 

das  andere   REPLE  ME.     Beide    waren     stark    beschädigt.     Das    schönste 

Fnndstück,  welches  leider  auch  ganz  zertrümmert  wurde,  war  eine  Arbeit  von 
getriebenem  Erz  und  von  grosser  Schönheit.  Der  Mittelpunkt  des  Erzbildes  — 
so  will  ich  es  vorab  nennen  —  wurde  durch  einen  weiblichen  Idealkopf  ge- 
bildet. Die  Züge  waren  von  jugendlicher  Schönheit,  das  Haar  hoch  frisirt  und 
um  dasselbe  ein  Lorbeerkranz  geschlungen.  Bechts  und  links  von  dem  Kopfe 
stand  je  ein  Genius,  welcher  das  Ende  einer  sich  über  den  Kopf  hinziehenden 
Guirlande  gefasst  hielt.  Der  Zwischenraum  war  mit  verschiedenen  Verzierungen 
ausgefällt.  Das  Ganze  war  auf  der  erhobenen  Seite  stark  versilbert,  so  dass 
jetzt  trotz  des  schöneji  Oxyds,  welcher  das  Bild  überzieht^  noch  reichliche  Spuren 
davon  vorhanden  sind. 

Es  ist  schwer  zu  entscheiden,  welchem  Zwecke  dieser  Gegenstand  gedient 
habe.  Wäre  die  Arbeit  weniger  schön  und  fein  ausgeführt,  so  könnte  man  an 
einen  Schildbeschlag  oder  etwas  ähnliches  denken,  allein  dazu  war  es  nicht 
kräftig  genug,  denn  der  geringste  Schlag  oder  Stoss  würde  es  unstreitig  zer- 
trümmert haben.  Ich  kann  mir  anders  keine  Bestimmung  denken,  als  dass  er 
eben  als  ein  Bildwerk  zum  Schmuck  eines  Zimmers  oder  einer  Halle  aufgestellt 
oder  aufgehängt  wurde.  Die  sämmtlichen  Stücke,  welche  von  unserm  Vereine 
erworben  wurden,  befinden  sich  augenblicklich  in  den  Händen  eines  geschickten 
Juweliers,  dem  es  hoffentlich  gelingen  wird,  dieselben  richtig  zusammenzufügen 
und  das  Fehlende  zu  ergänzen. 

Genau  an  derselben  Stelle  fand  man  mehrere  Bronceverzierungen,  welche 
als  Beschläge  einer  Kiste  gedient  zu  haben  scheinen,  sogar  die  Nägel  fanden 
sich  noch  vor  und  es  ist  deshalb  anzunehmen,  dass  das  broncene  Kunstwerk 
sich  in  einem  Kästchen  befand.  Das  Holz  verwitterte  natürlich  im  Verlauf  der 
Zeit  und  nur  das  dauerhafte  Erz  gelangte  in  unsern  Besitz. 

Ausserdem  wurden  noch  römische  Gräber  an  verschiedenen  Stellen  an 
der  Goblenzerstrasse  aufgedeckt,  auf  der  Sandkaule  und  an  der  Cölner  Chaussee 
weiter  entfernt  von  der  Stadt,  allein  theils  waren  die  Funde  so  unbedeutend,  so 
dass  es  sich  nicht  lohnt,  dieselben  näher  zu  besprechen;  theils  gelang  es  mir 
nicht.  Näheres  darüber  zu  erfahren  resp.  die  betreffenden  Fundstücke  zu  sehen. 

Schliesslich  erwähne  ich  noch,  dass  ein  schön  gearbeitetes  Glasgefass  bei 
einem  Neubau  auf  der  Goblenzerstrasse  aufgefunden  wurde  und  durch  meine 
Vermittlung  in  die  Vereinssammlung  gelangt  ist. 

Ueber  einen  hier  gemachten  Münzfund  habe  ich  an  einer  andern  Stelle 
des  Heftes  ausfuhrlich  abgehandelt.  Dr.  Cuny  Bouvier. 

21 


322  Miscellen. 

27.  Liuz.  Der  römische  Pfahlgraben  östlich  und  südöstlich 
von  Linz.  Als  in  der  Nähe  wohnendes  Mitglied  des  Vereins  von  Alterthams- 
freanden  im  Rheinlande  musste  ich  es  sozusagen  als  Ehrensache  betrachten,  die 
nach  den  Untersachnngen  des  Oberstlieutenants  F.  W.  Schmidt  (Annalen  des 
Vereins  für  Nassauische  Alterthumskunde  und  Geschichte  Band  VI  Heft  1,  1859, 
auch  in  besonderem  Abdruck  erschienen  Kreaznach,  in  Gommission  bei  B. 
Voigtländer,  1869),  des  Freiherrn  von  Hoiningen  gen.  Huene  und  des  Prof. 
Dr.  Schneider  (in  diesen  Jahrbüchern  XXXVDI  S.  171  ff.,  XLIX  S.  177  ff.)  noch 
nicht  näher  untersuchte  Strecke  des  limes  transrhenanus  zwischen  dem  Biegel- 
Steinsgraben  und  dem  Hönningerwalde  wo  möglich  genau  nachzuweisen.  Die 
hierauf  gerichteten  Bemühungen  sind  nicht  ohne  £rfolg  geblieben,  wenn  auch 
noch  nicht  zum  Abschluss  gediehen.  Gleichwohl  dürften  sich  die  von  den  beiden 
zuletzt  Genannten  hinsichtlich  der  Ruine  Renneberg,  beziehungsweise  des  Hom- 
bornerhofes,  als  Anschlusspunkt  für  die  noch  zu  untersuchende  Strecke  ausge- 
sprochenen Vermuthungen  schon  jetzt  als  auf  irrthümlichen  Auffassungen  be- 
ruhend erweisen,  die  gewonnenen  Ergebnisse  überhaupt  aber  so  sicher  sein  ' 
und  die  vorhandenen  Lücke  so  wesentlich  ausfüllen,  dass  eine  Mittheilung  der- 
selben an  dieser  Stelle  gerechtfertigt  erscheinen  möchte.  Das  Verdienst,  das 
Beste  hierbei  gethan  zu  haben,  gebührt  der  freundlichen  Mitwirkung  und  dem 
wissenschaftlichen  Sinne  des  terrainkundigen  Herrn  Oberförsters  Melsheimer 
hierselbst. 

Bei  unserm  ersten  Suchen  nach  dem  Pfahlgraben  im  Anfange  dieses  Som- 
mers (1873)  fiel  uns  eine  Stunde  östlich  von  Linz,  etwa  V4  Stunde  östlich  von 
dem  Linzer  Ronig  (Hof),  auf  dem  in  der  Gemeinde  Dattenberg  >im  Grindel c 
Flur  10  Parzelle  8  nördlich  des  Weges  gelegenen  Acker  des  Herrn  Otto  von 
Mengershausen  eine  lange  und  gerade,  in  der  Richtung  von  Südosten  nach 
Nordwesten  sich  erstreckende  wallartige  Erhöhung  auf,  längs  deren  Ostseite  sich 
eine  grabenartige  Vertiefung  hinzog.  Unsere  Vermuthung,  dass  wir  hier  Reste 
des  gesuchten  limes  vor  uns  hätten,  und  dass,  falls  diese  Vermuthung  richtig 
wäre,  wir  in  dem  nordwestlich  anstossenden  Dattenberger  Gemeindewalde  die 
Fortsetzung  desselben  finden  müssten,  bestätigte  sich  sofort;  nur  waren  in  dem 
Walde  Wall  und  Graben  viel  schöner,  d.  h.  höher  resp.  tiefer  erhalten.  Herr 
von  Mengershausen  hatte  nämlich  im  letzten  Jahre  den  bis  dahin  noch  zum 
Theil  mit  Holz  bewachsenen  Damm  umroden  lassen,  wobei  natürlich  behufs 
bequemeren  Ackerns  sowohl  Wall  als  Graben  bedeutend  waren  eingeebnet  wor- 
gcn.  Die  Fortsetzung  des  Grabens  in  dem  genannten  Gemeindewalde  läuft  in 
gerader  Richtung  in  eine  natürliche  Schlucht  aus,  die  in  das  Thal  des  Heid- 
scheidenbaches  mündet,  welcher  sich  bei  der  Stemerhütte  mit  dem  Rennenber- 
gcrbache  vereinigt  und  bei  Linz  in  den  Rhein  fallt.  Zwischen  beiden  Bächen 
liegt  der  über  1300 '  hohe  Hummelsberg.  Da  es  höchst  unwahrscheinlich  ist, 
dass  die  Römer  den  Pfahlgraben  über  letzteren^  oder  sogar  mit  sehr  bedeu- 
tender Ausbengung  östlich  von  demselben  sollten  gezogen  haben,  so  ist  die 
Vermuthung  des  Herrn  Melsheimer  sehr  wahrscheinlich,  dsss  dieselben  hier,  wie 
auch  sonst,    die  von    der  Natur    gegebenen  Vertiefungen  benutzend,    denselben 


Misoellen.  1323 

von  dem  obengenannten  Biegelsteinsgraben  ans  zuerst  die  Westseite  eines  Ne- 
benbächleins  des  Bennebergerbaches  und  darauf  den  letztern  selbst  entlang  bis 
zur  jetzigen  Stemeihütte,  dann  die  Südseite  des  Heidscheiderbaohes  entlang  bis 
zu  der  eben  erwähnten  Schlucht  und  Parzelle  8  geführt  haben.  Vielleicht  liegt 
in  der  Districtsbenennung  >am  Heidscheid«  (=  Grenze  gegen  die  Heiden  ?)  und 
dem  von  ihr  abgeleiteten  Namen  d§B  Baches  eine  Bestätigung  dieser  Yermu- 
thung,  sowie  auch  vielleicht  in  dem  Namen  der  etwa  20  Minuten  Östlich  von 
Parzelle  8  gelegenen  Basaltkuppe  »Römerickc  (=  Römerberg  oder  Romberg*)?) 
auf  der. Wasserscheide  zwischen  Rhein  und  Windbach  eine  Erinnerung  an  das 
weltbeherrschende  Volk  anklingt. 

Kehren  wir  zu  der  Parzelle  Nr.  8  zurück!  Hart  an  der  Südseite  des  süd- 
lich an  ihr  vorbeiführenden  Weges  war  genau  in  der  Richtung  des  Pfahlgra- 
bens noch  eine  dammartige  Erhöhung  bemerklich,  die  uns,  obschon  in  den 
südlich  vom  Wege  liegenden  Aeckern  und  Wiesen  sonst  jede  Spur  von  Wall 
und  Graben  verschwunden  war,  für  die  Fortsetzung  derselben  in  der  etwa  40 
Schritte  südlich  von  dem  genannten  Wege  entfernt  liegenden  Holzung  das  Beste 
hoffen  Hess.  Und  richtig:  Wir  visirten  die  gerade  Richtung  und  fanden  beide 
trefflich  erhalten  vor.  Sie  verlieren  sich  wieder  in  eine  Schlucht,  die  sich  bald 
zum  »Kimmelsthalec  erweitert,  dessen  Wasser  sich  mit  dem  Döttersbach  ver- 
einigt und  bei  Leubsdorf  den  Rhein  erreicht.  Herr  Melsheimer  ist  der  Ansicht, 
dass  der  Pfahlgrab^i  der  Westseite  desselben  in  südwestlicher  Richtung  bis 
zur  Yereinigung  mit  dem  von  Osten  aus  dem  »grossen  Loche  kommenden  Döt- 
tersbach und  dann  der  Südseite,  des  letzteren  nach  Osten  bis  zu  dem  Punkte ^« 
gefolgt  sei,  von  welchem  südlich  auf  der  Höhe  er  denselben  im  August  d.  J. 
wieder  aufgefunden  hat.  Die  Fundstelle  ist  gelegen  in  dem  Gemeindewalde  von 
Leubsdorf,  eine  Stunde  östlich  von  diesem  Dorfe  entfernt,  in  den  durch  einen 
Weg  getrennten  Districten  >  Wammelster c  Nr.  7  und  >am  neuen  Wege  Nr.  6. 
Der  Pfahlgrraben  wird  hier  sichtbar  an  dem  nördlichen  Abhänge  des  ersteren 
Districts  und  zieht  in  einer  Länge  von  etwa  40  Schritt  und  einnr  Höhe  von 
4  Fnss  bis  zur  Wegeanlage;  dann,  durch  diese  unterbrochen,  weiter  südlich 
bis  an  den  entgegengesetzten  Abhang  in  einer  Länge  von  30  Schritt  und  einer 
Höhe  von  3  Fuss.  Die  südliche  Abdachung  fällt  in  den  »tiefen  Seifen« ,  den  öst- 
lichsten Theil  des  Thaies  des  Ariendorf erbaches,  dessen  Nordseite  der  Pfahl - 
graben  eine  Strerke  weit  nach  Westen  gefolgt  sein  muss,  um  dann  nach  einer 
südöstlichen  Schwenkung  über  den  Gebirgsrücken  das  Thal  des  bei  Hönningen 
in  den  Rhein   mündenden  Moorbachs    zu  gewinnen.    Auf  diesem  Gebirgsrücken 


1)  In  »Romberge  fiel  zuerst  »bc  als  Opfer  der  vorwärts  wirkenden  Assi- 
milation, wie  aus  ursprünglichem  Einher  (Gegensatz  Zeuber,  Stamm  bar,  la- 
teinisch und  griechisch  fer)  zuerst  Eimber,  dann  Eimer  wurde.  Für  den 
üebergang  von  »ergt  in  »erichc  vgl.  Limperich,  entstanden  aus  Lindberg,  wel- 
ches noch  996  linberge,  1383  limperche  hiess,  oder  die  noch  heute  in  officiellen 
Verzeichnissen  für  ein  und  denselben  Ort  vorkommenden  Namensformen:  Hem- 
perich,  Himperich,  Himberich,  Himberg. 


B24  Misoellen. 

■ 

fand  Herr  Melsheimer  ebenfalls  im  August  d.  J.  ein  praohtvoll  erhaltenes  Stück 
des  Pfahlgrabens  in  der  Gemeinde  Hönningen,  >aaf  dem  Peuleiterc  Flur  15,  wo 
der  Kamm  desselben  in  einer  Länge  von  70  Schritt  bei  einer  Höhe  von  6  bis 
7  Fuss  in  der  Richtung  von  Norden  nach  Snden  die  Grense  bildet  swischen 
der  dem  Herrn  Jakob  Schoop  in  Hönningen  gehörigen  Waldparzelle  Nr.  288 
nnd  der  dem  Herrn  Goswin  Müller  in  I^nz  gehörigen  Waldparselle  Nr.  286. 
An  derselben  Nordseite  beider  Parzellen  vorbei  führt  ein  im  Walde  tief  ein- 
geschnittener Weg  westlich  in  25  Minuten  nach  dem  Hombomerhof  (wo  also 
kein  Pfahlgraben  zu  suchen  sein  wird)  und  von  letzterem  in  85  Minuten  nach 
Hönningen.  An  der  Nordseite  des  Hohlweges  ist  der  Pfahlgraben  nur  noch  in 
einer  Länge  von  16  Schritt  erhalten,  obschon  das  Terrain  bis  zur  Thalwand 
des  Ariendorf erbachcs  noch  eine  ziemliche  Strecke  weit  flach  ist.  Wahrschein- 
lich war  der  jetzige  Wsldboden  an  dieser  Stelle  einst  Ackerland,  eine  Yer- 
mnthung,  die  mir  sowohl  Herr  Melsheimer,  als  unabhängig  von  diesem  ein 
Ackersmann  äusserte. 

Auf  diese  drei  Punkte,  die  ich  alle  genau  in  Augenschein  genommen 
habe,  sind  bis  jetzt  unsere  Entdeckungen  beschränkt  geblieben.  Viel  wird  auch 
wol  überhaupt  nicht  mehr  auf  der  fraglichen  Strecke  zu  entdecken  sein,  da  es 
bei  dem  von  zahlreichen  tiefen  Thälern  durchschnittenen  Terrain  nicht  zu  ver- 
wundem ist,  dass  im  Laufe  so  vieler  Jahrhunderte  an  den  steilen  Abhängen 
die  Dammerde  den  Ein^virkungen  des  Wassers  und  dem  Gesetze  der  Schwere 
weichend  spurlos  hinabgerollt  ist.  Bemerkenswerth  ist  bei  der  Anlage  an  allen 
drei  Punkten,  dass  die  schmälsten  Stellen  der  Bergrücken  zu  üebergängen 
von  Thal  zu  Thal  gewählt  worden  sind,  dass  auf  diesen  üebergängen  der  Wall 
dem  Rheine  parallel  von  Südosten  nach  Nordwesten  zieht,  dass  die  Verbin- 
dungen der  Bergrrücken  durch  westwärts,  convexe,  dem  Laufe  von  Bächen 
folgende  Curven  vermittelt  zu  sein  scheinen,  endlich  dass  alle  drei  Punkte  un- 
gefähr in  dem  gleichen  directen  Abstände  einer  Stunde  (der  südlichste  etwas 
weniger)  von  dem  Rheine  entfernt  sind. 

Steinring  bei  Hönningen  a.  Rh.  Im  AnscUuss  an  Vorstehendes  die 
Notiz,  dass  sich  1  Stunde  20  Minuten  östlich  von  Hönningen,  nördlich  an  dem 
Wege  nach  dem  Mahlberge  auf  einem  Bergrücken  am  Anfange  des  Rheinbroh* 
1er  Gemeindewaldes  in  dem  District  »Gepachte  Laach«  ein  runder  Steinhügel 
von  10  m.  Durchmesser,  1,8  m.  Höhe  befindet. 

Linz  a.  Rh.  Joseph  Pohl. 


28.  Linz.  Fundstätten  römischer  Alterthümer  in  der  Um- 
gebung von  Billig  im  Kreise  Euskirchen.  Die  durch  die  öffentlichen 
Blätter  zu  meiner  Kenntniss  gelangte  Absicht  des  Vereins  der  rheinischen  Al- 
terthumsfreunde,  die  alte  Belgica  aufgraben  zu  lassen,  hat  insofern  ein  erhöhtes 
Interesse  für  mich,  als  Billig  mein  Geburtsort  ist,  und  ich  in  Folge  dessen  im 
Stande  zu  sein  glaube,  mehrere  auf  eigener  Anschauung  beruhende  Angaben  sa 
machen,  die  zur  Aufhellung  der  Ausdehnung  der  Station,  ihrer  Umgebung  und 


MisoeUen.  325 

YerfaindiuigBwege  einige  nicht  ganz  onweaentliohe  Anhaltsponkte  geben  dürften. 
Ich  kann  dabei  die  Frage  nicht  uliterdrücken,  ob  es  sich  nicht  überhaupt  em- 
pfehlen würde,  8ur  Ermöglichung  und  Förderung  künftiger  NachforBchungen 
in  diesen  Jahrbüchern  den  j  Fundstätten  von  Alterthümemc  eine  besondere 
Rubrik  zu  eröfinen,  wenn  sich  auch  die  betreffenden  Mittheilungen  auf  eine 
genaue  Angabe  der  Localitaten  beschränken  sollten.  Zur  Anregung  dieser 
Fragebestimmt  mich  das  in  Folge  der  Bodencultur  taglich  mehr  um  sich  grei- 
fende Schwinden  der  Alterthümer,  die  leider  nur  zu  grosse  Theilnahmlosigkeit 
der  Menschen  für  solche  in  der  Regel  keinen  direoten  materiellen  Gewinn  ab- 
werfenden Dinge,  die  Schwäche  des  menschlichen  Gedächtnisses  und  die  daraus 
hervorgehende  Unsicherheit  mündlicher  Ueberlieferung,  endlich  die  Möglichkeit, 
dass  das  von  Einzelnen  Gewusste  durch  Schweigen  für  immer  oder  doch  viel- 
leicht auf  lange  Zeit,  bis  ein  glücklicher  Zufall  es  wieder  ans  Licht  bringt,  der 
Vergessenheit  anheimfallt.  In  diesem  Sinne  bitte  ich  die  nachstehenden  Notizen 
aufzunehmen. 

I.  Bei  meinen  Studien  über  römische  Ortsnamen  in  den  Rheinlandon  war 
mir  der  Flurname  »auf  der  Spichc  aufgefallen.  Die  fragliche  Flur  liegt  in  der 
Gemeinde  Euenheim,  an  der  Grenze  der  Gemeind